Was versteht Piaget unter Dezentrieren in der Pubertät?

Dr. med. Ursula Davatz erklärt, dass Jean Piaget das Konzept vom Dezentrieren entwickelt hat. In der Pubertät bedeutet dies, dass man lernen kann, eine Situation aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Man erkennt, dass die eigene Sichtweise nicht die einzig gültige ist.

Dr. Davatz führt aus, dass man in der Pubertät lernen kann zu verstehen: „du siehst das so, ja, ich kann das nachvollziehen. Ich sehe es so. Es muss niemand Recht haben. Beide Blickwinkel sind absolut in Ordnung„. Sie vergleicht dies mit dem physikalischen Phänomen, dass Licht sowohl als Welle als auch als Korpuskel gesehen werden kann. Selbst in den harten Wissenschaften können Dinge unterschiedlich betrachtet werden.

Wenn jemand jedoch darauf besteht, Recht haben zu müssen, ist eine unterschiedliche Betrachtung der Dinge nicht möglich. Laut Piaget lernen etwa 60% der Menschen in der Pubertät, sich zu dezentrieren, während die restlichen 40% dies nie lernen.

Dr. Davatz betont, dass jemand, der nie richtig dezentrieren gelernt hat, auch nicht richtig zusammenarbeiten kann. Im emotionalen Zustand ist Dezentrieren ohnehin nicht möglich. Man muss sich zuerst beruhigen, um wieder das Grosshirn einschalten und die Sache mental betrachten zu können. Dezentrieren bedeutet, sich von der intellektuellen und emotionalen Bindung zu lösen und die Sache mental anzuschauen, den anderen wahrzunehmen und seine Perspektive zu erkennen.

Zusammenfassend versteht Piaget unter Dezentrieren in der Pubertät die Fähigkeit, sich von der eigenen egozentrischen Sichtweise zu lösen und die Perspektive anderer zu erkennen und zu verstehen, ohne dabei auf dem eigenen Recht zu beharren. Dies ist eine wichtige Entwicklung für die soziale Interaktion und die Fähigkeit zur Zusammenarbeit.

Welche Rolle spielen Emotionen im Lernprozess?

Dr. med. Ursula Davatz betont die zentrale Rolle von Emotionen im Lernprozess an verschiedenen Stellen im Transkript.

Emotionen sind eng mit der Aufmerksamkeit verbunden. Bei ADHS/ADS-Kindern ist das emotionale Gehirn stärker mit dem gesamten Gehirn vernetzt, was zu einer breiteren Aufmerksamkeit führt und die Verarbeitung komplexer macht. Ritalin, ein Amphetamin, wirkt, indem es das Gehirn in einen gestressten Zustand versetzt, was die Fokussierung verbessert, aber gleichzeitig die emotionale Regulation stören kann. Dr. Davatz argumentiert, dass es wichtiger ist, ADHS/ADS-Kindern zu helfen, mit ihren Emotionen umzugehen, anstatt sie chemisch zu unterdrücken. Wenn Emotionen eingeschränkt werden, kann dies zu Angst und anderen Reaktionen führen.

Der Lernprozess wird stark von Beziehungen und emotionalen Erfahrungen beeinflusst. Eine Beziehung entsteht durch Kontakt, und dieser Kontakt ist oft emotional. Kinder lernen mit und auch für den Lehrer, was die Bedeutung der emotionalen Verbindung unterstreicht. Das limbische System, unser Beziehungshirn, schafft Beziehungen und funktioniert über Gefühle. Wird diese emotionale Basis vernachlässigt, kann dies negative Auswirkungen haben.

Entscheidungen sind immer emotional. Damit ein Entscheid Bestand hat, muss er emotional verknüpft sein.

Im Hinblick auf Konfliktbewältigung betont Dr. Davatz, dass es wichtig ist, die Verletzung zu sehen, die der Aggression vorausgeht. Eine sorgfältige Auseinandersetzung mit den eigenen Emotionen und denen anderer ist entscheidend für das Finden von Lösungen. Das Konzept des Dezentrierens nach Jean Piaget, das in der Pubertät gelernt werden kann, beinhaltet, sich von emotionalen Bindungen zu lösen, um Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Emotionen können diesen Prozess jedoch blockieren.

Soziales Lernen, das heute oft zu kurz kommt, ist stark mit Emotionen verbunden. Kinder müssen lernen, wie man mit Ungleichheiten umgeht, die stören, und das ist ein emotionaler Prozess. Mobbing beispielsweise ist ein Gruppenprozess, bei dem emotionale Dynamiken eine grosse Rolle spielen.

Dr. Davatz betont auch die Bedeutung der emotionalen Intelligenz und der Fähigkeit, andere fein wahrzunehmen, damit sie sich validiert fühlen. Validierung ist besonders wichtig im Umgang mit Jugendlichen und in Konfliktsituationen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Emotionen einen fundamentalen Einfluss auf den Lernprozess haben. Sie beeinflussen die Aufmerksamkeit, das Gedächtnis, die Motivation, die Entscheidungsfindung, das soziale Verhalten und die Fähigkeit zur Konfliktbewältigung. Ein guter Umgang mit Emotionen und die Förderung der emotionalen Intelligenz sind entscheidend für eine positive Entwicklung und erfolgreiches Lernen. Die Vernachlässigung der emotionalen Aspekte im Lernprozess, beispielsweise durch rein leistungsbezogene Bewertung oder das Unterdrücken von Emotionen durch Medikamente ohne begleitende Auseinandersetzung, kann negative Folgen haben. Stattdessen plädiert Dr. Davatz für eine wachsame Begleitung, die das emotionale Erleben der Lernenden berücksichtigt und ihnen hilft, ihre Emotionen zu verstehen und zu regulieren.

