Weshalb ist die Sensibilität bei ADHS/ADS relevant?

Die Sensibilität ist bei ADHS/ADS aus mehreren Gründen relevant. Dr.med. Davatz betont, dass Menschen mit ADHS/ADS oft eine hohe, sensible Wahrnehmung haben.

Dies äussert sich wie folgt:

  • Wahrnehmung von Stimmungen und Veränderungen: ADHS/ADS-Kinder nehmen Stimmungen und kleine Veränderungen in ihrer Umgebung sehr schnell wahr. Wenn man eine Mutter frage, welches ihrer Kinder zuerst merkt, wenn es jemandem nicht gut geht, antworte sie meistens, dass es das ADHS/ADS-Kind sei.
  • Leichte Verletzlichkeit: Diese sensible Wahrnehmung kann jedoch auch dazu führen, dass sie schnell verletzt werden.
  • Aggressive Reaktionen bei Verletzungen: Besonders bei Jungen mit ADHS/ADS kann eine Verletzung zu einer aggressiven Reaktion führen. Es kommt dann oft zu Streit und Handgreiflichkeiten, wobei die zugrundeliegende Verletzung oft übersehen wird. Dr. Davatz betont, dass diese Aggressivität meist eine Selbstverteidigung ist.
  • Rückzug bei emotionalen Verletzungen (ADS): Im Gegensatz dazu ziehen sich Menschen mit ADS bei emotionalen Verletzungen eher zurück. In extremen Fällen kann dies bis zur Kommunikationsverweigerung führen.
  • Zusammenhang mit somatischen Erkrankungen: Die hohe Sensibilität von Menschen mit ADHS/ADS kann auch mit somatischen (körperlichen) Erkrankungen zusammenhängen. Da sie leichter erregbar sind und sich mehr aufregen, kann dies zu körperlichen Beschwerden führen. Frauen mit ADHS/ADS leiden beispielsweise häufiger unter Fibromyalgie, Allergien und unruhigen Beinen.

Die Relevanz dieser Sensibilität liegt darin, dass sie das Verhalten und die emotionalen Reaktionen von Menschen mit ADHS/ADS massgeblich beeinflusst. Es ist wichtig für Eltern, Lehrer und andere Bezugspersonen, sich dieser erhöhten Sensibilität bewusst zu sein, um angemessen auf ihre Reaktionen eingehen zu können. Anstatt nur auf das äussere Verhalten zu reagieren, sollte man versuchen zu verstehen, was zu der Reaktion geführt hat und ob eine Verletzung vorausgegangen ist. Dr. Davatz rät, immer zuerst zu fragen, was die Person verletzt hat, bevor es zu einem „Ausraster“ kam.

Zudem kann das Wissen um die hohe Sensibilität helfen zu erklären, warum sich ADHS/ADS-Betroffene in bestimmten Umgebungen oder durch bestimmte Verhaltensweisen schneller überfordert oder negativ beeinflusst fühlen können. Ein verständnisvoller Umgang, der diese Sensibilität berücksichtigt, ist entscheidend für eine positive Entwicklung und zur Vermeidung von Eskalationen oder Rückzug.

https://ganglion.ch/pdf/ADHS_Riedtli_13.3.2025.m4a.pdf

Inwiefern beeinflusst ADHS/ADS die Aufmerksamkeitsspanne?

Gemäss Dr.med. Davatz beeinflusst ADHS/ADS die Aufmerksamkeitsspanne nicht im Sinne einer generellen Störung, sondern vielmehr durch eine „breite Aufmerksamkeit“. Anstatt eines Aufmerksamkeitsdefizits sehen ADHS/ADS-Kinder die Welt mit einem sehr weiten Fokus.

