Dr. med. Ursula Davatz hält einen Vortrag zum Thema Autismusdiagnostik auf neurologischer Ebene. Als Psychiaterin und Familientherapeutin betont sie, dass das Gehirn ganzheitlich funktioniert und es beim Gehirn nicht so einfach ist, starre Diagnosen zu stellen, wie in anderen Bereichen der Medizin. Sie distanziert sich zunehmend von diesen starren Diagnosen.
Das Gehirn als Anpassungsorgan: Dr. Davatz beschreibt das Gehirn als ein soziales Anpassungsorgan, das immer in Aktion mit dem Umfeld steht. Obwohl Autismus (ASS, Autismus-Spektrum-Störung) eine genetische Veranlagung hat, wird das Gehirn immer auch durch das Umfeld beeinflusst, bestimmt und verändert. Die Epigenese spielt hier eine viel größere Rolle als früher angenommen, was bedeutet, dass sich das Gehirn und sogar unsere Gene in ihrer Expression verändern können in Interaktion mit dem Umfeld. Genetische Anlagen werden durch die Interaktion mit dem Umfeld eingeschränkt und bestimmt.
Kritik an starren Diagnosen: Dr. Davatz kritisiert, dass psychiatrische Diagnosen oft funktionelle Zustände des Gehirns einfrieren und in einer Diagnose zusammenfassen. Sie betont, dass die Funktion des Gehirns flexibel bleibt. Obwohl Diagnosen für Ärzte wichtig sein können, um eine gemeinsame Sprache zu haben, bringen sie für den einzelnen Patienten oft nicht so viel, da jeder Patient anders ist. Sie zitiert Frau Hedi Wallmüller mit dem Satz: „jeder Autist ist anders“.
Genetische Grundlagen und Neurodivergenz: ASS ist stark genetisch vererbt (ca. 90%), ebenso wie ADS (Aufmerksamkeitsdefizitstörung) und ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperkinetisches-Syndrom) (ca. 80%). Es handelt sich um neurodivergente Menschentypen im Vergleich zu Durchschnittsmenschen. Diese Menschen sind oft hochsensibel und leicht störbar aufgrund ihrer breiten Wahrnehmung.
Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu ADHS/ADS: ASS, ADS und ADHS haben einige gemeinsame Reaktionstypen und Verhaltensweisen, wie Hochsensibilität, leichte Störbarkeit, emotionale Reaktivität und Ungeduld. In der Pubertät sind Menschen mit ASS, ADHS/ADS verlangsamt beim Lernen der notwendigen funktionalen Netzwerke im Gehirn aufgrund des Synaptic Pruning. Dr. Davatz sieht die Unterschiede zwischen ADHS und ADS als nicht sehr groß und betont, dass ADHS in ADS wechseln kann und umgekehrt. Genetisch scheinen diese Störungen ebenfalls zusammenzuhängen, da Studien gleiche Gen-Loci bei ADHS, Autismus, Schizophrenie und anderen psychiatrischen Erkrankungen gefunden haben.
Folgekrankheiten und Umfeld: Dr. Davatz betont, dass viele psychiatrische und körperliche Diagnosen bei Menschen mit ADHS/ADS/ASS Folgekrankheiten sind, die entstehen, wenn nicht neurotypgerecht mit ihnen umgegangen wird. Ein persönlichkeitsgerechter Umgang ist entscheidend. Druck ist absolutes Gift für diese Menschen. Bezugspersonen müssen lernen, geduldig zu sein, Zeit zu lassen und in einem Zustand von „low arousal“ zu kommunizieren.
Diagnostischer Prozess und Herausforderungen: Dr. Davatz nimmt eine Anamnese über drei Generationen auf und verlässt sich auch auf ihr Gespür. Sie kritisiert die langen Wartezeiten für Abklärungen und den Mangel an Unterstützung nach der Diagnose. Sie plädiert für eine frühe Unterstützung des Umfelds (Eltern, Lehrer, Kindergärten), um kompetent mit neurodiversen Kindern umzugehen und Prävention zu betreiben. Sie betont, dass es nie zu spät ist, zu lernen, wie man mit diesen Menschen umgeht. Bei der Einschätzung von Diagnosen, auch bei sich selbst, rät sie dazu, auf den gesunden Menschenverstand und das natürliche Gefühl zu hören und Fachleute zu hinterfragen. Es geht immer um die menschliche Beziehung.
Zusammenfassend plädiert Dr. Davatz für eine flexible und individuelle Betrachtung in der Autismusdiagnostik, die den neurologischen Grundlagen, der genetischen Veranlagung und insbesondere der Interaktion mit dem Umfeld Rechnung trägt. Sie betont die Wichtigkeit eines persönlichkeitsgerechten Umgangs und kritisiert starre diagnostische Kategorien sowie mangelnde Unterstützungssysteme.
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