ADHS, ADS Kinder
Basierend auf den vorliegenden Informationen lässt sich festhalten, dass Erziehungsstile einen erheblichen Einfluss auf die Emotionsregulation von Kindern, insbesondere von ADHS/ADS-Kindern, haben und diese Auswirkungen oft bis ins Erwachsenenalter reichen können. Dr. med. Ursula Davatz betont, dass sie in ihrer beruflichen Praxis häufig Erziehungsfehler ausgleichen muss, die über Jahre hinweg entstanden sind.
Hier sind die wichtigsten Punkte bezüglich ADHS/ADS-Kindern und Emotionsregulation laut Quelle:
- Spezifische Herausforderungen von ADHS/ADS-Kindern: ADHS/ADS-Kinder haben von Natur aus mehr Probleme mit Impuls- und Emotionskontrolle. Ihre Impulse werden von Emotionen gesteuert. Sie sind sehr sensibel, leicht erregbar und haben eine starke Emotionalität. Neurologisch betrachtet, nehmen ihre emotionalen Hirnareale mehr Impulse auf, bleiben länger vernetzt und geraten schneller in einen System Overload. In diesem Zustand können sie nichts mehr hören, verstehen oder Regeln befolgen. Sie sind oft schneller und laufen eher voraus, als zu folgen. Zudem haben sie einen sehr starken Gerechtigkeitssinn und wehren sich gegen Ungerechtigkeiten, auch gegenüber anderen.
- Ineffektivität und Schaden durch bestrafende/emotionale Erziehungsstile:
- Bestrafung und Belohnung (Konditionierung), ein weit verbreiteter Stil auch in der Schule, funktioniert bei ADHS/ADS-Kindern überhaupt nicht. Wenn diese Kinder für ihr Wesen oder Temperament, das sie nicht im Griff haben, bestraft werden, schädigt das ihren Selbstwert und ihre Selbstwirksamkeit. Bestrafung für emotionales Ausrasten oder mangelnde Impulskontrolle behindert und dämpft ihre Persönlichkeitsentwicklung. Es kann zu Rückzugsverhalten (eher bei Mädchen/Frauen) oder Delinquenz (eher bei Knaben/Männern) führen.
- Angst machen und Beschämung schädigen ebenfalls die Persönlichkeitsentwicklung. Beschämung, besonders vor anderen, bewirkt hauptsächlich Aversions- oder Ausweichverhalten, was in Lernsituationen kontraproduktiv ist. Angst führt ebenfalls zu Ausweichverhalten statt Kompetenzerwerb.
- Drohen mit eigener Krankheit/Leiden appelliert an Schuldgefühle und Empathie. Bei Mädchen kann dies zu übermässiger Anpassung und Empathie führen, wodurch sie sich selbst zurückstellen und ihre Persönlichkeitsentwicklung behindern. Sie nehmen ihre Gefühle zurück, was bis zur Gefühlsunterdrückung gehen kann. Diese Anpassung kann dazu führen, dass ADHS/ADS-Diagnosen bei Mädchen oft erst sehr spät gestellt werden. Unterdrückte Emotionen und System Overload können sich im Körper manifestieren und psychosomatische Krankheiten verursachen. Knaben können mit Übersprungverhalten oder Ausweichen reagieren.
- Diese emotionalen und strafenden Erziehungsstile bewirken oft eine starke Emotionskontrolle im Sinne von Unterdrückung und Anpassung, insbesondere bei Mädchen.
- Bestrafung ohne Verarbeitung verhindert das Erlernen echter Emotionskontrolle.
- Umgang mit emotionalen Ausbrüchen von ADHS/ADS-Kindern:
- Bei einem emotionalen Ausbruch, der oft aus einem starken Gerechtigkeitssinn heraus entstehen kann, darf der Ausbruch nicht bestraft werden.
- Stattdessen muss zuerst herausgefunden werden, was das Kind verletzt oder geärgert hat.
- Das Kind darf seine Emotionen äussern.
- Erst wenn der emotionale Ausbruch validiert wurde, d.h. das Kind sich verstanden und akzeptiert fühlt, kann man über sozialkompatible Alternativen sprechen und diese einüben.
- Wahre Emotionskontrolle wird nur erreicht, indem das Kind in seinem Ausbruch verstanden und validiert wird.
- Emotionale Erlebnisse müssen prozessiert und verarbeitet werden, idealerweise in einer ruhigen Situation, um im Grosshirn ohne Emotionen abgelegt zu werden und impulsive Reaktionen zu vermeiden.
- Erziehung durch Prinzipien und Regeln: Dieser Stil wird als intellektuell betrachtet.
- Es ist sinnvoll, klare, altersgerechte und sichtbare Regeln zu haben.
- Regeln sollten nicht starr sein; Ausnahmen müssen diskutiert werden, um Flexibilität zu lehren.
- Das Ziel ist die Internalisierung der Regeln, der Erwerb von Sozialkompetenz und Selbstorganisation.
- Eltern sollten an die Regeln erinnern, anstatt ständig Befehle zu geben, da dies Gehorsam, aber nicht Selbstständigkeit lehrt.
- ADHS/ADS-Kinder folgen nicht gerne; sie müssen intrinsisch motiviert sein. Dies kann erreicht werden, indem man Situationen aufzeigt, Regeln erklärt (aber nicht zu viel, um System Overload zu vermeiden) und sich als Person einbringt („Ich will, dass dies in meinem Haushalt so gemacht wird“, nach Jesper Juul). Es geht darum, sich durchzusetzen, nicht Gehorsam zu verlangen.
- Dieser Stil benötigt Klarheit und Geduld.
- Laissez-Faire: Lässt die Kinder über das Leben und die Reaktionen des Umfelds lernen. Dies sei nicht schlecht, aber in unserer organisierten Welt weniger praktikabel. Impulskontrolle wird hier wahrscheinlich durch die Reaktionen der Umgebung gelernt, z.B. im Umgang mit Tieren. Kinder nehmen sich weniger zurück als bei angst- oder emotionsbasierter Erziehung.
- Rolle und Herausforderungen der Eltern:
- Viele Eltern von ADHS/ADS-Kindern haben selbst ADHS/ADS oder dysfunktionale Emotionsregulationsstrategien und sind verunsichert.