Hier sind die zentralen Punkte, wie ADHS/ADS die Aufmerksamkeit beeinflusst:

  • Breite statt eingeschränkte Aufmerksamkeit: Dr. Davatz argumentiert, dass Kinder mit ADHS/ADS nicht unter einem Mangel an Aufmerksamkeit leiden, sondern eine sehr breite Aufmerksamkeit haben. Sie sind neugierig und interessieren sich für alles.
  • Abhängigkeit von Interesse: Wenn der Lehrer oder der Unterrichtsstoff nicht genügend interessant ist oder wenn die Kinder das Gefühl haben, das Thema bereits zu kennen (möglicherweise durch Informationen aus dem Internet), dann wandert ihre Aufmerksamkeit ab. Sie schauen aus dem Fenster, beobachten ihre Nachbarn oder nehmen kleine Details wahr.
  • Leichte Ablenkbarkeit im Unterricht: In diesem Sinne lassen sich ADHS/ADS-Kinder im Unterricht leicht ablenken. Dr. Davatz betont jedoch, dass dies nur eine Störung in Bezug auf den Unterricht und nicht eine allgemeine Störung der Aufmerksamkeit ist.
  • Vergleich mit Hunden: Sie vergleicht die Aufmerksamkeit von ADHS/ADS-Kindern mit der eines Hundes, der einen neuen Raum betritt und alles abschnuppert und erkundet.
  • Schnelle Auffassungsgabe und Langeweile: Oft geht die breite Aufmerksamkeit mit einer schnellen Auffassungsgabe einher. Wenn Kinder mit ADHS/ADS Dinge schnell verstehen, wird ihnen schnell langweilig, was wiederum zu einer Abnahme der Aufmerksamkeit führen kann.
  • Unter- oder Überforderung: Die Aufmerksamkeit kann auch beeinflusst werden, wenn Kinder mit ADHS/ADS unterfordert sind, weil ihnen der Stoff zu einfach ist, oder wenn sie überfordert werden.
  • Gedankliche Hyperaktivität (bei ADS): Bei Kindern mit ADS äussert sich die „Hyperaktivität“ oft als gedankliche Hyperaktivität. Sie schweifen ab und beginnen zu träumen, wenn das Thema nicht interessant ist.
  • Emotionale Verletzungen: Bei emotionalen Verletzungen ziehen sich ADS-Kinder eher zurück, was ebenfalls ihre Aufmerksamkeit nach innen lenken kann.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ADHS/ADS gemäss Dr.med. Davatz nicht zu einer verminderten Aufmerksamkeitsfähigkeit führt, sondern zu einer Aufmerksamkeit, die sehr leicht von uninteressanten oder bereits bekannten Inhalten abgelenkt wird und sich stattdessen neuen oder fesselnden Reizen zuwendet. Die Herausforderung besteht darin, diese breite Aufmerksamkeit im Lernkontext zu nutzen und die intrinsische Motivation der Kinder zu wecken.

https://ganglion.ch/pdf/ADHS_Riedtli_13.3.2025.m4a.pdf

Eltern mit ADHS/ADS

Transkription

Das Transkript eines Vortrags von Dr. med. Ursula Davatz zum Thema „Eltern mit ADHS/ADS“ fokussiert auf die genetische Vererbbarkeit von ADHS/ADS, betont aber gleichzeitig die entscheidende Rolle des sozialen Umfelds und der Erziehung. Davatz argumentiert gegen eine rein medizinische Sichtweise und plädiert für ein systemisches Verständnis, das die Interaktion zwischen Eltern und Kind berücksichtigt. Der Vortrag beinhaltet praktische Tipps für den Umgang mit ADHS/ADS-Kindern und -Eltern, mit Schwerpunkt auf emotionaler Regulation, Validierung der Gefühle des Kindes und Vermeidung von Machtkämpfen. Schliesslich wird die Bedeutung der Selbstreflexion der Eltern und der Förderung der kindlichen Persönlichkeitsentwicklung hervorgehoben, um ein gesundes Aufwachsen zu ermöglichen.

In der Psychiatrie werden ja auch viele Verträge gemacht. Bei ADHS Kinder funktionieren Verträge nicht.

Zielpublikum: Fachpersonen im Bildungs- und Therapiebereich (Logopädie, Psychomotorik), Eltern, und alle, die am Thema ADHS/ADS interessiert sind.

