Was die Psyche angeht, so kann ADHS der Grundstein sein für Depression, Schizophrenie, Sucht. Oft verfallen Menschen mit ADHS einer Sucht im Sinne einer Selbstmedikation. Im Bereich des Körpers kann es zu Übergewicht, hormonellen Störungen oder Schmerzsymptomen kommen. Gerade Muskel-, Sehnen- und Gelenkschmerzen treten häufig auf, weil es ADHS-Betroffenen mehr als anderen schadet, zu wenig Bewegung zu haben. Ideal bei ADHS ist viel Bewegung ohne Stress.
Generationen und ADHS
ADHS wird vermehrt von einem Kinder- zu einem Erwachsenenthema – und im Besonderen zu einem Frauenthema, da ADHS bei Frauen und Mädchen unterdiagnostiziert ist. Viele Frauen finden erst bei der Abklärung ihrer Kinder heraus, dass sie selbst betroffen sind. Inwiefern zeigt sich ADHS bei Frauen und Mädchen anders? Was bedeutet dies für den Diagnoseprozess und den Umgang mit einer solchen Diagnose? Welche Rolle spielen das Patriarchat, der Menstruationszyklus und soziale Medien? Und was sind nützliche Strategien für Frauen mit ADHS?
Temperament gerechter Umgang
Transkript
Dr.med. Ursula Davatz
14.11.2023
Temperament gerechter Umgang
Audio
[00:00:00.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Temperamentgerechter Umgang.
[00:00:03.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mir ein paar Gedanken als erstes gemacht, und zwar eine Banalität, ein paar allgemeine
Gedanken.
[00:00:12.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sage ich, der Mensch ist ein soziales Wesen und das muss man berücksichtigen.
[00:00:20.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine gesunde Erziehung, eine gesunde Entwicklung eines Kindes hängt von einer gelungenen sozialen
Beziehung mit seinem Umfeld ab.
[00:00:31.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heißt, die Erziehungsverantwortlichen müssen eine Beziehung zum Kind herstellen können.
[00:00:39.670] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Erziehung wird häufig von der Haltung ausgegangen, wir müssen die Kinder in eine gewisse
Richtung lenken. Das heißt, wir ziehen sie irgendwo hin.
[00:00:52.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir müssen die Kinder nach unseren Vorstellungen erziehen, damit sie dann sich gut bewähren können
im erwachsenen sozialen Umfeld.
[00:01:04.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Das stimmt oft nicht.
[00:01:07.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Kind, wenn es nicht klappt mit der Erziehung, zum Beispiel in der Schule, im Kindergarten und so
weiter, wenn es da nicht klappt, dann wird das Kind häufig uns Psychiatern übergeben und wir sollen
dann das Kind so richten, dass es sich in unserem gängigen System bewegen kann, anpassen kann und
so weiterentwickeln kann.
[00:01:37.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald Psychiater reinkommen, dann kommt ein medizinisches Modell zur Sprache. Das heißt, man
versucht an diesem einzelnen Kind rum zu machen, dass es dann reinpasst.
[00:01:54.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich als Familientherapeutin sage natürlich, wir Erwachsene müssen uns auch dem Kind anpassen, damit
da irgendetwas funktioniert.
[00:02:07.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Keine Erziehung ohne Beziehung.
[00:02:12.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Erziehung ist nie nur eine Einbahnstrasse, als von mir zum Kind, ich erziehe, sondern das Kind
erzieht auch mich.
[00:02:21.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir lernen an den Kindern verschiedene Lebenssituationen kennen, verschiedene Temperamente etc.
[00:02:29.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir müssen immer auch von den Kindern lernen.
[00:02:36.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist an sich ein altes Prinzip. Sokrates hat schon gesagt, man lernt von seinen Schülern.
[00:02:45.150] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn gilt die Regel keine Erziehung ohne Beziehung.
[00:02:50.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt kommen wir zum Titel: Was ist Temperament gerecht?
[00:02:55.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mich natürlich viel mit ADHS-Kindern befasst.
[00:03:03.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Um ADHS-Kinder erfolgreich erziehen zu können, müssen wir zuerst verstehen, wie ihr Temperament ist,
wie ihr Wesen ist, wie sie die Welt wahrnehmen und wie sie auf die Welt reagieren.
[00:03:20.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir können nicht einfach unsere Erziehungsvorstellung dem Kind auf doktrinieren.
[00:03:28.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sage ich jeder Dompteur im Zirkus, der muss sich der Wesensart des Tieres bewusst werden, damit
er das Tier möglichst erfolgreich dressieren kann.
[00:03:43.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Kindern sagt man das nicht. In dem Sinn sage ich ADHS Kinder brauchen eine
temperamentgerechte, eine persönlichkeitsgerechte Erziehung und Behandlung und Umgang mit ihnen.
[00:04:00.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Heutzutage ist ADHS in aller Munde und es wird viel darüber diskutiert.
[00:04:07.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Zum Teil wird auch gesagt, es ist nur eine Mode Krankheit, gibt es gar nicht, stimmt natürlich nicht. Es ist
ein genetisch angeborener Neurotyp, also Persönlichkeitstyp.
[00:04:20.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich will nicht alle Dinge erwähnen, aber ich hole drei Eigenschaften dieser Art von Kindes heraus.
[00:04:30.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Eines ist die sehr hohe Sensitivität. Das zweite ist eine starke impulsive Reaktivität.
[00:04:41.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heißt, wenn diese Kinder verletzt werden, sie werden leichter und schneller verletzt. Wenn sie
verletzt werden, dann reagieren sie entweder mit impulsiver, aggressiver Abwehr, sind dann sogenannte
böse Kinder, oder sie ziehen sich zurück und entziehen sich der Beziehung und dann kann man auch
nicht mehr erziehen.
[00:05:09.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Die dritte Eigenschaft des ADHS Kindes ist eine leichte Ablenkbarkeit. Man nennt dann das
Aufmerksamkeitsstörung. Aber ich sage, es ist eine breite Aufmerksamkeit. Das heißt, das Kind nimmt
viel mehr Reize im Umfeld wahr als ein Durchschnittskind.
[00:05:32.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn hinten ein Papier raschelt und vorne redet die Lehrerin oder die Kindergärtnerin, dann hört es auf
das Papier und nicht mehr auf den Lehrer oder die Lehrerin.
[00:05:45.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Die lassen sich sehr, sehr schnell ablenken.
[00:05:49.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort her braucht es eine gewisse Fähigkeit, um die Aufmerksamkeit immer wieder reinzuholen von
diesen Kindern.
[00:06:01.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Beide Typen sind schnell verletzt, das ADHS-Kind, wenn es verletzt ist, wird es aggressiv. Das ADS-Kind,
wenn es verletzt wird, zieht es sich eher zurück in seine Fantasiewelt.
[00:06:15.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Das aggressive Kind erreicht man nicht mehr. Das Kind, das in die Fantasiewelt entschlüpft ist, erreicht
man auch nicht mehr.
[00:06:27.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort her sage ich, wenn ein ADHS Kind, alles was ich sage, könnte man natürlich auf alle Kinder
anwenden.
[00:06:38.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den ADHS Kindern ist es noch wichtiger.
[00:06:42.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ein ADHS Kind aggressiv, impulsiv reagiert, darf man es nicht für diese Aggressivität, für die
aggressive Abwehr bestrafen.
[00:06:54.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Moment der aggressiven Reaktion darf man es nicht bestrafen, nicht erziehen.
[00:07:02.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss immer zuerst nach der Verletzung suchen und sagen: Was hat dich jetzt so geärgert, dass du
so aggressiv geworden bist?
[00:07:14.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ganz kleinen Kinder können das noch nicht sagen. Die größeren können es etwas.
[00:07:20.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den kleinen muss man beobachten: Was hätte es sein können? Und dann kann man fragen War es
das oder war es das?
[00:07:28.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss man helfen. Man darf nie die Aggressivität sofort erzieherisch unterdrücken, sonst hat man den
Kontakt zu dem Kind verloren.
[00:07:40.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss also rausfinden, was hat dieses Kind verletzt? Wenn man etwas ein Bild hat, was das Kind
verletzt hat, dann muss man mit dem Kind zusammen gemeinsam erarbeiten, wenn dir das wieder
passiert, was könntest du anderes machen oder was wäre sozial verträglicher?
[00:08:19.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Also man muss die Konfliktlösung mit dem Kind zusammen erarbeiten.
[00:08:25.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald das Kind mitarbeitet an der Konfliktlösung und am Verhalten, dann steht es auch hinter diesem
Verhalten. Dann ist es nicht einfach aufgepfropft, aufgesetzt, sondern dann kann es das besser
übernehmen.
[00:08:42.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei ADHS-Kindern, die müssen intrinsisch motiviert werden, also von sich aus und nicht extrinsisch, also
nicht von außen.
[00:08:54.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss sie zur Kooperation bringen und nicht zum Gehorsam. Denn der Gehorsam, der funktioniert
nicht. Die haben sehr viel Widerstand. Die haben einen Dickkopf, im Kampf mit diesem Dickkopf macht
man meistens zweiten, also verliert man.
[00:09:14.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Weiter noch zur Aufmerksamkeit.
[00:09:21.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Hunden sagt man, man muss zuerst den Appell des Hundes haben und erst dann darf der Befehl
durchgegeben werden.
[00:09:31.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sieht, ob ein Kind aufmerksam ist an den Augen.
[00:09:36.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man einen Befehl quer durchs Zimmer gibt und in den Rücken des Kindes, dann kann es sehr wohl
sein, dass es diesen einfach ignoriert.
[00:09:47.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es etwas wichtiges ist, dann muss man zum Kind hingehen, Augenkontakt schaffen, je nachdem,
und das kommt auf das Kind drauf an, darf man auch noch Schulterkontakt, also die Hand auf die
Schulter legen.
[00:10:04.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es da diesbezüglich sehr empfindlich ist und nicht gern Berührung hat, dann geht das nicht.
[00:10:10.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Über den Augenkontakt, wenn man das Gefühl hat, man hat den Augenkontakt, dann kann man seinen
Wunsch, seinen Befehl sagen.
[00:10:20.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Wichtig ist, dass dieser Befehl oder dieser Wunsch, dass der relativ kurz ist, klar ist und nicht 100'000
Erklärungen noch hinterher schieben.
[00:10:34.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Da verwirrt man das Kind und am Schluss weiß es nicht mehr, was man eigentlich wollte.
[00:10:41.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist zum Teil auch mit einer, ich sage jetzt auditiven Diskriminierungsfähigkeit verbunden.
[00:10:48.540] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS Kinder können oft nicht lange Sätze sich merken.
[00:10:54.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Das serielle Gedächtnis ist noch nicht so gut.
[00:10:58.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man dann viel zu viel aufs Kind einredet, geht der Anfang verloren und das Kind weiß nicht mehr,
was man von ihm wollte.
[00:11:07.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich zuschaue, wie Eltern auf ihre Kinder einreden, auch auf die kleinen, dann denke ich Oh, redet
doch nicht zu viel, ist viel zu viel.
[00:11:18.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Kurze Sätze und dann schauen, ob es beim Kind angekommen ist.
[00:11:23.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich nenne das Appell.
[00:11:27.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei ADS Kindern, die haben eine Hyperaktivität im Kopf, die prüfen alles zuerst sehr sorgfältig durch in
ihrem Inneren, im Gehirn und erst dann entscheiden sie.
[00:11:44.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Die gehen unter einer Gruppe in einer Klasse oft leicht verloren.
[00:11:52.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heißt, sie schweifen dann ab in Träumereien und bekommen gar nicht mehr mit, was läuft.
[00:11:59.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Solche Träumer Kinder, die werden in einer Gruppe leicht zum Fokus von Mobbing.
[00:12:12.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Häufig sind es eben scheue Kinder und wenn man die aggressiv angeht, dann wehren sich die nicht oder
können das nicht.
[00:12:21.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort her muss man als Erziehungsperson die etwas im Auge haben und wenn da eine Mobbing
Situation in der Gruppe entsteht; man muss die Kinder in die Gruppe reinholen, bevor sie ganz
abgeglitten sind, ganz weg sind. Man muss sie aktiv reinholen.
[00:12:49.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Was früher von den Lehrern oft gemacht wurde, wenn die Kinder sich nicht richtig ausgedrückt haben
oder nicht gemeldet haben, dann bekamen sie schlechte Noten oder der Lehrer hat jemand aufgerufen
und das Kind weiß dann nicht was sagen und dann wird es vor der ganzen Klasse blamiert.
[00:13:08.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Das darf man natürlich nicht.
[00:13:10.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sie reinholt, darf man sie nicht bloßstellen, sondern man muss sie begleiten.
[00:13:17.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Solche Kinder brauchen mehr Zeit. Man muss Geduld haben. Die sind nicht so schnell wie die ADHS
Kinder, die alles überrennen.
[00:13:28.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss man den ganzen Prozess etwas verlangsamen.
[00:13:37.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt gehe ich noch schnell auf das Wort ein: innovative Begleitung.
[00:13:41.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Das war bei Ihnen nicht dabei, aber ich nehme es jetzt trotzdem.
[00:13:45.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Innovativ ist alles, wenn wir mit den Kindern zusammen eine Lösung suchen.
[00:13:52.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben ein Problem, z.B. mit einem einzelnen Kind. Ich will, dass das Kind jetzt seine Schuhe anzieht
und alle warten schon.
[00:14:03.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann sage ich: zieh doch schnell deine Schuhe an und dann macht es das Kind einfach nicht. Dann kann
man sagen: Oh, jetzt habe ich ein Problem.
[00:14:15.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Die anderen warten schon, die laufen uns davon. Du wirst die Schuhe nicht anziehen. Was mache ich
jetzt?
[00:14:22.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Also, dass man das Problem schildert und dann schaut, ob das Kind mit irgendeiner Lösung kommt.
Wenn man die Kinder mit einbezieht in die Problemlösung, dann machen die eher mit.
[00:14:37.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist wieder das intrinsische Lernen und das selbst motivierte Mitmachen.
[00:14:44.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich zum Beispiel Familien habe mit Kindern und die Eltern haben Probleme mit einem Kind, dann
schauen wir das Problem an.
[00:14:53.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich benenne das Problem und dann sage ich: Jetzt haben wir das Problem. Was schlägst du vor?
[00:15:00.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Natürlich, Dreijährige können das vielleicht noch nicht so gut, aber vielleicht können sie es sogar. Ich
frage das Kind: Was schlägst du vor und ich bin als erstaunt, was die Kinder für gute Vorschläge haben.
[00:15:12.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir denken immer wir Erwachsenen, die schon so viel Wissen vom Leben, die müssen dem Kind zeigen,
wie es geht.
[00:15:20.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Kreativ, innovativ wäre das Kind mit Einbeziehen in die Lösung, in die Problemlösung, in die
Konfliktlösung.
[00:15:33.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe letztens einen Film angeschaut, das ist die Schule von Bratsch. Hat ihn irgendjemand gesehen?
Nein, ist in Wallis.
[00:15:43.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Da ist ein junger Lehrer und der hat gesagt, er hat schlechte Schulerfahrung gemacht. Er will eine ganz
andere Schule machen. Die haben dann ein leeres Schulhaus, das nicht mehr verwendet wurde, haben
die gefragt, ob sie das verwenden können und haben dann dort eine Schule gemacht.
[00:16:06.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist erstaunlich. Ich kann nicht mehr alles sagen.
[00:16:10.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Damian Gsponer und Natascha Würsten sind die Lehrer. Damian Gsponer hat den Kindern drei Projekte
gegeben, also drei Bereiche, wo sie sich betätigen können. Eines war der Garten, das andere war, sie
mussten ein Lager vorbereiten und als drittes durften sie den Spielplatz gestalten.
[00:16:32.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe natürlich nicht alles gesehen, aber es war unglaublich, wie die Kinder mitgemacht haben.
[00:16:42.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Die haben echte Problemlösungen miteinander erarbeitet und eines war eine Sitzung, da war ein
Gemeindepräsident dabei, aber die Kinder haben die Sitzung geführt und die haben dem
Gemeindepräsident gesagt, wenn sie da Einwände haben gegen unsere Schule, dann müssen sie jetzt
das bringen.
[00:17:05.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Die haben sehr erwachsen geredet miteinander. Erstaunlich.
[00:17:09.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Da bringe ich jetzt noch mal ein Wort rein, der Stress.
[00:17:14.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Unter Stress gibt es vier verschiedene automatisierte Stressverhalten bei Tieren und bei Menschen.
[00:17:25.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Das erste ist Fight, also Kampf.
[00:17:29.750] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS Kinder, wenn die verletzt werden, kämpfen die, Fight.
[00:17:33.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Flight, das ist die Flucht. Wenn ADS Kinder verletzt werden, flüchten die.
[00:17:41.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Frauen flüchten auch eher, Männer neigen eher zu Kampf, Frauen eher zu Flucht nach innen.
[00:17:49.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Das dritte ist Freeze, auf Englisch reimt sich das sehr gut. Auf Deutsch heisst das: Totstellreflex.
[00:17:59.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Totstellreflex zum Beispiel muss man anwenden, wenn ein Silberback, also ein Gorilla einem im
Urwald als Feind sieht, dann muss man so tun, als ob man ein Fels sei, also dass er sich nicht gestört
oder angegriffen fühlt. Man darf nicht davon rennen, sonst geht er einem nach.
[00:18:23.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Freeze, so wie der Igel, der sich einigelt, wenn ein Feind kommt, so ist er geschützt.
[00:18:29.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir können das auch, Freeze, dass wir gar nichts mehr sagen.
[00:18:34.680] – Dr.med. Ursula Davatz
ADS Kinder machen eher Freeze, die ziehen sich zurück. Das Hirn läuft zwar noch, aber nach außen
sieht man gar nichts. Also die sogenannte Totenstarre.
[00:18:44.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir erschreckt werden von einem Einbrecher, dann können wir auch in die Totenstarre verfallen.
[00:18:50.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Das vierte Muster ist Teasing. Teasing, auch wieder Englisch, heißt eigentlich provokatives
Spielverhalten.
[00:19:03.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie jungen Hunden, auch jungen Geissen zuschauen, die Hunde, die kann man eher beobachten,
wenn sie denen zuschauen, die teasen sich gegenseitig, die springen sich an, die zwicken sich, die
machen alle möglichen Dinge und schauen dann, wie der andere reagiert.
[00:19:24.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Kinder machen das auch. Die testen einen und wollen schauen, wie man reagiert.
[00:19:33.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss man das Teasing nicht bestrafen, sondern wahrnehmen: aha, du willst mich in ein Spiel
reinholen? Je nachdem kann man sogar in ein Spiel reingehen und dann wird der Konflikt entschärft.
[00:19:52.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Über das Teasing, also Teasing ist Spielverhalten, provokatives Spielverhalten, es ist aber auch
Lernverhalten und über Teasing entstehen kreative Problemlösungen.
[00:20:08.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man schaut in der Wissenschaft, wer hat, also in welchem Alter wurden neue Dinge erfunden, dann
ist das häufig viel mehr bei jungen Menschen, weil die noch besser teasen können. Also die sind noch
nicht so eingespurt.
[00:20:28.260] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHSler von denen sagt man auch, die akzeptieren die Grenzen nicht. Die gehen immer über die
Grenzen raus und wollen schauen, wie reagiert wird.
[00:20:38.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man dann natürlich wissenschaftlich über die Grenzen rausgeht, dann erfindet man neue Dinge
und das ist dann kreativ.
[00:20:46.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Albert Einstein war ein ADHS Kind, Steve Jobs war ein ADHS Kind, der Elon Musk ist sicher eines, der
von Microsoft Bill Gates und so weiter. Von Mozart sagt man es auch.
[00:21:04.170] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS Kinder können besser Grenzen überschreiten, also sie halten sich eben nicht so gut an die
Regeln. Das ist in der Schule vielleicht oder im Kindergarten nicht so angenehm.
[00:21:16.430] – Dr.med. Ursula Davatz
In dieser Fähigkeit stecken immer auch innovative Kräfte.
[00:21:25.490] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn lande ich wieder beim Lernen. Wir müssen auch von den Kindern lernen, nicht nur die Kinder
von uns.
[00:21:34.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Damit gelernt wird und damit erzogen wird, braucht es eine ernsthafte Beziehung und eine ernsthafte
Auseinandersetzung mit dem Kind.
[00:21:48.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich erlebe häufig, dass Leute zu schnell wollen, dass das Kind schon gut erzogen ist und von dort her
dann, wie soll ich sagen einfach brav alles macht wie ein Erwachsener.
[00:22:07.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Titel war noch das Wort Balance, stärken der psychischen Balance
[00:22:18.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Die psychische Balance.
[00:22:21.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe am Anfang gesagt, dass der Mensch ein soziales Wesen ist und er ist ständig am Balancieren
zwischen Anpassung und sich selber durchsetzen.
[00:22:41.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Mädchen neigen eher zur Anpassung, Jungs neigen eher zum sich durchsetzen, also
Dominanzverhalten. Das hängt mit den Hormonen zusammen und mit unseren Genen.
[00:22:54.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir als Mädchen, als Frauen uns zu viel anpassen, dann verlieren wir unser eigenes Ich und dann
bekommen wir eine Depression und funktionieren nicht mehr gut.
[00:23:12.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir uns zu viel durchsetzen, sind wir vielleicht unbeliebt, aber wir können uns doch besser
verwirklichen.