- Eltern müssen zuerst lernen, sich selbst zu regulieren („low arousal“). Man muss sich selbst zuerst die „Sauerstoffmaske anziehen“.
- Eltern müssen lernen, ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen.
- Es ist wichtig, dass Eltern ihren eigenen Erziehungsstil finden und sich von ihrer Herkunftsfamilie abgrenzen. Unterschiedliche Stile zwischen den Eltern müssen klar deklariert oder Zuständigkeiten geregelt werden.
- Überbehütung aus Angst schadet dem Kind, macht es unselbstständig und kann zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden. Angst führt zu Ausweichverhalten, nicht zu Kompetenz.
- Eltern müssen lernen, ihre Kinder sorgfältig zu beobachten, ohne sofort zu handeln oder zu korrigieren. Übererziehung und ständiges Stören behindern die natürliche Entwicklung und Explorationsfreude des Kindes.
- Weniger ist oft mehr; Eltern sollten sich auf wenige wichtige Dinge konzentrieren.
- Die Stärkung der elterlichen Selbstwahrnehmung, Sicherheit und des Vertrauens in ihre eigenen Beobachtungen ist zentral. Dies gibt ihnen die nötige Position, um auch mit Teenagern zu verhandeln.
- Es ist nie zu spät, positive Veränderungen einzuführen. In der Pubertät geht es mehr um Beziehungspflege und Verhandlung als um Erziehung/Gehorsam.
Zusammenfassend erfordern ADHS/ADS-Kinder aufgrund ihrer besonderen emotionalen und impulsiven Natur einen Erziehungsstil, der sich fundamental von traditionellen, strafenden Ansätzen unterscheidet. Statt Bestrafung und emotionalem Druck, der zu Unterdrückung und langfristigen Problemen führen kann, brauchen sie Validierung ihrer Emotionen, das Erlernen von Alternativen nach emotionalen Ausbrüchen, klare Prinzipien statt starrer Regeln, und Eltern, die selbst reguliert, geduldig und aufmerksam beobachten, um ihr Kind in seinem Wesen zu verstehen und persönlichkeitsgerecht mit ihm umzugehen. Die Stärkung der elterlichen Kompetenz und ihres eigenen Wohlbefindens ist dabei unerlässlich.
https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/05/Erziehungsstil-Emotionskontrolle_19.5.2025.m4a.pdf
Welche Berufe eignen sich für ADHS/ADSler?
Dr.med. Davatz betont, dass es darauf ankommt, den individuellen Fokus und die persönlichen Stärken zu finden, denn wenn ADHS/ADSler ihren Fokus finden, können sie „abgehen wie eine Rakete“.
Allerdings lassen sich aus den Charakteristika von ADHS/ADS bestimmte Tendenzen und geeignete Umfelder ableiten:
- Berufe mit Beziehungen und Empathie: ADHS/ADSler haben oft eine hohe Sensibilität und eine gute Empathie. Sie spüren sofort, wie ihr Gegenüber eingestellt ist und nehmen den emotionalen Ton stark wahr. Berufe, die menschliche Beziehungen erfordern und bei denen diese Empathie eine Rolle spielt, sind oft gut geeignet. Beispiele, die genannt werden, sind:
- Arzt
- Lehrer
- Krankenschwester / Pflegeberufe
- Verkäufer (da sie mit Menschen zu tun haben)
- Berufe, die Abwechslung und Multitasking bieten: Monotone Arbeiten, wie zum Beispiel Fliessbandarbeit, sind für ADHS/ADSler nicht gut, da die Aufmerksamkeit dort sofort weggeht. Tätigkeiten, die Abwechslung bieten oder bei denen rotiert wird, sind besser geeignet. Wenn ihnen die Arbeit Spass macht, sind ADHS/ADSler oft gut im Multitasking, was das Dopamin hochfährt. Zu viel Input kann allerdings auch zu einem System-Overload und Zusammenbruch führen.
- Berufe, die Kreativität ermöglichen: ADHS/ADSler sind in der Regel kreativer und können besser „Denkgrenzen“ überschreiten. Wenn ein Umfeld genügend Raum für Experimente bietet und nicht zu rigide ist, kann sich die Kreativität entfalten.
- Wunsch nach Selbstständigkeit: Viele ADHS/ADSler möchten selbstständig werden, da sie keine Vorgesetzten mögen und ihr eigener Chef sein wollen. Hierbei muss jedoch bedacht werden, dass auch in der Selbstständigkeit ungeliebte Fleissarbeiten wie Rechnungen schreiben oder Buchhaltung anfallen können. Für solche Aufgaben kann man extern Hilfe suchen (z.B. Buchhalter) oder, wie Dr. Davatz erwähnt, eventuell in diesem Moment Medikamente einnehmen, um sich besser fokussieren zu können.
- Erfolgreiche ADHS/ADSler: Beispiele für Bereiche, in denen ADHS/ADSler erfolgreich sein können, wenn sie ihren Fokus gefunden haben, sind:
- Business-Leute
- Forscher (das ADS kann hilfreich sein, weil es nicht loslässt und zu Hyperfokus führt)
- Sportler (z.B. Roger Federer, Michael Phelps werden genannt, und Sport kann das Dopaminsystem aktivieren)
- Grosse Erfinder (wie Albert Einstein, der als ADS-Typ beschrieben wird)
- Politiker (in Bemerkung 14 genannt als Beispiel für Spitzenleistung)
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Berufe, die zwischenmenschliche Interaktion, Abwechslung, die Nutzung von Empathie und die Möglichkeit, den eigenen Fokus und die Kreativität einzusetzen, bieten, für ADHS/ADS-Personen oft besonders geeignet sind. Eintönige oder sehr starre Arbeitsumgebungen sind eher ungünstig. Wichtig ist es, die individuellen Stärken zu erkennen und diese gezielt einzusetzen. Coaching kann dabei unterstützen, den eigenen Typ und geeignete Wege zu finden.
https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/04/Hirslanden-15.4.2025.m4a.pdf
Wie können ADHS/ADS-Personen Entscheidungen treffen?
Das Treffen von Entscheidungen kann für Menschen mit ADHS/ADS eine besondere Herausforderung darstellen. Die Schwierigkeiten zeigen sich auf unterschiedliche Weise, je nachdem, ob die Person eher ADHS- oder ADS-Ausprägungen hat.
