Selektiver Mutismus und Schulverweigerung

Transkription

 

Transkript

Dr.med. Ursula Davatz

25.3.2022
Selektiver Mutismus und Schulverweigerung
Audio

[00:00:00.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Also, ich möchte euch alle ganz herzlich begrüssen zu unserer Weiterbildung, Fortbildung, Fachberatung.
Es ist mir gesagt worden, ihr wollt nochmals etwas über Mutismus, und zwar selektiver Mutismus. Hab ich
das richtig verstanden? Gut. Mutismus heisst ja eigentlich Schweigsamkeit. Also es spricht jemand nicht.
Man kann das Reden auf zwei Arten betrachten. Einerseits mit reden können und dem würde ich dann
sagen, das ist ein primärer Mutismus und andererseits nicht sprechen wollen, also Kommunikation
verweigern. Ich denke der primäre Mutismus, ich habe nicht gross Fachbücher konfrontiert, aber so wie
ich das sehe, entsteht der primäre Mutismus dadurch, dass die Kinder im Sprachhirn, und wir haben zwei
Sprachhirne, dass sie dort nicht gleich funktionieren wie so der Normotyp. Das heisst, dass sie Mühe
haben in der Sprachfindung oder Sprachformulierung. Wir haben zwei Sprachhirne und das eine ist das
Gehör, also da wird das Gehör prozessiert und dann in Symbol und Gedanken umgewandelt und das
andere ist das Hirn, das mehr das Gedankliche beinhaltet. Und die beiden sind natürlich gut miteinander
vernetzt. Sie müssen auch miteinander vernetzt sein, dass dann das Verständnis kommt. Und zum Teil ist
zwischen den beiden Zentren, ich bin nicht Neurologin, aber funktioniert es da nicht recht. Und in dem
Sinn gibt es Kinder, die geboren werden mit dysfunktionalen Sprachzentren und die können nicht so gut
sprechen.

[00:02:02.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst, die können die ganze Prozessierung, die sie im Hirn machen müssen, können sie nicht
zeitgemäss, nicht schnell und auch nicht gut machen. Ich hatte zum Beispiel eine Patientin, die sogar
Lehrerin wurde. Sie konnte alles gut lesen. Sie kannte die Buchstaben, sie konnte sich zusammensetzen.
Sie hat null verstanden, was sie gelesen hat. Und da ist die lautliche Wahrnehmung der Sprache und die
verständnismässige Wahrnehmung der Sprache nicht richtig gekoppelt gewesen. Sie hat das mit der Zeit
dann schon gelernt. Aber das hat einfach nicht funktioniert. Und das ist angeboren, das ist ein Hirn, ich
sage jetzt mal Defekt, oder das Hirn funktioniert hier ein bisschen anders. Zum Teil ist der Mutismus dann
auch kombiniert mit Intelligenzminderung. Und zum Teil mit genau dem Gegenteil. Also mit höherer
Intelligenz und isolierter Intelligenz, also ein sehr unausgeglichenes Leistungsprofil. So sagt man ja von
Einstein, er habe nicht geredet, bis er fünf Jahre alt war. Und da würde man schon sagen, das ist ein
mutistisches oder autistisches Kind. Er hat nur beobachtet. Und im Augenblick, wo eine Verarbeitung,
eine Sinnesverarbeitung ausfällt, werden die anderen verstärkt. Das heisst, er hat dann nur beobachtet,
schon als Kind wahrscheinlich, die Zusammenhänge gesehen. Wenn man nicht redet und mehr
beobachten kann, kann man auch gescheiter werden, weil man ja ständig diese Sachen ganz speziell
verarbeitet.

[00:03:55.440] – Dr.med. Ursula Davatz

Der angeborene Mutismus, der kann mit ganz verschiedenen Sachen zusammenkommen. Man sagt
dann Asperger, heutzutage sagt man ja nicht mehr Autismus, sondern man redet immer von Autismus
Spektrumkrankheit. Die Ärzte wollen immer eine genaue Diagnose stellen, aber mit dem Hirn geht das
gar nicht. Denn das Hirn funktioniert ja immer interaktiv und die interaktiven Sachen funktionieren zum
Teil nicht. Und das kann man gar nicht so recht beschreiben, das heisst, wir kennen es auch noch gar
nicht recht. Und man macht sich nur Bilder davon, wie das nicht funktioniert und da kommt immer wieder
ein neues Krankheitsbild raus. Der Asperger hat das auch beschrieben von diesen Kindern. Das ist das
Angeborene, wo das Hirn nicht richtig funktioniert. Und wenn das Hirn nicht richtig funktioniert, dann
muss man das, was nicht so gut funktioniert, trainieren. Denn das Hirn hat unglaubliche plastische
Fähigkeiten. Es kann ganz viel erlernen. Ich habe mal ein ganzes Buch über lauter Hirnschäden gelesen.
Da hat jemand nur die Hälfte von einem Hirn gehabt. Oder jemand hat die Hälfte von seinem Hirn
verloren. Und die andere Hälfte hat alles gelernt. Aber natürlich mit Training. Üben, üben, üben, üben.
Und es gibt so Leute, die so Ausfälle haben, jetzt auch nach einem Hirnschlag, die dann noch sehr viel
lernen können, wieder lernen. Und andere Hirnteile können übernehmen. Nicht bei allen Menschen
passiert das so. Nicht alle werden auch so trainiert. Nicht alle haben selber diesen Durchhaltewillen. Aber
das Hirn ist enorm anpassungsfähig. Und das muss man sich immer wieder vor Augen halten. Die
Störungen, die dann dazu genannt werden, sind natürlich Legasthenie, Dykalkulie, aber auch in der
Sinneswahrnehmung. Oft auch feinere Wahrnehmung. Ich denke, die den meisten Autisten, die haben
eine hochsensible Wahrnehmung. Die kann im Tastbereich sein, im Gehörbereich, im Augenbereich sein.
Sie sehen viel mehr als andere sehen. Sie sehen visuell. Gestern stellten sie mir eine Patientin vor, die
als kognitiv stark beeinträchtigend diagnostiziert. Aber wenn man ihr ein Puzzle mit 1000 Stückchen gibt,
dann kann die innert Kürze alles zusammensetzen. Und nicht so systematisch wie wir das machen, rot
gehört zu rot. Sondern sie schaut so ein bisschen und dann weiss sie es gleich. Das ist eine hohe
Intelligenz auf diesem Bereich. Aber emotional kann sie sich nicht ausdrücken, hat sie nicht die
differenzierte Sprache. Und da wir natürlich sehr nach der Sprache gehen, tun wir dann solche Menschen
sofort als minderwertig einstufen. Früher ist noch mehr passiert, aber auch heute passiert es noch, dass
Leute, die keine Sprachfähigkeit haben, sich nicht gut ausdrücken können aber andersherum eine
Intelligenz haben, dass man diese sofort runterstuft. Also wenn jemand nicht so normal reden kann wie
wir, sich nicht so ausdrücken kann, dann stufen wir sofort runter. Und dann tun wir diesen Menschen
natürlich Unrecht. Die nehmen alles wahr, prozessieren es vielleicht sogar, aber können es nicht wieder
ausdrücken. Ich habe auch einen geistig behinderten Patienten, wo ich die Mutter beraten habe. Er
konnte nicht gut sprechen, er konnte sich nicht gut ausdrücken und er hatte dann manchmal
Tobsuchtsanfälle, sodass sie ihn in der Nacht angebunden haben und ihm x Medikamente gegeben
haben. Es war fürchterlich. Dann habe ich mit der Mutter zusammen geschaut, wo übergeht sie ihn, wo
fragt sie ihn nicht, wo sie nicht auf ihn schaut. Er hatte immer die Anfälle, wenn man ihn übergegangen
hat. Wir haben dann eingeführt, dass er sich mit Piktogrammen am Abend ausdrücken kann, also quasi
seine Gefühlswelt ausdrücken kann, kommunizieren, einfach über diese Bildchen, und man muss sich
diese Zeit nehmen. Und jetzt ist nichts mehr von dem. Er muss nicht ganz viele Medikamente haben und
es läuft gut. Aber man musste zuerst lernen, den wahrzunehmen und ihm ein Hilfsmittel zur Verfügung zu
stellen, dass er sich ausdrücken konnte.

