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Transkript
Dr.med. Ursula Davatz, Allan Guggenbühl
2.12.2020
Wozu Störefriede und Eigenbrötler?
Audio
[00:00:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich als Familientherapeutin und Psychiaterin bin sehr interessiert an der Jugend. Ich habe auch immer
gerne mit Jugendlichen gearbeitet. Die andere Spezialität ist ADHS. Ich erlebe, dass ADHS Jugendliche
häufig Probleme haben mit ihrem schulischen Umfeld und mit dem elterlichen Umfeld.
[00:00:31.790] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Pubertät spitzt sich das oft noch mehr zu. Es gibt einen Machtkampf zwischen den Eltern und dem
Jugendlichen, zwischen den Lehrern und dem Jugendlichen oder Lehrmeister und Jugendlichen.
[00:00:45.700] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Pubertät entwickelt der Jugendliche sehr viel Energie.
[00:00:51.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ADHS Kinder sind noch speziell dickköpfig. Die geben nicht nach, sondern kämpfen dann bis aufs
Blut mit ihren Vorgesetzten oder mit ihren Erziehern.
[00:01:07.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sind oft ganz schlimme Kämpfe und nicht sehr gewinnbringend, nicht sehr hilfreich für die
Persönlichkeitsentwicklung.
[00:01:16.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Des Weiteren kann man sagen, die Persönlichkeit entwickelt sich in der Adoleszenz, also in der Pubertät,
und über die Auseinandersetzung mit der Erwachsenenwelt müssen sie ihre Persönlichkeit bilden.
[00:01:30.260] – Dr.med. Ursula Davatz
In dieser Zeit treten auch die meisten psychischen Krankheiten auf.
[00:01:34.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man Krankengeschichten in Königsfelden angeschaut hat, war oft die erste Hospitalisation, die
Pubertätskrise, die zweite hiess schizoide Dekompensation und am Schluss hat man dann die chronische
Schizophrenie.
[00:01:51.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre nur eine Krankheit, die sich entwickeln kann.
[00:01:55.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Sehr viele Krankheiten, Essstörungen, Suchtkrankheiten, Depression entwickeln sich, haben sie ihren
Anfang in der Pubertät.
[00:02:05.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich behaupte und erfahre es auch so, wenn man das Umfeld besser instruieren könnte, dass es lernt,
geschickter mit den Jugendlichen, und speziell ADHS Jugendlichen umzugehen, dann könnte man viele
Krankheiten verhindern.
[00:02:23.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Du, Alain Guggenbühl, bist ein Experte im Umgang mit Jugendlichen und du hast mit vielen gesprochen.
Ich möchte dich jetzt gerne fragen, was du als Experte im Umgang mit Jugendlichen den Eltern sagen
möchtest, die ich dann wieder an die Eltern weiter transportieren kann.
[00:02:45.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf was soll man achten, was ist aus deiner Sicht am wichtigsten, was muss man wissen, woran müssen
sich die Erwachsenen Bezugspersonen von den widerspenstigen Jugendlichen halten?
[00:03:01.280] – Allan Guggenbühl
Was wichtig ist, ist der letzte Ausdruck, den du gebraucht hast, die Bezugspersonen.
[00:03:05.930] – Allan Guggenbühl
Wenn wir mit Jugendlichen zu tun haben, die ADHS haben oder in der Pubertät, haben sie an vielen
verschiedenen Stellen Problemen.
[00:03:14.640] – Allan Guggenbühl
Mit der Schulleitung, mit Kollegen, etwas läuft immer. Es gibt riesige Szenen.
[00:03:21.920] – Allan Guggenbühl
Ganz wichtig ist, dass man Bezugspersonen identifiziert. Welches sind die Bezugspersonen?
[00:03:30.820] – Allan Guggenbühl
Nicht nur solche, die sich deklarieren als solche, sondern auch solche die mitgehen, mitfühlen, sich
aufregen, ärgern, besorgen und eine gegenseitige Akzeptanz vorhanden ist. Das ist ganz wichtig.
[00:03:44.420] – Allan Guggenbühl
Man muss das soziale Umfeld in der Arbeit reduzieren. Ich erlebe oft, dass viel zu viele Leute beteiligt
sind, viel zu viele Leute involviert sind, viel zu viele Leute aufgeregt sind. Das ist einmal das eine.
[00:04:00.000] – Allan Guggenbühl
Der erste Schritt ist, eine Szene abzuklären, was es für ein Setting ist.
[00:04:05.660] – Allan Guggenbühl
Was kann man den Eltern raten? Was natürlich immer wichtig ist, man muss zuerst einmal zuhören.
[00:04:11.670] – Allan Guggenbühl
Wenn ich einen Jugendlichen zugesendet bekomme oder er kommt von den Eltern, höre ich das erste
Mal nur zu.
[00:04:17.950] – Allan Guggenbühl
So viel hängt von der Szenerie ab, so viel hängt von der Persönlichkeit ab, es gibt an sich ganz viele
verschiedene Formen.
[00:04:26.580] – Allan Guggenbühl
Es ist ganz wichtig, dass man nicht gleich mit einer Antwort kommt.
[00:04:30.440] – Allan Guggenbühl
Wenn ich so mal höre, habe ich das Gefühl, dass es gewisse Dinge gibt, die man machen sollte, man
machen könnte.
[00:04:38.340] – Allan Guggenbühl
Zum Beispiel, dass Jugendliche ein Statement haben.
[00:04:42.100] – Allan Guggenbühl
Die Schwierigkeit ist, wie du gesagt hast, sie lassen sich nicht erziehen, sie lassen sich nicht belehren,
sie gehen mit dem Kopf in die Wand und noch verrückter.
[00:04:53.580] – Allan Guggenbühl
Sie wollen trotzdem eine gewisse Orientierung. Diese Orientierung muss man ihnen auf eine andere Art
geben.
[00:05:00.470] – Allan Guggenbühl
In diesem Szenario sage ich, ja nicht den Jugendlichen erziehen wollen. Das bringt überhaupt nichts.
[00:05:09.870] – Allan Guggenbühl
Belehren sie ihn nicht, bringt nichts.
[00:05:11.410] – Allan Guggenbühl
Moralisieren sie nicht, bringt auch nichts.
[00:05:15.260] – Allan Guggenbühl
Sie sollten ihre Betroffenheit zeigen. Was sie besorgt. Dafür müssen sie aber auch einen Ort und einen
richtigen Zeitpunkt finden. Es darf nicht abends um 23 Uhr zu Hause vor dem Computer sein.