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Zusammenarbeit und Konflikte

Dr. Davatz betont die Notwendigkeit der Zusammenarbeit in verschiedenen Kontexten. Sie erachtet es als wichtig, dass der Nachwuchs lernt, sich durchzusetzen, sich anzupassen und vor allen Dingen zu kooperieren. In einer multikulturellen Gesellschaft wie der Schweiz, in der verschiedene Erziehungsmodi aufeinandertreffen, ist Zusammenarbeit entscheidend; diese Modi können sich entweder ergänzen oder bekämpfen. Dr. Davatz sieht die Zukunft in einer kombinierten Arbeitsweise zwischen Frau und Mann, weder in einem Matriarchat noch in einem Patriarchat, sondern in etwas, wo zusammengearbeitet wird. Auch im Umgang mit globalen Herausforderungen wie CO2 ist Zusammenarbeit notwendig.

Sie unterstreicht, dass Unterschiede klar zum Ausdruck kommen müssen, damit Kinder lernen können, dass verschiedene Perspektiven existieren und je nach Situation unterschiedliche Haltungen besser sein können. Je mehr man sich mit Unterschieden auseinandersetzt, umso mehr lernt man voneinander. Dr. Davatz spricht sich für eine Zusammenarbeit zwischen Frauen und Männern und einem Lernen voneinander aus. Sie betont, dass man immer zusammenarbeiten muss.

Im schulischen Kontext ist es wichtig, nicht nur individuelle Leistung zu bewerten, sondern auch das Lernen zu kooperieren und zusammenzuarbeiten zu fördern. Dr. Davatz weist darauf hin, dass ein System nur so gut funktioniert wie sein schwächstes Mitglied und dass das krank werden innerhalb eines Familiensystems ein Alarmzeichen für die ganze Familie ist, was eine gemeinsame Betrachtung und Veränderung des Systems erfordert. Sie plädiert für eine bessere Koordination zwischen verschiedenen medizinischen Disziplinen, da der Mensch und das Gehirn ganzheitlich arbeiten.

Dr. Davatz sieht auch die Notwendigkeit der Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrpersonen. Diese sollen sich nicht bekämpfen, sondern ergänzen und den Unterschied sehen und akzeptieren. In Bezug auf Mobbing betont sie, dass der Fokus auf dem Gruppenprozess liegen muss und nicht auf einzelnen Tätern oder Opfern, was eine gemeinsame Bearbeitung erfordert. Sie unterstreicht die Verantwortung jedes Einzelnen in der Gesellschaft, auch in der Nachbarschaft, bei der Thematik Mobbing.

Hinsichtlich Konflikte stellt Dr. Davatz fest, dass diese in multikulturellen Gesellschaften durch verschiedene Erziehungsmodi entstehen können, die miteinander kämpfen. Sie beobachtet stumme, unterdrückte Machtkämpfe in Familien und sieht, wie These und Antithese oft in Kämpfen enden, anstatt in einer Synthese. In Ehestreitigkeiten und erzieherischen Machtkämpfen will jeder Recht haben, was dem Kind schadet. Auch verschiedene Wertesysteme unterschiedlicher Kulturen können zu Streitigkeiten führen.

Dr. Davatz betont, dass es wichtig ist, Unterschiede zu sehen, ohne zu kämpfen. Sie kritisiert das moralische Verurteilen und plädiert für ein Optimieren und die Förderung individueller Wertvorstellungen. Bei Konflikten unter Kindern, wie dem Geschlechterkampf zwischen Mädchen und Buben, sieht sie das oft angewandte Entschuldigungsverfahren in der Schule als wenig hilfreich, da seelische Prozesse Zeit brauchen. Sie betont die Notwendigkeit einer sorgfältigeren Konfliktbewältigung, bei der es nicht um Wissen oder gewaltfreie Kommunikation geht, sondern darum, die Verletzung desjenigen zu sehen, der aggressiv geworden ist. Verletzung geht der Aggression immer voraus.

Dr. Davatz beobachtet, dass in Auseinandersetzungen oft ein Kampf um das Recht entsteht. Sie rät Ehepaaren, nicht kämpfen und Recht haben zu wollen, sondern den Unterschied zu sehen. Eltern müssten nicht immer am gleichen Strick ziehen, da dies Kinder „erwürgen“ könne; stattdessen sollen Unterschiede klar zum Ausdruck kommen.

Im Kontext von Mobbing sieht Dr. Davatz dies als eine Dysfunktion, bei der der Fokus auf eine Person gerichtet wird. Sie betont, dass es wichtig ist, den Gruppenprozess zu betrachten und mit allen umzugehen, da es kein reines Täter-Opfer-Verhältnis gibt. Der Umgang mit Ungleichheiten, die stören, ist ein wichtiger Aspekt des sozialen Lernens, das heute nicht genügend gefördert wird.

Dr. Davatz unterstreicht, dass es in Konfliktsituationen wichtig ist, sich einander anzunähern, zu dezentrieren und herauszufinden, wie andere etwas sehen. Bei der Konfliktbewältigung geht es darum, die eigenen Emotionen sorgfältig zu behandeln, die eigenen Bedürfnisse zu äussern und die Bedürfnisse des Anderen besser zu verstehen. Sie betont die Bedeutung von Validierung in Konfliktsituationen, insbesondere mit Jugendlichen und in der Familientherapie.

Zusammenfassend betont Dr. Davatz die essenzielle Rolle von Zusammenarbeit in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen und die Notwendigkeit, Konflikte sorgfältig zu analysieren und auf einer tieferen, emotionalen Ebene zu lösen, anstatt auf Konfrontation und dem Beharren auf dem eigenen Recht zu verharren. Der Fokus sollte auf dem Verständnis von Unterschieden, dem sozialen Lernen und der gemeinsamen Lösungsfindung liegen.

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Studien zu somatischen Folgekrankheiten bei ADHS/ADS

1. Schmerzsyndrome bei ADHS/ADS

Studie aus dem Scandinavian Journal of Pain (2024)

Diese Studie untersuchte den Zusammenhang zwischen ADHS und chronischen Schmerzen und fand bedeutende Verbindungen zwischen diesen beiden Bereichen.

