Wir behandeln Menschen und nicht Symptome

Die Psychiatrie lehnt sich noch immer viel zu stark an die somatische Medizin an, in der man an erster Stelle Krankheitssymptome behandelt. In der Psychiatrie beschäftigt man sich mit dem Gehirn, ein soziales und gleichzeitig plastisches Organ, das sehr stark von der Interaktion mit dem Umfeld abhängig ist und dadurch auch verändert und geprägt wird, im Sinne der Epigenetik. Die Familiengeschichte wie auch die persönliche Lebensgeschichte spielen aus dieser Sicht bei psychischen Krankheiten eine enorm wichtige Rolle und dürfen nicht ausgelassen werden. In diesem Sinne sollte immer der Mensch innerhalb seiner Lebensgeschichte behandelt und nicht nur seine Krankheitssymptome bekämpft werden. Nur so ist eine ganzheitliche und persönliche Behandlung möglich.

REFERAT UND OFFENE TÜREN Donnerstag, 26. September 2019

HotA Aargau Feerstrasse 13, 5000 Aarau

ab 18.00 Uhr offene Türen

um 19.30 Uhr Referat Dr.med. Ursula Davatz

Anmeldung bis 24. September erwünscht: info@hota.ch oder 062 834 00 70.

Parkplätze im Bahnhofparkhaus oder in der Stadt.

Eintritt frei

PDF: AGDGS_AktionstagePG_Brosch19_Ursula_Davatz_15

Broschüre: AGDGS_Aktionstage_Broschüre_2019

STERBEBEGLEITUNG – Intensivbehandlung der letzten Stunde

Wir Ärzte haben uns verpflichtet, Leben zu erhalten, Leiden zu mindern und als Erstes nicht zu schaden (primum nihil nocere). Doch was ist Leben? Ein Herz, das schlägt? Eine Lunge, die atmet? Oder eine Seele, die ihren Frieden sucht?

Als Psychiaterin und Seelendoktor setze ich mich für die Seele ein, die ihren Frieden sucht.

Sterben

  • Sterben heisst Abschiednehmen vom Leben und allem, was einem am Leben lieb ist. Sterben heisst loslassen.
  • Es lässt sich jedoch schlecht Abschiednehmen von ungelösten Konflikten innerhalb von Beziehungen.
  • Im Zorn, in der Wut, in der Bitterkeit, in der Enttäuschung oder in der Verzweiflung lässt sich schlecht loslassen. All diese Gefühle lassen uns am Leben festkrallen und verhindern ein Loslassen. In der Wut kann man nicht in Frieden gehen.
  • Im Zorn lässt sich auch keine Beziehung auflösen, auf die Dauer kann man höchstens kurz davonlaufen, aber nicht loslassen.
  • Alle Scheidungen im Zorn erlauben kein Loslassen. ImGegenteil, der Ehekonflikt verfolgt beide Partner auf Lebzeiten. Das gleiche Prinzip gilt für Familienkonflikte. Ein Mensch kann schlecht sterben, schlecht loslassen, wenn noch ungelöste Konflikte um ihn herum sind.
  • Die Erfahrung hat mir gezeigt, dass angesichts eines drohenden Todes ein grosses Bedürfnis besteht, zwischenmenschliche Konflikte wenn möglich aufzulösen. Beide Seiten haben ein grosses Bedürfnis nach Versöhnung.
  • Stirbt ein Konfliktpartner weg, bleibt der Andere zurück mit dem ungelösten Problem, was dann die Trauer um den Toten unglaublich erschwert, ja manchmal verunmöglicht und somit eine grosse Belastung ist. Der Sterbende kann sich nicht richtig verabschieden, nicht richtig loslassen, wenn der Konflikt nicht gelöst ist.
  • Häufig kommen auch ungelöste Konflikte aus dem früheren jungen Leben, die lange Zeit erfolgreich verdrängt wurden, angesichts des Todes plötzlich wieder zumVorschein.
  • Hier beginnt nun die Intensivbehandlung der letzten Stunde.