[00:05:33.680] – Allan Guggenbühl
Sie müssen dem wirklich Bedeutung geben. Sie müssen sich überlegen, wo man mit dem Sohn oder der
Tochter sprechen kann.
[00:05:42.200] – Allan Guggenbühl
Es kann sein, dass es an einen anderen Ort ist, eine andere Stadt.
[00:05:45.740] – Allan Guggenbühl
Ich hatte mal einen Vater, der ist sogar mit dem Sohn in eine andere Stadt geflogen.
[00:05:54.260] – Allan Guggenbühl
Einfach reden und dann sagen, das ist aber nur eine Variante, was du findest, deine Schlussfolgerungen,
das überlasse ich dir.
[00:06:04.780] – Allan Guggenbühl
Ich sage dir jetzt einfach mal, wie ich es empfinde.
[00:06:08.050] – Allan Guggenbühl
Ich empfinde das und das, man teilt sein Empfinden mit.
[00:06:08.230] – Allan Guggenbühl
Es ist ganz wichtig, dass da auch eine Betroffenheit mitschwingt und es auch auf eine gewisse liebevolle
Art ist. Das ist manchmal schwierig, das erkläre ich dann den Eltern.
[00:06:22.490] – Allan Guggenbühl
Auch wenn sie saudoof tun und das Gefühl haben, sie seien die miserabelsten, schlechtesten Eltern, die
es überhaupt in der westlichen Hemisphäre gibt.
[00:06:32.470] – Allan Guggenbühl
Sie müssen Bezogenheit zeigen.
[00:06:37.490] – Allan Guggenbühl
Nicht im kitschigen Sinn, keine Rhetorik.
[00:06:43.400] – Allan Guggenbühl
Man kann einfach sagen, das betrifft mich, das ist wichtig. Aber, das ist nur eine Möglichkeit. Aber ich will
eigentlich gar nicht wissen, was du findest. Das musst du selber wissen.
[00:06:55.780] – Allan Guggenbühl
Das ist eine Taktik, die den Jugendlichen helfen kann, selber daraus heraus zu finden.
[00:07:02.040] – Allan Guggenbühl
Die Schwierigkeit ist in der Pubertät, dass es der Gegensatz ist, der gelebt werden muss.
[00:07:10.960] – Allan Guggenbühl
Die Polarität, die aufbricht.
[00:07:13.670] – Allan Guggenbühl
Sie sind in dieser Polarität oftmals gefangen. Sie kommen wie nicht daraus heraus, obwohl sie es an sich
möchten.
[00:07:21.200] – Allan Guggenbühl
Man muss man einen Weg finden, aus dem Gefängnis oder aus dem Gefangen sein herauszukommen
um dann sich und die Eltern auf eine andere Art erleben zu können.
[00:07:35.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Sehr schön. Das kann ich nur unterstützen. Ich erlebe das auch so. Ich finde es super, wie du sagst, sie
müssen eine Betroffenheit zeigen.
[00:07:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Bezugspersonen, ja. Ich denke, wenn die medizinischen Bezugspersonen reinkommen, gibt es oft viel
Turbulenz und der Jugendliche geht völlig verloren.
[00:07:55.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich arbeite dann mit den Familien zusammen, also der Jugendliche und die Familie. Dann lote ich das
Problem ein wenig aus.
[00:08:06.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann frage ich immer, was ist dein Vorschlag zur Lösung? Aber du gehst da noch ein wenig vorsichtiger
vor und du sagst, die Erwachsenen müssen ihre Betroffenheit zeigen. Das stimmt. Das kann ich nur
unterstützen.
[00:08:27.150] – Allan Guggenbühl
Ich gehen immer von den Jugendlichen aus und dann spreche ich immer als erstes mit den
Jugendlichen. Ich ignoriere die Erwachsenen.
[00:08:27.340] – Allan Guggenbühl
Das erkläre ich auch den Eltern. Ich rede mit ihm und führe mit ihm ein Gespräch, versuche irgendeine
Form von Kontakt zu finden.
[00:08:43.080] – Allan Guggenbühl
Sie haben zum Teil ihre wilden Theorien und Vorstellungen, wie sie das Leben machen wollen. Ich muss
sowieso nicht in die Schule. Ich werde im Aktienmarkt mal Millionär. Ich werde Game Designer.
[00:08:56.280] – Allan Guggenbühl
Ich versuche, das einfach mal reinzugehen. Das ist immer der allererste Schritt.
[00:09:05.330] – Allan Guggenbühl
Danach gehe ich zu den Eltern und höre ihnen zu und sage auch meinen Eindruck. Das hilft vielen Eltern.
[00:09:13.680] – Allan Guggenbühl
Das mache ich relativ unverblümt.
[00:09:16.030] – Allan Guggenbühl
Hören sie, ich weiss nicht ob ich Recht habe, wenn ich mit ihrem Sohn, meistens ist es ein Sohn, eine
halbe Stunde spreche, hinterlässt er mir diesen Eindruck.
[00:09:30.630] – Allan Guggenbühl
Ja, dann kann man von dort weitermachen.
[00:09:33.350] – Allan Guggenbühl
Du bringst deine empathische Aussensicht in die Familie. Das ist wie ein Heilmittel.
[00:09:42.450] – Allan Guggenbühl
Ich weiss nicht, ob es empathisch ist. Es ist vielmals auch eine Irritation. Ich nenne das mehr einen
Mental Mover.
[00:09:49.600] – Allan Guggenbühl
Ich meine, es ist in der Familientherapie wichtig, dass wie noch etwas anderes hinein kommt, das
vielleicht ein ganz bisschen aufbricht. Das dann das Ganze durcheinander bringt. Das ist wichtig. Sie sind
oft erstarrt in einem Muster, das sich dann eskaliert und dann wird es immer problematischer.
[00:10:11.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht meine ich empathisch nicht für eine Person, sondern für das ganze System. Du bist wach, du
bist offen, du hörst genau zu und du kommst nicht gleich mit der Lösung. Was du vorhin gesagt hast, man
darf ja nicht gleich mit einem Lösungsansatz kommen.
[00:10:29.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Im medizinischen Modell kommt man oft von dem Lösungsansatz und der macht alles kaputt.
[00:10:34.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Das bringt einfach nichts, da versteht man den Jugendlichen nicht.
[00:10:38.500] – Allan Guggenbühl
Ja, das ist etwas, was auch in der Schule sehr stark verbreitet ist. Sie sind sich das wie gewohnt. Man
sagt alles, man muss das machen, das machen. Alles diese furchtbaren Verträge, die man
unterschreiben muss. Das ist etwas, das gesamtgesellschaftlich problematisch ist. Dann muss man
einfach mal einen anderen Weg probieren.
