Welche Rolle spielen ungelöste Bindungsmuster in der Krankheitsentstehung?

Dr.med. Ursula Davatz betont, dass ungelöste Bindungsmuster eine zentrale Rolle bei der Entstehung von Schizophrenie spielen. Sie sieht Schizophrenie nicht als rein biologische Erkrankung, sondern als eine Folge von dysfunktionalen Beziehungsdynamiken, die sich über Generationen hinweg verfestigen können. Diese Muster beeinflussen die Art und Weise, wie Familienmitglieder miteinander interagieren und wie sie mit Stress und Konflikten umgehen.

Hier sind die wichtigsten Aspekte der Rolle von ungelösten Bindungsmustern bei der Entstehung von Schizophrenie:

  • Gestörte Ablösungsprozesse:
    • Ein zentrales Thema bei Davatz ist die gestörte Ablösung von der Herkunftsfamilie, insbesondere bei Müttern. Wenn Mütter sich nicht von ihren eigenen Eltern ablösen konnten, neigen sie dazu, ihre Kinder in eine symbiotische Beziehung zu ziehen, die die Entwicklung der Kinder beeinträchtigt.
    • Diese unvollständige Ablösung führt dazu, dass Mütter ihre eigenen ungelösten Konflikte auf ihre Kinder übertragen, was als „Projektion“ bezeichnet wird. Die Kinder werden so in ein Beziehungsgeflecht verstrickt, das ihre eigene Entwicklung behindert.
    • Kinder, die emotional fokussiert werden, bleiben in ihrer funktionalen Rolle gefangen und können sich nicht zu selbstständigen Erwachsenen entwickeln. Dies verhindert ihren individuellen Reifungsprozess.
    • Diese fehlende Ablösung kann sich über drei oder mehr Generationen erstrecken und zu emotionalen „Monsterwellen“ führen, die sich schliesslich in einer akuten schizophrenen Psychose manifestieren.
    • Diese verhinderten Ablösungsprozesse können sich in Form von verlängerten Pubertätsphasen bei Jugendlichen mit Schizophrenie zeigen.
  • Symbiotische Mutter-Kind-Beziehungen:
    • Davatz beschreibt, dass Mütter von Schizophreniepatienten oft eine extreme symbiotische Beziehung zu ihren Kindern haben, die über die Pubertät hinaus andauert.
    • Diese symbiotische Beziehung wird als pathogen betrachtet, da sie die Autonomieentwicklung des Kindes verhindert.
    • Die Intensität dieser Symbiose ist so stark, dass sie sich oft therapeutischen Eingriffen widersetzt.
  • Väterliche Inkompetenz und Rückzug:
  • Parallel zur mütterlichen Überinvolvierung beobachtet Davatz häufig eine paternale Inkompetenz und einen Rückzug der Väter. Diese Väter sind oft beruflich erfolgreich, aber innerhalb der Familie hilflos.
  • Dieser Rückzug führt dazu, dass die Kinder keine klare väterliche Führung erleben und in dysfunktionalen Familienstrukturen gefangen bleiben.
  • Die fehlende Väterrolle kann auch die Ablösung der Kinder von der Mutter erschweren.
  • Triangulierung:
  • Kinder werden oft in die Konflikte der Eltern hineingezogen und dazu benutzt, die elterlichen Spannungen zu reduzieren.