Hauptergebnisse:

  • Menschen mit ADHS leiden häufiger unter chronischen Schmerzen (ChP)
  • 80% der Patienten mit chronischen Schmerzen erfüllten die diagnostischen Kriterien für ADHS, während dies nur bei 40% der Patienten ohne chronische Schmerzen der Fall war
  • Muskuläre Dysregulation spielt eine Schlüsselrolle bei der Entstehung von Schmerzen bei ADHS-Patienten

Spezifische Merkmale der Schmerzen bei ADHS-Patienten:

  1. Muskuläre Dysregulation: Menschen mit ADHS weisen häufig eine erhöhte Muskelspannung auf, die als Hauptursache für ihre Schmerzen gelten könnte. Diese Muskelverspannungen treten oft in den stabilisierenden Muskeln des Körpers auf, wie den Muskeln entlang der Wirbelsäule (axial), im Nacken, Rücken, Brustbereich und in den Hüften.
  2. Früher Beginn und weit verbreitete Schmerzen: Die Schmerzen bei ADHS-Patienten beginnen oft bereits in der Kindheit oder Jugend. Zudem sind die Schmerzen häufig nicht lokal begrenzt, sondern weit verbreitet im Körper.
  3. Dopamindysregulation: ADHS wird oft mit einer Dysregulation des Dopaminsystems in Verbindung gebracht. Dopamin spielt nicht nur eine Rolle bei der Aufmerksamkeitsregulation und Impulskontrolle, sondern auch bei der Regulierung der Muskelaktivität und der Schmerzwahrnehmung. Eine gestörte Dopaminfunktion könnte also sowohl zu den ADHS-Symptomen als auch zu den chronischen Schmerzen beitragen.
  4. Chronische Muskelverspannungen und Schmerzempfindlichkeit: Die chronischen Muskelverspannungen, die viele Menschen mit ADHS erleben, können zu einer erhöhten Schmerzempfindlichkeit führen. Diese langfristige Muskelanspannung könnte das Schmerzempfinden verstärken und so zu chronischen Beschwerden führen.
  5. Mögliche Zusammenhänge mit Ehlers-Danlos-Syndrom und Bindegewebsstörungen: Die Studie deutet auf mögliche Zusammenhänge zwischen ADHS, Autismus, Ehlers-Danlos-Syndrom und Bindegewebsstörungen hin.

Behandlungsansätze:

  1. Physiotherapie und muskuläre Entspannung: Da Muskelverspannungen eine Schlüsselrolle bei den Schmerzen spielen, könnten physiotherapeutische Maßnahmen und gezielte Entspannungsübungen eine effektive Behandlungsoption sein.
  2. Medikamentöse Behandlung: Stimulanzien, die bei ADHS eingesetzt werden, können nicht nur die ADHS-Symptome verbessern, sondern auch die Schmerzempfindlichkeit und Muskelspannung verringern.
  3. Frühe Diagnose und Prävention: Da die Schmerzen bei vielen Patienten schon in der Kindheit oder Jugend begannen, ist es wichtig, frühzeitig zu handeln. Eine frühzeitige Diagnose von ADHS und die Behandlung der muskulären Dysregulation könnte dazu beitragen, das Fortschreiten der Schmerzen zu verhindern oder zumindest zu verlangsamen.

Fazit:

Die Ergebnisse dieser Studie werfen ein neues Licht auf die Verbindung zwischen ADHS und chronischen Schmerzen. Sie zeigen, dass ADHS-Patienten nicht nur häufiger unter Schmerzen leiden, sondern dass diese Schmerzen oft auf muskuläre Dysregulation zurückzuführen sind. Dies bietet neue Ansätze für die Behandlung von Schmerzen bei ADHS-Patienten, sei es durch physiotherapeutische Maßnahmen, medikamentöse Behandlungen oder gezielte Entspannungstechniken.
Quelle: Studie im Scandinavian Journal of Pain, referenziert auf https://ads-muenster.de/2024/09/20/chronische-schmerzen-und-adhs-eine-oft-uebersehene-verbindung/

2. Gelenkbeschwerden bei ADHS/ADS

Studie aus Frontiers in Psychiatry (2021)

Eine bedeutende Studie, die in der renommierten wissenschaftlichen Zeitschrift „Frontiers in Psychiatry“ veröffentlicht wurde, untersuchte den Zusammenhang zwischen neurodivergenten Zuständen (ADHS, Autismus-Spektrums-Störung und Tourette-Syndrom) und Hypermobilität der Gelenke.

Hauptergebnisse:

  • Bei 51 Prozent der neurodivergenten Studienteilnehmer mit ADHS, Autismus-Spektrums-Störung oder Tourette-Syndrom lag gleichzeitig eine Hypermobilität vor, aber nur bei 20 Prozent der normalen Bevölkerung
  • Menschen mit ADHS waren deutlich häufiger hypermobil als die Kontrollgruppe
  • Personen mit ADHS hatten öfter Muskel- und Gelenkschmerzen sowie Kreislaufprobleme

Was ist Hypermobilität?

Hypermobilität bedeutet, dass Gelenke über den normalen Radius hinaus bewegt werden können, ohne dass dafür trainiert wurde. Dies entsteht in der Regel durch eine genetische Veranlagung, die das Bindegewebe in den Bändern, die die Gelenke umgeben, elastischer macht als bei anderen Menschen.

Symptome und Begleitsymptome der Hypermobilität:

  • Muskel- oder Gelenkschmerzen
  • Häufiges Umknicken oder „Verknacksen“ von Gelenken
  • Gefühl der Instabilität in den Gelenken
  • Vermehrte Müdigkeit und Erschöpfung, bis hin zu Fatigue
  • Neigung zu Blutergüssen
  • Verdauungsprobleme
  • Venenprobleme, z.B. Krampfadern
  • Dünne/dehnbare Haut mit Neigung zu Dehnungsstreifen

Zusammenhang mit anderen Bindegewebserkrankungen:

Hypermobilität kommt auch im Rahmen von bestimmten Bindegewebskrankheiten als Symptom vor, wie beim Ehlers-Danlos-Syndrom oder beim Marfan-Syndrom. Der Übergang von einfacher Hypermobilität zum Hypermobilitätssyndrom (mit Schmerzen und Einschränkungen) ist fließend.