[00:11:15.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Bezüglich Bezugspersonen ich habe letztens einen Jugendlichen, einen 17 Jährigen, gefragt, wer
erwachsene Personen in seinem Umfeld sind, in die er Vertrauen hat.
[00:11:11.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat er geantwortet, meine Lernbegleiterin, meine Berufsbegleiterin.
[00:11:20.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann habe ich gesagt, ah das ist gut. Dann habe ich gefragt, darf ich ihr anrufen?
[00:11:25.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat er sie zuerst gefragt, ob sie das will. Ich habe sie dann angerufen. Sie hat wirklich eine sehr
gute Beziehung zu ihm.
[00:11:33.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern sind schon lange verbraucht. Die funktionieren nicht so gut. Jetzt arbeiten wir mit ihr
zusammen. Es ist so wichtig, dass man diese Bezugspersonen reinholt.
[00:11:43.720] – Allan Guggenbühl
Was auch wichtig ist, Jugendliche wählen ihre Bezugspersonen wie selber. Diejenigen die
Bezugspersonen sein sollten, sind es oftmals nicht. Dann muss man, wie du gesagt hast, schauen, wo
wirklich jemand ist.
[00:11:58.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann ich nur bestätigen. Laut meiner Beobachtung, ich als Familientherapeutin war immer für
ambulant vor stationär.
[00:12:10.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss keine Kliniken für Jugendliche haben.
[00:12:15.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Jugendpsychiatrie baut sich jetzt stark aus. In Zürich hat man eine Klinik gemacht, vor mehreren
Jahren in Königsfelden hat man eine Klinik gebaut.
[00:12:25.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann wird auf eine Art alle Energie investiert in die stationäre Behandlung von den Jugendlichen.
[00:12:35.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich möchte dich zurück zum Prinzip "Ambulanz vor Stationär".
[00:12:39.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt frage ich dich, was schlägst du vor, dass man das der Fachwelt mundgerecht oder schmackhaft
machen, plausibel machen, dass das gesehen wird.
[00:12:53.410] – Dr.med. Ursula Davatz
In dieser Fachwelt sind dann alles wieder Fachpersonen, die oft den Jugendlichen erziehen wollen, fast
erdrücken, nicht richtig leben lassen und er kann alles andere als dort seine Persönlichkeit entwickeln.
[00:13:12.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht ist es eine momentane Krisenintervention, aber da kommt dann so viel auf ihn rein, was ihn
eigentlich eher stört an der Persönlichkeitsentwicklung, aus meiner Sicht.
[00:13:30.000] – Allan Guggenbühl
Ich sehe das wie Du. Es gibt ganz viele Dinge dazu zu sagen. Das eine ist, die Klinik wird zu einer
Vorstellung. Das kennst du auch von den Eltern. Man geht in die Klinik, in die Klinik, in die Klinik. Es ist
quasi wie so etwas Erzieherisches, sanktionenhaftes für die Jugendlichen selber – in die Klinik.
[00:13:49.480] – Allan Guggenbühl
Ich finde das problematisch. Es gibt natürlich Jugendliche, die in die Klinik müssen. Das ist ganz klar.
[00:13:56.300] – Allan Guggenbühl
Vielmals ist es eine grosse Enttäuschung.
[00:13:57.970] – Allan Guggenbühl
Ich erlebe bei vielen Jugendlichen, die durch die medizinischen Normen, Standards, Abläufe, Hierarchie
und so an sich gar nicht abgeholt wurden.
[00:14:09.900] – Allan Guggenbühl
Was sie brauchen, ist etwas anderes.
[00:14:12.970] – Allan Guggenbühl
Die Jugendlichen brauchen eine Verrückt-Heit, ein Verrücken, also Verrücktheit, im ursprünglichen Sinn
des Wortes.
[00:14:21.350] – Allan Guggenbühl
Sie brauchen etwas, das nicht ganz so konform ist.
[00:14:25.180] – Allan Guggenbühl
lSie brauchen Personen, die etwas aussergewöhnlich sind. Sie brauchen ein Environment.
[00:14:30.320] – Allan Guggenbühl
Das könnte man viel mehr in diversen, temporären, nicht Kliniken, aber Aufenthaltsräumen, wie ich das
jetzt fantasiere, machen.
[00:14:42.450] – Allan Guggenbühl
Das Problem ist, die Klinik kennt natürlich die Gesundheit, das sind bestimmte Formen von Abläufen. Das
widerspricht diametral dem, was die Jugendlichen brauchen.
[00:14:55.260] – Allan Guggenbühl
Die Jugendlichen sind in einem Unruhestand. Dann kommt auch dazu, dass sehr viel dann einfach so
Programme ablaufen. Die Leute setzen sich ein, da ist nichts einzuwenden.
[00:15:06.910] – Allan Guggenbühl
Der Assistenzarzt, Oberarzt, Chefarzt und so weiter.
[00:15:13.150] – Allan Guggenbühl
Vielmals ist es so, dass sie einfach ein bisschen spielen. Ich habe X Jugendliche, die schon in der Klinik
waren und das hat ganz selten etwas gebracht. Sie haben es zum Teil sogar genossen.
[00:15:24.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, die einen geniessen es auch. Sie gehen in die Ferien.
[00:15:27.940] – Allan Guggenbühl
Ich gehe ein bisschen in die Ferien, niemand schreit rum, alle nicken ein bisschen. Das ist ja gut. Sie
brauchen Anregung. Sie brauchen Personen, die sie in die Tiefe der Seele führen.
[00:15:43.040] – Allan Guggenbühl
Was sind die Paradoxien des Lebens. Sie sind auf der Suche in diesem Alter. Sie projizieren wild umher.
[00:15:51.780] – Allan Guggenbühl
Da muss man ein Gefäss finden, um sich abzuholen.
[00:16:00.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Wären hier die Kliniken bereit, das zu machen, oder ist das gar nicht möglich in so einem stationären
Raum, weil viel Normierungstendenzen vorhanden sind.
[00:16:07.490] – Allan Guggenbühl
Normierungstendenzen sind einfach ein grosses Problem.
[00:16:11.630] – Allan Guggenbühl
Es ist teilweise genau vorgeschrieben, wie man es macht. Also von der Person her in der Klinik. Es gab
mal lange her eine Klinik am Zürichberg.
[00:16:19.620] – Allan Guggenbühl
Der wollte dann alles so ein bisschen edel machen, so gediegen.
[00:16:26.280] – Allan Guggenbühl
Er machte so Dancing Aperos. Ich will nicht sagen, dass das die Lösung ist.
