Diagnose der Borderline-Persönlichkeitsstörung in der heutigen Zeit

Es wird die Bedeutung der Anamnese, also der Erhebung der Lebensgeschichte und des sozialen Umfelds, hervorgehoben.

Zentrale Aspekte bei der Diagnose:

  • Entwicklungsgeschichte: Dr.med. Ursula Davatz betont die Bedeutung der Entwicklungsgeschichte, insbesondere der Pubertät, für die Entstehung der Borderline-Persönlichkeitsstörung.
    • Ein restriktives Umfeld, in dem der emotionale Ausdruck unterdrückt wird, kann die Entwicklung der Störung begünstigen.
    • Daher ist es wichtig, die familiäre Situation und die Erfahrungen in der Kindheit und Jugend zu berücksichtigen.
  • Soziales Umfeld: Auch das soziale Umfeld spielt eine wichtige Rolle bei der Diagnose und dem Verlauf der Borderline-Persönlichkeitsstörung.
    • Ein unterstützendes Netzwerk kann die Person stabilisieren, während Isolation und Stigmatisierung die Symptome verschlimmern können.

Rolle des Genogramms:

  • Dr.med. Ursula Davatz empfiehlt den Einsatz des Genogramms, um die familiären Beziehungen und deren Geschichte zu erfassen.
    • Das Genogramm kann helfen, Muster in der Familie zu erkennen, die zur Entstehung der Störung beigetragen haben könnten, wie z. B. emotionale Instabilität, psychische Erkrankungen oder Suchtprobleme.

https://ganglion.ch/pdf/muetterberaterinnen_Teil_eins_5.5.2014.pdf

Geschlechterbias in der Diagnose der Borderline-Persönlichkeitsstörung

Die Ausführungen von Dr.med. Ursula Davatz in ihrem Vortrag, beleuchten die Problematik der geschlechtsspezifischen Diagnose der Borderline-Persönlichkeitsstörung.

Historische Verbindung zur Hysterie:

  • Dr.med. Ursula Davatz stellt eine direkte Verbindung zwischen der Borderline-Persönlichkeitsstörung und der früheren Diagnose der Hysterie her, die fast ausschliesslich Frauen zugeschrieben wurde.
  • Sie erklärt, dass der Begriff Hysterie (von griechisch hystera für Gebärmutter) seinen Ursprung in der männlichen Sichtweise auf Frauen hat und auf das Vorurteil zurückgeht, dass Frauen emotional instabil und irrational seien.
  • Diese Sichtweise, so Dr.med. Ursula Davatz, zeige sich in der Aussage: „Die Frauen sind so emotional. Das können wir nicht brauchen. Das macht so viel durcheinander.“
  • Die Diagnose „Hysterie“ wurde schliesslich aufgegeben, aber die Borderline-Persönlichkeitsstörung, die viele ähnliche Merkmale aufweist, wird heute noch oft als „weibliche“ Störung angesehen.

Gesellschaftliche Erwartungen und Rollenbilder:

  • Dr. Davatz argumentiert, dass gesellschaftliche Erwartungen und Rollenbilder massgeblich dazu beitragen, dass Frauen häufiger mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung diagnostiziert werden.
  • Mädchen wird in der Regel mehr emotionale Expressivität zugestanden als Jungen.
  • Während emotionale Ausbrüche bei Mädchen oft toleriert werden, wird von Jungen erwartet, dass sie ihre Emotionen kontrollieren und sich „männlich“ verhalten.
  • Sensible Jungen, die ihre Emotionen nicht aggressiv ausleben wollen, werden oft in künstlerische Bereiche gedrängt, wo ihre Sensibilität akzeptabler erscheint.
  • Diese gesellschaftlichen Normen können dazu führen, dass Mädchen lernen, ihre Emotionen nach aussen zu richten, während Jungen sie unterdrücken.
  • Dies wiederum könnte erklären, warum Frauen eher mit Borderline-Symptomen wie Impulsivität und emotionaler Instabilität auffallen, während Männer ihre inneren Konflikte eher durch Delinquenz, Drogenkonsum oder andere externalisierende Verhaltensweisen ausdrücken.