[00:23:22.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Männer können das besser. Bei den Männern ist mehr bekannt, dass die sich halt durchsetzen und
bei den Männern, bei den Buben akzeptiert man es auch.
[00:23:33.570] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinne muss ein Mensch immer in der Balance sein zwischen wie viel passe ich mich an, damit ich
in der Gruppe akzeptiert werde? Wie viel setze ich mich durch, damit ich mich selber sein darf?
[00:23:51.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Klar, wenn ich mich durchsetze als Führerfigur, als Alphatier, dann habe ich dann viele Followers, was
aber auch nicht das Mass aller Dinge ist.
[00:24:07.520] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn ist es ganz wichtig, dass man da immer wieder seine Balance findet.
[00:24:12.120] – Dr.med. Ursula Davatz
In einem Moment findet man, ich muss mich jetzt anpassen, in einem anderen findet man, man muss sich
mehr für sich selber einsetzen und durchsetzen.
[00:24:21.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Da ist es wichtig, dass man den verschieden gearteten Kindern, also eben die ADHSler, die setzen sich
mehr durch. Wegen der hohen Sensibilität verlieren sie auch eher das Gleichgewicht.
[00:24:45.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie sich nicht durchsetzen können, sind sie verletzt und dann geht gar nichts mehr.
[00:24:53.040] – Dr.med. Ursula Davatz
ADS und ADHS Kinder verlieren wahrscheinlich schneller ihre Balance.
[00:24:59.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, da ist es unsere Aufgabe als Erzieher, dass wenn man sieht, jemand hat die Balance verloren,
dass man wieder schaut, wie kommt er zu seiner Balance?
[00:25:11.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei dem Anpassen und sich durchsetzen, also dominieren, da gibt es auch wieder eine Begrifflichkeit von
Jean Piaget.
[00:25:21.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Der redet von Adaptation, das wäre anpassen und Assimilation. Assimilation ist eigentlich, man nimmt
andere Dinge und integriert die in sich und setzt sich dann mit diesen neuen Dingen durch.
[00:25:40.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, wenn ich mit Lehrern zu tun habe und wenn ich mit der Schule zu tun habe, dann denkt man
oft zu viel nur an die Skills, also die Kompetenzen zu erwerben, so wie Lernen, also Lesen, Schreiben,
Rechnen und so weiter.
[00:26:01.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Social Skills, also die Sozialkompetenz in der Gruppe, die kann sehr leicht schief laufen.
[00:26:12.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann heißt es, das ist auf dem Pausenplatz, das geht uns nichts an, aber der Pausenplatz gehört zur
Schule. Von dort her ist es sehr wichtig heutzutage, dass wir den Kindern viel Sozialkompetenz
beibringen mit unterschiedlichen Kindern, unterschiedlichen Gebräuchlichkeiten, unterschiedlichen
Religionen und so weiter.
[00:26:37.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sind eine multikulturelle Gesellschaft und wir müssen mit ganz vielen verschiedenen Kulturen
umgehen lernen und keine ist besser und keine ist schlechter. Jede hat ihre Vorteile, jeder hat ihre
Nachteile und wir müssen lernen, mit Unterschieden umzugehen.
[00:26:55.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit Menschen zu kommunizieren, die eine andere Meinung haben, eine andere Haltung haben, ist
absolut notwendig, um die Kinder auf das moderne Leben vorzubereiten.
[00:27:12.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir sehen, was jetzt da alles läuft an Krieg, dann sieht man, wie der Mensch noch nicht so weit ist,
mit unterschiedlichen Einstellungen umzugehen.
[00:27:23.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Jeder will recht haben und jeder will das bessere System haben.
[00:27:27.340] – Dr.med. Ursula Davatz
In einer globalisierten Welt mit globalisiertem Handel, müssen wir mit allem umgehen können.
[00:27:37.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Etwas Wichtiges, wenn nicht das Wichtigste in der Erziehung ist die Sozialkompetenz.
[00:27:43.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wären so meine Ausführungen und jetzt will ich Fragen von Ihnen.
[00:28:16.100] – Bemerkung 1
Also meine Tochter ist dreieinhalb. Die Tageskinder sind zwischen acht Monaten und zehn Jahren alt.
[00:28:37.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Da haben sie eine große Varianz, ganz kleine Kinder und ein großes Kind. Das sind schon sehr viele
Unterschiede und da ist es wichtig, dass die unterschiedlichen Stufen miteinander lernen umzugehen. Da
ist natürlich das große Kind, das mit dem kleinen lernen muss umzugehen.
[00:29:08.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Können Sie irgendwelche Probleme schildern? Anhand von den Problemen können wir Sachen lösen.
[00:29:27.150] – Bemerkung 2
Ich mache aktuell ein Praktikum an einer Privatschule, Kinder gemischten Alters miteinander lernen. Das
sind zehn Kinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren und da kommt es oft vor, dass die älteren Jungen,
die sind im Alter zwischen zehn bis zwölf, immer auf einem Mädchen rumhacken, was sieben ist.
[00:29:52.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Okay, jetzt haben wir ein gutes Problem. Wie hacken die rum auf dem Mädchen? Was machen die?
[00:29:59.880] – Bemerkung 2
Sie sagen Beleidigung oder Tuscheln über sie.
[00:30:04.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Was macht dann die Lehrerin?
[00:30:10.400] – Bemerkung 2
Sie sagt den Jungs, dass es nicht in Ordnung ist.
[00:30:13.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kommt schon die Erzieherin.
[00:30:20.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt bringe ich das Konzept des Teasing rein. Sie kennen wahrscheinlich auch den Spruch: Was ich lieb,
das neckt sich.
[00:30:30.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Werbeverhalten bei uns erwachsenen Menschen ist auch Teasing drin.
[00:30:37.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Anstatt dass wir sagen Ich interessiere mich für dich, mache ich einen blöden Witz. Da könnte ich, ich
kenne die Jungen nicht, aber da könnte ich jetzt sagen: vielleicht wollen die ja irgendwie Kontakt mit dem
anderen Geschlecht, mit diesem Mädchen.
[00:30:55.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Was ist es für ein Mädchen? Ist sie scheu? Ist sie laut?
[00:31:07.510] – Bemerkung 2
Weder scheu, noch extrovertiert, also weder noch. Sie ist sehr kontaktfreudig, kommt eigentlich mit jedem
gut klar.
[00:31:17.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Kontaktfreudig? Was kann sie gut?
[00:31:25.640] – Bemerkung 2
Sachen erklären. Sie erklärt ganz viel, auch den Älteren.
[00:31:29.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Ah, die ist gescheit. Kann sie es besser als die Jungen? Können die weniger?
[00:31:39.250] – Bemerkung 2
Ja
[00:31:39.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Ah, okay, da ist eine Rivalität. Die kann etwas besser, ist kleiner und ist ein Mädchen.
[00:31:47.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist ja klar, der Mann weiß immer alles besser als die Frauen, also das ist so etwas Tradition. Wenn
man die Heiraten ansieht, dann heiraten Akademiker, heiraten eine nicht Akademikerin. Das ist eine
traditionelle Beziehung zwischen Mann und Frau.
[00:32:07.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Die kann alles gut erklären. Das ist schwierig für die Jungs. Dann tuscheln die blöd.
[00:32:15.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Da würde ich jetzt reingehen und sagen und ich würde zuerst einen nehmen, nicht sagen, dass das nicht
okay ist, also nicht einfach verbieten, sondern ich würde den Frechsten nehmen und ich würde jetzt
wahrscheinlich fragen: Was findest du gut an ihr? Was findest du, dass die gut kann?
[00:32:38.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben ja sofort gesagt, sie kann gut erklären.
[00:32:43.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er das nicht sagt, können sie sagen: Ich finde, sie kann gut erklären. Was meinst du dazu?
[00:32:48.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Da haben wir jetzt einen Wettkampf. Hier können wir sagen: Kann sie besser erklären als du, obwohl sie
jünger ist? Stört dich das?
[00:32:59.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man die Spannung, die sich da aufbaut zwischen diesen, dass man die etwas rausholt.
[00:33:08.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mal auch, als ich eine Weiterbildung gemacht habe, da war ein Junge, der hat immer
irgendjemand angestoßen. Dann habe ich gesagt, der versucht Kontakt aufzunehmen auf ungeschickte
Weise.
[00:33:21.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Das machen die, die tun blöd, die nehmen auf ungeschickte Weise mit ihr Kontakt auf.
[00:33:30.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Haben die sogar Angst, dass sie ihnen über den Mund fährt oder die Dinge besser weiß als sie. Ja,
dass man das alles anschaut und dann schaut, wie können die anders miteinander kommunizieren,
spielerisch.
[00:33:44.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie darf etwas erklären und der Junge darf irgendetwas vorzeigen, was er ganz speziell toll kann, zum
Beispiel was sportliches oder irgendetwas.
[00:33:58.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben sofort sagen können, die kann gut erklären.
[00:34:04.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Die wirkt dann altklug auf die und ja, das stört das Männer-Frauen-Bild.
[00:34:13.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich war mal an einem Ärztinnen Workshop. Da hat die, die uns den Workshop gegeben hat, hat gesagt,
als Frau darf man schön sein, aber man muss dumm sein. Wenn man gescheit ist, muss man mindestens
hässlich sein. Aber attraktiv und gescheit, sehr gefährlich. Wenn ich mit Frauen geredet habe, die
intellektuell waren und auch noch attraktiv, die hatten Mühe Männer zu finden, weil da die Hierarchie nicht
stimmt und es beginnt schon da in der Schule. Macht das Sinn für sie?
[00:35:06.120] – Bemerkung 2
Ja, durchaus.
[00:35:08.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Reden Sie mit der Lehrerin und empfehlen sie nicht zuerst zu kritisieren und zu sagen: "Das gehört sich
nicht. Das ist einfach eine Anstandsregel". Das funktioniert überhaupt nicht.
[00:35:22.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Vermitteln zwischen diesen beiden Lagern.
[00:35:29.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Getrauen Sie sich das, Ihrer Chefin zu sagen?
[00:35:34.560] – Bemerkung 2
Ja, doch.
[00:35:35.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Super. Dann müssen Sie rückmelden, wie es gegangen ist.
[00:35:42.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Sehen Sie, das ist Teasing. Provokationsverhalten.
[00:35:49.370] – Dr.med. Ursula Davatz
An sich ist das immer Lernverhalten. Man könnte auch mal in eine Tierfarm schauen gehen, also wo
Hunde gezüchtet werden.
[00:36:00.310] – Dr.med. Ursula Davatz
In Allschwil in Basel-Land, da züchten die Blindenhunde.
[00:36:06.160] – Bemerkung 3
Da war ich zufälligerweise auch schon einmal.
[00:36:10.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sieht man, wie die spielen miteinander. Wir reden ja dann auch von Welpenschutz. Wenn der
Junghund die Erwachsenen beißt oder zwickt oder was, dann reagieren die Erwachsenen nicht mit Nein,
das geht nicht, sondern die haben den Welpenschutz.
[00:36:32.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir müssen unseren Kindern auch den Welpenschutz gewähren, aber dann beibringen, wie könnte man
es anders machen?
[00:36:41.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben diese jungen Hunde auch gesehen, wie die gespielt haben. Super. Ja. Toll.
[00:37:02.110] – Bemerkung 4
Ein Junge wurde vier Jahre alt im September. Dann habe ich noch meine dreieinhalbjährige Tochter zu
Hause und ein anderer Junge, der auch vier Jahre alt ist.
[00:37:28.080] – Bemerkung 4
Häufig geht es dann so ein bisschen um den einen Jungen und meine Tochter und den Bub, dass sich so
ein bisschen Grüppchen bildet.
[00:37:35.610] – Bemerkung 4
Er fühlt sich ausgeschlossen, wenn es um das Teilen von Bauklötzen geht. Er sagt dann ganz viel mal, ja,
ihr seit jetzt nicht mehr meine Freunde, du darfst jetzt nicht zu mir nach Hause kommen, mein Papa tut
dich ins Gefängnis. Der Vater arbeitet im Gefängnis.
[00:38:02.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Okay, das sagt der Junge, der vier Jahre alt ist.
[00:38:10.580] – Bemerkung 4
Der Junge hat zwei ältere Schwester und ich habe wie das Gefühl, dass er das von diesen Schwestern
aufgeschnappt hat.
[00:38:21.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man jetzt den Bub interpretiert, also wenn man sagt: Okay, ich sehe, du bist nicht zufrieden, wie es
läuft. Darum hast du jetzt deinen Vater hervor geholt und die anderen eingesperrt.
[00:38:38.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt schauen wir noch nach einer anderen Lösung. Bist du nicht zufrieden, dass du nicht so gut
mitspielen kannst mit denen?
[00:38:48.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann würde ich fragen: Bei was würdest du gerne mitspielen? Dann würde ich die anderen Kinder fragen
und sagen: Wie seht ihr das? Was schlägt ihr vor, dass ihr miteinander spielen könnt, dass er auch
mitspielen kann.
[00:39:04.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Die großen Kinder sagen ja dann immer, ja er macht mir alles kaputt und darum will man ihn nicht haben.
Dann tut man ihn ausschliessen.
[00:39:13.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Je mehr man ihn ausschließt umso mehr macht er kaputt. Darum muss man mit den Großen dann reden
und fragen, was denkt ihr, was könntet ihr mit ihm zusammenspielen? Dass er mitspielen kann, dass er
mit beteiligt ist, weißt du, er will auch dabei sein, er will dort nicht in der Ecke sitzen.
[00:39:36.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann man schauen, was man spielen kann.
[00:39:39.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie beschrieben zuerst du bist unzufrieden, weil du nicht mitspielen kannst. Jetzt hast du Papa hinein
geholt aber es gibt noch andere Wege und wir tun jetzt das besprechen.
[00:39:56.000] – Bemerkung 4
Dann würden sie gar nicht gross auf seinen Vater eingehen?
[00:40:00.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein.
[00:40:01.840] – Bemerkung 4
Der andere Bub hat dann gesagt, ich habe gar keine Angst vor deinem Papa. Dann hat der andere Junge
erwidert: ja du kennst ihn ja gar nicht.
[00:40:08.900] – Bemerkung 4
Ich habe dann gefragt: Willst du ein bisschen mehr erzählen von deinem Vater, was Dein Vater genau
macht im Gefängnis?
[00:40:16.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man das will. Er hat ihn nur rein geholt um eigentlich spielen zu können.
[00:40:23.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde eher wieder auf das Spielen gehen, aber vielleicht danach sagen, okay, willst du ein bisschen
wissen von meinem Papa, dann soll er von seinem Vater erzählen.
[00:40:32.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist natürlich dann eine Horizont-Erweiterung, wenn man darüber spricht, was man im Gefängnis
macht, was für Leute dort sind.
[00:40:44.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sind ja dann alles Leute, die in der Gesellschaft nicht bestanden haben und darum dort eingesperrt
worden sind. Ursprünglich verwendet der Sohn das um ihnen Angst zu machen.
[00:41:07.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann hinterher sagen okay, willst Du ein bisschen wissen und dann darf er erzählen und das ist dann
die Horizonterweiterung.
[00:41:20.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben verstanden, wie es geht. Es ist auch ziemlich offensichtlich.
[00:41:35.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist typisch in der Psychologie in der Fachsprache sagt man triangulieren. Er ist nicht stark genug
gewesen und hat dann einen anderen hinein geholt, seinen Papa, die Kraft von seinem Papa.
[00:42:05.200] – Bemerkung 5
Ich hatte letzte Woche eine Situation auch mit einem Jungen aus der Lerngruppe. Wir waren dabei ein
Arbeitsblatt zu lösen. Es hatte auf diesem Arbeitsblatt einen Fehler. Das Arbeitsblatt hatte einen Fehler in
der Fragestellung. Dann hat ihn das so getriggert, dass er nicht mehr weitermachen konnte. Ich habe ihm
dann gesagt, er soll halt den Fehler in der Fragestellung berichtigen, wenn ihm das hilft. Die Wortglieder
waren falsch aneinandergereiht.
[00:42:41.680] – Bemerkung 5
Dann war die Aufgabe, man soll diese Satzglieder in der richtigen Reihenfolge wieder aneinanderreihen
und das so aufschreiben. Dann hat in der Aufgabenstellung ein Wort gefehlt und unter dieses Wort hat
der Satz keinen Sinn gemacht, egal wie man ihn angeordnet hat. Ich habe ihm gesagt, er soll das Wort,
was fehlt, in die Aufgabenstellung dazu schreiben.
[00:43:04.410] – Bemerkung 5
Er hat den Satz dann genau aufgeschrieben und hat die Satzglieder wieder aneinandergereiht, bis es zu
diesem Punkt kam, wo dieses Verbindungswort gefehlt hat.
[00:43:15.350] – Bemerkung 5
Dann konnte er nicht mehr weiter schreiben. Ich habe gemerkt, vorher ist es gut gelaufen. Er konnte
jeden Satz sehr schnell aufschreiben. Dann hat er mit wirklich mit jedem Wort gekämpft und dann
aufgehört, als dieses Wort hat dann das Aufgabenblatt direkt weggerissen und weggepackt.
[00:43:36.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben ihm gleich die Lösung gesagt.
[00:43:43.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist jetzt ein Kind und es gibt solche Kinder und das sind eher autistische Kinder. Wenn etwas falsch
läuft, dann können die nicht mehr weitermachen.
[00:43:54.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe ein ganzes Buch gelesen über Autisten, die selber über sich geschrieben haben.
[00:43:58.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hat einer zum Beispiel gesagt, wenn der Kellner mir den Kaffee serviert mit dem Löffel vorne, dann
kann ich den nicht trinken, denn es ist falsch.
[00:44:09.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Es muss immer alles gleich und richtig sein.
[00:44:13.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Croissant nicht am richtigen Ort liegt, dann geht die Welt unter.
[00:44:19.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei einem solchen Jungen müsste man dann zuerst ihn validieren in seinem Schreck, in seiner Störung,
was ihn gerade stört.
[00:44:28.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Aha, für dich ist es ganz schlimm, wenn da ein Blatt kommt mit einem Fehler drin.
[00:44:35.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Du erwartest, dass ein Blatt, ein Aufgabenblatt, das dir gegeben wird vom Lehrer, dass das 100 Prozentig
korrekt ist, oder? Ja.
[00:44:48.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss ihn validieren in seiner Wahrnehmung. Ja, okay, verstehe ich. Sollte eigentlich so sein.
[00:44:56.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss etwas verharren bei dem, dass ihn das stört, dass da ein Fehler ist.
[00:45:03.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann sagen: Weißt du, selbst Menschen, selbst Lehrer machen Fehler. Es gibt ja dann den lateinischen
Spruch: Errare humanum est, also irren ist menschlich.
[00:45:17.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage dann als wenn man einen maschinengemachten Gegenstand mit einem handgemachten
Gegenstand vergleicht, dann ist der handgemachte Gegenstand lebendiger, also weicher und der
Maschinen gemachte hart.
[00:45:35.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht ist das zu viel bei diesem Kind, aber ich gehe da jetzt einfach etwas weiter.
[00:45:41.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann muss man sagen Okay, wie lösen wir jetzt das? Muss ich es der Lehrerin zurückgeben? Muss die
das neu drucken und dir dann fehlerfrei geben? Oder denkst du, du kannst korrigieren?
[00:45:57.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind fast zu schnell zur Lösung gegangen.
[00:46:00.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Sehen Sie den Unterschied?
[00:46:04.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Er fühlt sich nicht validiert, sagt man dem. Er fühlt sich nicht wertgeschätzt, nicht validiert, in dem, dass
ihn das stört.
[00:46:17.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei uns kann ein Haar stören bei der Frisur.
[00:46:20.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sagt ja auch ein Haar in der Suppe.
[00:46:23.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei diesem Jungen ist jetzt der Fehler ein Haar in der Suppe. Er kann die Suppe nicht mehr weiter essen.
[00:46:29.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man ihn da validiert und dann sagt Was machen wir? Müssen wir es zurückgeben? Oder Du
machst einfach nur bis da. Da validieren wir ihn in seiner Fehlerablehnung.
[00:46:43.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Oder denkst du, du kannst mit Tusche reinschreiben oder mit Füllfeder oder wie?
[00:46:51.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann ist er mit einbezogen in die Fehlerkorrektur.
[00:46:57.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben ihn zu schnell überrannt. Mach es doch einfach so!
[00:47:02.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Da fühlt er sich nicht verstanden. Aber mich regt das auf.
[00:47:09.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt Leute, die sagen, es muss alles am richtigen Ort sein. Und das ist auch typisch bei den ADHSlern.
Es muss alles am richtigen Ort sein und sonst geht die Welt unter.
[00:47:24.520] – Bemerkung 5
Danke!
[00:47:26.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Gern geschehen. So sind wir verschiedene Typen.
[00:47:32.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sage ich noch mal etwas.
[00:47:37.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Autisten brauchen Regelmäßigkeiten, immer zur gleichen Zeit das Gleiche, immer am gleichen Ort das
Gleiche.
[00:47:46.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe letztens einen Vortrag gehalten, dort habe ich gesagt: Elefanten sind auch so.
[00:47:51.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sagt ja Elefantengedächtnis und es gibt Geschichten von Elefanten, dass ein Elefant, der von
seinem Wärter nicht immer zur gleichen Zeit gefüttert wurde, der wurde vom Elefant an die Wand
gedrückt.
[00:48:10.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Elefant ist offensichtlich, punkto Zeiteinteilung, sehr genau.