1. Einleitung: ADHS/ADS – Mehr als eine Krankheit

Dr. med. Ursula Davatz, mit über 40 Jahren Erfahrung, betont zu Beginn, dass ADHS/ADS keine Krankheit ist, sondern ein „Neurotyp“, eine genetisch bedingte Variante der Hirnstruktur. Sie sagt ganz klar: „Als Psychiaterin sage ich ganz klar: es ist keine Krankheit. Es ist nur ein Neurotyp.“ Sie erklärt, dass diese Neurotypen durch eine Kombination von 30 bis 100 Genen vererbt werden. Früher sprach man von „POS-Kindern“ (frühkindliches Psychosomatisches Syndrom), was auf eine Hirnstörung hinwies.

2. ADHS vs. ADS: Zwei Persönlichkeitstypen

Dr.med. Davatz unterscheidet zwischen ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) und ADS (Aufmerksamkeitsdefizitstörung) als zwei unterschiedliche Persönlichkeitstypen:

  • ADHS: Der extrovertierte Typ, der bei Einschränkungen aggressiv wird und eine hohe Sensibilität besitzt. Sie reagieren stark auf „Nein“ und haben eine breite Aufmerksamkeit.
  • Zitat: „Der extrovertierte Typ, der aggressiv wird, wenn man ihn behindert in seiner Aktivität, der verrückt wird, wenn man nein sagt, der alles gerade übernimmt, der hat hinten dran eine hohe Sensibilität.“
  • ADS: Der introvertierte Typ, der eher nach innen flüchtet, mental hyperaktiv ist und dazu neigt, sich Geschichten auszudenken. Sie brauchen mehr Zeit zur Orientierung und reagieren sensibel auf Zwang. Sie tendieren eher zu negativen Gedankenspiralen.
  • Zitat: „ADsler, die werden nicht aggressiv, die flüchten eher nach innen. Die gehen in eine mentale Hyperaktivität hinein.“

3. Kernmerkmale von ADHS/ADS

  • Breite Aufmerksamkeit: Sowohl ADHS- als auch ADS-Betroffene haben eine breite, nicht-selektive Aufmerksamkeit, was in der Schule als „Aufmerksamkeitsstörung“ gesehen wird, aber in anderen Kontexten eine Stärke sein kann. Sie haben Schwierigkeiten zu unterscheiden, was wichtig ist.
  • Zitat: „Wenn man das Kind in die Natur raus schickt, dann ist es nicht eine Störung, sondern dann ist es eine breite Aufmerksamkeit.“
  • Teasing und Spielreflex: ADHSler nutzen Teasing, um Reaktionen zu testen. Dieses Verhalten kann in einem gut erzogenen Umfeld als frech oder unpassend wahrgenommen werden.
  • Zitat: „ADHSler sind viel mehr unterwegs mit Teasing, um herauszufinden, wie der andere reagiert.“
  • Impulsivität: ADHSler reagieren spontan und können ihre Impulse nicht sofort stoppen. Bestrafung ist in solchen Momenten ineffektiv.
  • Zitat: „Im Augenblick, wo die Impulsivität losgeht, kann der das nicht stören und da kann man sie nicht bestrafen. Da bringt das überhaupt nichts.“
  • Sensibilität: Menschen mit ADHS/ADS nehmen oft Dinge wahr, die anderen entgehen. Sie können auch hypersensibel auf Berührungen (z.B. Wolle), Geschmack und auditive Reize reagieren.