[00:16:31.940] – Allan Guggenbühl
Er eine ganz andere Metaphorik reingebracht, eine ganz andere Assoziation erweckt durch die Art, wie er
es gemacht hat.
[00:16:42.620] – Allan Guggenbühl
Man hatte nicht das Gefühl, es geht um Gesundheit und Krankheit.
[00:16:46.160] – Allan Guggenbühl
Nicht immer das Medizinische, sondern das Verspielte.
[00:16:49.420] – Allan Guggenbühl
Es brauchte vielleicht so einen Weg.
[00:16:52.600] – Allan Guggenbühl
Eine Klinik, in der Leute kommen und Sachen erzählen, die nicht tadellos aufgeräumt sind.
[00:16:58.960] – Allan Guggenbühl
Das ist ja auch wichtig. Das merke ich auch. Jugendliche fühlen sich vielmals wohler in Räumen, in
denen sie nicht ganz verstehen, worum es eigentlich geht und wie sie eigentlich eingerichtet sind.
[00:17:12.420] – Allan Guggenbühl
Also eine leichte Unordnung. Ich habe auch einmal mit einer Kollegin zusammen gearbeitet. Sie hatte
eigentlich ein Chaos im Zimmer.
[00:17:20.760] – Allan Guggenbühl
Das hat den Jugendlichen irgendwie gefallen. Dann wurden sie abgeholt.
[00:17:26.560] – Allan Guggenbühl
Der ganz klinische Raum ist etwas, das wie signalisiert, dass alles in Ordnung ist, wir sind perfekt, wir
sind gesund, Du bist das Problem.
[00:17:36.630] – Allan Guggenbühl
Wenn sie in die Umgebung kommen, wo sie sagen, es sei eine kalte Kaffeetasse oder jemand raucht
sogar, dann kommen sie plötzlich in etwas anderes rein. Sie sehen, dass es andere Leute gibt, die
unruhige Momente haben, die anderes suchen. Das bin nicht nur ich.
[00:17:54.110] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Suchtarbeit hat man eine Zeit lang stark mit Erlebnispädagogik gearbeitet. Jetzt hört man es
wieder nicht mehr so fest. Wäre das auch etwas, das mehr verwendet werden müsste?
[00:18:05.350] – Allan Guggenbühl
Erlebnispädagogik allein bringt nichts. Es muss kombiniert sein. Das wäre einfach wichtig. Es muss
kombiniert sein mit Personen, die die Kriterien als Therapeut erfüllen können, die sich dem widmen, sich
aufregen und die die Problematik sehen.
[00:18:27.600] – Allan Guggenbühl
Ich habe einmal zusammen gerarbeitet mit jemandem in Schweden, und habe einen Jugendlichen
dorthin geschickt. Das hat aber gar nichts gebracht, weil ich gemerkt habe, dass er das Problem von
Grenzüberschreitungen hatte. Er hat immer die Grenze überschreitet, das ist ja klassisch. Er wurde in
den Norden von Schweden geschickt.
[00:18:45.380] – Allan Guggenbühl
Er sagte, er arbeite sehr gut mit Jugendlichen. Dann ist er aber in ihr Zimmer eingebrochen und hat den
Fernseher eingeschaltet.
[00:18:56.490] – Allan Guggenbühl
Sie hat das als eine fatale Grenzüberschreitung erlebt. Etwas, was nicht geht. Null Toleranz. Das erlebt
man dann eben. Es braucht Leute, die verstehen, dass das das Problem ist.
[00:19:14.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Genau.
[00:19:14.780] – Allan Guggenbühl
Dass man genau dann anfangen muss, wenn es Konflikte gibt. Das heisst, dass Erlebnispädagogik
alleine, im Sinne von das Erlebnis, bei mir war es im Wald zu sein. Das Erlebnis alleine bringt noch
nichts.
[00:19:29.380] – Allan Guggenbühl
Man muss eine Umgebung setzen. Dann konstelliert sich das, was sein Thema ist. Meistens sind es
grenzüberschreitende Konflikte. Wenn der Konflikt da ist, fängt die Arbeit an.
[00:19:43.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Das stimmt, das sehe ich auch so.
[00:19:45.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, ich denke, die Personen, die sich mit den Jugendlichen im Wald oder in der Wildnis oder wo auch
immer auseinandersetzen, müssen sich auch zu Hause mit ihnen auseinandersetzen. Also, die
Bezugsperson darf nicht wechseln.
[00:20:03.640] – Allan Guggenbühl
Absolut. Die wechselnde Bezugsperson ist ganz fatal. Das ist einfach so.
[00:20:08.240] – Allan Guggenbühl
Man kann sagen, ich verstehe, dass es nicht geht und wer hat so viel Zeit. Aber rein faktisch ist es so,
dass wechselnde Bezugspersonen zu einer Detachierung führen und dann kippen sie raus.
[00:20:21.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe acht Jahre auf der Aarburg gearbeitet als Konsiliarärztin.
[00:20:26.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Alles schwer erziehbare Jungs. Ich setzte mich in diesem Sinne auch immer mit der Delinquenz
auseinander. Was sagst du zu den Jugendheimen, die es in der Schweiz gibt?
[00:20:38.660] – Allan Guggenbühl
Erziehungsheime sind ja sehr unterschiedlich.
[00:20:44.460] – Allan Guggenbühl
Erziehungsheimen machen es auf eine unterschiedliche Art.
[00:20:47.570] – Allan Guggenbühl
Sie machen schwere Arbeiten.
[00:20:51.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, sicher.
[00:20:51.700] – Allan Guggenbühl
Das, muss man sehen, es ist wirklich nicht einfach mit diesen Jugendlichen.
[00:20:56.180] – Allan Guggenbühl
Die Schwierigkeit und die Herausforderung ist, nicht nur in Regeln zu denken. Ich sehe es manchmal,
dass gewisse Erzieher fast wie zu Polizisten werden.
[00:21:11.330] – Allan Guggenbühl
Es geht um Regeln, Regeln, Regeln, Regeln und Regeln. Ich bin da gar nicht dagegen. Es braucht
Regeln. Es braucht auch einen anderen Aspekt.
[00:21:19.840] – Allan Guggenbühl
Es braucht auch eine tiefere Reflexion, was passiert.
[00:21:23.480] – Allan Guggenbühl
Es werden manchmal zu viele Regeln.
[00:21:27.930] – Allan Guggenbühl
Es hängt auch von den Personen ab. Ich hatte schon Jugendliche, die sich in einem Erziehungsheim
wohlgefühlt haben, weil sie sich jemandem angeklickt haben.