- Impulsivität und schnelle Entscheidungen (eher ADHS):
- Ein Charakteristikum von ADHS/ADSlern ist die hohe Impulsivität. Dies kann sich positiv als grosse Spontanität äussern.
- Negativ bedeutet es, dass sie zu schnellen, spontanen Entscheidungen neigen. Sie sehen etwas und sagen sofort: „Ich mache mit“. Dies führt oft dazu, dass sie sich zu viele Aufgaben aufladen und dann überfordert sind oder nicht mehr weiterwissen.
- Der Rat lautet, diese Personen dazu anzuhalten, innezuhalten, zu warten und ein wenig nachzudenken, bevor sie enthusiastisch zusagen. Man sollte ihnen raten, „noch einmal darüber zu schlafen“.
- Unentschlossenheit (eher ADS):
- ADSler, der denkende Typ mit stärkerer innerer Aktivität, tendieren dazu, gar nicht zu entscheiden.
- Sie gehen im Kopf so viele Möglichkeiten durch und wägen ständig das Für und Wider ab.
- Dr. Davatz betont, dass ein guter Entscheid immer mit dem Herzen verbunden sein muss. Rein auf kognitiver Ebene entscheiden zu wollen, funktioniert nicht.
- Um sein Herz und seine eigentlichen Emotionen zu spüren, die für eine gute Entscheidung nötig sind, muss man ein bisschen innehalten und zuhören.
- Strukturierung und Umsetzung von Entscheidungen (Prokrastination):
- Im Erwachsenenalter ist Prokrastination („Aufschieberitis“) bei ADHS/ADSlern häufig. Sie wissen, dass eine Aufgabe erledigt werden muss, tun es aber nicht und ärgern sich darüber. To-Do-Listen sind oft wenig effektiv, da die Aufgaben darauf verschoben werden.
- Um dem entgegenzuwirken, ist eine sehr genaue Fokussierung der Aufgabe nötig: Man muss sich vornehmen, wann, an welchem Tag, zu welcher Zeit und an welchem Ort man die Aufgabe erledigt.
- Dies erfordert eine starke persönliche Fokussierung und eine gewisse Disziplin, um es dann auch umzusetzen und nicht auszuweichen. Vage Formulierungen wie „ich sollte dann noch“ sind ineffektiv. Dr. Davatz vergleicht dies mit dem Adler, der seine Beute genau fokussiert.
- Umgang mit Ambivalenz nach einer Entscheidung:
- Nachdem eine Entscheidung getroffen wurde, fallen viele ADHS/ADSler in Ambivalenz zurück und fragen sich, ob sie nicht anders hätten entscheiden sollen. Dieser Zustand wird als Katastrophe beschrieben, aus der man schwer herauskommt.
- Der Rat ist, der Person zu sagen, dass sie zu diesem Zeitpunkt so entschieden hat und das in Ordnung ist. Jede Entscheidung hat Vor- und Nachteile, und es gibt viele Wege, die zum Ziel führen. Sie sollten bei ihrem Entscheid bleiben.
- Umentscheidungen:
- Manchmal ist es notwendig, eine Entscheidung zu ändern. Wenn dies der Fall ist, muss man dies klar und begründet tun. Man sollte erklären, nach welchen Kriterien man ursprünglich entschieden hat und warum man sich jetzt, basierend auf neuen Überlegungen, klar umentscheidet. Dies ist akzeptabel, solange es nicht ein ständiges Hin und Her ist.
- Wichtigkeit von Prinzipien und Gewohnheiten:
- Da ADHS/ADSler sich schwer tun, sich selbst zu strukturieren, ist es wichtig, dass sie lernen, dies zu tun.
- Das Anlegen von Prinzipien und Gewohnheiten durch mehrmaliges gleiches Handeln integriert diese Abläufe ins Gehirn, macht Entscheidungen in diesen Bereichen einfacher und spart Energie. Klare Rituale, wie ein Morgenritual oder ein Ritual zum Herunterfahren am Abend, sind hilfreich.
- Rolle der Führung und Begleitung:
- Bei der Führung oder Erziehung von ADHS/ADSlern ist eine autoritative Haltung hilfreich: Man sagt klar, was man will („ich will“), anstatt zu befehlen („du musst“, „du sollst“). Die Energie bleibt bei der Person, die etwas will.
- Es ist wichtig, die Person zu validieren („Was hast du dir dabei überlegt?“) und ihre Gefühle zu verstehen, bevor man erklärt, wie die Situation gehandhabt werden muss.
- Coaching wird als essenziell angesehen, um ADHS/ADSlern zu helfen, sich selbst und ihre Muster zu verstehen und zu lernen, mit sich selbst umzugehen. Ein Coach kann dabei unterstützen, Reflexionsfähigkeit zu entwickeln und den eigenen Typ kennenzulernen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Umgang mit Entscheidungen bei ADHS/ADSlern stark von ihren individuellen Ausprägungen abhängt. Während Impulsivität gebremst werden muss, braucht Unentschlossenheit eine Verbindung zur emotionalen Ebene. Für die Umsetzung ist präzise Planung wichtig, und das Anlegen von Gewohnheiten kann den Alltag erleichtern. Begleitung und Coaching spielen eine wichtige Rolle, um die nötige Selbstreflexion und die Fähigkeit zur Selbststrukturierung zu entwickeln.
https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/04/Hirslanden-15.4.2025.m4a.pdf
Umgang mit ADHS/ADS
Dr. med. Ursula Davatz, die sich seit über 40 Jahren mit ADHS/ADS befasst, sieht ADHS/ADS nicht primär als Krankheit, sondern als genetischen Ursprung oder genetische Voraussetzung, einen sogenannten Genotyp oder Neurotyp. Das Gehirn von Menschen mit ADHS/ADS funktioniert ihrer Ansicht nach einfach „ein bisschen anders“, und dieses „Anders“ sei nicht krank. Ob sich aus dieser genetischen Veranlagung positive Fähigkeiten entwickeln oder negative Folgeerscheinungen auftreten, hängt massgeblich vom Umfeld ab. Der Umgang mit ADHS/ADS sollte daher persönlichkeitsgerecht oder artgerecht sein.