Intensivbehandlung vor dem Tod

  • Bekanntlich werden in den letzten drei Wochen oder Monaten vor dem Tod am meisten Krankenkosten ausgegeben.
  • Offensichtlich findet kurz vor dem Tode bei vielen Patienten ein intensiver und gleichzeitig teurer medizinischer Kampf gegen den Tod oder die tödliche Krankheit statt.
  • Wir Ärzte haben ja den Auftrag, Leben zu erhalten, wie Anfangs erwähnt.
  • Wir können den Tod aber nicht immer verhindern, der Tod gehört zum Leben, ohne Tod wäre kein individuelles Leben möglich bzw. das individuelle Leben, das wir alle so sehr schätzen und sicher nicht missen wollen, hat den Tod erfunden.
  • Hier setzt also die psychologische Intensivbehandlung ein, und es geht nicht mehr um die medizinischen lebensrettenden Massnahmen.
  • Diese psychologische Intensivbehandlung besteht aus einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Patienten und seinen tiefsten Problemen.
  • Es geht um Sinnfragen und darum, alte Konflikte im Beziehungsnetz in der Familie noch zulösen.
  • Die medizinische Begleitperson darf dabei Fragen stellen, damit der Patient sein Leben in groben Zügen nochmals durchgehen kann im Sinne eines narrativen Rekonstruktivismus.
  • Über das Fragenstellen zur Lebensgeschichte klärt und verdeutlicht sich vieles beim Patienten.
  • Wichtige Personen, Bezugspersonen dürfen, ja müssen noch herbeigerufen werden, damit ein letzter richtiger Austausch stattfinden kann.
  • Viele Versöhnungen oder Klärungen im Familiensystem passieren erst am Sterbebett und sind aber dennoch menschlich wichtig, sowohl für den Sterbenden, damit er loslassen kann, als auch für die Überlebenden, damit sie lang verschleppte Konflikte loslassen können und nicht an die nächste Generation weitergeben müssen.
  • Sie mögen denken, dies gehört zur Seelsorge d.h. zum Pfarrer und nicht zum Arzt. Wenn der Pfarrer bereit ist, eine solche Aufgabe zu übernehmen und der Patient dies auch wünscht, darf man diese Aufgabe durchaus auch an den Seelsorger delegieren.
  • Der Pfarrer hat jedoch eine andere Ausrichtung als der systemisch, d.h. familientherapeutisch ausgerichtete Psychiater, Arzt oder auch diePflegerin oder derPfleger.
  • Der Pfarrer betrachtet das Geschehen rund um den Tod ausreligiöser Sicht, was eine allgemeingültige, ich könnte auch sagen archetypische (nach C. G. Jung) Betrachtungsweise ist.
  • Als Arzt, Psychiater oder Krankenschwester, die über längere Zeit intensiv mit dem Patienten zusammengearbeitet und deshalb eine enge menschliche Bindung zu ihm haben, müssen sie auf individueller Ebene persönlich mit dem Patienten umgehen, damit er sich verstanden und dort abgeholt fühlt, wo er sich befindet. Wir dürfen uns nicht mitarchetypischenAllgemeinplätzen zufrieden geben.
  • Und genau aus diesem Grund ist es wichtig, dass wir Menschen, die kurz vor dem Tod stehen, nochmals in ihre Lebensgeschichte zurückführen, um ihnen dabei behilflich zu sein, eine einigermassen kohärente Narrative über ihr Leben zu erstellen, damit sie als Individuum und Person Ruhe finden können durch die Auflösung  ihrer Konflikte, ihrer wichtigen traumatischen Lebensereignisse, von denen sie kurz vor dem Tod nocheinmal besonders geplagt werden.
  • Dies stellt die Intensivbehandlung eines Patienten vor dem Tod dar, es geht also nicht um medizinische Interventionen und lebensverlängernde Massnahmen, sondern vielmehr um lebensklärende Massnahmen durch persönliche, mutige Fragestellungen an den Patienten und sein Familiensystem.

Fallbeispiel: Eine MS-Patientin konnte nicht sterben, weil ihre Geschwister noch zu sehr abhängig von ihr waren, denn sie war stets die Schwester, die am meisten Verantwortung getragen hatte in der Familie. So musste sie – obwohl ihre Kräfte dies längst nicht mehr erlaubten – auf Anordnung ihrer Geschwister mit der Spitex-Schwester täglich in der Stube auf und ab gehen. Die Spitex-Schwester war wütend auf die Geschwister, sie fand es unmenschlich, was man von ihr verlangte. Sie konnte die Situation fast nicht mehr ertragen. In einer Supervision kam diese Geschichte zur Sprache und ich riet ihr, das Gespräch mit ihnen zu suchen. Der Ausgangspunkt dabei sollte die Angst vor dem Sterben der Schwester sein und die Folgen des Todes für jedes Einzelne der Geschwister. Die Spitex-Schwester befolgte meinen Rat. Die Situation entspannte sich, die Patientin musste die Stube nicht mehr durchqueren. Die Patientin durfte sich nun um ihren nahenden Tod kümmern. Sie wollte ein Gedicht für ihr Begräbnis verfassen. Alle zusammen brauchten teilweise einen ganzen Tag, um ein Wort der Patientin zu verstehen, da sie fast nicht mehr reden konnte. Als das letzte Wort aufgeschrieben und das Gedicht vollendet war, starb die Patientin. Es war ein tiefbewegendes, unvergessliches Erlebnis für die Spitex-Schwester, als sie an der Beerdigung teilnehmen durfte, und die Familie war ihr sehr dankbar für ihre Sterbebegleitung.

