Dr. med. Ursula Davatz beschreibt hochsensible Kinder in ihrem Vortrag als Wesen, die ihre Umwelt besonders intensiv wahrnehmen. Sie betont insbesondere die emotionale Sensibilität von Kindern, die noch nicht sprechen können. Diese Kinder nehmen die emotionalen Vorgänge in ihrer Umgebung sehr stark wahr. Sie verhalten sich in diesem Punkt ähnlich wie Tiere, da sie weniger auf den Inhalt der Kommunikation achten, sondern vielmehr auf den Ton und die Emotionen, die dahinterstehen. Dr.med. Ursula Davatz verwendet den französischen Ausdruck „c’est le ton qui fait la musique“, um zu verdeutlichen, wie wichtig der Tonfall in der Kommunikation ist. Während Erwachsene im Laufe der Zeit oft abgestumpfter auf den Tonfall reagieren, behalten hochsensible Menschen diese Sensibilität ein Leben lang.

Besondere Sensibilität von Kindern mit ADHS/ADS:

Kinder mit ADHS und ADS sind laut Dr. Davatz besonders sensibel. Sie unterscheidet zwischen zwei Ausprägungen:

  • ADHS: Kinder mit ADHS sind oft extrovertiert und reagieren auf Verletzungen und Kränkungen mit Aggression. Dieses aggressive Verhalten ist oft sozial unverträglich und führt zu Bestrafungen, was die Situation für das Kind zusätzlich erschwert.
  • ADS: Kinder mit ADS sind eher introvertiert. Sie ziehen sich bei Schwierigkeiten in sich zurück, sind verträumt und haben eine grosse Fantasie. Mädchen mit ADHS neigen eher dazu, ihr Temperament zu unterdrücken, was langfristig zu einem schlechten Selbstwertgefühl und Depressionen führen kann.

Kontrolle der Emotionen:

Dr. Davatz erklärt, dass Kinder ihre Emotionen noch nicht so gut kontrollieren können wie Erwachsene. Mit zunehmendem Alter lernt man, die Emotionen über das Grosshirn zu regulieren, aber bei Kindern mit ADHS dauert dieser Prozess länger. Sie betont, dass Emotionen nicht durch Erziehung weggebracht werden können, sondern dass Kinder lernen müssen, sie zu regulieren. Dies erfordert Geduld von den Erwachsenen, da die Fähigkeit zur emotionalen Selbstregulation erst in der Pubertät vollständig entwickelt ist.

Die Rolle der Sprache:

Die Fähigkeit, über Gefühle zu sprechen, spielt eine wichtige Rolle bei der emotionalen Entwicklung. Dr. Davatz zitiert Bert Hellinger mit dem Satz „Über Gefühle reden ohne Emotionen“ und erklärt, dass das Benennen von Gefühlen den emotionalen Stress reduziert. Wenn Gefühle benannt werden, findet eine Selbstreflexion statt und die Gefühle werden eingeordnet, was zu einer Entlastung führt. Das Führen eines Tagebuchs, wie im Beispiel von Anne Frank erwähnt, kann in schwierigen Situationen helfen, indem Gefühle in Worte gefasst werden. Je detaillierter man seine Gefühle beschreiben kann, desto komplexer wird das Gehirn und desto anpassungsfähiger wird der Mensch.

https://ganglion.ch/pdf/Umgang_Kindern_schwierigem_privatem_Umfeld.pdf