Warum tritt Hypermobilität häufiger bei Menschen mit ADHS auf?

Die genauen Mechanismen sind noch nicht vollständig geklärt, aber es gibt Hinweise darauf, dass sowohl ADHS als auch Hypermobilität auf gemeinsame genetische Faktoren zurückzuführen sein könnten. Zudem könnte das autonome Nervensystem bei beiden Zuständen eine Rolle spielen.

Klinische Bedeutung:

Diese Erkenntnisse sind wichtig für die klinische Praxis, da sie darauf hindeuten, dass bei Patienten mit ADHS auch auf Anzeichen von Hypermobilität und damit verbundene Gelenkbeschwerden geachtet werden sollte. Umgekehrt könnte bei Patienten mit Hypermobilitätssyndrom und Gelenkbeschwerden auch auf ADHS-Symptome geachtet werden.
Quelle: Studie in Frontiers in Psychiatry (2021), referenziert auf https://www.understandingly.de/angststoerung-oder-depression-durch-hypermobilitaet/

3. Polyarthritis und entzündliche Erkrankungen bei ADHS/ADS

Zusammenhang zwischen ADHS und Immunsystem/Entzündungsprozessen

Aktuelle Forschungen deuten darauf hin, dass Entzündungsprozesse und Immunfunktionen bei der Entstehung und dem Verlauf von ADHS eine wichtige Rolle spielen könnten.

Haupterkenntnisse:

  • Forscher gehen davon aus, dass das Immunsystem bei ADHS eine wichtige Rolle spielt
  • Menschen mit ADHS leiden häufiger auch unter anderen Erkrankungen wie Allergien, Neurodermitis oder Asthma, die mit Immunreaktionen zusammenhängen
  • Bei genetischer Veranlagung für ADHS können Entzündungsprozesse den Ausbruch der Erkrankung beeinflussen

Mögliche Mechanismen:

  1. Entzündungsprozesse im Gehirn: Chronische Entzündungsprozesse können die Signalübertragung im Gehirn beeinflussen, insbesondere die Funktion von Neurotransmittern wie Dopamin und Noradrenalin, die bei ADHS eine zentrale Rolle spielen.
  2. Gemeinsame genetische Faktoren: Es gibt Hinweise darauf, dass bestimmte genetische Faktoren sowohl die Anfälligkeit für ADHS als auch für Autoimmunerkrankungen erhöhen könnten.
  3. Oxidativer Stress: Bei ADHS-Patienten wurde ein erhöhter oxidativer Stress beobachtet, der auch bei entzündlichen Erkrankungen eine Rolle spielt.

Klinische Relevanz:

Obwohl spezifische Studien zum direkten Zusammenhang zwischen ADHS und Polyarthritis begrenzt sind, legen die vorhandenen Erkenntnisse nahe, dass Menschen mit ADHS möglicherweise ein erhöhtes Risiko für entzündliche Erkrankungen haben könnten, einschließlich solcher, die die Gelenke betreffen.
Die Verbindung zwischen ADHS, Hypermobilität und Gelenkbeschwerden (wie in Abschnitt 2 beschrieben) könnte zudem ein Hinweis darauf sein, dass gemeinsame biologische Mechanismen sowohl ADHS als auch bestimmte Formen von Gelenkerkrankungen beeinflussen.

Therapeutische Implikationen:

  • Omega-3-Fettsäuren, die bei ADHS eingesetzt werden, haben auch entzündungshemmende Eigenschaften
  • Eine ganzheitliche Behandlung von ADHS sollte möglicherweise auch die Kontrolle von Entzündungsprozessen berücksichtigen
  • Bei Patienten mit ADHS und entzündlichen Erkrankungen könnte ein interdisziplinärer Behandlungsansatz besonders wichtig sein

4. Herzinfarkt und kardiovaskuläre Erkrankungen bei ADHS/ADS

Schwedische Studie zum Zusammenhang zwischen ADHS und Herz-Kreislauf-Erkrankungen (2022)

Eine umfangreiche schwedische Studie aus dem Jahr 2022 mit etwa 5 Millionen Teilnehmern untersuchte den Zusammenhang zwischen ADHS und kardiovaskulären Erkrankungen.

Hauptergebnisse:

  • Erwachsene mit ADHS leiden doppelt so häufig an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung wie Personen ohne ADHS
  • Das erhöhte Risiko wurde für alle Herz-Kreislauf-Erkrankungen registriert, insbesondere jedoch für Zustände wie Herzstillstand und Arteriosklerose
  • Die Verbindung zwischen ADHS und Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist bei Männern stärker ausgeprägt als bei Frauen
  • Menschen mit ADHS haben ein höheres Risiko für Herzinfarkt oder hämorrhagischen Schlaganfall

Mögliche Ursachen für den Zusammenhang:

ADHS wurde bereits mit kardiovaskulären Risikofaktoren wie Rauchen, Fettleibigkeit und Typ-2-Diabetes in Verbindung gebracht. Die genauen Mechanismen, die zu einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen, sind jedoch noch nicht vollständig geklärt. Die Studie vermutet, dass ADHS ein eigenständiger Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sein könnte.

Geschlechtsspezifische Unterschiede:

Im Allgemeinen ist ADHS bei Männern dreimal häufiger als bei Frauen, ebenso wie Herz-Kreislauf-Probleme. Die Studie zeigt jedoch, dass auch die Verbindung zwischen ADHS und Herzgesundheit bei Männern stärker ausgeprägt ist. Dies könnte erklären, warum Männer mit ADHS ein besonders hohes Risiko für Herzinfarkte haben.