Das starke und mutige, professionelle Gegenüber

  • Um eine solche Art der Sterbebegleitung als Intensivbehandlung der letzten Stunde durchführen zu können, braucht der Arzt oder die Krankenschwester viel Mut und innere Standfestigkeit.
  • Man muss den Tod ganz nah an sich herannehmen, man darf nicht Angst vor ihm haben, man darf  nicht vor ihm davonlaufen und sich hinter medizinischen oder pflegerischen Massnahmen verstecken.
  • Ist man bereit dazu, dann kann einem die Begleitung eines Sterbenden auch viel Kraft geben.
  • Jeder Tod eines Menschen gibt auch Kraft an die Zurückgebliebenen ab.Ich möchte sie alle dazu auffordern und aufmuntern, mutig zu sein und als professionelle Helfer ihre Patienten vor dem Tod mit offenen, persönlichen und familiensystemisch bezogenen, ehrlichen Fragen zu begleiten anstatt mit medizinischem Aktivismus der letzten Stunde, der ablenkt von der eigenen Angst vor dem Tod.Sie werden seelische Kraft daraus schöpfen. Ihr Patient und seine Familie werden Ihnen dankbar dafür sein.

Der vermessene Mensch

Die Computertechnik, die medizinische Technik u. die Kommunikationstechnik hat sich in den letzten Jahren rasant verbessert. Der Mensch versucht mit dem Fortschrittstempo  seiner eigenen Erfindungen Schritt zu halten. Er stellt  eifrig Normen auf um das menschliche Verhalten und den Geldfluss  möglichst genau berechnen zu können und dadurch besser in den Griff zu bekommen. Er verwendet dabei mathematische Formeln, Statistiken, Computerberechnungen etc., stellt Benchmarking Normen und Qualitätskontrollen auf, verfasst Regeln und Richtlinien, erlässt neue Gesetze, und immer wieder läuft der Mensch und das menschliche Leben aus dem Ruder in beiden Richtungen, d.h. der Mensch wird kreativ und durchbricht die Regeln, oder er bleibt dennoch krank oder wird sogar kränker durch all diese Normierungs- und Erfassungsmassnahmen.
Als Aerztin und Psychiaterin bin auch ich diesem medizinischen Normierungsdruck ausgesetzt, welcher meine Patienten zum Teil krank macht. So wird mir z.B. von Fachangestellten einer Krankenkasse, einer Taggeldversicherung oder der Invalidenversicherung vorgeschrieben welche Therapie ich zu betreiben habe, damit ich mich in der allgemein anerkannten therapeutischen Norm bewege, eine Norm, die z.B. aufgestellt wurde von einer Pharmafirma, oder einem Depressions – Forschungs-Team einer Universität. Und wenn ich mich nicht nach dieser Norm verhalte, bekommt mein Patient kein Taggeld ausbezahlt, wenn ich ihn krank geschrieben habe, oder die Invalidenversicherung bewilligt keine Berufliche Eingliederung. Ich werde auch gefragt, ob mein Patient denn wirklich schön brav gehorsam sei, d.h. ich werde nach seiner Compliance gefragt.
Auch die Dosierung des Medikamentes wird von der Versicherung überwacht. Selbst die Motorfahrzeugkontrolle kann meine Behandlung des Patienten durch die Auflage einer regelmässigen Butspiegelnkontrolle der Medikamente überwachen und gutheissen oder verurteilen. Ob diese besagte Norm meinem Patienten entspricht spielt keine Rolle. Der kranke Mensch wurde medizinisch statistisch nach den modernen Regeln der Kunst vermessen und die Krankheit normiert. Auch mein Patient muss da hineinpassen, damit man ihn kontrollieren kann.
All dies scheint mir eine wahrhaft „vermessene“ Idee des Menschen, den Menschen,  seine Krankheit, und die Kosten  auf diese Weise in den Griff zu bekommen.
Als ich Medizin studierte vor vielen Jahren an der ältesten Universität der Schweiz, d.h. in Basel habe ich gelernt, dass das vermessene Gehirn von Erasmus von Rotterdam, obwohl es viel kleiner war als das Durchscnittsgehirn eines Homo sapiens sapiens, dennoch sehr funktionstüchtig war, sprich intelligent. Auch habe ich gelernt, dass das medizinische Handwerk eine Kunst sei, eben die ärztliche Kunst. Dies Weisheit scheint im heutigen Gesundheitswesen vergessen gegangen zu sein. Die Kunst zeichnet sich gerade aus durch das Einzigartige, Individuelle und nicht durch die Norm. So halte ich mich an das Prinzip, dass jeder Mensch einzigartig ist, u. dass ich das Recht habe ihm als Aerztin  zu begegnen in seiner Einzigartigkeit, und für ihn ein individuelles Therapieprogramm zu erarbeiten, das vielleicht nicht immer der allgemein anerkannten Norm entspricht. Schlussendlich zählt ja das Resultat, das sogenannte „outcome“, und ich muss sagen, ich habe mit meiner Methode gute Erfahrungen gemacht.