Umgang mit ADHS/ADS

Dr. med. Ursula Davatz, die sich seit über 40 Jahren mit ADHS/ADS befasst, sieht ADHS/ADS nicht primär als Krankheit, sondern als genetischen Ursprung oder genetische Voraussetzung, einen sogenannten Genotyp oder Neurotyp. Das Gehirn von Menschen mit ADHS/ADS funktioniert ihrer Ansicht nach einfach „ein bisschen anders“, und dieses „Anders“ sei nicht krank. Ob sich aus dieser genetischen Veranlagung positive Fähigkeiten entwickeln oder negative Folgeerscheinungen auftreten, hängt massgeblich vom Umfeld ab. Der Umgang mit ADHS/ADS sollte daher persönlichkeitsgerecht oder artgerecht sein.

Einfluss des Umfelds und der Erziehung/Führung:

  • Ein zu rigides Umfeld, das versucht, die Person stark an Regeln zu gewöhnen, kann die Kreativität eher abklemmen. Wenn relativ viel Offenheit da ist und experimentieren erlaubt wird, kann sich die Person gesünder entwickeln.
  • Eine unklare Struktur oder eine bestrafende Erziehungsmethode können bei Jungen eher zu Delinquenz führen.
  • Sowohl rein autoritäre als auch anti-autoritäre bzw. Laissez-faire-Erziehung sind nicht gut für ADHS/ADSler. Sie brauchen einen gewissen Halt, Regeln und Strukturen, die aber nicht zu eng sein dürfen.
  • Eine autoritative Erziehung/Führung wird empfohlen: Man hat Regeln und sagt diese klar, aber man sagt nicht „du musst“ oder „du sollst“. Stattdessen drückt man seinen eigenen Willen aus: „ich will“.
  • Beschämung („warum hast du nicht…?“) ist bei ADHS/ADSlern besonders schädlich und sollte vermieden werden, da darunter generell nicht gelernt wird. Es kann zu Rückzug, Abschotten oder Aggression führen.

Kommunikation als zentrales Werkzeug:

  • Die Energie sollte bei der Person bleiben, die etwas will, und nicht gegen das Kind/die Person gerichtet sein, da dies Abwehr oder Aggression auslöst.
  • Validierung ist entscheidend: Man muss zuerst herausfinden, aus welchem Grund die Person etwas so gemacht hat, indem man fragt: „Was hast du dir dabei überlegt?“. Das geschieht nicht degradierend, sondern wertschätzend. Erst danach sagt man, wie man es gerne möchte.
  • Bei ADHS/ADSlern, die sehr sensibel sind und sofort spüren, wie man auf sie eingestellt ist, ist der emotionale Ton wichtiger als der Inhalt. Um sicherzustellen, dass der Inhalt ankommt, muss die Kommunikation ruhig und ohne verurteilenden Ton sein.
  • Wenn ADHS/ADSler kritisiert oder „zusammen geschissen“ werden, schaltet ihr Gehirn ab. Man muss sie „zurückholen in die Beziehung“. Es gibt keine Erziehung/Führung ohne Beziehung.
  • Offene Kommunikation im Team, auch über die eigenen Eigenschaften, ist wichtig für den Lernprozess. Man kann seine Reaktionen erklären, ohne unbedingt die Diagnose zu nennen.

Umgang mit spezifischen ADHS/ADS-Eigenschaften:

  • Breite Aufmerksamkeit und Ablenkbarkeit: Erkennen, dass alles interessiert. Die leichte Ablenkbarkeit liegt an einer weniger guten Filterfunktion im Gehirn. Bei uninteressanten Themen entsteht ein Defizit. Wenn sich die Person für etwas interessiert, kann sie Hyperfokus entwickeln und Hyperperformance zeigen.
  • Impulsivität: Bei spontanen Entscheidungen (z.B. sich für zu viele Aufgaben melden) muss die Person angehalten werden, innezuhalten, zu warten und nachzudenken. Bei Unterbrechungen die Person validieren und dann umlenken.
  • Prokrastination (Aufschieberitis): Im Erwachsenenalter häufig. To-Do-Listen sind oft ineffektiv. Wichtig ist eine genaue Fokussierung der Aufgabe: wann, welcher Tag, welche Zeit, welcher Ort. Es braucht Selbstdisziplin, um dies dann auch umzusetzen. Für langweilige Aufgaben kann die gezielte Einnahme von Medikamenten eine Option sein.
  • Struktur und Ordnung: ADHS/ADSler tun sich schwer, sich selbst zu strukturieren. Es ist wichtig, dass sie lernen, sich selbst zu strukturieren, anstatt dass andere die Strukturierung übernehmen. Das Entwickeln von Prinzipien und Gewohnheiten (durch mehrmaliges gleiches Handeln) integriert diese ins Gehirn und spart Energie. Klare Morgenrituale oder Rituale zum Herunterfahren vor dem Schlafengehen sind hilfreich. Im Arbeitsumfeld oder in der Familie ist bei Überforderung oder Chaos ein frühes, klares, „autoritäres“ Eingreifen zur Strukturierung notwendig, gefolgt von einem Rückzug, sobald die Ordnung hergestellt ist. Dies ist ein Einordnen der Situation, nicht eine Bewertung der Person.
  • Sensibilität und Umgang mit Kritik/Fehlern: Hohe Sensibilität auf Verletzungen und Kränkungen. Fehler passieren häufig. Fehler dürfen nicht bestraft werden. Stattdessen sollte man sie gemeinsam anschauen und nach den Überlegungen fragen. Fehler können viel Kreativität enthalten. Man lernt aus Fehlern. Einmal „ausrutschen“ und daraus lernen ist besser als zwanghaftes Vermeiden von Fehlern, was zu Unnatürlichkeit führt.
  • System Overload: In reizüberfluteten Umgebungen (wie einem Spital) kann es schnell zum Zusammenbruch kommen. Multitasking funktioniert gut, wenn es Spass macht, wird aber zur Überforderung, wenn es zu viel wird. Wie bei fehlender Struktur ist hier ein frühes, klares Eingreifen der Führungsperson wichtig.
  • Rechtfertigung: Wenn jemand sich rechtfertigt, sollte diese Diskussion auf später verschoben werden. Zuerst die Handlung validieren, dann die Rechtfertigung separat besprechen.
  • Helfen (Über-Helfen): Wenn jemand zu sehr versucht, allen gleichzeitig zu helfen, sollte dies anerkannt („du bist ein Helfertyp, das ist gut“) und dann begrenzt werden („du kannst nicht allen gleichzeitig helfen und deine eigene Arbeit machen“).

Stärken erkennen und fördern:

  • ADHS/ADSler haben oft eine primäre Gabe der Empathie und ein gutes Gespür für Menschen. Diese Gabe sollte wahrgenommen und gepflegt werden.
  • Sie sind in der Regel kreativer und können besser Denk-Grenzen überschreiten.
  • Sie können sich für Themen, die sie interessieren, intensiv begeistern und einen Hyperfokus entwickeln.
  • Es ist entscheidend, die Stärken des ADHS/ADS-Mitarbeiters zu erkennen und ihn dort einzusetzen, wo er seine Stärken hat. Die Führungskraft agiert hier wie ein „Zirkusdirektor“. Reine Kritik an Schwächen ist nicht hilfreich.

Medikamente:

  • Medikamente wie Ritalin wirken auf das Dopaminsystem und sind stimulierend („Uppers“). Sie können helfen, den Fokus bei langweiligen oder mühsamen Aufgaben zu finden.
  • Allerdings können sie auch negative Auswirkungen haben: die breite Wahrnehmung geht verloren, die emotionale Wahrnehmung geht verloren, und man ist nicht mehr so kreativ. Architekturstudenten berichten beispielsweise, dass sie mit Ritalin weniger kreativ sind.
  • Zu viel Dopamin kann Psychosen auslösen. Bei Erwachsenen kann die Einnahme von zu viel Amphetamin-ähnlichen Medikamenten zu psychotischen oder schizophrenen Zuständen führen.
  • Medikamente dürfen nie ohne Begleitung eingenommen werden.
  • Sie müssen nicht immer genommen werden, sondern können gezielt eingesetzt werden. Jeder muss selbst herausfinden, was für ihn passt. Die Entscheidung über die Gabe von Medikamenten bei Kindern liegt bei den Eltern.

Coaching und Begleitung:

  • Coaching oder eine entsprechende Begleitung ist essenziell und sollte Medikamente immer begleiten. Nur mit Medikamenten korrigieren zu wollen, wird als „Verleugnungstaktik“ oder „Grössenwahn der Mediziner“ gesehen.
  • Es muss ein Coach gefunden werden, der sich im ADHS/ADS auskennt. Therapeuten, die ADHS/ADS nicht verstehen, versuchen oft, es zu „korrigieren“, was nicht getan werden darf.
  • ADHS/ADS kann nicht weg therapiert oder erzogen werden. Am Ende muss sich der ADHS/ADSler immer selber erziehen, und dabei kann ein Coach helfen.
  • Coaching hilft, den eigenen Typ kennenzulernen und Selbstreflexion zu üben. Es geht darum zu lernen, mit sich selbst umzugehen.
  • Eine gute Begleitperson versteht etwas von ADHS/ADS, hat Selbstironie und Reflexionsfähigkeit. Sie kann dem Betroffenen helfen, indem sie normalisiert („das passiert mir auch“) und zum Lernen ermutigt („wir müssen es eben lernen“).

