Nachruf zum Tode von John Forbes Nash, 23. Mai 2015

Nachruf zum Tode von John Forbes Nash

Ausschnitt aus dem Text:

Nash wurde zum ersten Mal psychotisch als seine zweite Frau Alicia Lardé schwanger war. Die Mutter seines ersten Sohnes, eine Krankenschwester, verliess er sofort, als er erfuhr, dass sie in Erwartung war. Offensichtlich war ihm dies nicht mehr möglich bei der zweiten Schwangerschaft. Er ist ein Beispiel für die Schwangerschafts-Psychose beim Mann, die in der Regel bei Frauen während oder kurz nach der Geburt auftritt. In manchen Fällen trifft es jedoch auch Männer, wie ich in meinem Buch über «ADHS und Schizophrenie» beschrieben habe. Es war wohl die emotionale Belastung des Vaterwerdens, eine Rolle von der er nun nicht mehr fliehen konnte, da er verheiratet war mit der Kindsmutter. Zudem stand er, wie er selbst beschreibt, damals stark unter Druck, weil er sich in der wissenschaftlichen Welt nicht richtig anerkannt fühlte und deshalb unglücklich und unzufrieden war, aber dennoch den grossen Wunsch hegte, einen wichtigen Platz in der akademischen Welt einnehmen zu können und anerkannt zu werden. Zu seiner Situation meinte er, er hätte wohl keine guten wissenschaftlichen Ideen entwickeln können, wenn er ganz «normal» gedacht hätte. Er wäre aber vermutlich nicht krank geworden, wenn er sich nicht unter Druck gefühlt hätte.

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Jeder Hundertste erkrankt an Schizophrenie

Emotionale Monsterwelle, Interview mit Ursula Davatz, NZZ am Sonntag, 29.3.2015.

Transkript

     



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ADHS und Schizophrenie

Wie emotionale Monsterwellen entstehen und wie sie behandelt werden

Dieses Buch ist zuvorderst das Dokument einer Entdeckung. Es ist das Ergebnis der während vier Jahrzehnten und aus intensiver Beobachtung gewachsenen Einsicht: Es gibt einen Zusammenhang zwischen ADHS und psychischen Erkrankungen.

Ursula Davatz begleitete und begleitet als Psychiaterin viele an Schizophrenie erkrankte Menschen und im Rahmen der Systemtherapie auch deren familiäres Umfeld. Zahlreiche Fallbeispiele aus ihrer langjährigen Praxis werden im Buch dokumentiert. Diese Fälle bilden den Erfahrungsschatz, das eigentliche empirische Fundament für die Annahme, dass ADHS die genetisch bedingte Ursache von Schizophrenie ist. Die Autorin erweitert damit unser Verständnis psychischer Krankheiten erheblich und eröffnet neue Perspektiven für deren Prävention.

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ADHS und Schizophrenie
«Ich bin der Meinung, dass das Buch von Ursula Davatz einen wichtigen Beitrag zur Lösung der ewigen wissenschaftlichen Rätselfrage liefert, was die schizophrene Psychose eigentlich ist und wie sie am besten zu behandeln sei.» Luc Ciompi im Vorwort.

Schizophrenie – Ein Tsunami für Familie und Umgebung

Ein Rückblick auf 60 Jahre Erfahrung, Frau Dr. med. Ursula Davatz.

Donnerstag, 10.4.2014, 18.30, Hauptgebäude, Festsaal, Klinik Königsfelden, Brugg.

Vortrag zum Anhören.

Transkription

Transkript

Dr.med. Ursula Davatz

10.4.2014

Schizophrenie, ein Tsunami für Familie und Umgebung.
Audio

[00:00:01.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt kommt der Vortrag: Schizophrenie, ein Tsunami für Familie und Umgebung.

[00:00:07.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Gehalten an der Generalversammlung der VASK Aargau am 10. April 2014.

[00:00:18.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Herzlichen Dank für die freundliche Einleitung.

[00:00:22.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit dieser grossen Erwartungshaltung ist es immer schwierig. Ich versuche, ihr gerecht
zu sein.

[00:00:29.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich begrüsse alle ganz herzlich zu diesem heutigen Vortrag zum Thema: Schizophrenie,
ein Tsunami für Familie und Umgebung.

[00:00:38.510] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Einleitung steht: 60 Jahre Erfahrung mit Familientherapie bei
Schizophreniekranken und ihren Familien.

[00:00:51.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist ganz klar, nicht ich habe diese 60 Jahre Erfahrung.

[00:00:54.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Ganz so alt bin ich doch noch nicht.

[00:00:58.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Psychiatrie hat 60 Jahre Erfahrung.

[00:01:02.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe gedacht, ich würde ihnen kurz einen Überblick geben, wie es angefangen hat.

[00:01:09.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Einer der Begründer ist mein Lehrer in den USA gewesen: Murray Bowen.

[00:01:11.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Murray Bowen hat wichtige Arbeit gemacht in der Familientherapie bei
Schizophreniekranken.

[00:01:17.659] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Murray_Bowen

[00:01:18.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe bei Murray Bowen drei Jahre gelernt.

[00:01:21.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe bei ihm drei Jahre gelernt.

[00:01:24.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat im Jahr 1955 eine ganze Familie hospitalisiert am NIMH.

[00:01:28.110] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.nimh.nih.gov/

[00:01:29.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist das National Institute of Mental Health.

[00:01:35.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat zuerst nur Mutter und Tochter oder die Schizophrenie Patienten hospitalisiert.

[00:01:40.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat er an zweiter Stelle den Vater dazu genommen und dann hat er auch noch die
Geschwister dazu genommen.

[00:01:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann ist die Aufgabe gewesen mit dieser Familie zu arbeiten. Murray Bowen hat
beobachtet was dort abläuft.

[00:01:52.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Murray Bowen war davor in Topeka an der Menninger Foundation.

[00:01:57.770] – Dr.med. Ursula Davatz
https://en.wikipedia.org/wiki/Menninger_Foundation

[00:02:00.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort hat Murray Bowen schizophreniekranke, junge Erwachsene behandelt.

[00:02:06.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er die jungen Erwachsenen nach Hause geschickt hat, kamen sie danach wieder
verstört zurück.

[00:02:13.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Das klingt schlimm. Das klingt nach Schuldzuweisung.

[00:02:16.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum geht es nicht.

[00:02:17.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht um das Verständnis der Schizophreniekrankheit.

[00:02:22.510] – Dr.med. Ursula Davatz
So hat er sich gesagt: da muss etwas ablaufen in der Familie, wo ich nicht wess was
das ist.

[00:02:34.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Das muss ich studieren.

[00:02:34.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat Murray Bowen gesagt: Family as a unit. Die Familie als eine Einheit, ein
Ganzes, ein Organismus, der für sich selber funktioniert. Ich muss schauen, wie dieser
Organismus funktioniert.

[00:02:42.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Auftrag an das Personal war: einfach zu beobachten, alles mit ganz normaler
Sprache beschreiben. Keine alten psychologischen Wörter verwenden. Die sind voll von
Vorurteilen und Konzepten,welche den Blick stören. Die legen einem Scheuklappen an,
damit man dann nicht sieht was ablauft. Das lief von 1955 bis 1958.

[00:02:43.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Als ich das letzte Mal in den USA war, habe ich das Buch mitgenommen, welches das
Ganze beschreibt.

[00:03:25.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist sehr interessant für mich zu sehen, wie damals schon die Sozialarbeiter,
Psychiater, Assistenzärzte, sehr viel Personal das alles gehandhabt haben.

[00:03:35.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Das mache ich jetzt alles alleine.

[00:03:36.055] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein Fortschritt.

[00:03:35.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Damals hat man das Ganze noch neu studiert.

[00:03:36.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Seit ich mich dazu entschieden habe, Psychiatrie zu studieren, Psychiatrie zu lernen,
mich zu spezialisieren auf Psychiatrie, habe ich mich immer für das Thema
Schizophrenie interessiert.

[00:04:04.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus diesem Grund bin ich nach Lausanne zum Professor Christian Müller.

[00:04:09.152] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Christian_M%C3%BCller_(Mediziner,_1921)

[00:04:10.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Er war damals, 1970 einer der Spezialisten in der Behandlung von
Schizophreniekranken.

[00:04:18.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat keine Familientherapie gemacht.

[00:04:20.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Er war analytisch ausgebildet von Manfred Bleuler in Zürich.

[00:04:20.973] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Manfred_Bleuler

[00:04:21.540] – Dr.med. Ursula Davatz

Von 1971 bis 1972 hat er gesagt: wir können nur einen einzigen Patienten mit
Schizophrenie behandeln. Alles andere sei zu anstrengend und schwierig.

[00:04:49.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Das stimmt heute auch nicht mehr.

[00:04:49.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich behandle sehr viele Schizophreniekranke. Sie sind manchmal anstrengend. Man
kann sicher mehr als einen behandeln im Leben.

[00:04:54.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist auch ein Fortschritt.

[00:04:58.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Nach einem Jahr in Lausanne habe ich neun Monate Erfahrung gesammelt in der
therapeutischen Gemeinschaft am Dingleton Hospital in Schottland beim Maxwell
Jones.

[00:05:15.580] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.johnwhitwell.co.uk/miscellaneous/obituary-dr-maxwell-jones/

[00:05:15.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort habe dort viele Werkzeuge für die Sozialpsychiatrie gelernt.

[00:05:23.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Das war die Zeit der therapeutischen Gemeinschaften.

[00:05:26.917] – Dr.med. Ursula Davatz
Franco Basaglia war einer in Italien.

[00:05:26.970] – Dr.med. Ursula Davatz

https://de.wikipedia.org/wiki/Franco_Basaglia

[00:05:26.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort hatte man auch Schizophrene Patienten und mit ihnen gearbeitet.

[00:05:27.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Theoretisch gab es nicht so viel Konzepte wie man vorgehen soll.

[00:06:10.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Nach Lausanne und Schottland bin ich in die USA gegangen, 1975.

[00:06:23.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin fünf Jahre in den USA geblieben.

[00:06:29.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe zuerst an einem Staatsspital in Pontiac gearbeitet. Auch dort war ich an der
Schizophreniekrankheit interessiert. Ich hatte drei junge Schizophrene im Alter
zwischen 17 und 20 Jahren. Es waren alles Frauen. Zu meinem Vorgesetzten habe ich
gesagt: eigentlich sollte man hier Multiple Family Therapie machen, eine Mehr-Familien-
Therapie, mit allen drei Familien dieser Schizophreniekranken Töchter.

[00:06:38.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre etwas ähnliches gewesen wie was Murray Bowen am NIMH gemacht hat.

[00:06:38.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat gesagt: ja, tu es.

[00:06:38.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe ihm gesagt: ich brauche Hilfe.

[00:06:38.840] – Dr.med. Ursula Davatz

Er war bei der ersten Sitzung dabei. Danach durfte ich selber weitermachen.

[00:06:53.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich dachte: oh Schreck: ich habe gar keine Erfahrung, nichts.

[00:06:54.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann habe ich mich umgeschaut nach einer Ausbildung in Familientherapie.

[00:06:54.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich fand das Ackermann Institut in New York.

[00:06:54.520] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.ackerman.org/

[00:07:03.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Die haben einmal im Monat eine Therapieausbildung über das Wochenende gemacht.
Dort habe ich mich angemeldet.

[00:07:09.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort gab es verschiedene Patienten um Familientherapie zu üben.

[00:07:19.020] – Dr.med. Ursula Davatz
An einem Weiterbildungskurs ist Murray Bowen auch gekommen. Dort hat er seine
Theorie vorgeführt. Ich dachte: das gefällt mir, das ist gut, das kann man gebrauchen.

[00:07:46.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Am Ende des Kurses bin ich zu ihm gegangen und habe gesagt: ich möchte gerne eine
weitere Ausbildung in Familientherapie machen.

[00:07:47.600] – Dr.med. Ursula Davatz

Murray Bowen hat gesagt: ja, wir bieten ein Fellowship an für junge Ärzte. Das ist
allerdings nicht für Ausländer.

[00:07:53.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mich beworben und wurde angenommen.

[00:08:08.350] – Dr.med. Ursula Davatz
1977 ging ich nach Washington, D.C. und begann das Fellowship Programm bei Murray
Bowen.

[00:08:15.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Murray Bowen war auch ein Spezialist in der Behandlung der Schizophrenie Krankheit.
Er hatte selber nicht mehr so viele Familien in Therapie. In einer allgemeinen Praxis hat
man nicht so viele.

[00:08:30.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat mir sämtliche Patienten mit der Diagnose Schizophrenie überwiesen. Es waren
nicht so viele. Ca. sechs in den drei Jahren wo ich vor Ort war.

[00:08:31.110] – Dr.med. Ursula Davatz
1980 bin ich in die Schweiz zurückgekehrt in den Kanton Aargau, mein Heimatkanton.
Ich habe im sozialpsychiatrischen Dienst als Oberärztin begonnen. In der
Sozialpsychiatrie hatten wir sehr viele Schizophreniepatienten. Dort konnte ich mein
Handwerk anwenden, ausprobieren, üben und verbessern.

[00:09:25.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe das Konzept entwickelt, dass man Erstpsychotiker sofort speziell behandeln
muss. Beim Erstpsychotiker muss man gleich die Familie mit einbeziehen und mit der
Familie arbeiten, damit man etwas verändern kann.

[00:09:32.700] – Dr.med. Ursula Davatz

Wenn ich Dienst hatte und junge Erstpsychotiker aufnehmen musste, dann habe ich
das gemacht. Ich habe sofort den Eltern angerufen und gesagt, dass ich gerne einmal
die Eltern sehen und beraten würde.

[00:09:48.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Einige Eltern haben dort mitgemacht und waren gleich einverstanden.

[00:09:53.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Familie kenne ich immer noch und ich sehe den Patienten ab und zu in Zürich im
Restaurant.

[00:10:01.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Er ist nicht mehr schizophreniekrank und nimmt auch keine Medikamente mehr.

[00:10:11.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe das auch der Klinikleitung gesagt. Dort bin ich nicht auf offene Ohren
gestossen.

[00:10:11.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Arzt hat sogar eine sehr blöde Bemerkung gemacht: es würde jeder die hübschen
Patientinnen behandeln.

[00:10:32.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Das war sehr disqualifizierend. Ich konnte mich nicht durchsetzen.

[00:10:32.460] – Dr.med. Ursula Davatz
20 Jahre später ist die Früherfassung, Frühbehandlung von Erstpsychotikern en Vogue.

[00:10:44.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Damals hat man das noch nicht gehört. Heute wird das gemacht.

[00:10:48.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Es werden überall Abklärungsprogramme angeboten an den Universitätskliniken, unter
anderem auch in Königsfelden.

[00:10:56.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Diagnosen stellen ist Eines.

[00:10:58.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Behandlung ist das Zweite, das Wichtigste.

[00:11:05.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mich nicht beeindrucken lassen. Ich habe weiter mit Schizophreniefamilien
gearbeitet und versucht diesen Familien zu helfen.

[00:11:14.310] – Dr.med. Ursula Davatz
1983 habe ich gesagt, dass man eine Elternvereinigung gründen muss.

[00:11:24.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Damals konnte man das noch.

[00:11:25.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben die Diagnose Schizophrenie hervorgeholt und alle Eltern angeschrieben. Wir
habe eine Versammlung gemacht. Es sind ca.50 Leute gekommen. Ehepaare und
einzelne, alles Angehörige von Schizophrenen.

[00:11:29.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute heisst der Verein VASK.

[00:11:54.041] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.vask.ch/de/Home

[00:12:11.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir waren im Aargau und Baselland die ersten, welche ein solche Vereinigung
gegründet haben.

[00:12:22.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Später kamen dann immer mehr dazu.

[00:12:22.440] – Dr.med. Ursula Davatz
VASK hat sich auch zum Ziel gesetzt ein Wohnheim/WG für psychisch Kranke,
Schizophreniekranke zu gründen.

[00:12:33.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist der Guyerweg in Aarau.

[00:12:51.400] – Dr.med. Ursula Davatz
https://guyerweg.ch/

[00:12:51.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit der Stiftung wurde ein Haus gekauft.

[00:13:10.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute wird die Stiftung Guyerweg mit 15 Plätzen betrieben.

[00:13:10.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Die begleitete Angehörigengruppe ist auch entstanden. Dort wurde eine professionelle
Leitung gewünscht.

[00:14:00.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute gibt es eine begleitete Angehörigengruppe in Baden, Aarau, in der Klink. Ich
selber leite auch noch so eine Gruppe in meiner Praxis.

[00:14:25.360] – Dr.med. Ursula Davatz
In den USA gab es noch andere Therapeuten, die Familientherapie gemacht haben, wie
Don Jackson.

[00:14:25.426] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Don_D._Jackson

[00:14:31.160] – Dr.med. Ursula Davatz
In den 1980er Jahren ist die Familientherapie aus dem Trend geraten.

[00:14:31.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute läuft in der Forschung der Psychiatrie nur noch Neuropsychiatrie und
Psychopharmakologie.

[00:15:02.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Die systemische Familientherapie wurde eher vergessen. Sie wird auch nicht mehr
soviel angeboten. Schon gar nicht für Therapeuten von Schizophreniekranken.

[00:15:19.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Als ich 1980 aus den USA zurückgekommen bin, war ein grosser Run auf die
Familientherapie.

[00:15:19.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle Familientherapieprogramme haben geboomt. Es war ein Trend, es war inn, dass
man Familientherapie lernt. Man spricht auch von der Systemtherapie. Die
Systemtherapie wurde auch für andere Krankheiten verwendet, nicht nur
Schizophreniekranke.

[00:15:41.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schizophreniekrankheit ist natürlich eine schwierige Krankheit. Nicht jedermann will
sich damit auseinandersetzen.

[00:15:56.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Anbei ein paar wichtige Punkte zur Entstehung der Schizophreniekrankheit.

[00:16:05.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe das in einem Buch zusammengefasst. Das war eine Arbeit über 17 Jahre. Ich
habe immer wieder daran korrigiert.

[00:16:05.300] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.amazon.com/dp/B07NGRBLQ1

[00:16:05.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man die Familie anschaut, in der Schizophreniekrankheit vorkommt, kann man
verschiedene Aspekte anschauen.

[00:16:39.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich nehme nur ein paar heraus.

[00:16:43.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Als erstes nehme ich den Kommunikationsstil heraus. Darüber spricht auch Jay Haley.

[00:16:46.860] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Jay_Haley

[00:16:50.550] – Dr.med. Ursula Davatz
und auch Gregory Bateson.

[00:16:50.750] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Gregory_Bateson

[00:16:50.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht um die Double Bind Kommunikation.

[00:16:50.970] – Dr.med. Ursula Davatz
https://en.wikipedia.org/wiki/Double_bind

[00:16:51.080] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Kommunikation von Familien mit Schizophrenie Betroffenen trifft man oft einen
sehr aktiven, interaktiven Kommunikationsstil.

[00:17:12.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Viel reden, viel schnell reden, viel engagiert reden, viel emotional reden, speziell von
den Müttern.

[00:17:23.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hat zum Teil den Müttern, das schlimme Wort: die schizophrenogene Mutter
eingetragen. Frieda Fromm-Reichmann hat diesen Begriff geprägt.

[00:17:33.820] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Frieda_Fromm-Reichmann

[00:17:33.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Ist natürlich nicht in Ordnung. Das darf man nicht sagen.

[00:17:36.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Da könnte man genauso gut vom schizophrenogenen Vater sprechen.

[00:17:39.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Der macht genau das Gegenteil.

[00:17:43.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Der will nicht so viel, er zieht sich eher zurück.

[00:17:47.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Der meldet sich ab.

[00:17:49.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Der sagt zum Teil auch: das ist nicht mehr meine Tochter.

[00:17:52.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die sich so schlecht benimmt, dann enterbe ich sie, dann ist sie einfach nicht
mehr meine Tochter.