Einfluss des Umfelds und der Erziehung/Führung:
- Ein zu rigides Umfeld, das versucht, die Person stark an Regeln zu gewöhnen, kann die Kreativität eher abklemmen. Wenn relativ viel Offenheit da ist und experimentieren erlaubt wird, kann sich die Person gesünder entwickeln.
- Eine unklare Struktur oder eine bestrafende Erziehungsmethode können bei Jungen eher zu Delinquenz führen.
- Sowohl rein autoritäre als auch anti-autoritäre bzw. Laissez-faire-Erziehung sind nicht gut für ADHS/ADSler. Sie brauchen einen gewissen Halt, Regeln und Strukturen, die aber nicht zu eng sein dürfen.
- Eine autoritative Erziehung/Führung wird empfohlen: Man hat Regeln und sagt diese klar, aber man sagt nicht „du musst“ oder „du sollst“. Stattdessen drückt man seinen eigenen Willen aus: „ich will“.
- Beschämung („warum hast du nicht…?“) ist bei ADHS/ADSlern besonders schädlich und sollte vermieden werden, da darunter generell nicht gelernt wird. Es kann zu Rückzug, Abschotten oder Aggression führen.
Kommunikation als zentrales Werkzeug:
- Die Energie sollte bei der Person bleiben, die etwas will, und nicht gegen das Kind/die Person gerichtet sein, da dies Abwehr oder Aggression auslöst.
- Validierung ist entscheidend: Man muss zuerst herausfinden, aus welchem Grund die Person etwas so gemacht hat, indem man fragt: „Was hast du dir dabei überlegt?“. Das geschieht nicht degradierend, sondern wertschätzend. Erst danach sagt man, wie man es gerne möchte.
- Bei ADHS/ADSlern, die sehr sensibel sind und sofort spüren, wie man auf sie eingestellt ist, ist der emotionale Ton wichtiger als der Inhalt. Um sicherzustellen, dass der Inhalt ankommt, muss die Kommunikation ruhig und ohne verurteilenden Ton sein.
- Wenn ADHS/ADSler kritisiert oder „zusammen geschissen“ werden, schaltet ihr Gehirn ab. Man muss sie „zurückholen in die Beziehung“. Es gibt keine Erziehung/Führung ohne Beziehung.
- Offene Kommunikation im Team, auch über die eigenen Eigenschaften, ist wichtig für den Lernprozess. Man kann seine Reaktionen erklären, ohne unbedingt die Diagnose zu nennen.
Umgang mit spezifischen ADHS/ADS-Eigenschaften:
- Breite Aufmerksamkeit und Ablenkbarkeit: Erkennen, dass alles interessiert. Die leichte Ablenkbarkeit liegt an einer weniger guten Filterfunktion im Gehirn. Bei uninteressanten Themen entsteht ein Defizit. Wenn sich die Person für etwas interessiert, kann sie Hyperfokus entwickeln und Hyperperformance zeigen.
- Impulsivität: Bei spontanen Entscheidungen (z.B. sich für zu viele Aufgaben melden) muss die Person angehalten werden, innezuhalten, zu warten und nachzudenken. Bei Unterbrechungen die Person validieren und dann umlenken.
- Prokrastination (Aufschieberitis): Im Erwachsenenalter häufig. To-Do-Listen sind oft ineffektiv. Wichtig ist eine genaue Fokussierung der Aufgabe: wann, welcher Tag, welche Zeit, welcher Ort. Es braucht Selbstdisziplin, um dies dann auch umzusetzen. Für langweilige Aufgaben kann die gezielte Einnahme von Medikamenten eine Option sein.
- Struktur und Ordnung: ADHS/ADSler tun sich schwer, sich selbst zu strukturieren. Es ist wichtig, dass sie lernen, sich selbst zu strukturieren, anstatt dass andere die Strukturierung übernehmen. Das Entwickeln von Prinzipien und Gewohnheiten (durch mehrmaliges gleiches Handeln) integriert diese ins Gehirn und spart Energie. Klare Morgenrituale oder Rituale zum Herunterfahren vor dem Schlafengehen sind hilfreich. Im Arbeitsumfeld oder in der Familie ist bei Überforderung oder Chaos ein frühes, klares, „autoritäres“ Eingreifen zur Strukturierung notwendig, gefolgt von einem Rückzug, sobald die Ordnung hergestellt ist. Dies ist ein Einordnen der Situation, nicht eine Bewertung der Person.
- Sensibilität und Umgang mit Kritik/Fehlern: Hohe Sensibilität auf Verletzungen und Kränkungen. Fehler passieren häufig. Fehler dürfen nicht bestraft werden. Stattdessen sollte man sie gemeinsam anschauen und nach den Überlegungen fragen. Fehler können viel Kreativität enthalten. Man lernt aus Fehlern. Einmal „ausrutschen“ und daraus lernen ist besser als zwanghaftes Vermeiden von Fehlern, was zu Unnatürlichkeit führt.
- System Overload: In reizüberfluteten Umgebungen (wie einem Spital) kann es schnell zum Zusammenbruch kommen. Multitasking funktioniert gut, wenn es Spass macht, wird aber zur Überforderung, wenn es zu viel wird. Wie bei fehlender Struktur ist hier ein frühes, klares Eingreifen der Führungsperson wichtig.
- Rechtfertigung: Wenn jemand sich rechtfertigt, sollte diese Diskussion auf später verschoben werden. Zuerst die Handlung validieren, dann die Rechtfertigung separat besprechen.
- Helfen (Über-Helfen): Wenn jemand zu sehr versucht, allen gleichzeitig zu helfen, sollte dies anerkannt („du bist ein Helfertyp, das ist gut“) und dann begrenzt werden („du kannst nicht allen gleichzeitig helfen und deine eigene Arbeit machen“).
Stärken erkennen und fördern:
- ADHS/ADSler haben oft eine primäre Gabe der Empathie und ein gutes Gespür für Menschen. Diese Gabe sollte wahrgenommen und gepflegt werden.
- Sie sind in der Regel kreativer und können besser Denk-Grenzen überschreiten.
- Sie können sich für Themen, die sie interessieren, intensiv begeistern und einen Hyperfokus entwickeln.
- Es ist entscheidend, die Stärken des ADHS/ADS-Mitarbeiters zu erkennen und ihn dort einzusetzen, wo er seine Stärken hat. Die Führungskraft agiert hier wie ein „Zirkusdirektor“. Reine Kritik an Schwächen ist nicht hilfreich.