Weitere Aspekte des Umgangs:

  • Digitalisierung: Die Digitalisierung birgt die Gefahr, dass durch übermässigen Konsum (Handy) Vernetzungen im Gehirn (insbesondere für soziale Kompetenz und Mimiklesen) weniger stark ausgebildet werden. Sie fördert eine kurze Aufmerksamkeitsspanne und kann zur Abkapselung beitragen. Eltern sollten menschliche Interaktion fördern. Die Medien sind darauf ausgelegt, über Sensation und Angst Aufmerksamkeit zu erregen.
  • HR-Rolle: HR-Abteilungen sollten Anpassungen nicht missbrauchen. Sie sollten der Person zuhören, validieren, wie sie sich fühlt, und dann erklären, dass es im System Regeln gibt, die eine Anpassung erfordern, wenn man im System bleiben möchte.
  • Sucht: Es gibt einen starken Zusammenhang zwischen ADHS/ADS und Sucht. Suchtmittel bieten eine schnelle, gefährliche Lösung für unangenehme Gefühle. Der Umgang mit Sucht erfordert die Begleitung des Betroffenen, um mit seinen Gefühlen umgehen zu lernen, anstatt nur Abstinenz anzustreben.

Zusammenfassend ist der Umgang mit ADHS/ADS stark vom Umfeld geprägt. Eine unterstützende, verstehende Umgebung mit klaren, aber flexiblen Strukturen und einer validierenden Kommunikation ist entscheidend. Medikamente können unterstützend eingesetzt werden, sind aber kein alleiniges Mittel und sollten immer von einer fachkundigen Begleitung (Coaching) begleitet werden. Das Wichtigste ist, dass der Betroffene lernt, sich selbst zu verstehen, zu reflektieren und mit seinen Eigenschaften umzugehen.

https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/04/Hirslanden-15.4.2025.m4a.pdf

ADHS/ADS im Arbeitsleben

Gerne diskutiere ich ADHS/ADS im Arbeitsleben anhand der vorliegenden Quellen und unserer Konversation.

Dr. med. Ursula Davatz, die sich seit über 40 Jahren mit ADHS/ADS befasst, sieht ADHS/ADS nicht primär als Krankheit, sondern als genetischen Ursprung oder genetische Voraussetzung („Genotyp“, „Neurotyp“). Das Gehirn von ADHS/ADSlern funktioniert ihrer Ansicht nach einfach „ein bisschen anders“. Dieses „Anders“ sei nicht krank. Ob sich aus dieser genetischen Veranlagung positive Fähigkeiten entfalten oder negative Folgeerscheinungen entwickeln, hängt massgeblich vom Umfeld ab.

Im Arbeitsleben zeigt sich dieser Einfluss des Umfelds und der Umgang mit den ADHS/ADS-typischen Eigenschaften besonders deutlich:

  • Fokus und Hyperfokus: ADHS/ADS bedeutet nicht zwingend ein allgemeines Aufmerksamkeitsdefizit. Es ist eher ein Defizit bezogen auf Themen, die einen nicht interessieren, z.B. Frontalunterricht oder monotone Arbeiten. Wenn ADHS/ADSler sich für ein Thema interessieren, können sie hingegen einen Hyperfokus entwickeln und Hyperperformance zeigen. Nichts ist dann mehr von einem Defizit zu spüren. Wenn jemand im Arbeitsleben seinen ganz persönlichen Fokus findet, kann er „abgehen wie eine Rakete“. Berufe mit menschlicher Interaktion, wie Arzt, Lehrer, Krankenschwester oder Verkäufer, eignen sich oft gut, da sie Empathie und gute Wahrnehmung erfordern. Eintönige Fliessbandarbeit ist hingegen nicht geeignet, da die Aufmerksamkeit schnell weg ist. Rotation in Arbeitsaufgaben kann für ADHS/ADSler vorteilhaft sein.
  • Prokrastination (Aufschieberitis): Im Erwachsenenalter kommt bei vielen ADHS/ADSlern die Prokrastination hinzu. Sie wissen, was zu tun ist (Plan, Pflicht), tun es aber einfach nicht und ärgern sich dann über sich selbst. To-Do-Listen sind oft nicht hilfreich, da die Aufgaben darauf nie abgearbeitet werden. Um dem entgegenzuwirken, ist es wichtig, die Aufgabe genau zu fokussieren: wann, an welchem Tag, zu welcher Zeit, an welchem Ort die Arbeit erledigt werden soll. Es braucht ein wenig Selbstdisziplin, um sich dann „am Riemen zu reissen“ und die Aufgabe nicht aufzuschieben. Manche Erwachsene nutzen Medikamente wie Ritalin gezielt für langweilige Aufgaben wie Buchhaltung.
  • Struktur und Ordnung: ADHS/ADSler benötigen einen gewissen Halt, Regeln und Strukturen, die jedoch nicht zu eng sein dürfen. Sie tun sich schwer, sich selbst gut zu strukturieren. Dies kann dazu führen, dass sie an der Arbeit sehr strukturiert sind, zu Hause aber ein „Messi Syndrom“ haben. Es ist wichtig, dass sie lernen, sich selbst zu strukturieren, anstatt dass Vorgesetzte oder Kollegen die Strukturierung komplett übernehmen. Gewisse Prinzipien und Gewohnheiten zu entwickeln, indem man Dinge mehrmals gleich macht, hilft dabei, da dies im Gehirn integriert wird und Energie spart.
  • Umgang mit Fehlern und Kritik: ADHS/ADSlern passieren oft viele Fehler. Vorgesetzte sollten Fehler nicht bestrafen, da dies dazu führt, dass Mitarbeiter ausweichen, lügen und Dinge vertuschen. Unter Beschämung wird generell nicht gelernt. Statt zu beschämen, sollte man die Fehler gemeinsam anschauen und fragen, was sich der Mitarbeiter dabei gedacht hat („Validierung“). Fehler können viel Kreativität enthalten, die genutzt werden sollte. ADHS/ADSler sind sehr sensibel und spüren sofort, wie man auf sie eingestellt ist. Wenn sie kritisiert oder „zusammen geschissen“ werden, schaltet ihr Gehirn ab. Es ist entscheidend, sie „zurückzuholen in die Beziehung“. Der emotionale Ton wird stärker wahrgenommen als der Inhalt. Eine ruhige, nicht verurteilende Kommunikation ist wichtig.
  • Beziehung im Arbeitsumfeld: Eine gute Beziehung zwischen Führungsperson und Mitarbeiter ist essenziell. Es gibt keine Erziehung ohne Beziehung. ADHS/ADSler sind besonders empfänglich für den emotionalen Ton und die Beziehungsqualität. Wenn ADHS/ADSler, die oft eine primäre Gabe der Empathie haben, zu viel kritisiert werden, kann diese Empathie verloren gehen.
  • System Overload und Reizüberflutung: In Arbeitsumfeldern mit vielen Reizen, wie z.B. einem Spital, kann es schnell zum „System Overload“ kommen, bei dem ADHS/ADSler zusammenbrechen. Sie sind zwar gut im Multitasking, wenn es Spass macht, aber wenn es zu viel wird, überfordert es sie. Die Kunst der Führungsperson besteht darin, frühzeitig und klar einzugreifen („autoritär zu sein“), um Struktur zu geben, und sich dann wieder zurückzuziehen. Dies ist einordnen, nicht die Person als falsch bezeichnen. Es geht darum, dem Durcheinander entgegenzuwirken.
  • Umgang mit Rechtfertigung: Wenn ein Mitarbeiter in die Rechtfertigung geht, sollte die Diskussion darüber verschoben und separat geführt werden. Zuerst sollte der Vorgesetzte den Validierungsansatz wählen, indem er fragt, wie der Mitarbeiter vorgegangen ist und was er sich dabei gedacht hat. Wenn sich der Mitarbeiter danach wertgeschätzt fühlt, verbessert sich die Situation.
  • Stärken erkennen und fördern: Es ist wichtig, die Stärken des ADHS/ADS-Mitarbeiters zu erkennen und ihn dort einzusetzen. Die Führungskraft agiert hier wie ein „Zirkusdirektor“, der weiss, wo jeder am besten aufgehoben ist. Es ist nicht hilfreich, nur die Schwächen zu kritisieren. Ein Mitarbeiter kann aber auch den Wunsch haben, an seiner Schwäche zu arbeiten; dies ist dann eine „hohe Schule“.
  • HR-Rolle: Die Personalabteilung hat eine wichtige Rolle. Sie sollte darauf achten, dass Anpassungen nicht zum Zweck der Anpassung missbraucht werden. HR sollte die Person zunächst anhören und validieren, wie sie sich fühlt. Erst danach sollte das System erklärt werden, dessen Regeln nicht geändert werden können, und dass eine Anpassung nötig ist, um im System zu bleiben [128, 133? check source 126, 128].
  • Coaching und Begleitung: Dr. Davatz betont, dass Medikamente wie Ritalin nie ohne Begleitung eingenommen werden sollten. Sie empfiehlt dringend Coaching. Es muss ein Coach sein, der sich mit ADHS/ADS auskennt, da Therapeuten, die es nicht verstehen, versuchen, es zu „korrigieren“, was nicht geschehen sollte. ADHS/ADS kann nicht weg therapiert oder erzogen werden; der ADHS/ADSler muss sich am Ende selbst erziehen, wobei ein Coach helfen kann. Coaching fördert Selbstreflexion und hilft, den eigenen Typ kennenzulernen und mit sich selbst umzugehen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass im Arbeitsleben ein unterstützendes, strukturiertes (aber flexibles) und beziehungsorientiertes Umfeld, das Stärken erkennt, Fehler toleriert (ohne Beschämung) und Kommunikation auf Validierung aufbaut, entscheidend ist, damit ADHS/ADSler ihre Potenziale entfalten können. Medikamente können gezielt unterstützend wirken, sollten aber immer mit einer Begleitung, idealerweise einem ADHS/ADS-erfahrenen Coach, kombiniert werden, um den eigenen Umgang mit den Eigenschaften zu lernen.