[00:18:01.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist etwas, das auch die Schizophrenieforscher schon damals in den 1950er, 1960er
und 1970er Jahren festgestellt haben, die sehr aktive Mutter und der eher
zurückgezogene, passive Vater.

[00:18:21.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Vater zieht sich häufig aus Konfliktscheue zurück.

[00:18:28.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Er will keinen Krach haben mit der Mutter.

[00:18:30.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Er erträgt das nicht so gut oder meint das nicht aushalten zu können. Darum zieht er
sich lieber zurück.

[00:18:37.200] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne fehlt die Auseinandersetzung in der Pubertät zwischen Vater und Kind.

[00:18:46.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schizophreniekrankheit tritt in der Pubertät am häufigsten auf. Dort gibt es einen
Höhepunkt.

[00:18:50.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schizophrenie kann auch später auftreten, im mittleren Alter und dann auch noch
wenn man sehr alt ist.

[00:18:50.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Der häufigsten Krankheitsbeginn der Schizophrenie ist in der Regel in der Pubertät.

[00:18:50.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Zur Pubertät gehört die Auseinandersetzung mit den Eltern um sich ablösen zu können.

[00:19:12.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn der Vater für die Ablösung nicht vorhanden ist, gibt es keinen Ablösungskonflikt
und man kann sich auch nicht richtig ablösen.

[00:19:18.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Meine Aufgabe ist es, diese Väter reinzuholen. Das ist nicht immer so einfach.

[00:19:21.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Väter müssen auch zur Verfügung stehen für den Konflikt.

[00:19:21.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Komplementarität zwischen aktiver Mutter und passivem Vater muss man
umändern zu: aktivem Vater, damit die Mutter auch ein wenig passiver sein kann, sich
mehr zurück nehmen kann.

[00:19:44.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Was man auch sehr häufig antrifft, ist ein nicht gelöster Konflikt zwischen den Eltern,
zwischen Mann und Frau, zwischen Vater und Mutter.

[00:19:55.140] – Dr.med. Ursula Davatz

Es gibt den englischen Begriff: die Pseudoeinigkeit, Pseudo Neutrality.

[00:20:03.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Pseudo Übereinstimmung.

[00:20:03.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Murray Bowen hat den Begriff: Emotional Divorce verwendet, emotionale Scheidung.

[00:20:11.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie leben noch zusammen, aber sie haben sich eigentlich nichts mehr zu sagen.

[00:20:19.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie gehen einander aus dem Weg.

[00:20:22.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie weichen sich aus.

[00:20:24.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist natürlich auch wieder die Konfliktscheue.

[00:20:27.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Das schizophreniekranke Kind spürt die Spannung zwischen den Eltern.

[00:20:27.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind kann diese Spannungen nicht benennen und darf sie auch nicht benennen,
denn man darf keinen Konflikt haben.

[00:20:45.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Das läuft oft bis zur Pubertät.

[00:20:48.940] – Dr.med. Ursula Davatz

Wenn das Kind sich ablösen soll und ein Ablösungskonflikt haben soll, dann kommt das
auf einmal hervor.

[00:20:57.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe eine Tochter die sagt immer: ich will nicht dafür hinhalten, dass ihr mich nicht
miteinander kommunizieren könnt. Zum Vater sagt sie: du bist sauer auf mich.
Eigentlich müsstest du mit deiner Frau sprechen. Mit ihr hast du das Problem.

[00:21:13.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hat Recht.

[00:21:13.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Vater sagt: du bist nicht mehr meine Tochter.

[00:21:21.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Aufgabe des Therapeuten ist es, den Konflikt mit den Eltern anzugehen, sodass das
Kind frei wird.

[00:21:30.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Der besessene Diplomat.

[00:21:35.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Patient ist ein verrückter Diplomat.

[00:21:42.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Patientin will zwischen den Eltern vermitteln, aber auf eine Art und Weise, die nicht
funktioniert.

[00:21:51.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Familientherapeut muss die Diplomatenrolle übernehmen, um den Patienten frei zu
kriegen.

[00:21:59.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das funktioniert, hat der Patient dann wieder Möglichkeiten, sich zu entwickeln.

[00:22:05.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage das manchmal sogar zum Patienten oder zur Patientin.

[00:22:10.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich übernehme jetzt die Aufgabe, ich stelle sie frei und sie haben dann Platz für ihr
eigenes Leben, für ihre Persönlichkeitsentwicklung.

[00:22:19.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Patienten lassen sich aber diese Rolle manchmal nicht so gerne nehmen.

[00:22:24.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie kommen dann in einen Konflikt mit mir, denn sie haben doch eine gewisse
Machtstellung. Sie haben nicht gerne, wenn man ihnen diese Rolle streitig macht.

[00:22:32.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich muss dann mit dem Patienten streiten. Wenn es gut läuft, überlässt er mir die
Diplomatenrolle schlussendlich und übernimmt die Verantwortung für seine eigene
Entwicklung, für sein eigenes Leben.

[00:22:51.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich mache immer ein Genogramm von drei Generationen.

[00:22:54.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst, Vater, Mutter, Kinder. Bei den Eltern ihre eigenen Eltern und Geschwister.
Das ist ein Drei-Generationen-Familiendiagramm oder Genogramm.

[00:23:03.180] – Dr.med. Ursula Davatz

Was ich hier feststelle ist, dass viele dieser Eltern, also die Eltern des
schizophreniekranken Kindes, selber nicht ganz abgelöst sind von ihren Eltern.

[00:23:17.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst, sie haben Dinge mit übernommen in ihr Erwachsenenleben, wenden das
dann auch beim Kind an und das funktioniert dann nicht so gut.

[00:23:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie wurden z.B. sehr gehorsam erzogen, haben ihrem Vater immer gefolgt, haben nie
rebelliert, waren immer brave Söhne.

[00:23:37.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt haben sie auf einmal einen Sohn, der ganz blöd tut.

[00:23:41.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann haben sie überhaupt kein Handwerk, um mit diesem schwierigen Sohn
umzugehen.

[00:23:47.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann müssen sie ausweichen und weggehen.

[00:23:49.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Solchen Vätern muss ich dann den Rücken stärken und ich helfe ihnen natürlich
nochmals, wenn der Grossvater vom Patienten noch lebt, sich mit ihm
auseinanderzusetzen.

[00:24:00.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wo sie das lernen, sich mit ihren Eltern auseinanderzusetzen, also mit
den Grosseltern des Patienten, werden sie stärker und können dann auch beim
Teenager oder bei dem Patienten besser hinstehen.

[00:24:13.660] – Dr.med. Ursula Davatz

Teenager, Schizophreniepatienten machen eine maligne Pubertät durch.

[00:24:22.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben eine bösartige Pubertät, eine kranke Pubertät. Sie benehmen sich zum Teil
wie Pubertierende.

[00:24:31.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben noch so Krankheitszüge, sodass man dann sagt, der ist einfach krank. Das
wird dann so entschuldigt.

[00:24:37.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist auch ein Teil dieser Situation, wo sie drinnen stecken.

[00:24:41.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern fragen mich häufig: was ist es? Kann er nicht oder will er nicht?

[00:24:49.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist beides.

[00:24:49.310] – Dr.med. Ursula Davatz
An erster Stelle sage ich: er will nicht.

[00:24:55.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Er verwendet schlussendlich seine Krankheit, um zu pubertieren.

[00:24:59.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat er immer ein Schutzschild.

[00:25:00.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann muss sich nicht mit der Wirklichkeit auseinandersetzen, auch nicht mit dem Vater
auseinandersetzen.

[00:25:06.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann er immer sagen, er sei krank und deshalb kann er das alles nicht.

[00:25:11.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich wechsle eher auf: er will nicht, er rebelliert.

[00:25:16.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Es einen interessanten Satz aus der angelsächsischen Literatur.

[00:25:20.420] – Dr.med. Ursula Davatz
In Familien mit Schizophrenie läuft das gängige Wort: better mad than bad.

[00:25:20.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Lieber krank, als gesund und bösartig.

[00:25:27.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Es herrscht ist eine gewisse Konfliktscheue in diesen Familien. Sie sind so vorsichtig
miteinander, sie sind an sich sehr lieb miteinander. Sie wollen niemandem weh machen.

[00:25:49.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus lauter Konfliktscheue heraus ist es dann akzeptabler, dass der Patient krank ist.
Man hat gar nicht gern, dass er ein böser, einen frecher, unanständigen Teenager ist.

[00:26:06.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt schaue ich wieder den/die Patient/in an.

[00:26:09.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Diejenigen welche eine Schizophrenie entwickeln, sind häufig fokussierte Kinder.
Kinder, die entweder zu einem wichtigen Zeitpunkt geboren worden sind, oder eine

ganz wichtige Eigenschaft haben und aus dieser speziellen Rolle heraus vom
Familiensystem funktionalisiert worden sind.

[00:26:38.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Kinder übernehmen eine Aufgabe innerhalb des Systems.

[00:26:44.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Aufgabe ist natürlich nicht ausgesprochen, die ist nicht explizit, sondern die ist
implizit.

[00:26:50.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gilt dann, diese Aufgabe herauszufinden.

[00:26:56.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei allen kann man diese Aufgabe herausfinden, wenn man genügend danach sucht.

[00:27:03.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich erinnere mich an eine Patientin.

[00:27:05.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie war ein uneheliches Kind.

[00:27:11.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sah sie mit ihrer Grossmutter zusammen.

[00:27:18.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Zur der Zeit, als die Patientin geboren wurde, sind drei Geschwister der Mutter der
Patientin durch Unfälle ums Leben gekommen. Nicht genau am gleichen Tag, innerhalb
von einem oder zwei Jahren.

[00:27:28.560] – Dr.med. Ursula Davatz

Ich habe die Grossmutter gefragt: sie haben drei Kinder kurz hintereinander verloren,
was hat sie über diese schwere Trauer hinweg gebracht?

[00:27:57.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Grossmutter hat auf die Enkelin gezeigt. Diese Enkelin war mein Trost. Sie war
mein Sonnenschein.

[00:28:03.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können sich fragen, was für eine Wahnvorstellung die Patientin hatte.

[00:28:09.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hat gesagt, dass sie Jesus Christus ist, das Licht der Welt.

[00:28:13.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie muss der Menschheit Freude bringen.

[00:28:16.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Das war die Rolle, die sie im System hatte. Die Rolle ist ihr in die Wiege gelegt worden.
Das wurde ihr nicht so gesagt, aber das hat sie gespürt.

[00:28:25.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Kinder sind sehr wahrnehmend emotional, die spüren das.

[00:28:30.564] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt eine Studie von Froma Walsh, einer Familientherapeutin aus den USA nach
Murray Bowen.

[00:28:31.406] – Dr.med. Ursula Davatz
https://en.wikipedia.org/wiki/Froma_Walsh

[00:28:31.500] – Dr.med. Ursula Davatz

Sie hat in den 1970er Jahren die Studie gemacht. Sie hat Familien mit
schizophreniekranken interviewt und ihr Genogramm angeschaut.

[00:28:54.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hat herausgefunden, dass überdurchschnittlich viele Grosseltern mütterlicher oder
väterlicherseits, oder sogar zwei Grosseltern gestorben sind, rund um die Geburt von
dem Kind, das später schizophren wurde.

[00:29:15.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Das zeigt, wie die Kinder funktionalisiert wurden, wie sie eine Rolle in der Familie
übernommen haben.

[00:29:23.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich nenne das die Trösterrolle.

[00:29:23.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Andere Rollen, die sie übernehmen können, ist auch ein Trösterkind.

[00:29:29.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Kinder, die nach dem Tod von einem älteren Geschwisterkind geboren werden, das sind
auch Trösterkinder und die werden auch eher emotional fokussiert.

[00:29:41.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen helfen, über das verstorbene ältere Geschwisterkind hinweg zu trösten.

[00:29:46.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch diese trifft grössere emotionale Belastung.

[00:29:52.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre ein Beispiel für ein für ein funktionalisiertes Kind.

[00:30:04.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Im sozialpsychiatrischen Dienst hatten wir solche Kinder.

[00:30:17.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sich vorstellt, dass man so ein funktionalisiertes Kind hat, das eine wichtige
Rolle spielt innerhalb der Familie. Dann läuft alles wunderschön.

[00:30:17.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Kind in die Pubertät kommt, dann sollte es sich loslösen von der Familie.

[00:30:22.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wo sich das Kind loslösen sollte, würde die Funktion für die Familie
verloren gehen.

[00:30:29.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wird vom System nicht ganz toleriert.

[00:30:35.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Deshalb können sich solche Kinder, die so stark funktionalisiert sind, können sich auch
nicht ablösen.

[00:30:39.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können den Ablösungskonflikt nicht austragen.

[00:30:44.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen im Familiensystem erhalten bleiben.

[00:30:50.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist alles nicht willentlich.

[00:30:51.820] – Dr.med. Ursula Davatz

Das ist systemisch gedacht. Das ist nicht bösartig.

[00:30:56.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Das funktioniert einfach so.

[00:30:57.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sagt: die Familie funktioniert als Einheit, dann kann man sich vorstellen,
dass das so funktioniert.

[00:31:07.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist dann wieder der Moment, wo die Schizophrenie ausbricht, wo eben dann der
Patient eine maligne, also eine bösartige Pubertät entwickelt.

[00:31:22.680] – Dr.med. Ursula Davatz
So viel Familiensystem.

[00:31:26.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt komme ich zur Symptom-Entwicklung.

[00:31:29.080] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Ankündigung des Vortrags heisst es: Tsunami.

[00:31:32.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt versuche ich, auf die neuropsychologische Ebene zu gehen.

[00:31:39.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Zuerst schaue ich wieder das Umfeld an.

[00:31:40.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Symptome der Schizophrenie, die im Gehirn entstehen. Man diskutiert und streitet
immer, ist das alles familiär, alles genetisch?

[00:32:01.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt sind wir wieder auf der genetischen Seite.

[00:32:04.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Zu Zeiten der Familientherapie Forschung hat man gesagt, es ist alles nur das Umfeld
und nicht genetisch.

[00:32:10.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage, es ist beides.

[00:32:14.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Das typische für das Gehirn der Schizophrenen ist, dass sie ein emotionales System
haben, das sich sehr leicht aufschaukelt.

[00:32:28.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich zeige das Gehirnmodell an meiner Faust, so wie es Dr. Dan Siegel erklärt.

[00:32:29.080] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.youtube.com/watch?v=gm9CIJ74Oxw

[00:32:30.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Meine Finger sind mein Grosshirn, wo ich denke.

[00:32:44.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Daumen ist das limbische System, das emotionale Hirn.

[00:32:49.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Knochen sind das Stammhirn und das Kleinhirn, wo die Automatismen ablaufen,
der Schlaf, die Motorik etc.

[00:33:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Gehen wir davon aus, dass es eine Familie ist, wo sich alle Gehirne aufschaukeln, dann
schaukelt sich das im emotionalen System, im limbischen System auf.

[00:33:11.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Familie funktioniert als Einheit. Wenn es dem einen schlecht geht, geht es dem
anderen auch schlecht.

[00:33:13.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn der eine ängstlich ist, dann wird der andere auch ängstlich.

[00:33:13.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Das geht dann so weiter, wie eine Welle.

[00:33:21.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Das limbische System, das emotionale System hat die es an sich, dass es sich leicht
aufschaukeln kann.

[00:33:28.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann positiv sein, man kann leicht begeistern, man kann Freude zeigen, alle Leute
anstecken mit der Begeisterung. Auch die Angst kann sich aufschaukeln.

[00:33:39.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Aggression kann sich auch schon aufschalten.

[00:33:43.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Sämtliche Emotionen können sich leicht aufschaukeln.

[00:33:45.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Kehren wir zurück zur Schizophrenie.

[00:33:54.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Das limbische System verhält sich ähnlich wie fluide Medien, wie Luft oder Wasser.

[00:34:01.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das emotionale System aufgeschaukelt wird, wenn sie sich noch gegenseitig
aufschaukeln, dann gibt es die Monsterwelle, einen Tsunami.

[00:34:10.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Monsterwelle vom limbischen System gibt Impulse hoch in das kognitive System, in
das Denksystem. Das Denksystem wird dann überflutet.

[00:34:10.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Gleich wie der Tsunami die ganzen Strukturen überflutet hat.

[00:34:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
So bricht die kognitive Funktion zusammen.

[00:34:34.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht auch runter, darum können sie nicht mehr schlafen. Sie sind ständig auf
Wache.

[00:34:35.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Hyper Alertness oder Hypervigilität.

[00:34:44.510] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Hypervigilanz#:~:text=Hypervigilanz%20ist%20ein%20Begriff%20aus,beiden%20entge
gengesetzten%20Auspr%C3%A4gungen%20lautet%20Vigilanz.

[00:34:44.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind über wach.

[00:34:47.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Man gibt dann Medikamente, welche die Aufschaukelungsbewegung blockiert,
runterholt. Das sind die Neuroleptika.

[00:34:51.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann Medikamente geben, man muss in der akuten Phase, das tue ich auch. Das
System dahinter schaukelt sich immer noch auf.

[00:34:52.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Aufgabe des Familientherapeuten ist es zu helfen, dass das Familiensystem mehr
beruhigt wird, dass es nicht mehr mitmacht im Aufschaukelungsprozess, damit sich
auch der Patient beruhigen kann und dann besser funktionieren kann.

[00:35:10.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sagt, dass die Familientherapie eine gleich gute Wirkung hat, wie Neuroleptika.

[00:35:30.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Familientherapie hat eine nachhaltigere Wirkung als Neuroleptika.

[00:35:32.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Familie gelernt hat, sich nicht mehr aufschaukeln zu lassen, kann sie das
immer anwenden.

[00:35:39.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wirkt darüber hinaus, auch wenn die Familie nicht mehr in Therapie geht.

[00:35:45.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Medikament wirkt nur so lange wie man es gibt.

[00:35:53.550] – Dr.med. Ursula Davatz

Loren Mosher hat das Konzept der Soteria geprägt.

[00:35:53.660] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.theguardian.com/news/2004/jul/28/guardianobituaries.obituaries

[00:35:53.741] – Dr.med. Ursula Davatz
https://moshersoteria.com/

[00:35:53.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat Schizophrenie Patienten in ein Haus gegeben, möglichst wenig Medikamente
gegeben, zum Teil mit Laienbetreuer.

[00:36:11.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Idee war eine möglichst reizarme, stressarme Umgebung.

[00:36:15.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kommt der Schizophrenie Patient, welcher völlig aufgeschaukelt ist, mit der Zeit
auch langsam runter.

[00:36:19.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Schauen wir nochmals den Tsunami an.

[00:36:19.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Tsunami Wellen haben eine sehr lange Wellenlängen.

[00:36:32.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn diese Wellen über das Meer laufen, dann geschieht nichts. Die Schiffe auf den
Wellen gehen hoch und runter.

[00:36:34.210] – Dr.med. Ursula Davatz

Wenn die Wellen auf den Strand treffen, gehen sie raus und rein, bis die Energie
abgebaut ist.

[00:36:41.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn am Strand eine Wand steht, welche die Welle aufhalten soll, dann gibt es eine
Springflut. Dann kommt es zu Verwerfungen.

[00:36:48.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei der Schizophrenie gibt es die Verwerfungen im Gehirn des Individuums, als auch in
der Familie.

[00:37:03.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Die emotionalen Monsterwellen passieren nicht nur in der Familie.

[00:37:25.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie stecken auch leicht nach aussen an.

[00:37:28.530] – Dr.med. Ursula Davatz
So kommen die Familien zu mir und sagen: es muss unbedingt etwas geschehen, jetzt
geht es nicht mehr, es ist dringend, etc.

[00:37:39.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Murray Bowen hat bei den Familien, welche er hospitalisiert hatte, am NIMH, gesagt:
das Schwierigste war das Personal zu instruieren, dass sie nicht mit aufgeschaukelt
haben.