[00:08:48.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, so übergehen wir oft so Leute, die in der Sprache nicht so gewandt sind. Und das Gleiche
passiert ja dann mit Ausländern, die zum Teil hochgebildet sind. Aber unsere Sprache nicht können und

sich nicht ausdrücken können. Und dann stuft man sie einfach auf einem tiefen Niveau ein und dann
fühlen sie sich natürlich falsch behandelt. Das ein bisschen so zum primären Mutismus. Jetzt, ich sage
der sekundäre Mutismus und dem sagt man wahrscheinlich selektiver Mutismus. Den erkläre ich immer
über die Interaktion. Also beim anderen spielt ja die Interaktion auch eine Rolle. Aber den erkläre ich über
die Interaktion. Da habe ich zum Beispiel jetzt einen Patienten, der war als Bub hochverbal. Ganz viel
gesprochen, Geschichten gemacht, Erfindungen, alles mögliche. Also sehr kommunikativ, sodass die
Mutter gesagt hat, es sei ihr manchmal zur Last gefallen, dass er so viel gesprochen hat. Und sie hat
gehofft, er würde mal endlich aufhören zu sprechen. Dann ist etwas passiert in der Klasse, dass er sich
sozial ungerecht behandelt gefühlt hat, ungerecht verurteilt. Dann ist seine Moral, und in der Pubertät
entwickelt man seine ethischen Gedanken, seine persönliche Moral entwickelt, dann hat er sich da
verkehrt behandelt gefühlt. Dann ist er in einem autistischen, mutistischen Zustand verfallen. Er kam auf
Königsfelden, man hat nicht recht realisiert, er hat einfach alles verweigert und das ist jetzt
Kommunikationsverweigerung. Er hat alles verweigert, man kam nicht an ihn ran. Man hat ihn dann in
eine andere Klinik getan und dort hat man dann gefunden, ja das ist ein schizophrener Zustand. Man gab
ihm dann Neuroleptika und dann ist er ein bisschen besser geworden. Aber er ist immer noch in diesem
Verweigerungszustand. Er spricht nicht. Man hat dann eingeführt, dass er den Daumen hoch für ja und
Daumen runter für nein machen kann. Ich habe ihn noch einmal dazu gebracht, dass er sogar ein
Gedicht geschrieben hat. Und das war ein sehr aussagekräftiges Gedicht, in dem alle Leute Angst
bekamen. Er hat seine Situation als schrecklich dargestellt und niemand merkt es. Es wird eigentlich
getötet, also Seelen werden getötet und sie haben dann nur Angst bekommen. Bis zum heutigen Tag
verweigert er. Er hat Medikamente, aber wir kommen wie nicht aus dem heraus. Bei solchen Zuständen,
ursprünglich wurde das Wort Autismus für die Schizophrenen verwendet, für einen extremen
schizophrenen Zustand. Das ist ein höherer Wachsamkeitszustand, man hört alles, man nimmt alles
wahr, aber das Reden ist blockiert.

[00:12:03.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Man ist einfach blockiert. In so extremen Zuständen hat man früher, und jetzt machen wir es auch wieder,
wenn das Hirn blockiert ist, von der Haltung her, dass man Elektroschock macht. Das heisst, dass man
den Stecker zieht, das ganze Hirn depolarisiert, sodass es wieder neu aufgebaut werden kann. Denn die
Blokade entsteht natürlich über ein psychologisches, über ein emotionales Dilemma. Ich wurde ungerecht
behandelt. Ich kann das nicht korrigieren. Niemand sieht es. Niemand kann etwas dazu sagen und das
kommt dann zu einer Eigendynamik im emotionalen Hirn, die dann alles andere blockiert.

[00:13:00.000] – Bemerkung 1
Elektroschock, wie funktioniert das?

[00:13:00.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Als ich in Schottland gearbeitet habe, am Dingleton Hospital, das eigentlich ein therapeutisches Spital
war, haben sie auch noch Elektroschocks gemacht. Man versetzt die Leute in eine Kurznarkose, und
dann setzt man links und rechts eine Elektrode am Hirn an, und dann gibt man einen Stromstoss. Das
Hirn hat ja lauter elektrische Potentiale und elektrische Reizleitungen. Dann gibt man einen Stromstoss
von links nach rechts oder umgekehrt. Und dann werden alle Nervenzellen depolarisiert, also entladen.

Nach der Entladung, also es löscht eben auch das Gedächtnis. Damit wir uns immer wieder auf die
Ungerechtigkeit besinnen können, dazu brauchen wir ein Gedächtnis. Man löscht dann das Gedächtnis
und dann hoffen wir, dass er das negative, die dramatische Erfahrung nicht mehr aufbaut.

[00:14:04.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist schrecklich zum anschauen, weil dann der ganze Körper, der zuckt natürlich auch, also alle
Muskeln. Früher hat man keine Narkose gemacht, das war natürlich schrecklich. Heutzutage macht man
Narkose, von dorther schlafen die Leute einfach und wachen dann hinterher auf. Dann ist so ein bisschen
die Erfahrung von einer Neugeburt. Also ich wache jetzt auf. Also die, die schon eine Narkose hatten,
wenn man nach einer Narkose, in der Narkose ist man ganz versenkt und dann kommt man wieder so
raus, heute Morgen kam am Radio das Lied "Die Morgenstimmung" von Edvard Grieg. Man kommt
langsam wieder aus diesem Dämmerzustand heraus. Ich hatte eine Patientin, die noch Elektroschocks
bekam. Sie wollte es immer wieder, und zwar als Orgasmus. Sie war verliebt in den Arzt, der das
gemacht hat. Dann wollte sie immer wieder Elektroschock. Das schöne Aufwachen hat Sie genossen.