[00:21:39.960] – Allan Guggenbühl
Die Personen haben sich oft ausgezeichnet, weil sie verschiedene Wege gesucht haben. Etwas
unkonventionell waren.
[00:21:48.920] – Allan Guggenbühl
Sie sind nicht dem ganzen professionellen Ablauf gefolgt, sondern haben zwischendurch etwas gesagt
oder einen Spaziergang gemacht oder mal eine Tätigkeit gefunden zum Teilen. Das muss Platz haben,
natürlich.
[00:22:05.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage, es geht nicht nur um die Regeln, sondern es geht um die Auseinandersetzung mit den Regeln.
Dann gibt es eine persönliche Berührung, ein Auseinandersetzen und aus dem kommt etwas Neues
heraus, für beide.
[00:22:18.960] – Allan Guggenbühl
Was man vielmals vergisst und dann vergessen wird, Auseinandersetzungen sind ja auch ein
Anschlussakt. Viele Jugendliche wollen über Konflikte, über Auseinandersetzungen an sich mit anderen
Personen in Beziehung kommen, nicht ein Trennungsakt.
[00:22:32.320] – Allan Guggenbühl
Es kann aber zum Trennungsakt werden. Wenn jemand in einem Heim arbeitet, arbeitet er eigentlich über
Auseinandersetzungen mit mit Jugendlichen. Das ist das Zentrale.
[00:22:45.970] – Allan Guggenbühl
Die Regelkonformität zu einhalten, ist ein Nebeneffekt. Oder die Regel braucht es, um gegen sie zu
verstossen und so merkt man wo sie ist.
[00:22:57.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich beziehe ich mich auf deinen Vortrag. Du hast in deinem Vortrag zum Thema «Unangepasstheit»,
"Freude am Anderssein" zu verschiedenen Dingen gesprochen.
[00:23:16.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Du hattest eine ganz feine Kritik an der Schule.
[00:23:21.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Du hast deine Kritik sehr subtil immer in Form von Fragen gestellt.
[00:23:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Sind die Kinder für die Schule da oder ist die Schule für die Kinder da?
[00:23:30.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist ganz klar, eigentlich muss die Schule für die Kinder da sein und nicht umgekehrt. Oft läuft es
anders.
[00:23:30.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich setze mich viel auseinander mit der Schule. Ich habe früher auch mehr zusammen mit Schulen
gearbeitet. Ich habe auch zum Teil mit Lehrern, also Lehrersupervisionen gemacht.
[00:23:59.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Was sind deine ganz direkten, konkreten Vorschläge an unser Schulsystem? Das Schulsystem ist ja
ständig in Veränderung.
[00:24:10.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sprechen jetzt von integrierter Schulgebung, und es gibt dann aber sehr viele Überforderungen
seitens der Lehrer.
[00:24:22.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Kinder haben alle möglichen Zusatzpersonen, die ihnen helfen müssen.
[00:24:28.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Dadurch fühlen sich die Kinder oft etwas ausgegliedert oder als Sonderperson, Sonderfigur. Es ist oft
stigmatisierend.
[00:24:36.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich frage dich jetzt, was sind von dir aus Worte an das Schulsystem, wie man nach welcher Richtung
oder Art und Weise man das weitergestalten müsste?
[00:24:53.390] – Allan Guggenbühl
Ganz eine schwierige Frage. Darüber müsste ich jetzt für eine Stunde. Das ist ein riesiges Thema.
[00:25:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber sag ein paar Dinge.
[00:25:00.620] – Allan Guggenbühl
Bei uns sind die Kinder für die Schule da. Die Schule ist nicht für die Kinder da. Das ist ein Leitsatz.
[00:25:09.100] – Allan Guggenbühl
Ich empfinde es wirklich so.
[00:25:12.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich auch.
[00:25:13.480] – Allan Guggenbühl
Es gibt viele Aspekte, das eine ist, dass man die Kinder abholt, wo sie sind.
[00:25:22.530] – Allan Guggenbühl
Wenn eine Lehrperson die Klasse übernimmt, soll sie die ersten zwei Wochen zuerst schauen, wer sie
vor sich hat. Was für Geschichten, Erwartungen, Hoffnungen, Probleme sind vorhanden. Das ist ganz
wichtig.
[00:25:33.880] – Allan Guggenbühl
Das müsste zwei Wochen dauern. Einfach mal schauen, wer man hat. Nach zwei Wochen müsste man
dann entscheiden, wie man mit dieser Klasse umgeht. Was für eine Pädagogik muss ich haben? Was für
einen Führungsstil muss ich haben? Das muss man sich überlegen.
[00:25:50.660] – Allan Guggenbühl
Da gibt es ganz viele verschiedene Möglichkeiten. Die Klassen sind so verschieden wie die Menschen.
[00:25:56.400] – Allan Guggenbühl
Dann ist aber auch wichtig, dass man eine Klasse hat. Wenn man schaut, Schulklassen können
Gemeinschaften werden. Nicht immer.
[00:26:05.440] – Allan Guggenbühl
Die Kinder fangen an sich mit sich auseinanderzusetzen, sich gegenseitig zu identifizieren, sich kennen
zu lernen. Sie werden so geträgt, sie gehen in die Schule, weil es Kollegen und Kolleginnen hat.
[00:26:17.180] – Allan Guggenbühl
Das muss man ein bisschen fördern und anschauen und begleiten. Das ist wichtig. Das ist etwas, das
weggekippt ist.
[00:26:25.470] – Allan Guggenbühl
Was heute passiert ist, ist, dass die Anfangsphase nicht so gestaltet wird. Die Lehrer machen das schon
für sich. "Die Klasse ist mühsam." "Das ist eine ganz brave Klasse."
[00:26:34.610] – Allan Guggenbühl
Aber es ist nicht im System als Schritt drin. Es ist wichtig, dass sich die Lehrpersonen der Schulklassen
stellen.
[00:26:46.170] – Allan Guggenbühl
Hier geschieht etwas fatales. Ich höre das von Kindern.
[00:26:53.520] – Allan Guggenbühl
Wenn zwei Lehrpersonen im Schulzimmer sind, dann richten sich die Lehrpersonen gegenseitig
aneinander.
[00:27:01.500] – Allan Guggenbühl
Ah du machst das. Das ist völlig verständlich. Es geht mir auch so.
[00:27:09.210] – Allan Guggenbühl
Ich habe auch unterrichtet. Wenn ich zu zweit etwas gemacht habe, habe ich mich auch auf meinen
Kollegen ausgerichtet.
[00:27:13.950] – Allan Guggenbühl
Der ganze Fokus ist anders. Man ist der Gruppe von Kindern nicht ausgeliefert.