[00:37:51.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Personal bei der Aufschaukelungsbewegung mit macht, dann wird alles
multipliziert, dann wird alles noch schlimmer. Dann erreicht man gar nichts.

[00:38:02.980] – Dr.med. Ursula Davatz

Die Familie konnte er oft besser beruhigen als das Personal. Das Personal dachte
immer, dass sie etwas tun müssen.

[00:38:03.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist etwas vom Schwierigsten, was ich meinen Assistenzärzten beibringe, versucht
habe beizubringen und immer noch versuche beizubringen, dass man nicht mit agiert.

[00:38:15.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Man spricht von Aktivismus.

[00:38:28.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Man schiebt dem Patienten die Schuld in die Schuhe und sagt der manipuliert, der
spielt uns aus, wir lassen uns ausspielen.

[00:38:29.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn so ein Appell an uns herankommt, jetzt müssen wir sofort etwas tun, dann wird
man wie angesteckt von dieser Nervosität und dann tut man etwas.

[00:38:41.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man dann etwas tut, ist es meistens falsch, zuviel, man macht mit in dieser
Monsterwelle und treibt die wieder an.

[00:38:48.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist die grosse Kunst im Umgang mit den Schizophreniekranken, dass man nicht mit
agiert mit dieser Monsterwelle.

[00:39:02.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich Schizophrene in der Klinik anschauen musste, habe ich mit ihnen ganz
normal gesprochen. Ich habe gefragt, was ihre Grossmutter gemacht hat etc.

[00:39:03.040] – Dr.med. Ursula Davatz

Die Assistenzärzte, welche mit gekommen sind, haben gesagt: ich könne keine
Diagnose stellen, ich merke nicht, dass die schizophreniekrank sind.

[00:39:21.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Dabei habe ich bewusst alles runtergeholt um ja nicht das Ganze noch mehr zu
Energieren.

[00:39:39.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Damit habe ich gute Erfahrungen gemacht.

[00:39:40.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald man ruhiger ist als der Patient ist, dann beruhigt sich der Patient auch.

[00:39:40.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man mit einem aufgeschaukelten System in Kontakt ist und nur ein bisschen
weniger unruhig ist, dann fährt das System langsam herunter.

[00:39:48.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man hektisch reagiert, dann geht es hoch.

[00:39:56.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist der Begriff der Monsterwelle.

[00:40:03.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat eine Familiengeschichte und man hat auch eines Lebensgeschichte.

[00:40:13.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Familiengeschichte ist verantwortlich für eine chronische Belastung.

[00:40:20.400] – Dr.med. Ursula Davatz

Die kann man oft gerade noch tragen und niemand merkt etwas. Wenn eine zusätzliche
Belastung hinzukommt, dann zerplatzt das System.

[00:40:22.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Die zusätzlichen Belastungen bei den jungen Schizophrenen sind emotionaler Stress
vor dem Ausbruch der akuten Psychose.

[00:40:42.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Der emotionale Stress kann ausgelöst werden durch eine unglückliche Liebe, durch
eine nicht eingestandene Homosexualität oder noch nicht klar orientiert zu sein, was
man eigentlich will.

[00:40:58.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie kann ausgelöst werden durch einen Konflikt mit Kolleginnen und Kollegen, innerhalb
der Peergroup.

[00:41:04.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie kann auch ausgelöst werden über eine Berufsfindung, wenn man nicht richtig weiss,
was man im Leben machen möchte.

[00:41:09.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Berufswahl und Partnerwahl gehören zu den wichtigsten Entscheidungen im Leben.
Diese Entscheidungen muss man alleine treffen.

[00:41:24.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kann niemand einem dabei helfen.

[00:41:25.230] – Dr.med. Ursula Davatz
In Indien werden die Partner für einem ausgewählt.

[00:41:30.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei jüdischen Familien ist das zum Teil auch der Fall.

[00:41:31.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir wohnen in einem Kulturbereich wo man selber auswählen muss. Man muss selber
wählen und selber dafür die Verantwortung tragen. Das ist nicht für alle so einfach.

[00:41:31.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich treffe oft eine unglückliche Liebesgeschichte, unglückliche Berufswahlen an.

[00:41:50.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Zum Teil Berufswahlen, die getroffen wurden, weil die Eltern das gesagt haben.

[00:41:57.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Man wollte es eigentlich nur den Eltern recht machen, aber eigentlich ist es gar nicht
der richtige Beruf.

[00:42:01.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Man getraut sich nicht zu sagen: ich will das nicht, ich will etwas anderes.

[00:42:02.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann wird man lieber krank, als dass man zu seinem Vater sagt: du hast mir einen
falschen Vorschlag gemacht. Ich will eigentlich etwas ganz anderes.

[00:42:14.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gehört alles zur Ablösung.

[00:42:20.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein weiterer Grund, und das ist lange geleugnet worden, ist der Konsum von Drogen:
Haschisch, Cannabis.

[00:42:28.240] – Dr.med. Ursula Davatz

Ich treffe immer wieder junge Leute an, das ist unterdessen auch bei den Fachleuten
akzeptiert. Cannabis kann eine Psychose auslösen.

[00:42:42.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Cannabis ist eine halluzinogene Droge. Sie kann Wahrnehmungsstörungen machen,
Angst machen.

[00:42:50.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte einen Patienten, der ist nach Holland gegangen, hat dort Drogen konsumiert,
Cannabis konsumiert und hat nun absolut typische präpsychotische Symptome.

[00:43:04.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Das macht Angst.

[00:43:04.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Lange Zeit wurde Haschisch verharmlost. Es ist nur eine schwache Droge, eine weiche
Droge.

[00:43:05.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Haschisch löst viel schneller eine Schizophrenie aus als Heroin.

[00:43:09.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Man spricht jetzt trotzdem davon, dass Haschisch legalisiert werden soll.

[00:43:20.700] – Dr.med. Ursula Davatz
In den USA wird es legalisiert.

[00:43:25.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin total dagegen.

[00:43:25.440] – Dr.med. Ursula Davatz

Es ist eine falsche Botschaft. Haschisch kann eine Psychose auslösen.

[00:43:25.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man einmal eine Psychose hatte, hat man Angst, dass man es wieder bekommt.

[00:43:43.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn noch alle anderen Stressfaktoren dabei sind, dann kann das Haschisch
ausschlaggebend sein.

[00:44:02.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick wo die Kognition zusammenbricht, das ist der akute psychotische
Zustand. Wenn der psychotische Zustand länger dauert, kommen andere Symptome
rein. Dann organisiert sich der Patient neu. Dann organisiert sich die Person ein
Denksystem, das man einen paranoiden Wahn nennt. Die Person organisiert sich dann
Vorstellungen über die Welt, was die anderen alles Böses gegen ihn wollen. Er legt sich
einen paranoiden Wahn zurecht. Das kann ein Liebeswahn sein, das kann ein
Verfolgungswahn sein. Das ist ein Versuch, mit seinem Leben zurecht zu kommen.

[00:44:40.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eine Anpassungsstrategie auf der Meta Ebene, auf gedanklicher Ebene.

[00:44:49.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schizophrenen zeichnen sich dadurch aus, dass sie versuchen das Leben in den
Griff zu kriegen, mit denken, mit studieren.

[00:44:49.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich eine akute Psychose vor mir habe, sage ich: sie können ihre Probleme nicht
mit denken lösen. Probieren geht über studieren.

[00:45:01.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht Haschisch probieren, sondern etwas Praktisches machen.

[00:45:12.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich versuche ihnen ganz konkret beizubringen: sobald es mit Drehen beginnt, Angst
kommt, wie geht das weiter, werde ich wieder krank, kann ich jemals fertig studieren,
etc. Dann sage ich: stopp! Das muss sofort gestoppt werden. Gehen sie in die
Handlung. Tun sie etwas. Tun sie etwas Praktisches, machen sie Sport, machen sie
einen Kuchen. Putzen sie ihre Wohnung. Tun sie etwas Praktisches.

[00:45:32.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Dieses Vorgehen ist heutzutage neuropsychologisch erwiesen.

[00:45:41.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt die EMDR Methode: Eye Movement Desensitization Reprogramming.

[00:45:50.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Den Kopf muss man still halten. Diese zwei Finger kann man hin und her bewegen. Mit
den Augen muss man den Finger nachschauen.

[00:46:02.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wo sie das machen, können zwar noch sprechen. Sie können aber nicht
mehr denken.

[00:46:06.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist das, was man ausschalten möchte.

[00:46:06.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Man will die schnellen, ängstlichen, paranoiden Gedanken ausschalten. Man will sie
immer wieder davon rausnehmen, damit wieder im hier und jetzt funktionieren.

[00:46:07.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Etwas ähnliches macht der Zen-Meister.

[00:46:15.840] – Dr.med. Ursula Davatz

Wenn der Zen-Schüler seinen Meister fragt: was soll ich tun um die höchste
Erleuchtung zu erlangen? Dann sagt der Meister: geh eine Tasse Tee machen. Geh vor
das Haus wischen. Mach eine ganz praktische Arbeit. Er schickt den jungen Schüler in
die Praxis, in die Motorik hinein.

[00:46:15.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Weisheit kann auch in der Schizophrenie bei den akuten Psychotikern anwendet
werden.

[00:47:02.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Siie müssen einem natürlich folgen.

[00:47:04.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich erkläre den Schizophrenen oft auch, wie das Gehirn funktioniert. Ich sage ihnen
immer: sie müssen in die Motorik runter, in die Praxis. Nicht in das Grosshirn gehen und
im Zeugs herum studieren. Das bringt nichts.

[00:47:04.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Noch ein paar Worte zu den Neuroleptika.

[00:47:13.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Neuroleptika greifen zwischen dem limbischen System, dem emotionalen System
und dem Grosshirn an und fahren das Ganze herunter.

[00:47:29.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Was ich den Angehörigen und den Professionellen auch noch sagen muss: man darf
auf die Schizophrenen keinen Druck aufsetzen. Das macht emotionale Erregung. Das
wiederum erhöht die Symptome. Daher kommt auch die reizarme Umgebung von den
Soteria Programmen.

[00:47:36.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schizophrenie ist eine Fluchtkrankheit.

[00:48:23.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Gedanken so schnell laufen, wenn sie Angst haben vor Druck, vor Kritik, vor
allem möglichen, dann flüchten die Schizophrenen. Sie rennen davon. Sie flüchten ins
Bett, sie sind am Tag im Bett und in der Nacht wach. Sie flüchten vor den Eltern. Sie
flüchten vor dem Personal wenn wir sie bedrängen. Sie rennen schnell davon. Deshalb
muss man sie mit einer sehr lockeren Hand anpacken, damit man sie führen kann.

[00:48:23.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe zwei Piloten miteinander sprechen gehört. Im Zweifelsfall, wenn man in
Turbulenzen hinein gerät mit dem Flugzeug, muss man die Steuerung dem Flugzeug
überlassen. Wenn man steuert, hat man die Tendenz zu scharf zu steuern, zu
übersteuern und dann fällt man aus dem Himmel.

[00:48:33.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle die einen Schleuderkurs gemacht haben, wissen das auch.

[00:48:58.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf dem Glatteis muss an das Steuer ganz locker in der Hand haben.

[00:49:20.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Schizophrenen darf man auch nicht übersteuern.

[00:49:24.000] – Dr.med. Ursula Davatz
An erster Stelle muss man sich selber im Griff haben, seine eigenen Emotionen
runterfahren und dann ruhig Kontakt aufnehmen. Ja nicht beim Patienten rum steuern
wollen, sonst tut man garantiert übersteuern. Er wehrt sich dagegen und die emotionale
Monsterwelle wird nur grösser.

[00:49:50.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Als erstes muss ich mich immer selber beruhigen, wenn ich eine Schizophrenie Familie
angemeldet bekomme.

[00:50:14.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Begrüssung ist wichtig.

[00:50:23.380] – Dr.med. Ursula Davatz
You never have a second chance to make a first impression.

[00:50:23.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Beim ersten Kontakt muss man schon ruhig rüberkommen. Nicht: oh je, was mache ich
jetzt.

[00:50:23.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schizophrenen spüren das sofort. Dann haben sie kein Vertrauen mehr.

[00:50:34.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss sich immer zuerst selber beruhigen. Auf eine ruhige Art Kontakt aufnehmen
und dann helfen, das System zu beruhigen.

[00:50:34.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss den Eltern helfen, dass sie sich emotional beruhigen können. Das ist die
Aufgabe des Therapeuten.

[00:50:39.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern müssen lernen von ihrem sogenannten kranken, malignen, pubertierenden
Kind zu defokussieren.

[00:51:06.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich frage dann die Eltern, wie viel am Tag denken sie an ihre kranke Tochter oder ihren
kranken Sohn.

[00:51:14.250] – Dr.med. Ursula Davatz

99,9 Prozent, 99 Prozent, 98 Prozent und so weiter.

[00:51:18.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Erst wenn es unter 50 Prozent ist, wird es langsam besser.

[00:51:23.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen lernen, nicht mehr alles auf dieses Kind zu fokussieren.

[00:51:30.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich versuche ihnen zu helfen, ihren partnerschaftlichen Konflikt anzugehen und eine
Lösung zu finden.

[00:51:37.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal ist das auch eine Scheidung, manchmal sind die Eltern auch schon
geschieden.

[00:51:43.280] – Dr.med. Ursula Davatz
In die Partnerschaftsspannung versuche ich eine Lösung zu bringen.

[00:51:50.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich sage: der Fokus muss weg vom Patienten heisst das auch, dass man den
Fokus mehr auf sich selber richtet, auf seine Pubertät. Dort wo man sich noch nicht
richtig von seinen eigenen Eltern abgelöst hat, dass man dort nochmals ein wenig
Arbeit macht.

[00:52:09.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Eltern noch leben, kann man mit ihnen reden. Wenn die Eltern nicht mehr
leben, dann empfehle ich den Eltern Briefe zu schreiben. Sie müssen dem Vater, der
Mutter einen Brief schreiben.

[00:52:09.820] – Dr.med. Ursula Davatz

Was sind die Themen, welche sie beschäftigen, die noch nicht gelöst sind. Nur an die
Eltern zu denken, reicht nicht.

[00:52:22.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald man schreibt, wird man verbindlicher. Man steht mehr für sich hin. Man nimmt
im Brief eine Ich Position ein. Man muss auch den Vater und die Mutter ansprechen.
Nicht an beide Eltern gleichzeitig schreiben. Getrennt. Dem Vater einen Brief schreiben
und der Mutter einen Brief schreiben.

[00:52:42.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Je nachdem muss man mehrere Briefe schreiben. Ich begleite das.

[00:52:55.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Ganze bewirkt, dass man sich von den Paradigmen ablösen kann, die man von
den Eltern gelernt hat. Paradigmen, welche beim Kind nicht mehr so erforderlich, nicht
mehr so hilfreich sind. Man lernt abzulegen, etwas neues zu entwicklen, das in dieser
Situation besser funktioniert.

[00:53:14.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Den Schizophrenen versuche ich in seiner persönlichen Entwicklung ganz sachlich zu
unterstützen. Dazu gehört die Berufsfindung, Hobby, Beschäftigung, Probleme mit der
Sexualität, Probleme in der Freundschaft. Das sind dann ganz praktische Dinge.

[00:53:41.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Gewissen Personen helfe ich auch eine Stelle zu finden.

[00:53:47.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sollen weiterkommen.

[00:53:48.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Medikamente werden selbstverständlich angewendet.

[00:53:51.950] – Dr.med. Ursula Davatz
In der akuten Phase können die hilfreich sein, sind sogar sehr hilfreich, wirken z.T. wie
Wunder.

[00:54:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich versuche den Patienten immer beizubringen, dass sie lernen, ihre Medikamente
selbst zu handhaben.

[00:54:06.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke nicht, dass immer nur der Arzt weiss, was gut für sie ist. Sie müssen lernen,
die Tabletten selber zu handhaben.

[00:54:24.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wie merken, dass es wieder dreht. Ich drehe wieder ein wenig durch, dann dürfen
sie die Dosis hoch setzen. Wenn sie das Gefühl haben, dass sie alles im Griff haben,
dürfen sie mit der Dosis auch runtergehen.

[00:54:34.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es wieder einen Rückfall gibt, dann begleite ich sie auch.

[00:54:37.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich sage, sie dürfen die Medikamente nie absetzen, dann setzen sie es meistens
ab und kommen nicht mehr zur Therapie, weil sie ein schlechtes Gewissen haben, dass
sie es abgesetzt haben. Das ist nicht das, was man möchte. Damit habe ich gute
Erfahrungen gemacht.

[00:54:57.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin kein Fan von Depotspritzen. Das ist eine Bevormundung. Dann sagt der Arzt,
wann und wie und wieviel. Der Patient kann nichts dazu beisteuern.

[00:55:05.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich möchte, dass der Patient lernt, seine Medikamente selber zu nehmen.

[00:55:09.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Idee ist, dass sich der Patient mit seiner Persönlichkeitsentwicklung befassen kann,
damit er nicht mehr als funktionalisiertes Kind in der Familie funktionieren muss sondern
seinen eigenen Weg gehen kann. Er kann sich dann loslösen und möglichst auf eine
gesunde Art mit den Eltern auseinandersetzen.

[00:55:14.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt können sie mir Fragen stellen oder mir widersprechen, falls sie nicht
einverstanden sind.

[00:56:28.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Bitte steuern sie Dinge aus ihrer Erfahrung bei zu diesem Abend.

[00:56:28.720] – Bemerkung 1
Können sie noch etwas sagen zum Thema: Umgang mit Schuldgefühlen?

[00:56:37.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Lange Zeit hatte ich grosse Angst davon, den Eltern Schuldgefühle zu machen. Ich
habe immer versucht, das zu umgehen.

[00:56:37.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Mutter hat man ohnehin immer Schuldgefühle. Man sagt ja: wenn das Kind schlecht
herauskommt, ist die Mutter schuld. Wenn das Kind gut herauskommt, ist der Vater der
Schuldige. Die Väter haben auch Schuldgefühle, nur zeigen sie diese nicht so sehr oder
sagen nichts dazu.

[00:57:09.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich versuche möglichst offen mit Schuldgefühlen umzugehen.

[00:57:15.680] – Dr.med. Ursula Davatz

Wenn Eltern das erwähnen und mich fragen, gehe ich oft die Generationen hinauf. Sie
können nichts dafür, dass sie so und so aufgewachsen sind.

[00:57:26.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben das und das miterlebt. So sind die programmiert worden. Deshalb reagieren
sie jetzt so. Das ist nichts Böses. Das ist nicht Böse gewollt. Daran verändern wir jetzt
etwas.

[00:57:47.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir können bis Adam und Eva zurück gehen und sagen: die sind Schuld.

[00:57:47.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schuldursache in der multiplen Generationen Betrachtungsweise kann ewig zurück
gehen. Es geht nicht um Schuld.

[00:58:06.780] – Dr.med. Ursula Davatz
In der systemischen Therapie und ganz allgemein in der Psychiatrie dürfen wir nicht von
Schuld sprechen.

[00:58:07.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schuld ist ein moralischer Begriff.

[00:58:09.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sagt: die Psychiater müssen amoralisch sein. Nicht unmoralisch, das ist etwas
anderes. Wir müssen wertfrei sein.

[00:58:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist die Idee, dass man versucht den Eltern die Familie als eine Einheit wertfrei zu
zeigen. Wenn der Vater so ist, ist die Mutter so. Wenn der Grossvater so war, gab es
diese Auswirkungen. Man muss all diese Wirkungen miteinander anschauen, wissen wo
sie herkommen und besser zu verstehen versuchen. Dadurch kann man auch eher
etwas daran ändern.

[00:58:30.120] – Bemerkung 2
Wie sieht es mit den Familienstellern aus?

[00:59:12.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe den bekannten Familiensteller Bert Hellinger drei Mal persönlich beobachtet.