[00:48:17.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man das nicht richtig macht, dann denkt der, der wollte mich klagen und dann wird der bestraft.
[00:48:28.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist autistisches Verhalten.
[00:48:31.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Schweizer sind ja punkto der Zeit sehr genau.
[00:48:35.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe vorhin alles ganz falsch gemacht, weil ich mich nicht einloggen konnte.
[00:48:40.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sind exakt. Andere Kulturen sind nicht so exakt punkto Zeit.
[00:48:44.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich zum Beispiel jemanden im Wartezimmer warten lasse, weil ich noch einen Notfall oder was
habe, manche fühlen sich total gekränkt, narzisstisch gekränkt. Ich habe die extra warten lassen. Da
muss ich sagen: Oh nein, tut mir leid, und dann geht es wieder. Annderen, denen ist das gleich.
[00:49:11.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Junge fühlte sich vom Lehrer gekränkt, dass da ein Fehler drin ist.
[00:49:15.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Er würde es wahrscheinlich nicht so benennen, aber es hat ihn gestört.
[00:49:24.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Ist es ein exakter Junge?
[00:49:29.370] – Bemerkung 5
Ja, doch schon.
[00:49:32.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Hat er zu Hause bei seinen Schulsachen ganz gut Ordnung? Fragen sie ihn mal, wie er es zu Hause hat.
Sie können ihn auch fragen, ist seine Mutter sehr ordentlich, macht die nie Fehler. Sein Vater macht der
nie Fehler?
[00:49:50.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn der Vater Fehler macht, was macht er dann?
[00:49:55.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Umgang mit Fehlern. Das ist auch wieder ein wichtiges soziales Thema. Die Fehlerkultur.
[00:50:05.000] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Schweiz haben wir an sich keine so gute Fehlerkultur.
[00:50:09.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Zum Multikulturellen gehört auch gute Fehlerkultur. An Fehlern kann man lernen.
[00:50:18.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich gehe wieder in die Wissenschaft.
[00:50:21.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Alexander Fleming hat das Penicillin erfunden, weil er seine Agarplatte draußen stehen lassen hat.
[00:50:28.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann ist der Pilz drauf gewachsen und so ist das Penicillin entstanden.
[00:50:33.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus Fehlern kommen auch neue Dinge.
[00:50:36.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Da wären wir schon fast wieder beim Teasing.
[00:50:39.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Fehler bringen ja andere Dinge in Umlauf und unsere ganze biologische, also genetische Entwicklung, da
wird auch mit Fehlern gearbeitet.
[00:50:55.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Fehler sind Veränderungen.
[00:50:59.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Dieser Junge hat auch nicht gern Veränderungen.
[00:51:06.450] – Bemerkung 5
Das habe ich noch nicht beobachten können.
[00:51:08.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Schauen Sie mal.
[00:51:09.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie könnten ihn fragen. Vielleicht merkt er das gar nicht. Vielleicht macht seine Mutter immer alles richtig
oder gleich.
[00:51:17.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Man könnte dann sagen, welche Veränderung kannst du am ehesten akzeptieren? Fünf Minuten zu spät,
anderes Essen oder so? Damit er mit seiner Fehleraversion etwas konfrontiert wird.
[00:51:39.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mal einen Psychologen gekannt, der hat extra einen Bewerbungsbrief geschrieben mit ganz
vielen Fehlern drin. Der wollte provozieren.
[00:51:53.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Zeit lang waren viele Reklamen mit Fehlern drin, mit L und R verwechselt, weil die Japaner kein R
sagen können.
[00:52:07.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Fehler fallen natürlich auch auf.
[00:52:09.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Schauen sie unsere Mode an. Früher hat man die Hosen schnell zum Reparieren gebracht. Heute kauft
man sie für teures Geld mit Löchern und Fetzen und weiß ich nicht.
[00:52:22.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Fehler sind in der Kleidung sogar Mode.
[00:52:28.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist ein interessantes Thema. Sie haben viele interessante Kinder in dieser Schule.
[00:52:46.440] – Bemerkung 6
Mich beschäftigt zur Zeit das Thema Trennung und Abschied von meiner Tochter sehr. Sie im Sommer in
die Spielgruppe gekommen. Am Anfang ist es recht gut gegangen. Also so am dritten Tag habe ich dann
wirklich nach einer Viertelstunde gehen können.
[00:53:12.050] – Bemerkung 6
Das hat eigentlich geklappt und dann sind drei Wochen Herbstferien dazwischen gewesen und seitdem
ist es wirklich schwierig.
[00:53:20.280] – Bemerkung 6
Sie klammert sich an mir fest, sie schreit sie will nicht, ich darf nicht gehen. Ich habe dann am Anfang ihr
probiert zu erklären, ich bleibe noch bis zum Kreis und nach dem Kreis geben ich dir einen grossen Kuss
und dann gehe ich.
[00:53:32.400] – Bemerkung 6
Ich habe ihr Plüschtiere mitgegeben und Sachen auf die Hand gemalt und so probiert. Ja ist gut, wenn
dann der Kreis gekommen ist, ist es dann trotzdem schwierig für sie gewesen. Da habe ich gemerkt, ich
glaube, sie kann das zeitlich gar nicht verarbeiten. Das ist der falsche Weg.
[00:53:54.610] – Bemerkung 6
Einmal bin ich gegangen, wo sie sich wirklich so festgehalten hat und das hat sich für mich richtig falsch
angefühlt. Ich bin dann zurück zu der Spielgruppenleiterin und habe gesagt, das fühlt sich für mich falsch
an.
[00:54:06.490] – Bemerkung 6
Die Spielgruppenleiterin hat dann im ersten Moment gefunden, ja, beim nächsten Mal mal muss ich
schneller gehen. Es bringt nichts, wenn ich so lange bleibe.
[00:54:12.970] – Bemerkung 6
Mein Gefühl hat eher gesagt, sie braucht noch mehr Begleitung. Ich möchte noch länger für sie da sein
und ihr wie die Möglichkeit für das Vertrauen gegeben und für mich stimmt das so nicht.
[00:54:25.640] – Bemerkung 6
Ich habe dann mit der Spielgruppenleiterin ein Gespräch gesucht. Sie hat das verstanden und ist auf
mich eingegangen.
[00:54:32.490] – Bemerkung 6
Jetzt seit etwa drei Mal, begleite ich sie immer bis zum Schluss. Ich ziehe mich einfach zurück. Ich bin
auch noch draussen und warte auf sie.
[00:54:40.450] – Bemerkung 6
Das geht gut. Ich habe gemerkt, es ist wirklich einfach der Moment vom Tschüss sagen. Es ist auch zu
Hause im Moment das grosse Thema.
[00:54:48.050] – Bemerkung 6
Danach fühlt sie sich wohl dort. Sie hat das Vertrauen und es gefällt ihr. Ich frage mich jetzt einfach: wie
lange kann ich das noch so machen?
[00:54:56.550] – Bemerkung 6
Macht es Sinn oder ist sie einfach wirklich im Moment noch nicht bereit, also noch nicht reif dafür?
[00:55:02.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Klar nach den Ferien ist es wieder ungewohnt gewesen und sie hat wieder neu angewöhnt werden
müssen. Das ist normal.
[00:55:16.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich finde es richtig, dass sie bis mit hinein gegangen sind. Unterwegs einen Unterbruch zu machen, das
geht nicht. Das ist zu intellektuell.
[00:55:25.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, es ist richtig, dass sie mit rein gegangen sind.
[00:55:28.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Betreuerinnen sagen meistens, die Mutter soll schneller weggehen, sonst gibt es das Theater.
[00:55:36.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Man ist ja dann immer, wie soll ich sagen, in einer Konkurrenz. Da ist die Mutter und dort ist die andere
Autoritätsperson.
[00:55:46.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hätte jetzt fast noch gesagt, doch, ja, halt noch eine Weile bleiben, also mit ihr bis hin gehen, bis sie
das Gefühl hat, jetzt kann sie es.
[00:55:57.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sage ich dann immer, man muss dann miteinander planen.
[00:56:02.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen als Mutter ein bisschen herausfinden, was liegt drin, was nicht und dann sagen und jetzt
kommt wieder Zusammenarbeit. Du bist jetzt langsam ein großes Mädchen. Was denkst du, wann du das
kannst?
[00:56:16.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann einen Zeitpunkt wählen, eben nach den Ferien oder nach Weihnachten oder am nächsten Montag.
[00:56:24.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Einen normalen Rhythmus wählen, wo man es dann ändert.
[00:56:29.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Nach dem Nikolaus Tag oder irgend so etwas.
[00:56:35.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir üben jetzt auf das hin und sie kann sich darauf einstellen und dann machen wir es dann.
[00:56:46.440] – Bemerkung 6
Wenn wir einen Tag vereinbaren, dann habe ich das Gefühl ich muss ja fast gehen, weil man hat es ja
dann abgemacht.
[00:56:55.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, da müssen sie ein bisschen auf ihr Gefühl hören, ob sie es können.
[00:57:01.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, wenn sie es abgemacht haben und sie sind klar und nicht ambivalent, dann machen sie es dann nach
dem Nikolaus Tag und dann gehen sie auch.
[00:57:11.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch wenn sie schreit und dann muss halt dann die Spielgruppeleiterin übernehmen.
[00:57:16.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen innerlich klar sein. Sobald sie innerlich ambivalent sind, merkt es das Kind und dann geht es
nicht.
[00:57:26.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Zuerst müssen sie einschätzen, wann könnte ich es hinbringen. Dann besprechen sie das mit ihrer
Tochter, dann machen sie etwas ab und dann ist schon richtig, wenn sie bei dem bleiben und nicht
zurückgehen.
[00:57:40.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann muss sie es aushalten, dass sie dann ein bisschen weint.
[00:57:44.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mutter muss es aushalten und das Kind muss es aushalten.
[00:57:49.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist immer ein Einschätzen und man kann nicht sagen so machen oder so machen.
[00:57:56.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mutter muss einschätzen, wie sie ihr Kind sieht und sich selber einschätzen, was sie hinbringt.
[00:58:03.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Es macht keinen Sinn, wenn man abmacht, dann kann man es nicht durchziehen. Das ist natürlich nicht
so gut.
[00:58:08.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hat mir mal eine Mutter von einem ADHS Jungen gesagt: Ich bin konsequent inkonsequent gewesen.
Das bringt es nicht.
[00:58:21.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss man immer sich fragen: Was denke ich, was geht? Was spüre ich mit dem Kind zusammen
natürlich.
[00:58:31.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann okay, also gut, ich mach's. Dann dem Kind auch sagen dann machen wir es und das können wir.
Wir zwei können das.
[00:58:43.330] – Bemerkung 6
Ich versuche ihr das wie zu zutrauen. Es hat ja auch schon geklappt.
[00:58:53.190] – Bemerkung 6
Ich habe ihr auch schon gesagt, wenn du bereit bist und mir sagst, gut Mami, du darfst gehen, dann gehe
ich und ich komme dich wieder holen.
[00:58:59.280] – Bemerkung 6
Ich weiß halt nicht, ob der Moment wirklich kommen wird, wo sie sagt, dass ich jetzt gehen darf.
[00:59:03.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, das kann sein, dass der nie kommt, denn es ist bequemer, wenn die Mutter hier bleibt.
[00:59:10.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum müssen sie da auch eine gewisse Führung übernehmen, einschätzen und auf dann machen wir
es und dann ziehen sie es durch.
[00:59:22.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann gibt es ein bisschen Tränen, aber das macht dann nichts. Sie dürfen dann nicht zerschmelzen an
einem schlechten Gewissen.
[00:59:30.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen die Haltung haben. Wir können das, du kannst das, auch wenn es ein bisschen weh tut, aber
du kannst das. Ich traue dir das zu.
[00:59:40.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen ihr eine Sicherheit vermitteln.
[00:59:46.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bringe dann immer das Beispiel von Pferde in einen Transportwagen hineinführen.
[00:59:52.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Pferde in einen Transportwagen hineinführen ist eine große Kunst.
[00:59:56.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Pferde sind Fluchttiere und die gehen nicht gerne dort hinein und wenn sie es nicht kennen nochmals
nicht. Dann muss es einer machen, der absolut sicher ist und das Vertrauen ausstrahlt und dann geht es
auch.
[01:00:08.330] – Dr.med. Ursula Davatz
So müssen sie sie in Spielgruppe führen und Vertrauen haben. Doch, das geht, auch wenn es ein
bisschen Tränen gibt, es geht.
[01:00:19.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie noch nicht sicher sind, dann noch nicht machen. Sie müssen in sich in Sicherheit spüren.
[01:02:22.230] – Bemerkung 7
Ich habe ein Kind, das immer laut rechnet. So stört es die anderen Kinder. Es zählt immer laut, wenn es
etwas ausrechnet.
[01:02:23.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja er muss laut reden.
[01:02:29.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt einen Satz von Franca Parianen, einer deutsche Neurowissenschaftlerin, die sagt: Woher soll ich
wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage?
[01:02:42.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Das trifft zu für unser Gehirn.
[01:02:47.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Manche müssen die Dinge laut aussprechen, damit sie wissen, was sie denken.
[01:02:56.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Der kann noch nicht das für sich behalten.
[01:03:00.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Die kleinen Kinder dürfen ja auch noch mit den Fingern zählen.
[01:03:07.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie groß sind, dann dürfen sie nicht mehr. Viele machen es dann noch unter dem Tisch.
[01:03:14.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Nach Jean Piage ist das das konkrete Lernen. Da würde ich jetzt sagen, der kann das nicht anders. Der
müsste in ein einzelnes Zimmer gehen dürfen.
[01:03:29.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Der kann das noch nicht. Nein.
[01:03:33.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man von dem verlangt, dass er das nicht machen darf (laut rechnen), kann er nicht so gut lernen.
Der braucht das noch.
[01:03:43.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage den Erwachsenen Leuten und vielen ADHS Leuten, die immer das Gefühl gehabt haben, sie
waren falsch, die haben sich immer angepasst an ihr Umfeld und dann haben sie den Kritiker in sich
integriert und kritisieren sich dauernd oder sie studieren im Kreis herum, es dreht sich immer im Kreis.
[01:04:16.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sage ich, man darf auch Selbstgespräche führen.
[01:04:20.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage dann den Erwachsenen, sie sollen Selbstgespräche mit sich führen.
[01:04:24.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man ganz schwierige Situationen hat, dann ist das hilfreich, wenn man ein Selbstgespräch führt.
[01:04:31.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Der ist noch nicht in der Lage, nicht ein Selbstgespräch zu führen.
[01:04:38.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde wirklich schauen, dass er in ein anderes Zimmer gehen darf.
[01:04:46.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Der hat diese Impulskontrolle noch nicht. Nein, der hat die noch nicht.
[01:04:59.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich noch weiter gehe. In der Psychiatrie haben wir ja Patienten, also die Schizophrenie Patienten,
die führen Selbstgespräche und die haben sogar Stimmen im Kopf.
[01:05:16.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Da laufen die Selbstgespräche innerlich im Hirn ab.
[01:05:21.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist bei denen immer ein Prozess, dass die gestaute Energie haben und nicht wissen, was mit der
machen und im normalen Umfeld das nicht üben können.
[01:05:41.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, ein Mensch geht zurück auf diese Methode, wenn er nicht richtig zu Gange kommt.
[01:05:53.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir das diesen Jungen wegnehmen, dann lernt er nicht so gut mit sich umgehen.
[01:05:59.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir ihm diesen Impuls zu früh abwürgen, dann empfindet er sich nur als falsch und dann, dann
stoppen wir seine Lernmöglichkeit.
[01:06:13.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Macht das irgendwie Sinn?
[01:06:16.160] – Bemerkung 7
Ja, macht es.
[01:06:16.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn mir Schizophrenie Patienten erzählen, sie sehen Gespenster und weiß ich nicht was, oder hören
böse Stimmen, dann frage ich immer nach: haben sie ein schlechtes Gewissen, dass sie das und das
nicht gut gemacht haben?
[01:06:33.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, die ganze Zeit.
[01:06:35.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich verwandle dann die Stimmen, die laut gewordenen Selbstgespräche, die sie dann auf jemand anders
projizieren, verwandle ich dann in ihr Gewissen.
[01:06:48.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich versuche es zu interpretieren.
[01:06:52.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss ich dann rückwärts gehen.
[01:06:55.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Diesen Jungen, den müssen wir noch lassen.
[01:06:58.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt sogar eine Theorie, da sagt man, jede Psychose ist quasi wieder ein Entwicklungsschub.
[01:07:05.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hat man sogar eine Therapie entwickelt, dass man die Selbstgespräche führt.
[01:07:12.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Voice Dialoge sagen die dann.
[01:07:17.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, den muss man noch lassen, sonst stören wir seine Hirnentwicklung.
[01:07:22.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Er kann es noch nicht besser.
[01:07:26.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage.
[01:07:47.730] – Bemerkung 8
Egal ob wir jetzt rausgehen und etwas Freudevolles machen oder ob wir jetzt aus der Mittagspause
zurückkommen oder ob wir in die Pause gehen wollen, er sagt immer aus Prinzip, sagt immer direkt nein,
also komplette Gegenwehr.
[01:08:12.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist auch wieder typisch. Das trifft man auch sehr viel an bei ADHS-Kindern.
[01:08:17.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Da geht es um den Wechsel. Sie machen etwas und dann kommt was Neues.
[01:08:25.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Er kann nicht so schnell wechseln.
[01:08:28.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei ADHS-Kindern sagt man auch in zehn Minuten müssen wir dann weggehen. Du musst langsam
runterfahren oder aufhören mit deinem Spiel.
[01:08:41.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man zum Arzt oder Zahnarzt gehen muss, da muss man überlegen, wie bereitet man vor? Es geht
immer Wechsel und er hat gar nicht gerne Wechsel.
[01:08:54.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Er merkt das wahrscheinlich nicht selbst, dass er gar nicht gerne Wechsel hat. Wie alt ist er?
[01:09:05.630] – Bemerkung 8
10 Jahre alt.
[01:09:05.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Da können sie sich angewöhnen: sie waren beim Spielen. Sie gehen auf den Heimweg. Sie schätzen
ungefähr ein. In zehn Minuten sind wir daheim und dann machen wir dann das.
[01:09:25.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass sie ihn vorbereiten auf den Wechsel.
[01:09:29.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er irgendetwas am machen ist, gehen sie vorbei und sagen in fünf Minuten oder was auch immer,
machen wir dann das, kannst du langsam runterfahren?
[01:09:49.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Der hat nicht gerne Wechsel.
[01:09:51.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich wieder unsere Gesellschaft anschaue, wir leben in einer Gegend der Jahreswechsel, also
Jahreszeitenwechsel, und wir haben lauter Rituale zu Jahreszeitenwechsel.
[01:10:12.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich glaube in Afrika, wenn da ein Machtwechsel ist, dann wird Ausgangsverbot verhängt. Man darf dann
nicht ausgehen, denn Wechsel sind immer Gefahren behaftet, Risiko behaftet.
[01:10:37.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind kann das noch nicht recht, diese Wechsel.
[01:10:40.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, man muss ihn immer darauf vorbereiten.
[01:10:45.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können mal mit ihm reden und sagen, ich habe den Eindruck, du hast nicht gerne Wechsel. Ich
verstehe das. Das geht noch vielen Menschen so.
[01:10:53.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir wechseln auch nicht gerne, wenn wir von den Ferien nach Hause kommen müssen, würden wir auch
so gerne noch etwas bleiben oder was auch immer.
[01:11:03.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Wechsel sind für uns alle speziell.
[01:11:06.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber für diesen Jungen ist es ganz speziell schwierig.
[01:11:09.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass sie das mit ihm generell anschauen und dann sagen von jetzt an sage ich dir es immer, damit du
dich innerlich darauf vorbereiten kannst.
[01:11:22.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Nein ist einfach: ich habe nicht gerne Wechsel.
[01:11:27.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Da gibt es auch Kinder, die wechseln ihre Kleider nicht gerne. Die wollen immer die gleichen Kleider
anhaben.
[01:11:37.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss die Mutter zwei Paar Hosen kaufen vom gleichen und dann nachts schnell wechseln.
[01:11:46.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Da gibt es alle Formen von Wechselvermeidung.
[01:11:54.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können mit ihm noch andere Wechsel anschauen.
[01:11:58.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es zum Essen geht, sagt er da auch Nein?
[01:12:08.410] – Bemerkung 8
Da nicht.
[01:12:10.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Okay, wenn es zur Futterkriese geht.
[01:12:13.980] – Bemerkung 8
Wenn es darum geht, vom Essen wegzukommen, um nachher wieder in den Unterricht zu starten, das ist
ganz schwierig.
[01:12:22.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, da kann man ihn auch ja darauf aufmerksam machen. Man kann sogar eine Sanduhr nehmen, die
zehn Minuten oder sieben Minuten oder was auch immer braucht.
[01:12:37.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich stelle jetzt da die Sanduhr hin und wenn alles unten ist, dann kommt das Neue.
[01:12:45.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass wir einfach den Wechsel sorgfältiger gestalten.
[01:12:51.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Wechsel ist so wie eine zeitliche Lötstelle. Da kann alles auseinanderbrechen.
[01:12:59.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Gibt das paar Ideen?
[01:13:07.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können ihn auch mal fragen, ob er gerne Kleider wechselt, ob er gern neue anzieht oder nicht.