[00:15:22.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Für kurz werden die Erinnerungen unterbrochen. Aber die kommen dann wieder. Sonst wäre man ja dann
verblödet. Man macht eben auch bei schweren Depressionen, und bei den schweren Depressionen sind
hinten dran auch immer negative Gedanken. Aber die werden nicht gesagt, die geht man nicht rausholen.
Es sind immer sehr frustrierte, negative Gedanken. Die werden dann durchbrochen mit dem
Elektroschock. Man sagt, man macht vier oder zehn. Man hofft natürlich, dass bevor die zu fest wieder
nach vorne kommen, dass man einen neuen Bezug zum Umfeld aufbaut. In dem Sinn geht es ihnen
besser, aber manchmal holen sie auch die negativen Gedanken wieder nach vorne. Aber es ist ein
Revival jetzt von Elektroschocks. In Königsfelden, Basel, Zürich machen sie es.

[00:16:44.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss einfach die Entladung hinbringen von allen Nervenzellen. Ohne die geht es nicht. Alleine der
Elektroschock reicht natürlich nicht. Man muss dann auch mit denen das Leben wieder aufbauen. In
Amerika hatte ich einen indischen Assistenzarzt Kollegen. Der meinte, in Indien seien sie mit dem
Elektroschock Instrument herumgereist. Das war natürlich das billigste, viel billiger als Medikamente.
Dann haben die alle mit dem Elektroschock behandelt. Und man behandelt schwere Schizophrenien,
denn dort steckt hinterher auch immer ein negatives Gedankengut, welches den schlechten Zustand
immer wieder aufbaut. Und auch bei einer schweren Depression steckt ein solches Gedankengut hinten
dran. Das wäre ein bisschen eine Ausweitung, aber habt ihr noch mehr Fragen dazu?

[00:17:47.020] – Bemerkung 2
Ich verstehe den Unterschied zwischen Mutismus und Autismus nicht.

[00:17:56.050] – Dr.med. Ursula Davatz

Beim primären Mutismus ist das Hirn etwas anders. Beim sekundären Mutismus verweigert ein Mensch
die Kommunikation und verweigert die Kommunikation, ich sage jetzt mal, wegen einem Trauma. Und
dieses Trauma kann man mittels Elektroschock etwas verscheuchen.

[00:18:23.330] – Bemerkung 2
Mutismus und Autismus hängen nicht direkt zusammen?

[00:18:23.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Doch. Ich verwende den Begriff analog. Mutismus heisst nicht reden. Autisten sind auch solche, die nicht
reden. Den Begriff Autismus verwendet man heute noch mehr. Die haben eine eigene Welt. Die wollen
nicht abweichen von der, die sind etwas stur. Es muss immer so gehen, wie sie es sehen. Sonst verlieren
sie ihre Sicherheit. Da sind alles interaktive Elemente dabei. Wenn ich jetzt zum selektiven Mutismus
gehe, ich sage jetzt bewusst sekundärer Mutismus, wenn man dort schaut wie diese Leute aufwachsen
oder wie sie leben. Wenn es über längere Zeit geht, dann ist einerseits der Mensch, das Kind, das nicht
redet oder halt selektiv, also die Kommunikation verweigert. Und nebenan ist jemand, das ist immer so
wie ein Pärchen, etwas, das sich ergänzt, ist ein Mensch, der sehr viel redet. Und das kann die Mutter
sein, und das kann aber auch ein Geschwister sein. Also, dass jemand in diesem sozialen Umfeld ganz,
ganz viel redet und immer für das Kind redet, sodass das Kind gar nicht mehr reden muss und dass das
Kind auch immer Zweiter macht. Also, der andere hat ja schon alles gesagt. Häufig ist es die Mutter,
wenn ja das Kind nicht redet, die Mutter will ja mit dem Kind kommunizieren, dann probiert sie immer,
willst du das, willst du das, ist es das, ist es das, ok, also gut. Dann gewöhnt die sich an, dass sie
kommuniziert für das Kind und das Kind kommuniziert überhaupt nicht mehr. Und je nachdem kann man
sagen, aus Faulheit kommuniziert es nicht mehr, aber wenn es die Mutter nicht richtig trifft, kommuniziert
es auch aus Opposition nicht mehr. Denn die spricht ja immer für mich, sie macht alles falsch. Dann kann
es sich eigentlich nur noch über die Verweigerung positionieren. Und ich meine, die
Verweigerungshaltung als Positionsbezug eines Kindes, das sieht man schon bei drei, das ist die erste
Pubertät, die Trotzphase, ist die erste Selbstbehauptung. Wenn dort herum eine Mutter ist, die zu viel
redet und immer nur redet, dann kann das Kind diese Verweigerungshaltung, diese Trotzphase immer
stärker ausleben oder mehr in diese hineinkommen. In so eine Trotzphase können auch Erwachsene
reinkommen, wenn sie in den verletzten, gekränkten, mutistischen Zustand reinkommen.

[00:21:28.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte ein Kind, das die Schule verweigerte, hat auch nicht mehr gesprochen, ging dann immer zur
Grossmutter und sprach nicht mit den Eltern. Dort war hinten dran ein riesiger Konflikt zwischen den
Eltern. Das ist ein weiterer Grund, dass ein Kind wahrnimmt, was hier an Spannung in der Luft ist, selber
nichts dazu sagen kann. Die Eltern sagen auch nichts dazu. Dann erdrückt die Stimmung, die emotionale
Spannung, erdrückt die Kommunikation. Dann passiert wieder der selektive Mutismus. Bei diesem Kind,
das war er im Kantonsspital Aarau, hat man sagte, es habe selektiven Mutismus. Und die hat einfach
verweigert. Da musste die Mutter mit ihr im Spitalzimmer übernachten und sie dann in die Schule
zwingen, hat alles nicht funktioniert. Also sobald man eine Verweigerungshaltung hat von einem Kind,
darf man ja nicht zwingen, sonst läuft alles schief. Denn da sind sie stärker. Das geht jetzt über zu der
Schule. Die Schule hat natürlich den Auftrag, dass unsere Kinder eingeschult werden müssen. Wir haben

einen Schulungsauftrag, man kann nicht nicht schulen. Und im Augenblick, wenn ein Kind die Schule
verweigert und man bringt es nicht hin, dass es in die Schule geht, dann kommt die Behörde, dann
kommt die Instanz und die haben dann immer die Haltung, das Kind muss gezwungen werden, um in die
Schule zu gehen. Und so wird es auch den Eltern gesagt, dass sie keine Schulverweigerung zulassen,
sonst bringt man das Kind dann nie mehr in die Schule. Dann passiert ein Machtkampf. Gegen ein
mutistisches Kind oder eine mutistische Person mit Gewalt vorzugehen, funktioniert nicht.

[00:23:39.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sind sie immer stärker. Ich hatte eine Klientin, die später dann Krankenschwester wurde. Die ging in
die Schule, in einem Heim, wo ihr Vater Heimleiter war. Aber er war körperlich handikapiert. Und die hat in
der Schule nicht geredet. Dann hatte der Lehrer die kluge Idee gehabt, wenn du nicht redest, musst du
stehen. Die ist sage und schreiben durch die ganze Schule durch gestanden. So viel zum Machtkampf
mit dem selektiven Mutismus. Das funktioniert nicht.