[00:59:12.850] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Bert_Hellinger

[00:59:17.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Für mich als Familientherapeutin ist es sehr interessant gewesen, zuzuschauen.

[00:59:23.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Es stimmt, er macht ähnliche Dinge, nur spricht er sie nicht an. Er benennt sie nicht. Er
ist sehr intuitiv und verändert dann die Dinge.

[00:59:36.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte eigene Patienten, die ins Familienstellen gegangen sind. Denen hat es zum
Teil viel gebracht.

[00:59:41.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Beim reinen Familienstellen sagt man, dass danach nicht darüber gesprochen werden
darf. Das was beim Familiensteller gesagt wurde, soll wirken.

[00:59:53.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Patienten, welche ich hatte, brauchten trotzdem noch Unterstützung hinterher. Das
habe ich eingeflochten in meine Familientherapie. Das ging sehr gut. Es hat gut
zueinander gepasst.

[01:00:08.080] – Dr.med. Ursula Davatz

Ich habe auch schon Leute ins Familienstellen geschickt, weil ich fand, das könnte
einen Knopf lösen.

[01:00:15.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Beim Familienstellen läuft es total auf emotionaler Ebene.

[01:00:18.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sende die Leute nach Hause in ihre Familie, damit sie sich dort direkt
auseinandersetzen. Dort ist viel mehr Kognition dabei. Man hat Einsicht, man spricht
darüber, es ist Erkenntnis dabei.

[01:00:34.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Beim Familienstellen ist es emotionale Erkenntnis. Das kombiniert ist eine interessante
Sache. Es kann sich gut ergänzen.

[01:00:52.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei Schizophrenie Familien reicht es nicht, nein. Dort braucht es noch eine andere
Begleitung.

[01:00:52.380] – Bemerkung 3
Machen sie die Familientherapie immer mit Vater, Mutter und Kind präsent?

[01:01:46.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich Familientherapie mache, mache ich das nicht mit Vater, Mutter und Kind. Falls
das Kind kommen möchte und falls die Eltern unbedingt wollen, dass das Kind kommt,
sehe ich das Kind auch.

[01:01:46.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal teile ich dann auf, dass ich das Kind einer anderen Therapeutin gebe, rein
aus technischen Gründen, wenn ich nicht so viel Zeit habe und weil ich viel Erfahrung in
der Familientherapie habe.

[01:01:46.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich arbeite mit den Eltern und ein Einzeltherapeut arbeitet mit dem erwachsenen Kind.

[01:02:02.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Eltern sagen: der kommt nicht, oder der muss kommen und der ist krank.
Dann antworte ich: wenn man etwas verändern will, ist es wichtig, dass man bei den
Hauptfiguren beginnt und nicht beim Schwächsten Glied.

[01:02:22.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern sind das stärkste Glied und ich will mit dem stärksten Glied arbeiten.

[01:02:37.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es mit den Eltern gut läuft, dann kommt irgendwann der Patient auch. Der Patient
wird neugierig: was machen die eigentlich.

[01:02:38.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist interessant.

[01:02:41.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern von Schizophreniekranken sind meistens sehr in Not. Es ist sehr
anstrengend. Die emotionale Monsterwelle ist aufreibend. Man kann nicht schlafen,
man ist ständig damit beschäftigt. Es ist fürchterlich. Es ist sehr sehr anstrengend.

[01:03:00.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Daher sind die bereit, sich Hilfe zu holen. Sie sind auch bereit zu kommen und
Anweisungen entgegenzunehmen.

[01:03:00.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kann auch etwas bewirken, wenn der Patient nicht kommt und ich nur mit den Eltern
spreche. Viele Eltern akzeptieren das.

[01:03:00.580] – Bemerkung 4

Ich arbeite als Beiständin und habe eine Familie mit einem jungen Mann, wo die Familie
alles für ihn macht. Wir kommen nicht vom Fleck.

[01:03:34.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist genau der Hyperaktivismus.

[01:03:47.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Solche Eltern könnten sie durchaus in die Angehörigengruppe zu mir schicken.

[01:03:55.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Die können ein einziges Mal kommen und dann erzählen sie ihre Geschichte.

[01:03:59.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann ich sie anleiten.

[01:03:59.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt Eltern, die schon ein wenig weiter sind und erlickt haben, wie es geht. Die sagen
dann auch: ja, ja, so habe ich es auch gemacht, aber ich muss lernen es anders zu
machen. Ich musste lernen loszulassen. jetzt geht es besser. Ich denke nicht mehr so
viel an meine kranke Tochter, meinen kranken Sohn. Ich kann wieder ein Leben leben.

[01:04:24.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wo die Eltern nicht mehr hyperfokussiert sind auf das Kind, gibt es Platz,
Raum zum schnaufen, damit sich das Kind entwickeln kann.

[01:04:29.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen die Eltern gerne in die Angehörigengruppe senden.

[01:04:29.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Kurse sind auf meiner Website.

[01:04:34.970] – Dr.med. Ursula Davatz
https://ganglion.ch/html/kurse.php

[01:06:31.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Angehörigengruppe wird nicht stark besucht.

[01:06:31.640] – Bemerkung 5
Ich betreue einen Schizophrenen und finde für ihn keine Wohnmöglichkeit.

[01:06:35.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Haben die den Guyerweg schon versucht?

[01:06:35.693] – Dr.med. Ursula Davatz
https://guyerweg.ch/

[01:06:35.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Ursprünglich wurde die Stiftung Guyerweg gegründet um zwei Jahre Rehabilitation zu
machen.

[01:06:35.760] – Bemerkung 6
Jemand hätte vor seinen Eltern niederknie sollen. Er konnte das nicht.

[01:07:01.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Bert Hellinger kommt aus der christlichen Religion.

[01:07:28.240] – Dr.med. Ursula Davatz
In Südafrika hat er Priester, Schüler instruiert.

[01:07:39.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Bert Hellinger hat Schreitherapie nach Janow gelernt.

[01:07:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Prim%C3%A4rtherapie

[01:07:45.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Danach hat Bert Hellinger das Konzept der Familienstellen entwickelt.

[01:07:47.920] – Dr.med. Ursula Davatz
In den USA gab es bereits eine solche Schule. Diese Schule hiess strukturelle
Therapie. Ich habe das in den USA mit Familien und Institutionen auch gemacht.

[01:07:48.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Ansatz von Bert Hellinger bei den Konfliktlösungen ist: Vergeben und Verneigen.

[01:08:08.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht manchmal zu schnell zur Versöhnung.

[01:08:14.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Konflikte können nicht einfach über Verneigen und Versöhnung gelöst werden.

[01:08:21.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Zuerst muss die Wut, die Aggression, ausgesprochen werden dürfen.

[01:08:27.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Wut in Worten formuliert ist, kann die Trauer kommen, dass man etwas nicht
hatte, etwas verpasst hat, dass die Eltern etwas schlecht gemacht haben mit einem.

[01:08:40.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Trauer ermöglicht einem Tränen und dann das Loslassen.

[01:08:46.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Beim Verneigen geht man gleich zum Loslassen.

[01:08:50.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Da überspringt man die anderen Stufen.

[01:08:53.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Das geht bei schwierigen Konflikten nicht.

[01:09:07.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn gegenüber den Eltern eine Haltung der Lächerlichkeit herrscht: ich nehme
meinen Vater nicht ganz ernst. Der ist so schwach gewesen, den nehme ich nicht ernst.

[01:09:08.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Solange sie ihren Vater nicht ernst nehmen, können sie sich auch nicht mit ihm
auseinandersetzen und können sich auch nicht ablösen.

[01:09:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das leuchtet dann ein.

[01:09:31.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann bringe ich sie dazu, dass sie eine Auge zu Auge Position einnehmen, sich
auseinandersetzen und nicht einfach verschwinden, disqualifizieren können. Erst
danach kommt das Verneigen.

[01:09:43.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man von Auge zu Auge, auch wenn der Vater schon gestorben ist, trotzdem sich
auf erwachsener Ebene mit ihm auseinandersetzt, dann nimmt man eine bessere
Position für sich ein. Man setzt sich besser auseinander. Dann kann man sich
verneigen.

[01:10:02.420] – Dr.med. Ursula Davatz

Gewisse Leute machen das noch auf dem Sterbebett von ihren Eltern, dass sie
nochmals Kontakt aufnehmen, nochmals den Faden finden und den Elternteil würdigen
können.

[01:10:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf nicht zu schnell zur Versöhnung gehen.

[01:10:45.220] – Bemerkung 7
Mein Patient hört ganz viele Stimmen. Wie soll ich damit umgehen?

[01:11:27.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mich lange mit dem Stimmen hören befasst. Wie entsteht das, was bedeutet
das?

[01:11:27.160] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Psychiatrie bei Paul Kielholz hiess es, dass man das alles disqualifizieren kann.

[01:11:42.151] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Kielholz

[01:11:48.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Unterdessen sagt man, dass das alles eine Bedeutung hat. Ich versuche diese
Bedeutung zu enträtseln. Ich versuche zu schauen, wie die Stimmen in diese
Geschichte passen.

[01:12:03.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Einfach gesagt, sind es wie Metaphern.

[01:12:04.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hab einen Patienten, wenn der Stimmen hört, schaue ich seine Geschichte an und
sage: das ist ein laut gewordenes, schlechtes Gewissen.

[01:12:04.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Es sind meistens projizierte, eigene Gedanken auf andere Leute oder eben auf diese
Stimmen.

[01:12:26.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie übernehmen auf eine Art keine Eigenverantwortung. Zum Teil ist es kompliziert zum
herausfinden.

[01:12:28.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Es sind Metaphern oder Vexierbilder. Man braucht eine Zeit, bis man herausfindet, was
eigentlich die Bedeutung ist.

[01:12:40.440] – Bemerkung 8
Versuch und Irrtum.

[01:12:40.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das ist in Ordnung. Was man nicht tun soll, ist einfach gleich dagegen reden, das ist
falsch, das stimmt nicht, das ist fantasiert. Dann fühlen sie sich zurück gestossen und
sagen einem nichts mehr.

[01:12:53.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich versuche über Fragen einzusteigen: was hat es für eine Bedeutung, ist es eine
Männer- oder eine Frauenstimme? Was sagt er? Macht es eher Angst? Hellt es eher
auf?

[01:13:13.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Jemand war unglücklich verheiratet. Wenn es ihr schlecht ging, hat sie sich immer mit
einem Filmschauspieler unterhalten. Sie hat seine Stimme gehört. Das hat ihr gut
getan.

[01:13:31.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Stimmen zu hören, ist auch ein Ersatz für soziale Kontakte.

[01:14:09.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute habe ich mit jemandem gesprochen, wenn er rausgeht, meint er, dass an der
Kasse wegen ihm etwas angesagt wird. Das sind sogenannte Bezugsideen. Er ist gar
nicht gewohnt zu interagieren.

[01:14:10.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Im autistischen Leben phantasiert man alles mögliche und unterhält sich damit, als ob
sie einen Roman oder ein Märchen lesen würden.

[01:14:17.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie steigen in die Realität auf der Metaebene ein, in die Pseudorealität.

[01:14:18.400] – Bemerkung 9
Ist das Töpferhaus der Guyerweg?

[01:15:02.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, das ist nicht das Töpferhaus, das ist der Guyerweg.

[01:15:02.840] – Dr.med. Ursula Davatz
https://toepferhaus.ch/

[01:15:13.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Töpferhaus ist eine andere Institution. Die nehmen auch Schizophrene.

[01:15:21.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Guyerweg ist unten in der Telli.

[01:15:21.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Guyerweg wurde von der VASK ins Leben gerufen. Der Guyerweg ist klein
geblieben, wir sind nicht gross geworden. Wir haben nur 15 Plätze, sehr familiär.

[01:15:32.420] – Bemerkung 10
Gibt es im Guyerweg ein Beschäftigungsprogramm?

[01:15:46.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Haus selber nicht. Sie arbeiten mit dem Töpferhaus zusammen. Man hilft den Leuten
etwas zu suchen. Nur sporadisch, wenn man einen Kasten streicht, den Garten
verschönert oder ähnlich.

[01:15:46.770] – Bemerkung 11
Wie endet ein akuter Schub? Kommt danach eine Depression?

[01:16:30.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein akuter Schub hört natürlicherweise nach drei Monaten auf. Das ist eine Regel.
Wenn man nicht stört und die Monsterwelle nicht wieder aufgeschaukelt wird, dann ebbt
sie langsam aus und dann wird es ruhig.

[01:16:31.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Danach kommt häufig eine postpsychotische Depression.

[01:16:52.340] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem akuten Schub macht man alles mögliche verkehrt.

[01:16:56.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Man ist verrückt, man spinnt, man hat durchgedreht im wahrsten Sinne des Wortes. Das
limbische System dreht ein wenig durch. Dann geniert man sich dafür.

[01:17:07.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man manisch war, hat man noch alles mögliche kaputt gemacht, Geschirr
zerschlagen, Beziehungen kaputt gemacht usw.

[01:17:08.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann sieht man auf einmal: oh je, was habe ich gemacht.

[01:17:17.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kann man Antidepressiva geben.

[01:17:21.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich persönlich mache das nicht so gerne.

[01:17:23.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich versuche eher, sie im Leben zu begleiten und in das Leben hinaus zu begleiten,
damit sie ihren Lebensweg unter die Füsse nehmen.

[01:17:27.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich versuche eher zu coachen, als einfach eine Gegenmacht zu sein.

[01:17:27.690] – Bemerkung 11
Kann es auch zu einem Suizid kommen?

[01:17:27.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Suizid tritt in der Regel nicht auf, wenn eine akute Depression ist, sondern wenn
man sich fallen gelassen fühlt.

[01:18:10.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Schizophrenen merken: die haben mich aufgegeben. Dann kann ein Suizid
geschehen.

[01:18:17.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt Schizophrene, die Suizid machen. Sie machen häufig Suizid aus der Haltung
heraus, ich halte das nicht mehr aus. Ich halte den Sturm im Kopf nicht mehr aus. Es ist
so unerträglich, ich muss es einfach weghaben.

[01:18:30.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann es gefährlich sein, dass die Schizophrenen sich das Leben nehmen.

[01:18:35.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist häufig kein geplanter Suizid, wie es die wirklich Depressiven tun.

[01:18:45.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist eher impulsiv um alles weg zu machen oder wenn sie aufgegeben werden von
den Angehörigen und den Fachleuten.

[01:18:45.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Häufig haben die Eltern grosse Angst vor dem Suizid.

[01:19:00.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich versuche die Eltern eher zu beruhigen.

[01:19:02.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Solange man die Beziehung zum Patienten behält, solange etwas läuft, ist die Gefahr
nicht so gross.

[01:19:11.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich möchte ihnen nochmals danken, für das aktive mitmachen.

[01:19:11.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich mache nochmals aufmerksam auf mein Buch, das vielleicht noch vor der
Sommerferien herauskommt.

[01:19:35.040] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.somedia-buchverlag.ch/gesamtverzeichnis/deadhs-und-schizophrenie/

[01:19:35.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Herzlichen Dank und einen schönen Abend.

Familientherapie bei Schizophreniekranken

Dieser Vortrag wurde am 8.8.2012 um 16 Uhr in der Psychiatrischen Klinik Königsfelden gehalten.
Vortrag anhören:

Transkription

 

Transkript

Dr.med. Ursula Davatz

10.10.2006
Familientherapie bei Schizophreniekranken
Audio

[00:00:00.000] – Dr.med. Bielinski
Ich möchte gerne alle begrüssen.

[00:00:06.400] – Dr.med. Bielinski
Ich eröffne mit ein paar Worten.

[00:00:06.980] – Dr.med. Bielinski
Das Papier vor mir heisst: Guidelines für die biologische Behandlung der
Schizophrenie. Eine dicke Sache.

[00:00:22.575] – Dr.med. Bielinski
https://smf.swisshealthweb.ch/de/article/doi/smf.2018.03303/

[00:00:23.160] – Dr.med. Bielinski
Wo sind denn die Guidelines für die Psychotherapie der Schizophrenie?

[00:00:33.220] – Dr.med. Bielinski
Auf die warten wir alle noch.

[00:00:33.825] – Dr.med. Bielinski
https://de.wikipedia.org/wiki/Wulf_R%C3%B6ssler

[00:00:33.220] – Dr.med. Bielinski
Professor wulf Rössler hat mal gesagt: die Psychotherapie der Schizophrenie ist gut
bekannt, aber sie wird nirgends angewendet.

[00:00:48.450] – Dr.med. Bielinski
Ein Jammeratal für die Schweizer Psychiatrie, die ja sonst sehr psychotherapeutisch
sehr wegweisend war.

[00:00:54.080] – Dr.med. Bielinski
Ich möchte gerne Frau Dr.med. Ursula Davatz vorstellen.

[00:01:00.550] – Dr.med. Bielinski
Die alten und ältesten Kollegen kennen Frau Dr.med. Davatz noch.

[00:01:04.430] – Dr.med. Bielinski
Wenn man ihr Curriculum anschaut, dann wird man ein wenig kleinmütig, was sie alles
gemacht hat.

[00:01:04.480] – Dr.med. Bielinski
Medizinstudium in Basel. Assistenz Jahre in Lausanne, Schottland und ein
Nachdiplomstudium in den USA in Psychiatrie und Familientherapie, bei Murray Bowen.
Das waren zwei verschiedene Institute.

[00:01:34.280] – Dr.med. Bielinski
Das zeigt, wie befähigt Dr.med. Ursula Davatz ist, um über das Thema zu sprechen.

[00:01:34.610] – Dr.med. Bielinski
Die Grand-Old-Lady der Sozialpsychiatrie im Kanton Aargau.

[00:02:13.510] – Dr.med. Bielinski
Seit 1983, seit über 30 Jahren, leitet sie die Angehörigengruppe von
Schizophreniepatienten. Sie ist der Link zur VASK Aargau mit dem Büro im Hochhaus.

[00:02:13.566] – Dr.med. Bielinski
https://www.vaskaargau.ch/

[00:02:13.620] – Dr.med. Bielinski
Ein sehr wichtiger Teil.

[00:02:34.340] – Dr.med. Bielinski
Es gibt noch weitere Kapitel: Lehrtätigkeit, Supervisionen, alles neben einer Familie, die
auch noch versorgt werden musste.

[00:02:40.900] – Dr.med. Bielinski
Das findet man alles unter:

[00:02:41.140] – Dr.med. Bielinski
https://ganglion.ch

[00:02:41.270] – Dr.med. Bielinski
Hier findet man eine ganze Reihe von Vorträgen von Dr.med. Ursula Davatz.

[00:02:41.400] – Dr.med. Bielinski
Der Vortrag von heute kommt auch drauf.

[00:02:41.530] – Dr.med. Bielinski
In eigener Sache. Wir möchten gerne die Psychotherapie in Königsfelden stärken. Wir
machen das schon ein wenig. Gegen aussen sind wir eher eine Bioklinik.

[00:03:39.340] – Dr.med. Bielinski
Ich finde das folgende Buch gut: Psychotherapie im psychiatrischen Alltag.

[00:03:49.180] – Dr.med. Bielinski
https://www.amazon.de/Psychotherapie-psychiatrischen-Alltag-therapeutischen-Beziehung/dp/3794526589

[00:03:49.180] – Dr.med. Bielinski
Wie gehe ich psychotherapeutisch mit den Alltagsfragen um?

[00:03:58.700] – Dr.med. Bielinski
Ein Mensch, der nicht behandelt werden möchte, ein Mensch, der zu anhänglich ist.

[00:04:03.520] – Dr.med. Bielinski
Das Buch ist von Herr Joachim Küchenhoff. Er ist Analytiker und er ist Chefarzt in
Liestal.

[00:04:03.520] – Dr.med. Bielinski
Das ist die Pflicht.

[00:04:03.620] – Dr.med. Bielinski
Die Kür kommt von Dr.med. Ursula Davatz. Sie ist eine bunte Frau. Ich kenne sie als
die beste Tänzerin in Genf. Am Schluss hat sie noch mit Werner Sameli getanzt.