Einschränkungen der Studie:

  • Nationale Register, die die Patienten für die Studie bereitstellten, erfassen möglicherweise nicht die leichteren Fälle von ADHS
  • Fehlende Daten zu Lebensstil, körperlicher Betätigung und Ernährung der Patienten

Klinische Bedeutung:

Das Bewusstsein für die eigene ADHS-Diagnose und die damit verbundenen Risikofaktoren ist ein wichtiger Schritt zur Prävention von Herz-Kreislauf-Risiken. Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung von ADHS könnte dazu beitragen, das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen zu reduzieren.
Quelle: Schwedische Studie (2022), referenziert auf https://gam-medical.de/adhs-und-herzgesundheit-studie/ (2024)

5. Gewaltverbrechen und Kriminalität bei ADHS/ADS

Zusammenhang zwischen ADHS, oppositioneller Trotzstörung und antisozialem Verhalten

Aktuelle Forschungen zeigen einen Zusammenhang zwischen ADHS, insbesondere in Kombination mit oppositioneller Trotzstörung (OTS), und einem erhöhten Risiko für antisoziales Verhalten, einschließlich Gewalt und Kriminalität.

Haupterkenntnisse:

  • Menschen mit ADHS haben ein erhöhtes Risiko für Gewalt und Kriminalität
  • Besonders bei Männern mit ADHS ist das Risiko für antisoziales Verhalten erhöht
  • Die Komorbidität von ADHS mit oppositioneller Trotzstörung (OTS) verstärkt das Risiko für Gewaltverhalten

Was ist oppositionelle Trotzstörung (OTS)?

Die oppositionelle Trotzstörung ist eine Bedingung, die durch eine reizbare Stimmung und ein streitlustiges/provozierendes Verhalten gekennzeichnet ist, das mindestens 6 Monate anhält. Erwachsene mit OTS haben Schwierigkeiten, ihre Emotionen und ihr Verhalten zu kontrollieren, können leicht reizbar und wütend werden und können auch empfindlich oder nachtragend sein.

Symptome und Verhaltensweisen bei ADHS und OTS, die zu Gewalt führen können:

  • Übermäßige oder unangemessene Wut oder Reizbarkeit
  • Provokatives oder oppositionelles Verhalten
  • Weigerung, Regeln oder Anforderungen anderer zu respektieren
  • Häufige Streitigkeiten mit anderen
  • Tendenz, anderen die Schuld für eigene Fehler zu geben
  • Unfähigkeit, Frustration zu tolerieren
  • Schwierigkeiten, soziale Beziehungen aufzubauen und aufrechtzuerhalten

Auswirkungen auf das Leben:

Die Symptome von ADHS und OTS können erhebliche Auswirkungen auf das Arbeitsleben, persönliche Beziehungen und die psychische Gesundheit haben. Sie können zu Problemen bei der Arbeit, Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen und antisozialem Verhalten wie Gewalt oder Kriminalität führen.

Behandlungsansätze:

  • Medikamente, insbesondere Stimulanzien, können bei ADHS helfen und indirekt auch die Symptome der OTS verbessern
  • Psychotherapie und Verhaltenstherapie können helfen, Impulskontrolle zu verbessern und angemessene soziale Fähigkeiten zu entwickeln
  • Frühe Diagnose und Intervention können dazu beitragen, das Risiko für antisoziales Verhalten zu reduzieren

Klinische Bedeutung:

Das Verständnis des Zusammenhangs zwischen ADHS, OTS und antisozialem Verhalten ist wichtig für die Prävention von Gewalt und Kriminalität. Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung von ADHS und komorbiden Störungen könnte dazu beitragen, das Risiko für antisoziales Verhalten zu reduzieren.

Multikulturelle Gesellschaft Schweiz

Dr.med. Davatz erwähnt explizit, dass die Schweiz eine multikulturelle Gesellschaft ist. Sie führt aus, dass 30% der Bevölkerung Ausländer sind. Weiterhin weist sie auf die Existenz vieler multikultureller Heiraten hin.

In diesem Kontext der Multikulturalität kommen verschiedene Erziehungsmodi zusammen. Dr. Davatz merkt an, dass diese Erziehungsstile sich gegenseitig bekämpfen oder ergänzen können. In ihrer Praxis erlebt sie häufig Familien, in denen die Erziehungsverantwortlichen miteinander kämpfen, was kein förderliches Klima für Kinder darstellt.

Auch die Sprachentwicklung in den Schulen zeigt die Auswirkungen der multikulturellen Gesellschaft. Dr. Davatz beobachtet, dass sich in den Schulen das albanische Schweizerdeutsch stärker durchsetzt als das traditionelle Schweizer Schwyzerdütsch. Sie interpretiert dies als ein Beispiel dafür, dass sich jemand, der sich dominant verhält, auch in der Sprache durchsetzt.

Des Weiteren betont Dr. Davatz, dass die verschiedenen Kulturen auch verschiedene Wertesysteme mit sich bringen. Da die Schweiz stark von der christlichen Kultur geprägt ist, kann es bei Begegnungen mit anderen Kulturen schnell zu Streitigkeiten kommen. Sie erachtet keinen Streit als so schlimm wie den Religionskrieg und betont die Notwendigkeit zu lernen, wie mit Andersdenkenden kollektiv umzugehen ist. Hierbei ist es wichtig, sich einander anzunähern, zu dezentrieren und herauszufinden, wie andere etwas sehen.

Dr. Davatz unterstreicht, dass es wichtig ist, dass wir Schweizer wach sind und für unsere Werte einstehen und diese auch weitergeben. Gleichzeitig plädiert sie dafür, Unterschiede ohne Kampf wahrzunehmen und zu akzeptieren. Heterogene Gemeinschaften mit grosser Diversität überleben besser als homogene. Jeder hat seinen Platz.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Dr. Davatz die multikulturelle Realität der Schweiz anerkennt und auf die damit verbundenen Herausforderungen und Chancen in Bezug auf Erziehung, Werte und soziale Interaktion hinweist. Sie betont die Bedeutung des Respekts vor Unterschieden, der Kooperation und der Fähigkeit, sich mit verschiedenen Wertesystemen auseinanderzusetzen.