Mangel an männlichen Vorbildern:

  • Dr.med. Ursula Davatz weist darauf hin, dass sensible Jungen oft keine adäquaten männlichen Vorbilder haben, an denen sie sich orientieren können.
  • Wenn ein Junge in seinem Umfeld keine Männer sieht, die ihre Emotionen offen zeigen und gleichzeitig als stark und erfolgreich angesehen werden, kann es für ihn schwierig sein, seine eigene Sensibilität zu akzeptieren und zu integrieren.

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Die Beziehung zur Mutter bei Borderline-Persönlichkeitsstörung

Dr.med. Ursula Davatz, beschreibt die Beziehung zur Mutter von Personen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung als oft schwierig und prägend.

Wichtige Punkte aus den Quellen:

  • Eingeschränkter emotionaler Ausdruck in der Pubertät: Dr. Davatz betont, dass die Borderline-Persönlichkeitsstörung oft aus einem eingeschränkten Experimentierfeld in der Pubertät resultiert, in der der emotionale Ausdruck nicht ausreichend zugelassen wird. Oft sind es die eigenen Mütter, die ihre temperamentvollen Töchter in ihrem emotionalen Ausdruck einschränken, möglicherweise um den Erwartungen ihrer eigenen Mütter oder des Umfelds zu entsprechen.
  • Stützende Rolle der Mutter: Um Borderline-Patientinnen zu stabilisieren, ist es laut Dr.med. Ursula Davatz wichtig, die Mutter der Betroffenen zu stützen und ihr zu helfen, die starken Emotionen ihrer Tochter besser auszuhalten.
  • Beziehungsmuster: Borderline-Patientinnen neigen dazu, die Beziehung zur Mutter in ihren Beziehungen zu wiederholen. Dr.med. Ursula Davatz beschreibt dies am Beispiel einer Patientin, die ihren Partner und ihre Tochter „bemuttert“ und so die Rolle der Übermutter einnimmt.
  • Traumata und Tabus: Die Quellen weisen darauf hin, dass unverarbeitete Traumata, wie z.B. sexueller Missbrauch, und Tabuisierung innerhalb der Familie die Entstehung einer Borderline-Persönlichkeitsstörung begünstigen können. Die Beziehung zur Mutter kann in solchen Fällen besonders belastet sein, da die Mutter möglicherweise Teil des Traumas ist oder zur Aufrechterhaltung des Tabus beiträgt.

Zusammenfassend:

Die Beziehung zur Mutter spielt eine entscheidende Rolle in der Entstehung und im Verlauf einer Borderline-Persönlichkeitsstörung.

  • Oft ist die Beziehung durch eingeschränkten emotionalen Ausdruck in der Pubertät und die Übernahme ungesunder Beziehungsmuster geprägt.
  • Die Unterstützung der Mutter ist wichtig, um die Betroffenen zu stabilisieren und ihnen zu helfen, einen gesunden Umgang mit ihren Emotionen zu lernen.
  • Die Aufarbeitung von Traumata und Tabus innerhalb der Familie kann ebenfalls zur Verbesserung der Beziehung beitragen.

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Die Rolle der Geschwisterposition in der Entwicklung einer Borderline-Persönlichkeitsstörung

Dr.med. Ursula Davatz erwähnt das Thema kurz im Zusammenhang mit einem Fallbeispiel, in dem eine Mutter mit einem Kind überfordert ist und eine Schwester hat, die mit der Situation scheinbar unbeschwert umgeht.

  • Älteste Geschwister und Verantwortung: Dr.med. Ursula Davatz stellt die These auf, dass ältere Geschwister oft mehr Verantwortung übernehmen müssen und daher möglicherweise weniger Freiraum haben, ihre Persönlichkeit und ihren Umgang mit Emotionen in der Pubertät zu entwickeln.
  • Jüngere Geschwister und Unbeschwertheit: Jüngere Geschwister hingegen können laut Dr.med. Ursula Davatz „im Windschatten“ der älteren Geschwister leben und müssen nicht so viel Verantwortung tragen. Dies könnte ihnen mehr Freiraum für Experimente und das Ausleben ihrer Emotionen bieten.

