Die Stigmatisierung und das vorherrschende Krankheitsbild prägen das Verständnis und die Lebensqualität von Menschen mit ADHS/ADS in mehrfacher Hinsicht, wie die Quellen verdeutlichen.

Stigmatisierung durch das Krankheitsbild:

  • Dr. med. Ursula Davatz betont, dass ADHS/ADS nach wie vor als Krankheit angesehen wird. Sie stellt dem entgegen, dass es sich um einen genetisch vererbten Genotyp und vererbte Eigenschaften handelt. Diese Sichtweise als Krankheit führt dazu, dass Betroffene sich möglicherweise stigmatisiert fühlen, da niemand gerne krank ist.
  • Die Diagnose ADHS/ADS kann Angst auslösen und dazu führen, dass sich Menschen verschliessen. Wenn man es als Krankheit ansieht, macht man zu.
  • Einige Kinder mit ADHS/ADS lehnen einen Nachteilsausgleich in der Schule ab, weil sie ihn als stigmatisierend empfinden und nicht aus der Gruppe ausgegrenzt werden wollen.

Auswirkungen auf das Verständnis:

  • Die Fokussierung auf das Krankheitsbild führt dazu, dass die positiven Eigenschaften von Menschen mit ADHS/ADS, wie ihre breite Aufmerksamkeit, Neugier und schnelle Auffassungsgabe, oft übersehen werden. Stattdessen wird der Fokus auf die „Störung“ gelegt.
  • Die Tendenz, ADHS/ADS als reine medizinische Angelegenheit zu betrachten, führt dazu, dass vorrangig mit Medikamenten gearbeitet wird. Dies kann den emotionalen Hirnteil und das soziale Lernen vernachlässigen.
  • Die Stigmatisierung kann zu Unverständnis im Umfeld führen, sowohl bei Lehrpersonen als auch bei Eltern. Es wird oft die Haltung vertreten, dass ADHS/ADS „abgeschafft“ werden müsse, anstatt die besonderen Bedürfnisse der Kinder zu verstehen und darauf einzugehen.
  • Die mangelnde Unterstützung für Lehrpersonen im Umgang mit ADHS/ADS verstärkt das Unverständnis und die Stigmatisierung. Wenn Lehrkräfte sich überfordert fühlen, kann dies zu negativen Reaktionen und einer Ablehnung der betroffenen Kinder führen.

Auswirkungen auf die Lebensqualität:

  • Kaputttherapieren: Ein Betroffener berichtet, dass sein Sohn durch falsche therapeutische Ansätze „kaputt therapiert“ wurde, was die langfristigen negativen Folgen der Stigmatisierung und des defizitorientierten Blicks auf ADHS/ADS verdeutlicht.
  • Soziale Ausgrenzung: Die Stigmatisierung kann zur sozialen Ausgrenzung führen, sowohl in der Schule als auch im privaten Umfeld.
  • Psychische Probleme: Durch Stigmatisierung und Unverständnis können sekundäre psychische Probleme wie Depressionen entstehen. Ein Beispiel ist der intelligente Schüler, der aufgrund von Langeweile in der Schule Selbstmordgedanken entwickelte. Auch die Entwicklung einer Depression bei medikamentöser Überdosierung zeigt die negativen Auswirkungen eines rein medizinischen Ansatzes ohne Berücksichtigung des individuellen Wohlbefindens.
  • Belastung für Familien: Eltern von Kindern mit ADHS/ADS erleben oft eine hohe Belastung durch den Kampf gegen Stigmatisierung und Unverständnis.
  • Verpasste Chancen: Wenn ADHS/ADS erst spät erkannt wird, insbesondere bei Mädchen, können wertvolle Jahre der Unterstützung und Förderung verpasst werden. Dies kann sich negativ auf die schulische und berufliche Entwicklung auswirken.
  • Negative Erfahrungen mit Institutionen: Der Bericht über den Jungen, der aufgrund von Überreaktionen im Kindergarten und der Schule in ein Heim kam, zeigt auf drastische Weise, wie Stigmatisierung und mangelndes Wissen zu völlig unangemessenen Interventionen führen können.

Dr. Davatz plädiert dafür, ADHS/ADS nicht als Krankheit, sondern als Persönlichkeitstyp zu betrachten. Dies könnte helfen, die Stigmatisierung zu reduzieren und ein positiveres und ressourcenorientierteres Verständnis zu fördern. Sie betont die Wichtigkeit, die individuellen Bedürfnisse zu erkennen und zu fördern, anstatt auf Gehorsam und Bestrafung zu setzen, was bei Kindern mit ADHS/ADS ohnehin schlecht funktioniert. Die intrinsische Motivation und die Neugier der Kinder müssen geweckt und erhalten werden.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Stigmatisierung und das vorherrschende Krankheitsbild von ADHS/ADS zu einem defizitorientierten Blick, Unverständnis im Umfeld, sozialer Ausgrenzung und einer Beeinträchtigung der Lebensqualität der Betroffenen führen können. Ein Wandel hin zu einem ressourcenorientierten Verständnis, das ADHS/ADS als Persönlichkeitstyp betrachtet und die individuellen Bedürfnisse in den Vordergrund stellt, ist notwendig, um die Lebensqualität von Menschen mit ADHS/ADS nachhaltig zu verbessern.

https://ganglion.ch/pdf/ADHS_Riedtli_13.3.2025.m4a.pdf