[00:27:20.620] – Allan Guggenbühl
Wenn man der Gruppe von Kindern ausgeliefert ist, ist das schwierig. Es ist aber auch sehr befriedigend,
so kommt man in Kontakt.
[00:27:29.800] – Allan Guggenbühl
Ich finde, es sollten nicht so viele Erwachsene mit dieser Gruppe, sich auseinandersetzen müssen. Das
ist fatal.
[00:27:43.190] – Allan Guggenbühl
Es wird ja dann noch fataler, dass Kinder rausgenommen werden, hin und her, aber dann zerfleddert
eigentlich alles.
[00:27:49.640] – Allan Guggenbühl
Dann wird es auch viel schwieriger.
[00:27:51.420] – Allan Guggenbühl
Viele ADHS Kinder, die doof tun, weil sie sich einfach völlig fremd fühlen. Sie werden rein und raus
genommen, es gibt Unruhe. Die Kohesion fehlt. Wir sind das 5b, wir sind die Schlimmsten, die beste
Schulklasse oder was auch immer. Das fehlt.
[00:28:08.830] – Allan Guggenbühl
Das heisst, es braucht zwingend weniger.
[00:28:15.000] – Allan Guggenbühl
Extra Formen von Unterricht muss man nachher machen.
[00:28:16.720] – Allan Guggenbühl
Kinder wollen mental in interessantem Stoff abgeholt werden. Was wir aber jetzt sehen, ist, dass die
Schule zum Objekt der Political Correctness wird.
[00:28:31.360] – Allan Guggenbühl
Genau diese Sachen gefordert, gehört werden, die man überall hört.
[00:28:35.400] – Allan Guggenbühl
Mit anderen Worten, todlangweilig.
[00:28:37.110] – Allan Guggenbühl
Das beginnt eigentlich schon in der 5./6. Klasse. Nicht in der Unterstufe.
[00:28:41.500] – Allan Guggenbühl
Es geht um Gendergerechtigkeit, es geht um das Klima.
[00:28:47.370] – Allan Guggenbühl
Das sind wichtige Themen. Aber wenn Sie da in der Schule sind und das immer wieder hören wird es
problematisch.
[00:28:53.940] – Allan Guggenbühl
Jetzt, wieso ist das problematisch? Das Problematische ist, weil ja auch in der Schule die Persönlichkeit
zählt.
[00:29:00.260] – Allan Guggenbühl
Der Lehrer macht einen Individuationsprozess mit der Klasse.
[00:29:09.030] – Allan Guggenbühl
Er sollte auch von dem erzählen, von dem Berichten, was ihn wirklich beschäftigt.
[00:29:14.430] – Allan Guggenbühl
Ich habe das bei jemandem erlebt, der erzählt hat, dass der Lehrer, der im Meisten geblieben ist und
irgendwie auch überzogen hat, dass es sich lohnt, sich zu interessieren, war einer, der immer nur von
verschiedenen Stilen von Bauernhäusern in der Schweiz gesprochen hat. Das ist dann überkommen.
[00:29:32.300] – Allan Guggenbühl
Was wir jetzt haben, ist eine Normierung, wo alles korrekt sein muss. Das ist total langweilig. Da macht
sich die Schule selber ein Grab.
[00:29:43.590] – Allan Guggenbühl
Die Kinder wollen nicht in der Schule das hören, was sie überall vernehmen. Das gemeinsame Credo.
[00:29:51.900] – Allan Guggenbühl
Hier habe ich das Gefühl, dass man nicht darauf eingeht.
[00:29:52.080] – Allan Guggenbühl
Ich merke das in der Einzelarbeit mit den Kinder. Man erreicht Kinder gut, Jugendliche erreicht man gut,
wenn man einfach etwas mit anderen Dingen kommt.
[00:30:07.640] – Allan Guggenbühl
Es gibt ja ein gutes Buch, das rausgekommen ist: "Bullshit" von Harry G. Frankfurt. Wo man die gleiche
Rhetorik braucht, die überall ist.
[00:30:17.050] – Allan Guggenbühl
Es ist schwierig, weil Lehrpersonen das machen müssen. Es ist nicht so einfach.
[00:30:25.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ganz wichtig, das habe ich noch nie gehört, dass, wenn zwei Lehrer sind, dass sie sich mehr
aufeinander beziehen als auf die Klasse und dadurch sich dann nicht so fest auseinandersetzen müssen
mit den Kindern und auch nicht so eine Einheit formieren.
[00:30:40.120] – Allan Guggenbühl
Der Moment von der leichten Überforderung, wenn man alleine vor einer Gruppe steht. Der Moment von
der leichten Angst, die man hat. Das ist auch wichtig für eine Beziehungssitzung. Das gehört eben dazu.
[00:30:54.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn du so etwas sagst, wirst du gehört von den Verantwortlichen für das Schulsystem?
[00:31:01.750] – Allan Guggenbühl
Ja, das ist eine eigene Welt. Ich war lange an der pädagogischen Hochschule. Es ist eine eigene Welt,
die ein Ritual hat, die ziemlich abgeschlossen ist.
[00:31:13.730] – Allan Guggenbühl
Ich finde das problematisch, weil die Kinder keine eigene Lobby haben. Wir haben immer nur Leute, die
es interpretieren.
[00:31:23.490] – Allan Guggenbühl
Es gibt eine riesige Schicht von Leuten, von Bildung, die das interpretieren und auch funktionalisieren.
[00:31:34.400] – Allan Guggenbühl
Ist noch schwierig. Ich kann das eigentlich nicht sagen, ich weiss das auch nicht. Ich habe schon Leute,
die reagieren. Ich habe schon sehr viele Leute, die zustimmen.
[00:31:44.090] – Allan Guggenbühl
Ich habe auch Kontakt mit verschiedenen Menschen in der Schweiz, die gleicher Meinung sind. Früher
mit Remo Largo, Roland Reichenbach und Walter Herzog, die eigentlich auch sehr ähnlich denken.
[00:31:56.880] – Allan Guggenbühl
Ich glaube, wir alle werden nicht wirklich gehört. Es haben sogenannte Erziehungswissenschaftler
übernommen und Erziehungsdirektionen mit «Evidence Based Forschungen» untermauert, plausibel
gemacht.
[00:32:12.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass es weit weg ist von der Realität, also von der Realität des Kindes.
[00:32:18.660] – Allan Guggenbühl
Ja, und das klingt jetzt ein bisschen harsch, aber ich habe das Gefühl, die Schule hat ihre Aufgabe
verloren. Ich weiss gar nicht, ob die Schule eine grosse Zukunft hat.