  • Dieses trianguläre Muster verhindert, dass die Eltern ihre eigenen Konflikte direkt angehen und zwingt die Kinder, eine dysfunktionale Rolle im Familiensystem einzunehmen.
  • Diese Triangulation kann auch nach einer Scheidung fortbestehen und die Entwicklung der Kinder weiterhin beeinträchtigen.
  • Funktionalisierung des Kindes:
    • Kinder mit Schizophrenie werden oft funktionalisiert, um ungelöste Konflikte in der Familie zu kompensieren. Sie übernehmen die Rolle des „besessenen Diplomaten“, der versucht, die elterlichen Konflikte zu managen oder zu vermitteln.
  • Diese Funktionalisierung hindert die Kinder daran, sich auf ihre eigenen Bedürfnisse zu konzentrieren und ihren individuellen Weg zu gehen.
  • Das betroffene Kind wird oft zum Sündenbock für die Dysfunktionen des Familiensystems.
  • Intergenerationale Übertragung:
    • Ungelöste Bindungsmuster werden von Generation zu Generation weitergegeben, was zu einem Teufelskreis dysfunktionaler Beziehungen führt.
    • Eltern übertragen ihre eigenen unverarbeiteten Traumata und unerfüllten Wünsche auf ihre Kinder, was zu zusätzlichem Druck führt.
    • Diese intergenerationale Dynamik kann die Entwicklung von Schizophrenie begünstigen.
  • Angst vor Autonomie:
    • Davatz beschreibt, dass es in Familien mit Schizophrenie oft eine Angst vor Autonomie gibt. Eltern unterdrücken die Autonomie der Kinder und hindern sie daran, sich selbstständig zu entwickeln.
    • Diese Angst vor Autonomie kann sich in der Verhinderung der Pubertät zeigen.
  • Verhinderung von Konfliktlösung:
    • Ungelöste Bindungsmuster führen dazu, dass Konflikte nicht offen angesprochen werden, sondern unter der Oberfläche schwelen oder indirekt ausgetragen werden.
    • Dies führt zu einer Verdeckung von Konflikten und einer Vermeidung von direkter Kommunikation, was die Situation verschlimmert.
    • Anstatt Konflikte zu lösen, wird oft eine Pseudo-Harmonie aufrechterhalten, die die eigentlichen Probleme verschleiert.
  • Emotionale Ambivalenz:
    • Ambivalenz in der Mutter-Kind-Beziehung ist ein typisches Merkmal von Familien mit Schizophrenie. Diese Ambivalenz kann den Ablösungsprozess und die Entwicklung des Kindes behindern.
    • Mütter zeigen oft widersprüchliche Verhaltensweisen gegenüber ihren Kindern, die Verwirrung und Unsicherheit auslösen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ungelöste Bindungsmuster einen tiefgreifenden Einfluss auf die Entwicklung von Schizophrenie haben. Diese Muster, die sich über Generationen verfestigen können, schaffen ein dysfunktionales Familiensystem, in dem die Bedürfnisse der Kinder vernachlässigt und ihre Autonomieentwicklung behindert wird. Eine Therapie, die diese Bindungsmuster und die Familiendynamik berücksichtigt, ist entscheidend für eine erfolgreiche Behandlung und Prävention von Schizophrenie.