https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/04/Hirslanden-15.4.2025.m4a.pdf

Medikamente und Coaching

Gerne erläutere ich Ihnen die Aspekte von Medikamenten und Coaching im Zusammenhang mit ADHS/ADS, basierend auf den Informationen in den vorliegenden Quellen und unserer Konversation.

Dr. med. Ursula Davatz sieht ADHS/ADS nicht primär als Krankheit, sondern als genetischen Ursprung oder genetische Voraussetzung. Das Gehirn funktioniere einfach „ein bisschen anders“. Dieses „Anders“ ist laut ihr nicht krank.

Medikamente (insbesondere Stimulanzien wie Ritalin):

  • Medikamente wie Ritalin, Concerta, Elvanse, Focalin und Medikinet werden bei ADHS/ADS eingesetzt. Diese Medikamente wirken im Dopamin-System. Sie sind amphetaminerg, wirken also stimulierend („Uppers“).
  • Früher hiess es oft, sobald ADHS/ADS diagnostiziert wurde, müsse man Medikamente nehmen. Auch Lehrpersonen sagen manchmal, sie könnten ein Kind ohne Ritalin oder Ähnliches nicht beschulen. Dr. Davatz stimmt dem nicht zu; es sei Sache der Eltern, ob ein Kind Ritalin bekommt.
  • Die Einnahme von Medikamenten, die das Dopaminsystem aktivieren, birgt Risiken. Wenn Erwachsene mit ADHS/ADS Ritalin erhalten, werden sie stimuliert und denken noch mehr. Wenn es nicht wirkt und sie mehr nehmen, kann es wie eine Droge verwendet werden und zu psychotischen oder schizophrenen Zuständen führen. Dies geschieht laut Dr. Davatz immer mehr, wenn ADHS/ADSler zu viel mit Amphetaminen behandelt werden. Zu viel Dopamin kann eine Psychose auslösen.
  • Auf der positiven Seite können Medikamente wie Ritalin helfen, den Fokus zu finden, insbesondere bei langweiligen oder mühsamen Aufgaben wie Buchhaltung. Es hilft, sich besser zu fokussieren.
  • Allerdings beobachtet Dr. Davatz, und Patienten berichten es ihr, dass Ritalin neben dem Fokus auch negative Auswirkungen haben kann. Die breite Wahrnehmung geht verloren, die emotionale Wahrnehmung geht verloren, und man ist nicht mehr so kreativ. Architekturstudenten berichten beispielsweise, dass sie mit Ritalin weniger kreativ sind. Wenn jemand spürt, dass das Medikament ihn extrem verändert und ihm Wichtiges (wie das Zwischenmenschliche oder Kreativität) nimmt, rät Dr. Davatz, es nicht zu nehmen.
  • Medikamente wie Ritalin müssen nicht immer eingenommen werden. Anders als SSRI, die immer genommen werden müssen, kann Ritalin gezielt eingesetzt werden. Manche brauchen es beispielsweise nicht an der Universität, wenn der Stoff interessant ist, aber vielleicht zum Lernen zu Hause. Jeder muss selbst herausfinden, was für ihn passt.

Coaching und Begleitung:

  • Ein ganz zentraler Punkt für Dr. Davatz ist, dass Medikamente wie Ritalin nie ohne eine Begleitung eingenommen werden sollten. Es sei nicht gut, nur mit Medikamenten korrigieren zu wollen. Alleinige Medikamentengabe sieht sie als „Verleugnungstaktik“ oder „Grössenwahn der Mediziner“, die meinen, den Menschen mit einem Medikament korrigieren zu können.
  • Sie empfiehlt dringend, sich Coaching zu holen. Es muss nicht unbedingt eine Therapie sein, aber Coaching.
  • Wichtig ist, einen Coach zu finden, der sich im ADHS/ADS auskennt. Viele Leute waren in Therapien, wo die Therapeuten nichts von ADHS/ADS verstanden haben. Wenn ein Therapeut ADHS/ADS nicht versteht, versucht er es zu „korrigieren“, was laut Dr. Davatz nicht getan werden sollte.
  • ADHS/ADS kann nicht mit Verhaltenstherapie korrigiert werden. Auch kann man ADHS/ADS nicht „weg erziehen“. Am Schluss muss sich der ADHS/ADSler immer selber erziehen, und dabei kann ein Coach helfen.
  • Coaching oder eine entsprechende Begleitung ist wichtig, um zu lernen, mit sich selbst umzugehen. Ein Coach kann helfen, den eigenen Typ kennenzulernen und Selbstreflexion zu üben.
  • Eine Begleitperson, die ein wenig etwas von ADHS/ADS versteht, Selbstironie hat und Reflexionsfähigkeit besitzt, kann als Coach funktionieren. Sie kann dem Betroffenen helfen, indem sie sagt: „Weisst du, das passiert mir auch, aber wir müssen es eben lernen“.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass laut Dr. Davatz bei ADHS/ADS das Umfeld und der Umgang entscheidend sind, und eine rein medikamentöse Behandlung ohne Begleitung nicht zielführend ist. Medikamente können gezielt zur Unterstützung bei bestimmten Aufgaben eingesetzt werden, bergen aber auch Risiken und können die breitgefächerten Fähigkeiten beeinträchtigen. Eine fundierte Begleitung durch einen im ADHS/ADS-Bereich versierten Coach ist essenziell, um Selbstverständnis zu fördern, mit den eigenen Eigenschaften umgehen zu lernen und die genetische Veranlagung positiv zu nutzen.

https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/04/Hirslanden-15.4.2025.m4a.pdf

Erziehung und Umfeld

Gerne erläutere ich die Aspekte von Erziehung und Umfeld im Zusammenhang mit ADHS/ADS, basierend auf den vorliegenden Quellen und unserer Konversation.

Dr. med. Ursula Davatz, die sich seit über 40 Jahren mit ADHS/ADS befasst, sieht ADHS/ADS nicht primär als Krankheit, sondern als genetischen Ursprung oder genetische Voraussetzung („Genotyp“, „Neurotyp“) für mögliche Folgekrankheiten. Das Gehirn funktioniere bei ADHS/ADSlern einfach „ein bisschen anders“. Dieses „Anders“ bedeutet für sie nicht krank. Entscheidend für die Entwicklung ist laut Dr. Davatz das Umfeld.

Einige zentrale Punkte zu Erziehung und Umfeld:

  • Der Einfluss des Umfelds: Das Umfeld hat einen erheblichen Einfluss darauf, wie sich ADHS/ADS entwickelt. Es hängt vom Umfeld ab, ob sich aus der genetischen Veranlagung Folgekrankheiten entwickeln oder ob sich die Fähigkeiten gut entfalten können. Die negativen Erscheinungen von ADHS/ADS nehmen laut Dr. Davatz zu, weil das Umfeld nicht geschickt damit umgeht.
  • Persönlichkeitsgerechte Menschenführung und Schulgebung: Dr. Davatz plädiert sehr stark dafür, dass das Umfeld – seien es Eltern, Lehrpersonen oder Führungspersonen – lernt, mit ADHS/ADSlern umzugehen. Sie verwendet dafür den Begriff der „persönlichkeitsgerechten Menschenführung oder Schulgebung“. Jede Person müsse nach ihrer Art behandelt werden, vergleichbar mit der artgerechten Tierhaltung.
  • Regeln und Strukturen, aber nicht zu eng: ADHS/ADSler brauchen einen gewissen Halt, Regeln und Strukturen. Allerdings dürfen diese Strukturen nicht zu eng sein. Eine rein autoritäre oder eine Laissez-faire-Erziehung sind nicht gut. Die sogenannte „authoritative Erziehung“ wird empfohlen, bei der es Regeln gibt, die klar kommuniziert werden, aber ohne ein „du musst“ oder „du sollst“. Stattdessen formuliert man eigene Prinzipien und Wünsche klar, z.B. „Ich will, dass…“.
  • Vermeidung von Beschämung und Bestrafung: Beschämung und Bestrafung von Fehlern sind schädlich. Unter Beschämung wird überhaupt nicht gelernt. Es führt dazu, dass sich das Kind abschottet, aggressiv wird, ausweicht oder lügt. Beschämung sollte nur eingesetzt werden, um Aversionsverhalten bei lebensgefährlichen Situationen auszulösen, wie im Eskimo-Beispiel beschrieben. Vorgesetzte dürfen Fehler nicht bestrafen, sonst weicht man aus.
  • Validierung: Ein wichtiger Ansatz im Umgang, besonders bei ADHS/ADSlern, ist die Validierung. Das bedeutet, herauszufinden, aus welchem Grund die Person etwas so gemacht hat („Was hast du dir überlegt?“). Man muss das Gegenüber zuerst akzeptieren und verstehen, aus welcher Perspektive es handelt, bevor man sagt, wie man es selbst möchte. Das Gehirn von ADHS/ADSlern schaltet ab, wenn sie kritisiert oder „zusammen geschissen“ werden. Man muss sie „zurückholen in die Beziehung“, dann können sie sich weiterentwickeln.
  • Die Bedeutung von Beziehung: Eine gute Beziehung ist entscheidend, insbesondere im Bildungsumfeld. Es gibt keine Erziehung ohne Beziehung. ADHS/ADSler sind sehr sensibel und spüren sofort, wie jemand auf sie eingestellt ist. Sie nehmen den emotionalen Ton stärker wahr als den Inhalt. Die Empathie, die ADHS/ADSler oft haben, kann verloren gehen, wenn sie zu viel kritisiert werden. Es muss ein Lernklima entstehen, wo man sich selber sein darf und zurückgebunden werden kann, um zu lernen.
  • Fehlerkultur: Eine gute Fehlerkultur ist wichtig. Aus Fehlern lernt man. Man sollte Fehlüberlegungen nachgehen und den Weg des Fehlers genau anschauen, ohne zu beschämen.
  • Förderung von Selbstdisziplin und Struktur: ADHS/ADSler müssen lernen, sich stärker persönlich zu fokussieren. Das erfordert Disziplin. Eltern und Begleitpersonen sollten die Kinder darin unterstützen zu lernen, ihre Dinge selbst zu tun und sich zu strukturieren, anstatt ständig zu erinnern oder die Strukturierung komplett zu übernehmen. Das Anlegen von Gewohnheiten („Gewohnheiten zulegen“) hilft dabei, da Prinzipien, die mehrmals gleich angewendet werden, im Gehirn integriert und zur Routine werden, was Energie spart.
  • Einfluss der Digitalisierung: Die Digitalisierung wird als grosses Problem gesehen. Wenn Kinder nur mit dem Handy interagieren, vernetzen sich weniger Bereiche im Gehirn, und sie verlernen Sozialkompetenz und das Lesen von Gesichtern. Die Online-Welt nutzt psychologische Mechanismen (Sensation, Angstzentrum im Gehirn), um zu verkaufen. Dies fördert eine kurze Aufmerksamkeitsspanne und eine Tendenz zum Abkapseln. Dr. Davatz betont, dass man dadurch keine ADHS/ADS-Gene erwirbt, aber ungeschickter Umgang mit dem Gehirn durch das Umfeld schlechte Eigenschaften entwickeln kann. Eltern sollten sich für menschliche Interaktion einsetzen.
  • Umgang mit System Overload und Reizüberflutung: Wenn ADHS/ADSler, z.B. im Berufsalltag, von Reizen überschwemmt werden („System Overload“), brechen sie zusammen. Führungspersonen müssen in solchen Momenten eingreifen und ordnen. Die Kunst ist, frühzeitig und klar einzugreifen („autoritär zu sein“), um Struktur zu geben, und sich dann wieder zurückzuziehen.
  • Unterstützung durch Coaching: Medikamente wie Ritalin sollten laut Dr. Davatz nie ohne eine Begleitung eingenommen werden. Coaching wird als wichtige Unterstützung empfohlen. Es muss ein Coach sein, der sich mit ADHS/ADS auskennt. Coaching kann helfen, den eigenen Typ kennenzulernen und Selbstreflexion zu üben.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Umfeld und die Erziehung einen prägenden Einfluss darauf haben, wie gut ADHS/ADSler ihre genetischen Eigenschaften nutzen und sich gesund entwickeln können. Eine unterstützende, strukturierte (aber nicht rigide), beziehungsorientierte und wertschätzende Umgebung, die Fehler toleriert und Validierung bietet, ist entscheidend, um die Stärken zu fördern und negativen Folgeerscheinungen entgegenzuwirken.

https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/04/Hirslanden-15.4.2025.m4a.pdf

ADHS/ADS Merkmale

Dr. med. Ursula Davatz befasst sich seit über 40 Jahren mit ADHS/ADS. Früher wurde dafür der Begriff POS (frühkindliches POS) verwendet, heute hat sich ADHS/ADS allgemein durchgesetzt. Dr. Davatz selbst verwendet beide Begriffe. Sie sieht ADHS/ADS nicht als Krankheit, sondern als genetischen Ursprung oder genetische Voraussetzung für mögliche Folgekrankheiten. Sie spricht von einem Genotyp oder Neurotyp, bei dem das Gehirn „ein bisschen anders“ funktioniert. Anders bedeutet für sie nicht krank.

Einige charakteristische Merkmale und Eigenschaften von ADHS/ADS, wie in der Quelle beschrieben:

  • Breite Aufmerksamkeit: ADHS/ADSler haben eine „breite Aufmerksamkeit“, was bedeutet, dass sie an allem interessiert sind. Sie nehmen sofort alles wahr, wenn sie einen Raum betreten, einschliesslich Stimmungen. Sie sind nicht nur visuell und kognitiv breit interessiert, sondern auch emotional. Diese breite Aufmerksamkeit kann dazu führen, dass sie ihre Aufmerksamkeit woanders hinlenken, besonders wenn ein Thema (z. B. in der Schule oder bei Frontalunterricht) uninteressant ist. Die leichte Ablenkbarkeit hängt auch mit einer schlechten Filterfunktion des Gehirns zusammen, das weniger gut Reize ausblenden kann. Das Gehirn ist stärker vernetzt, was zur breiten Aufmerksamkeit und leichten Störbarkeit führt.
  • Hyperfokus: Wenn sie sich für ein Thema interessieren, können ADHS/ADSler einen Hyperfokus entwickeln und Hyperperformance zeigen. In solchen Momenten sei nichts mehr von einem Defizit zu merken. Dies wird auch im Zusammenhang mit ADS in der Forschung erwähnt, wo die Person dann nicht loslässt. Albert Einstein, der als ADS-Kind beschrieben wird, wird als Beispiel für Hyperfokus genannt.
  • Sensorische Sensibilität: Sie besitzen eine hohe Sensibilität. Sie sind sehr sensibel auf Verletzungen und Kränkungen.
  • Starkes Gerechtigkeitsempfinden: Mit der hohen Sensibilität geht oft ein starkes Gerechtigkeitsempfinden einher. Sie können Ungerechtigkeiten kaum ertragen und müssen sich dazu äussern, selbst wenn es andere betrifft.
  • Hohe Impulsivität: Ein weiteres Merkmal ist die hohe Impulsivität, oft als „schlechte Impulskontrollen“ bezeichnet. Bei kleinen Kindern zeigt sich dies in unkontrollierten Bewegungen. Bei älteren Kindern oder Erwachsenen kann es bedeuten, dass sie anderen ins Wort fallen oder nicht warten, bis ein Satz beendet ist. Dies kann zu Störungen führen und sie als „Störenfriede“ erscheinen lassen. Positiv formuliert ist es eine grosse Spontanität. Die Impulskontrolle entwickelt sich bei ADHS/ADSlern später.
  • Bewegungsdrang (ADHS) vs. Interne Aktivität (ADS): ADHSler haben einen starken Bewegungsdrang. ADSler hingegen zeigen eher eine starke interne Aktivität, sie denken viel. Diese interne Aktivität kann dazu führen, dass sie sich ständig Geschichten ausdenken oder ein „Kino im Kopf“ haben, besonders wenn es langweilig ist.
  • Spätere Hirnreifung: Neurologisch betrachtet reift das Gehirn von ADHS/ADSlern später. Der Prozess des „Synaptic Pruning“ (Abbau von Synapsen) in der Pubertät, der das Gehirn vereinfacht und das schnelle Lernen und Reagieren ermöglicht, findet bei ihnen verspätet statt. Dies könnte zur anhaltenden breiten Aufmerksamkeit beitragen.
  • Kreativität: ADHS/ADSler sind in der Regel kreativer. Sie können besser Grenzen überschreiten, sowohl gesetzliche als auch Denkgrenzen. Kreativität braucht Platz und kann in sehr rigiden Umfeldern eingeschränkt werden. In einem Umfeld mit Offenheit und Experimentiermöglichkeiten können sich Kinder mit ADHS/ADS gesund entwickeln und zu Forschern werden.
  • Geschlechtsunterschiede: Bei Mädchen wird ADHS/ADS oft später oder gar nicht diagnostiziert. Mädchen sind tendenziell angepasster, fügen sich eher in der Schule ein, wollen gefallen und haben eine starke soziale Kompetenz, wodurch sie weniger auffallen als hyperaktive Knaben. Knaben fallen eher durch Hyperaktivität, Stören oder Herumwerfen von Dingen auf. Früher wurde ein Verhältnis von 5 Knaben zu 1 Mädchen angenommen, heute ist es eher 1.5 Knaben zu 1 Mädchen. Hyperaktivität ist vermehrt bei Knaben zu finden. Mädchen zeigen Hyperaktivität eher nach innen, was dem ADS entspricht. Wenn sie beschämt werden, ziehen sich Mädchen eher zurück, während Knaben eher aggressiv werden.
  • Komorbiditäten/Folgeerscheinungen: ADHS/ADS tritt häufig zusammen mit Legasthenie (LRS) und Dyskalkulie auf. Diese Kombinationen sind unterschiedlich und nicht vorhersehbar. Dr. Davatz spricht lieber von „Folgekrankheiten“ als von „Komorbidität“, da sie ADHS/ADS als genetischen Ursprung dafür sieht. Dazu gehören nicht nur psychische, sondern auch körperliche Erkrankungen. Bei Frauen sind dies häufig Fibromyalgie, Gelenkschmerzen, Allergien. Männer neigen eher zur Delinquenz oder können einen Herzinfarkt erleiden. Prokrastination („Aufschibitis“) ist im Erwachsenenalter verbreitet. Sie wissen, was zu tun ist, aber sie tun es nicht und ärgern sich darüber. Sie schieben auf. Viele ADHS/ADSler haben zu Hause ein Messi-Syndrom, auch wenn sie bei der Arbeit überstrukturiert sein können. Schlafstörungen sind häufig, da unerledigte Dinge mit ins Bett genommen werden. Es gibt einen sehr starken Zusammenhang zwischen ADHS/ADS und Sucht. Suchtmittel können als schnelle (aber gefährliche) Lösung für unangenehme Gefühle dienen und ein Pseudo-Wohlbefinden oder Pseudo-Selbstwertgefühl erzeugen.
  • Umgang mit Feedback und Kritik: ADHS/ADSler reagieren gar nicht gut auf Kritik oder wenn sie „zusammen geschissen werden“; ihr Gehirn schaltet dann ab. Sie spüren sofort, wie jemand auf sie eingestellt ist, und nehmen den emotionalen Ton stärker wahr als den Inhalt. Ihre Empathie kann verloren gehen, wenn sie zu viel kritisiert werden. Beschämung führt dazu, dass sich das Kind abschottet oder aggressiv wird. Bestrafung von Fehlern fördert Ausweichverhalten und Lügen. Validierung (Verständnis zeigen für die Perspektive oder Gedanken der Person) ist ein wichtiger Ansatz im Umgang.
  • Berufswahl: Eintönige Fliessbandarbeit ist für ADHS/ADSler nicht gut, da die Aufmerksamkeit schnell abwandert. Berufe mit viel menschlicher Interaktion, die Empathie und gute Wahrnehmung erfordern, sind oft gut geeignet, z.B. Arzt, Lehrer, Krankenschwester, Verkäufer. Viele streben die Selbstständigkeit an, da sie ungern Vorgesetzte haben. Multitasking kann gut gelingen, wenn die Arbeit Spass macht und das Dopamin hochfährt, aber zu viel kann zum Zusammenbruch führen (System Overload).

Dr. Davatz betont, dass der Umgang mit ADHS/ADS-Merkmalen erlernt werden kann, oft durch Selbstdisziplin, klare Strukturen und Regeln (nicht zu eng), das Setzen von Gewohnheiten, und die Suche nach einem persönlichen Fokus. Sie plädiert stark dafür, dass das Umfeld lernt, mit ADHS/ADS umzugehen („persönlichkeitsgerechte Menschenführung“). Coaching wird als wichtige Begleitung, auch neben Medikamenten, empfohlen.

https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/04/Hirslanden-15.4.2025.m4a.pdf

Berufliche Integration

Die Ausführungen von Dr.med. Werner Saameli und Dr.med. Ursula Davatz in der Aufzeichnung zum 30-jährigen Jubiläum des Zentrums für Psychiatrie und Psychotherapie ambulant (ZPPA) geben Einblicke in die Entwicklung der Sozialpsychiatrie in Königsfelden.

Dr. Saameli betont, dass es keine Zukunft ohne Herkunft gibt. Er selbst wurde 1975 von Prof. Dr. med. F. Gnirss, dem damaligen Chefarzt der Klinik Königsfelden, mit der Leitung des Sozialpsychiatrischen Dienstes (SPD) beauftragt, dessen Aufbau bereits 1971 in der Spitalkonzeption des Kantons Aargau unter dem freisinnigen Gesundheitsdirektor Bruno Hunziker vorgesehen war.

Die Psychiatrie war in der Folge der 68er-Bewegung und der demokratischen Psychiatriereform in Italien politisiert. Der Begriff „sozial“ im SPD wurde dabei auch im Sinne von „sozialistisch“ missverstanden. Der SPD wurde nach der Ambulanz-KF (1973) im Jahr 1974 mit einem Wohnheim (später Nachtklinik genannt) und geschützten Werkstätten eröffnet, um die damals 800 Betten zählende Klinik von Langzeitpatienten mit chronischer Psychose zu entlassen. Ziel war eine verantwortbare Entlassung und Rückfallprophylaxe durch ambulante Nachbetreuung. Bei seinem Stellenantritt am 1. Juni 1976 bestand der Dienst aus Pflegefachkräften, Werkstattleitern, einer Sekretärin, einer Sozialarbeiterin und zwei Assistenzen der ärztlichen Leitung. Später kamen eine Drogenberatungsstelle „Kontakt“ in Brugg und eine Tagesklinik hinzu. Der SPD hatte auch explizit die Aufgabe, ein Suchtambulatorium zu führen. Bereits 1976 führte der SPD in Zusammenarbeit mit dem Kantonshaus und in Anlehnung an Prof. Dr. Dr. Ambros Uchtenhagen vom SPD Zürich Substitutionsbehandlungen mit Methadon bei Heroinabhängigen durch. Die Zusammenarbeit mit Institutionen des Jugendstrafvollzugs wie Aaburg und Birr sowie der Arbeitskolonie Murimoos wurde als sehr hilfreich erlebt. Der SPD war auch in der psychosomatischen Abteilung der Klinik Barmerwaid tätig. Die 1980 eröffnete Tagesklinik im alten Spital Königsfelden war laut Dr. Saameli die erste an einer nichtuniversitären psychiatrischen Institution in der Schweiz. Die Arbeitsmethoden orientierten sich an der milieu- und modellwerktherapeutischen Gemeinschaft nach Professor Edgar Heim. Ambulant wurde systemisch orientierte Therapie in Verbindung mit dem Institut für Ehe und Familie in Zürich eingeführt.

Dr. Saameli betont, dass der SPD im Wesentlichen eine Übergangseinrichtung war, die eine Nahtstelle zwischen stationär und ambulant bildete. Die netzwerkartige Unterstützung in nicht-psychiatrischen Institutionen trug zur Früherfassung und Verhinderung von vollstationären Hospitalisationen bei. Eine Studie von Dr. Saamelis damaligem Oberarzt Alfred Ruhoff zeigte, dass von 85 im Mittel 50 Jahre alten Patienten, die durchschnittlich 14 Jahre in der Klinik hospitalisiert waren, zum Zeitpunkt der Nachuntersuchung 72 außerhalb der Klinik lebten, mehrheitlich selbstständig und ambulant vom SPD betreut wurden. Drei Fünftel dieser Langzeitpatienten benötigten seit der Entlassung aus der Nachtklinik keine Rehospitalisation mehr, 50 gingen einer entschädigten Arbeit nach, und 46 empfanden ihre Lebensqualität außerhalb der Klinik als besser.

Dr. Saameli erinnert sich an Fälle, in denen die Klinik die Entlassung stabilisierter Patienten verhinderte. Er fragt selbstkritisch, ob der „Furor Rehabilitativus“ manchmal zu forsch gewesen sei, insbesondere bei Patienten, die in Königsfelden eine neue Heimat gefunden hatten. In solchen Fällen wäre eine Betreuung in der früheren Herkunftsgegend wichtig gewesen. Dies führt zum Thema der Dezentralisierung ambulanter Einrichtungen, die 1981 noch schwierig war. Öffentliche Vorbehalte gegen die Dezentralisierung wurden im Zusammenhang mit der Gründung des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes (KJPD) geäußert. Trotz dieser Vorbehalte war der Wunsch nach Dezentralisierung aus Sicht des SPD vorhanden, da die konsiliarischen Dienstleistungen über den ganzen Kanton verstreut waren und die Teilnahme an der Tagesklinik für Patienten außerhalb der näheren Umgebung illusorisch war.