[01:13:20.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es dem Patienten ganz schlecht geht, dann gehen die mit den Kleidern ins Bett, dann können die
nicht wechseln von Tagkleidung auf Pyjama.
[01:13:29.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hat er wahrscheinlich nicht. Er wechselt nicht gerne.
[01:13:32.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Da werden sie Wechsel-Expertin, indem sie ihn vorbereiten. Wir lernen das jetzt.
[01:13:50.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist für alle Menschen schwierig, für manche halt noch schwieriger. Wechsel, Veränderungen.
[01:13:59.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist nicht der gleiche, der den Fehler nicht akzeptieren konnte. Das ist ein anderer. Da kann man
sagen, der eine hat nicht gerne Fehler, der andere hat nicht gerne Wechsel. Wir sind alle verschieden.
Wir haben alle irgendwo anders, eine gewisse Schwierigkeit.
[01:14:20.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Spannend. Haben sie noch ein Mädchen mit Schwierigkeiten?
[01:14:29.600] – Bemerkung 9
Ja, ein Mädchen kommt einfach immer komplett demotiviert zur Schule. Sie hat immer die Null-Bock-
Einstellung.
[01:14:36.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie alt ist die?
[01:14:44.970] – Bemerkung 9
12 Jahre alt.
[01:14:47.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Beginnender Teenager?
[01:15:02.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie ist sie gekleidet?
[01:15:08.330] – Bemerkung 9
Modern.
[01:15:09.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Die würde ich mal fragen, du scheinst den totalen Ablöscher zu haben. Wo wärst du lieber jetzt anstelle in
der Schule zu sein? Wo wärst du lieber?
[01:15:27.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man nach einer Alternativwelt fragt und dann Aha und dann dem Unterschied anschaut.
[01:15:37.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, was ist da toll? Ich kenne natürlich Erwachsene, die gesagt haben, ich bin keinen einzigen Tag gerne
in die Schule gegangen.
[01:15:46.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde fragen: Wo wärst du lieber? Was ist dort toll?
[01:15:54.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann vergleicht man.
[01:15:56.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Was ist dann hier an der Schule nicht so gut?
[01:15:59.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann könnte man natürlich schauen, was könnte man von dem, was am anderen Ort gut ist, könnte man
in der Schule auch etwas kreieren?
[01:16:10.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie könnte sie sich die Schule etwas spannender gestalten?
[01:16:16.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kommt jetzt die Kreativität. Was könnte sie machen? Es kann alles interessant sein, wenn man etwas
damit macht.
[01:16:28.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Da ist jetzt jegliche Fantasie möglich.
[01:16:31.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Schauen sie sich mal den Film von der Schule Bratsch an: Ein Dorf macht Schule.
[01:16:47.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Lehrer heißt Damian Gsponer.
[01:16:54.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Es st sehr interessant, wie die Kinder da miteinander umgehen.
[01:17:06.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Da würde ich das Idealumfeld, in dem sie lieber sein würden, würde ich vergleichen mit dem Schulumfeld
und schauen, was beim anderen besser ist und schauen, was man in die Schule holen könnte.
[01:17:22.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, wir haben, wir haben Schulpflicht in der Schweiz und wenn ein Kind nicht in die Schule geht, dann
wird das bestraft. Oder Kinder werden sogar mit der Polizei dann in die Schule abgeführt. Will man
natürlich alles nicht.
[01:17:39.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie mit ihnen kooperiert, dann kann das wieder interessant werden.
[01:17:45.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie kann sich an sich für jeden Tag etwas ausdenken, was sie Kreatives machen kann in der Schule.
[01:17:56.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt macht sie auf Widerstand.
[01:18:00.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Da können sie ihre Kreativität etwas stimulieren, etwas reizen, dass sie sich für jeden Tag etwas Lustiges
ausdenkt.
[01:18:12.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann irgendetwas sein.
[01:18:15.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie sie am Morgen begrüßen, dann fragen sie: Was hast du dir für heute ausgedacht? Weißt du
schon was?
[01:18:28.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein Teasing.
[01:18:29.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Da fordern sie sie heraus.
[01:18:36.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Da ist eben Schule dann wieder nicht einfach die Lehrer sagen dem Kind, was es machen muss, sondern
das Kind kann auch etwas aus der Schule machen.
[01:18:54.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht kann sie irgendein Projekt vorschlagen.
[01:18:57.500] – Dr.med. Ursula Davatz
In was ist sie gut?
[01:19:09.190] – Bemerkung 10
Im Kreativen.
[01:19:12.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Also, gut.
[01:19:14.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, dann würde ich dir reinholen über kreative Ideen.
[01:19:23.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das ist auch wieder das ADHS Kind.
[01:19:30.368] – Dr.med. Ursula Davatz
Was machen die Eltern?
[01:19:30.890] – Bemerkung 10
Die familiäre Situation ist schwierig. Die Eltern sind getrennt.
[01:19:35.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Arbeiter, Akademiker, Mittelschicht?
[01:19:43.000] – Bemerkung 10
Mittelschicht. Keine Akademiker.
[01:19:46.230] – Bemerkung 10
Es kann sein, dass die Eltern hintendran erwarten, dass das Kind mehr leistet und dass es auch
Widerstand macht gegen die Erwartungshaltung der Eltern.
[01:19:59.000] – Bemerkung 10
Dieser Widerstand, der trifft natürlich dann auch die Schule.
[01:20:03.850] – Bemerkung 10
Holen sie sie im Kreativen ab.
[01:20:06.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können sie jedes Mal, wenn sie in die Schule kommt, fragen: Was hast du dir ausgedacht?
[01:20:13.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können ihr sogar den Auftrag geben. Denk dir was Interessantes aus für den nächsten Schultag.
[01:20:23.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie wollen auch etwas davon haben. Sie wollen auch davon profitieren.
[01:20:33.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Klar, sie dürfen nicht den ganzen Schulunterricht stören, aber so kleine Projekte kann man sicher
machen.
[01:20:42.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kann in allen Gebieten sein.
[01:20:44.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Isst man da auch in der Schule?
[01:20:57.630] – Bemerkung 10
Ja, die essen miteinander, die kochen sogar miteinander.
[01:21:00.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Ah, die Kinder kochen miteinander. Ja. Wer hat die Führung beim Kochen?
[01:21:09.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Nachbarin. Ah, okay. Cool.
[01:21:17.030] – Bemerkung 10
Es gehen immer zwei verschiedene Kinder zusammen zur Nachbarin und kochen mit ihr.
[01:21:19.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Also drei kochen dann miteinander.
[01:21:24.120] – Bemerkung 10
Ja.
[01:21:24.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie kann kreative Ideen haben in allen Bereichen. Auch beim Essen.
[01:21:36.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Gibt es noch ein anderes Kind, das wir dann nehmen können? Oder haben Sie noch etwas?
[01:21:52.590] – Bemerkung 11
Ein Tagesbub. Ich noch eine Katze zu Hause. Eigentlich immer am Morgen, wenn er kommt, hat er recht
Angst vor ihr, wirklich panische Angst. Bei der Eingewöhnung hat es sich recht schwierig gestaltet, weil er
so Angst vor der Katze gehabt hat. Es ist nie was vorgefallen. Am Nachmittag, wenn er dann da ist, dann
beginnt der die Katze zu plagen. Dann provoziert er die Katze.
[01:22:27.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie alt ist der Junge?
[01:22:45.090] – Bemerkung 11
Vier Jahre alt. Er ist ein sehr offener Junge, ich sage jetzt mal so ein Wildfang, ein lauter, hier bin ich, ein
Rowdy. Am Anfang ist er meistens zurückhaltend.
[01:23:03.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, der hat Angst vor der Katze gehabt, weil er nicht weiß, wie sie ist.
[01:23:17.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat nicht voraus sagen können, wie sich die Katze benimmt. Man sagt ja bei Katzen, die sind
eigenwillig und machen ihre eigene Sache.
[01:23:27.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich weiß noch, unser Enkelkind, da habe ich so ein Spielzeug gehabt, wo man unten drücken konnte und
dann ist der Kopf runtergefallen.
[01:23:36.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Der hat den Zusammenhang noch nicht sehen können, dass wenn ich drücke, dass der Kopf runterfällt.
Er hat das nicht voraussagen können.
[01:23:49.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Unser Hirn ist so, es will eigentlich alles voraussagen können und bei der Katze kann man es nicht
voraussagen.
[01:23:56.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Er ist ja am Anfang ruhig, er schaut also immer noch ein bisschen schüchtern und dann wird er wild.
[01:24:01.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde mal mit ihm über die Katze sprechen und sagen, er hat am Anfang Angst gehabt vor dieser
Katze, vor was hat er dann eigentlich Angst gehabt?
[01:24:15.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde echt mal mit dem Reden darüber.
[01:24:17.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann würde ich schauen ob meine Theorie aufgeht und sagen: Nicht wahr, Katzen kann man nicht
bestimmen, die sind eigenwillig.
[01:24:30.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Hast du die Fantasie gehabt, dass die Katze dir etwas macht?
[01:24:38.890] – Bemerkung 11
Ja, ich habe schon mit ihm so ein bisschen drüber geredet.
[01:24:43.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Was hat er dann gesagt?
[01:24:46.290] – Bemerkung 11
Ja, er will einfach nicht, dass die Katze zu ihm kommt.
[01:24:49.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Eben, er kann sie nicht bestimmen.
[01:24:51.370] – Bemerkung 11
Ich habe noch die Wieso-Weshalb-Warum-Bücher von einer Katze zu Hause und habe wirklich mit den
Kinder mal geschaut, was machen Katzen, wie sind sie, was haben sie gerne und was haben sie nicht
gerne.
[01:25:05.140] – Bemerkung 11
Allgemein bei Tieren, hat er eigentlich eher Angst. Mich wundert es einfach, wieso er am Nachmittag
dann so auf sie zugeht und sie sogar hänselt.
[01:25:17.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Da will er sie eigentlich testen, das wäre wieder Teasing. Da will er herausfinden wie sie reagiert.
[01:25:23.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Da würde ich sagen, wir tun jetzt miteinander schauen und ich zeig dir wie wir umgehen mit der Katze.
[01:25:31.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Du die Katze hänselst, wenn sie Angst bekommt oder verrückt wird, dann kratzt sie dich, dann
macht sie dir weh. Das willst Du nicht.
[01:25:38.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Du kannst einen Ball rumwerfen, dann kann die Katze mit dem spielen, oder mit einer Nuss, wie mit einer
Maus.
[01:25:45.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen ihm beibringen, wie man mit der Katze interagiert.
[01:25:55.720] – Bemerkung 11
Ja, das haben wir auch schon. Wir haben auch schon miteinander der Katze Leckerli gegeben. Ein
zeitlang hat es dann wie aufgehört, aber es hat jetzt wieder angefangen, dass er am Morgen wenn er
kommt, dann einfach so reagiert.
[01:26:09.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie streichelt er sie? Getraut er sich nicht, sie zu streicheln?
[01:26:14.030] – Bemerkung 11
Ab und zu getraut er sich aber dann wirklich mit viel Abstand und auch nur einmal so und dann ist er aber
auch sehr stolz.
[01:26:21.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, der hat Angst vor ihr, weil sie nicht berechenbar ist.
[01:26:27.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Das muss man einüben. Dann sagt man, wo streicheln? Hier am Hals, den Rücken runter. Er denkt, sie
kann ihn jederzeit angreifen.
[01:26:38.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Er will eigentlich lernen mit ihr umzugehen, aber auf eine ungeschickte Art.
[01:26:43.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Spielen müsste er mit der Katze, indem er ein Bällchen wirft oder so etwas.
[01:26:51.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Unser Sohn schickt uns immer so Tierfilme. Unterschiedliche Rassen können auch miteinander spielen.
Das sind alles kleine Tiere und die können das noch.
[01:27:25.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss ihm sagen, du verwendest eine falsche Taktik um mit dieser Katze zu spielen.
[01:27:30.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Er muss lernen mit dieser Katze zu spielen.
[01:27:35.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Das braucht ein bisschen Zeit. Er muss üben.
[01:27:41.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Da können sie ihm zeigen, da können sie mit der Katz spielen und es geht. Dann fragen: was habe ich
jetzt gemacht? Dann muss er sie beobachten, wie sie es gemacht haben.
[01:27:50.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Also jetzt machst du es. Dann beobachten sie ihn und sagen: du hast jetzt so und so gemacht und das
geht nicht.
[01:27:58.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Machen sie eine Katze-Spiel-Lernstunde. Er kann sie beobachten und sie beobachten ihn.
[01:28:08.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Gleichzeitig lernen wir beide besser zu beobachten. Wir müssen ohnehin heute lernen, besser zu
beobachten.
[01:28:14.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist im Gegensatz zu der ganzen IT Welt, die künstliche Intelligenz, da muss man nicht mehr
beobachten, da wird nur noch gerechnet und alles ist flach.
[01:28:29.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ganze weiche Intelligenz geht verloren.
[01:28:33.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort ist das ein interessantes Spiel. Sie spielen mit der Katze und er muss sie beobachten und dann
erzählen, was sie gemacht haben.
[01:29:00.830] – Bemerkung 12
Es gibt zwei Mädchen, die Jüngsten. Die eine ist sechs und die andere ist jetzt gerade sieben geworden.
Die sind sehr gut miteinander befreundet und haben sich sehr gerne, die umarmen sich auch oft.
[01:29:13.920] – Bemerkung 12
In der letzten Mittagspause ist mir aufgefallen, wie das siebenjährige Mädchen das sechsjährige
Mädchen immer wieder so stichelt mit dem Finger und das siebenjährige Mädchen sagt "Nein". Es dreht
dann so den Rücken zu, aber geht nicht weg und bleibt halt so.
[01:29:30.730] – Bemerkung 12
Das andere Mädchen, das findet das lustig, aber das ist dann wahrscheinlich auch Teasing.
[01:29:36.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist auch Teasing. Da kann man, wenn man sieht, dass sie das macht, kann man sagen: Ist dir
langweilig geworden mit dem anderen Mädchen? Aha.
[01:29:48.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber weißt du, sie da so sticheln, die sagt, da wird es nicht interessanter. Was gäbe es noch anderes um
wieder was Interessantes reinzubringen?
[01:29:59.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, ja, das ist Teasing. Der ist langweilig geworden. Die findet die auf einmal langweilig, aber sie weiß
nicht, was anderes zu machen.
[01:30:08.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss man die aus diesem rausholen. Was könnte man jetzt machen, was spannend ist?
[01:30:16.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist ja so, wenn Ehepaare scheiden, dann wird immer gesagt: Ja, mit der Zeit lebt sich die Beziehung
etwas aus und es wird langweilig. Müsste überhaupt nicht so sein. Man muss halt immer wieder was
Neues finden.
[01:30:33.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Die sind so eng, die haben es gut miteinander.
[01:30:36.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Zu viel Enge macht es manchmal etwas langweilig.
[01:30:41.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann beginnt die zu teasen, hänseln, sticheln.
[01:30:44.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht gäbe es da eine interessantere Form als nur so stupfen.
[01:30:52.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Da habe ich einen Tierfilm gesehen, da hat ein Hund, ein riesen dickes Schwein, der wollte immer mit
dem spielen und der ist auf dem rumgehüpft und hat immer wieder das Schwein aktiviert zum Spielen.
[01:31:09.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber das hat einfach nichts gemacht.
[01:31:11.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Am Schluss ist so eine Riesensau aufgestanden, ist sie davongelaufen und dann ist der Hund davon
gesprungen.
[01:31:19.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Es war unglaublich, wie dieser Hund dieses Schwein aktivieren wollte um mit ihm zu spielen.
[01:31:27.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Teasing-Behaviour, wenn sie das mal so im Kopf haben, können sie es überall sehen. Es ist so
lustig, was da alles gemacht wird.
[01:31:37.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Okay, dann darf ich sie hier verlassen. Danke, dass sie so Nachsicht mit mir hatten, weil ich das nicht
konnte, ich war nicht in der Lage, das zu aktivieren, aber wir haben es jetzt doch noch geschafft.
[01:31:51.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich wünsche Ihnen ganz viel Spaß beim rausfinden von neuen Lösungen.
Autismus und Psychiatrie – Was wenn nichts mehr geht?
Transkript
Dr.med Ursula Davatz
25.10.2023
Autismus und Psychiatrie: Was wenn nichts mehr geht?
Audio
[00:00:01.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Als erstes möchte ich Ihnen beiden ganz herzlich danken für die ausgezeichneten Referate. Sie waren
sehr gut verständlich. Ich konnte bei allem ja sagen und ich gebe jetzt auf ein paar Fragen eine Antwort
oder bring noch etwas von meiner Seite her.
[00:00:21.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich als passionierte Familientherapeutin, ich sage natürlich nicht stationär behandeln, immer die Familien
zu Hause unterstützen, beraten, ihnen helfen im Umgang mit diesen Kindern.
[00:00:35.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich tu das auch selbst. Also ich habe zum Teil dann kleine Kinder, aber auch große. Ich bin ja spezialisiert
auf Schizophrenie und da berate ich die Eltern und ich mache die größten Fortschritte mit den Eltern,
indem die Eltern lernen.
[00:00:54.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Autismus, das stimmt, das kommt aus der Schizophrenie Bezeichnung und eigentlich beschreibt das die
Zurückgezogenheit, den Kommunikationsabbruch.
[00:01:08.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus dem hat man dann eine Diagnose gemacht. Man kann das bei Schizophrene beobachten und das ist
quasi die schlimmste Situation.
[00:01:18.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Die extremste Form wäre dann die Katatonie, wo das Hirn überhaupt nicht mehr funktioniert.
[00:01:23.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Von der Diagnose her, viele wissen, dass ich auf ADS und ADHS spezialisiert bin. Ich sage ADS und
Autismus geht für mich ineinander.
[00:01:39.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Autismus ist eine Basisstörung. Das stimmt. Man hat auch bei der Schizophrenie Basisstörungsbilder
untersucht und die Schizophrenen und die Autisten haben die gleiche Basisstörung.
[00:01:55.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich das im Hirn anschaue und es wurde von Ihnen das Hirn gezeigt.
[00:02:02.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe vor kurzem bei der psychiatrischen Weiterbildung in Bern, habe ich gehört von einem jungen
Researcher und der hat also im emotionalen Gehirn hat es einen Teil, der heißt Hippocampus.
[00:02:20.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Der ist verbunden mit allem. Die haben das untersucht in Bezug auf Manie.
[00:02:25.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Dieser Hippocampus ist bei dieser Basis Störung mit viel mehr im Hirn vernetzt.
[00:02:33.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man von der Pubertät spricht, in der Pubertät passiert das Synaptic Pruning.
[00:02:39.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heißt, der Mensch wird angelegt mit ganz vielen Nervenzellen und Verbindungen.
[00:02:46.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Da werden von den vielen Verbindungen, werden Autobahnen gemacht, also kürzere, optimalere,
funktionellere Wege.
[00:02:57.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn diese Menschen, die zu Autisten werden, wenn die so viele Verbindungen haben, dann brauchen
die länger, um das alles durchzugehen und dann ihre eigenen Autobahnen zu machen, damit sie dann
funktionieren können.
[00:03:12.730] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn werden sie auch erst mit 25 erwachsen.
[00:03:17.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir sie stören beim Erwachsen werden, bei ihrer Persönlichkeitsentwicklung, dann wird alles
gestört.
[00:03:25.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kam ja x mal. Man darf sie nicht zu fest stören. Man muss seine Erwartungen runtersetzen. Man
muss wieder lernen zu beobachten.
[00:03:36.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Modell der Medizin, One Size Fits All, also eine Methode geht auf alles. Das geht beim Gehirn
sowieso nicht und bei den Autisten noch viel weniger.
[00:03:49.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss zuerst rausfinden: Wer ist dieser Mensch? Wie tickt er? Wie funktioniert der?
[00:03:55.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Erst wenn man ihn etwas glaubt erkannt zu haben, dann kann man mit ihm arbeiten.
[00:04:03.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Da gehe ich sogar zurück auf das Sokratische Lernen. Sokrates hat gesagt, ich lerne immer von meinem
Schüler und wir müssen von den Autisten lernen und darum Fehler machen.
[00:04:15.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, wir machen Fehler und wir müssen von dem lernen.
[00:04:20.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort her ist es ein ständiges Lernen miteinander. Dann sage ich noch schnell etwas.
[00:04:27.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Autisten, die, weil die so viel vernetzt sind und so viel durchdenken müssen, bevor sie zum eigenen
Entscheid kommen, ertragen die gar keine Unregelmäßigkeit von außen.
[00:04:40.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Als das Essen 20 Minuten später kam, hat ihn das aufgeregt.
[00:04:44.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kann ich jetzt vom autistischen Elefanten reden. Also die Elefanten haben ein Elefantengedächtnis.
Als ein Werter das Fressen immer zu spät gebracht hat, hat er ihn an die Wand gedrückt oder
umgehauen.
[00:05:02.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Da laufen Dinge im Gehirn, die auch schon bei den Tieren vorhanden sind.
[00:05:08.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Das müssen wir einfach berücksichtigen.
[00:05:13.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sind ein paar Gedanken. Aber jetzt möchte ich dem Publikum die Möglichkeit geben, Fragen zu
stellen. Sie dürfen Schweizdeutsch sprechen.
[00:05:27.530] – Bemerkung 1
Werden auf der Akutstation Autisten anders behandelt? Steht das im Blutgruppenheftchen, damit das
bekannt wird?