Medikamente:
- Medikamente wie Ritalin wirken auf das Dopaminsystem und sind stimulierend („Uppers“). Sie können helfen, den Fokus bei langweiligen oder mühsamen Aufgaben zu finden.
- Allerdings können sie auch negative Auswirkungen haben: die breite Wahrnehmung geht verloren, die emotionale Wahrnehmung geht verloren, und man ist nicht mehr so kreativ. Architekturstudenten berichten beispielsweise, dass sie mit Ritalin weniger kreativ sind.
- Zu viel Dopamin kann Psychosen auslösen. Bei Erwachsenen kann die Einnahme von zu viel Amphetamin-ähnlichen Medikamenten zu psychotischen oder schizophrenen Zuständen führen.
- Medikamente dürfen nie ohne Begleitung eingenommen werden.
- Sie müssen nicht immer genommen werden, sondern können gezielt eingesetzt werden. Jeder muss selbst herausfinden, was für ihn passt. Die Entscheidung über die Gabe von Medikamenten bei Kindern liegt bei den Eltern.
Coaching und Begleitung:
- Coaching oder eine entsprechende Begleitung ist essenziell und sollte Medikamente immer begleiten. Nur mit Medikamenten korrigieren zu wollen, wird als „Verleugnungstaktik“ oder „Grössenwahn der Mediziner“ gesehen.
- Es muss ein Coach gefunden werden, der sich im ADHS/ADS auskennt. Therapeuten, die ADHS/ADS nicht verstehen, versuchen oft, es zu „korrigieren“, was nicht getan werden darf.
- ADHS/ADS kann nicht weg therapiert oder erzogen werden. Am Ende muss sich der ADHS/ADSler immer selber erziehen, und dabei kann ein Coach helfen.
- Coaching hilft, den eigenen Typ kennenzulernen und Selbstreflexion zu üben. Es geht darum zu lernen, mit sich selbst umzugehen.
- Eine gute Begleitperson versteht etwas von ADHS/ADS, hat Selbstironie und Reflexionsfähigkeit. Sie kann dem Betroffenen helfen, indem sie normalisiert („das passiert mir auch“) und zum Lernen ermutigt („wir müssen es eben lernen“).
Weitere Aspekte des Umgangs:
- Digitalisierung: Die Digitalisierung birgt die Gefahr, dass durch übermässigen Konsum (Handy) Vernetzungen im Gehirn (insbesondere für soziale Kompetenz und Mimiklesen) weniger stark ausgebildet werden. Sie fördert eine kurze Aufmerksamkeitsspanne und kann zur Abkapselung beitragen. Eltern sollten menschliche Interaktion fördern. Die Medien sind darauf ausgelegt, über Sensation und Angst Aufmerksamkeit zu erregen.
- HR-Rolle: HR-Abteilungen sollten Anpassungen nicht missbrauchen. Sie sollten der Person zuhören, validieren, wie sie sich fühlt, und dann erklären, dass es im System Regeln gibt, die eine Anpassung erfordern, wenn man im System bleiben möchte.
- Sucht: Es gibt einen starken Zusammenhang zwischen ADHS/ADS und Sucht. Suchtmittel bieten eine schnelle, gefährliche Lösung für unangenehme Gefühle. Der Umgang mit Sucht erfordert die Begleitung des Betroffenen, um mit seinen Gefühlen umgehen zu lernen, anstatt nur Abstinenz anzustreben.
Zusammenfassend ist der Umgang mit ADHS/ADS stark vom Umfeld geprägt. Eine unterstützende, verstehende Umgebung mit klaren, aber flexiblen Strukturen und einer validierenden Kommunikation ist entscheidend. Medikamente können unterstützend eingesetzt werden, sind aber kein alleiniges Mittel und sollten immer von einer fachkundigen Begleitung (Coaching) begleitet werden. Das Wichtigste ist, dass der Betroffene lernt, sich selbst zu verstehen, zu reflektieren und mit seinen Eigenschaften umzugehen.
https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/04/Hirslanden-15.4.2025.m4a.pdf
ADHS/ADS im Arbeitsleben
Gerne diskutiere ich ADHS/ADS im Arbeitsleben anhand der vorliegenden Quellen und unserer Konversation.
Dr. med. Ursula Davatz, die sich seit über 40 Jahren mit ADHS/ADS befasst, sieht ADHS/ADS nicht primär als Krankheit, sondern als genetischen Ursprung oder genetische Voraussetzung („Genotyp“, „Neurotyp“). Das Gehirn von ADHS/ADSlern funktioniert ihrer Ansicht nach einfach „ein bisschen anders“. Dieses „Anders“ sei nicht krank. Ob sich aus dieser genetischen Veranlagung positive Fähigkeiten entfalten oder negative Folgeerscheinungen entwickeln, hängt massgeblich vom Umfeld ab.
Im Arbeitsleben zeigt sich dieser Einfluss des Umfelds und der Umgang mit den ADHS/ADS-typischen Eigenschaften besonders deutlich:
- Fokus und Hyperfokus: ADHS/ADS bedeutet nicht zwingend ein allgemeines Aufmerksamkeitsdefizit. Es ist eher ein Defizit bezogen auf Themen, die einen nicht interessieren, z.B. Frontalunterricht oder monotone Arbeiten. Wenn ADHS/ADSler sich für ein Thema interessieren, können sie hingegen einen Hyperfokus entwickeln und Hyperperformance zeigen. Nichts ist dann mehr von einem Defizit zu spüren. Wenn jemand im Arbeitsleben seinen ganz persönlichen Fokus findet, kann er „abgehen wie eine Rakete“. Berufe mit menschlicher Interaktion, wie Arzt, Lehrer, Krankenschwester oder Verkäufer, eignen sich oft gut, da sie Empathie und gute Wahrnehmung erfordern. Eintönige Fliessbandarbeit ist hingegen nicht geeignet, da die Aufmerksamkeit schnell weg ist. Rotation in Arbeitsaufgaben kann für ADHS/ADSler vorteilhaft sein.