[00:04:47.210] – Dr.med. Bielinski
Beim Anlass von 30 Jahre Sozialpsychiatrie, mussten wir alle zusammen hier tanzen.
Das war ein heikler Punkt. Wir haben das gut gemeistert.

[00:04:51.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben das therapeutisch gut gemeistert.

[00:05:13.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Besten Dank für die nette, interessant Einführung.

[00:05:19.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich begrüsse sie alle herrzlich zur Weiterbildung: Familientherapie bei
Schizophreniekranken.

[00:05:46.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Als erstes eine kurze Definition der Schizophreniekrankheit geben.

[00:05:53.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich weiß nicht, wie sie die Schizophreniekrankheit für sich verstehen, was für Bilder sie
im Kopf haben. Wir können nach meinem Vortrag dann miteinander diskutieren.

[00:06:07.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schizophrenie ist für mich eine multifaktorielle, vielstufige Prozesskrankheit.

[00:06:16.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt verschiedene Faktoren, die mit hineinspielen.

[00:06:21.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Es passiert nicht alles auf einmal.

[00:06:24.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schizophrenie entwickelt sich über mehrere Stufen, prozesshaft.

[00:06:30.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schizophreniekrankheit läuft im Gehirn ab.

[00:06:37.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gehirn ist das soziale Organ per se.

[00:06:42.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Die soziale Interaktion verändert das Gehirn dauernd.

[00:06:49.890] – Dr.med. Ursula Davatz

Dieses Wissen wird heutzutage viel mehr in der Neuropsychiatrie aufgezeigt, mit
bildgebenden Verfahren gezeigt werden kann, aber in der Psychiatrie irgendwie noch
nicht so viel Einzug hat.

[00:07:05.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist eher wissenschaftlich. Es kommt nicht so sehr in die Therapie rein.

[00:07:11.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man von dieser Definition ausgeht, dann muss man die Krankheit entsprechend
innerhalb von ihrem Umfeld betrachten. Man muss die Krankheit systemisch betrachten
und systemisch behandeln.

[00:07:21.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht nur so betrachten, sondern auch systemisch behandeln.

[00:07:34.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Familie muss in den Behandlungsprozess immer mit einbezogen werden. Nicht
ausgeklammert, sondern einbezogen werden, wenn man erfolgreich sein will in der
Schizophrenietherapie.

[00:07:53.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Diagnostik spielt dabei weniger eine Rolle, ist untergeordnet bei der Prognostik.

[00:08:03.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt eine Langzeitstudie von Prof. Christian Müller und Prof. Luc Ciompi.

[00:08:04.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Schweregrad der Diagnose stimmte nicht mit dem Verlauf überein.

[00:08:15.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein Beweis dafür, dass es nicht auf das momentane Zustandsbild ankommt,
sondern auf die Interaktion. Die Interaktion kann man nicht voraussagen.

[00:08:20.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Man weiß nicht, was der Patient für ein Leben führen wird, was das Umfeld mit ihm
machen wird. Das kann man nicht voraussagen, genauso wenig wie das Wetter.

[00:08:40.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Daher spielt das Umfeld eine große Rolle. Daher muss das Umfeld miteinbezogen
werden.

[00:08:51.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Um auch die allgemeine Diskussion in der Psychiatrie da noch schnell anzuheizen.

[00:08:57.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wird in der somatischen Medizin heutzutage häufig von personalisierter Medizin
gesprochen.

[00:09:05.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Man meint dabei, dass man die Medikamente genetisch auf die Person abstimmt.

[00:09:13.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Für mich ist das ein Etikettenschwindel.

[00:09:16.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Gene sind keine Personen.

[00:09:18.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, die systemische Familientherapie bei der Schizophrenie, das ist eine
personalisierte, prozessorientierte systemische Therapie.

[00:09:28.270] – Dr.med. Ursula Davatz

In der Familientherapie mit Schizophreniekranken und ihren Familien, muss man
personenzentriert arbeiten, natürlich auch systemzentriert.

[00:09:40.240] – Dr.med. Ursula Davatz
So läuft die Arbeit bei jedem Familiensystem wieder etwas anders.

[00:09:47.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Das nur als kleine Randbemerkung.

[00:09:50.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich gehe jetzt die Geschichte der Familientherapie etwas durch.

[00:09:57.880] – Dr.med. Ursula Davatz
In den 1960er, 1970er Jahren in den USA, haben verschiedene Psychiater mit der
Familientherapie von Schizophreniefamilien begonnen.

[00:10:11.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Das war Murray Bowen, mein Lehrer an der Georgetown University in Washington DC.

[00:10:19.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Es war Ackermann, Ackermann-Institut in New York.

[00:10:25.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Es war Robert Whitaker, Robert Whitaker und noch viele andere mehr.

[00:10:32.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben damals gemerkt, dass wenn der Schizophreniepatient in der Klinik relativ gut
behandelt ist, ruhig ist, gut funktioniert, wenn er über das Wochenende nach Hause
geht, kommt er krank wieder zurück.

[00:10:48.440] – Dr.med. Ursula Davatz

So hat man sich gesagt: da läuft irgendetwas ab. Was ist das?

[00:10:54.310] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinne hat Murray Bowen, mein späterer Lehrer, ein Projekt durchgeführt am
NIMH, National Institute of Mental Health. Er hat ganze Familien hospitalisiert.

[00:11:07.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht die Geschwister, aber die Eltern und das schizophrene Kind.

[00:11:12.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Murray Bowen hat ein berühmtes Forschungsprojekt durchgeführt.

[00:11:19.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Forschungsprojekt bestand darin, dass die Mitarbeiter alle Prozesse, die
Interaktionen beobachten mussten, zwischen den Eltern, den Patienten und was da
abläuft im Familiensystem.

[00:11:40.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hatten eine wichtige Auflage: sie durften kein einziges psychopathologisches Wort
verwenden.

[00:11:47.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Jedes psychopathologische Wort hat schon ein Konzept in sich und beeinflusst somit
die Beobachtung.

[00:11:55.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie mussten die ganz normale menschliche Sprache verwenden, amerikanisch
natürlich.

[00:12:03.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Das war ein sehr gutes Experiment, das berühmt geworden ist und bei Murray Bowen
dazu geführt hat, dass er eine Theorie über die Schizophrnie entwickelt hat.

[00:12:15.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat dort die Schizophrenie als Prozesskrankheit benannt.

[00:12:21.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Später hat man das Multifactorial Multistep Process Disease auf Englisch genannt.

[00:12:29.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Murray Bowen hat auch gesagt: es ist ein Prozess, der sich mindestens über drei
Generationen hinweg entwickelt.

[00:12:41.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schizophrenie ist nicht eine Krankheit, die nur in einer Generation auftritt, sondern
die Entwicklung läuft über drei Generationen hinweg, nicht schon als Schizophrenie,
sondern als Prozess, der sich schlussendlich niederschlägt in der
Schizophreniekrankheit, in der dritten Generation.

[00:12:59.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Murray Bowen hat gesagt: um eine Schizophrenie entwickeln zu können, braucht es
quasi drei Generationen oder mehr.

[00:13:09.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Das können wir später alles diskutieren.

[00:13:10.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Viel später, als ich schon in den USA war, das war 1977, haben Julian Leff und
Christine E. Vaughn die Theorie der High-Expressed Emotions entwickelt.

[00:13:30.718] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3361836/

[00:13:31.022] – Dr.med. Ursula Davatz
High EE genannt.

[00:13:31.026] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Expressed-Emotion-Konzept

[00:13:31.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben Familien über Video beobachtet, das Ganze kodifiziert und so weiter.

[00:13:42.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben beobachtet, dass die Rückfallsrate der Schizopheniekrankheit korreliert mit
hoher emotionaler Expressivität, High Expressed Emotions.

[00:13:55.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese High Expressed Emotions sind negative Emotionen.

[00:14:00.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann die auf verschiedenen Stufen sehen, an der Mimik, wie geredet wird und so
weiter.

[00:14:05.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Darauf muss ich jetzt nicht eingehen.

[00:14:05.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Studien haben grosse Beachtung bekommen.

[00:14:12.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe Julian Leff und Christine E. Vaughn an einen Schizophrenie Symposium in
Bern kennengelernt.

[00:14:22.480] – Dr.med. Ursula Davatz

Man hat versucht, das in den USA zu reproduzieren. Es hat sich überall wieder bestätigt
auf der ganzen Welt.

[00:14:43.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat man das auf die Therapie umgesetzt.

[00:14:48.470] – Dr.med. Ursula Davatz
In den USA hat Carol M. Anderson, eine Familientherapeutin, hat dann versucht, über
das psychoedukative Therapiemodell in diesen verschiedenen Familien, zum Teil in
Gruppen, zum Teil einzeln, beizubringen, dass sie ihre High Expressed Emotions
runterbringen.

[00:15:11.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch dieses Modell hat man überall auf der ganzen Welt ausprobiert.

[00:15:16.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hat sich dann gezeigt, dass wenn es gelingt, diese High Expressed Emotions
runterzubringen, dass dann die Rückfallsrate zurückgeht.

[00:15:26.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Rückfallrate geht soviel zurück wie mit einer Neuroleptikabehandlung und es hat
eine nachhaltigere Wirkung.

[00:15:27.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie geht nie ganz weg. Neuroleptika heilen auch nicht ganz.

[00:15:37.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Familie das lernt und das beibehält, dann bleibt der Effekt, auch wenn man
nicht mehr Therapie macht.

[00:15:56.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt einen Vorteil in der Familientherapie im Vergleich zur Psychopharmakotherapie.

[00:16:06.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Obwohl diese Methode sehr viel Anerkennung bekommen hat, obwohl sie bewiesen
hat, dass es die Rückfallsrate runter setzt, ging mit der Zeit das Ganze wieder verloren.

[00:16:20.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Christine E. Vaughn hat mir selber dann mal an einem Kongress gesagt: es ist
eigentlich schade, wir haben so viel Anerkennung bekommen, aber machen tut es jetzt
niemand mehr.

[00:16:35.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht können sie mir sagen, warum es nicht mehr En Vogue ist, warum es nicht
mehr praktiziert wird.

[00:16:36.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist eher wieder in Vergessenheit geraten und wurde nicht gross weiter geführt.

[00:16:58.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Das zur Geschichte der Familientherapie.

[00:17:01.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Familientherapie ist dann natürlich von Amerika auch nach Europa gekommen, in
die Schweiz gekommen.

[00:17:10.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Mehr einfach als Familientherapie.

[00:17:12.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Familientherapie von Schizophrenen wird nicht so viel praktiziert.

[00:17:18.470] – Dr.med. Ursula Davatz

Jedenfalls kenne ich nicht so viele, die das machen.

[00:17:22.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt komme ich zu meiner Geschichte.

[00:17:22.940] – Dr.med. Ursula Davatz
1980 bin ich von Murray Bown, Georgetown University, nach Königsfelden gekommen,
voller Enthusiasmus.

[00:17:34.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe damals in Washington nicht so viele Schizophrenie Patienten gehabt, weil wir
ein allgemeines Ambulatorium waren.

[00:17:43.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Murray Bowen hat mir alle gegeben, die gekommen sind.

[00:17:45.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kam ich nach Königsfelden, da hatte ich so viele Schizophrenie Familien, dass ich
wirklich mein gelerntes praktizieren konnte.

[00:17:54.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte den Enthusiasmus, bei allen Erst-Psychotikern sofort die Familie zu bestellen
und mit denen zu arbeiten und so versuchen, die Prognose zu verbessern.

[00:18:01.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe das auch, an den Sitzungen verkündet, aber das war damals noch nicht
salonfähig.

[00:18:16.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Es hat sich nicht durchgesetzt.

[00:18:19.060] – Dr.med. Ursula Davatz
33 Jahre später ist jetzt total in.

[00:18:22.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle Universitätskliniken haben eine Psychose-Früh-Erfassung.

[00:18:27.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Königsfelden hat es auch.

[00:18:29.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Heutzutage will man die Psychose früh erfassen.

[00:18:34.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Psychose früh erfassen ist eines, aber sie behandeln ist ein zweites.

[00:18:42.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Es nützt nichts, wenn man sie erfasst und dann nicht das System gut beraten kann,
sodass es nicht weiter macht mit seinen schizophrenogenen Verhaltensweisen.

[00:18:58.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich rede nicht von der schizophrenogenen Mutter, sondern das ganze System macht
damit, man kann es niemals einfach der Mutter anlasten.

[00:19:07.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Das war ein Fehlbegriff, der eine Zeit lang kursiert ist, der auch die Familientherapie
stark in Verruf gebracht hat.

[00:19:14.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Familientherapie hat nicht die Haltung, dass die Mutter schuld ist an der
Schizophrenie.

[00:19:21.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mutter hat einen Teil daran, der Vater ist genauso beteiligt, die Generationen oben
daran sind weiter daran beteiligt.

[00:19:36.540] – Dr.med. Ursula Davatz
1983 habe ich die VASK gegründet. Damals hiess es noch EPK, Elternvereinigung
psychisch Kranker. Der Kanton Aargau und der Kanton Baselland, wir waren die ersten
in der Schweiz, die eine VASK gegründet haben. VASK steht für Vereinigung
Angehöriger Schizophreniekranker.

[00:19:58.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Idee war damals so: wie hatten viele von diesen überengagierten Eltern, zum Teil
auch sehr überengagierte Mütter, die viel Energie rein gebracht haben. Auf der
Abteilung wurden sie in der Regel weg geschickt. Sie werden leider noch heute
manchmal weg geschickt und beklagen sich dann darüber.

[00:20:23.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mir gedacht: ich muss etwas machen mit dieser Energie.

[00:20:23.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben aus der Statistik rausgeholt, wer mit einer Psychose eingetreten ist, mit einer
Schizophrenie, im Rahmen von ein paar Jahren.

[00:20:39.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Die habe ich dann alle angeschrieben und gefragt, ob sie nicht zu einer Sitzung
kommen würden.

[00:20:44.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern sind gekommen und noch am gleichen Tag haben wir den Verein gegründet.

[00:20:50.750] – Dr.med. Ursula Davatz

Aus dem Verein ist dann die Stiftung Guyerweg hervorgegangen, ein Wohnheim für
psychisch Kranke, an erster Stelle für Schizophrene.

[00:20:56.328] – Dr.med. Ursula Davatz
https://guyerweg.ch/

[00:20:56.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Idee war, wenn sie aus der akuten Phase draußen sind, dass sie dann in eine
Wohnmöglichkeit gehen können, wo sie vom Umfeld her betreut werden, ohne dass
dieser schizophrenogene Faktor wirkt, der die Familie auf das betreffende Individuum
ausübt.

[00:21:28.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus dieser Gruppe ist eine geführte Angehörigengruppe hervorgegangen.

[00:21:34.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Zuerst war sie nicht geführt, dann haben die mich gefragt, ob ich nicht die Führung
übernehme.

[00:21:40.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Die läuft noch jetzt in Baden, eine einmal im Monat, jeweils am Montag.

[00:21:59.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kommen immer noch Angehörige und arbeiten an ihrer Familie.

[00:22:03.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist immer sehr interessant, was die dann erzählen. Wie sie sich auch gegenseitig
unterstützen und sehen: ah ja, da war ich früher auch so, aber das habe ich schon
gelernt.

[00:22:13.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Lerneffekt wird in der Gruppe weitergegeben.

[00:22:16.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eine sehr schöne Sache.

[00:22:20.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe seither sehr viele Familien gesehen und behandelt.

[00:22:25.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe über Jahrzehnte hinweg zum Teil Familien begleitet, sodass ich den ganzen
Verlauf sehen konnte. Das ist sehr hilfreich.

[00:22:34.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist im Gegensatz zu den meisten Studien, die gemacht werden. Die gehen oft nicht
über zwei bis fünf Jahre hinaus.

[00:22:41.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kann sich vieles ändern.

[00:22:44.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Langzeitbeobachtungen in meinem Kopf natürlich, die sind für mich sehr
interessant und haben mein Denken in Bezug auf die Schizophrenie stark
weiterentwickelt.

[00:22:47.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Was habe ich gelernt und was ist meine Quintessenz?

[00:23:07.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich könnte natürlich stundenlang über Schizophrenie und die Behandlung der
Schizophrenie reden.

[00:23:13.320] – Dr.med. Ursula Davatz

Ich bin daran seit zehn Jahren oder mehr ein Buch zu schreiben über Schizophrenie
und Familientherapie.

[00:23:20.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hoffe, es kommt irgendwann mal noch raus. Ich habe jetzt ein Vorwort von Luc
Ciompi.

[00:23:27.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht habe ich mehr Chancen, wenn ich einen alten Herren habe, der mich etwas
einführt.

[00:23:36.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Was sind die Quintessenzen, die ich ihnen mitgeben möchte?

[00:23:44.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich verwende gewisse Stichworte und Wörter, um etwas zu charakterisieren.

[00:23:50.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen mich gerne nachher darüber ausfragen.

[00:23:51.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schizophreniekrankheit ist eine maligne Pubertät. Eine bösartige Pubertät.

[00:24:03.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Gegensatz zu den Borderline Patienten, dort sage ich, das ist eine professionelle
Pubertät. Das ist anders.

[00:24:09.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schizophrenen, die pubertieren auf eine krankhafte Art und Weise, bösartige Art
und Weise, nicht böse im Sinn von moralisch gesehen, sondern für uns schwierig.

[00:24:26.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schizophreniekranken haben die Ablösung vom Elternhaus aus verschiedenen
Gründen nicht geschafft.

[00:24:32.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele Eltern von Schizophreniekranken sagen auch, der Schizophreniekranke hat nie
pubertiert.

[00:24:42.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat nicht pubertiert, weil er das nicht durfte.

[00:24:45.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht, weil man es ihm nicht erlaubt hat, aber weil das System so besetzt war mit
anderen Dingen, die das nicht erlaubt haben.

[00:24:53.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man nicht pubertieren darf, dann kann man den Ablösungskonflikt nicht durch
machen, dann wird der unterdrückt und dann kann man quasi nicht erwachsen werden.

[00:25:06.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Die größte Prävalenzrate der Schizophrenie Erkrankung ist ja auch während der
Pubertät, also im Pubertätsalter bis zum jungen Erwachsener Alter. Einen zweiten
Höhepunkt gibt es im mittleren Alter.

[00:25:18.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort hängt es immer zusammen mit einem Konflikt in der Ehe.

[00:25:23.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe Patientinnen behandelt und konnte das eigentlich immer feststellen, da ist ein
verdeckter Ehekonflikt, der natürlich auch noch zusammenhängt mit dem nicht ganz
abgelöst sein, das heißt, nicht ganz erwachsen sein.

[00:25:44.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Stückchen mehr, als wenn die Schizophrenie im Pubertätsalter auftritt.

[00:25:52.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Es sind die Schizophreniepatienten, welche die Eltern in die Therapie bringen.

[00:26:01.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Symptom der Schizophrenie zwingt das System, sich behandeln zu lassen.

[00:26:08.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal, wenn es gut läuft und die Eltern lernbereit sind, dann sagen sie das sogar –
ich habe es auch von Eltern von Drogensüchtigen gehört –, dann sagen sie: ich habe
etwas gelernt.

[00:26:24.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Patient hat mich gezwungen dazu, etwas zu lernen.

[00:26:29.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Eltern das sagen, dann merkt man: jetzt ist man auf einem guten Weg.

[00:26:30.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Da ist Entwicklung möglich.

[00:26:33.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt Fachleute in den USA, die versucht haben die Familiensysteme zu definieren,
so wie Familiendiagnosen zu stellen.

[00:26:53.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat von zentripetalen und zentrifugalen Familien geredet.

[00:26:57.510] – Dr.med. Ursula Davatz

Für mich hat es nie ganz geklappt.

[00:26:59.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Was ich klar sehe bei den Familien mit Schizophreniekrankheit: es besteht in der Regel
ein latenter, schwellender, häufig auch offener Konflikt zwischen den Eltern.