Dank der Initiative von Herrn Siemers, einem Sozialarbeiter, konnte mit Unterstützung der Sozialarbeiterinnen des Ambulatoriums KF bei der Firma Möbel Pfister ein berufliches Integrationsprogramm in der freien Wirtschaft lanciert werden. Langzeitpatienten konnten in „beschützende“ Arbeitsplätze eingegliedert werden. Dr. Saameli betont, dass dies zeigte, dass berufliche Rehabilitation nicht nur in klinikinternen Werkstätten möglich ist und dass dieses Konzept dem späteren „Supported Employment“ ähnelte. Eine wissenschaftliche Publikation darüber wurde von der Direktion untersagt. Dr. Saameli betont die Wichtigkeit des Einbezugs des familiären und beruflichen Umfeldes für das Verständnis und die Behandlung psychischen Krankseins. Er sprach sich für die Dezentralisierung ambulanter und Übergangseinrichtungen aus, anstatt in einen zentralen Neubau für stationäre Behandlungen zu investieren. Die damalige Kantonsärztin glaubte jedoch, dass das Pavillonsystem der Klinik bereits ausreichend dezentralisiert sei, und der Regierungsrat argumentierte aus politischen Gründen für die Beibehaltung des Zentrums in Königsfelden.

Dr. Ursula Davatz kam 1980 aus Amerika und begann am 1. April im SPD zu arbeiten. Sie hatte in Amerika Familientherapie bei Murray Bowen gelernt. Die Systemtherapie war damals aktuell. Dr. Davatz führte eine einfache Kostenberechnung durch, die zeigte, dass ambulante Behandlung deutlich günstiger war als stationäre. Sie übernahm die Leitung des SPD, nachdem Dr. Saameli wegging. Damals waren im SPD hauptsächlich Psychiater und Psychiatriepfleger/Schwestern tätig. Dr. Davatz berichtete von ihren Bemühungen, den Bau eines großen Klinikneubaus zu verhindern, da sie eine rückläufige Entwicklung der stationären Patientenzahlen sah. Sie beschreibt die Unterschiede zwischen dem Klinikambulatorium (AMBI) und dem SPD, wobei das AMBI eher „vornehmere“ und leichter zu behandelnde Patienten hatte, während der SPD sich um Schizophrene, Langzeitpatienten und Drogensüchtige kümmerte und das einzige Methadonprogramm führte.

Dr. Roman Vogt und Dr. Frank Marohn reflektieren die Anfänge der Spezialisierung und Regionalisierung in der Psychiatrie. Dr. Vogt erinnert sich an die Schwierigkeiten als Hausarzt, Patienten dem SPD oder dem AMBI zuzuweisen. Auf die Frage nach der Entwicklung des Erwachsenenpsychiatrischen Dienstes (EPD) berichtet Dr. Vogt, dass Dr. Urs Fromm 1995 Chefarzt des EPD wurde. Es wurden Standorte in Baden (unter Leitung von Dr. Davatz), Aarau (unter Leitung von Dr. Sobhani), Wohlen (unter Manfred Ries) und im Fricktal (unter Dr. Vogt selbst) geschaffen. Die Teams bestanden aus Sekretärinnen, Assistenzärzten, Sozialarbeitern/Sozialpädagogen und Psychiatriepflegern. Die Zusammenarbeit in den Teams funktionierte gut, jedoch gab es Reibungen auf der Achse Baden, Aarau, Königsfelden. Dr. Vogt und Manfred Ries konnten im Fricktal und Freiamt relativ frei arbeiten.

Dr. Davatz betont abschließend, dass die Psychiatrie ihrer Ansicht nach zu stark im medizinischen Modell verankert ist und plädiert für einen systemischeren Ansatz unter Einbezug des Umfelds. Sie sieht die Anfänge der Psychiatrie bereits in der Schule und nicht erst in der Jugendpsychiatrie.

https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/04/30-Jahre-Sozialpsychiatrie-Koenigsfelden.m4a.pdf

Dezentralisierung Klinikstandorte

Die Dezentralisierung von Klinikstandorten war ein Thema, das die Entwicklung der psychiatrischen Versorgung in Königsfelden und im Kanton Aargau massgeblich prägte.

Dr. Saameli erwähnt, dass sich die Forderung nach einer Dezentralisierung von ambulanten Einrichtungen im Jahr 1981 noch schwierig gestaltete. Trotzdem bestand auch aus Sicht des SPD der Wunsch nach einer solchen Dezentralisierung. Die konziliarischen Dienstleistungen des SPD waren über den ganzen Kanton verteilt, von Murimoos bis Aarburg, was die Teilnahme an Angeboten wie der Tagesklinik Königsfelden für Patienten ausserhalb der näheren Umgebung, beispielsweise aus Zofingen, illusorisch machte.

Öffentliche Vorbehalte gegen die Dezentralisierung ambulanter psychiatrischer Institutionen kamen im Zusammenhang mit der Gründung des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes (KJPD) zum Ausdruck. Ein Kolumnist im Badener Tagblatt äusserte Bedenken hinsichtlich der Notwendigkeit eines kantonsweiten Netzes der Kinder- und Jugendpsychiatrie und dessen finanziellen Folgen. Es wurde sogar die Tendenz kritisiert, dass Psychiater eine immer grösser werdende Zahl von Kindern und Jugendlichen zu Menschen mit schwerwiegenden psychiatrischen Störungen stempeln könnten, und der Verdacht geäussert, dass der KJPD zum Selbstzweck existiere.

Dr. Saameli argumentierte, dass der Einbezug des familiären und beruflichen Umfeldes deutlich mache, dass es sinnvoll sei, die Behandlung psychisch Kranker möglichst nahe an ihrer Wohngemeinde durchzuführen, wo sie leben und arbeiten [13:08, 13:27]. Dies würde eine interprofessionelle Zusammenarbeit vor Ort ermöglichen und eine Hospitalisation in der zentralen Klinik verhindern oder zumindest verkürzen. Er sprach sich dafür aus, die institutionellen Dienstleistungen im Sinne von Ambulanz und Übergangseinrichtungen zu dezentralisieren, anstatt viel Geld in einen zentralen Neubau für stationäre Behandlungen zu investieren.

Die damalige Kantonsärztin hatte jedoch eine andere Auffassung und glaubte ernsthaft, dass die Klinik mit ihrem Pavillonsystem bereits genügend dezentralisiert sei. Der zuständige Regierungsrat vertrat aus politischen Überlegungen die Ansicht, dass der Kanton auf das historische Zentrum von Königsfelden angewiesen sei, um den Zusammenhalt zu gewährleisten, und dass den psychisch Kranken der lange Weg zur ambulanten Behandlung in Königsfelden als Beitrag zur Kohäsion des Kantons zuzumuten sei.

Trotz dieser anfänglichen Schwierigkeiten und Widerstände kam es später zu einer Regionalisierung des Erwachsenenpsychiatrischen Dienstes (EPD) unter der Leitung von Dr. Urs Fromm ab 1995. Es wurden Standorte in Baden, Aarau, Wohlen und im Fricktal geschaffen. Dr. Davatz übernahm die Leitung in Baden [30:44, 46:00]. Die Teams an diesen Aussenstandorten bestanden aus Sekretärinnen, Assistenzärzten, Sozialarbeitern/Sozialpädagogen und Psychiatriepflegern. Dr. Vogt berichtete, dass sie im Fricktal sehr warm willkommen geheissen wurden und dort relativ frei Aufbauarbeit leisten konnten. Die Kräfte schienen sich jedoch auch auf der Achse Baden, Aarau, Königsfelden abgerieben zu haben.

Die Entwicklung hin zu regionalen Standorten kann als eine späte Umsetzung der bereits in den 1980er-Jahren geäusserten Wünsche nach Dezentralisierung betrachtet werden, um die Zugänglichkeit der psychiatrischen Versorgung für die Bevölkerung im ganzen Kanton zu verbessern.

https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/04/30-Jahre-Sozialpsychiatrie-Koenigsfelden.m4a.pdf

Psychiatriereform der 1970er Jahre

Die Psychiatriereform der 1970er-Jahre, insbesondere im Kontext des Sozialpsychiatrischen Dienstes (SPD) Königsfelden, war massgeblich von der 68er-Bewegung und der demokratischen Psychiatriereform von Franco Basaglia in Italien beeinflusst. Diese Reformbewegung in Italien führte zur Aufhebung psychiatrischer Kliniken und thematisierte die Instrumentalisierung von Patienten, was die Psychiatrie insgesamt stark politisierte.

Der Begriff „sozial“ im Sozialpsychiatrischen Dienst wurde in dieser Zeit teilweise sogar im Sinne von „sozialistischmissverstanden.

Die geplante Gründung des SPD Königsfelden war bereits 1971 in der Spitalkonzeption für den Kanton Aargau enthalten. Der SPD wurde 1974 mit einem Wohnheim (später Nachtklinik genannt) und geschützten Werkstätten eröffnet. Das Hauptziel war es, die damals 800 Betten zählende Klinik Königsfelden von Langzeitpatienten mit chronischer Psychose zu entlassen.