- Prokrastination (Aufschieberitis): Im Erwachsenenalter kommt bei vielen ADHS/ADSlern die Prokrastination hinzu. Sie wissen, was zu tun ist (Plan, Pflicht), tun es aber einfach nicht und ärgern sich dann über sich selbst. To-Do-Listen sind oft nicht hilfreich, da die Aufgaben darauf nie abgearbeitet werden. Um dem entgegenzuwirken, ist es wichtig, die Aufgabe genau zu fokussieren: wann, an welchem Tag, zu welcher Zeit, an welchem Ort die Arbeit erledigt werden soll. Es braucht ein wenig Selbstdisziplin, um sich dann „am Riemen zu reissen“ und die Aufgabe nicht aufzuschieben. Manche Erwachsene nutzen Medikamente wie Ritalin gezielt für langweilige Aufgaben wie Buchhaltung.
- Struktur und Ordnung: ADHS/ADSler benötigen einen gewissen Halt, Regeln und Strukturen, die jedoch nicht zu eng sein dürfen. Sie tun sich schwer, sich selbst gut zu strukturieren. Dies kann dazu führen, dass sie an der Arbeit sehr strukturiert sind, zu Hause aber ein „Messi Syndrom“ haben. Es ist wichtig, dass sie lernen, sich selbst zu strukturieren, anstatt dass Vorgesetzte oder Kollegen die Strukturierung komplett übernehmen. Gewisse Prinzipien und Gewohnheiten zu entwickeln, indem man Dinge mehrmals gleich macht, hilft dabei, da dies im Gehirn integriert wird und Energie spart.
- Umgang mit Fehlern und Kritik: ADHS/ADSlern passieren oft viele Fehler. Vorgesetzte sollten Fehler nicht bestrafen, da dies dazu führt, dass Mitarbeiter ausweichen, lügen und Dinge vertuschen. Unter Beschämung wird generell nicht gelernt. Statt zu beschämen, sollte man die Fehler gemeinsam anschauen und fragen, was sich der Mitarbeiter dabei gedacht hat („Validierung“). Fehler können viel Kreativität enthalten, die genutzt werden sollte. ADHS/ADSler sind sehr sensibel und spüren sofort, wie man auf sie eingestellt ist. Wenn sie kritisiert oder „zusammen geschissen“ werden, schaltet ihr Gehirn ab. Es ist entscheidend, sie „zurückzuholen in die Beziehung“. Der emotionale Ton wird stärker wahrgenommen als der Inhalt. Eine ruhige, nicht verurteilende Kommunikation ist wichtig.
- Beziehung im Arbeitsumfeld: Eine gute Beziehung zwischen Führungsperson und Mitarbeiter ist essenziell. Es gibt keine Erziehung ohne Beziehung. ADHS/ADSler sind besonders empfänglich für den emotionalen Ton und die Beziehungsqualität. Wenn ADHS/ADSler, die oft eine primäre Gabe der Empathie haben, zu viel kritisiert werden, kann diese Empathie verloren gehen.
- System Overload und Reizüberflutung: In Arbeitsumfeldern mit vielen Reizen, wie z.B. einem Spital, kann es schnell zum „System Overload“ kommen, bei dem ADHS/ADSler zusammenbrechen. Sie sind zwar gut im Multitasking, wenn es Spass macht, aber wenn es zu viel wird, überfordert es sie. Die Kunst der Führungsperson besteht darin, frühzeitig und klar einzugreifen („autoritär zu sein“), um Struktur zu geben, und sich dann wieder zurückzuziehen. Dies ist einordnen, nicht die Person als falsch bezeichnen. Es geht darum, dem Durcheinander entgegenzuwirken.
- Umgang mit Rechtfertigung: Wenn ein Mitarbeiter in die Rechtfertigung geht, sollte die Diskussion darüber verschoben und separat geführt werden. Zuerst sollte der Vorgesetzte den Validierungsansatz wählen, indem er fragt, wie der Mitarbeiter vorgegangen ist und was er sich dabei gedacht hat. Wenn sich der Mitarbeiter danach wertgeschätzt fühlt, verbessert sich die Situation.
- Stärken erkennen und fördern: Es ist wichtig, die Stärken des ADHS/ADS-Mitarbeiters zu erkennen und ihn dort einzusetzen. Die Führungskraft agiert hier wie ein „Zirkusdirektor“, der weiss, wo jeder am besten aufgehoben ist. Es ist nicht hilfreich, nur die Schwächen zu kritisieren. Ein Mitarbeiter kann aber auch den Wunsch haben, an seiner Schwäche zu arbeiten; dies ist dann eine „hohe Schule“.
- HR-Rolle: Die Personalabteilung hat eine wichtige Rolle. Sie sollte darauf achten, dass Anpassungen nicht zum Zweck der Anpassung missbraucht werden. HR sollte die Person zunächst anhören und validieren, wie sie sich fühlt. Erst danach sollte das System erklärt werden, dessen Regeln nicht geändert werden können, und dass eine Anpassung nötig ist, um im System zu bleiben [128, 133? check source 126, 128].
- Coaching und Begleitung: Dr. Davatz betont, dass Medikamente wie Ritalin nie ohne Begleitung eingenommen werden sollten. Sie empfiehlt dringend Coaching. Es muss ein Coach sein, der sich mit ADHS/ADS auskennt, da Therapeuten, die es nicht verstehen, versuchen, es zu „korrigieren“, was nicht geschehen sollte. ADHS/ADS kann nicht weg therapiert oder erzogen werden; der ADHS/ADSler muss sich am Ende selbst erziehen, wobei ein Coach helfen kann. Coaching fördert Selbstreflexion und hilft, den eigenen Typ kennenzulernen und mit sich selbst umzugehen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass im Arbeitsleben ein unterstützendes, strukturiertes (aber flexibles) und beziehungsorientiertes Umfeld, das Stärken erkennt, Fehler toleriert (ohne Beschämung) und Kommunikation auf Validierung aufbaut, entscheidend ist, damit ADHS/ADSler ihre Potenziale entfalten können. Medikamente können gezielt unterstützend wirken, sollten aber immer mit einer Begleitung, idealerweise einem ADHS/ADS-erfahrenen Coach, kombiniert werden, um den eigenen Umgang mit den Eigenschaften zu lernen.
https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/04/Hirslanden-15.4.2025.m4a.pdf
ADHS/ADS Merkmale
Dr. med. Ursula Davatz befasst sich seit über 40 Jahren mit ADHS/ADS. Früher wurde dafür der Begriff POS (frühkindliches POS) verwendet, heute hat sich ADHS/ADS allgemein durchgesetzt. Dr. Davatz selbst verwendet beide Begriffe. Sie sieht ADHS/ADS nicht als Krankheit, sondern als genetischen Ursprung oder genetische Voraussetzung für mögliche Folgekrankheiten. Sie spricht von einem Genotyp oder Neurotyp, bei dem das Gehirn „ein bisschen anders“ funktioniert. Anders bedeutet für sie nicht krank.