https://books.apple.com/us/book/ad-h-d-and-schizophrenia/id1451739789

Entwicklung des Verständnisses von Psychosen

Die Entwicklung des Verständnisses von Psychosen, insbesondere der Schizophrenie, hat sich über die Jahre stark gewandelt. Frühe Konzepte waren oft statisch und pessimistisch, während modernere Ansätze die Dynamik, die Rolle der Umwelt und die Möglichkeiten der Verbesserung betonen.

  • Frühe Vorstellungen:
    • „Verblödung“ (démence précoce): Ende des 19. Jahrhunderts wurde Schizophrenie als eine Form von „Verblödung“ oder frühzeitiger Demenz betrachtet, die unweigerlich zu einem geistigen Verfall führt. Emil Kraepelin prägte diesen Begriff und sah Schizophrenie als eine unheilbare, genetisch bedingte Krankheit.
    • Stagnation: Nach Kraepelin herrschte lange Zeit eine Stagnation in der Forschung. Die Annahme einer rein genetischen, endogenen Erkrankung dominierte, die resistent gegenüber äusseren Einflüssen sei.
  • Dynamische und psychologische Ansätze:
    • Eugen Bleuler: Um 1911 führte Eugen Bleuler ein dynamischeres Konzept ein, das er Schizophrenie nannte, was „Spaltung der Psyche“ bedeutet. Er erkannte, dass biografische Traumata eine Rolle spielen könnten und dass es Potenzial für Verbesserung und Heilung gibt. Bleuler betonte auch die Rolle von Affekten (Emotionen), Ambivalenz, Autismus und Assoziationsstörungen als Schlüsselsymptome der Schizophrenie.
    • Psychoanalytische Paradigmen: Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen psychoanalytische Ansätze auf, die psychotische Symptome als verschlüsselte Botschaften mit symbolischer Bedeutung interpretierten, die in archaischen Ängsten verwurzelt sind. Sie konzentrierten sich auf existenzielle Ängste und sahen die Affektverflachung bei chronischer Schizophrenie als Schutzmechanismus gegen Überstimulation. Psychoanalysen erwiesen sich jedoch als zeit- und kostenintensiv, sodass nur wenige Fälle behandelt werden konnten.
    • Familienorientierung: In den 1960er und 1970er Jahren richtete sich der Fokus auf die Familiensituation der Betroffenen. Es wurden destruktive Beziehungsmuster und „doppelbindende“ Kommunikationsfallen identifiziert, die die Entwicklung von psychischen Erkrankungen begünstigen könnten. Daraus entwickelten sich Familientherapien, die das gesamte soziale System der Patienten in die Behandlung einbezogen.
  • Moderne Perspektiven:
    • Neurobiologie: In den letzten Jahrzehnten rückten neurobiologische Studien in den Vordergrund. Bildgebende Verfahren ermöglichten Einblicke ins Gehirn von Schizophreniepatienten, wobei Abweichungen im Frontallappen und anderen für die Emotionsregulation zuständigen Strukturen festgestellt wurden. Es blieb jedoch unklar, ob diese Befunde Ursache oder Folge der Erkrankung oder der Behandlung waren.
    • Wiederentdeckung psychosozialer Faktoren: Trotz der Fortschritte in der Neurobiologie kehrte der Fokus wieder auf milieu- und familienbezogene Ansätze zurück. Die Bedeutung von Resilienz und der Reaktivierung persönlicher, familiärer und umweltbedingter Ressourcen wurde betont. Studien zu „ausgedrückten Emotionen“ zeigten, dass die Entstehung psychotischer Symptome eng mit einer Zunahme emotionaler Spannung bei sensitiven Personen zusammenhängt.
    • Ursula Davatz‘ Modell: Davatz‘ Modell geht davon aus, dass sich in bestimmten Familien über Generationen eine emotionale „Monsterwelle“ aufbaut, die schliesslich zum Ausbruch einer Psychose führen kann. Sie betont die Bedeutung von AD(H)D als genetische Veranlagung und die Interaktion mit dem familiären Kontext. Dieses Modell ist mit anderen Paradigmen kompatibel und sieht emotionale Spannungen als zentralen Faktor.
    • Affektlogik: Der Begriff der „Affektlogik“ betont die Wechselwirkung zwischen Gefühl und Denken. Emotionen werden als biologisch verankerte Energien betrachtet, die das soziale Handeln antreiben und die Wahrnehmung beeinflussen. Psychotische Zustände können als Folge von nicht-linearen Verschiebungen im Energiesystem des Gehirns verstanden werden.
    • Zusammenhang AD(H)D und Schizophrenie: Die Quelle hebt hervor, dass AD(H)D eine wichtige Rolle als genetische Vulnerabilität für die Entwicklung von Schizophrenie spielt. Es wird auch aufgezeigt, dass eine ungünstige Interaktion zwischen Genen und Umwelt zu einer psychischen Erkrankung führen kann.
    • Multifaktorielle Sichtweise: Die heutige Sichtweise betont, dass Schizophrenie eine multifaktorielle Erkrankung ist, bei der genetische und umweltbedingte Faktoren zusammenwirken.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Verständnis von Psychosen einen langen Weg von rein biologischen zu komplexen, systemischen und biopsychosozialen Ansätzen gegangen ist. Moderne Forschung erkennt die Bedeutung von Emotionen, familiären Beziehungen und Umweltfaktoren, sowie die Notwendigkeit, diese Erkenntnisse in die Behandlung zu integrieren. Die verschiedenen Perspektiven können als komplementäre Aspekte einer komplexen Erkrankung betrachtet werden, anstatt als einander ausschliessende Wahrheiten.

https://books.apple.com/us/book/ad-h-d-and-schizophrenia/id1451739789