4. Regionale Unterschiede und kulturelle Wahrnehmung

Dr.med. Davatz deutet an, dass ADHS/ADS im Mittelmeerraum häufiger vorkommt und dort besser akzeptiert wird. Es wird oft als „südländisches Temperament“ betrachtet. In der Deutschschweiz hingegen werden diese Verhaltensweisen eher als problematisch angesehen. * Zitat: „In dem Sinn, weil das zum mittelmeerländischen Temperament gehört, sagen wir dann, wenn jemand so ist, das ist einfach das südländische Temperament.“

5. Die Rolle des Umfelds

  • Falscher Umgang führt zu Folgeerkrankungen: Eine zentrale Aussage ist, dass ADHS/ADS selbst keine Krankheit ist, aber ein falscher Umgang damit zu psychischen Erkrankungen (Depressionen, Sucht, Essstörungen, Delinquenz) führen kann.
  • Zitat: „Wenn man auf der anderen Seite ist, also ich sage, es ist keine Krankheit, aber viele werden dann krank, weil man nicht geschickt mit ihnen umgeht.“
  • Umfeld muss lernen, besser damit umzugehen: Das Umfeld (Eltern, Lehrpersonen, Therapeuten) muss lernen, ADHS/ADS-Kinder besser zu verstehen und zu unterstützen, anstatt sie zu „reparieren“. Hier in der Schweiz gibt es grossen Nachholbedarf.
  • Zitat: „Eigentlich müsste das Umfeld lernen mit diesen Kinder besser umzugehen.“

6. Verbindung zu anderen Entwicklungsstörungen

  • Kontinuum ADS-Autismus: Dr.med. Davatz sieht ADS als ein Kontinuum, das bis zum Autismus reichen kann. Sie vermutet, dass viele Autismusdiagnosen eigentlich ADS-Fälle sind.
  • Zitat: „Das Kontinuum ist ADS und das kann Richtung Autismus gehen. Das ist dann extrem.“
  • Komorbiditäten sind Folgeerkrankungen: Sie lehnt den Begriff „Komorbidität“ ab und betont, dass Depressionen, Sucht etc. Folgeerkrankungen des ADHS/ADS-Neurotyps sind, wenn dieser falsch behandelt wird.
  • Zitat: „Die Psychiatrie sagt Komorbidität, die reden dann immer von Komorbidität. Ich sage nein, es ist der Neurotyp, der zu dem und zu dem führen kann.“
  • Lernschwierigkeiten: ADHS/ADS kann mit Lernschwierigkeiten (LRS, Dyskalkulie) einhergehen. Sie betont, dass die emotionale Verfassung des Kindes einen Einfluss auf den Lernprozess hat und die Schwierigkeiten nicht nur kognitiv bedingt sind.

7. Bedeutung der Selbstwahrnehmung

  • Schamgefühle: Sie betont die Bedeutung von Schamgefühlen bei Kindern mit ADHS/ADS. Sie schlagen oft den Weg des Ausweichens ein, statt sich den Schwierigkeiten zu stellen. Dies ist ein wichtiger Punkt, an dem es anzusetzen gilt.
  • Zitat: „Es ist eigentlich immer die Scham.“
  • Fehlende Selbstwirksamkeit: Negative Erfahrungen können zu einem „Hamsterrad im Kopf“ führen, in dem sie ihre Misserfolge wiederholen.
  • Zitat: „Sie erzählen sich dann eigentlich ihre eigenen Misserfolge. Das dreht dann im Hirn. Das ist das Hamsterrad im Kopf. Da kommen sie fast nicht heraus.“

8. Umgangstipps und Strategien

Dr.med. Davatz gibt zahlreiche praktische Ratschläge:

  • Kein „Nein“ sagen: Anstatt „Nein“ zu sagen, sollte man sagen, was man will und die Kinder in die Lösungsfindung einbeziehen.
  • Zitat: „Man darf ihnen nie Nein sagen. Man muss sagen: Bei mir läuft es so, ich will es so.“
  • Validierung und Wertschätzung: Das Kind in seiner Wahrnehmung und seinen Fehlern ernst nehmen und diese validieren.
  • Zitat: „Man muss das ADHS Kind sogar wertschätzen in dem, wie es die Sache macht, indem wie das ADHS Kind es falsch macht und dann sagen: Aha, du hast das so gemacht.“
  • Kooperation statt Gehorsam: Die Kinder zur Kooperation auffordern, anstatt Gehorsam zu verlangen.
  • Zitat: „Man muss sie zur Kooperation auffordern und nicht zum Gehorsam.“
  • Appell und Kontakt: Sicherstellen, dass man die Aufmerksamkeit des Kindes hat, bevor man etwas sagt oder verlangt. Blickkontakt suchen und nachfragen, was in ihrem Kopf vorgeht.
  • Zitat: „Man muss vom ADHS/ADS Kind die Aufmerksamkeit haben. Man muss sehen, ist das Kind da?“
  • Flexibilität und Kreativität: Bei Problemen kreative Lösungen suchen und nicht auf starre Regeln bestehen.
  • Zitat: „Man muss dann immer kreative Lösungen finden.“
  • Distanz, aber nicht vergessen: Sich zurückziehen können (räumlich und mental), aber präsent bleiben.
  • Intrinsische Motivation: Das Kind in die Problemlösung einbeziehen, um die intrinsische Motivation zu stärken.
  • Zitat: „Sobald man das ADHS Kind miteinbezieht in Problemlösung, sind sie intrinsisch motiviert und man lernt sie auch besser kennen.“
  • Scham ansprechen und überwinden: Das Gefühl der Scham thematisieren und als Chance zur Überwindung und zum Wachstum nutzen.
  • Zitat: „Ich könnte mir vorstellen, dass du dich schämst. Aber weisst du, wenn du das überwindest, weisst du wie toll, weisst du wie stolz du dann bist?“

9. Bedeutung für Fachpersonen (Logopädie, Psychomotorik)

  • Weichenstellerrolle: Fachpersonen sollten sich ihrer Rolle als „Weichensteller“ bewusst sein und die Eltern für ADHS/ADS sensibilisieren.
  • ADHS/ADS-Abklärung bei LRS: Bei Lernschwierigkeiten (z.B. LRS) sollte auch eine Abklärung auf ADHS/ADS erfolgen.
  • Zitat: „Die Logopädinnen müssen dann sagen, dass man hinter dem LRS auch noch nach einem ADHS, ADS suchen muss, also abklären lassen.“
  • Zusammenarbeit: Vernetzung mit anderen Fachpersonen (Ärzte, Psychiater, Coaches) ist wichtig.
  • Zitat: „Man muss ein bisschen suchen gehen.“

10. Umgang mit Widerstand

  • Nicht stossen: Wenn das Kind blockiert, nicht stossen wollen, sondern sich selbst beruhigen und eine neue Idee entwickeln.
  • Zitat: „Wenn das Kind blockiert, nicht stossen wollen. Das ertragen sie überhaupt nicht.“
  • Nicht in Machtkämpfe geraten: Wenn das Kind sich dem Aufräumen verweigert, keine Konsequenzen androhen, sondern die Zeit so einteilen, dass zum Aufräumen genügend Zeit bleibt, oder die Aktivität in ein „Aufräumspiel“ umwandeln.
  • Zitat: „In der Psychiatrie werden ja auch viele Verträge gemacht. Bei ADHS Kinder funktionieren Verträge nicht.“

11. Fazit

ADHS/ADS ist ein Neurotyp und keine Krankheit. Der Schlüssel zum Erfolg im Umgang mit Betroffenen liegt in einem besseren Verständnis, einer wertschätzenden und validierenden Haltung, sowie einer positiven und kreativen Herangehensweise. Die Integration in die Lösungsfindung ist eine weitere Schlüsselkomponente. Die Psychiatrie und die Schule sollten weniger diagnostizieren und mehr auf den einzelnen Neurotyp eingehen.

Nächste Schritte:

  • Weiterbildung für Lehrpersonen und Eltern.
  • Frühzeitige Abklärung bei Verdacht auf ADHS/ADS.
  • Vernetzung von Fachpersonen.
  • Sensibilisierung der Öffentlichkeit.
  • Förderung einer persönlichkeitsgerechten Pädagogik und Therapie.

Hochsensible Wahrnehmung: Eine tiefgehende Betrachtung

Die Quellen, insbesondere der Vortrag von Dr. med. Ursula Davatz, bieten eine umfassende Diskussion über hochsensible Wahrnehmung, ihre Auswirkungen auf Betroffene und die Herausforderungen, die sie für das soziale Umfeld mit sich bringt.