[00:32:27.060] – Allan Guggenbühl
Es wurde wie vergessen um was es eigentlich geht.
[00:32:31.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte ein Kind, das Schulverweigerung gemacht hat. Ich habe die Eltern beraten.
[00:32:38.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben es nach den Sportferien wieder eingeschult. Das hat dann auch geklappt. Wir haben den
Lehrer nach Hause geholt, damit sich das Kind an den Lehrer angewöhnen kann. Es ging. Am Montag
ging es nie in die Schule. Ich fragte, was dort speziell war. Dort war die Sozialpädagogin.
[00:33:00.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie wollte nicht mit dieser Sozialpädagogin sprechen und ist ausgewichen.
[00:33:07.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist das, was du am Anfang gesagt hast. Man muss zuerst hören, schauen, sich informieren und nicht
meinen, man weiss schon, was gut ist. Das finde ich sehr, sehr wichtig.
[00:33:20.100] – Allan Guggenbühl
Es ist wichtig.
[00:33:23.940] – Allan Guggenbühl
Die Schwierigkeit ist einfach, das machen wir alle, wir haben eine Rhetorik, eine Vorstellung entwickelt
und man kann dann vielmals nicht mehr genau unterscheiden, was ist das, was man wirklich lebt und wo
stimmt es nicht.
[00:33:37.950] – Allan Guggenbühl
Dieser Prozess ist nicht einfach. Sagen wir mal, die Schule ist für das Kind da, dann würden alle sagen,
ja, ja, ist klar. Viele würden zustimmen.
[00:33:48.650] – Allan Guggenbühl
Die Realität ist dann etwas anderes. Das heisst, mir fehlt manchmal der Skeptizismus, sich selber
gegenüber, was man macht, dass man sich nicht in Frage stellt, dass man einfach ausführt.
[00:34:03.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, dass man sich immer wieder in Frage stellt und mit den Kindern zusammen wächst und sich
entwickelt.
[00:34:08.780] – Allan Guggenbühl
Wenn man mit Kindern zu tun hat, begleitet man sie auf einem Weg, wo man das Ziel noch nicht so
genau weiss. Die Zielorientiertheit ist etwas Problematisches. Viele Ziele weiss man gar noch nicht so
genau.
[00:34:23.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Entwicklungsprozess kann nicht vorgeplant werden wie ein Fliessbandprozess.
[00:34:32.600] – Allan Guggenbühl
Da braucht es auch eine Ehrlichkeit. Es gibt gewisse Dinge, die die Schule vermitteln muss. Man muss
einfach lesen und schreiben. Das ist ein Zwang, eine Macht. Das verstehen dann auch die Jugendliche.
Es ist eine Unterwerfung, die du jetzt machst.
[00:34:46.940] – Allan Guggenbühl
Es wird viel Schaumsprache verwendet.
[00:34:54.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Hast Du Lehrer via Supervision viele Jahre begleitet?
[00:35:00.310] – Allan Guggenbühl
Ja, das haben wir.
[00:35:02.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Die haben natürlich dann dich gehört?
[00:35:05.420] – Allan Guggenbühl
Es gibt ja vor allem in der Primarschule, Gott sei Dank, gibt es für die Lehrer doch noch Freiraum. Sie
können viel gestalten. Sie nutzen es aber nicht immer. Das ist interessant.
[00:35:18.960] – Allan Guggenbühl
Sie kommen dann in so eine Haltung rein, dass sie das und das machen müssen.
[00:35:22.060] – Allan Guggenbühl
Ich finde eigentlich, Schulen werden gerettet durch eine anarchische Tendenz, die viele Lehrpersonen
haben.
[00:35:31.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Okay, das hast du gut gesagt.
[00:35:35.490] – Allan Guggenbühl
Es gibt einige die sagen, nein, ich mache das anders. Wenn sie das getreu aufführen würden, würden
viele merken, dass es gar nicht geht.
[00:35:45.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Beispiel, das du gebracht hast, war so schön. Der Lehrer, der einfach in diese verrückte Klasse
gesessen ist und Zeitung und Buch gelesen hat, und irgendwann sind die Schüler gekommen und haben
gefragt: Wann beginnen wir mit der Schule?
[00:35:59.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist genau richtig.
[00:36:00.010] – Allan Guggenbühl
Das ist auch nicht als Methode richtig.
[00:36:03.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, nein, das ist Sympathie.
[00:36:04.710] – Allan Guggenbühl
Der hat einfach gemerkt, ich komme nicht an. Der hat das einfach gespürt.
[00:36:09.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Der hat gespürt was es braucht.
[00:36:11.680] – Allan Guggenbühl
Genau. Aber es gibt eben hundert verschiedene Formeln.
[00:36:14.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, ja, klar.
[00:36:14.620] – Allan Guggenbühl
Wenn jetzt etwas standardisiert wird, wie es heutzutage ist.
[00:36:19.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, es gibt eben gerade keine standardisierten Lösungen.
[00:36:23.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Als letztes habe ich noch eine Frage. Ich habe lange in der Sucht gearbeitet und habe auch viele
Süchtige beraten, haben Sucht WGs supervisiert.
[00:36:36.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein riesiges Problem der Eltern heutzutage, dass sie Angst haben, dass ihre Kinder süchtig
werden.
[00:36:42.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute ist es nicht nur auf Substanzen, sondern auch Medien süchtig, also iPhone süchtig.
[00:36:49.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich genauer hinschaue, verwenden Jugendliche das häufig, um sich zu distanzieren, also Drogen
werden verwendet, um sich zu distanzieren von den Eltern und der Erwachsenenwelt und die
elektronischen Medien desgleichen. Die Spielsucht auch.
[00:37:09.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort kennen sie alles, dort wissen sie, wie es geht, sie können immer besser werden.
[00:37:13.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, dass sie hier nur eine Art von Interaktion leben und nicht die Vielfalt des Lebens.
[00:37:23.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Was würdest du hier sagen, was Eltern, Lehrer, wir Erwachsenen den Jugendlichen mehr anbieten
müssen, damit sie nicht nur auf diese Games abfahren?
[00:37:35.900] – Allan Guggenbühl
Ich sehe das genau, wie du das auch sagst. Es ist ein einkerkern, das sie haben in den Games.
[00:37:44.340] – Allan Guggenbühl
Es spricht die Ambivalenz an. Sie wollen ja in die Aussenwelt, aber gleichzeitig nicht.
[00:37:51.170] – Allan Guggenbühl
Das Game gibt ihnen die Illusion, dass sie überall Kontakt haben.