[00:05:42.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein.
[00:05:51.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Autismus Diagnose ist heutzutage sogar sehr in Mode. Sie wird viel mehr gestellt als früher. Früher
hat man sie gar nicht so beachtet.
[00:06:05.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Hans Asperger war ein Kinderarzt, der das Bild beobachtet hat.
[00:06:12.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute sagt man Autismus Spektrum Störung.
[00:06:15.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, das steht nicht auf der Stirne.
[00:06:17.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Fachleute sind gezwungen, das wahrzunehmen.
[00:06:24.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Wahrnehmung ist heutzutage viel stärker, viel besser. Es wird mehr wahrgenommen, es wird auch
mehr die Diagnose gestellt.
[00:06:32.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Diagnose stellen heißt noch lange nicht, dass man damit umgehen kann.
[00:06:37.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Es verlangt von den Therapeuten, von den Fachleuten eine riesige Geduld, eine hohe Sensibilität und ein
darauf eingehen können.
[00:06:51.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Als ich in Amerika Familientherapie gelernt habe, hat man gesagt: Wenn du nicht weiterkommst mit
deinem Patienten, hör auf, ihn zu ändern oder ihm helfen zu wollen. Lerne.
[00:07:05.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Das muss ich auch bei den Autisten sagen.
[00:07:08.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir müssen von denen lernen und nicht denen sagen, wie sie sein sollen. Das geht nicht.
[00:07:14.020] – Bemerkung 2
Die Diagnose wir nicht vor Ort gestellt, die ist schon gestellt worden.
[00:07:15.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Unterschiedlich. Sie wird zum Teil ambulant gestellt. Die wird dann in der Klinik gestellt. Ganz
unterschiedlich.
[00:07:27.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Sensibilität ist heutzutage höher.
[00:07:32.120] – Bemerkung 3
Steht das im Patientenausweis?
[00:07:32.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, die haben gar keinen Ausweis. Das steht in der Krankengeschichte.
[00:07:40.780] – Bemerkung 3
Die ist ja nicht zugänglich.
[00:07:42.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist unsere Sache als Fachleute, dass wir das merken.
[00:07:47.420] – Bemerkung 4
Ganz konkret zur Diagnosestellung. Wie stellt man denn eigentlich eine Diagnose, wenn sie so
unterschiedlich sind und wenn gerade weibliche Autisten auch so mega gut angepasst sind? Oder der
Jugendliche vielleicht tatsächlich sagt: Nein, ich bin nicht anders und wirklich auch in der Therapeuten
Beziehung alles dafür tut, um nicht aufzufallen.
[00:08:13.670] – Bemerkung 4
Das ist ja alles sehr kontraproduktiv dafür, dass man dann auch wirklich weiß, was dahinter steckt.
[00:08:20.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin jetzt schon über 40 Jahre in der Psychiatrie.
[00:08:26.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Je länger ich drin bin, umso weniger wichtig ist die Diagnose für mich.
[00:08:31.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, für mich ist wichtig, dass ich sehe, wie dieser Mensch funktioniert, auf welcher Entwicklungs-Ebene
das er ist und dass ich mit ihm kommunizieren kann.
[00:08:42.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sagt sonst, Psychiater stellen die Diagnose in drei Minuten.
[00:08:49.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man Erfahrung hat, weiß man gar nicht, was man alles macht, aber man nimmt vieles wahr und
sagt dann so.
[00:08:58.550] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS und ADS wird heute auch sehr viel mehr gestellt. Früher hat man gesagt, das gibt es gar nicht.
Das kann man auch relativ schnell stellen. Ich mache keinen Neurotest, ich nehme die Anamnese, ich
schaue die Familiengeschichte an, ich höre die Biografie und dann sage ich, jawoll, das ist eine ADHS-
Familie.
[00:09:20.300] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS und Autismus sind vererbt.
[00:09:26.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sind vererbte Hirn-typische Situationen.
[00:09:30.980] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesen Cross-Disorder-Studien, da wurde Schizophrenie, manisch-depressiv, ADHS, schwere
Depression und Autismus, die hatten alle die gleichen Gene, also das gleiche Genset.
[00:09:51.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Locus innerhalb der Gene war verändert und da haben die überlappt.
[00:09:57.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum sage ich, die Bezeichnung Autismus ist die Basis, die stimmt.
[00:10:03.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kann sagen ADHS oder ADS ist die Basis. Dann streiten sich die Ärzte und sagen Komorbidität und
dann soll man zuerst behandeln und das nachher.
[00:10:13.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage ganz klar: der Autismus oder das ADS, das ist die Grundlage, das ist die neurologische
Grundlage, da muss man mit diesen Leuten lernen umzugehen, wahrzunehmen und dann schauen, was
geht und was nicht.
[00:10:28.380] – Bemerkung 5
Das kann man ja nicht behandeln. Das habe ich ja schon richtig verstanden?
[00:10:31.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann mit ihm interagieren und man kann mit diesem interagieren, ohne dass man ihn stört, sondern
fördert.
[00:10:41.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Also es geht nicht um Behandlung, dass man den behandelt.
[00:10:45.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss mit ihm kommunizieren. Man muss mit ihm interagieren.
[00:10:49.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wurde auch gesagt. Verbal geht oft nicht.
[00:10:53.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kenne eine Musiktherapeutin, die hat einen Jungen, der ist unglaublich wild. Die Mutter konnte sich
nicht konzentrieren, also nicht beruhigen.
[00:11:04.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Da habe ich gesagt, sie müssen ruhig bleiben.
[00:11:06.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat sie gesagt, das kann ich nicht.
[00:11:08.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann habe ich gesagt, Ja wie beruhigen sie sich sonst? Sie hört irgendeinen Podcast.
[00:11:12.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann habe ich gesagt, dann stecken sie den Podcast in die Ohren und hören und sind ruhig neben dem
Kind.
[00:11:19.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss lernen, mit diesen umzugehen, nicht sie behandeln und verändern wollen.
[00:11:24.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Da zitiere ich immer zwei Piloten, die gesagt haben, im Zweifelsfall überlässt man das Flugzeug sich
selber.
[00:11:32.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist aerodynamisch, es steuert sich selber.
[00:11:37.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir versuchen viel zu viel die autistisch veranlagten Menschen zu steuern und wir übersteuern.
[00:11:45.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Gleich wie wenn wir mit dem Auto auf dem Eis sind, dann übersteuern wir, dann dreht es im Kreis und
alles geht schief.
[00:11:52.410] – Bemerkung 6
Ich bin Asperger.
[00:11:58.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Okay, schön. Gratuliere.
[00:12:01.090] – Bemerkung 6
Ich bin 35 Jahre, ich wurde sehr spät diagnostiziert. Was sie gesagt haben, wie finden wir es denn
heraus? Wichtig ist vor allem, dass wir Vertrauen haben zum Psychiater und zu dem, der uns therapiert.
Mit der Zeit erzählen wir dann immer mehr und mit der Zeit kommt dann das Bild. Da ist auch wichtig, wir
erzählen am Anfang nicht so viel, wir sind ziemlich zugeknöpft, zumindest ich bin so gewesen, aber dann
mit der Zeit, wenn wir immer mehr Vertrauen haben und immer mehr und mehr gehen wir auf. Das ist
richtig, was sie gesagt haben, nicht verändern wollen. Gebt uns das Gefühl, dass wir normal sind. Das ist
das Wichtigste. Dann bekommen wir Vertrauen haben und dann erzählen wir ihm mehr und dann mit der
zeit kommt das Bild, Vertrauen und Normalität.
[00:12:59.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre das Wort, was sie gebraucht hat, validieren. Man muss das Gegenüber validieren in dem, wie
es ist und was es wahrnimmt.
[00:13:09.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Erst wenn man die Person validiert hat, dann hat man sie akzeptiert. Erst dann kann man schauen, was
man allenfalls ein bisschen verändern könnte, aber nicht als erstes verändern wollen.
[00:13:19.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage auch bei den ADHS Kinder, die müssen viel mehr sich selber steuern dürfen.
[00:13:27.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht noch so, man wollte vielleicht irgendetwas, aber das ADHS Kind muss das selber übernehmen
in seinen Computer und dann machen, wenn man drängt und stößt, dann geht alles falsch.
[00:13:41.050] – Bemerkung 7
Das ist sehr interessant, wie die ADHS Problematik zeigt, wie man überhaupt mit Menschen umgehen
sollte.
[00:13:48.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja klar, klar.
[00:14:01.320] – Bemerkung 1
Das wäre die ideale Methode, wie man mit Menschen umgeht.
[00:14:09.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie man mit Autisten umgehen soll, die Art und Weise wie man erziehen soll, respektive sie begleiten,
wäre für alle Leute gut.
[00:14:20.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den anderen hat es nicht so viele Konsequenzen. Bei denen schlägt es riesig aus. Das ist das
Problem.
[00:14:33.200] – Bemerkung 8
Sie haben gesagt, dass die Struktur vom Gehirn bei Autismus und Schizophrenie gleich ist?
[00:14:51.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Unser Hirn hat ein Intake und ein Output.
[00:15:04.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wurde auch mehrmals gesagt von den Autisten. Sie haben eine sehr differenzierte Wahrnehmung,
eine genaue, man könnte sogar sagen eine pedantische Wahrnehmung.
[00:15:16.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Die pedantische, differenzierte Wahrnehmung, die braucht sehr viel Prozessierung.
[00:15:23.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Während sie da wahrnehmen und wir kommen hinein und stören sie, dann gibt es ein System Overload.
[00:15:30.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Der System Overload geschieht im emotionalen Hirn.
[00:15:36.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es im emotionalen Hirn ein System Overload gibt, dann sendet das Hirn viel zu viele Impulse raus.
[00:15:44.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn diese vielen Impulse in das Großhirn gesendet werden, macht es dort einen Zusammenbruch und
dann haben wir die Schizophrene.
[00:15:52.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es ins somatische, also in den Körper hinein gesendet wird, dann gibt es alle möglichen,
körperliche Zustände, also eine Angstattacke, ein Zusammenbruch und weiß ich nicht was alles.
[00:16:05.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es lange läuft, gibt es psychosomatische Erkrankungen.
[00:16:08.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Hirn reagiert ein bisschen anders. Ob es jetzt da das Großhirn überlastet oder ob es ein Raptus hat,
also ja, das hängt dann von der Situation und auch wieder von der Person ab.
[00:16:24.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben ja nicht nur ADHS oder Autisten Gene, wir haben ja noch viele andere und das bestimmt alles.
[00:16:30.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich erlebe auch, wenn in einer Familie ein Kind sehr hyperaktiv ist und beide haben wahrscheinlich so ein
bisschen autistische ADS-ADHS-Gene, dann zieht sich das autistische eher zurück.
[00:16:49.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Autismus ist eigentlich ein Rückzugsverhalten, a Flight.
[00:16:54.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wurde vorher gesagt, Fight, das ist Kampf, ADHSler, die kämpfen nach außen.
[00:16:59.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Autisten machen Flucht nach innen und das sind oft ADSler.
[00:17:03.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Fight, Flight und Freeze, das wäre dann Totstellerreflex.
[00:17:08.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Schizophrenen ist dann das Katatonie, wo sie sich gar nicht mehr bewegen können, aber voll bei
Bewusstsein sind. Das wäre Freeze.
[00:17:18.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich tue jetzt immer noch eine vierte Kategorie dazu und das ist Teasing.
[00:17:25.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Teasing ist Spielverhalten, mokieren, Spaß machen und alle Jungtiere arbeiten mit Teasing.
[00:17:36.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie schauen, wie Hündchen miteinander spielen, sie tun einander necken und je nachdem tut so
ein ADS Autisten Kind einen anderen vielleicht ein bisschen stören.
[00:17:47.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eigentlich immer eine Aufforderung für Interaktion.
[00:17:52.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir müssten viel mehr lernen, wieder mit dem Teasing zu arbeiten.
[00:17:58.150] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Familientherapie arbeiten wir mit dem und man nennt es dann paradoxe Intervention.
[00:18:05.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir verschreiben ein Symptom. Wir sagen, das ist wunderbar, dass du das hast, das musst du noch ganz
lange behalten.
[00:18:11.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann sagt dann das Kind, Nein, das will ich nicht mehr.
[00:18:16.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sagt: hör auf mit dem, benimm dich nicht so blöd, dann mach es weiter.
[00:18:22.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Gerade jetzt in der Psychiatrie sollten wir viel mehr wieder das Teasing lernen, wie man mit ihnen
umgehen kann.
[00:18:30.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss auch aufpassen. Man darf nicht sarkastisch sein. Das vertragen sie gar nicht. Das Vertragen
sie gar nicht.
[00:18:37.720] – Bemerkung 9
Schizophrenie und Autismus sind in dem Fall nicht das Gleiche?
[00:18:43.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist schwierig, das Hirn nicht zu erklären. Unser Hirn wird bestimmt von ganz vielen Genen und es hat
ganz viele Fähigkeiten, die nie verwendet werden.
[00:18:56.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Stress kommt, dann reagiert es auf das und entweder werden dann die Fähigkeiten abgedrosselt
oder es kommt irgendwas anderes heraus.
[00:19:05.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Hirn ist eben anders.
[00:19:09.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kritisiere immer wieder, dass die Psychiater zu sehr sich an die somatische Medizin anhängen und
eine fixe Diagnose wollen. Dabei ändert sich das Hirn im Laufe der Zeit, die ganze Zeit. Es ändert sich
mit der Therapie, es ändert sich mit den Interaktionen, es ändert sich auch mit dem Medikament.
[00:19:30.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich will natürlich am liebsten der Person helfen, dass sie ihr Hirn selber steuern kann.
[00:19:35.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass sie umgehen kann mit dem Umfeld und lernt, langsam lernt.
[00:19:41.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Leute mit Autismus, die brauchen ein bisschen länger und die brauchen ein bisschen ein sorgfältigere
Umgebung, sonst macht man sie kaputt.
[00:19:55.460] – Bemerkung 10
Sie plädieren für eine anpasste Versorgung, also eine Alternative. Haben sie gute Beispiele in der
Schweiz oder in einem anderen Land?
[00:20:06.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich weiß nicht, was in der Schweiz alles existiert. Ich weiß nur, ich bin sehr für nach Hause gehen und
den Leuten zu Hause helfen also einfach halt den Eltern helfen damit umzugehen.
[00:20:21.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich arbeite sehr viel auch mit Schulen, aber manchmal habe ich Riesenprobleme denen zu zeigen, dass
man mit diesen Kinder anders umgehen muss.
[00:20:30.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss erfahrene Fachleute haben, welche die Systeme beraten, sei es die Schule, sei es Familie, sei
es der Kindergarten und so weiter.
[00:20:41.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kann nicht etwas Fixes sagen und bei jedem Kind muss man etwas anders suchen.
[00:20:46.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe zum Teil Kinder, ich ein ganzes Jahr zu Hause behalten habe, einfach zum Druck wegnehmen.
[00:20:58.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben in der Schweiz Schulpflicht und zum Teil werden die Kinder dann mit der Polizei abgeholt,
wenn sie nicht in die Schule gehen, was ich gar nicht gut finde.
[00:21:09.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Da müsste man den Kindern dann einen Schutz geben, dass sie ein bisschen reifen können, man muss
das System beruhigen, damit sie sich dann entwickeln können.
[00:21:19.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Elon Musk haben sie ja gesehen, er ist ganz klar ein Autist gewesen. Ein Albert Einstein ist auch ein
Autist gewesen.
[00:21:29.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht alle haben dann die Chance, dass sie so viel Durchsetzungskraft haben und dass irgendwie das
Umfeld doch noch einigermaßen ihnen die Freiheit lässt.
[00:21:40.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt irgendein Sänger und Gitarrenspieler, der hat auch geschrieben, er ist mal in einer Sendung
gekommen und der hat die ganze Nacht irgendwelche Sendungen gehört und er hat ein wildes Leben
gehabt und irgendwann hat er dann eine Frau geheiratet. Dann ist er runtergekommen und hat sich
beruhigt und berühmt geworden.
[00:21:57.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Es werden nicht alle berühmt.
[00:22:00.570] – Bemerkung 11
Wie kommt man zu einer guten Fachperson?
[00:22:11.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Das weiss ich nicht, ich kann nicht alle nehmen. Ausprobieren.
[00:22:17.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie eine Fachperson wählen, müssen sie die Haltung haben, sind sie bereit, mit mir zusammen zu
lernen?
[00:22:26.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich mache immer den Witz: Man sagt Mediziner wissen alles und können aber nichts machen. Die
Chirurgen können alles und wissen nichts und die Psychiater wissen nichts und können nichts, aber
lernen viel.
[00:22:37.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Pathologen, die sezieren sie, die wissen alles, aber zu spät. Die Psychiater wissen und können nichts
aber darum müssen sie jeden Tag mit jedem Patient neu lernen.
[00:22:56.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie jemanden wählen, der nichts versteht oder nicht genug, probieren sie ihr Gegenüber dazu zu
bringen, dass der oder die mit ihnen zusammen lernt, bereit ist, flexibel ist und nicht meint er wisse schon
alles.
[00:23:12.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ganz wichtig.
[00:23:16.050] – Bemerkung 12
Wäre es nicht hilfreich, wenn man eigentlich schon von Anfang an mit Aufklärung helfen würde. Das Kind
kommt auf die Welt, dass irgendwie der Hausarzt Bescheid weiß? Dann gäbe es auch eine Beruhigung
für die Betroffenen.
[00:23:27.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, doch, das wäre ideal.
[00:23:39.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde nicht nur mit dem medizinischen System beginnen.
[00:23:43.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde bei den Kindergärtnern und dann bei der Schule, bei der Kita, bei all diesen
Erziehungsberufen.
[00:23:53.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, man müsste mehr aufklären.
[00:23:56.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Bis man mit diesen Kinder umgehen kann, muss man ein bisschen lernen.
[00:24:02.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sind alle lernfähig.
[00:24:09.970] – Bemerkung 13
Die Arbeitnehmer und Arbeitgeber müsste man auch mit einbeziehen.
[00:24:13.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Arbeitgeber müssten auch informiert werden.
[00:24:22.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich Patienten begleite, dann frage ich natürlich immer, wo sie arbeiten, dann lasse ich mir
beschreiben, wie die sind und so weiter.
[00:24:31.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn der Patient das zulässt, frage ich auch, darf ich mit dem Arbeitgeber reden?
[00:24:37.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Arbeitgeber ist natürlich auch Umfeld und das Umfeld muss man auch beraten.
[00:24:43.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Psychiatrie, Gehirn, es geht immer Interaktion.
[00:24:48.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Interaktion spielt auf beiden Seiten eine Rolle. Da muss man helfen, ein bisschen interpretieren, das ist ja
auch gesagt worden.
[00:24:55.360] – Bemerkung 14
Man soll die Leute stärken.
[00:25:02.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Arbeitnehmer fühlt sich nicht richtig behandelt vom Arbeitgeber. Dann passiert oft, dass man dann
über den Flucht und schimpft und weiß ich nicht was weiß ich was alles.
[00:25:18.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Das bringt nichts. Man darf sagen, ich funktioniere so und so, wenn sie so und so mit mir umgehen, dann
fällt bei mir alles zusammen und dann mache ich einen Meltdown, dann funktioniere ich überhaupt nicht
mehr. Dann haben sie nichts davon und ich natürlich auch nicht.
[00:25:35.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich brauche das und das.
[00:25:37.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sage ich auch den jungen Leuten, sie müssen ihren Eltern die Gebrauchsanweisung geben, wie sie
funktionieren, damit es besser geht.
[00:25:51.450] – Bemerkung 15
Was macht jemand, der in den Notfall reinkommt?
[00:26:01.510] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Notfallsituation, da muss man es halt so laufen lassen, wie der Notfall läuft.
[00:26:07.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hängt dann immer davon ab, wer gerade Notfalldienst hat.
[00:26:16.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kann man nichts drüber machen.
[00:26:19.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Hintendran, kann man hingehen, wer immer man dann ist und schauen, wie könnte es allenfalls gesteuert
werden.
[00:26:29.720] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Medizin laufte jetzt so ein bisschen eine Bewegung.
[00:26:33.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher haben die Hausärzte alle Notfall bearbeitet. Heutzutage macht das niemand mehr, wir haben auch
keine Hausärzte mehr. Es geht alles in Klinik.
[00:26:44.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt fangen sie wieder an, multidisziplinäre ambulante Praxen zu machen, wo es dann auch
verschiedene Leute hat, wo sie auch je nach dem Notfälle bedienen können.
[00:26:55.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre eigentlich besser als eine riesige Klinik.
[00:26:58.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gesundheitswesen ist absolut noch verbesserungsfähig.
[00:27:12.760] – Bemerkung 16
Gerade der Notfall ist so eine Situation, sie haben gesagt, man soll Verständnis zeigen, von ihnen lernen.
Die Gesellschaft ist aber nicht bereit dazu. Der Schaffner, der Lehrer, der Hausarzt versteht es je nach
dem nicht.
[00:27:35.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man mit einem Autisten arbeitet, dann tut man ihn zuerst validieren, ist klar und dann wenn er
schon so weit ist, kann man sagen: Ja, du funktionierst so, aber wenn du da draußen bist, was kannst du
dann machen?
[00:27:52.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann man den Leuten schon auch Sachen beibringen. Es ist nicht so, dass sie gar nichts lernen.
Sie reifen ein bisschen später und sie sind diffiziler und sensibler.