[00:27:15.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn der Konflikt nur schwelend ist, dann redet man von Pseudo-Einigkeit, Pseudo-
Mutuality. Theodore Litz hat diesen Begriff geprägt.

[00:27:23.810] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesen schwelenden oder offenen Konflikt ist das Kind, welches Schizophrenie
entwickelt, mit eingebunden.

[00:27:35.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Es besteht eine Dreiecksbeziehung zwischen Vater, Mutter und Kind.

[00:27:41.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eines der Konzepte von Murray Bowen. Das Dreieck, welches dann später auch
von anderen Familientherapeuten übernommen wurde.

[00:27:50.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind steckt in einer gespaltenen Loyalität.

[00:27:55.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist einerseits loyal zum Vater und andererseits zur Mutter und sollte das gleichzeitig
sein und das geht nicht.

[00:28:03.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sich die Eltern scheiden und das Kind nicht gleichzeitig zu beiden Beziehungen
haben muss, sondern nacheinander, dann geht das eher.

[00:28:13.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Meistens sagen die Eltern: wir müssen zusammenbleiben für das Kind, und ich sage:
das ist das Dümmste, das sie tun können.

[00:28:19.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es nicht klappt, dann lieber scheiden, denn das ist schädlich für das Kind, wenn
sie so tun, als ob sie mit anderen auskommen.

[00:28:29.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt Studien von Guy Bodenmann.

[00:28:35.340] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.psychologie.uzh.ch/de/bereiche/hea/kjpsych/team/Leitung/bodenmann.html

[00:28:35.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Er zeigt klar, am besten ist, wenn die Eltern gut miteinander auskommen.

[00:28:35.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Eltern schlecht miteinander auskommen und dennoch zusammenbleiben, ist
das am schädlichsten.

[00:28:49.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat nicht über Schizophrenie geforscht. Für die anderen Kinder ist es auch schädlich.

[00:28:55.950] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinne ist das Kind in diesen Partnerschaftskonflikt der Eltern mit eingebunden
und hat dort eine funktionalisierte Rolle.

[00:29:05.940] – Dr.med. Ursula Davatz

Das Kind vermittelt dazwischen, es unterstützt den einen, den es als schwach
empfindet, geht gegen den anderen vor, welcher als Böse erscheint. Das Kind hat eine
Funktion.

[00:29:17.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Zusätzlich zu dieser Vermittlungsrolle kann das Kind noch eine weitere funktionalisierte
Rolle haben im System.

[00:29:29.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bringe ein Beispiel von meiner Zeit, wo ich noch im sozialpsychiatrischen Dienst
gearbeitet habe.

[00:29:30.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Schizophrenie Patientin wurde geboren, als drei Geschwister der Mutter durch
Unfälle ums Leben gekommen sind. Die Mutter war nicht verheiratet. Es war ein
uneheliches Kind. Ich habe die Grossmutter und die Patientin bei mir im Zimmer
gehabt.

[00:29:42.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich nehme immer einen Familienstammbaum auf.

[00:30:03.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe die Grossmutter gefragt: wie sind sie damals darüber hinweg gekommen, als
sie damals drei Kinder kurz hintereinander verloren haben?

[00:30:06.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Antwort war: die Enkelin, die Patientin, hat mir darüber hinweg geholfen.

[00:30:32.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Patientin hatte den Wahn, dass sie dachte, dass sie Jesus Christus sei und musste
die Welt retten. Ihr Wahn hat haargenau zu ihrer Funktion gepasst.

[00:30:41.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Solche Dinge sehe ich immer mehr.

[00:30:48.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Patienten können nicht nur eine funktionalisierte Rolle haben im Ehekonflikt,
sondern auch im ganzen System.

[00:30:55.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort kommen natürlich dann auch die verschiedenen Generationen und was da alles
rüberkommt, mit hinein.

[00:31:05.490] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Regel, das passt wieder zu der nicht vollzogenen Ablösung, besteht eine relativ
enge Beziehung zur Mutter, weil sich das Kind ja nicht ablösen kann und dann krank
wird. Dann bezieht sich die Mutter noch mehr auf das Kind.

[00:31:32.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist die berühmte symbiotische Mutter-Kind-Beziehung, die natürlich auch
beschrieben wurde.

[00:31:43.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus diesen paar Bemerkungen oder Beschreibungen des Familiensystems, was da
schiefgelaufen ist, kann man jetzt natürlich die Therapie ableiten.

[00:31:56.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Frage stellt sich: was ist die Aufgabe des Familientherapeuten?

[00:32:01.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Was dort die wichtigen Ecksteine?

[00:32:07.070] – Dr.med. Ursula Davatz

Wenn man Familientherapie nach Salvador Minuchin gelernt hat, dann lernt man, man
darf nur das machen, was die Eltern einem beauftragen.

[00:32:15.398] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Strukturelle_Familientherapie

[00:32:16.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Eltern mit dem Schizophrenie-Kind in die Familientherapie kommen, sollte
man nur in Bezug auf das Kind etwas ändern.

[00:32:24.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei Schizophrenie-Patienten sehe ich das anders.

[00:32:28.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Man soll den Ehekonflikt angehen zwischen den Eltern.

[00:32:34.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht in der ersten Stunde, nicht beim Eintrittsgespräch, das ist ganz klar.

[00:32:40.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss ihn sehen, man muss in bemerken. Allmählich schält er sich heraus.

[00:32:41.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte auch schon Familien, die haben gesagt: wir sind eigentlich wegen unserem
Sohn gekommen und jetzt auf einmal schauen wir unsere Ehe an.

[00:32:54.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann sage ich: ja, das ist genau folgerichtig. Das ist der Weg.

[00:32:57.180] – Dr.med. Ursula Davatz

Man soll den Konflikt angehen und versuchen das Kind aus dieser Dreiecksbeziehung
herauszulösen.

[00:32:57.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Patient ist eine Art Familientherapeut in seinem System.

[00:33:18.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich muss ihn da herauslösen und ich übernehme seine Rolle.

[00:33:24.040] – Dr.med. Ursula Davatz
ich vermittle zwischen den Eltern respektiv ich kläre zwischen den Eltern.

[00:33:29.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal sage ich das dem Patienten auch.

[00:33:32.190] – Dr.med. Ursula Davatz
ich sage: Die Rolle können Sie jetzt mir überlassen. Das mache ich. Das müssen Sie
nicht mehr tun.

[00:33:37.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Idee ist, dass der Patient dann selber für sich schauen kann, seine Entwicklung
machen und vorwärtskommen kann.

[00:33:45.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann ein weiterer Punkt, welcher Murray Bowen damals schon in diesem Projekt am
NIMH festgestellt hat ist, dass man den Vater miteinbezieht.

[00:33:54.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat immer von der schizophrenogenen Mutter, der symbiotischen Mutter, geredet.

[00:33:59.080] – Dr.med. Ursula Davatz

In meiner Angehörigengruppe kommen sehr viele Mütter, viel weniger Väter.

[00:34:04.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist immer schwierig, die Väter reinzubringen.

[00:34:08.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist wichtig, dass man sie reinbringt.

[00:34:10.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Erfahrung hat gezeigt, und das gilt nicht nur für die Schizophreniepatienten, das gilt
auch für andere.

[00:34:17.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Damit sich ein Kind ablösen kann von der engen Beziehung zum Familiensystem, muss
der Vater vorhanden sein.

[00:34:25.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Vater macht mit dem Kind eine andere Art von Auseinandersetzung als die Mutter.

[00:34:31.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Vater hat eine andere Rolle. Aus diesem Grund ist es ganz wichtig, dass man den
Vater hinein holt.

[00:34:32.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Dr. Nikolaj Reber, mein Kollege in der Praxis, hat auf meine Anregung auch eine
Dissertation diesbezüglich gemacht.

[00:34:49.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Da ist ganz klar herausgekommen, dass der Behandlungserfolg mit einer guten
Beziehung zum Vater korreliert.

[00:34:59.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heißt, dass die Beziehung zum Vater eine Ressource ist für die Therapie.

[00:35:06.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Murray Bowen hat das auch so bemerkt am NIMH. Wenn die Väter nicht eingebunden
werden konnten, dann hat die Zusammenarbeit mit der Mutter nicht viel gebracht.

[00:35:18.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Väter verbindlich mit eingebunden werden konnten in die Therapie, dann hat
man einen Behandlungserfolg sehen können.

[00:35:27.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe das Gleiche mal im sozialpsychiatrischen Dienst untersucht. Wir haben es nie
publiziert, nur so handmäßig ausgewertet. Es kam das gleiche raus.

[00:35:37.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Mütter gut kooperiert haben im therapeutischen Prozess, hat das noch gar
nichts geheissen. Wir brauchen die Väter.

[00:35:48.740] – Dr.med. Ursula Davatz
In einer vaterlosen Gesellschaft, wo die Väter abgezogen sind von der Arbeit oder sonst
irgendetwas, ist das manchmal schwierig.

[00:35:56.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bestehe eigentlich immer darauf, dass man die Väter reinholt.

[00:36:02.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mütter muss man stützen. Man darf nicht sofort die Nabelschnur durchschneiden
wollen. Man darf nicht die symbiotische Beziehung sofort bekämpfen wollen.

[00:36:14.720] – Dr.med. Ursula Davatz

Das wird viel gemacht. Das ist ein großer Fehler. Da beklagen sich die Mütter dann
auch.

[00:36:21.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss das als erstes mal akzeptieren.

[00:36:25.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss die Mütter stützen, unterstützen in ihrer Eigenständigkeit.

[00:36:30.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Mütter eigenständig werden können, kann sich das Kind auch entwickeln.

[00:36:36.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Mütter nicht eigenständig werden, dann ist das Kind immer noch im Auftrag
der Mutter. Da hat es viele versteckte Aufträge. Manchmal ist es auch der Vater, aber
mehr die Mütter.

[00:36:51.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss beide Elternteile in ihrer Erwachsenenrolle und Eigenständigkeit fördern,
stützen, sodass das Kind nicht mehr so viel Aufgaben für das System übernehmen
muss.

[00:37:07.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Den Patienten selbst, den muss man coachen, sage ich jetzt extra, nicht therapieren,
der will ja erwachsen werden.

[00:37:14.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Den Patienten muss man coachen in seiner Entwicklung zur Selbstständigkeit und zum
Erwachsenwerden.

[00:37:21.220] – Dr.med. Ursula Davatz
An den Kongressen der Schizophrenie wird oft über die Verhaltenstherapie gesprochen.

[00:37:31.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin eher eine Gegnerin davon.

[00:37:35.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Die jungen Menschen müssen noch ihre Persönlichkeit entwickeln.

[00:37:39.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man die jungen Menschen mit Verhaltenstherapie in ein Schema reindrückt, dann
können sie ihre Persönlichkeit nicht so gut entwickeln.

[00:37:46.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich will die jungen Menschen eher individuell, personalisiert, also mit der
personalisierten medizinischen therapeutischen Methode unterstützen in ihrer
Entwicklung.

[00:37:58.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Da gehört natürlich die Ausbildung dazu, der Beruf, die Wiedereingliederung im Beruf.
Da korrespondiert man mit der IV.

[00:38:11.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Beziehungsknüpfung, die Sexualität, die Liebe, die enttäuschte Liebe und so weiter,
das gehört alles dazu.

[00:38:19.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Man unterstützt sie möglichst wieder in das normale Umfeld zurück gehen zu können.
Das wäre der sozialpsychiatrische Auftrag am Klienten selbst.

[00:38:39.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin eine grosse Befürworterin des Job-Coachings, dass man sie direkt ins normale
Umfeld zurückbringt mit Unterstützung, nicht in Gettos von Werkstätten usw.

[00:38:45.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal geht es nicht anders.

[00:38:47.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein wichtiger Punkt: die Medikamente.

[00:38:51.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Man redet immer von Compliance und Non-Compliance.

[00:38:58.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heißt eigentlich nichts anderes als Gehorsamkeit.

[00:39:01.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Patienten müssen gehorchen und hören, was der Arzt sagt und die Medikamente
einnehmen.

[00:39:07.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Da ist meine Haltung: alle meine Schizophrenie-Patienten müssen lernen, ihr
Medikament selbst einzunehmen, auch mit dem Risiko, dass sie wieder einen Rückfall
haben. Das macht nichts.

[00:39:23.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen es selbst einsehen und sie dürfen bei mir sogar etwas rauf gehen, etwas
runter gehen.

[00:39:29.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mit vielen Patienten viele Rückfälle durchgemacht. Schlussendlich haben es
eigentlich alle gelernt, selbst die Medikamente einzunehmen.

[00:39:39.130] – Dr.med. Ursula Davatz

Wenn ich nicht stur drauf rumreite, du musst und du musst gehorchen, also die
Patienten quasi bevormunde in Bezug auf die Medikamenteneinnahme, sind sie viel
kooperativer.

[00:39:50.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie kommen weiterhin in die Behandlung, auch wenn sie auf eigene Faust die
Medikamente abgesetzt haben.

[00:39:56.730] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Klinik wurde ihnen gesagt: sie dürfen die Medikamente wegen mir absetzen.
Dann waren die Leute verrückt auf mich, dass ich das erlaubt habe.

[00:40:08.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Meine Antwort: wissen sie wer es abgesetzt hat? Der Patient selber.

[00:40:10.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat sich nicht selber getraut und mich im Dreieck verwendet, damit man nicht auf ihn
wütend ist. Dann konnte man dann über mich schimpfen.

[00:40:11.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin keine Vertreterin der Injektion. Wenn der Patiente das möchte, habe ich nichts
dagegen. Ich möchte die Compliance nicht über eine Spritze erhöhen.

[00:40:15.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich will, dass der Patient selber lernt, Medikamente zu nehmen.

[00:40:20.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Patient muss auch selber lernen, sich zu beobachten, zu wissen, wann er sein
Medikament wieder nehmen muss und wann man allenfalls runterfahren kann.

[00:40:49.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Schlussendlich haben es alle gelernt.

[00:40:50.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich haben einen der nie mehr in der Klinik war, er läuft psychotisch durch die Welt, aber
nie so schlimm, dass er wieder hospitalisiert werden musste.

[00:41:21.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Familientherapie von Schizophreniekranken ist eine unglaublich interessante
Angelegenheit. Ich nie ausgelernt. Ich lerne ständig weiter.

[00:41:32.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich verbessere meine Theorie über die Entstehung und die Therapie ständig weiter.

[00:41:38.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum ist mein Buch auch eine endlose Geschichte.

[00:41:42.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hoffe, dass ich mein Buch vor meiner Pensionierung fertig stellen kann.

[00:41:42.601] – Dr.med. Ursula Davatz
https://books.apple.com/us/book/ad-h-d-and-schizophrenia/id1451739789

[00:41:42.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt können sie mir Fragen stellen und kontroverse Thesen bringen. Sie können auch
einen Fall vorstellen, denn würde ich hier aufzeichnen.

[00:42:10.840] – Bemerkung 1
Wie gehen sie vor mit jemanden, der verschiedene Krankheitsbilder hat?
Schizophrenie, Persönlichkeitsstörung und eine Suchterkrankung. Geht man da anders
vor, oder machen sie das gleich, analog?

[00:42:26.590] – Dr.med. Ursula Davatz

Das ändert für mich gar nichts.

[00:42:34.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Diagnosestellung ist für uns Ärzte wichtig und für die Krankenkasse. Für mich
selber ist das unwichtig.

[00:42:40.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher hat man gesagt: die Persönlichkeitsstörung, die ist untherapierbar.

[00:42:47.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt hat man Untersuchungen gemacht und da heißt es, das stimmt überhaupt nicht.
Selbst wenn man gar nichts macht, kann sich das verändern.

[00:42:53.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Ist ja eigentlich klar.

[00:42:55.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Mensch ist in der Interaktion mit dem Umfeld, er kann sich verändern.

[00:42:58.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich versuche nicht irgendetwas Spezielles zu machen.

[00:42:59.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist ein Mensch, eine Familie. Die haben Probleme. Ich versuche immer das gleiche.

[00:42:59.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich versuche den Erwachsenen zu helfen, mit dem effizienter umzugehen, weniger
Verantwortung für ihn zu übernehmen, mehr für sich selbst, dem Patienten zu helfen,
für sich Verantwortung zu übernehmen und so quasi ins Leben rauszukommen.

[00:43:29.120] – Dr.med. Ursula Davatz

Eigentlich ist es eine Entwicklungsförderung und nicht eine Behandlung des Symptoms.

[00:43:36.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist eine Prozesskrankheit und die Therapie ist eine Prozessbegleitung.

[00:43:41.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Nach Möglichkeit möchte man den Prozess so beeinflussen, dass er mehr in Richtung
Gesundung läuft und nicht in Richtung Erkrankung.

[00:43:52.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Macht das Sinn? Versteht man das?

[00:43:55.940] – Bemerkung 1
Also immer auch die Familie stützen?

[00:44:03.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Absolut, immer.

[00:44:05.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich war lange in der Drogenkommission. Ich hatte im Kanton Aargau die erste
Drogenberatungsstelle unter mir.

[00:44:13.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte viele Süchtige auch. Dort gelten die gleichen Regeln.

[00:44:13.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe viele Schizophrenie-Patienten, die rauchen Haschich, die sind schizophren,
die ritzen sich manchmal noch. Die haben alles durcheinander.

[00:44:28.640] – Dr.med. Ursula Davatz

Ich spreche nicht von Komorbidität. Es sind verschiedene Erscheinungsbilder von
einem Problem.

[00:44:43.660] – Bemerkung 2
Was ist die Rolle und Bedeutung von Geschwistern?

[00:44:52.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Erstgeborenen erkranken mehr an Schizophrenie, als andere
Geschwisterpositionen.

[00:45:00.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt eine Theorie über die verschiedenen Geschwisterpositionen von Walter Toman.

[00:45:20.560] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.chbeck.de/familienkonstellationen/product/29450885

[00:45:21.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat in Erlangen an der Uni ganz viele Studenten interviewt und dann acht
verschiedene Geschwisterpositionen rausgeholt.

[00:45:31.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kann die jetzt nicht alle aufzählen.

[00:45:33.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage: das älteste Kind und das jüngste Kind sind häufig am Vulnerabelsten.

[00:45:41.190] – Dr.med. Ursula Davatz
So habe ich es erlebt in Bezug auf Schizophrenie.

[00:45:43.420] – Dr.med. Ursula Davatz

Das älteste Kind trägt strukturelle Verantwortung. Wenn die Eltern versagen, wenn das
System nicht funktioniert, muss das älteste Kind ganz viel tragen.

[00:45:55.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann natürlich zum Zusammenbruch dieses Individuums führen.

[00:46:00.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Das jüngste Kind trägt emotionale Verantwortung.

[00:46:04.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Es schaut, dass sich alle wohlfühlen, denn es kommt ins System, wenn eigentlich schon
alles, so ist wie es ist, also fait accompli.

[00:46:10.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Das jüngste Kind erlebt viele, ohne zu verstehen was läuft.

[00:46:16.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Das jüngste Kind nimmt das mehr so osmotisch, gefühlsmäßig auf.

[00:46:21.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Daher haben die Jüngsten häufig den Auftrag, für das ganze System zu schauen,
gefühlsmäßig, emotional für das System zu schauen.

[00:46:33.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Man redet von Nesthäkchen, die kommen nicht weg vom Nest. Nicht, dass die das nicht
wollen, die dürfen nicht. Die haben noch einen Auftrag.

[00:46:37.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich treffe viele Älteste und Jüngste an.

[00:46:51.470] – Dr.med. Ursula Davatz

Es gibt sicher auch Geschwister, welche in der Mitte sind. Da muss man jedes Mal
wieder schauen: was für eine funktionalisierte Rolle hat das Kind?

[00:46:51.550] – Bemerkung 2
Wie beziehen sie die Kinder in die Behandlung mit ein? Auch wenn eine Gruppe von
Angehörigen kommt.