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Erziehung und Werte

Dr.med. Davatz betont, dass die Erziehung in der Familie dazu dient, die Tradition der Familie aufrechtzuerhalten. Dies beinhaltet auch die Weitergabe von Wertvorstellungen, welche unterschiedlich erfolgen kann, nämlich entweder mit Belohnung oder Bestrafung oder mit Vorbild. Sie hebt hervor, dass das Vorbild etwas ganz Wichtiges in der Erziehung ist.

Bezüglich der Erziehungsstile erwähnt Dr. Davatz die Extreme der demokratischen und autoritären Erziehung, wobei es natürlich auch Mischformen gibt. Unabhängig vom Stil ist es wichtig, dass der Nachwuchs, die Zukunft, erfolgreich erzogen wird. Dies beinhaltet, dass Kinder lernen, sich durchzusetzen, sich anzupassen und vor allen Dingen zu kooperieren. Zudem müssen sie sich in die Gesellschaft integrieren können, insbesondere in der heutigen multikulturellen Gesellschaft der Schweiz, in der verschiedene Erziehungsmodi aufeinandertreffen können. Diese können sich entweder gegenseitig bekämpfen oder ergänzen. Dr. Davatz beobachtet, dass sie in ihrer Praxis oft Familien erlebt, in denen die Erziehungsverantwortlichen miteinander kämpfen, was kein gutes Klima für Kinder darstellt. Wenn Kinder gar zu Vermittlern zwischen den Eltern werden müssen, nimmt ihnen das viel Energie für ihre persönliche Entwicklung weg.

Dr. Davatz betont, dass es in der Erziehung nicht darum geht, immer gleicher Meinung zu sein. Vielmehr müssen die Unterschiede klar zum Ausdruck kommen, damit das Kind lernen kann, dass Mutter und Vater Dinge unterschiedlich sehen und je nach Situation die eine oder andere Haltung besser sein kann. Das Kind optimiert so seinen Lebensentwurf. Sie spricht sich dagegen aus, das Kind moralisch zu erziehen, sondern es nach seinen eigenen Wertvorstellungen zu fördern, die individuell sind. Dr. Davatz unterstreicht, dass Mann und Frau schon nicht gleich sind und wir unterschiedlich sein dürfen. Sie sieht die aktuelle Geschlechterdiskussion um binär und nonbinär als etwas extrem, plädiert für einen individuelleren Ansatz und betont, dass man umso mehr voneinander lernt, je mehr man sich mit Unterschieden auseinandersetzt.

Im Kontext der Schule beinhaltet diese einerseits das Lernen von Kompetenzen wie Rechnen, Schreiben und sich Ausdrücken. Andererseits ist es wichtig, dass in der Schule nicht nur Wissen und Leistung weitergegeben wird. In der heutigen Leistungsgesellschaft und im Wettbewerb ist es entscheidend, dass die emotionalen Fähigkeiten der Frauen nicht verloren gehen und weitergegeben werden. Dr. Davatz betont, dass es sehr wichtig ist, dass wir Schweizer wach sind und für unsere Werte einstehen und diese auch weitergeben.

Sie beobachtet, dass in Auseinandersetzungen oft ein Kampf um das Recht entsteht, anstatt ein konstruktiver Austausch mit These, Antithese und Synthese. Sie betont die Wichtigkeit, sich anzunähern, zu dezentrieren und herauszufinden, wie andere etwas sehen. Eltern müssen nicht immer am gleichen Strick ziehen, da dies Kinder „erwürgen“ kann. Stattdessen sollen die Unterschiede klar zum Ausdruck kommen.

Dr. Davatz unterstreicht die Bedeutung der Beziehungsarbeit in der Erziehung. Man soll das Kind begleiten und ihm zeigen, wie man mit Dingen umgeht. Dabei ist es wichtig, für seine eigenen Methoden einzustehen und dem Kind zu zeigen, dass man es beim Erlernen begleitet. Sie spricht sich gegen reine Belohnungs- und Bestrafungssysteme aus und betont, dass die Freude des Kindes am Tun die beste Belohnung ist. Eltern sollen ihre Prinzipien und Regeln kommunizieren, aber nicht mehr vorschreiben, wie etwas gemacht werden muss, besonders in der Pubertät. Es geht darum, dem Kind zu helfen, seine eigenen Wertvorstellungen zu entwickeln und Unterschiede ohne Kampf wahrzunehmen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Dr. Davatz eine Erziehung befürwortet, die auf Vorbild basiert, die individuellen Unterschiede respektiert, die Kooperation fördert und Werte durch authentisches Vorleben und Begleitung vermittelt, anstatt durch reine Wissensvermittlung oder starre Regeln. Die Auseinandersetzung mit verschiedenen Perspektiven und das Lernen aus Unterschieden spielen dabei eine zentrale Rolle für die Entwicklung des Kindes in einer vielfältigen Gesellschaft.

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Geschlechter Unterschiede Gehirn

Dr. Davatz erwähnt, dass Frauen ein anderes Gehirn haben als Männer. Sie bezieht sich auf Untersuchungen aus der Literatur und speziell auf die Forschung von Elena Brivio an Rattenhirnen. Diese Forschung hat gezeigt, dass weibliche Ratten mehr Nervenendigungen und mehr Oligodendrozyten aufweisen, was darauf hindeutet, dass Frauen stärker im Gehirn vernetzt sind.

Im Gegensatz dazu sagt Dr. Davatz, dass Männer eher vereinfachen und eher „gegen die Wand fahren“. Sie beobachtet, dass Frauen nicht aufgeben und dass die Zukunft den Frauen gehört. Sie verweist auf das Buch von Frans de Waal, das zeigt, dass weibliches Verhalten anders ist.

Dr. Davatz führt weiter aus, dass Frauen merken, wenn etwas nicht gut läuft und nicht einfach daran vorbeigehen können. Männer hingegen können Probleme am Arbeitsplatz eher ausblenden oder vereinfachen und „in die Wand fahren“. Sie stellt fest, dass Mann und Frau bereits unterschiedlich sind.