[00:28:02.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein junger Hund, der kann noch nicht Zug fahren, der wird ganz nervös.
[00:28:11.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann geht man mit dem Zug fahren und beruhigt ihn, mit der Zeit kann er es dann.
[00:28:15.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gleiche gilt für einen autistischen Menschen.
[00:28:16.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man ihn zu schnell in die Norm hinein drücken will, dann geht alles kaputt.
[00:28:23.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kann nicht die Welt verändern. Ich verändere nur dort, wo ich kann und ich begleite die, damit sie
langsam angewendet werden an das Leben.
[00:28:33.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Vor Kurzem sagte mir jemand: sie haltet das alles gar nicht aus.
[00:28:37.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann haben wir daran gearbeitet, dass man so ein bisschen innere Scheuklappen macht und nicht denkt,
oh je, die schreckliche Menge, sondern dass man so in sich hinein geht und jetzt kann sie es schon ein
bisschen besser.
[00:28:47.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie ist auch schon 40 oder 50 Jahre alt.
[00:28:54.180] – Bemerkung 17
Sie sagen man muss sie fördern. Ich bin schulische Heilpädagogin. Für eine Förderung brauche ich eine
Diagnose. Im Frühling hat es geheissen ein Jahr Wartefrist.
[00:29:10.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich stelle die Diagnose in einer Stunde.
[00:29:13.600] – Bemerkung 17
Wo finde ich sie denn?
[00:29:15.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kann nicht alle nehmen.
[00:29:18.060] – Bemerkung 17
Ja, das ist das andere. Das ist so frustrierend.
[00:29:20.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier hinkt unser bürokratisches System absolut der Entwicklung hinten drein.
[00:29:28.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht können sie Kinderärzte finden. Sie müssen auf die Suche gehen. Kinderärzte finden,
Kinderpsychiater.
[00:29:41.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Die offiziellen Stellen, die haben zum Teil ein halbes Jahr oder acht Monate Wartefrist, weil sie so überfüllt
sind.
[00:29:49.210] – Bemerkung 18
Ich muss jetzt handeln können.
[00:29:49.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen sie probieren, ihr Schulsystem ein bisschen zu erreichen und sagen: ich will jetzt mit dem
arbeiten, das ist notwendig, sie haben es dann einfacher in der Schule, da sparen wir alle Geld und
Nerven. Die Diagnose liefern wir hinten dran.
[00:30:13.790] – Bemerkung 19
Ja, das ist dann aber eine Ressourcen Frage, die ganz schwierig ist.
[00:30:15.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Dieses Problem habe ich auch.
[00:30:18.220] – Dr.med. Ursula Davatz
An dem kleinen Örtchen, wo wir halt sind, das Beste machen.
[00:30:27.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den bürokratischen Regeln die Kurven schneiden so gut es geht. Das sage ich jeweils den Personen.
[00:30:37.720] – Bemerkung 20
Gibt es vielleicht auch versteckte Formen von Autismus, die natürlich sehr schwer auch zu erkennen sind,
vor allem für nicht Fachpersonen?
[00:30:56.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mädchen sowieso, die passen sich besser an, die opfern sich auf. Die haben dann dafür eine
Depression mit 40.
[00:31:05.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich meine, wenn ich den Menschen als Ganzes wahrnehme und wenn ich so etwas in die weiteren
Bereiche gehe und ich schaue natürlich immer noch, wer in der Familie ist.
[00:31:23.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann man das schon rausfinden. Das ist der Kliniker.
[00:31:29.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Ärzte, wir haben keine exakte Kunst. Es ist eine Kunst. Es ist kein wissenschaftliches Wissen.
[00:31:37.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir holen das dazu. Aber schlussendlich liegt die ärztliche Kunst in der Beziehung und im Wahrnehmen
und dann stellt man die Diagnose.
[00:31:49.960] – Bemerkung 21
Die Hochbegabten, die sind doch auch autistisch?
[00:31:58.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben viel zu viel das medizinische Modal im Kopf.
[00:32:02.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Hirn macht alles und das Hirn kann hochbegabt sein in gewissen Bereichen und in anderen
Bereichen eine Störung haben.
[00:32:11.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann hochbegabt sein mathematisch, man kann eine Legasthenie haben und dann ist das so ein
sehr breites, ungleiches Leistungsprofil.
[00:32:24.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt viele Hochbegabte, ich sage jetzt Autisten, ADS, ADHS oder was auch immer.
[00:32:30.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Oft gehen ganz spezielle Leistungen einher mit all diesen Eigenschaften.
[00:32:36.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Die hohe Sensibilität, ich sage dem die breite Wahrnehmung, die breite Wahrnehmung bringt natürlich
auch mit, dass man ganz viele Daten prozessiert.
[00:32:46.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man viele Daten prozessiert, dann lernt man auch viel, dann weiß man auch viel.
[00:32:50.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann alles zusammen gehen. Man kann es dann so nennen oder so, das ist mir eigentlich egal.
[00:32:54.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss einfach mit dieser Person lernen umzugehen und auf ihre Eigenschaften eingehen und
möglichst diese fördern.
[00:33:04.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn so Menschen, die so hochsensibel sind, wenn die zu fest hinein gedrückt worden sind in ein
Schema zu rigide erzogen wurden, dann sind das wie zerdrückte Ofenküchlein.
[00:33:13.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Die haben ihre Fähigkeit gar nicht entwickeln können.
[00:33:22.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich muss denen dann mit 50 noch helfen sich zu entfalten und wissen, wer sie sind.
[00:33:27.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Die wissen dann gar nicht, wer sie sind.
[00:33:29.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man zu viel erzieht, also ich sage dann auch, Erziehungsgeschädigte.
[00:33:34.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man zu viel erzogen hat, dann sind sie verzogen, aber nicht so im üblichen Sinn, verdrückt.
[00:33:42.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir müssen viel mehr an Mensch und seine Fähigkeiten glauben.
[00:33:47.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Es braucht natürlich eine gewisse Toleranz.
[00:33:51.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Je ängstlicher die Gesellschaft ist, umso weniger ist sie tolerant.
[00:33:56.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir brauchen diese unterschiedlichen Leute, die sind sehr hilfreich.
[00:34:00.240] – Bemerkung 22
Sie sprechen über Hochsensibilität. Das ist ja jetzt auch so eine Wunder-Diagnose. Sind das die gleichen
Symptome wie beim Asperger?
[00:34:07.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja.
[00:34:13.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Asperger, ASS, die sind alle hochsensibel.
[00:34:22.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Wegen ihrer hohen Sensibilität, nehmen sie so viele Inputs rein. Dann gibt es einen System Overload und
dann ziehen sie sich zurück.
[00:34:29.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben ja gesehen, die Frau, die gesagt hat: Das ist mir alles zu viel, ist mir zu viel laut.
[00:34:32.790] – Bemerkung 22
Das ist keine Basisdiagnose?
[00:34:33.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Für mich nicht, nein.
[00:34:35.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eine Eigenschaft. Hochsensibilität ist nicht eine Diagnose, das ist eine Eigenschaft.
[00:34:42.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Die können Lernstörungen haben, die können Hochbegabungen haben.
[00:34:45.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Die hohe Sensibilität, da ist auch gesagt worden, sie haben nicht gern fremde Kleider.
[00:34:56.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Beim Essen sind sie oft auch sehr sensibel und wenn etwas krazt auf der Haut, schrecklich. Wolle geht
gar nicht.
[00:35:01.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Zum Teil Kunstfaser geht nicht.
[00:35:05.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Hochsensibilität ist auch auf der Haut und im Geschmack, in den Ohren, in der Nase, sie haben nicht
gerne Lärm.
[00:35:15.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Hochsensibel kann man auf ganz verschiedene Gebieten sein.
[00:35:19.510] – Bemerkung 23
Wenn man auf den Notfall kommt, was soll man dann machen? Es gibt einen Ausweis von Autismus
Schweiz. Die Autisten können den auf der Notfallstation zeigen, in Italien, Griechenland, zum anstehen im
Museum, etc.
[00:36:12.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Ah, habe ich nicht gewusst.
[00:36:15.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann ist das wie allergisch auf Penicillin.
[00:36:21.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Ausweis vorzeigen. Super!
[00:36:42.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Zum Abschluss möchte ich noch ganz etwas kurz sagen zu uns Medizinern.
[00:36:52.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Mediziner und alle, die im Helferberuf sind, wir holen uns die Genugtuung, indem wir helfen können.
[00:36:58.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Autist macht es uns nicht so leicht zum helfen.
[00:37:02.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir hilflose Helfer werden, dann werden wir verzweifelt und manchmal auch böse oder ignorant.
[00:37:13.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage allen Helfern: lernt aus euren Fehlern.
[00:37:19.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt den Spruch: errare humanum est. Irren ist menschlich.
[00:37:20.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie auch gesagt worden ist, wir können aus euren Fehlern lernen.
[00:37:27.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Problem der Helfer ist, dass sie es eigentlich recht machen wollen, dass sie helfen wollen und wenn
sie nicht helfen können, dann werden sie verzweifelt und manchmal sogar sadistisch.
[00:37:37.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hoffe auf viele lernfreudige Helfer.
AD(H)S und psychiatrische Folgekrankheiten
AD(H)S zeichnet sich aus durch hohe Sensitivität und gleichzeitig starke reaktive Impulsivität, beim ADHS nach aussen, und beim ADS nach innen. Medizinisch wird dies als schlechte Impulskontrolle bezeichnet. ADHS-Persönlichkeiten, die Ess- und Zwangsstörungen als Folgekrankheit entwickeln, sind zu streng erzogen worden, für ihr impulsives Temperament, sodass sie ihre Emotionen mittels ihrem Essverhalten und anderen Verhaltenszwängen zu kontrollieren versuchen.
AD(H)S Persönlichkeiten, die Schizophrenie entwickeln, haben alle Emotionen nach innen gerichtet aus lauter Anpassung, was dann ihre Kognition unter einer emotionalen Monsterwelle zusammenbrechen lässt; das heisst, sie drehen durch im wahrsten Sinne des Wortes.
Google Schweiz
Europaallee 36, 8004 Zürich Donnerstag,
11.Mai 2023 18.00–22.00 Uhr
Fr. 20.–|Mitglieder Fr. 15.– info@adhs20plus.ch
Klicke, um auf DTP_Flyer-ADHS20plus_11052022_NEU_Webseite.pdf zuzugreifen
ADHS bei Erwachsenen: «Wer ADHS hat, kann Berge versetzen»
PDF: 20min.ch-ADHS bei Erwachsenen Wer ADHS hat kann Berge versetzen
Transkript
ADHS bei Erwachsenen: «Wer ADHS hat, kann Berge
versetzen»
20min.ch/story/wer-adhs-hat-kann-berge-versetzen-462319848699
12. November 2022
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Die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) galt lange als «Kinderkrankheit».
Aber auch etliche Erwachsene leiden unter Unaufmerksamkeit, Unruhe und Impulsivität. Wir
haben mit Ärztin, Psychiaterin, Buchautorin und ADHS-Expertin Frau Dr. Ursula Davatz über
Diagnosen, Herausforderungen und Tipps für Betroffene gesprochen.
Frau Dr. Davatz, man hat den Eindruck, dass ADHS in der Bevölkerung zugenommen hat.
Stimmt das?
Nein. Mehr Betroffene gibt es nicht – nur genauere Diagnosen und mehr verfügbare Information.
Kennst du jemanden mit ADHS?
9285 Abstimmungen
Heute erwähnen Erwachsene auch mal locker auf Social Media, ADHS zu haben. Es gibt
Tausende Tiktoks zum Thema. Was ist passiert?
ADHS hat nicht mehr diese stigmatisierende Wirkung von früher. Berühmte Persönlichkeiten wie
Richard Branson stehen zu ihren Diagnosen und zeigen, wie gut sie gelernt haben, mit ihren
Persönlichkeitsmerkmalen umzugehen.
ADHS bei Erwachsenen und Kindern – die Unterschiede
Ist ADHS denn eine Krankheit?
Nein! Es ist ein Persönlichkeitstyp. Wenn Menschen mit ADS oder ADHS ein gutes Umfeld haben
und sich mit ein paar Tools besser kennen lernen, können sie zu sehr erfolgreichen
Persönlichkeiten werden. Wenn sie kein gutes Umfeld haben, entwickeln sie allerdings später oft
psychische Krankheiten wie schwere Depressionen oder werden bipolar.
Über Dr. Ursula Davatz
Gibt es erste Hinweise, an denen Sie bemerken, ob ein Patient oder eine Patientin
möglicherweise ADHS hat?
ADHS-Menschen reden schnell, haben eine stärkere Intonation, wechseln sehr rasch das Thema
und sind oft ein bisschen grenzüberschreitend, was zwischenmenschliche Beziehungen angeht.
Auch im Strassenverkehr können sie impulsiv sein.
ADHS-Menschen denken alles hundertfach durch.
Dr. Ursula Davatz, Psychiaterin und ADHS-Expertin
Und bei ADS?
Bei ADS fehlt bekanntlich die Hyperaktivität (H) im Namen. ADS-Menschen haben diese aber
auch, nur dreht sie sich nach innen. Diese Menschen denken alles hundertfach durch und
schweifen in Gesprächen gerne in ihre eigene Welt ab, dieses «Wegdriften» sieht man ihnen an
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den Augen sofort an.
ADHS oder ADS?
Wo ist die Grenze zwischen etwas hyperaktiv oder abgelenkt sein und einer ernsthaften
Störung?
Eine klare Grenze gibt es nicht. Es kommt auf den Leidensdruck an. Nur weil es mich langweilt,
Wäsche zusammenzulegen, und ich lieber fernsehen würde oder Mühe habe, die Steuererklärung
auszufüllen, habe ich noch kein ADHS. Wenn ich mich hinsetze, die Steuererklärung ausfüllen will
und es einfach nicht kann, sieht das anders aus.
Nur weil ich Mühe habe, die Steuererklärung auszufüllen, habe ich noch keine ADHS.
Dr. Ursula Davatz, Psychiaterin und ADHS-Expertin
Wie unterscheiden sich die ADHS-Symptome bei Frauen und Männern?
Männer werden schnell aggressiv und impulsiv. Frauen nehmen sich eher zurück und
unterdrücken die Impulsivität. Sie sind sehr empathisch, spüren sofort, was im Umfeld läuft, und
werden zu Helfertypen. Deshalb entwickeln sie später eher eine Depression – weil sie sich
aufgeben für alle.
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Männer mit ADHS zeigen oft eine ausgeprägte Impulsivität.
Pexels / Rachel Claire
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Welche Schwierigkeiten haben Betroffene im Beruf?
Sie sind sehr gerne ihr eigener Chef und sind intrinsisch gesteuert. Pseudo-Autoritäten werden
sofort erkannt und sie haben keine Hemmung zu kritisieren. Wenn Führungskräfte allerdings
fachlich wirklich überlegen sind, lassen sich ADHS-Angestellte gerne von ihnen leiten.
Und im Privatleben?
Menschen mit ADHS können schnell eine Verbindung aufbauen und andere begeistern, genauso
schnell aber anecken. Konflikte eskalieren rasch und heftig und Beziehungen werden impulsiv
abgebrochen. Zudem stressen sich Betroffene an allem – diese Hyperreaktivität ist wiederum eine
Belastung für das Umfeld von ADHS-Menschen. Auch auf den Körper hat es Auswirkungen: Der
«Dauerstress» kann zu Folgeerkrankungen und Entzündungen führen.
Menschen mit ADHS können andere begeistern, ecken aber auch schnell an.
Dr. Ursula Davatz, Psychiaterin und ADHS-Expertin
Haben Sie Tipps für Partnerinnen oder Partner von Betroffenen?
Klare Kommunikationsregeln: Während eines Ausbruchs soll gar nicht erst versucht werden,
einen Konflikt zu lösen. Es lohnt sich, abzuwarten und dann den Streit Revue passieren zu lassen
– gegenseitiges Zuhören und Aussprechenlassen ist hierfür Pflicht.
Manche Betroffene nennen ihr ADHS eine Superpower. Gibt es tatsächlich Vorteile?
Klar! Ein superschnelles Denken, das über den eigenen Tellerrand hinausgeht, und innovative
Ideen sind typisch. Kein Wunder, haben viele Unternehmerinnen und Erfinder diese Diagnose
erhalten. Wer mit ADHS hyperfokussiert ist, kann Berge versetzen.
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Flexibilität und kreative Lösungsansätze: Die Diagnose ADHS bietet laut Expertin auch Vorteile.
Pexels / Tamara Vela
Wie sieht es mit der Behandlung von ADHS aus?
Oftmals werden Stimulanzien wie Ritalin verschrieben. Das kann sich natürlich lohnen, um klarer
zu sehen oder Prüfungen und andere Herausforderungen konzentriert zu bewältigen. Ich bin eher
zurückhaltend, was Medikamente angeht. Natürlich verschreibe ich diese auch, aber noch
wichtiger finde ich, dass Menschen mit AD(H)S sich und ihre Eigenarten besser kennen lernen.
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Wie gelingt das?
Mit Besuchen bei einem ADHS-Coach, der nicht nur das medizinische Modell verwendet, sondern
auch Ratschläge gibt und den Menschen aufzeigt, wie sie besser mit den Symptomen umgehen,
sodass man nicht überall aneckt.
ADHS ist genetisch vererbbar. Wie gehe ich damit um, wenn ich Elternteil von einem
betroffenen Kind bin?
Mit Empathie und voller Unterstützung. Sätze wie «Ich schätze dich und dein Naturell und stehe
voll und ganz zu dir» helfen dem Kind enorm, genau wie das Erarbeiten von Taktiken, um die
Schule besser zu überstehen. Medikamente alleine regeln das Problem nicht.
Dr. Ursula Davatz ist für die Schweizerische Info- und Beratungsstelle für Erwachsene mit ADHS
tätig. Dort finden sich Online-Tests und weiterführende Infos.
Hast du oder hat jemand, den du kennst, eine psychische Erkrankung?
Hier findest du Hilfe:
Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858
Kinderseele Schweiz, Beratung für psychisch belastete Eltern und ihre Angehörigen
Verein Postpartale Depression, Tel. 044 720 25 55
Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen
VASK, regionale Vereine für Angehörige
Selbsthilfegruppen
Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147
Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143
Angst- und Panikhilfe Schweiz, Tel. 0848 801 109
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How to survive university with AD(H)D
Datum: 11.10.2022
Zeit: 18:15 – 20:00
Ort: RAA-G-01 Aula klein (Asien-Orient Institut, 4min Gehweg vom Hauptgebäude)
Treffpunkt: 18:00 im Hörsaal
Teil 1: Was ist AD(H)S und wie sind Erwachsene im Studium davon betroffen?
Kurzer Theorieinput/Vortrag
Frau Davatz gibt einen kurzen Überblick über ADHS bei Erwachsenen und wie sich welche Symptome im Studium bemerkbar machen können.
Beni gibt einen Einblick darüber welche Anfragen betreffend ADHS (wer stellt wie viele Anfragen mit welchem Inhalt) die Fachstelle Studium und Behinderung erhält und welche Rolle das Thema für die Fachstelle spielt.
Interaktiver Teil
Frage an die Teilnehmenden:
• Gibt es Fragen zum Theorieinput/Vortrag?
• Welche Erfahrungen/Beobachtungen/Gedanken haben die Teilnehmenden zum Thema ADHS im Studium und was ist die Motivation für den Besuch des Workshops?
-> Inputs werden gesammelt und falls möglich in Workshop eingebaut
Teil 2: How to survive uni with ADHD?
Die Teilnehmenden werden nun in zwei Gruppen aufgeteilt und können in den Kleingruppen spezifische Fragen stellen. Dabei wird eine Gruppe von Frau Davatz und eine von Beni betreut. Nach der Pause wechseln die Referent*innen die Gruppen.
Vorbereitete Frageliste:
• Wie kann ich meinen Vorgesetzten (Profs, etc.) AD(H)S erklären und falls möglich
Hilfestellungen einfordern?
• Wie kann ich meinen Angehörigen die Schwierigkeiten von AD(H)S erklären?
• Was sind konstruktive Entgegnungen auf falsche Aussagen zu AD(H)S? (z.B. „du musst dich einfach mehr anstrengen“, „das wächst sich aus“, „Ritalin ist nur zum dopen da“, „ADHS ist eine Modediagnose“, „ADHS macht sich nur in der Schule beim Stillsitzen bemerkbar“, etc.)
• An wen kann ich mich wenden wenn ich denke, dass ich ADHS habe und mich abklären lassen möchte?
• An wen kann ich mich wenden, wenn ich eine Diagnose erhalten habe und einen Nachteilsausgleich abklären möchte?
• Welche Hilfestellungen beinhaltet ein Nachteilsausgleich?
• Welche Hilfestellungen kann mir die UZH ausserhalb eines Nachteilsausgleichs bieten?
• Ist es hilfreich bei AD(H)S-bezogenen Schwierigkeiten im Studium den Vorgesetzten (Profs, Seminarleiter:innen, etc.) davon zu berichten und habe ich ein Recht darauf Hilfestellungen einzufordern?
«Mir war immer klar, dass ich etwas anders bin»
Transkript
24 Montag, 15. August 2022 Montag, 15. August 2022 25
Kultur & Gesellschaft Gesundheit
Ein bisschen Starglanz zur Eröffnung «Mir war immer klar,
dass ich etwas anders bin»
Lucerne Festival Die Ausgabe 2022 wurde mit einer ungewöhnlichen Mischung eröffnet. Stargeigerin Anne-Sophie Mutter
kam zu einer Premiere, das Festival-Motto «Diversity» vor allem in der Festrede vor.