Einige charakteristische Merkmale und Eigenschaften von ADHS/ADS, wie in der Quelle beschrieben:
- Breite Aufmerksamkeit: ADHS/ADSler haben eine „breite Aufmerksamkeit“, was bedeutet, dass sie an allem interessiert sind. Sie nehmen sofort alles wahr, wenn sie einen Raum betreten, einschliesslich Stimmungen. Sie sind nicht nur visuell und kognitiv breit interessiert, sondern auch emotional. Diese breite Aufmerksamkeit kann dazu führen, dass sie ihre Aufmerksamkeit woanders hinlenken, besonders wenn ein Thema (z. B. in der Schule oder bei Frontalunterricht) uninteressant ist. Die leichte Ablenkbarkeit hängt auch mit einer schlechten Filterfunktion des Gehirns zusammen, das weniger gut Reize ausblenden kann. Das Gehirn ist stärker vernetzt, was zur breiten Aufmerksamkeit und leichten Störbarkeit führt.
- Hyperfokus: Wenn sie sich für ein Thema interessieren, können ADHS/ADSler einen Hyperfokus entwickeln und Hyperperformance zeigen. In solchen Momenten sei nichts mehr von einem Defizit zu merken. Dies wird auch im Zusammenhang mit ADS in der Forschung erwähnt, wo die Person dann nicht loslässt. Albert Einstein, der als ADS-Kind beschrieben wird, wird als Beispiel für Hyperfokus genannt.
- Sensorische Sensibilität: Sie besitzen eine hohe Sensibilität. Sie sind sehr sensibel auf Verletzungen und Kränkungen.
- Starkes Gerechtigkeitsempfinden: Mit der hohen Sensibilität geht oft ein starkes Gerechtigkeitsempfinden einher. Sie können Ungerechtigkeiten kaum ertragen und müssen sich dazu äussern, selbst wenn es andere betrifft.
- Hohe Impulsivität: Ein weiteres Merkmal ist die hohe Impulsivität, oft als „schlechte Impulskontrollen“ bezeichnet. Bei kleinen Kindern zeigt sich dies in unkontrollierten Bewegungen. Bei älteren Kindern oder Erwachsenen kann es bedeuten, dass sie anderen ins Wort fallen oder nicht warten, bis ein Satz beendet ist. Dies kann zu Störungen führen und sie als „Störenfriede“ erscheinen lassen. Positiv formuliert ist es eine grosse Spontanität. Die Impulskontrolle entwickelt sich bei ADHS/ADSlern später.
- Bewegungsdrang (ADHS) vs. Interne Aktivität (ADS): ADHSler haben einen starken Bewegungsdrang. ADSler hingegen zeigen eher eine starke interne Aktivität, sie denken viel. Diese interne Aktivität kann dazu führen, dass sie sich ständig Geschichten ausdenken oder ein „Kino im Kopf“ haben, besonders wenn es langweilig ist.
- Spätere Hirnreifung: Neurologisch betrachtet reift das Gehirn von ADHS/ADSlern später. Der Prozess des „Synaptic Pruning“ (Abbau von Synapsen) in der Pubertät, der das Gehirn vereinfacht und das schnelle Lernen und Reagieren ermöglicht, findet bei ihnen verspätet statt. Dies könnte zur anhaltenden breiten Aufmerksamkeit beitragen.
- Kreativität: ADHS/ADSler sind in der Regel kreativer. Sie können besser Grenzen überschreiten, sowohl gesetzliche als auch Denkgrenzen. Kreativität braucht Platz und kann in sehr rigiden Umfeldern eingeschränkt werden. In einem Umfeld mit Offenheit und Experimentiermöglichkeiten können sich Kinder mit ADHS/ADS gesund entwickeln und zu Forschern werden.
- Geschlechtsunterschiede: Bei Mädchen wird ADHS/ADS oft später oder gar nicht diagnostiziert. Mädchen sind tendenziell angepasster, fügen sich eher in der Schule ein, wollen gefallen und haben eine starke soziale Kompetenz, wodurch sie weniger auffallen als hyperaktive Knaben. Knaben fallen eher durch Hyperaktivität, Stören oder Herumwerfen von Dingen auf. Früher wurde ein Verhältnis von 5 Knaben zu 1 Mädchen angenommen, heute ist es eher 1.5 Knaben zu 1 Mädchen. Hyperaktivität ist vermehrt bei Knaben zu finden. Mädchen zeigen Hyperaktivität eher nach innen, was dem ADS entspricht. Wenn sie beschämt werden, ziehen sich Mädchen eher zurück, während Knaben eher aggressiv werden.
- Komorbiditäten/Folgeerscheinungen: ADHS/ADS tritt häufig zusammen mit Legasthenie (LRS) und Dyskalkulie auf. Diese Kombinationen sind unterschiedlich und nicht vorhersehbar. Dr. Davatz spricht lieber von „Folgekrankheiten“ als von „Komorbidität“, da sie ADHS/ADS als genetischen Ursprung dafür sieht. Dazu gehören nicht nur psychische, sondern auch körperliche Erkrankungen. Bei Frauen sind dies häufig Fibromyalgie, Gelenkschmerzen, Allergien. Männer neigen eher zur Delinquenz oder können einen Herzinfarkt erleiden. Prokrastination („Aufschibitis“) ist im Erwachsenenalter verbreitet. Sie wissen, was zu tun ist, aber sie tun es nicht und ärgern sich darüber. Sie schieben auf. Viele ADHS/ADSler haben zu Hause ein Messi-Syndrom, auch wenn sie bei der Arbeit überstrukturiert sein können. Schlafstörungen sind häufig, da unerledigte Dinge mit ins Bett genommen werden. Es gibt einen sehr starken Zusammenhang zwischen ADHS/ADS und Sucht. Suchtmittel können als schnelle (aber gefährliche) Lösung für unangenehme Gefühle dienen und ein Pseudo-Wohlbefinden oder Pseudo-Selbstwertgefühl erzeugen.