Zusammenhang mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung:

  • Eingeschränkter Experimentierraum: Dr.med. Ursula Davatz betont, dass die Borderline-Persönlichkeitsstörung häufig bei Menschen auftritt, die in ihrer Pubertät nicht genügend Raum hatten, mit ihren Emotionen zu experimentieren und einen gesunden Umgang damit zu lernen. Dies könnte bedeuten, dass die stärkere Verantwortungslast älterer Geschwister ein Risikofaktor für die Entwicklung der Störung sein könnte.
  • Bedeutung des familiären Umfelds: Die Quellen heben hervor, dass das familiäre Umfeld und die Interaktion mit den Eltern einen entscheidenden Einfluss auf die Entstehung der Borderline-Persönlichkeitsstörung haben. Die Geschwisterposition könnte die Dynamik innerhalb der Familie und die Art und Weise, wie Eltern mit ihren Kindern umgehen, beeinflussen.

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Faktoren, die in der Pubertät zu einer Borderline-Persönlichkeitsstörung führen können

Die Ausführungen von Dr. Ursula Davatz, beschreiben verschiedene Faktoren, die bei einer Frau in der Pubertät zur Entwicklung einer Borderline-Persönlichkeitsstörung beitragen können.

Genetische Veranlagung:

  • Starkes emotionales System: Borderline-Frauen haben von Natur aus ein starkes, emotionales System. Sie sind sehr sensibel, impulsiv und erleben ihre Emotionen oft sehr intensiv.

Einfluss des Umfelds:

  • Unterdrückung von Emotionen: Wenn das Umfeld, insbesondere die Familie, einer jungen Frau nicht erlaubt, ihre Emotionen frei auszuleben, kann dies zur Entwicklung einer Borderline-Persönlichkeitsstörung führen.
  • Gründe für die Unterdrückung: Die Gründe für die Unterdrückung von Emotionen können vielfältig sein:
    • Ein krankes Elternteil
    • Ein zu strenges Elternteil
    • Eine repressive Mutter
    • Eine belastende Familiensituation, z.B. ein krankes Geschwisterkind
    • Der Tod eines Elternteils
    • Eine Scheidung der Eltern
  • Fehlendes Experimentierfeld: Die Pubertät ist eine wichtige Phase, in der junge Menschen lernen, mit ihren Emotionen umzugehen. Wenn diese Phase durch externe Faktoren eingeschränkt wird, kann sich die Persönlichkeit nicht gesund entwickeln.

Folgen der Emotionsunterdrückung:

  • Kontrollverlust: Die junge Frau versucht, ihre Emotionen unter Kontrolle zu halten, was zu innerer Anspannung und Unruhe führt.
  • Selbstverletzendes Verhalten: Eine Methode, um die Emotionen zu regulieren, ist selbstverletzendes Verhalten, wie z.B. Ritzen. Der körperliche Schmerz hilft, den emotionalen Schmerz zu betäuben.

Zusätzliche Belastungsfaktoren:

  • Sexueller Missbrauch: Sexueller Missbrauch in der Kindheit kann ebenfalls zur Entwicklung einer Borderline-Persönlichkeitsstörung beitragen. Die traumatischen Erlebnisse führen zu emotionaler Instabilität und können die Fähigkeit beeinträchtigen, gesunde Beziehungen aufzubauen.
  • Kulturelle Einflüsse: Kulturelle Normen und Erwartungen, die die freie Entfaltung der Persönlichkeit einschränken, können die Entwicklung einer Borderline-Persönlichkeitsstörung begünstigen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass eine Kombination aus genetischer Veranlagung und ungünstigen Umweltfaktoren in der Pubertät das Risiko für die Entwicklung einer Borderline-Persönlichkeitsstörung erhöhen kann. Die Unterdrückung von Emotionen und der Mangel an Möglichkeiten, die eigene Persönlichkeit frei zu entfalten, spielen dabei eine zentrale Rolle.