Peter König
ADHS bei Erwachsenen Rahel Christen war schon 44, als bei ihr Aufmerksamkeitsstörung festgestellt wurde.
Am Freitagabend ist im Kultur- Welche Folgen eine zu späte Diagnose haben kann, musste sie schmerzhaft am eigenen Leib erfahren.
und Kongresszentrum Luzern
(KKL) das diesjährige Lucerne
Festival in Anwesenheit von Bun-
despräsident Ignazio Cassis Andreas Bättig stieg nicht befriedigend. Sie er- die sich auf ADHS spezialisiert
feierlich eröffnet worden. Das lebte jahrelanges Mobbing und hat. «Gerade für viele Frauen ist
hauseigene Weltklasseorchester Lange wusste Rahel Christen verlor dabei immer mehr an die Diagnose im Erwachsenen-
spielte in der nach altbekanntem nicht, woher diese Energie in ihr Selbstvertrauen und Selbstwert- alter ein Aha-Erlebnis.» Vorher
Muster laufenden zweiten Kon- kommt. In der Schule rebellierte gefühl. hätten sie oft einen langen Lei-
zerthälfte unter seinem ebenso sie, sie wollte lieber mit Buben densweg hinter sich. Den Men-
über internationale Klasse ver- Abenteuer erleben als das brave «Endlich eine Erklärung» schen mit ADHS werde immer
fügenden Chefdirigenten Riccar- Mädchen sein. Schularbeiten gab Dass sie ADHS haben könnte, gesagt, dass sie sich einfach
do Chailly eine Symphonie. Zwar sie oft als Erste ab – zwar mit darauf kam die Berner Oberlän mehr anstrengen und besser
keine ganz grosse, sondern Ser- vielen Fehlern, aber immerhin derin erst durch ein Gespräch konzentrieren müssten. «Solche
gei Rachmaninows zweite in war sie die Schnellste. mit einer jüngeren Arbeitskolle- Ratschläge bringen jedoch
e-Moll, entstanden 1906–1908. Als junge Frau tanzte sie wild gin. «Sie fragte mich, ob ich nichts», sagt die Expertin. «ADHS
Warum das einstündige, breit in Discos, am liebsten gleich ADHS habe. Denn ich sei ja wie ist erstens angeboren und zwei-
angelegte Werk nicht häufiger auf neben den Boxen, wo sie ihre sie.» Rahel Christen, damals tens ein Problem im Kopf, das
den Konzertpodien anzutreffen überbordende Energie loswer- schon 44, wurde stutzig. Zwar man nicht mit dem Willen beein-
ist, bleibt unklar. Dem Lucerne den konnte. Sie war immer sehr war ihr die Aufmerksamkeitsstö- flussen kann.»
Festival Orchestra (LFO) jeden- sportlich: Leichtathletik, Volley- rung bei Kindern und Jugend Typische Anzeichen seien,
falls bot es einen Tummelplatz ball, Reiten . . . Hauptsache, im- lichen bekannt, aber nicht bei dass man sich schnell ablenken
für all seine Tugenden: gepfleg- mer in Bewegung und am liebs- Erwachsenen. lasse und eine nur kurze Auf-
tes Zusammenspiel, feiner Ab- ten draussen in der Natur. Nach einer langen Wartezeit merksamkeitsspanne habe. «Bei
gleich, Solobravour für viele Re- Christen suchte die Geschwin- liess sie sich abklären. Ergebnis: Themen, welche die Betroffenen
gister und alle Schattierungen digkeit, das Adrenalin: beim Ski- schwere Form der Aufmerksam- interessieren, haben sie aller-
von der Streicherkantilene bis fahren, beim Biken, manchmal keitsdefizitstörung. «Endlich dings einen übermässig ge-
zum finalen Orkan. Irgendwie sogar beim Autofahren mit lau- hatte ich eine Erklärung für mei- schärften Fokus.»
aber bleibt von der durchaus ter Musik. «Immer zack, zack, hü nen ständigen Gedankensturm Um die Symptome in den Griff
melodienreichen Symphonie und hott, tätsch, bumm», sagt sie. zu bekommen, gibt es laut Da-
keine wirklich im Ohr haften. Die schmerzhafte Folge: mehre- vatz mehrere Behandlungsmög-
Ganz anders und für eine Er- re Knochenbrüche, sechs Knie- lichkeiten: Im Kindesalter wür-
öffnung atypisch war indes die operationen. «Mir war immer den stimulierende Medikamen-
erste Konzerthälfte. Hier prallten klar, dass ich etwas anders bin te verschrieben, wie Ritalin oder
Werke zweier Komponisten auf- als die anderen Mädchen und Amphetamine. Im Erwachsenen-
einander, die unterschiedlicher Frauen», sagt sie heute. Dass alter dagegen seien Stimulan-
kaum sein könnten. Los ging es dahinter ADHS stecken könnte, zien nicht erste Wahl. «Wenn
mit einem Werk des im Frühling Es war der erste Auftritt der deutschen Geigerin Anne-Sophie Mutter (in Rot) mit dem Hausorchester. Foto: Peter Fischli (Lucerne Festival) daran hätten aber weder sie noch jemand Medikamente haben
siebzig gewordenen Leiters der andere gedacht. Das sei erst viel möchte, um sich zum Beispiel
Lucerne Festival Academy, Wolf- später zum Thema geworden. auf eine wichtige Prüfung vor-
gang Rihm. Man muss in seinem
immensen Werkkatalog lange
Er galt einem Komponisten, der
ungewohnt ist auf der Affiche
Festival 2022 steht unter dem
Motto «Diversity». Kein Mode-
kann zwar sehr unterschiedlich
verstanden werden, hier aber
und blieb doch seltsam kühl: War
es das Unbekannte? Lag es dar- Niemand wusste, was sie hat «ADHS ist ein zubereiten, verweigere ich diese
aber nicht.»
blättern, bis man auf die Werk- renommierter Festivals: Joseph gag, betont Intendant Michael geht es klar um Menschen ande- an, dass Bologne eben doch nicht ADHS steht für Aufmerksam- Problem im Kopf, Neben allfälligen medika-
reihe der sechs «Verwandlun- Bologne, Chevalier de St-Georges Haefliger, das Thema stehe be- rer Hautfarbe. Solche werden die- Mozart war? Jedenfalls ebbte der keitsdefizit-/Hyperaktivitätsstö- mentösen Therapien empfiehlt
gen» stösst. (1745–1799), regelmässigen Hö- reits seit drei Jahren fest. Und sem Festival ihren Stempel auf- Applaus rasch ab, und der Star rung. Betroffene haben Mühe, das man nicht Davatz vor allem, regelmässig
Als Schweizer Erstaufführung rern von Radio Swiss Classic zwar fährt fort, man habe hier zu vie- drücken – als Interpretin, Kom- wurde ohne Zugabe entlassen. sich zu konzentrieren, sind im- mit dem Willen Sport, Yoga oder Meditation zu
wurde im KKL die Nummer 4 von bekannt, aber heute weitgehend les verschlafen, die Klassik müs- ponist oder ganzer Klangkörper Man reibt sich die Augen, pulsiv und hyperaktiv. Meist wird praktizieren oder ein Instrument
2008 gespielt, ein für den Kos- vergessen. Dabei war er seinerzeit se sich endlich öffnen, und der wie eben das Chineke Orchestra. blickt nochmals aufs Podium die Diagnose im Kindesalter beeinflussen kann.» zu spielen. Also alles Tätigkeiten,
mos des Komponisten sinnbild- nicht nur als Musiker berühmt, Weg habe erst begonnen. Doch zurück zum Chevalier: und sieht dort das gewohnte gestellt, seltener, wie bei Rahel die helfen, zur Ruhe zu kommen.
liches Stück: vielseitig, gespickt Eröffnungsrednerin Chi-chi sondern auch als Sportler, Fech- Seine Nähe zu Mozart und Haydn Bild: lauter Weisse, die Damen in Christen, erst als Erwachsene. Ursula Davatz Das Wichtigste sei aber, dass
mit Einfällen und technisch an- Nwanoku. Foto: Patrick Hürlimann ter und Offizier. Und: St-Georges Seltsam kühles Publikum ist unverkennbar, auch seine lang und die Herren im Frack, «Es wäre mir sehr viel Leid er- Psychiaterin Menschen mit ADHS ihren eige-
spruchsvoll. Das LFO musste also war dunkelhäutig. Weil er in Gu- Ins gleiche Horn blies die Eröff- Meisterschaft an der Violine hat steif und steril wie eh und je; der spart geblieben, wenn ich früher nen selbstorientierten Fokus
schon im vorwärtsdrängenden schen Weltstar, und als solchen adeloupe als Sohn eines franzö- nungsrednerin Chi-chi Nwano- er der Partitur eingeschrieben: Klassikbetrieb bleibt fest der Tra- gewusst hätte, was ich habe», ist finden müssten, damit würden
Auftakt einen Kaltstart hinlegen, darf man Anne-Sophie Mutter sischen Plantagenbesitzers und ku: Unaufgeregt, aber rhetorisch Der Solopart ist selbst für eine dition verhaftet. Es bedarf noch sie überzeugt. besonders ihr Selbstwertgefühl
der aber souverän gelang. Rihm ohne weiteres bezeichnen. Sie ist einer schwarzen Sklavin geboren brillant mahnte die Gründerin Könnerin wie Anne-Sophie Mut- manchen Öffnungsschrittes. Der Denn bereits in der Lehre zur und ihre Selbstsicherheit ge-
nahm gut gelaunt die Huldigun- dem Festival zwar seit ihrer Kind- wurde, stand ihm seine Hautfar- der Chineke-Stiftung an, den ter dankbar. Sie machte alles Weg ist lang, und ein Weltklas- Bankkauffrau seien ihr viele stärkt. «Die Betroffenen werden
gen des Saals entgegen. heit verbunden, dennoch war es be trotz aller Erfolge oft im Wege. Klassiknachwuchs nicht länger richtig und brilliert mit Tönen sefestival unter dem Begriff Fehler unterlaufen, die sie heute ruhiger und zufriedener.»
Eröffnungsabende schmücken der erste Auftritt der deutschen Und hier liegt der Grund für nur unter Menschen mit weisser bis fast an die Hörgrenze. Das «Diversity» kann da bestenfalls auf ADHS zurückführen könne. im Kopf», sagt Christen. Anfangs
sich gern auch mit einem solisti- Geigerin mit dem Hausorchester. diese Entdeckung: Das Lucerne Hautfarbe zu suchen. Diversity Publikum lauschte, klatschte – ein Anfang sein. Abends stimmte oft der Kassen- habe man den Sturm noch mit «Auch wir haben Qualitäten»
saldo nicht. Im Tresor habe sie verschiedenen Medikamenten zu Rahel Christen nimmt ebenfalls
mehrmals den Fehlalarm ausge- beruhigen versucht. Jedoch ohne keine Medikamente. Lieber setzt
Der Zeichner, der als Kind geschlagen wurde löst. «Ich war mit meinem Kopf
nicht bei der Sache, sondern im-
mer schon einen Schritt weiter.»
Erfolg. Also blieb Christen nichts
anderes übrig, als sich mit ADHS
zu arrangieren und selbst nach
sie auf Meditation und Entspan-
nungsübungen, um zur Ruhe zu
kommen. Und wenn sie ihre
Nachruf Der grosse französische Karikaturist Jean-Jacques Sempé, Mitschöpfer des «Petit Nicolas», starb im Alter von 89 Jahren. Das zog sich durch ihr ganzes Strategien zu suchen. überschüssige Energie loswer-
Berufsleben. Immer wieder habe Mittlerweile könne sie gut mit den will, tanzt sie, mittlerweile
es Gespräche gegeben, was mit ADHS leben. Ruhe findet sie in 48-jährig, noch immer wild und
Sein schmaler Strich mit Tusche, «bande dessinée», das der Welt tivsohn wurde oft geschlagen Sie sich kurz», heisst es beim der Erinnerung heraus zitiert: sowohl der künstlerischen Viel- ihr denn los sei. Es folgten etli- der Natur und bei ihrer Leiden- hört laute Musik wie früher.
die manchmal kindlich naiven zwei andere unvergessliche und durchlebte eine dermassen Angestellten, «Bleibe ruhig», hat «Sollte es im Weltall intelligente falt wie auch der internationalen che Verwarnungen und Kündi- schaft, dem Reiten. «ADHS-Be- Heute hat sie auch einen Bü-
Figuren, die er zeichnete, und vor Comic-Figuren schenkte, die freudlose Kindheit, dass er die- der Chef sich aufgeschrieben. Wesen geben: Was macht dich so Ausstrahlung lässt sich der Um- gungsandrohungen. ADHS sei Mit ADHS leben gelernt: Ruhe findet Rahel Christen heute vor allem in der Natur. Foto: Christian Pfander troffene können gut mit Tieren rojob gefunden, bei dem nicht
allem die Weigerung, sich der beide ebenfalls von Goscinny se später kompensierend mithil- Oder wir sehen einen Rentner sicher, dass sie ausgerechnet mit stand zitieren, dass der Franzose aber nie ein Thema gewesen. umgehen», sagt Christen. Hier gleich ein Drama gemacht wird,
Obszönität oder dem Sadismus getextet worden waren: Astérix fe seiner berühmtesten Figur mit Pfeife, selbstzufrieden in sei- dir in Kontakt treten wollen?» über 100 Titelseiten des «New Trotz ihren vielen Flüchtig- könne sie so sein, wie sie sei. wenn ihr einmal ein Fehler
hinzugeben, machten ihn anfäl- der Gallier und Lucky Luke der wegzeichnete. Schon als Kind nem Sessel auf der Dachterrasse, Und weil er so subtil und gleich- Yorker» illustrierte, des angese- keitsfehlern und der Vergesslich- Damit abends der Kopf nicht wei- passiert. «Ich wünschte, es gäbe
lig für die schlimmsten Be- Westernheld. hatte er sich zum Zeichnen zu- vor sich ein Teleskop montiert. zeitig so ausdrucksstark zeich- henen amerikanischen Magazins. keit sei sie von den Arbeitskolle- ADHS: Mädchen werden oft übersehen terdreht, bringt sie ihn mithilfe mehr solche Arbeitgeber», sagt
schimpfungen, mit denen man rückgezogen. Die Schule interes- Seine Frau bringt ihm den Znacht nete, kommen viele seiner Car- Am Donnerstag ist Jean- ginnen und -kollegen aber ge- von Meditation zur Ruhe. Dank sie. Denn eines dürfe man nicht
einen Karikaturisten bewerfen Eine Art von Selbsttherapie sierte ihn nicht, er musste meh- hoch. Und fragt, das ist jetzt aus toons ohne Worte aus. Jacques Sempé, der seine Pariser schätzt worden, weil sie gut mit Seit über 30 Jahren wird in den angeborene Konstitution im me im Kindesalter. Besonders bei ADHS hat Christen sogar eine vergessen: ADHS sei nicht nur ein
kann. Dass er nämlich ein liebe- Mit den Geschichten des un- rere Klassen wiederholen. Und Als Karikaturist agierte er Wohnung wegen seiner Gebrech- Menschen habe umgehen kön- USA unter dem Begriff Attention Vordergrund stehe, nicht etwa Mädchen wird ADHS allerdings neue Leidenschaft entdeckt: Sie Handicap. Betroffene seien oft be-
voller Zeichner gewesen sei, der zähmbaren Buben Nicolas, bei aus dem Militär wurde er ausge- weitaus boshafter, als manche lichkeit seit Jahren nur noch sel- nen. Zudem habe sie sich viele Deficit Hyperactivity Disorder eine schlechte Erziehung. oft übersehen, da sie nicht die möchte auf die Störung aufmerk- sonders kreativ und wagemutig.
die menschlichen Schwächen mit dem alles selbst dann zur komi- schlossen, weil er gezeichnet hat- seiner Zeichnungen den Anschein ten verlassen konnte, in seinem Strategien, Checklisten, Prozes- (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperak- Heute ist wissenschaftlich typischen Symptome aufweisen: sam machen und über sie auf- Für Rahel Christen ist es denn
Verständnis karikiert habe. schen Katastrophe eskaliert, te, statt Wache zu stehen. machten. In seinem satirischen Ferienort gestorben. Er wurde se erarbeitet, damit ihr weniger tivitätsstörung, ADHS) eine Ver- belegt, dass auch Erwachsene Sie sind nicht laut und stören, klären. Dafür hat sie sich zum auch nicht verwunderlich, dass
Das Missverständnis lässt sich wenn er sie gar nicht als Streich Sein Humor lag in der wort Band «St. Tropez» von 1968 zum 89 Jahre alt. Er sei friedlich ent- Fehler unterliefen. «Das hat aber haltens- und Lernstörung verstan- weiter unter ADHS leiden können. sondern der Sturm tobt in ihnen ADHS-Coach ausbilden lassen, es viele bekannte Menschen gibt
insofern nachvollziehen, als konzipiert hat, sondern sie ihm losen Beredsamkeit, mit welcher Beispiel entlarvte er die Dekadenz schlafen, teilte sein Biograf und viel Kraft und Energie gekostet.» den, die im Kindesalter beginnt. Als Ursache wird eine genetisch selbst. Deshalb bekommen sie engagiert sich in Selbsthilfe- mit ADHS. Die ehemalige Miss
Sempé mit dem «Petit Nicolas» einfach passiert in seiner kind er die Körpersprache seiner Figu- der französischen Elite. Aber er Freund Marc Lecarpentier der Als sie sich auch noch um eine Erstmals beschrieben hatte bedingte Fehlfunktion im Bereich meist erst im Teenageralter oder gruppen in sozialen Medien und Schweiz Melanie Winiger, heute
weltbekannt geworden ist, den lichen Ungeduld und Fantasie, ren karikierte. Da sitzt ein konnte auch auf Linke losgehen Agentur Agence France Press mit, stark depressive Freundin ge- die Störung aber bereits zuvor der derjenigen Hirnabschnitte ange- noch später eine Diagnose, bei hält in Schulen Vorträge über das Schauspielerin und Moderatorin,
er sich mit René Goscinny Ende betrieb Sempé eine Art von schüchterner Angestellter in sei- und sich über die Biederkeit der seine Frau und Freunde seien bei kümmert habe, sei ihr alles zu Frankfurter Psychiater Heinrich nommen, die übergeordnete Buben dagegen wird ADHS meist Thema. «Gerade bei Mädchen zum Beispiel, aber auch den
der Fünfzigerjahre ausgedacht Selbsttherapie. nem Stuhl. Ihm gegenüber lehnt Kleinbürger lustig machen. ihm gewesen. Sempé, twitterte viel geworden: Sie schlitterte in Hoffmann (1809–1894) in seinem Steuerungs- und Koordinations- schon im Kindesalter diagnostiziert. wird ADHS oft übersehen», sagt deutschen Schriftsteller Benja-
hatte und der in dreissig Spra- Denn der Zeichner, als unehe- sich, in seinem Sessel hinter Schliesslich reüssierte er nicht die französische Premierminis- ein Burn-out. Und noch immer berühmten «Struwwelpeter»-Buch. aufgaben in der Informations Nach heutigem Forschungs- Christen. «Weil sie sich zurück- min von Stuckrad-Barre und
chen übersetzt wurde. Da traf liches Kind geboren und in Bor- einem enormen Pult, der fette nur als Karikaturist, der über vier- terin Élisabeth Borne, das seien kam ADHS nicht zur Sprache, Später hat sie der englische verarbeitung übernehmen. stand sind rund fünf Prozent der nehmen und nicht so auffällig vermutlich sogar Mozart. «Ich
einer der grössten komischen deaux aufgewachsen, durchlebte Chef zurück. Körper gewordene zig Bildbände veröffentlichte, Zeichnung gewesen und Text. auch nicht bei den Psychothera- Kinderarzt George Frederic Still im Zentral für die Diagnose ist eine Bevölkerung von der Aufmerk sind wie Buben.» sehe ADHS deshalb nicht als eine
Zeichner auf einen der grössten bei seinen Adoptiveltern triste Machtverhältnisse, ausgedrückt sondern wurde auch als Illustra- Aber auch Lächeln und Poesie. pien, die sie danach machte. «Lancet» seinen Fachkolleginnen psychiatrische Untersuchung mit samkeitsstörung betroffen. (ab) Diese These bestätigt auch die Störung an. Wir Betroffenen ha-
komischen Texter. Beide lebten Jahre. Sein Vater hatte ein mas- auch auf den Zetteln, die beide Jean-Jacques Sempé im tor über seine französische Hei- Nach der Rückkehr in den Job und -kollegen erklärt und dabei dem Erfassen von ADHS-spezifi- Aargauer Psychiaterin und Fa- ben auch Qualitäten, die andere
in Frankreich, dem Land der sives Alkoholproblem, der Adop- vor sich stehen haben. «Halten November 2019. Foto: AFP mat hinaus berühmt. Als Beleg Jean-Martin Büttner gelang ihr auch der Wiederein- betont, dass ursächlich eine schen Kriterien sowie der Sympto- Weitere Infos: sfg-adhs.ch milientherapeutin Ursula Davatz, nicht haben.»