Ein zentraler Aspekt der Reformbestrebungen war die Priorisierung ambulanter Behandlung vor stationärer [20:51]. Der SPD sollte durch konsequente ambulante Nachbetreuung, unter anderem mit DEPO-Neuroleptika, eine funktionierende Rückfallprophylaxe erreichen und eine Verantwortbare Entlassung ermöglichen. Er war als Schnittstelle zwischen stationärer und ambulanter Behandlung konzipiert und entwickelte sich zu einer Nahtstelle. Die netzwerkartige Unterstützung in nicht-psychiatrischen Institutionen trug zur Früherfassung und Verhinderung von vollstationären Hospitalisationen bei.

Die Arbeitsmethoden des SPD orientierten sich am milieu-therapeutischen, Modellwerk-therapeutischen Gemeinschaftsansatz von Professor Edgar Heim, dessen Gründer Maxwell Jones den SPD sogar zweimal besuchte. Ambulant wurde die systemisch orientierte Therapie eingeführt.

Die erfolgreiche Arbeit des SPD zeigte sich in einer katamnestischen Studie Ende der 70er-Jahre. Von 85 im Mittel 50 Jahre alten Patienten, die durchschnittlich 14 Jahre hospitalisiert gewesen waren, waren 72 zum Zeitpunkt der Nachuntersuchung ausserhalb der Klinik, mehrheitlich selbstständig wohnhaft und ambulant vom SPD betreut. Drei Fünftel dieser Langzeitpatienten benötigten seit ihrem Austritt nie mehr eine Rehospitalisation, und 50 gingen einer entschädigten Arbeit nach.

Der SPD führte bereits 1976 Substitutionsbehandlungen mit Methadon bei Heroinabhängigen durch, was damals noch kontrovers war. Es gab auch eine Zusammenarbeit mit Institutionen des Jugendstrafvollzugs. 1980 wurde die erste Tagesklinik an einer nichtuniversitären psychiatrischen Institution in der Schweiz in Königsfelden eröffnet.

Trotz des Erfolgs gab es auch Herausforderungen und Kritik. Dr. Saameli erwähnte selbstkritisch, dass im „Furor Rehabilitativus“ Entlassungen manchmal zu forsch forciert wurden. Die Dezentralisation von ambulanten Einrichtungen war 1981 noch schwierig. Die konziliarischen Dienstleistungen waren über den ganzen Kanton verstreut, was die Teilnahme an Programmen erschwerte.

Ein revolutionäres berufliches Integrationsprogramm bei der Firma Möbel Pfister wurde initiiert, das Langzeitpatienten in die freie Wirtschaft integrierte und dem späteren Konzept des „Supported Employment“ entsprach. Eine wissenschaftliche Publikation darüber wurde jedoch untersagt.

Anfang der 1980er-Jahre gab es divergierende Vorstellungen über die Zukunft der Psychiatrie im Aargau, insbesondere bezüglich der Priorisierung eines zentralen Neubaus für stationäre Behandlungen gegenüber der Dezentralisation ambulanter Dienste. Dr. Saameli befürwortete die Dezentralisierung. Die damalige Kantonsärztin sah jedoch im bestehenden Pavillonsystem bereits eine ausreichende Dezentralisierung. Politische Überlegungen zur Bedeutung des Zentrums von Königsfelden für den kantonalen Zusammenhalt spielten ebenfalls eine Rolle. Diese unterschiedlichen Ansichten führten zum Weggang von Dr. Saameli.

Dr. Davatz, die 1980 zum SPD kam, betonte die Kostenersparnis durch ambulante Behandlung. Sie kritisierte den geplanten Klinikneubau und setzte sich für die ambulante Versorgung ein. Sie beschrieb die Unterschiede zwischen dem Klinikambulatorium (AMBI), das die „vornehmeren“ Fälle behandelte, und dem SPD, der sich um schwierigere Fälle wie Schizophrene, Langzeitpatienten und Drogensüchtige kümmerte.

Die Spezialisierung, Regionalisierung und Professionalisierung in der Psychiatrie nahmen in dieser Zeit ihren Anfang, wobei der SPD eine wichtige Rolle spielte. Hausärzte hatten anfangs Schwierigkeiten, Patienten an den richtigen Dienst zu überweisen.

Später, unter der Leitung von Dr. Urs Fromm (ab 1995), wurde das Einzugsgebiet des EPD (Erwachsenenpsychiatrischer Dienst, der den SPD umfasste) regionalisiert, mit Standorten in Baden, Aarau, Wohlen und im Fricktal. Dr. Davatz übernahm die Leitung in Baden.

Abschliessend kritisierte Dr. Davatz, dass die Psychiatrie zu stark im medizinischen Modell verortet ist und plädierte für einen systemischeren Ansatz, der das Umfeld der Patienten einbezieht [27, 42, 27:59]. Sie betonte, dass die Psychiatrie ihrer Meinung nach bereits in der Schule beginnen sollte.

Zusammenfassend war die Psychiatriereform der 1970er-Jahre eine Zeit des Umbruchs, die im SPD Königsfelden konkretisiert wurde durch die Etablierung ambulanter Strukturen, die Deinstitutionalisierung von Langzeitpatienten und die Implementierung neuer therapeutischer Ansätze mit dem Ziel der Reintegration psychisch kranker Menschen in die Gemeinschaft. Es war eine Zeit der Dynamik und des Fortschritts, aber auch der Herausforderungen und kontroversen Debatten über die zukünftige Ausrichtung der psychiatrischen Versorgung.

https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/04/30-Jahre-Sozialpsychiatrie-Koenigsfelden.m4a.pdf

Ambulante Behandlung

Die ambulante Behandlung war ein zentrales Anliegen des Sozialpsychiatrischen Dienstes (SPD) Königsfelden von Beginn an. Das Hauptziel des SPD war es, Langzeitpatienten mit chronischer Psychose aus der Klinik Königsfelden zu entlassen und dies durch konsequente ambulante Nachbetreuung zu ermöglichen. Diese Nachbetreuung sollte unter anderem mit DEPO-Neuroleptika eine funktionierende Rückfallprophylaxe gewährleisten. Der SPD wurde als Schnittstelle zwischen stationärer und ambulanter Behandlung konzipiert und entwickelte sich zu einer Nahtstelle.

Dr. Saameli betont die Bedeutung der Dezentralisation von ambulanten Einrichtungen, was 1981 jedoch noch schwierig war. Die konziliarischen Dienstleistungen des SPD waren über den ganzen Kanton verstreut, was die Teilnahme an Programmen wie der Tagesklinik für Patienten ausserhalb der näheren Umgebung erschwerte.

Methoden der ambulanten Behandlung, die im SPD angewandt wurden:

  • Medikamentöse Behandlung mit Fokus auf Rückfallprophylaxe durch DEPO-Neuroleptika.
  • Systemisch orientierte Therapie, eingeführt in Verbindung mit dem Institut für Ehe und Familie in Zürich.
  • Berufliche Integration in der freien Wirtschaft, beispielsweise bei der Firma Möbel Pfister, was dem späteren Konzept des „Supported Employment“ entsprach.
  • Substitutionsbehandlungen mit Methadon für Heroinabhängige ab 1976.
  • Tagesklinik, die 1980 im alten Spital in Königsfelden eröffnet wurde und laut Dr. Saameli die erste an einer nichtuniversitären psychiatrischen Institution in der Schweiz war.

Dr. Davatz betont, dass der Slogan „ambulant vor stationär“ bereits in den 1980er Jahren aktuell war [20:51]. Sie führte eine einfache Kostenberechnung durch, die zeigte, dass die ambulante Behandlung deutlich kostengünstiger war als die stationäre (CHF 50’000 gegenüber CHF 200’000 für zehn Patienten).

Herausforderungen und Perspektiven der ambulanten Behandlung:

  • Anfangs gab es Vorbehalte gegenüber der Dezentralisierung ambulanter psychiatrischer Institutionen.
  • Es gab unterschiedliche Ansichten über die Priorisierung eines zentralen Klinikneubaus gegenüber der Dezentralisation ambulanter Dienste.
  • Hausärzte hatten anfangs Schwierigkeiten, Patienten an den richtigen Dienst (SPD oder AMBI) zu überweisen.
  • Dr. Davatz kritisiert, dass die Psychiatrie zu stark im medizinischen Modell verortet ist und plädiert für einen systemischeren Ansatz, der das Umfeld der Patienten einbezieht. Sie sieht den Beginn der Psychiatrie bereits in der Schule und fordert mehr Unterstützung für Lehrer.