- Umgang mit Feedback und Kritik: ADHS/ADSler reagieren gar nicht gut auf Kritik oder wenn sie „zusammen geschissen werden“; ihr Gehirn schaltet dann ab. Sie spüren sofort, wie jemand auf sie eingestellt ist, und nehmen den emotionalen Ton stärker wahr als den Inhalt. Ihre Empathie kann verloren gehen, wenn sie zu viel kritisiert werden. Beschämung führt dazu, dass sich das Kind abschottet oder aggressiv wird. Bestrafung von Fehlern fördert Ausweichverhalten und Lügen. Validierung (Verständnis zeigen für die Perspektive oder Gedanken der Person) ist ein wichtiger Ansatz im Umgang.
- Berufswahl: Eintönige Fliessbandarbeit ist für ADHS/ADSler nicht gut, da die Aufmerksamkeit schnell abwandert. Berufe mit viel menschlicher Interaktion, die Empathie und gute Wahrnehmung erfordern, sind oft gut geeignet, z.B. Arzt, Lehrer, Krankenschwester, Verkäufer. Viele streben die Selbstständigkeit an, da sie ungern Vorgesetzte haben. Multitasking kann gut gelingen, wenn die Arbeit Spass macht und das Dopamin hochfährt, aber zu viel kann zum Zusammenbruch führen (System Overload).
Dr. Davatz betont, dass der Umgang mit ADHS/ADS-Merkmalen erlernt werden kann, oft durch Selbstdisziplin, klare Strukturen und Regeln (nicht zu eng), das Setzen von Gewohnheiten, und die Suche nach einem persönlichen Fokus. Sie plädiert stark dafür, dass das Umfeld lernt, mit ADHS/ADS umzugehen („persönlichkeitsgerechte Menschenführung“). Coaching wird als wichtige Begleitung, auch neben Medikamenten, empfohlen.
https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/04/Hirslanden-15.4.2025.m4a.pdf
Folgekrankheiten von ADHS und ADS
Dr. med. Ursula Davatz betont in ihren Ausführungen, dass viele der psychiatrischen und körperlichen Diagnosen, die bei Menschen mit ADHS/ADS festgestellt werden, aus ihrer Sicht Folgekrankheiten sind. Diese entwickeln sich, wenn nicht artgerecht, persönlichkeitsgerecht und neurotypgerecht mit diesen Menschen umgegangen wird. Druck und ein nicht-verständnisvolles Umfeld können dabei eine zentrale Rolle spielen.
Folgende Folgekrankheiten und Probleme im Zusammenhang mit ADHS werden von Dr. Davatz im Audiomaterial diskutiert:
- Psychiatrische Folgekrankheiten:
- Persönlichkeitsstörungen bei Frauen: Insbesondere bei hyperaktiven Frauen mit ADHS, die zurückgebremst werden, kann sich eine Persönlichkeitsstörung entwickeln.
- Borderline Persönlichkeitsstörung: Diese Diagnose ist laut Dr. Davatz häufig bei Frauen mit ADHS anzutreffen, die in ihrer Entwicklung eingeschränkt wurden.
- Depression: Depressionen treten häufiger bei Frauen mit ADHS auf, insbesondere wenn die Diagnose erst spät gestellt wird und sie zuvor viel Energie in die Anpassung gesteckt haben.
- Antisoziale Persönlichkeitsstörung: Bei Männern mit ADHS beobachtet Dr. Davatz eher diese Entwicklung, die bis hin zu Delinquenz führen kann.
- Suchtstörungen: Menschen mit ADHS/ADS neigen dazu, Suchtmittel zu verwenden, um ihr starkes Temperament zu regulieren. Dies kann alle Arten von Suchtmitteln umfassen, aber auch den Gebrauch von Beruhigungsmitteln bis hin zur Abhängigkeit.
- Schizophrenie: ADHS/ADS-Betroffene können in einen schizophrenen Zustand übergehen, wenn ihr emotionales Gehirn über längere Zeit völlig überlastet ist. Dies ist ein Resultat eines „System Overload“ im emotionalen Hirn.
- Bipolare Störung: Tritt bei ADHS/ADSlern auf, möglicherweise als Befreiung von zu engstirniger Erziehung durch manische Schübe.
- Körperliche Folgekrankheiten:
- Fibromyalgie und Schmerzen: Frauen mit ADHS entwickeln tendenziell häufiger Fibromyalgie und chronische Schmerzen.
- Herzinfarkte: Männer mit ADHS scheinen anfälliger für Herzinfarkte und ähnliche Erkrankungen zu sein.
- Muskel-Skelett-System-Probleme und Schmerzen am ganzen Körper: Dr. Davatz beobachtet diese Probleme häufig bei Frauen mit ADHS.
- Soziale und verhaltensbezogene Probleme:
- Selbstverletzendes Verhalten (Ritzen) und Essstörungen: Kommt bei Frauen mit ADHS vor.
- Rückzug und Kommunikationsverweigerung: Insbesondere bei ADS-Betroffenen kann es bei negativen Erfahrungen zu einem kompletten Rückzug und Verweigerung der Kommunikation kommen. Dies kann fälschlicherweise als Autismus wahrgenommen werden.
- Schulverweigerung: Kinder mit ADHS/ADS können die Schule verweigern, wenn ihre Bedürfnisse im schulischen Umfeld nicht erfüllt werden.
- Delinquenz: In extremen Fällen können insbesondere ADHS-Betroffene delinquent werden, wenn sie im erzieherischen Umfeld ständig Kritik erfahren und ausscheren.
Dr. Davatz betont, dass diese Folgekrankheiten nicht zwangsläufig auftreten müssen und durch einen verständnisvollen, geduldigen und auf die individuellen Bedürfnisse abgestimmten Umgang oft vermieden oder gemildert werden könnten. Ihrer Meinung nach liegt das eigentliche Problem oft nicht in der genetischen Veranlagung selbst, sondern in der mangelnden Anpassung des Umfelds an die Besonderheiten neurodivergenter Menschen. Sie plädiert daher für Prävention durch frühe Aufklärung und Unterstützung des Umfelds
https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/03/autismus-diagnostik-25.3.2025.m4a.pdf
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