Was ist Hochsensible Wahrnehmung?

Hochsensible Wahrnehmung bedeutet, dass die betroffene Person Reize aus der Umwelt intensiver und detaillierter wahrnimmt als der Durchschnitt. Dies betrifft nicht nur die klassischen Sinne wie Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten, sondern auch die emotionale Wahrnehmung.

Auswirkungen auf die Betroffenen:

  • Systemüberlastung: Die intensive Reizverarbeitung kann zu einer schnellen Überlastung des Systems führen („System Overload“).
  • Rückzug: Als Schutzmechanismus ziehen sich hochsensible Menschen häufig zurück, um sich vor Reizüberflutung zu schützen. Im Extremfall kann dies bis zum Autismus führen.
  • Aggression: Wenn der Rückzug nicht möglich ist, kann die Überlastung auch zu aggressivem Verhalten führen.
  • Gerechtigkeitsempfinden: Hochsensible Menschen reagieren besonders empfindlich auf Ungerechtigkeiten, sowohl gegenüber sich selbst als auch gegenüber anderen.

Herausforderungen für das soziale Umfeld:

  • Missverständnisse: Das Umfeld versteht das Verhalten hochsensibler Menschen oft nicht und interpretiert es falsch.
  • Verstärkte Reize: In dem Versuch, die vermeintliche „Nichtaufmerksamkeit“ zu durchbrechen, verstärkt das Umfeld die Reize oft noch, was die Überlastung des Betroffenen weiter erhöht.
  • Beziehungsabbruch: Enttäuschung, Beleidigung und Beziehungsabbrüche sind häufige Folgen der missverstandenen Kommunikation.

Der Umgang mit Hochsensibilität:

Dr.med. Ursula Davatz plädiert für einen respektvollen und verständnisvollen Umgang mit hochsensiblen Menschen.

  • Wahrnehmung ernst nehmen: Anstatt zu versuchen, die Betroffenen an die Norm anzupassen, sollten ihre individuellen Bedürfnisse und Wahrnehmungen respektiert werden.
  • Beziehungen pflegen: Stabile und tolerante Beziehungen sind essenziell für das Wohlbefinden hochsensibler Menschen.
  • Kommunikation: Offene Kommunikation über die eigenen Bedürfnisse und Emotionen, sowohl seitens der Betroffenen als auch seitens des Umfelds, ist wichtig.
  • Konfliktlösung: Konflikte sollten konstruktiv ausgetragen werden, wobei die Bedürfnisse aller Beteiligten berücksichtigt werden sollten.
  • Systemisches Denken: Es ist wichtig, das gesamte System, in dem der hochsensible Mensch lebt, zu betrachten und die Interaktionen zwischen den verschiedenen Akteuren zu verstehen.

Besondere Herausforderungen bei Kindern:

  • Eltern als „Löwenmütter/väter“: Eltern, die sich selbst in ihrer Kindheit nicht verstanden fühlten, neigen dazu, ihre hochsensiblen Kinder übermässig zu schützen und zu verteidigen.
  • „Verwöhnung“: Die Angst vor Überlastung kann dazu führen, dass Eltern ihren Kindern zu viel nachgeben und sie so zu „kleinen Tyrannen“ erziehen.
  • Schulsystem: Das Schulsystem ist oft nicht ausreichend auf die Bedürfnisse hochsensibler Kinder eingestellt.

Lösungsansätze:

  • Wertschätzung aller Beteiligten: Lehrer, Eltern und Kinder sollten in ihren Bedürfnissen und Wahrnehmungen ernst genommen werden.
  • Vermittlung: Neutrale Vermittler, die zwischen den verschiedenen Akteuren im System vermitteln, können helfen, Konflikte zu lösen und Verständnis zu fördern.
  • Fortbildungen: Fortbildungen für Lehrer und Eltern zum Thema Hochsensibilität können das Verständnis und die Handlungskompetenz im Umgang mit hochsensiblen Kindern erhöhen.