[00:46:56.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Meistens läuft es so: wenn die Eltern nicht mehr mögen, wenn sie nicht mehr können,
wenn die Energie zu Ende ist, dann ziehen die Eltern eines der gesunden Kinder rein
und sagen: mach du!

[00:47:23.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sage ich ganz klar: Nein!

[00:47:23.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn diese Kinder auch in die Angehörigengruppe kommen, sage ich ihnen: du hast
keine parentifizierte Rolle. Du bist nicht verantwortlich für die Krankheit oder Gesundheit
deines Geschwisterns. Du darfst einfach nur Geschwister sein.

[00:47:43.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn du ein älteres Geschwister bist, dann begegnest du deinem
schizophreniekranken Geschwister, das jünger ist, in deiner älteren Rolle.

[00:47:52.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Du darfst keine Verantwortung für dein Geschwister übernehmen.

[00:47:55.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn du jünger bist, in der Rolle.

[00:47:57.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Meistens fühlen sich die Geschwister dann sehr entlastet.

[00:48:05.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal kommen die Familien auch über Geschwister in die Therapie.

[00:48:07.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann sage ich immer: ihr müsst jetzt die Eltern bringen.

[00:48:08.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich arbeite dann mit den Eltern.

[00:48:14.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schwister dürfen ab und zu, wenn die das wollen, dazukommen und Fragen haben.

[00:48:20.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich nehme sie nicht in die Verantwortung.

[00:48:24.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich muss die Kinder aus der Verantwortung entlassen. Das bringt nichts.

[00:48:31.720] – Bemerkung 3
Können sie typische schizophrene Eltern beschreiben? Ich denke, dass ich schon ein
paar solche gesehen habe.

[00:48:58.420] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Regel denken diese Familien viel. Häufig wird auch viel geredet. Probleme
werden über reden gelöst anstatt über handeln.

[00:49:31.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Die haben Probleme mit handeln, mit Entscheidungen treffen.

[00:49:31.770] – Dr.med. Ursula Davatz

Das Kind übernimmt das Muster. Es wird gedacht und gedacht und gedacht.

[00:49:50.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Man getraut sich nicht zum Handeln.

[00:49:50.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Häufig ist auch relativ viel Ängstlichkeit im System.

[00:49:57.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat vor allem möglichen Angst und hält sich zurück.

[00:50:11.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind sehr reaktiv und lassen sich schnell aufschaukeln. Sie reagieren schnell,
können ungeduldig, nervös sein.

[00:50:12.520] – Bemerkung 3
Sind sie nicht eher gefühlskalt?

[00:50:30.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, das stimmt nicht. Sie können sehr emotional sein, überhaupt nicht gefühlskalt,
überschwenglich, alles mögliche.

[00:50:30.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Die analytische Theorie versucht zu sagen, dass in der frühen Bindung die Bindung
nicht richtig geklappt hat.

[00:50:44.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe das Beispiel gebracht, wo die Geschwister der Mutter gestorben sind und sie
war dann Jesus Christus.

[00:50:45.170] – Dr.med. Ursula Davatz

Es gibt eine Untersuchung von Froma Walsh, einer Familientherapeutin.

[00:50:56.670] – Dr.med. Ursula Davatz
https://en.wikipedia.org/wiki/Froma_Walsh

[00:50:56.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie konnte aufzeigen, dass Schizophreniekranke häufig zum Zeitpunkt geboren worden
sind, als ein Todesfall in der Familie geschehen ist. Dort waren es die Grosseltern.

[00:51:17.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wenn man die eigenen Eltern verliert, sei es Schwiegermutter oder
Schwiegervater oder eigene Mutter oder Vater, da ist Trauer im System.

[00:51:32.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man nicht ganz abgelöst ist, ist das natürlich eine stärkere Trauer.

[00:51:39.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Trauer absorbiert dann die Emotionalität. Die kann die Beziehung zum Kind
stören.

[00:51:47.280] – Dr.med. Ursula Davatz
So was kann es schon geben.

[00:51:49.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Froma Walsh die Familien interviewt hat und den Zusammenhang hergestellt hat:
ihr Kind ist ja geboren, als sie ihre Mutter verloren haben. Das hat häufig noch eine
Trauerreaktion ausgelöst. Die Leute haben begonnen zu weinen und haben diesen
Zusammenhang gar nicht gesehen.

[00:51:50.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben die Trauer verdrängt und sich auf das Kind gestürzt.

[00:52:10.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hört man häufig, das machen die Grossletern, das machen die Eltern.

[00:52:14.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn etwas im System ist, dann sagen die Eltern: das kleine Kind, das ist jetzt mein
Sonnenschein. Das tröstet mich über alles hinweg, wunderbar.

[00:52:19.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich als Familientherapeutin denke dann natürlich: das ist nicht so gut.

[00:52:33.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind wird belastet. Das Kind wird schon sehr früh funktionalisiert.

[00:52:33.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Solche Familien trifft man auch an. Es muss nicht immer sein.

[00:52:38.400] – Bemerkung 4
Wir arbeiten sie mit dem Patieten selber?

[00:52:51.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch in der Einzeltherapie versuche ich eine Beziehung herzustellen. Ich versuche sie
zu coachen in ganz alltäglichen Problemen.

[00:53:20.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie sollen sie umgehen, wo sie jetzt gerade sind, z.B. mit ihrem Arbeitsplatz oder mit
ihrer Ausbildung.

[00:53:27.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich coache sie natürlich auch, wie sie umgehen mit ihren Eltern.

[00:53:31.720] – Dr.med. Ursula Davatz

Das geht nicht so schnell. Die schützen ihre Eltern immer.

[00:53:32.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Am Anfang getrauen sie sich gar nichts negatives zu sagen über die Eltern.

[00:53:33.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit der Zeit schon.

[00:53:37.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich berate sie im Umgang mit den Eltern.

[00:53:43.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich berate die Eltern im Umgang mit dem Kind. Ich berate das Kind im Umgang mit den
Eltern.

[00:54:10.970] – Bemerkung 5
Viele Patienten schieben die Schuld auf die Polizei oder auf das Umfeld.

[00:54:11.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Schizophrenie-Familien haben auch eine schlechte Konfliktbewältigung, schlechte
Konfliktbewältigungsstrategien.

[00:54:36.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich helfe den Patienten, den Konflikt anders zu bewältigen als über die Psychose.

[00:54:45.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich versuche zu schauen, was steckt hinter der Psychose für ein Konflikt.

[00:54:50.940] – Dr.med. Ursula Davatz

Wenn ich weitergehen will, dann sage ich, die Schizophreniekrankheit tritt immer dann
auf, wenn ein Mensch über längere Zeit unter starkem emotionalem Stress gestanden
ist.

[00:55:02.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Stress, der kann verschiedener Ursache sein.

[00:55:05.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat Stress, weil er schlechte Problembewältigungsstrategien hat.

[00:55:09.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Da versuche ich, ihnen bessere Problembewältigungsstrategien beizubringen.

[00:55:15.110] – Bemerkung 6
Die Psychose ist ja schon da.

[00:55:15.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch in der Psychose. Ich versuche hinter das Symptom zu sehen und zu schauen,
was da eigentlich virulent aktiv ist.

[00:55:37.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte einen Patienten. Der durfte nicht pubertieren, weil seine Mutter immer
depressiv war. Der hat alles geleugnet. Er wollte am Arbeitsplatz etwas leisten. Er hat
die Stelle verloren. Er hat alles immer geleugnet, verdrängt. Er hatte immer so
Beziehungsideen. Er hatte das Gefühl, dass er die anderen beeinflussen kann. Im
Grunde genommen hat er sich völlig machtlos gefühlt und einen Grössenwahn daraus
entwickelt.

[00:56:09.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe versucht herauszufinden, wo sein Minderwertigkeitskomplex ist, wie gut er
sozial integriert ist. Ich habe ihn direkt konfrontiert.

[00:56:24.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Er sagte immer: das sind nur ihre Theorien, das stimmt nicht.

[00:56:33.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das sind meine Theorien.

[00:56:37.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe nicht versucht, ihn davon zu überzeugen.

[00:56:37.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat doch an sich gearbeitet. Unterdessen ist er soweit, dass er sagt: es stimmt. Jetzt
kann er besser damit umgehen und die komischen Ideen sind weg.

[00:56:43.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Davor waren die komischen Ideen immer noch da, auch mit den Medikamenten.

[00:56:43.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schizophrenie ist eine Problembewältigungsstrategie auf Metaebene.

[00:57:03.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Man erfindet die Welt neu, sodass sie zum emotionalen System passt. Sie passt
natürlich nicht zur Realität.

[00:57:21.480] – Bemerkung 7
Wie gehen sie mit den Helfersystemen um? Ich habe viele Patienten in einem
Wohnheim, welche die Tagesstruktur nicht wahrnehmen. Es gibt Konflikte mit dem
Team, mit den Mitbewohnern. Die haben oft auch keinen Kontakt mehr zu ihren
Herkunftsfamilien. Es kommen viele Interventionen aus dem Umfeld. Der Patient nimmt
die Tagesstruktur nicht mehr wahr.

[00:57:21.220] – Dr.med. Ursula Davatz

Wenn viele Helfersystem involviert sind, versuche ich das Case Management zu
übernehmen. Ich nehme Kontakt mit diesen Helfersystemen auf. Das geht zum Teil
besser zum Teil schlechter. Ich versuche sie zur Kooperation zu bringen, nach meiner
Vorstellung, sodass es für den Patienten möglichst hilfreich ist.

[00:58:18.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal gibt es da auch Konflikte.

[00:58:19.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele lassen sich etwas sagen.

[00:58:38.470] – Bemerkung 7
Was empfehlen sie da?

[00:58:40.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich muss den Fall kennen. Alle allgemeinen Regeln, wenn man sie wieder auf etwas
anderes anwendet, auf einmal stimmt es nicht mehr.

[00:58:41.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum gebe ich sie auch nicht so gerne.

[00:58:50.570] – Bemerkung 8
Es gibt mehr Trennungen und Scheidungen in den letzten 20 Jahren.

[00:58:53.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn heutzutage mehr geschieden wird, würde das eher heissen, dass es weniger
Schizophrene gibt, weil das Zusammenbleiben unter dem gleichen Dach und das
Funktionalisieren eines Kindes ja eher schizophrenen macht.

[00:59:53.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Scheidung ist besser als Zusammenbleiben.

[00:59:56.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Scheidung ist immer ein Trauma, aber zusammenbleiben und so verdeckt, streiten ist
viel schlimmer.

[01:00:03.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Daher müsste es nicht mehr geben.

[01:00:06.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kenne die Inzidenzrate nicht.

[01:00:09.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Was die Schizophrenie eher erhöht hat, ist das Cannabis.

[01:00:16.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt schon Studien, dass bei Jungen mehr Schizophrenie auftritt wegen dem
Cannabis Konsum. Das habe ich sehr viel beobachtet.

[01:00:17.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht wegen der Familie. Die Scheidung an sich macht nicht schizophren. Das
Zusammenblieben und über das Kind streiten, das macht schizophren.

[01:00:32.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Scheidung spielt keine Rolle. Im Gegenteil, es kann sogar eine Entlastung sein.

[01:00:51.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte einen Patienten, da wollte die Mutter scheiden. Dann ist er schizophren
geworden. Dann sind die Eltern 10 Jahre zusammen geblieben.

[01:01:01.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann haben sie geschieden.

[01:01:05.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Wahn des Patienten war nur die Ehescheidung.

[01:01:12.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe dann die Familie begleitet. Etwas später haben die geschieden.

[01:01:12.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat der Patient gesagt: es ist eher eine Erleichterung für mich. Er musste sie dort
nicht mehr zusammenhalten.

[01:01:19.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe auch Patienten, da sind die Eltern geschieden und wenn immer ein
Familientreffen ist, dann kann der Vater der Mutter nicht die Hand geben oder sie nicht
mal grüßen. Das nimmt die Schizophrenie-Patientin natürlich wahr.

[01:01:45.150] – Dr.med. Ursula Davatz
An einem Geburtstag hat sie beide Eltern eingeladen.

[01:01:49.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Das fand ich sehr gut. Ich habe sie gecoached.

[01:01:50.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir arbeiten immer noch an diesem Ehekonflikt, einfach einzeln, nur mit der Mutter. Der
Vater kommt nicht mehr.

[01:02:05.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher hat sich die Patientin nie getraut, irgendetwas darüber zu sagen.

[01:02:10.020] – Dr.med. Ursula Davatz

Jetzt kann sie es sagen. Jetzt kann sie sagen: die Eltern benehmen sich kindisch. Ich
finde das nicht in Ordnung. Es findet ein viel offenerer Austausch über das Ganze statt.
Es geht ihr besser.

[01:02:20.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hat noch einige psychotische Episoden durchgemacht. Es war immer ein ähnliches
Muster. Sie konnte nicht mit Konflikten umgehen.

[01:02:42.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe sie instruiert, wenn es einen Konflikt am Arbeitsplatz gibt oder auch mit dem
Vater oder der Mutter, dass sie für sich eintritt, dass sie etwas sagt.

[01:02:52.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie macht es besser.

[01:03:04.240] – Bemerkung 9
Ich habe Patienten, welche seit 30, 40 Jahren schon schizophren sind. Die Eltern sind
teilweise schon gestorben. Hier kann man nicht mehr von Familientherapie sprechen,
sondern man muss von Systemtherapie sprechen. Das heisst, das Umfeld der
Patienten so zu coachen, dass sie noch eine Entwicklung machen können? Das sind
dann wie Stellvertreter für die Eltern. Ist das korrekt?

[01:03:42.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das kann man sagen.

[01:03:42.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch wenn die Eltern gestorben sind, kann man den Patienten über seine Mutter,
seinen Vater ausfragen, wie das alles war. Was die für eine Rolle gehabt haben. Was
der Patient für eine Rolle im System hatte.

[01:04:13.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage, die sollen einen Brief an den Vater und an die Mutter schreiben.

[01:04:17.820] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Brief sich nochmals mit der Person auseinandersetzen.

[01:04:18.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Einer Mutter von einer Schizophrenie-Patientin habe ich gesagt, dass sie nochmals
einen Brief an den Vater schreiben soll. Sie hat das gemacht und gesagt, dass es ihr
einiges gebracht hat.

[01:04:30.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Davor war sie immer auf ihre Tochter ausgerichtet. Sie sagte immer: ich hoffe nur, sie
wird nicht wieder schizophren. Ich muss das immer wieder wegnehmen und auf die
Herkunftsfamilie ausrichten.

[01:04:58.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Darüber sprechen kann man schon noch mit dem Patienten.

[01:05:09.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Am Anfang getrauen sie sich gar nichts zu sagen und mit der Zeit dann eher mehr.

[01:05:16.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Umfeld macht oft ähnliche Fehler, verhält sich ähnlich wie das Familiensystem. Das
muss man ändern.

[01:05:16.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Man rutscht sehr leicht hinein und merkt es gar nicht.

[01:05:35.800] – Bemerkung 10
Bei uns sind ein Drittel aller Patienten Schizophrenie-Patienten. Familientherapeuten
welche sich mit schizophrenen Patienten befassen, gibt es nicht so viele.

[01:05:51.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, leider.

[01:05:54.280] – Bemerkung 10
Wie kann ich herausfinden, ob jetzt diese Familie oder dieser Patient eigentlich
geeignet ist, damit ich ihn sehr nachhaltig in die Richtung Familientherapie schicke oder
beim anderen eher sage muss: wer nimmt diesen Platz. Gibt es da Indikationskriterien?

[01:06:17.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Das einzige Kriterium ist: wie bereit sind die Eltern an sich zu arbeiten?

[01:06:35.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann die Eltern fragen: wären sie bereit, sich coachen zu lassen?

[01:06:36.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Die die das wollen, dürfen gerne zu mir in die Gruppe kommen. Wir haben immer
wieder Platz. Die wissen es oft nicht, dass es das gibt.

[01:06:38.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Vor kurzem war ein Ehepaar bei mir in dieser Gruppe. Der Vater hat gesagt: Seit wir in
diese Angehörigengruppe kommen, ist das Leben wieder lebenswert. Vorher war es
schrecklich.

[01:06:39.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eine schöne Aussage.

[01:06:39.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Dieser Vater ist jetzt sehr bereit. Die Eltern kommen mit Fragen: was soll ich tun, wie
mache ich das? Die wollen etwas lernen.

[01:06:56.910] – Dr.med. Ursula Davatz

Wenn Eltern eine rigide Haltung haben: das Kind ist einfach krank, sie haben das Kind
gesund zu machen, dann kann man sich die Zähne ausbeissen.

[01:07:02.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Damit möchte ich keine Energie verschwenden.

[01:07:15.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Frage an die Eltern: würden sie sich gerne beraten lassen, die würde eigentlich
reichen.

[01:07:19.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Wahrscheinlich gibt es mehr, als man denkt, die das wollen.

[01:07:35.740] – Bemerkung 10
Das würde dafür sprechen, dass die Eltern routinemässig miteinbezogen werden.

[01:07:42.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, insbesondere bei Erstpsychotikern.

[01:07:49.450] – Bemerkung 11
Das schizophrene Kind soll mit den Eltern zusammen kommen in die Sitzung?

[01:08:10.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, ich sehe die nicht zusammen.

[01:08:15.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich gebe manchmal den Patienten auch an meinen Assistenzarzt oder je nachdem, ist
der auch wo ganz anders und ich sehe ihn nicht mal.

[01:08:23.970] – Dr.med. Ursula Davatz

Die Eltern dürfen auch, wenn das Kind woanders ist, sie dürfen zu mir in die Beratung
kommen.

[01:08:28.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich muss den Patienten nicht auch haben.

[01:08:32.490] – Bemerkung 11
Ach so!

[01:08:32.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei diesem Ehepaar, wo der Vater gesagt hat: jetzt ist das Leben wieder lebenswert,
habe ich die Eltern dazu aufgefordert, dass sie in die Ferien gehen. Sie haben das
gemacht, das ging gut. Ich habe den Vater angeleitet, dass er mit dem Sohn etwas
alleine macht. Der ist bei einem anderen Psychiater. Ich habe den nie gesehen.
Manchmal wollen die Eltern, dass ich den Sohn auch sehe. Vielleicht sehe ich das Kind
einmal. Ich habe einige Eltern über lange Zeit beraten, wo ich das Kind nie selber
beraten habe. Das geht.

[01:09:11.520] – Bemerkung 12
Das ist eine wichtige Mitteilung. Häufig hört man ja: wir haben die Eltern nicht
eingeladen, weil der Betroffene das nicht wollte, deshalb haben wir das System beiseite
gelassen. Das wäre eigentlich ein ganz anderer Zugang.

[01:09:27.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn der Patient sagt: ich will nicht, dass ihr die Eltern seht. Das akzeptiere ich nie.
Der Patient darf nicht diktieren, wie es geht. Da hat er seine Patientenrolle.

[01:09:40.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Patient ist der besessene Diplomat. Da hat er die Führung des Familiensystems
übernommen. Das ist gar nicht gut.

[01:09:40.700] – Dr.med. Ursula Davatz

Ich mache nichts hinter dem Rücken vom Patienten.

[01:09:40.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich finde immer, dass ich die Eltern sehen muss.

[01:09:46.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage dem Patienten, dass ich die Eltern sehen werde.

[01:10:00.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich mache es nicht heimlich.

[01:10:07.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern haben das Recht, Beratung zu bekommen.

[01:10:11.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Die meisten Eltern wollen das, die sind ja so verzweifelt und so hilflos.

[01:10:19.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern sind froh, wenn man sie da etwas berät.

[01:10:23.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Wer macht bei ihnen die Angehörigengruppe jetzt in Königsfelden?

[01:10:29.920] – Bemerkung 13
Es ist eine Psychologin, Andrea Rufer.

