Der Ausdruck „Psychiatrie im Offside“ dient als Untertitel des Buches von Dr. med. Ursula Davatz und fasst ihre grundlegende Kritik an der aktuellen Herangehensweise der Psychiatrie im Umgang mit dem ADHS/ADS-Neurotyp zusammen.
Die Hauptthese ist, dass die Psychiatrie im Verständnis und in der Behandlung von ADHS/ADS hinterherhinkt und systemische Aspekte, die für diesen Menschentyp entscheidend sind, vernachlässigt.
Hier sind die zentralen Kritikpunkte, die das „Offside“ der Psychiatrie begründen:
1. Fokussierung auf das Individuum und die Symptome
Die Psychiatrie wird dafür kritisiert, dass sie sich fast ausschließlich auf den Einzelnen (das Individuum) konzentriert und nur die Symptome bekämpft und behandelt.
- Vernachlässigung des Umfelds: Dies ist das größte Problem: Die Psychiatrie geht wenig bis gar nicht mit dem Umfeld um. Wenn psychische Störungen auftreten, werden die Betroffenen zwar an die Psychiatrie weitergegeben, diese kann jedoch nicht sehr gut damit umgehen.
- Systemische Notwendigkeit: Bei ADHS/ADS muss man hingegen immer den ganzen Menschen und das ganze System unterstützen, wenn man etwas erreichen möchte.
2. Mangel an systemischer und präventiver Unterstützung
Dr. Davatz sieht ein großes Manko darin, dass die Psychiatrie noch nicht so weit vorgedrungen ist, das Umfeld zu unterstützen.
- Fehlende Familientherapie: Obwohl die systemische Therapie und Familientherapie zeitweise in Mode war (in den USA in den 1970er und 1980er Jahren und danach in der Schweiz), findet man heute sehr wenige systemisch ausgebildete Ärzte mehr, die mit der Familie umgehen können.
- Prävention als Lösung: Die Prävention von psychischen und körperlichen Krankheiten beginnt viel früher, nicht erst, wenn der Patient eine Krankheit hat – dann sei es oft schon zu spät. Das Umfeld müsste bereits in den Entwicklungsjahren (schon im Kindergarten) unterstützt werden, damit sich gar keine Krankheit entwickelt.
3. Fehlinterpretation von Folgeerkrankungen
Die Psychiatrie hält an einem veralteten Verständnis fest, was ADHS/ADS betrifft:
- Kritik an der Komorbidität: Die Psychiatrie spricht immer noch von Komorbidität (dem gleichzeitigen Vorliegen mehrerer Krankheiten, z. B. ADHS/ADS und Schizophrenie).
- Folgekrankheiten: Dr. Davatz hingegen betont, dass psychische Störungen wie Schizophrenie, bipolare Störungen, Delinquenz, Essstörungen und Borderline-Persönlichkeitsstörung immer Folgekrankheiten sind, die entstehen, wenn der sensible Neurotyp stark gestresst oder nicht artgerecht behandelt wird.
4. Ausschließlich medikamentöser Ansatz
Ein weiterer Kritikpunkt ist die Fixierung auf Medikamente ohne entsprechende begleitende Maßnahmen:
- Medikamenten-Fokus: Medikamente sind zwar in Akutsituationen enorm hilfreich, um die Stimmung zu regulieren. Dr. Davatz kritisiert jedoch die Psychiatrie, wenn sie bei den Medikamenten stehen bleibt.
- Unverändertes Umfeld: Allein durch Medikamente wird das Umfeld nicht verändert, und die Menschen lernen nicht besser, mit ihrem Temperament umzugehen. Manche Ärzte fragen den Patienten nur, wie es mit den Medikamenten geht.
5. Fehlendes Engagement und fehlendes Wissen
Die Ärzteschaft und die Psychiatrie hinken hinterher, was das Wissen und die Verbreitung von Informationen über ADHS/ADS angeht. Dies zeigte sich unter anderem darin, dass bei einer Tagung der Schweizerischen Psychiatriegesellschaft kein Referat zum Thema ADHS/ADS gehalten wurde.
https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/10/Rigi_Buchvorstellung_2.10.2025.m4a.pdf


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