Die Quellen betonen, dass Hochsensibilität keine Krankheit ist, sondern eine Persönlichkeitsausprägung. Mit dem richtigen Verständnis und der richtigen Unterstützung können hochsensible Menschen ihre Stärken entfalten und ein erfülltes Leben führen.

https://ganglion.ch/pdf/Autismus.pdf

Unterschiede in den Reaktionen auf Verletzungen bei ADHS und ADS

Die Quellen, insbesondere der Vortrag von Dr. med. Ursula Davatz, beschreiben unterschiedliche Reaktionsmuster von Menschen mit ADHS und ADS auf erlebte Verletzungen.

ADHS-Betroffene:

  • Reagieren aufgrund ihrer hohen Sensitivität und emotionalen Reaktivität stark auf Verletzungen.
  • Neigen dazu, ihre Verletzlichkeit mit aggressiver Abwehr zu schützen.
  • Diese Abwehr kann sich in Form von körperlicher Aggression, Schreien, Schimpfen, Tobsuchtsanfällen oder anderen aggressiven Verhaltensweisen äußern.
  • Dr.med. Ursula Davatz betont, dass diese Aggression nicht angeboren ist, sondern als Schutzmechanismus dient.

ADS-Betroffene:

  • Reagieren auf Verletzungen eher mit Rückzug nach innen.
  • Sie weichen aus und ziehen sich in sich selbst zurück, um der Situation zu entfliehen.
  • Äußerlich zeigt sich dies in vermindertem Augenkontakt und einer allgemeinen Abwesenheit.
  • Dr.med. Ursula Davatz beschreibt dieses Verhalten als „System Overload“, bei dem die Betroffenen aufgrund der vielen Reize und der erlebten Verletzung „zumachen“ und nicht mehr aufnahmefähig sind.

Zusammenfassend reagieren ADHS-Betroffene auf Verletzungen eher mit nach außen gerichteter Aggression, während ADS-Betroffene sich eher nach innen zurückziehen.

Es ist wichtig anzumerken, dass diese Reaktionsmuster nicht bei allen Betroffenen gleich stark ausgeprägt sind und von verschiedenen Faktoren wie dem individuellen Temperament, dem Erziehungsstil und den erlernten Bewältigungsstrategien beeinflusst werden können.

https://ganglion.ch/pdf/ADHS_ADS_Jugendliche_Erwachsene.pdf

Unterschiede in den ADHS-Ausprägungen bei Jungen und Mädchen

Dr.med. Ursula Davatz geht in ihrem Vortrag darauf ein, dass sich ADHS-Ausprägungen bei Jungen und Mädchen unterscheiden können. Sie erklärt, dass bei Jungen ADHS eher sichtbar wird, da sie dazu neigen, aggressiv zu reagieren und dieses Verhalten deutlicher erkennbar ist. Jungen mit ADS erhalten hingegen oft die Diagnose Autismus.

Mädchen mit ADHS neigen eher dazu, sich anzupassen und zurückzuziehen, was dazu führt, dass ADS bei ihnen häufiger diagnostiziert wird. Dr. Davatz weist darauf hin, dass Mädchen, die ADHS haben und sich nicht ausleben können, in der Pubertät vermehrt Depressionen, Zwangsstörungen oder Persönlichkeitsstörungen wie Bulimie entwickeln. Sie erklärt dies damit, dass Mädchen weniger Testosteron haben und daher nicht so aggressiv reagieren können wie Jungen. Stattdessen regulieren sie ihre Emotionen durch Suchtverhalten oder entwickeln Borderline-Persönlichkeiten.