[00:24:19.870] – Bemerkung 3
Aber es gibt doch auch den genetischen selektiven Mutismus, wo es die Kinder ab Geburt haben und
Eltern haben es schon gehabt.

[00:24:27.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Dem sage ich eben nicht selektiv. Dem sage ich primärer Mutismus.

[00:24:31.230] – Bemerkung 3
Diese Kinder können ja ganz normal reden, aber einfach in der Öffentlichkeit sprechen sie nicht.

[00:24:36.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, und da reden die in der Öffentlichkeit nicht aus Schüchternheit. Das ist Schüchternheit. Der
mutistische Zustand ist in der Regel kombiniert mit hochsensibler Nervosität, also mit sensiblen Nerven.
Und in der Bekanntschaft, also zu Hause, reden sie. Wenn es fremd ist, sprechen sie nicht. Und das ist
das, sie haben Angst vor neuen Situationen. Man muss sie sehr sanft angewöhnen. Und wenn man sie
dort dann zwingt, dann kommen sie in den oppositionellen Zustand hinein und dann wird überhaupt nicht
mehr gesprochen. Also nie in einen Machtkampf gehen mit einem mutistischen Kind. Nie. Das bringt es
nie.

[00:25:23.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe letztens auch eine Geschichte gehört, der hat zu Hause nicht gesprochen, in der Schule nicht
gesprochen hat. Er hatte aber portugiesische Nachbarn. Und dann hat die Mutter gesehen, dass er ganz
normal mit ihnen gesprochen haben. Dort war es dann gerade umgekehrt. Sie haben nicht gross Druck
auf ihn aufgesetzt und dann hat er einfach nachgesprochen. Zuhause hat man Druck aufgesetzt und
dann wurde nicht gesprochen. Also darum mache ich den Unterschied zwischen nicht reden können,
mutistisch, und Kommunikationsverweigerung. Und wenn man zu fest unter Druck kommt mit so einem

sensiblen Wesen, dann rutscht man in die Verteidigungshaltung von Verweigerung. Es ist eigentlich eine
Flucht nach innen.

[00:26:16.260] – Bemerkung 4
Mit dem Essen kann man doch das gleiche machen. Essen verweigern, da kann man Druck auch nichts
erreichen.

[00:26:22.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das ist genau das gleiche. Beim Essen verweigern, kann man auch nicht mit Druck heran bringen.
Reden kann man nicht mit Druck heranbringen, Essen kann man nicht mit Druck heranbringen. Das sind
alles natürliche Funktionen, wenn man hier gewaltsam eingreift, macht man alles kaputt.

[00:26:38.350] – Bemerkung 5
Ich hatte auch ein Mädchen, das nicht sprechen wollte. Der Grossvater hat zu viel geschwatzt mit dem
Kind.

[00:27:02.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe auch so ein Kind, das die Schule verweigert hat, ist in ein Heim gekommen, hat dann dort auch
wieder die Schule verweigert, war die Hälfte der Zeit draussen, man hat alles mögliche gemacht, mit hin
chauffieren usw. Wir mussten es abbrechen. Wenn wir mit dieser eine Sitzung haben, mit mir spricht sie
nicht, und letztens hatten wir gerade eine, aber ich muss dann weiter kommunizieren. Also ich darf die
Kommunikation nicht abbrechen, auch wenn nichts zurückkommt. Ich musste einfach weiter
kommunizieren, möglichst ohne Druck, was mir dann in den Sinn kommt. Dann konnte ich ihr das
Lächeln entlocken. Okay, ich sehe an deinem Gesicht Ausdruck, dass du nicht willst." Also dass man die
Kommunikation nicht auch abbricht, nur weil sie nicht redet. Kommunikation brauchen wir ja. Und der
andere Mensch braucht es auch. Der ist gefangen, in seinem nicht sprechen können.

[00:28:11.350] – Bemerkung 6
Das ist manchmal schon herausfordernd. Die Mutter hatte es auch. Das eine Mädchen hat nicht mal mit
dem Kopf ein Zeichen gegeben. Mit der anderen geht es gut. Es ist dann auch eine Herausforderung für
die Schule. Die eine ist Lernziel befreit, die andere kann präsentieren. Wir haben jetzt mit den
Heilpädagogen gearbeitet.

[00:29:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Und redet sie dort?

[00:29:01.940] – Bemerkung 6
Nein, aber die eine liest dann vor. Es sind dann nur vier Kinder. Und dort schafft sie es dann zum
Vorlesen, einfach ein wenig leise. Bei den anderen geht es auch nicht. Sie sagt, sie kann besser und

konzentrierter arbeiten. Beide Mädchen sagen, wenn sie in einer Klasse sind, können sie sich fast nicht
konzentrieren.

[00:29:22.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das ist dann wieder die Situation vom System Overload. Wenn zu viele Impulse reinkommen, dann
können sie sich nicht konzentrieren, können sich auch nicht auf das Verständnis konzentrieren. Da ist
sicher eine gewisse Störung im Hirn. Die muss mehr üben. Da ist dann Heilpädagogik gut. Von uns im
Umfeld, wenn wir nicht Heilpädagogen sind, es ist wichtig, dass man kommuniziert, dass man sie
teilnehmen lässt, dass man ab und zu Kontakt mit ihnen aufnimmt, ohne dass sie unter Druck sind, dass
sie etwas sagen müssen. Selber darf man nicht unter dem Erfolgszwang sein, ich muss erreichen, dass
das Kind mit mir spricht. Sobald man unter den Erfolgszwang kommt, hat man verloren. Dann geht es
nicht. Es gibt dann so Ehrgeiz unter den Helfern. Ich bringe sie zum Reden. Das muss man sofort
wegtun.

[00:30:26.480] – Bemerkung 6
Das war schon eine Herausforderung am Anfang. Man hat immer das Gefühl, man möchte mit den
Kindern kommunizieren. Und wenn gar nichts kommt, ist es schon schwierig. Man muss auch lernen, die
Fragen anders zu stellen. Keine offenen Fragen, sondern willst du lieber das oder das? Einfach nur eine
Frage, die sie mit Ja oder Nein beantworten kann.

[00:30:36.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Ganz genau. Das ist absolut richtig. Entweder das oder das. Ist dir eher so oder so zu Mut. Dann kann es
wählen. Man muss helfen bei der Kommunikation. Man darf selber aber nicht frustriert sein. Sonst bremst
man alles runter. Das ist noch schwierig. Aber das gleiche läuft, wenn ich mit depressiven Leuten
kommunizieren muss. Ich muss auch schauen, dass ich irgendwie etwas im Fluss behalte, ohne dass ich
darauf angewiesen bin, dass der andere hoch kooperativ ist. Und das ist noch schwierig. Man wird auf
sich zurückgeworfen.

[00:31:20.650] – Bemerkung 6
Es ist dann immer so ruhig.

[00:31:23.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, die Ruhe aushalten.

[00:31:26.520] – Bemerkung 6
Dann denkt man, ist überhaupt das Kind da?