Entwicklung der ambulanten Strukturen (EPD):

Später, unter der Leitung von Dr. Urs Fromm (ab 1995), wurde das Einzugsgebiet des EPD (Erwachsenenpsychiatrischer Dienst, der den SPD umfasste) regionalisiert, mit Standorten in Baden, Aarau, Wohlen und im Fricktal. Die Teams in diesen Aussenstandorten bestanden aus Sekretärinnen, Assistenzärzten, Sozialarbeitern/Sozialpädagogen und Psychiatriepflegern. Dr. Davatz übernahm die Leitung in Baden. Diese Regionalisierung sollte die Zugänglichkeit ambulanter Angebote verbessern.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die ambulante Behandlung ein Kernstück der sozialpsychiatrischen Reformbestrebungen war und der SPD Königsfelden eine Pionierrolle in der Entwicklung und Umsetzung ambulanter Versorgungsstrukturen im Kanton Aargau spielte. Trotz anfänglicher Widerstände und Herausforderungen wurde die ambulante Versorgung kontinuierlich ausgebaut und weiterentwickelt, hin zu einer regionalisierten und spezialisierten Struktur.

https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/04/30-Jahre-Sozialpsychiatrie-Koenigsfelden.m4a.pdf

Sozialpsychiatrischer Dienst Königsfelden

Der Sozialpsychiatrische Dienst (SPD) in Königsfelden war eine wichtige Übergangseinrichtung, die im Nachgang der 68er-Bewegung und der demokratischen Psychiatriereform von Franco Basaglia entstand. Seine geplante Gründung war bereits 1971 in der Spitalkonzeption für den Kanton Aargau enthalten, die der freisinnige Gesundheitsdirektor Bruno Hunziker verantwortete. 1974 wurde der SPD zuerst mit einem Wohnheim (später Nachtklinik genannt) und geschützten Werkstätten eröffnet.

Das Hauptziel des SPD war es, die damals 800 Betten zählende Klinik Königsfelden von Langzeitpatienten mit chronischer Psychose zu entlassen. Es ging darum, eine verantwortbare Entlassung zu ermöglichen und dank konsequenter ambulanter Nachbetreuung, unter anderem mit DEPO-Neuroleptika, eine funktionierende Rückfallprophylaxe zu erreichen. Der SPD sollte eine Schnittstelle zwischen stationärer und ambulanter Behandlung bilden und entwickelte sich zu einer Nahtstelle.

Als Dr. med. Werner Saameli am 1. Juni 1976 die Leitung des SPD übernahm, bestand der Dienst aus einer Pflegefachfrau und einem Pflegefachmann Psychiatrie, drei Werkstattleitern, einer Sekretärin, einer Sozialarbeiterin und zwei Assistenzen der ärztlichen Leitung mit Stellvertretung. Später kam eine Drogenberatungsstelle „Kontakt“ in Brugg und eine Tagesklinik hinzu. Der SPD hatte explizit auch die Aufgabe, ein Suchtambulatorium zu führen.

Bereits 1976 führte der SPD in Zusammenarbeit mit dem Kantonshaus und in Anlehnung an Prof. Dr. Dr. Ambros Uchtenhagen vom SPD Zürich Substitutionsbehandlungen mit Methadon bei Heroinabhängigen durch, was damals unter Basler Suchtfachleuten verpönt und in Bern noch nicht etabliert war. Es gab auch eine Zusammenarbeit mit Institutionen des Jugendstrafvollzugs wie Aaburg und Birr sowie der Arbeitskolonie Murimoos.

Der SPD wirkte auch in der Klinik Barmerwaid mit einer halbtägigen kaderärztlichen Präsenz in der psychosomatischen Abteilung. Besonders erwähnenswert ist die 1980 eröffnete Tagesklinik im alten Spital in Königsfelden, die laut Dr. Saameli die erste an einer nichtuniversitären psychiatrischen Institution in der Schweiz war.

Die Arbeitsmethoden in den Übergangseinrichtungen orientierten sich am milieu-therapeutischen, Modellwerk-therapeutischen Gemeinschaftsansatz von Professor Edgar Heim. Maxwell Jones, der Gründer dieses Ansatzes, besuchte den SPD sogar zweimal. Ambulant wurde die systemisch orientierte Therapie unter Verbindung mit dem Institut für Ehe und Familie in Zürich eingeführt.

Die erfolgreiche Arbeit des SPD führte zu Missgunst in anderen Abteilungen der Klinik aufgrund der grossen Gestaltungsfreiheit. Eine katamnestische Studie von Dr. Saamelis damaligem Oberarzt Alfred Ruhoff Ende der 70er Jahre zeigte, dass von 85 im Mittel 50 Jahre alten Patienten, die durchschnittlich 14 Jahre in der Klinik hospitalisiert gewesen waren, 72 zum Zeitpunkt der Nachuntersuchung ausserhalb der Klinik, mehrheitlich selbstständig wohnhaft und ambulant vom SPD betreut wurden. Drei Fünftel dieser Langzeitpatienten benötigten seit ihrem Austritt aus der Nachtklinik nie mehr eine Rehospitalisation, und 50 gingen einer entschädigten Arbeit nach.

Dr. Saameli erwähnte selbstkritisch, dass im „Furor Rehabilitativus“ manchmal zu forsch vorgegangen wurde und die Entlassung auch für Menschen forciert wurde, die in Königsfelden ihr Zuhause gefunden hatten. Er betonte die Wichtigkeit der Dezentralisation von ambulanten Einrichtungen, was 1981 noch schwierig war. Die konziliarischen Dienstleistungen des SPD waren über den ganzen Kanton verstreut, was die Teilnahme an Programmen wie der Tagesklinik für Patienten ausserhalb der näheren Umgebung erschwerte.

Dank der Initiative von Herrn Siemers konnte der SPD ein revolutionäres berufliches Integrationsprogramm in der freien Wirtschaft bei der Firma Möbel Pfister lancieren, das Langzeitpatienten in Nischenarbeitsplätze eingliederte. Dieses Konzept entsprach dem, was später als „Supported Employment“ bekannt wurde.

Es gab divergierende Vorstellungen über die Zukunft der Psychiatrie im Aargau, insbesondere hinsichtlich der Priorisierung eines zentralen Neubaus für stationäre Behandlungen gegenüber der Dezentralisation ambulanter Dienste. Dr. Saameli kritisierte, dass die Leitung des SPD nicht in das neue Führungsgremium der Klinik aufgenommen wurde. Die damalige Kantonsärztin glaubte, dass die Klinik mit ihrem Pavillonsystem bereits ausreichend dezentralisiert sei. Politische Überlegungen des Regierungsrates, der die Bedeutung des historischen Zentrums von Königsfelden für den Zusammenhalt des Kantons betonte, spielten ebenfalls eine Rolle. Diese unterschiedlichen Ansichten führten schliesslich dazu, dass Dr. Saameli eine Chefarztstelle in Aarau annahm.

Dr. med. Ursula Davatz begann 1980 im SPD zu arbeiten. Sie hatte in Amerika Familientherapie bei Murray Bowen gelernt und konnte diese Expertise im SPD mit den vielen Schizophreniepatienten und ihren Familien einsetzen. Sie betonte die Kostenersparnis durch ambulante Behandlung im Vergleich zur stationären. Nach dem Weggang von Dr. Saameli übernahm Dr. Davatz die Leitung des SPD.

Zu dieser Zeit waren im SPD hauptsächlich Psychiater und Psychiatriepfleger tätig. Dr. Davatz trieb die Sozialpsychiatrie voran und hielt mit ihren Oberärzten Vorträge zum Thema „Psychiatrie im Alltag“, um für die ambulante Psychiatrie zu werben.

Dr. Davatz kritisierte die geplante Klinikneubau für 80 Millionen Franken und setzte sich für die ambulante Versorgung ein. Sie beschrieb die Unterschiede zwischen dem Klinikambulatorium (AMBI) und dem SPD humorvoll: AMBI für „die Guten ins Töpfchen“ und SPD als „Aschenputtel“, das „die Schlechten ins Kröpfchen getan hat“, da der SPD die schwierigeren Fälle wie Schizophrene, Langzeitpatienten und Drogensüchtige betreute.

Die Spezialisierung, Regionalisierung und Professionalisierung in der Psychiatrie nahmen in dieser Zeit ihren Anfang, wobei der SPD eine wichtige Rolle spielte. Hausärzte wie Dr. Roman Vogt hatten anfangs Schwierigkeiten, Patienten an den richtigen Dienst (SPD oder AMBI) zu überweisen.

Später, unter der Leitung von Dr. Urs Fromm (ab 1995), wurde das Einzugsgebiet des EPD (Erwachsenenpsychiatrischer Dienst, der den SPD umfasste) regionalisiert, mit Standorten in Baden, Aarau, Wohlen und im Fricktal. Dr. Davatz übernahm die Leitung in Baden. Die Teams in den Aussenstandorten bestanden aus Sekretärinnen, Assistenzärzten, Sozialarbeitern/Sozialpädagogen und Psychiatriepflegern.

Dr. Davatz betonte abschliessend, dass die Psychiatrie aus ihrer Sicht zu stark im medizinischen Modell verortet ist und plädierte für einen systemischeren Ansatz, der das Umfeld der Patienten einbezieht. Sie sah den Beginn der Psychiatrie bereits in der Schule und forderte mehr Unterstützung für Lehrer.

https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/04/30-Jahre-Sozialpsychiatrie-Koenigsfelden.m4a.pdf