Dr.med. Ursula Davatz räumt jedoch ein, dass sie sich nicht sicher ist, ob ADHS und ADS genetisch wirklich unterschiedlich sind, da dies in Genstudien nicht untersucht wurde.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ADHS bei Jungen eher durch aggressives Verhalten und bei Mädchen durch Rückzug und internalisierte Probleme wie Depressionen zum Ausdruck kommt. Es ist wichtig zu beachten, dass dies nur allgemeine Tendenzen sind und es natürlich auch Mädchen mit aggressiven Verhaltensweisen und Jungen mit internalisierten Problemen gibt.

https://ganglion.ch/pdf/ADHS_ADS_Jugendliche_Erwachsene.pdf

ADHS-Behandlung mit Medikamenten

Dr.med. Ursula Davatz beschreibt die medikamentöse Behandlung von ADHS mit Stimulanzien wie Ritalin. Diese Medikamente, auch bekannt als „Weckamine“, wirken, indem sie das Hirn stimulieren und so die Fokussierung verbessern. Dr. Davatz erklärt, dass Menschen unter Stress besser fokussieren können und dass ADHS-Betroffene dazu neigen, Aufgaben aufzuschieben. Wenn der Stress jedoch kurz vor Abgabe einer Arbeit gross genug ist, schütten sie selber Dopamin aus und können die Arbeit dann erledigen. Ritalin ermöglicht es ihnen, besser zu lernen und Arbeiten früher fertigzustellen, indem es diesen Stresszustand simuliert.

Dr.med. Ursula Davatz erwähnt auch, dass Neuroleptika, die den Dopaminspiegel senken, in Kombination mit Ritalin verschrieben werden können, wenn die Übererregtheit bei ADHS-Betroffenen durch Ritalin allein nicht ausreichend reduziert wird. Die Neuroleptika helfen dabei, die Empfindlichkeit auf Reize zu verringern.

Obwohl Dr.med. Ursula Davatz die medikamentöse Behandlung mit Stimulanzien beschreibt, betont sie auch, dass sie Erwachsenen, die ohne Medikamente durch ihre Kindheit und Jugend gekommen sind, in der Regel kein Ritalin verschreibt, ausser sie befinden sich in einer neuen Lernphase.

Zusätzlich zu den Informationen über die Medikamente selbst erwähnt Dr. Davatz, dass Ritalin in der Vergangenheit auch von Ärzten verwendet wurde, um Prüfungen zu bestehen, und dass in Amerika ein Viertel der Studenten Ritalin verwenden, um ihre Prüfungen zu absolvieren. Sie merkt jedoch an, dass dies in der Schweiz noch nicht so verbreitet ist.

https://ganglion.ch/pdf/ADHS_ADS_Jugendliche_Erwachsene.pdf

Das ideale Umfeld für ADHS-Kinder

Dr.med. Ursula Davatz beschreibt in ihrem Vortrag ein ideales Umfeld für ADHS-Kinder als strukturiert, aber tolerant, mit einem gewissen Mass an Flexibilität. Sie betont, dass es wichtig ist, auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder einzugehen und sie persönlichkeitsgerecht zu erziehen.

  • Klare Strukturen und Rahmenbedingungen: ADHS-Kinder brauchen klare Regeln und Strukturen, um sich orientieren zu können.
  • Toleranz und Flexibilität: Innerhalb dieser Strukturen sollte es aber auch genügend Freiraum für individuelle Bedürfnisse und spontane Aktionen geben.
  • Konfliktfähigkeit der Autoritätspersonen: Eltern und Erzieher sollten in der Lage sein, Konflikte mit den Kindern konstruktiv auszutragen.
  • Aushandlungsprozesse: Anstatt auf Gehorsam zu pochen, sollten Eltern und Erzieher mit den Kindern verhandeln und gemeinsam Lösungen finden.
  • Raum für Bedürfnisausdruck: ADHS-Kinder sollten ermutigt werden, ihre Bedürfnisse und Gefühle auszudrücken, anstatt sie mit aggressivem Verhalten zu überspielen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ein ideales Umfeld für ADHS-Kinder einen Rahmen aus klaren Strukturen bietet, innerhalb dessen aber auch genügend Raum für Individualität, Flexibilität und Aushandlungsprozesse besteht.

https://ganglion.ch/pdf/ADHS_ADS_Jugendliche_Erwachsene.pdf