[00:31:30.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist schon da. Solche Kinder müssen zuerst ganz viel Vertrauen in die Atmosphäre haben, damit sie
dann auch kommunizieren. Und sie brauchen eine lange Angewöhnungszeit. Da bringe ich immer wieder

den Horse Whisperer. Das Pferd musste sich angewöhnen, dass da draussen ein Mann steht und ihm
nichts macht. Wir müssen nicht traumatisch in der Nähe sein, nicht traumatisierend, dass sie sich an
einem angewöhnen können. Man muss sich immer ein wenig selber beschäftigen können.

[00:32:06.930] – Bemerkung 6
Ich finde Marte Meo hilft schon auch.

[00:32:09.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort lernt man das.

[00:32:22.360] – Bemerkung 7
Du hast gerade gesagt, dass oft auch jemand extrem viel spricht und für das Kind redet, wenn so etwas
entsteht. Aber ist es dann nicht so, dass eigentlich der Teufelskreis darin besteht, wenn ein Kind
mutistisch wird, dass man das dann ja eigentlich weiterhin macht? Das stelle ich mir wahnsinning
schwierig vor. Was ist denn der Weg?

[00:32:57.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist auch schwierig. Ich wechsle dann immer zu den Tieren. Also mit einem Elefanten kann man 56
Signale austauschen, mit einem Hund auch ein paar. Wenn man sieht, dass Hundebesitzer mit Hunden
sprechen, ist das erstaunlich. Die hören es an der Stimme: C'est lo ton qui fait la musique. Wenn man so
ein Kind hat und immer reden und kommunizieren möchte, muss man sich verlangsamen und anfangen
zu beobachten. Man muss das Kind und sich beobachten. Nicht einfach gar nicht sprechen, aber
weniger. Zuerst beobachten und denken, was ist jetzt hier abgelaufen? Aha, könnte es das sein oder
das? Also man muss sich verlangsamen. Wir sind ja alle auf Effizienz ausgerichtet und so schnell wie
möglich und so viel wie möglich. Unsere Produktionsgesellschaft ist alles auf Effizienz ausgerichtet und
das bringt hier gar nichts. Man muss sich wirklich verlangsamen. Ganz fest verlangsamen.

[00:34:06.030] – Bemerkung 8
Ich habe jetzt gerade so eine Familie, wo die Mutter ganz viel spricht. Jetzt habe ich hier gerade so ein
Aha Erlebnis.

[00:34:09.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss aufpassen, dass man nicht mit der Mutter in einen Schwatzkampf kommt, sondern dass man
sich zuerst selber beruhigt. Denn sie versucht langsam zu beruhigen. Wenn man ihr am Anfang das
Schwatzen verbietet, dann fühlt sie sich abgestossen, nicht ernst genommen. Man muss bei ihr langsam
runterfahren. Aber schlussendlich muss man zu dem kommen. Das sieht man auch beim Horse
Whisperer. Da ist die Mutter des Kindes nebenan und die schwatzt immer. Und er sagt dann "Shut up",
sei endlich mal ruhig. Schwatz nicht so viel. So darfst du es nicht machen. Der Horse Whisperer hat das
dürfen. Aber es geht in diese Richtung. Man muss sie herunterholen. Denn sonst kommt das Kind nicht
dazu. Und die Bilder von Antoine de Saint-Exupéry sind auch hilfreich. Der kleine Prinz stellt immer

wieder die Milchschüssel heraus, damit das Füchslein kommen kann. Apprivoiser. Man muss die Situation
zähmen. Man muss sich zähmen und man muss die Mutter runterzähmen, dass sie ihr Kind nicht zu Tode
schwatzt.

[00:35:37.430] – Bemerkung 9
Ich habe es schon mehrmals erlebt, dass mich die Eltern anrufen und sagen, mein Kind will nicht in die
Schule. Dann sage ich: Lassen Sie es zu Hause. Was ist denn unsere Rolle? Das kommt nicht so gut an
bei den Behörden. Wir hatten eine Situation, wo die Behörden finden, das Kind muss in die Schule. Ich
habe dann gefunden, dass man das Kind nicht Gewalt in die Schule bringen kann. Dann sage ich lieber
zu Hause und nach Lösungen suchen und dann wieder für die Schule motivieren.

[00:36:15.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sind wir jetzt bei der Schulverweigerung. Und die Schulverweigerung ist ja auch eine Art Mutismus.
Also ich kommuniziere nicht mehr. Ich gehe nicht mehr in die Schule, ich kommuniziere nicht mehr. Ja, da
kommen wir in einen Clinch mit den Behörden, das stimmt. Behörden, das ist das offizielle System, es
gibt eine Schulpflicht. Ich hatte ja ein Kind, das sie dann per Polizei geholt haben und dann ins Heim
gesteckt. Oder ja, nicht in die Schule, sondern ins Heim. Da müsst ihr als Fachpersonen absolut stark
auftreten und sagen, ich weiss, wir sind in einem Land, wir haben ein Schulgesetz und es gibt eine
Schulpflicht. Aber wenn es sich um ein mutistisches Kind handelt, oder wie wir es dann benennen wollen,
wenn es sich um so ein trotziges Kind handelt, wenn man hier in einen Machtkampf geht, hat man 100%
verloren. Man muss zuerst, wie du sagst, den Druck rausnehmen und dann wird neu verhandelt und dann
wird angefangen, wie könnte man vorgehen. Denn wenn man x Versuche macht, und das Kind lernt
immer zu verweigern, dann hat man verloren. Und so eines habe ich jetzt. Da haben sie alle möglichen
Versuche gemacht, mit Heilpädagogin und Zeug und Sachen, und es darf hin gehen und es darf zu ihr
gehen. Also es hat einen völligen Sonderstatus in diesem Schulsystem bekommen. Und immer Druck von
hinten. Die hat nur noch gelernt Widerstand zu machen. Also man bringt dann dem Kind nur den
Widerstand bei, und man hat keinen Erfolg. Also wenn man dann wieder ein Kind in die Schule bringen
möchte, muss man relativ sicher sein, dass man es hinbringt. Und vorher überhaupt nicht versuchen. Alle
diese Versuche, die verstärken das mutistische Verhalten. Das ist fürchterlich.

[00:38:16.540] – Bemerkung 10
Was jetzt am Laufen ist, mit der Autismussfachstelle in Königsfelden, habe ich den Eindruck, dass die
Schulen ein wenig zusammenarbeiten. Ich habe jetzt ein Mädchen, das plus minus in einem sicheren
Rahmen sich bewegt. Die Mutter hat sich getrennt, gezügelt und eine neue Schule. Es ging nichts mehr.
Jetzt ist das Thema Platzierung, da sind sie dran. Was ist dann, wenn das Kind das nachher verweigert?
Das Mädchen ist top in der Schule. Sehr intelligent, sehr kreativ. Ich sage im Moment nur Druck
herausnehmen bei der Mutter. Zu nichts zwingen. Die Schule hat jetzt das Programm heruntergefahren.
Das Mädchen ist nachher gewisse Tage nicht in die Schule und dann habe ich gesagt, fragen sie sie
warum. Weil sie in die Hosen gemacht hat. Das Mädchen hat sich geschämt. Einfach sein lassen, nicht
sagen Du musst jetzt. Jetzt ist der Übergang sehr wichtig. Dort stütze ich die Familie. Es sieht so aus als
würde sie eine Platz erhalten. Das Mädchen ist dort schnuppern gegangen. Das Mädchen wird das
schaffen. Die zwei, drei Wochen Schulstoff holt das Mädchen sofort wieder auf. Die Mutter muss arbeiten.

