Genetische Aspekte der Autismus-Spektrum-Störung und verwandter Erkrankungen

Dr.med. Ursula Davatz geht in ihrem Vortrag ausführlich auf die genetischen Aspekte der Autismus-Spektrum-Störung (ASS) und verwandter Erkrankungen ein. Sie betont, dass Genetik in der Medizin eine grosse Rolle spielt und verweist auf Genomweite Assoziationsstudien (GWAS), die die gesamte Gensequenz analysieren.

Zentrale Erkenntnisse aus den GWAS-Studien:

  • Es wurde festgestellt, dass Schizophrenie, bipolare Störung, Autismus, schwere Depression und ADHS/ADS den gleichen veränderten Genlocus aufweisen.
  • Dies deutet darauf hin, dass diese psychischen Erkrankungen genetisch miteinander verwandt sind.
  • Dr. Davatz schliesst daraus, dass die genetische Konstellation von ADHS/ADS die Grundlage für diese Erkrankungen bildet.

Weitere genetische Aspekte:

  • Dr. Davatz erwähnt den Fall eines autistischen Jungen, der weder sprach noch schrieb, aber nach der Verabreichung von Ritalin, einem Medikament zur Behandlung von ADHS, plötzlich mit dem Schreiben begann.
  • Dieser Fall unterstreicht den engen Zusammenhang zwischen ADHS/ADS und Autismus.
  • Dr. Davatz spricht auch von der Genverwandtschaft zwischen Autismus und Schizophrenie und erwähnt Albert Einstein, einen erfolgreichen Autisten, dessen Sohn aus erster Ehe an Schizophrenie litt.

Zusammenfassend:

Die Erkenntnisse aus den GWAS-Studien und die von Dr.med. Ursula Davatz erwähnten Fallbeispiele legen nahe, dass genetische Faktoren eine bedeutende Rolle bei der Entstehung von ASS und verwandten Erkrankungen spielen. Die gemeinsame genetische Grundlage könnte erklären, warum diese Störungen oft ähnliche Symptome aufweisen und warum bestimmte Medikamente, wie Ritalin, positive Auswirkungen auf verschiedene Erkrankungen haben können.

https://ganglion.ch/pdf/Wendepunkt-ASS-26.11.2024.m4a.pdf

Die Beziehung zwischen ADHS und ADS

Dr.med. Ursula Davatz erörtert in ihrem Vortrag den Zusammenhang zwischen ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) und ADS (Aufmerksamkeitsdefizitstörung). Sie weist darauf hin, dass beide Störungen eine gemeinsame genetische Grundlage haben. Genomweite Assoziationsstudien (GWAS) haben gezeigt, dass ADHS/ADS, Schizophrenie, bipolare Störung, Autismus und schwere Depression denselben veränderten Genlocus aufweisen. Dies deutet darauf hin, dass diese Störungen genetisch miteinander verwandt sind.

Dr.med. Ursula Davatz räumt ein, dass sie nicht sicher sagen kann, ob ADHS und ADS genetisch unterschiedlich sind. Sie beschreibt jedoch beobachtbare Unterschiede im Verhalten:

  • ADHS: Betroffene reagieren nach außen, was sich in Hyperaktivität und Aggressivität äußern kann.
  • ADS: Betroffene reagieren nach innen, indem sie viel nachdenken.

Gemeinsamkeiten von ADHS/ADS und Autismus:

Sowohl Menschen mit ADHS/ADS als auch Autisten sind hochsensibel. Autisten neigen dazu, viele Dinge miteinander zu verknüpfen und brauchen daher länger, um zu einem Schluss zu kommen. Ähnliches gilt für ADS, da Betroffene viel nachdenken.

Darüber hinaus betont Dr. Davatz, dass Ritalin, ein Medikament zur Behandlung von ADHS, in einem Fall dazu führte, dass ein autistischer Junge, der weder sprach noch schrieb, plötzlich mit dem Schreiben begann. Dies unterstreicht den engen Zusammenhang zwischen ADHS/ADS und Autismus.

Dr.med. Ursula Davatz kommt zu dem Schluss, dass das Gehirn ein ganzheitliches Organ ist, in dem alles zusammenkommt und dass man es von verschiedenen Seiten her angehen kann. Die Unterscheidung zwischen ADHS und ADS, sowie zwischen diesen Störungen und Autismus, ist daher möglicherweise nicht so eindeutig, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag.

Zusätzliche Einblicke:

  • Autisten, wie auch Menschen mit ADHS/ADS, brauchen klare Strukturen und sind leicht verunsichert, wenn diese Strukturen verändert werden.
  • Extrinsische Motivation funktioniert bei ADHS/ADS nicht, sie brauchen intrinsische Motivation.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ADHS und ADS eng miteinander verwandt sind und viele Gemeinsamkeiten mit Autismus aufweisen. Die genetische Veranlagung spielt bei allen drei Störungen eine Rolle, und die Grenzen zwischen den einzelnen Diagnosen sind fliessend.

https://ganglion.ch/pdf/Wendepunkt-ASS-26.11.2024.m4a.pdf

Diskussion über die Autismus-Spektrum-Störung (ASS)

Dr.med. Ursula Davatz, eine erfahrene Psychiaterin, liefert in ihrem Vortrag wertvolle Erkenntnisse über die Autismus-Spektrum-Störung (ASS) und den Umgang mit betroffenen Personen. Sie betont die genetische Verwandtschaft zwischen ASS, Schizophrenie, bipolarer Störung, schwerer Depression und ADHS/ADS und verweist auf Studien, die einen gemeinsamen veränderten Genlocus bei diesen Erkrankungen zeigen.