Bezüglich emotionaler Intelligenz betont Dr. Davatz, dass Frauen viel emotionale Intelligenz besitzen und diese auch einsetzen müssten. Sie merkt an, dass, wenn Knaben (Männer) verletzt werden, sie aggressiv werden, was sie mit dem männlichen Geschlecht und Testosteron in Verbindung bringt.

Zusammenfassend deutet Dr. Davatz an, dass es strukturelle Unterschiede in der Gehirnorganisation zwischen Männern und Frauen gibt, wobei Frauen möglicherweise stärker vernetzt sind und Männer eher zur Vereinfachung neigen. Sie sieht auch Unterschiede im emotionalen Erleben und im Umgang mit Problemen, wobei Frauen eine höhere emotionale Intelligenz zugeschrieben wird und Männer eher mit Aggression auf Verletzungen reagieren. Es ist wichtig zu beachten, dass sich diese Aussagen auf Beobachtungen und Interpretationen von Dr. Davatz stützen und durch die erwähnte Rattenstudie und das Buch von Frans de Waal ergänzt werden.

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Jugend und Psychiatrie

Dr.med. Davatz beginnt ihren Workshop mit der Feststellung, dass das Thema „immer mehr psychisch kranke Jugendliche“ in der Sonntagspresse allgegenwärtig ist. Sie betont, dass die Jugendpsychiatrie völlig überfordert ist mit Abklärungen und Aufnahmen. Es wird wahrgenommen, dass es der Jugend nicht so gut geht.

Dr. Davatz und die Teilnehmenden diskutieren verschiedene Aspekte, die zu dieser Situation beitragen könnten:

  • Erziehung: Es werden die Extreme der demokratischen und autoritären Erziehung erwähnt, wobei Mischformen natürlich existieren. Wichtig ist, dass Kinder lernen, sich durchzusetzen, sich anzupassen und zu kooperieren. Konflikte zwischen Erziehungsverantwortlichen und wenn Kinder Vermittler sein müssen, nehmen ihnen viel Energie für ihre persönliche Entwicklung weg.
  • Gehirnentwicklung in der Pubertät: Dr. Davatz erklärt, dass sich das Gehirn in der Pubertät neu vernetzt, ein Prozess namens Synaptic Pruning, bei dem angelegte Netzwerke gekappt und funktionale Netzwerke gebildet werden. Daher spielt die Interaktion mit dem Umfeld in dieser Zeit eine riesige Rolle. Jean Piaget’s Konzept des Dezentrierens, die Fähigkeit, Perspektiven anderer zu verstehen, wird ebenfalls erwähnt. Nur etwa 60% lernen dies in der Pubertät. Wer dies nicht lernt, hat Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit.
  • Mangelnde Zusammenarbeit und Umgang mit Konflikten: Oft wird schlecht zusammengearbeitet. Anstatt eines konstruktiven Austauschs (These, Antithese, Synthese) laufen viele Auseinandersetzungen auf These und Antithese hinaus, die mit Kämpfen ausgetragen werden. Es ist wichtig, sich anzunähern, zu dezentrieren und herauszufinden, wie andere etwas sehen. Eltern müssen nicht immer am gleichen Strick ziehen, da dies Kinder „erwürgen“ kann.
  • Geschlechterkämpfe und Mobbing: Es gibt auch Geschlechterkämpfe unter Jugendlichen. Mobbing wird als Dysfunktion gesehen, bei der auf eine Person fokussiert wird. Die Täter sind häufig auch Opfer. Wichtig ist es, den Gruppenprozess zu betrachten und Regeln zu etablieren, ohne Partei zu ergreifen. Es braucht Sozialkompetenzförderung, beginnend im Kindergarten. Kinder mit ADHS/ASS, die sich nicht wehren können, werden häufig gemobbt.
  • ADHS/ADS und deren Zusammenhang mit psychischen Problemen: Dr. Davatz betont, dass ADS-Kinder nach innen und ADHS-Kinder nach aussen hyperaktiv sind. Bei ADHS/ADS-Kindern bleibt das emotionale Gehirn stärker vernetzt. Sie nehmen mehr wahr und werden daher schneller gestört. Es kann eine Verbindung zu bipolaren Störungen bestehen, da sie den gleichen veränderten Genlocus aufweisen können. Eine zu restriktive Erziehung von ADHS/ADS-Kindern kann in der Pubertät zu einem Ausbruch führen. Es braucht einen sorgfältigeren Umgang mit diesen Kindern.
  • Medikamente (Ritalin): Ritalin wird als Amphetamin bezeichnet, das die Fokussierung unterstützt. Es kann jedoch auch Nebenwirkungen wie Ticks verursachen. Dr. Davatz spricht sich für einen sorgfältigeren Umgang mit Medikamenten aus und betont die Wichtigkeit, den Jugendlichen zu begleiten und ihnen zu helfen, ihre Emotionen selbst zu regulieren, anstatt sie nur chemisch „runterzudämpfen“. Das Placebo kann ebenfalls eine starke Wirkung haben, da das emotionale Gehirn stark ist.
  • Emotionale Regulation und Beziehungsarbeit: Es ist zentral, dass junge Menschen lernen, ihre Emotionen wahrzunehmen und mit ihnen umzugehen. Dazu braucht es ein Gegenüber und Auseinandersetzung, nicht nur Bravsein. Die Kinderstube ist zum Auseinandersetzen da. Bei emotionalen Ausbrüchen ist es wichtig, auszuhalten und zu validieren, bevor man korrigiert. Die persönliche Beziehung ist wichtiger als materielle Investitionen oder mobile Geräte.
  • Systemischer Ansatz: Dr. Davatz betont die Bedeutung des systemischen Ansatzes, bei dem das Individuum im Kontext seiner Beziehungen betrachtet wird. Psychische Probleme können Symptome eines kranken Systems sein. Es ist wichtig, Interaktionen und Beziehungen anzuschauen und das Umfeld zu unterstützen, anstatt Kinder gleich in die Psychiatrie einzuweisen. Die Zusammenarbeit zwischen Lehrern, Eltern und Therapeuten ist entscheidend.
  • Frühe Hilfe und Prävention: Es sollte frühzeitig Hilfe gesucht werden, nicht nur bei Psychiatern, sondern auch bei Sozialarbeitern. Lehrer sollten sich nicht scheuen, frühzeitig Unterstützung zu holen. Viele Folgekrankheiten bei ADHS/ADS könnten durch frühzeitige Begleitung verhindert werden.
  • Herausforderungen im System: Das medizinische Modell in der Psychiatrie ist oft zu symptombezogen und berücksichtigt Ressourcen nicht ausreichend. Datenschutzgesetze können die Zusammenarbeit erschweren. Es wird zu viel Geld in der Psychiatrie und im juristischen System ausgegeben und zu wenig in die präventive Unterstützung von Kindern und Eltern.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Dr. Davatz ein komplexes Bild der zunehmenden psychischen Belastung von Jugendlichen zeichnet. Sie betont, dass es nicht nur am einzelnen Jugendlichen liegt, sondern an einem Zusammenspiel verschiedener Faktoren wie Erziehung, Gehirnentwicklung, soziale Interaktionen, schulische Anforderungen und dem Umgang mit Emotionen. Sie plädiert für einen systemischen Ansatz, der das Umfeld mit einbezieht, frühe Interventionen und eine stärkere Fokussierung auf die Beziehungsarbeit und emotionale Kompetenzentwicklung, anstatt primär auf Medikamente zu setzen. Die Sensibilisierung von Eltern, Lehrern und der Gesellschaft für diese komplexen Zusammenhänge ist dabei essenziell.