Ich finde es sehr gut, dass die Schule dort mitmacht. Die Schule sagt nicht, nein sie muss kommen.
Wenn die Schule sagt, nein sie muss kommen, haben wir alles auch schon erlebt. Dann ist der Schuss
hinten raus. Manchmal habe ich von Eltern auch gehört, nein mein Kind kann nicht zu Hause bleiben, ich
muss arbeiten. Dort habe ich keine Lösung.

[00:42:27.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Deshalb sage ich ja bei den ADHS Kindern, man kann sie zu Tod schlagen und sie folgen immer noch
nicht. Man kann das Kind zu Tod schlagen und es geht trotzdem nicht in die Schule. Mit Gewalt geht da
gar nichts. Und an sich sind ja alle Kinder lernbegierig. Sie wollen ja etwas lernen. Und man muss den
intrinsischen Neugierfaktor wieder anregen können. Und wenn man mit Gewalt reinkommt, dann regt
man nur die Opposition an. Und dann gibt es wieder eine neue Diagnose, das Oppositionelle Verhalten.
Das ist dann wieder eine Diagnose.

[00:43:09.380] – Bemerkung 10
Bei dem einen Jungen der platziert worden ist, wusste man nicht so klar, ist es ein ADHS, er hat
schlechte Erfahrungen gemacht, weil er in der Sprache Schwierigkeiten hatte. Er ist einfach
untergegangen. Ich finde es zum heulen. Dann habe ich gesagt sein lassen, und der ist jetzt mega
glücklich.

[00:43:39.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke wenn ihr Schulverweigerungskinder habt und ihr müsst mit dem Staat, also mit der Schule
zusammenarbeiten, ist es wichtig, dass man als erstes immer sagt, ich weiss, wir stehen unter diesem
Gesetz, in der Schweiz sind wir in einem Land, wo Schulpflicht ist und ihr habt den Zwang, also nein, ihr
müsst das quasi durchsetzen können. Dann kommt ABER da haben wir jetzt die und die Situation und
wenn man da Druck aufsetzt, bewirkt man genau das Gegenteil. Darum müssen wir vorsichtig vorgehen,
zuerst mal Druck wegnehmen und dann schauen, was am besten funktionieren könnte. Ja, nicht zu
schnell irgendwie etwas heran wurschteln und Druck aufsetzen, denn dann hat man es verdorben mit
dem Kind. Und dann ist es schwierig, um das wieder heranzubringen. Im guten Fall spanne ich ja immer
die Väter ein, dass die dann mit dem Kind in die Schule gehen müssen. Wenn das geht, ist das super.
Aber bei dem einen, den ich jetzt hier habe, ist das nicht mehr gegangen. Das ist alles schon verbraucht
gewesen. Dann muss man wirklich die Zeit wegnehmen. Es gibt ja auch so Geschichten, ein Afrikaner,
der gar nie in die Schule ist, und dann zwei Jahre in die Schule gegangen ist, und dann hat er alles
nachgeholt, Matur und alles.

[00:45:10.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist natürlich ein Hochbegabter gewesen. Aber man sagt, man könnte den Schulstoff theoretisch in
zwei Jahren nachholen.

[00:45:33.620] – Bemerkung 11
Ich hatte einen Knaben, der nicht in die Schule gegangen ist, weil die Mutter Bauchschmerzen hatte und
der Knabe immer Angst hatte, dass die Mutter jederzeit sterben könnte.

[00:45:33.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Genau, du bringst einen ganz wichtigen Punkt. Kinder können nicht in die Schule gehen, weil in der
Schule irgendetwas nicht richtig ist. Da habe ich mir auch ein paar Dinge aufgeschrieben. Die Schule
kann verweigert werden, weil eine schlechte Gruppendynamik ist, weil ein Kind gemobbt wird oder auch,
weil eine schlechte Gruppendynamik ist und das Kind hat einen hohen Gerechtigkeitssinn und der Lehrer
entspricht nicht dem Gerechtigkeitssinn. Und dann will es das eigentlich korrigieren, kann es natürlich
nicht. Und es korrigiert den Lehrer mit dem schlechten Gerechtigkeitssinn mit Verweigerung.

[00:46:47.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kann auch sich selber schlecht behandelt fühlen. Es kann mit einem Lehrer in einen Clinch kommen
und deswegen dann verweigern. Es kann zu Hause eine Problematik bestehen und es trägt die
Verantwortung für zu Hause und dann darf es die Mutter, die schwer depressiv ist, nicht alleine lassen. Es
hat zu Hause die Funktion einer Spitexschwester, oder einer Krankenschwester und sie muss zuhause
bleiben. Ich hatte einen Patienten, der später schizophren wurde, und der hat gesagt, er hätte sich nicht
getraut, in die Schule zu gehen, weil er Angst hatte, seine Mutter würde sonst zu Hause Selbstmord
begehen. Wenn er doch in die Schule gegangen ist, konnte er überhaupt nicht aufpassen. Er hat nur
immer an zuhause gedacht, was passiert wohl dort? Und das schaut man oft auch nicht an. Man muss
das Umfeld anschauen, das Kind geht nicht in die Schule, verweigert die Schule, aus protektiver Absicht
seiner Mutter oder seinem Vater oder einem Geschwister gegenüber. Wenn man das nicht anschaut, tut
man dem Kind Unrecht. Es tut ja etwas gutes, es will ja sorgen für sein System. Man bestraft es dafür,
dass es nicht in die Schule geht. Das ist natürlich zweimal falsch.

[00:48:11.140] – Bemerkung 12
Das ist ein totales Dilemma.

[00:48:14.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Ihr, die in die Familie gehen, sehen das natürlich. Und dann muss man das auch dem Schulsystem
füttern und sagen, dass das Kind nicht in die Schule gehen kann, weil es zum Rechten muss. Und dann
muss man das System zu Hause entlasten. So rede ich mit den Kindern. Manchmal sind sie auch schon
ein bisschen älter und dann sage ich, dass ich für ihre Mutter sorge. Das ist jetzt meine Aufgabe. Sie
dürfen es mir abgeben. Aber das ist nicht so einfach. Und wenn dann die Eltern auch nicht sich in den
Fadenkorb schauen lassen wollen, man geniert sich ja dafür, dass man Probleme hat, und darum kann
man auch keine Hilfe annehmen, hingegen vom Kind nimmt man die Hilfe an, dann hat man wieder eine
Schwierigkeit. Dann muss man den Eltern sagen, dass sie dem Kind zuliebe Hilfe annehmen müssen.
Denn das Kind ist durch das belastet und wir wollen das Kind ja entlasten. Und dann hat man wieder das
gleiche Ziel. Dann hat man den kleinsten gemeinsamen Nenner. Wir wollen, dass das Kind in die Schule
gehen und lernen kann. Und damit es das kann, muss man ihnen helfen dürfen.