Besonderheiten von Autisten:

  • Soziale Zurückgezogenheit: Autisten sind häufig sozial zurückgezogen und es kann schwierig sein, an sie heranzukommen. Im Extremfall bricht die Kommunikation komplett ab. Dies ist vergleichbar mit dem Verhalten von Schizophrenen, die sich ebenfalls zurückziehen können. Der Extremzustand bei Schizophrenie ist die Katatonie, bei der Betroffene zwar noch wahrnehmen, aber handlungsunfähig sind.
  • Fehlende Empathie?: Es wird oft behauptet, dass Autisten keine Empathie haben. Dr. Davatz widerspricht dieser Annahme und erklärt, dass Autisten sehr wohl Empathie empfinden. Allerdings können sie aufgrund von Schwierigkeiten bei der Gesichtserkennung (Agnosie) und Scheuheit die Mimik ihres Gegenübers nicht richtig deuten. Blickkontakt wird von Autisten oft als Bedrohung empfunden, was zu weiterem Rückzug führt.
  • Hypersensitivität: Autisten sind hypersensibel und reagieren empfindlich auf Reize aus ihrer Umwelt.
  • Bedürfnis nach Struktur: Sie brauchen klare Strukturen und Routinen, um sich sicher zu fühlen. Änderungen können zu Verunsicherung und starken emotionalen Reaktionen, bis hin zu Wutausbrüchen, führen.
  • Störungen im Spracherwerb: Manche Autisten haben Schwierigkeiten mit dem Spracherwerb und sind nicht so gut im Formulieren. Dies kann dazu führen, dass sie weniger kommunizieren, da sie unsicher sind, ob sie sich richtig ausdrücken können.
  • Hyperverbale Bezugspersonen: Oft haben Autisten in ihrem Umfeld Personen, die übermässig viel für sie sprechen, was dazu führt, dass der Autist selbst noch weniger spricht.

Genetische Veranlagung und gesellschaftliche Einflüsse:

Obwohl die Gene sich nicht vermehrt haben, wird die Diagnose ASS heute häufiger gestellt. Dr. Davatz führt dies auf ungünstige gesellschaftliche Entwicklungen zurück. Die zunehmende Beschleunigung und der Fokus auf Effizienz und Leistung in der Gesellschaft lassen weniger Zeit für einen sensiblen Umgang mit Autisten.

Umgang mit Autisten:

  • Teilnehmende Beobachtung: Dr. Davatz empfiehlt die „teilnehmende Beobachtung“ als wichtigen Ansatz im Umgang mit Autisten. Anstatt den Autisten passiv zu beobachten, sollte man in Beziehung zu ihm treten, ohne ihn zu überfordern. Durch aufmerksame Beobachtung und Interaktion kann man seine Bedürfnisse und Signale besser verstehen.
  • Low Arousal State: Im Umgang mit Autisten ist es wichtig, selbst ruhig und gelassen zu sein. Aufgeregte oder ungeduldige Kommunikation kann den Autisten zusätzlich stressen.
  • Authentizität: Autisten spüren Unehrlichkeit. Authentisches Verhalten und ein ehrlicher Ausdruck der eigenen Emotionen schaffen Vertrauen.
  • Kooperation statt Gehorsam: Anstatt Befehle zu erteilen, sollte man Autisten zur Kooperation einladen.
  • Geduld: Autisten brauchen oft mehr Zeit, um Informationen zu verarbeiten und Entscheidungen zu treffen. Geduld ist daher essentiell.
  • Worst-Case-Szenario erfragen: Um Ängste und Blockaden zu verstehen, kann es hilfreich sein, den Autisten nach seinem „Worst-Case-Szenario“ zu fragen.

Berufliche Integration:

Die berufliche Integration von Autisten ist eine Herausforderung.

Dr.med. Ursula Davatz‘ Empfehlungen:

  • Talente erkennen: Man sollte die Talente und Begabungen des Autisten erkennen und fördern.
  • Passendes Arbeitsumfeld: Das Arbeitsumfeld sollte den Bedürfnissen des Autisten entsprechen und ihm Sicherheit und Struktur bieten.
  • Beziehungsaufbau: Eine vertrauensvolle Beziehung zu den Arbeitskollegen ist essentiell.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Autisten besondere Bedürfnisse und Herausforderungen haben. Ein respektvoller, geduldiger und einfühlsamer Umgang, der ihre Individualität und Stärken berücksichtigt, ist entscheidend, um ihnen ein selbstbestimmtes und erfolgreiches Leben zu ermöglichen.

https://ganglion.ch/pdf/Wendepunkt-ASS-26.11.2024.m4a.pdf

Anlass im Zentrum Karl der Grosse, 2.12.2023 ADHS20+

Flyertext für den Anlass vom 2. Dezember 2023 im Karl dem Großen, organisiert von ADHS20+ zum Thema ADS, ASS, Hypersensibilität, Asperger Syndrom etc. Das Diagnose stellen von Erscheinungsbildern und Verhaltensweisen hat eine große Bedeutung in der medizinischen Behandlung. Die korrekte Diagnose bzw. Benennung der Symptome verspricht schon eine erfolgreiche Behandlung. In der Psychiatrie trifft diese Annahme aber nicht zu. Psychiatrische Erscheinungsbilder sind sehr stark von ihrem sozialen Umfeld beeinflusst. ADHS, ADS, ASS, Hochsensibilität etc. Zeichnen sich allesamt aus durch eine hohe Sensitivität. Deshalb ist ein neurotypgerechter Umgang mit ihnen besonders wichtig. Der Fokus in diesem Referat soll somit an erster Stelle auf einer kritischen Betrachtung des sozialen Umfelds im Umgang mit diesen Menschen liegen. Was schadet Ihnen und was brauchen Sie, damit Sie sich entwickeln können?

KarlDerGrosse_2.12.2023