[00:37:54.790] – Allan Guggenbühl
Effektiv nehmen sie sich aber heraus. Das ist eine grosse Schwierigkeit.
[00:38:00.180] – Allan Guggenbühl
Ich versuche es so zu sagen, dass sie etwas anderes offerieren sollen.
[00:38:08.680] – Allan Guggenbühl
Die Jugendliche sollten früher eingeführt werden in die Konfrontation mit den zentralen Lebensfragen
eingeführt werden.
[00:38:17.700] – Allan Guggenbühl
Das ist jetzt wieder Kritik an der Schule.
[00:38:22.930] – Allan Guggenbühl
Man hat einen Absturz, ein Dilemma, das ist die Einführung ins Leben.
[00:38:33.500] – Allan Guggenbühl
Es gibt auch religiöse Fragen. Grundsätzlich sollten diese Fragen mehr angetönt werden.
[00:38:40.360] – Allan Guggenbühl
Ich habe aber das Gefühl, die Eltern oder Erwachsene wagen nicht, das mit den Jugendlichen zu teilen.
[00:38:48.800] – Allan Guggenbühl
Das ist ein riesiges Problem, das mit der Sucht. Ich habe hier keine Lösung.
[00:38:53.230] – Allan Guggenbühl
Ich finde auch, dass die Jugendlichen sich unter sich finden müssen.
[00:38:58.830] – Allan Guggenbühl
In vielen dieser Games, gamen die Jugendlichen untereinander.
[00:39:02.420] – Allan Guggenbühl
Das ist dann ein Ersatz für Peerkontakt.
[00:39:06.930] – Allan Guggenbühl
Dann muss man den Peerkontakt dort ansetzen, damit sie zusammen als Gruppe noch etwas anderes
erfahren können.
[00:39:17.530] – Allan Guggenbühl
Ich habe jetzt ein Projekt, wo ich Jugendliche einsetze, damit sie anderen Jugendlichen, kleineren,
helfen.
[00:39:23.430] – Allan Guggenbühl
Für mich ist es interessant zu sehen, zu erleben, und das sind sehr viele Ausländer, wie da plötzlich
Kräfte geweckt werden.
[00:39:35.660] – Allan Guggenbühl
Ich glaube, es braucht viel mehr solche Dinge. Jugendliche sollten mehr integriert werden in ganz
konkrete Sachen, Aufgaben, Verantwortungen. Das wäre wichtig.
[00:39:45.070] – Allan Guggenbühl
Ich habe das Gefühl, sie werden hier auch infantilisiert.
[00:39:48.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Das stimmt.
[00:39:49.330] – Allan Guggenbühl
Das ist das Gefühl, das ich habe. Es ist sonst unerträglich. Man will in die Welt, will etwas machen, kann
es aber nicht, hat nur Schule. Dann geht man Gamen. Wenn man wirklich eine Verantwortung hat.
[00:40:01.510] – Allan Guggenbühl
Ich wollte mal in einer anderen Stadt ein Projekt machen, wo es ein Problem war mit Vandalismus und
Störungen, in so einer kleiner Stadt.
[00:40:10.770] – Allan Guggenbühl
Dann haben wir das Projekt aufgegleist, interessanterweise ist der Stadtrat dafür gewesen, das war die
Exekutive, die das unterstützte. Ich fand das super. Die war noch SVP dominiert. Wir haben sie
überzeugt.
[00:40:26.480] – Allan Guggenbühl
Dass die Jugendlichen die Stadt übernehmen. Es war eine kleinere Stadt. Überall gehen sie in
Restaurants und servieren. Im Park schauen, wer Parksünder das Ganze, was es gibt. Effektiv haben
viele Betriebe mitgemacht, ausser die SBB nicht, die hat verständlicherweise gesagt, das sei die
Sicherheit, das geht nicht.
[00:40:52.560] – Allan Guggenbühl
Das Sozialdepartement hat es abgelehnt.
[00:41:00.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Oh nein. So schade.
[00:41:03.660] – Allan Guggenbühl
Ja, das war wirklich schade. Für mich war das so komisch.
[00:41:06.660] – Allan Guggenbühl
Die Idee wäre gewesen, Jugendliche in wirkliche Arbeit einzuführen und nicht in künstliche Arbeit.
[00:41:16.620] – Allan Guggenbühl
Man darf nicht vergessen, dass die Jugendlichen das ganz schnell verstehen, wenn sie so etwas haben,
wo sie ein bisschen mitmachen dürfen.
[00:41:20.550] – Allan Guggenbühl
Ich finde zum Beispiel auch, wenn man von Mensas oder Essen in der Schule spricht. Ich habe das in
einer japanischen Schule erlebt, wo das die Jugendlichen gemacht haben. Und zwar alles. Man hat ihnen
einfach Geld gegeben und jetzt schaut ihr. Dann war es zwei, drei Wochen eine Katastrophe. Dann hat
sich das entwickelt. Sie waren stolz. Das ist das, was wir verpassen. Jugendliche ab 12, 13, 14 sollten
Aufgaben bekommen. Nicht arbeiten müssen, aber Aufgaben bekommen, so dass sie sich integrieren.
[00:41:54.900] – Allan Guggenbühl
Dann kommt das andere wie z.B. Gamen weniger grosse Bedeutung.
[00:41:59.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kann ich nur zustimmen, dass man den Jugendlichen viel früher Verantwortung übergibt, dass sie
mitarbeiten, mitdenken und mithandeln können, dass man sie nicht unten behält und wir wissen alles,
was gut ist für sie.
[00:42:14.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe dasselbe in einer japanischen Schule erlebt.
[00:42:16.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir waren zu Besuch beim NHK, der Fernsehstation.
[00:42:23.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann haben wir einen Platz bekommen. Dann wurde das Essen serviert. Es lief alles perfekt.
[00:42:29.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir waren so unanständig und begannen zu essen.
[00:42:32.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat ein Jugendlicher gesagt, nein wir dürfen noch nicht essen. Zuerst sagte die Lehrerin "Guten
Appetit", dann darf man essen.
[00:42:40.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann sassen wir brav zurück und folgten. Das ist super gelaufen. Die haben das super gemacht. Wir
unterschätzen die Jugendlichen.
[00:42:50.970] – Allan Guggenbühl
Die Schulhäuser sollten auch von den Jugendlichen geputzt werden. Sie könnten dafür auch bezahlt
werden. Hier muss man anders denken. Umdenken.
[00:42:51.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt noch viel zu tun. Danke für die Beantwortung meiner Fragen.
[00:43:01.620] – Allan Guggenbühl
Gern geschehen.
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