[00:49:38.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Was hast Du dort gemacht bei der Familie?

[00:49:46.010] – Bemerkung 13
Es war auch noch eine andere grosse Geschichte. Das Kind ist nachher in die Schule, nachdem wir die
Familie zu Hause besucht haben.

[00:50:06.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Also schon nur, dass du in die Familie gegangen bist, Stabilität gegeben hast.

[00:50:26.960] – Bemerkung 13
Es bewegt sich etwas, wenn man etwas anstosst.

[00:50:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist toll, und das ist systemisch intervenieren. Schönes Beispiel.

[00:50:41.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie gut kommt ihr an die Lehrer oder an die Schulbehörden ran? Arbeitet ihr mit den Lehrern oder mit
den Schulleitern? Die Schule hat ja dann auch wieder eine Hierarchie und die Schulleiterin fühlt sich
verpflichtet das Gesetz durchzusetzen und der Lehrer ist unten dran. Mit wem arbeiten Sie? Mit den
Schulleitern oder mit den Lehrern? Mit beidem?

[00:51:30.000] – Bemerkung 14
Wir haben gute Erfahrung gemacht.

[00:51:31.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Super. Es ist einfach wichtig, dass man ihnen zuerst die Anerkennung gibt, die Validierung, dass sie diese
Funktion haben, dass man das sehr gut versteht. Aber das in diesem Fall, man vorsichtig vorgehen muss.
Gewisse denken ja dann, man muss dem KESB eine Gefährdungsmeldung machen und das KESB regelt
dann alles. Aber das KESB kann das überhaupt nicht regeln. Das ist reiner Formalismus. Die sind noch
weiter weg vom ganzen Geschehen. Und in dem Sinne muss man es wirklich mit dem Lehrer, mit der
Familie und mit der Schulleiterin oder dem Schulleiter regeln.

[00:52:16.140] – Bemerkung 15
Das SPD, Schulpsychologischer Dienst ist ja auch noch oft drinnen. Der ist in der Rolle zwischen Schule
und Eltern um zu vermitteln. Die sind oft schon drinnen.

[00:52:30.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, der SPD ist meistens schon drin, der hat die Schule schon reingeholt. Und ich als Fachperson erlebe
dann, dass die SPD mich als Konkurrenz erlebt. Und dass sie eigentlich die Hoheit haben. Offiziell haben

sie die zur verfügen, wie es gehen muss. Immer wenn Gelder gesprochen werden müssen, muss es über
die gehen. Aber manchmal pressiert es irgendwie, dass man schnell Entlastung haben muss. Wenn ich
dann irgendetwas beschliessen oder so, dann fühlen sich die zum Teil übergangen. Bei euch ist das
vielleicht ein wenig weniger, weil ihr nicht Psychologen seid. Oder ihr habt auch Psychologen?

[00:53:27.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber vielleicht, wenn wir als Nichtpsychologen schon ein wenig mehr von aussen kommen, so ein
bisschen naiv unbedarft, und dann seit ihr weniger eine Bedrohung und dann hört man Euch wieder. Ich
würde auch sagen, nehmt diese Rolle ein, unbedarft, aber doch überzeugt, und immer systemisch. Nicht
alle SPD Psychologen sind systemisch ausgebildet. Ihr könnt dann immer das Wort systemisch in die
Waagschale werfen.

[00:54:21.150] – Bemerkung 16
Was ich auch immer wieder erlebe ist, dass die Lehrer und die Schulleitung keine Ahnung von Autismus
haben. Manchmal muss man sie ein bisschen aufklären. Die Lehrer haben nur über die Leistung des
Kindes gesprochen. Seelisch ging es dem Mädchen aber nicht gut. Dann müssen wir nicht über die
Leistung sprechen. Ich hatte eine Schulleitern, ich habe mir an den Kopf gefasst, die hatte keine Ahnung
von Autismus.

[00:55:15.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin immer noch dran. Da haben wir die Idee gehabt, an dieser Schule geht es nicht mehr. Es wurde
viel zu viel probiert. Wir müssen aufhören. Entweder fremd platzieren oder in eine andere Schule. Ich
habe zwei Schulen geschrieben, ob sie bereit wären, ihre eine Schnupperwoche anzubieten. Ich habe
den Fehler gemacht, dass ich zuerst nicht die Schulleiterin der alten Schule gefragt habe, ich habe sie
zwar informiert und das gesagt. Dann hat es geheißen nein, es geht nicht. Zuerst muss die Schulleiterin
erlauben, dass das Kind an einem anderen Ort schnuppern darf. Am Montag haben sie eine
Gemeindeversammlung, wo das besprochen wird, ob das erlaubt wird. Die Eltern sind schon wieder so
frustriert, die Kinder bekommen natürlich alles mit und dann ist so der ganze Versuch wieder kaputt.

[00:56:16.190] – Bemerkung 16
Es geht um das Geld.

[00:56:16.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, es geht ums Geld. Die Eltern sagen, sie würden es sogar selber zahlen, wenn das sein muss. Ich
habe dann von der Schulleiterin einen zurechtweisenden Brief bekommen und auch von der neuen
Schule, wir geben dem Kind gerne die Chance, aber zuerst muss die Erlaubnis der Schulleiterin kommen.
Also es geht um die Hierarchie und nicht um das Wohl des Kindes. Man kann sagen, ich habe
systemische Fehler gemacht innerhalb des bürokratischen Systems, aber es war gerade vor meinen
Ferien. Ich dachte, das muss jetzt noch schnell raus, damit wir dann weiterfahren können. Aber die Eltern
fühlen sich doch gestützt. Sie sind ein wenig ruhiger. Sie wollen natürlich endlich mal eine Lösung. Das
ist schon lange. Ja, ich weiss. Anderthalb Jahre. Und jetzt bald zwei Jahre.

[00:57:47.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat zwar an vielen Schulen so Elternrat und alles mögliche. Aber die Schulen arbeiten oft nicht so
gut mit den Eltern zusammen. Ich erlebe immer wieder, dass Lehrer, das Schulsystem und Eltern in einer
Konkurrenzsituation sind. Auch wenn ich an die Elternabende von meinen Kindern gegangen bin, kam es
mir immer so vor, dass sie Angst vor uns haben. Da gibt es auch noch viel Arbeit zu machen. Dass man
zwischen Lehrerschaft und Elternschaft vermittelt. Das wäre wieder eure systemische Therapie. Dass ihr
zum Mediator werdet.

[00:58:39.680] – Bemerkung 17
Ich habe das auch letztens mit der Familie erlebt. Es war ein Kampf zwischen der Schule und der Mutter.
Die Lehrerin hat der Mutter geradeaus direkte Vorwürfe gemacht. Die Lehrerin hat gesagt, dass das
Verhalten, dass das Mädchen in der Schule zeigt, der Mutter ihre Schuld ist, da hat die Familie eigentlich
gar keine Chance gehabt.