Vererbte Verwirrung
Transkript
16 Hintergrund Gesellschaft NZZ am Sonntag 14. August 2022
SYMBOLBILD: LUCAS ZIEGLER
ADHS war lange als
Modediagnose für
zappelige Kinder
verschrien. Nun
stellen immer mehr
Eltern fest, dass auch
sie daran leiden. Der
dornenvolle Weg einer
Mutter und ihrer
Töchter. Von Patrizia
Messmer
VererbteVerwirrung
U
nd auf einmal erschien alles stattgefunden hat.» Immer mehr Kinder wür- her gab sie sich ihr Leben lang Mühe, langsa- von verschiedenen Botenstoffen, vor allem
logisch. Das Abschweifen,
Erfahrene den zur Abklärung geschickt. Und da ADHS zu mer zu sprechen. Aber ADHS? Das war kein Dopamin und Noradrenalin, gestört. Dopamin
das zwecklose Anstrengen Expertinnen einem grossen Teil erblich bedingt ist, fragen Thema. Die Gesellschaft hat damals noch mit- steuert unseren Antrieb und die Motivation,
in der Schule, die Probleme sich die Eltern nach der Diagnose dann plötz- erzogen und alle, die in irgendeiner Form aus Noradrenalin die Aufmerksamkeit. Bei Men-
mit dem Lernen, das Auf- lich, ob nicht auch sie sich als Kind ganz ähn- der Reihe tanzten, wurden zurechtgebogen, schen mit ADHS stehen diese Stoffe an den
brausen in Konflikten – was lich verhalten haben und ob nicht auch sie manchmal auch «zurechtgeschlagen». Stellen im Hirn, die für eine fokussierte Infor-
sie bei ihrer Tochter Anna vielleicht ADHS haben. Es ist die Generation, mationsverarbeitung zuständig sind, nicht
beobachtete, kannte Iris auch von sich selber. die aufgewachsen ist, als ADHS noch Erzie- ADHS ist noch keine Krankheit ausreichend zur Verfügung. Störende Reize
Und als bei Anna dann ADHS diagnostiziert hungsversagen war und es noch keine Obwohl sich schon vor 170 Jahren Ärzte mit aus dem Umfeld werden daher nicht richtig
wurde, dämmerte es auch Iris. Magnetresonanz- (MRI) und Computertomo- dem Phänomen beschäftigten, wurde die herausgefiltert; sie prasseln wie ein Hagel-
Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivi- Ursula Davatz leitet grafie (CT) zum Nachweis der Störung gab. Ursache von ADHS noch bis in die 80er Jahre sturm auf das Gehirn ein.
tätsstörung (ADHS) kehrt gerade ein familiä- die Beratungsstelle Zu dieser Generation gehört auch die heute oft als Erziehungsversagen, als Folge von Dabei wird zwischen zwei Ausprägungen
res Grundprinzip um: Viele Eltern fragen sich ADHS 20+ für 57-jährige Iris. Sie hat sich vor kurzem – Jahre mangelnder Sozialisierung oder schwierigen unterschieden: zwischen der klassischen ADHS
nicht mehr nur: Hat das Kind geerbt, was ich Erwachsene. nach ihrer Tochter Anna – nun auch selber ab- Verhältnissen abgetan. Erst neue technologi- und der blossen ADS, einem Aufmerksamkeits-
habe? Sondern plötzlich auch: Habe ich, was klären lassen und dabei die Antwort erhalten, sche Möglichkeiten wie MRI und CT haben defizit ohne Hyperaktivität, das häufig bei
das Kind hat? Es ist eine Frage, die so lange die seit dem Befund bei der Tochter im Unbe- gezeigt, dass es sich bei der Störung tatsäch- Frauen vorkommt. Bei Menschen mit Hyper-
überhaupt nicht gestellt wurde. Über Jahre wussten irgendwo schlummerte: Ja, auch sie lich um eine neurologische Veränderung han- aktivität kommt neben Dopamin und Noradre-
galt ADHS als Phänomen, das nur Kinder be- hat ADHS. Mit dem richtigen Namen möchte delt. Psychiaterin Ursula Davatz legt aber Wert nalin auch Serotonin, ein wichtiger Stim-
trifft und sich mit der Pubertät auswächst. sie daher nicht genannt werden – die Diagnose darauf, ADHS nicht gleich als Krankheit zu be- mungsregulator, nicht genügend zum Einsatz,
Und nur langsam kommt in der Gesellschaft soll nicht das Erste sein, was man im Internet titeln. «Es ist erst einmal nur ein bestimmter was zu einer geringen Frustrationstoleranz und
an, was die Forschung schon länger weiss: Die über sie findet. Neurotyp, eine Veränderung im Hirn. Daraus einem impulsiven Temperament führen kann.
Störung verschwindet nur gerade bei 15 Pro- Für Iris war ADHS jahrelang schlicht kein muss keine Krankheit werden.» Auch Iris’ Leben verlief oft stürmisch.
zent der Kinder, die restlichen 85 Prozent be- Ruth Huggenberger Thema. «In den 60er Jahren, als ich Kind war, Grundsätzlich geht die Wissenschaft heute Eigentlich wollte sie Lehrerin werden, doch
gleitet sie auch noch im Erwachsenenalter. arbeitet als Psycho- hat noch niemand davon gesprochen», erzählt davon aus, dass bei Menschen mit ADHS die sie hatte Angst vor dem vielen Lernen. Also
Man schätzt, dass 2 bis 5 Prozent aller Erwach- therapeutin und ist sie im Garten eines Migros-Restaurants im Aar- Hirnstruktur verändert ist und die Funktion machte sie stattdessen eine Berufslehre, war
senen unter ADHS leiden. Doch um die 80 Buchautorin. gau. Klar, Anzeichen hätte es bei ihr schon ge- bereits mit 23 freiberuflich im kaufmänni-
Prozent der Betroffenen wissen gar nichts da- geben, wenn auch nicht die klassischen Zap- schen Bereich tätig, baute dann mit ihrem
von, da die Störung kaum diagnostiziert wird. pelphilipp-Symptome. In der Schule hatte sie Das Abschweifen, das Mann ein weiteres Geschäft auf. Später kamen
In jüngster Zeit ändert dies nun aber. Zu- Mühe, sich zum Lernen durchzuringen, und die Kinder, drei Töchter. Und schliesslich die
nehmend lassen sich auch Erwachsene auf kämpfte mit all den Prüfungs- und Abgabe-
zwecklose Anstrengen, Scheidung von ihrem Mann nach 20 Jahren
das Syndrom untersuchen, wie Ursula Davatz, terminen. Als 15-Jährige war sie schon mit den das Aufbrausen – alles, Beziehung. «Ich habe mich selber immer zu-
Psychiaterin und Leiterin der Beratungsstelle 20-Jährigen im Ausgang. Prioritäten zu setz- was sie bei ihrer Tochter rückgestellt, mich auch in der Beziehung
ADHS 20+, sagt. «Das wiederum hat damit zu ten, kostete sie unglaublich viel Energie. Ein- unter Druck gesetzt. Ich fühlte mich überver-
tun, dass bei den Kindern in den vergangenen mal sagte ihr ein Lehrer: «Du sprichst immer so beobachtete, kannte Iris antwortlich und habe versucht, immer alles
Jahren ein Umdenken in Bezug auf ADHS schnell. Geh mal in die Sprech-Therapie.» Seit- von sich selber. recht zu machen», sagt Iris.
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Nebel, Tagträume, Löcher in der
Konzentration: ADHS ist eine Diagnose, die
einem kaum Ruhe lässt.
tritt», erklärt Ruth Huggenberger. Bei ihnen ist Die ADH-Störung rannte der Arbeit stets hinterher. Eine Neu-
die Unruhe oft nach innen gekehrt, sie träu- in Zahlen orientierung und eine Weiterbildung sollten
men tagsüber oder schweifen ab mit den Ge- Erleichterung bringen. Jedoch geriet Iris an
danken. Damit fallen sie weniger auf als die der neuen Stelle an eine, wie sie sagt, narziss-
zappeligen Jungen.
Im Erwachsenenalter wird ADHS generell
weniger gut erfasst, weil sich die Symptome
verschieben: «Wie sich ADHS zeigt, hat viel
2–5 %
So hoch ist die
tische Vorgesetzte. Am Ende kündigte sie
wegen Mobbings. «Ich stand morgens schon
gestresst auf, und nachts ratterte es im Kopf
immer weiter.» Sie wandte sich an die Psycho-
mit den Lebensumständen zu tun. Bei Kin- Quote der Erwach- login, bei der auch Anna war, und liess sich
dern fällt es oft erst in der Schule auf, wenn sie senen mit ADHS, das jetzt – erst jetzt – ebenfalls auf ADHS abklären.
sich plötzlich an fixe Strukturen und Regeln Phänomen ist aller- «Es braucht erst einen gewissen Leidens-
halten müssen. Die Hyperaktivität verschwin- dings wohl stark druck, um in diesem Alter etwas zu ändern»,
det bei einem grossen Teil in der Pubertät und unterdiagnostiziert. sagt sie dazu. Zudem habe sie sich in den 57
wandelt sich eher in eine innere Unruhe, ins Jahren zuvor unbewusst Strategien angeeig-
Nicht-abschalten-Können», sagt Huggenber- net, um mit den Schwierigkeiten umzugehen.
ger. Dafür kommen im Erwachsenenalter an-
dere Probleme aus dem Alltag hinzu: Termine
einhalten, Steuererklärungen pünktlich aus-
70–80% Mehr Ritalin für Erwachsene
Nun nimmt Iris niedrig dosierte Medika-
füllen, die Finanzen im Griff behalten. So hoch ist das mente, lernt, wie sie Einfluss nehmen kann
Der Unterschied zwischen den Geschlech- Risiko, dass die auf ihre Schwachpunkte. Der ständige Nebel
tern bleibt indes auch in diesem Alter be- Störung von Eltern im Kopf ist einer neuen Konzentrationsfähig-
stehen: Bei Männern richtet sich die Aggressi- an Kinder vererbt keit gewichen. «Meine Lebenserfahrung war
vität eher nach aussen, bei Frauen nach innen wird. bisher, dass ich mehr leisten musste, um das-
in Form von Selbstkritik und Selbstverletzun- selbe zu erhalten wie meine Mitmenschen.
gen. Im Extremfall heisst das: Männer mit Meine eingesetzte Zeit und Kraft hat nun end-
ADHS werden häufiger delinquent, Frauen
entwickeln häufiger Depressionen, Persön-
lichkeits- oder Essstörungen.
14 lich die gleich grosse Wirkung wie bei den
Menschen, die dieses Handicap nicht mit sich
herumtragen», sagt Iris, dankbar für diese
So viele verschie- neue Würde.
Wo bleibt Mama wieder? dene Gene sind laut Mit dem Anstieg solcher Abklärungen hat
Besonders herausfordernd wird dies, wenn derzeitigem Stand auch die Abgabe von Medikamenten gegen
ADHS in einer Familie gehäuft auftritt, Impul- der Wissenschaft an ADHS zugenommen, besonders bei Erwachse-
sivität verträgt sich nicht gut mit Impulsivität. der Ausbildung von nen: Laut der Krankenkasse Helsana haben
«Viele Eltern versuchen auch, ihre Kinder vor ADHS beteiligt. die Verschreibungen von Ritalin bei Erwach-
Verhaltensweisen zu bewahren, die ihnen in senen zwischen 2014 und 2020 um 47 Prozent
der Kindheit oder später Schwierigkeiten be- zugelegt, deutlich stärker als bei den Jugend-
reitet haben», beobachtet Ruth Huggenberger.
Bei Iris und ihrer mittleren Tochter Anna
fingen die Konflikte mit dem Kornett-Unter-
80 %
lichen, wo die Zunahme 19 Prozent betrug.
Auch Anna nimmt Medikamente. Sie haben
ihr geholfen, die Lehre erfolgreich abschlies-
richt an. Anna war musikalisch begabt, ging So hoch ist die Rate sen zu können. Und auch jetzt, wo sie bald als
schon früh in den Musikunterricht, der Kor- der Erwachsenen Quereinsteigerin Lehrerin wird, will sie daran
nett-Koffer war fast noch zu schwer für das mit ADHS, die an festhalten, um gut in den neuen Beruf zu star-
kleine Mädchen. «Meine Mutter hat gesagt, sie Folgekrankheiten ten. «Danach werde ich mit meiner Psycholo-
kommt mich um sechs Uhr nach dem Unter- wie Sucht oder gin und Hausärztin schauen, wie ich sie nach
richt abholen wegen des schweren Koffers. Depressionen und nach absetzen kann.» Ein Leben lang will
Aber sie war selten pünktlich da. Ich hatte da- leiden. sie die Medikamente nicht nehmen, weil sie
mals noch kein Handy, und die Ungewissheit, sich damit manchmal etwas kalt und leer
wann sie denn kommt, war für mich schwie- fühlt, als ob sie die Emotionen dämpften.
rig.» Anna hätte sich Zuverlässigkeit ge-
wünscht, schon als 10-Jährige waren ihr klare
Strukturen wichtig. Sie halfen ihr, den Kopf
47 %
«Medikamente bringen eigentlich nur in der
Schule etwas, oder bei Erwachsenen während
Weiterbildungen, wo viel Konzentration ver-
für anderes frei zu haben. Für ihre Mutter hin- Um so viel hat bei langt wird», sagt Beraterin Davatz. Gleich-
gegen waren genau diese Dinge schwierig: der Helsana die zeitig raubten sie aber manchmal die Kreativi-
Verlässlichkeit, das Setzen von Prioritäten. Verschreibung von tät. Die Psychiaterin ist deshalb überzeugt da-
Die Konflikte nahmen zu, als Anna in die ADHS-Medikamen- von, dass langfristig nur hilft, sich besser ken-
Oberstufe kam. Ihr fiel es schwer, sich zum ten an Erwachsene nen- und mit sich umgehen zu lernen. «ADHS
Lernen durchzuringen. Die Mutter wollte ver- innert 7 Jahren an sich ist nicht das Problem. Wenn man es
hindern, dass die Tochter in die gleichen Mus- zugenommen. richtig für sich zu nutzen weiss und Strategien
ter geriet wie sie selber früher. «Aber fünf für die Situationen hat, die Schwierigkeiten
Minuten zusammen Lernen führten mindes- bereiten, kommen auch viele sehr erfolgreiche
tens zu zwei Stunden Streit. Und das ist nicht Menschen heraus.» Mozart zum Beispiel soll
übertrieben», erzählt Iris. ADHS gehabt haben. Oder auch Steve Jobs. Sie
Die Mutter liess Anna abklären, und wie bei haben es geschafft, sich ein Umfeld zu schaf-
der jüngsten Tochter kam auch bei ihr ADS fen, in dem ihre Kreativität und ihre Begeiste-
heraus. Anna machte nach der Abklärung rungsfähigkeit voll zum Tragen kommen.
zwar einen kurzen Versuch mit Ritalin, doch «Zum Problem wird ADHS erst, wenn das Um-
sie konnte mit der Diagnose damals wenig an- feld diese Eigenschaften kleinzuhalten ver-
In Beziehungen, beruflichen wie privaten, Störende Reize aus dem fangen, fühlte sich fremdbestimmt. Sie fand, sucht wie bei einem Bonsai», sagt Davatz.
ist ADHS oftmals eine Herausforderung. Die ihre Mutter solle sich selbst abklären lassen. In diesem Fall kann der Leidensdruck sehr
Begeisterungsfähigkeit und Unternehmungs-
Umfeld werden nicht In den Jahren darauf verdrängte der Teenager gross werden: Neben der höheren Schei-
lust von Menschen mit ADHS wirken zwar auf richtig herausgefiltert, die ADS. Erst als der Druck in der Lehre und dungsrate ist auch die Arbeitslosenrate unter
viele Leute mitreissend. Unzuverlässigkeit,
Sprunghaftigkeit oder emotionale Um-
sie prasseln wie ein Berufsmaturität zunahm und sie es trotz
immer schlechteren Noten nicht schaffte, sich
Menschen mit ADHS höher, sie wechseln häu-
figer den Job, verursachen mehr Unfälle, wer-
schwünge sorgen dafür oft für schwierige Hagelsturm auf das zum Lernen durchzuringen, liess sie sich den öfter delinquent, sind im Erwachsenen-
Situationen. Dazu leiden viele ADHS-Betrof- Gehirn ein. selbst ein zweites Mal abklären. alter zu 80 Prozent von psychischen Folge-
fene an einem geringen Selbstwertgefühl: Die «Von aussen ist das schwierig zu verstehen. krankheiten wie Depressionen, Essstörungen,
ganze Kindheit über sind sie angeeckt, wur- Jeder hat ja einen inneren Schweinehund, den Zwängen, Sucht, Persönlichkeitsstörungen
den zurechtgewiesen oder ausgeschlossen. gab Nachhilfeunterricht. Ihre jüngste Tochter man ab und zu mal überwinden muss. Aber oder Schizophrenie betroffen. Der Leidens-
Sie haben gelernt, dass sie den gesellschaft- war sehr schüchtern, im Unterricht traute sie bei mir fühlte es sich oft an, als wäre dieser druck gipfelt in einer Rate von Suizidversu-
lichen Erwartungen nicht entsprechen und sich nicht nachzufragen, Arbeitsblätter kamen aus Blei. Und wenn andere sagen, jetzt hock chen, die bei Erwachsenen mit ADHS achtmal
der Fehler bei ihnen liegt – keine guten Vor- oft leer nach Hause. Iris versuchte den Stoff dich doch einfach mal hin und lern halt, dann höher ist als bei Menschen ohne.
aussetzungen für gesunde Beziehungen und mit ihr zu Hause nachzuholen. Irgendwann geht das nicht. Ich schaffe es physisch nicht, Iris und Anna gehen beide weiterhin zur
eine Familiengründung. wurde der Druck für die Tochter zu gross, Iris mich zu überwinden. Aber eben nicht, weil Psychologin, um besser mit ihrer ADHS um-
wollte sie repetieren lassen. Dafür war eine ich zu faul bin. Dann hätte ich ja den einfachs- gehen zu können. Die Mutter sagt: «Ich
Probleme in der Partnerschaft psychologische Abklärung nötig. Die Dia- ten Weg gewählt und mich bestimmt nicht möchte meine Kinder erst ins Leben raus-
Die gestressten Paare kommen dann zu Ruth gnose: ADS. Trotzdem stellten sich Lehrerin drei Jahre durch die Berufsmatur gequält. Ich lassen, wenn sie möglichst all diese Knöpfe
Huggenberger. Sie arbeitet seit über 20 Jahren und Schule quer. Erst nach einem halbjähri- wollte es unbedingt schaffen, aber es ging ein- gelöst haben.» So lange auf der Suche gewe-
als Therapeutin und hat eben das Buch gen Spiessrutenlauf durch alle Instanzen war fach nicht.» sen und auch in der letzten Beziehung wahr-
«ADHS – unter der Spitze des Eisbergs» her- eine freiwillige Repetition doch möglich, zur Die Welt wird nicht einfacher für Menschen scheinlich deswegen gescheitert zu sein,
ausgebracht, ein Ratgeber für Paare und Fami- grossen Erleichterung der Tochter. mit ADHS: Wir leben dichter als früher, sind schmerzt Iris. Sie möchte ihren Töchtern der-
lien mit ADHS. «Die Paare kommen zu mir, Was Iris und ihre Töchter erlebt haben, ist mobiler, die Digitalisierung verlangt ständige lei Erfahrungen so weit wie möglich ersparen.
weil sie viele Konflikte in der Beziehung typisch für ein Leben mit ADHS: Bei Mädchen Verfügbarkeit. Ungeteilte Aufmerksamkeit ist Tochter Anna ist 30 Jahre früher auf diesem
haben. Im Verlaufe der Therapie stellt sich wird die Störung oft viel später erkannt als bei zur Mangelware geworden, nicht nur bei Men- Weg. Und sie ist froh darüber, dass das gesell-
dann oft heraus, dass einer oder beide Partner Jungen. Sie erhalten ihre Diagnose im Schnitt schen mit ADHS. Umso mehr wird darum ge- schaftliche Bewusstsein für ADHS heute so
ADHS haben und die Ursache der Probleme mit 17 Jahren, Knaben bereits mit 8. Die Statis- worben, mit Algorithmen, Bewegtbild und viel grösser ist als damals bei ihrer Mutter und
vielfach darin liegt.» tik gab dabei lange an, dass Buben viermal forcierter Interaktion. dass sie ihre typischen Symptome einem
Auch bei Iris war es ein langer Weg zur Dia- häufiger betroffen seien. Heute liegt dieses Das merkte auch Iris, spätestens als sie wie- Grund zuordnen kann, der einen klaren
gnose, den Stein ins Rollen brachte dabei ihre Verhältnis nur noch bei 1:1,5. Diese langjährige der ins Berufsleben einstieg. Sie fand eine Namen hat. Sie sagt: «Ich wünschte, meine
jüngste Tochter Tabita. Nach der Scheidung Unterdiagnostizierung liegt vor allem daran, Stelle im Personalwesen. Doch das Arbeits- Mutter hätte sich nicht so lange allein durch-
hatte sich Iris so organisiert, dass sie auch als dass sich ADHS bei Mädchen anders mani- pensum war eigentlich zu klein für die Aufga- kämpfen müssen.»
Alleinerziehende mit ihren Töchtern zu Hause festiert: «Mädchen zeigen nicht die typische ben, der Druck wurde bald zu hoch. Es fiel ihr
sein konnte. Sie arbeitete als Tagesmutter und Hyperaktivität, die bei den Jungen häufig auf- schwer, die richtigen Prioritäten zu setzen, sie Die Vornamen von Iris, Anna und Tabita wurden geändert.
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