https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/04/immer-mehr-Psychiatrie-29.3.2025.m4a.pdf

Folgekrankheiten von ADHS und ADS

Dr. med. Ursula Davatz betont in ihren Ausführungen, dass viele der psychiatrischen und körperlichen Diagnosen, die bei Menschen mit ADHS/ADS festgestellt werden, aus ihrer Sicht Folgekrankheiten sind. Diese entwickeln sich, wenn nicht artgerecht, persönlichkeitsgerecht und neurotypgerecht mit diesen Menschen umgegangen wird. Druck und ein nicht-verständnisvolles Umfeld können dabei eine zentrale Rolle spielen.

Folgende Folgekrankheiten und Probleme im Zusammenhang mit ADHS werden von Dr. Davatz im Audiomaterial diskutiert:

  • Psychiatrische Folgekrankheiten:
    • Persönlichkeitsstörungen bei Frauen: Insbesondere bei hyperaktiven Frauen mit ADHS, die zurückgebremst werden, kann sich eine Persönlichkeitsstörung entwickeln.
    • Borderline Persönlichkeitsstörung: Diese Diagnose ist laut Dr. Davatz häufig bei Frauen mit ADHS anzutreffen, die in ihrer Entwicklung eingeschränkt wurden.
    • Depression: Depressionen treten häufiger bei Frauen mit ADHS auf, insbesondere wenn die Diagnose erst spät gestellt wird und sie zuvor viel Energie in die Anpassung gesteckt haben.
    • Antisoziale Persönlichkeitsstörung: Bei Männern mit ADHS beobachtet Dr. Davatz eher diese Entwicklung, die bis hin zu Delinquenz führen kann.
    • Suchtstörungen: Menschen mit ADHS/ADS neigen dazu, Suchtmittel zu verwenden, um ihr starkes Temperament zu regulieren. Dies kann alle Arten von Suchtmitteln umfassen, aber auch den Gebrauch von Beruhigungsmitteln bis hin zur Abhängigkeit.
    • Schizophrenie: ADHS/ADS-Betroffene können in einen schizophrenen Zustand übergehen, wenn ihr emotionales Gehirn über längere Zeit völlig überlastet ist. Dies ist ein Resultat eines „System Overload“ im emotionalen Hirn.
    • Bipolare Störung: Tritt bei ADHS/ADSlern auf, möglicherweise als Befreiung von zu engstirniger Erziehung durch manische Schübe.
  • Körperliche Folgekrankheiten:
    • Fibromyalgie und Schmerzen: Frauen mit ADHS entwickeln tendenziell häufiger Fibromyalgie und chronische Schmerzen.
    • Herzinfarkte: Männer mit ADHS scheinen anfälliger für Herzinfarkte und ähnliche Erkrankungen zu sein.
    • Muskel-Skelett-System-Probleme und Schmerzen am ganzen Körper: Dr. Davatz beobachtet diese Probleme häufig bei Frauen mit ADHS.
  • Soziale und verhaltensbezogene Probleme:
    • Selbstverletzendes Verhalten (Ritzen) und Essstörungen: Kommt bei Frauen mit ADHS vor.
    • Rückzug und Kommunikationsverweigerung: Insbesondere bei ADS-Betroffenen kann es bei negativen Erfahrungen zu einem kompletten Rückzug und Verweigerung der Kommunikation kommen. Dies kann fälschlicherweise als Autismus wahrgenommen werden.
    • Schulverweigerung: Kinder mit ADHS/ADS können die Schule verweigern, wenn ihre Bedürfnisse im schulischen Umfeld nicht erfüllt werden.
    • Delinquenz: In extremen Fällen können insbesondere ADHS-Betroffene delinquent werden, wenn sie im erzieherischen Umfeld ständig Kritik erfahren und ausscheren.

Dr. Davatz betont, dass diese Folgekrankheiten nicht zwangsläufig auftreten müssen und durch einen verständnisvollen, geduldigen und auf die individuellen Bedürfnisse abgestimmten Umgang oft vermieden oder gemildert werden könnten. Ihrer Meinung nach liegt das eigentliche Problem oft nicht in der genetischen Veranlagung selbst, sondern in der mangelnden Anpassung des Umfelds an die Besonderheiten neurodivergenter Menschen. Sie plädiert daher für Prävention durch frühe Aufklärung und Unterstützung des Umfelds

https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/03/autismus-diagnostik-25.3.2025.m4a.pdf