[00:59:36.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eine Problematik, in die ursprünglich die systemische Therapie hineingerannt ist. Frieda Fromm-
Reichmann, die die hyperaktive Mutter beschrieben hat, Bowen hat gesagt "an anxious mother with a
loud mouth" ängstliche Mutter mit einem lauten Organ das viel spricht und vor dem haben Lehrer Angst
und vor dem haben auch Psychiater Angst. Dann schiebt man den Müttern quasi die Schuld zu, dass das
Kind krank ist. Und so wurde dann die schizophrenogene Mutter, der Begriff geprägt. Das war von Frieda
Fromm-Reichmann glaube ich. Und dann, alle nicht systemisch denkenden Therapeuten haben dann
gesagt, dass sie nur die Schuld den Eltern zu schieben, aber eigentlich ist ja auch das Kind krank und an
dem Kind muss man rummachen. Und ich plädiere jetzt immer dafür, dass es beides ist. Also das Kind
hat gewisse Eigenschaften, also es sind seine Gen, die es da mit sich bringt, es bringt eine gewisse
Persönlichkeit mit und das Umfeld reagiert auf diese Persönlichkeit nicht sehr geschickt. Aber es geht
nicht um Schuld, sondern es geht um Interaktion und wie können wir diese Interaktion verändern? Jetzt
kommt das Denkmodell. Wir als Systemiker wollen das ganze System verändern, sodass das Kind einen
besseren Boden hat, eine bessere Umgebung und sich gut entwickeln kann.

[01:01:12.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Sowohl das medizinische System, also die Psychiatrie und die Schule, die kommen mit der Haltung, dass
das Kind sich anpassen muss. Ich muss das sozialisieren. Aber wenn es in diesem
Sozialisierungsprozess kaputt gemacht wird, kann man alles vergessen. Da hat man keine
Sozialisierung. Da sind die Lehrer ungeduldig. Selbst in der Psychiatrie ist man da zum Teil ungeduldig.
Man will, dass andersartige Kind möglichst schnell normieren. Und wir leben in einer
Normierungsgesellschaft und wenn man ein anderesartiges Kind zu schnell normieren will, dann läuft das
schief. Und dann hat man am Schluss ein krankes Kind, dann braucht es viel mehr Geld, um das kranke
Kind wieder irgendwie funktionstüchtig zu machen. Vielleicht wird es sogar nie mehr funktionstüchtig und
dann hat man ein Problem.

[01:02:12.580] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Medizin ist es auch so, dass wir das Kind normieren. Die Lehrer wollen das Kind normieren. Die
sagen, es ist mein Auftrag, aus diesem Kind einen normalen Bürger zu machen. Dann sagen sie, was
Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr. Aber da muss man sagen, was Hänschen zu früh lernen
muss, wenn er es noch nicht kann, dann ist er kaputt. Dann ist er krank. Und dann haben wir mehr
Krankheiten.

[01:02:44.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben ja immer mehr psychiatrische Krankheiten. Da müssen wir viel sorgfältiger mit diesen
andersartigen Kindern umgehen lernen. Das müssen wir den Lehrern beibringen. Da sage ich eben
wieder, man kann die Kinder zwingen zum gehorsam, man kann sie tot schlagen, aber sie folgen
trotzdem nicht, sie lernen es nicht. Da müssen wir grundsätzlich umdenken. Im Systemischen schaut man
immer das Ganze an. Aber die schauen nur individuell, das Kind benimmt sich abnormal, das muss
bestraft werden. Das muss normiert werden.

[01:03:18.320] – Dr.med. Ursula Davatz
In Ostländern hat man die Leute dann in die Psychiatrie eingesperrt, die nicht nach den Regeln
funktioniert haben. Wir sind nicht ganz so schlimm, aber die Tendenz ist da, dass man immer das
Individuum anpassen will an die Gesellschaft. Wenn ich dann wieder zu den Tieren wechsle, wenn man
ein Tier dressieren will, dann kann man das nie dressieren, wenn man es nicht kennt, wenn man seine
Eigenschaften nicht kennt, wenn man nicht auf diese Eigenschaften eingeht. Dann hat man keinen Erfolg.
Aber bei den Menschen denken wir, man könnte alle nach dem gleichen Stil dressieren. Und das
funktioniert einfach nicht.

[01:04:02.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss man das wieder erwecken, in diesem Schulumfeld. Ich weiss ihre Absicht, und ja, sie müssen
sozialisieren, aber gewisse Menschen, gewisse Kinder, gewisse Individuen, die brauchen eine
sorgfältigere Sozialisierung. Und da muss man lieber ein bisschen länger machen, sodass man es nicht
kaputt macht und nachher kann man es dann sehr wohl, ich sage jetzt dressieren, also sozialisieren. Und
das läuft ja nur über Beziehung, also man muss den Eltern helfen, Beziehung zu dem Kindern
herzustellen, man muss den Lehrern helfen, Beziehung zu dem Kind herzustellen. Wenn die Beziehung
mal funktioniert, dann fressen sie einem aus der Hand. Dann machen sie alles. Ohne Beziehung keine
Erziehung. Wenn man zu schnell ein Kind sozialisieren und anpassen will an die Gesellschaft, dann
verlieren wir es einfach. Alle autistischen Kinder sind hochsensibel auf Beziehungen, auf Fehler, die man
macht in der Beziehung, wo man sie übergeht, unterdrückt und nicht beachtet. Da muss man zuerst zwei
Stufen zurück und dann sorgfältig die Beziehung herstellen, wie der Petit Prince das macht und dann
kann man beginnen zu sozialisieren. Die gehen ja dann so weit, dass sie wahnsinnig aggressiv werden,
alles zerschlagen und so, dann sagt man, das ist böse. Da hat es, also ich habe mal ein Buch gelesen,
alles über Autismus, da hat es am Anfang oder Mitte vom letzten Jahrhundert hat man schlimme Dinge
mit den Autisten gemacht, man wollte sie dressieren mit elektrischen Drähten und so. Wie man es mit den
Tieren macht. Auch dort ist es nicht immer so schön. Das ist eine primitive Methode, wo man wirklich
nicht weiterkommt.

[01:06:16.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe jetzt auch einen, ich weiss gar nicht mehr, wer das ist. Der muss jeden Mittwoch Nachmittag
nachsitzen, weil er irgendetwas vergessen hat. Dabei kann er das einfach nicht so gut. Also, der hat als
ADHSler die Vergesslichkeit, also das nicht konzentrieren können, das ist schon ein genügendes
Problem, dann wird er noch bestraft dafür. Mit Bestrafung bringt man den sicher nicht voran. Die
Bestrafung, Belohnungsstrategie ist natürlich noch sehr stark da. Wenn man in der psychiatrischen
Behandlung schaut, die Behandlungen, die offiziell anerkannt werden, ist immer Verhaltenstherapie.
Verhaltenstherapie ist eigentlich Dressur. Also es ist so stark in unserem Denken drin.

[01:07:05.110] – Bemerkung 18
Das kann man ja auch von den Eltern übernehmen. Je mehr das Verhalten des Kindes abweicht, desto
mehr versucht man das Kind zu bestrafen.

[01:07:20.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Das muss man auch den Eltern zeigen, dass diese Methode bei diesem Kind nicht funktioniert. Es ist
eigentlich eine militärische Methode.