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Hilfe für Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung

Dr. med. Ursula Davatz beschreibt in ihrem Vortrag vom 5. Mai 2014 die Borderline-Persönlichkeitsstörung und gibt einige Empfehlungen, wie man Betroffenen helfen kann.

Zentrale Punkte:

  • Professionell Pubertierende: Dr.med. Ursula Davatz bezeichnet Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung als „professionell Pubertierende“. Sie haben Schwierigkeiten, ihre Emotionen zu regulieren und Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen.
  • Kein Erziehen, sondern Interagieren: Anstatt zu erziehen, sollten Helfer versuchen, mit Betroffenen zu interagieren und sich selbst authentisch zu zeigen. Erziehung vermittelt dem Gegenüber das Gefühl, nicht akzeptiert zu werden, was die Symptomatik verschlimmern kann.
  • Ruhe und Stabilität bieten: Wichtig ist, dass Helfer selbst Ruhe und Stabilität ausstrahlen, um die emotionale Achterbahn der Betroffenen zu beruhigen.
  • Liebesentzug vermeiden: Liebesentzug ist eine besonders schädliche Methode im Umgang mit Borderline-Patienten. Er verstärkt die Angst vor Zurückweisung und kann zu selbstschädigendem Verhalten führen.
  • Selbstverletzendes Verhalten nicht dramatisieren: Selbstverletzungen sollten nicht ignoriert, aber auch nicht überbewertet werden. Sachliche Hilfe und das Gespräch über die zugrundeliegenden Emotionen sind wichtig.
  • System einbeziehen: Die Unterstützung des familiären Umfelds ist entscheidend. Oftmals engen Angehörige die Betroffenen zu sehr ein, was die Symptomatik verstärkt.
  • Ambulante Therapie bevorzugen: Ambulante Therapie bietet mehr Flexibilität und Freiheit als stationäre Behandlung. Im stationären Setting fühlen sich Betroffene oft eingeengt und kontrolliert.
  • Geduld und Verständnis: Heilungsprozesse brauchen Zeit und Geduld. Betroffene müssen lernen, mit ihren Emotionen umzugehen und Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.

Konkrete Hilfestellungen:

  • Stützende Bezugspersonen: Betroffene brauchen stabile Bezugspersonen, die ihnen Halt und Sicherheit geben.
  • Therapeutische Begleitung: Eine Therapie kann helfen, die Ursachen der Borderline-Störung aufzuarbeiten und neue Verhaltensweisen zu erlernen.
  • Kreative Ausdrucksmöglichkeiten: Betroffene sollten ermutigt werden, ihre Emotionen auf kreative Weise auszudrücken, z.B. durch Kunst, Musik oder Sport.
  • Verständnis für die Suchtproblematik: Sucht und Borderline treten häufig gemeinsam auf. Auch hier ist es wichtig, nicht zu moralisieren, sondern die Betroffenen in ihrer Eigenverantwortung zu stärken.

Wichtige Punkte im Umgang mit dem familiären Umfeld:

  • Mutter der Betroffenen unterstützen: Die Mutter spielt eine wichtige Rolle bei der Stabilisierung der Betroffenen.
  • Vater einbeziehen: Der Vater sollte in den Unterstützungsprozess einbezogen und ermutigt werden, die Mutter zu unterstützen.
  • Geschwister entlasten: Geschwister sollten nicht in die Rolle des „Ersatztherapeuten“ gedrängt werden.
  • Professionelle Unterstützung: Mütterberaterinnen und andere Fachpersonen können wertvolle Unterstützung bieten.

Zusätzliche Anmerkungen:

  • Dr.med. Ursula Davatz betont, dass Borderline-Persönlichkeitsstörungen heilbar sind.
  • Die Heilungschancen hängen stark von der Qualität der therapeutischen Beziehung und der Unterstützung durch das Umfeld ab.
  • Wichtig ist, den Betroffenen mit Respekt und Wertschätzung zu begegnen und ihnen zu helfen, ihre eigenen Stärken zu entdecken.

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