[01:10:29.975] – Bemerkung 13
https://www.linkedin.com/in/andrea-rufer-b03542167/

[01:11:00.360] – Bemerkung 14

Ich sehen diese beiden Frauen als eine Art Ombudsstelle, wenn man Sorgen hat, das
wäre nochmals ein ganz anderer Zugang.

[01:11:14.060] – Bemerkung 14
Es gibt eine Sprechstunde für die Früherkennung, die macht Branka Knezevic.

[01:11:14.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Hat sie eine Familientherapie Ausbildung?

[01:11:17.780] – Bemerkung 14
Nein, sie hat keine systemische Ausbildung.

[01:11:23.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sollte man eigentlich haben.

[01:11:38.370] – Bemerkung 15
Es gab eine Gruppe unter Leitung von Frau Dr. Kleinert, einmal pro Monat. Diese
Gruppe ist eingeschlafen, weil es zu wenig Angehörige gab. Speziell für an Psychose
erkrankte Menschen. Das haben wir zur Zeit auch an die VASK ausgelagert. Wir weisen
auch auf die VASK hin.

[01:12:03.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Von der VASK höre ich immer wieder, dass die Angehörigen zu wenig Gehör haben.
Ich weiss nicht, wo es zusammenbricht.

[01:12:17.570] – Bemerkung 16
Wir in Königsfelden machen die ersten zaghaften Schritte unter der neuen Leitung. Wir
wollen mehr ein Auge für die Angehörigen haben, diese mehr ansprechen und mehr mit
einbeziehen. Wir sind erst am Anfang um ein Auge dafür zu haben. Vor zwei bis drei
Jahren war da noch nichts. Es wirkt sich wohl erst in fünf bis sechs Jahren aus, dass
die Angehörigen miteinbezogen werden, speziell auch bei schizophrenen Patienten.

[01:12:55.480] – Bemerkung 17
Es gibt immer diesen Bruch. Lange Zeit eine Begleitung, Coaching. Das ist auch ein Teil
unseres Systems, die Konzentration auf die Verordnung. Dann kommen die
Medikamente. Dann sind wir froh, dass die Leute gehen. Wir haben keine Begleitung
geplant. Irgendwo ist das noch etwas schief im System. Das System ist nicht vorbereitet
auf einen nahtlosen Übergang. Da machen wir wohl eher eine Schnellbleiche als
Psycho-Edukation. Die Nachbehandlungen sind auch eher knapp.

[01:13:38.820] – Bemerkung 18
Als sie Ärztin waren in Königsfelden, haben sie bei allen Erst-Psychosen immer alle
Eltern eingeladen? Allein schon die zeitliche Dimension.

[01:13:47.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Schlussendlich spare ich sehr viel Zeit.

[01:13:47.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Als ich noch bei Christian Müller in Lausanne gearbeitet habe, bin ich extra dorthin
gegangen, weil ich gehört habe, dass er in Schizophrenie spezialisiert ist.

[01:13:54.166] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Christian_M%C3%BCller_(Mediziner,_1921)

[01:14:07.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hat Christian Müller gesagt: man kann nur einen einzigen Schizophrenie-Patienten
therapeutisch behandeln, also psychotherapeutisch.

[01:14:16.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt muss ich sagen: das stimmt überhaupt nicht. Ich kann sehr viele behandeln,
jedoch nur weil ich die Familie miteinbeziehe.

[01:14:18.940] – Dr.med. Ursula Davatz

Wenn ich nicht mit der Familie arbeiten würde, wäre das längst nicht so erfolgreich,
längst nicht so effizient.

[01:14:30.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist das systemische Denken.

[01:14:36.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man bei den wichtigen Personen im System etwas verändern kann, verändert
sich auch etwas beim Patienten.

[01:14:44.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir werden immer wieder abgelenkt vom Patienten. Schlussendlich beherrscht der alles
mit seinen Symptomen, mit seiner Symptomatik, so dramatisch, und wir sind ständig
beschäftigt damit.

[01:15:00.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man dann so schwierige Fälle vorstellt, an der Fallvorstellung, so eine dicke
Krankengeschichte und man weiß gar nichts von der Lebensgeschichte und der
Familiengeschichte.

[01:15:10.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich beginne immer mit dem Stammbaum.

[01:15:13.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht zuerst das Symptom und irgendwann baue ich den Stammbaum auf.

[01:15:13.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich mache immer das Genogramm, drei viertel der Stunde. Erst in der letzten
Viertelstunde das Problem.

[01:15:28.430] – Dr.med. Ursula Davatz

Ich erkläre das den Leuten und sage: so mache ich es. Am Schluss kommen wir dann
auf das Problem.

[01:15:32.920] – Dr.med. Ursula Davatz
So wie man im Körperlichen einen Körperstatus machen muss.

[01:15:37.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Es lohnt sich. Da trifft man alles mögliche an, was man später wieder verwenden kann.

[01:15:38.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Schlussendlich spart man sehr viel Zeit und Energie.

[01:16:06.700] – Bemerkung 19
Wenn man das Schizophrenie-Gen doch noch findet?

[01:16:07.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gibt es schon. Das darfst du dann in meinem Buch lesen.

[01:16:07.120] – Dr.med. Ursula Davatz
https://books.apple.com/us/book/ad-h-d-and-schizophrenia/id1451739789

[01:16:07.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe da schon eine Theorie.

[01:16:27.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Eineiige Zwillinge, 50% Konkordanz, die anderen 50% sind das Umfeld.

[01:16:34.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Gene kann ich sowieso nicht verändern, das Umfeld kann ich verändern.

[01:16:40.050] – Bemerkung 20

Was sind die High Expressed Emotions? Um welche Emotionen geht es da?

[01:16:51.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht immer um negative Emotionen. Kritik, Aggression, Entwertung (runtermachen),
mit Emotionalität.

[01:16:53.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Manche Schizophrenie-Familien können auch so sein, dass sie da entwerten mit relativ
ruhiger Haltung.

[01:17:18.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre dann der Double Bind.

[01:17:22.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Information passt nicht zur emotionalen Haltung.

[01:17:25.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist immer etwas Abwertendes, etwas Negatives.

[01:17:32.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern lernen dann, das nicht mehr zu tun.

[01:17:33.880] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Angehörigengruppe, lasse ich die Eltern immer schildern: mit was haben sie
Probleme? Die Eltern müssen beschreiben, wie das abläuft, was macht das Kind, was
machen sie?

[01:17:46.460] – Dr.med. Ursula Davatz
An der Formulierung, wie die Eltern dann formulieren, höre ich, dass sie das Kind
entwerten, dass sie sich ärgern darüber, dass das Kind nicht anders ist, das
erwachsene Kind natürlich.

[01:18:06.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Da ist dann jeweils ein "aber" oder ein "halt" drinnen. Man merkt es sofort.

[01:18:07.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Zu den Eltern sage ich: sie tragen immer noch die emotionale Verantwortung für ihr
Kind. Das geht nicht, das dürfen sie nicht. Sie dürfen nicht mehr erziehen, sie dürfen
nur Beziehung pflegen.

[01:18:24.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gehört zur Ablösung, dass man sich mit seinen pubertierenden Kindern
auseinandersetzt und nicht mehr erzieht.

[01:18:32.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Eltern wollen immer noch erziehen.

[01:18:35.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Fachleute erziehen natürlich auch. Wir fallen oft in das rein.

[01:18:40.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hat der Schizophrenie-Patient gar nicht gerne.

[01:18:43.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Kein Patient hat es gerne.

[01:18:46.220] – Bemerkung 20
Gehört zu den High Expressed Emotions nicht auch die übermässige Fürsorge oder
Besorgtheit?

[01:18:53.040] – Dr.med. Ursula Davatz

Das wäre die symbiotische Beziehung. Überfürsorglichkeit. Das Kind darf nicht für sich
selber sprechen. Man weiss alles, wie es dem Kind geht. Man drückt es aus. Das ist
auch typisch für die Schizophrenie-Familie.

[01:19:03.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Man spricht für das Kind über den Kopf hinweg. Man denkt für das Kind, man fühlt für
das Kind. Man lässt das Kind nicht eine eigenständige Person sein.

[01:19:03.500] – Bemerkung 21
Das entwertet das Kind auch.

[01:19:15.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Man bevormundet das Kind. Das ist typisch in den Schizophrenie-Familien.

[01:19:20.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind wird nicht als Erwachsen genommen.

[01:19:30.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Kennen sie das Genogramm? Verwendet es irgendjemand? Ist es hilfreich für sie?

[01:19:30.100] – Bemerkung 22
Ja, ich staune manchmal wie ich es wieder vergesse, wie ich nur vom Symptom
ausgehe. Ein Patient wurde in der Klinik nie von der Familie besucht. Wir haben
darüber gesprochen, wie das früher war. Die Eltern wurden dann zum ersten Mal
eingeladen. Es hat sich dann ziemlich rasant positiv entwickelt. Er konnte eine IV Lehre
beginnen. Er wohnt an der Arbeitsstelle unter der Woche. Am Wochenende geht er
nach zehn Jahren ohne Kontakt zu den Eltern, zu den Eltern wohnen.

[01:21:23.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Super.

[01:21:23.700] – Bemerkung 22

Er hat sich sehr zur Selbständigkeit entwickelt.

[01:21:26.380] – Bemerkung 22
Da habe ich auch gedacht: wir sprechen nur über die Symptome. Wie bringen wir das
weg. Die ganze Psychodynamik wird in der Klinik kaum besprochen.

[01:21:53.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist der beste Beweis, dass es etwas bringt.

[01:21:54.570] – Bemerkung 22
Das ist ein Einzelfall.

[01:21:58.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Versuchen sie solche Fälle zu vermehren.

[01:22:01.320] – Bemerkung 22
Was wir sicher alle tun könnten, wenn wir in der kurzen Zeit, wo wir die Patienten
haben, nicht das Hauptmerkmal auf die Therapie legen, sondern auch die Angehörigen
motivieren und den Patienten, für nachher etwas zu tun.

[01:22:24.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Sich Hilfe zu holen.

[01:22:26.300] – Bemerkung 22
Was wir in der kurzen Zeit tun können, ist das Motivieren für eine anschließende
Therapie.

[01:22:34.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Absolut, absolut.

[01:22:35.790] – Bemerkung 22

Hier etwas anzufangen, ist meist nicht realistisch, weil die Leute wirklich zu kurz
bleiben. Darum muss es in den Köpfen sein mit den Angehörigen. Mit der Therapie von
der Schizophrenie. Dass man diese Motivation einbringt in der kurzen Zeit von vier bis
sechs Wochen. Das wäre schon ein grosser Schritt.

[01:22:57.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen auch noch in meine Angehörigengruppe Eltern schicken.

[01:23:10.110] – Dr.med. Bielinski
Keine Fragen mehr.

[01:23:13.040] – Dr.med. Bielinski
Ganz herzlichen Dank!

[01:23:14.460] – Dr.med. Bielinski
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Mir geht es so, dass ich das Gefühl habe, wir haben
ein Defizit bei uns.

[01:23:20.860] – Dr.med. Bielinski
Ich glaube, das war ja deine Mission, Familientherapie.

[01:23:24.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Sicher.

[01:23:24.680] – Dr.med. Bielinski
Bei mir hat sich das erfüllt.

[01:23:27.370] – Dr.med. Bielinski
Ganz herzlichen Dank.

Vortrag VASK vom 10.10.2006

KSB

Schizophrenie und Familie

U. Davatz, http://www.ganglion.ch

I. Einleitung

Schizophrenie ist die Krankheit, bei welcher das menschliche Gehirn am
meisten durcheinander gerät und zwar in allen seinen Funktionen und
auf allen Ebenen. Da das Gehirn das soziale Organ per se ist und sämtli-
ches Anpassungsverhalten des Menschen steuert, wird bei dieser Krank-
heit auch das Anpassungsverhalten gestört, was bedeutet, dass das Ge-
fühl, das Denken und das soziale Verhalten aus dem Gleichgewicht ge-
rät. Dies führt dann zu einer grossen Belastung des Umfeldes, insbeson-
dere der Familie. Der Bereich des Denkens ist einzig bei dieser psy-
chischen Krankheit in diesen extremen Ausmassen abweichend von der
Norm, die andern beiden Bereiche können auch bei anderen psy-
chischen Krankheiten verändert sein.
Die Denkstörung ist also ganz spezifisch für die Schizophreniekrankheit.
Um die Krankheit etwas besser erläutern zu können, greife ich auf ein
einfaches Hirnmodell zurück.

II. Das 3-teilige Hirnmodell nach Mc Lean

– Das Gehirn lässt sich schematisch einteilen in drei Strukturwellen
und gleichzeitig funktionelle Hirnteile, die sich während der Evoluti-
on allmählich herausgebildet und weiter entwickelt haben.
– Das Reptilienhirn oder R-Komplex, verantwortlich für alle automa-
tisierten Verhaltensmuster und Reflexe, sowie auch psycho-nega-
tive Funktionen, wie Schlaf-Wachrhythmus und andere Rhythmen
(bei den Reptilien, schon sehr gut entwickelt).
– Das limbische System oder das emotionale Hirn, verantwortlich für
sämtliche Emotionen, für das Bindungsverhalten, die Motivation,
wie auch für das Lernen, die Weichenstellung zum Gedächtnis,
was gespeichert werden soll und was nicht. (Dieses Hirnteil wurde
bei den Säugern stark entwickelt.)
– Das Vorderhirn, Frontalhirn, das sich bei den Primaten zum Gross-
hirn entwickelt hat, wird so genannt, weil es den grössten Ge-
wichtsteil unseres Gehirns ausmacht. Dieser Hirnteil hat sich beim

Menschen am meisten entwickelt, sodass das Gehirngewicht von
900 Gramm bei den Primaten zu 1200 Gramm bei den Hominiden
zu ca. 1500 Gramm beim Homo sapiens sapiens entwickelt hat.
– Dieser Hirnteil ist vor allem Speicher- und Prozessor sämtlicher
Sinneseindrücke in allen Bereichen (Hören, Sehen, Tasten, Rie-
chen). In ihm befinden sich auch unsere Sprachzentren.

III. Die Störung des Gehirns bei der Schizophrenie

– In der Vorphase der Schizophrenie ist der Betroffene über längere
Zeit einer starken emotionalen Belastung ausgesetzt, die bis zu 5
Jahre oder sogar länger dauern kann.
– Diese emotionale Belastung kann sowohl vom Familienumfeld als
auch vom weiteren sozialen Umfeld, wie Arbeitsplatz, Schule oder
z.B. von einer unglücklichen Liebesbeziehung herrühren.
– Im Augenblick, da dieser emotionale Stress zu gross wird, passiert
ein „Systemoverflow“ des limbischen Systems, des emotionalen
Hirns, dieses feuert übermässig viele Botschaften, sowohl ins
Rept. Hirn, sodass die Person unruhig wird und nicht mehr
schlafen kann, ev. auch flüchtet, sowie ins Vorderhirn, das Gross-
hirn, sodass dieses angetrieben wird zu unglaublich schnellem und
vielem Denken, bis der Prozessor, der „Computer“ zusammen
bricht und das Denk-Gehirn „Fehlschaltungen“ macht. In diesem
Moment kommt es zu schizophrenie-typischen Denkstörungen und
Sinnestäuschungen, den Wahnvorstellungen und dem Stimmen
hören. Die normale Logik bricht zusammen, der Betroffene verhält
sich komisch, uneinfühlbar, irre, schizophren, er hat den Verstand
verloren.
– Die Neuroleptika greifen an den Bahnen zwischen limbischem Sys-
tem und Vorderhirn an und reduzieren somit die Uebererregung,
sodass das Gehirn wieder vermehrt ins Gleichgewicht kommt.
Dass diese massive Veränderung des Menschen sich stark auf die
Familie auswirkt versteht sich von selbst.

IV. Schizophrenie und Familie

– Die Familie stellt das Beziehungsnetz dar, innerhalb welcher der
emotionale Stress entstehen kann. Die Familie ist aber auch der
Ort, an welchem die Hirnstörung Schizophrenie am effizientesten
und effektivsten angegangen und wieder geheilt werden kann,
durch eine gezielte Veränderung des sozialen Systems Familie
und des sozialen Verhaltens einzelner Familienmitglieder innerhalb
dieses Systems.

– Ueber die Verhaltensveränderung der gesunden Familienmitglieder
kann eine Reduktion des emotionalen Stresses im System her-
beigeführt werden und dadurch eine Symptomreduktion beim Pati-
enten.
– Psychoedukative Programme der Eltern nach Leff und Vaughn
haben gezeigt, dass die Rückfallsrate beim Patienten um den glei-
chen Prozentsatz zurückgegangen ist, wie durch medikamentöse
Behandlung des Patienten mit Neuroleptikas.
– Doch was sind die typischen Familienstrukturen, die verändert
werden müssen?

1. Typische Familiensituation:

– Emotional überengagierte, überforderte Mütter und eher kühl,
distanzierte, sich aus der Affäre ziehende Väter.
– Latenter oder offensichtlicher Ehekonflikt, vor allem über den kor-
rekten, beziehungsweise hilfreichen Umgang mit dem Patienten.
– Geschwister werden mit in die elterliche Funktion dem Patienten
gegenüber hineingezogen.
– Patient, der alles verweigert, ablehnt, aggressiv wird oder sich au-
tistisch zurück zieht, ein maligner Pubertierender.
– Die Eltern tragen noch immer die emotionale Verantwortung für
den Patienten, fühlen für ihn und denken für ihn voraus.
– Es wird von ihnen vor allen Dingen ein Erziehungsmodell ange-
wandt, sie versuchen den Patienten mit vielen guten Absichten zur
Gesundheit zu erziehen, wieder zur Vernunft zurück zu bringen.
– Der Patient ist meistens ein hypersensibles und im Familiensystem
emotional fokussiertes Kind.
– „last but not least“, ist heutzutage häufig Cannabis-Konsum mit im
Spiel.

2. Was müssen/können/dürfen die Eltern lernen?

– Die Mutter muss entlastet werden, darf sich zurück nehmen,
vermehrt eigenen Dingen und Zielen nachgehen, der Vater
muss/darf vermehrt Verantwortung übernehmen mit der Unter-
stützung des Therapeuten.
– Sämtliche kritischen Erziehungsversuche müssen aufgegeben
werden, auch wenn sie noch so versteckt und noch so gut gemeint
sind, sie sind alle schädlich.
– Stattdessen müssen sowohl Vater, wie Mutter, klare Positionen be-
ziehen ohne sich aber gegenseitig zu bekämpfen, und ohne zu
befehlen. Es geht um eine soziale Auseinandersetzung, eine So-
zialisierungsphase und nicht um eine Erziehung zur Gesundheit.

– Die Eltern müssen sich abgrenzen vor Uebergriffen durch den Pati-
enten, müssen aber selbst auch sorgfältig darauf achten, dass sie
keine Uebergriffe auf den Patienten machen.
– Die Partnerschaft der Eltern muss gestärkt werden als Basis und
Fundament für die Familie.
– Falls die Eltern geschieden sind, sollen die Verhältnisse möglichst
geklärt werden, damit für den Patienten diese emotionale Belas-
tung wegfällt.
– Die Geschwister müssen aus der parentifizierten Rolle der „Ersatz-
elternrolle“ herausgenommen werden und dürfen wieder „nur“ Ge-
schwister sein.
– Die emotionale Verantwortung muss ganz klar an den Patienten
abgegeben werden.

Schlussbemerkung:

Sind die Eltern bereit zu lernen und lassen sie sich von einem erfah-
renen Therapeuten führen, werden sie bald belohnt für die Veränderung
ihres Verhaltens in dem sie auch eine Veränderung beim Patienten und
seinem Verhalten feststellen können. Die Reduktion des emotionalen
Stresses im Familiensystem führt zu einer Symptomverminderung beim
Patienten ohne schädliche unliebsame Nebenwirkungen, wie bei den
Medikamenten und der Patient kann sich weiter entwickeln zu einem
eigenständigen autonomen Individuum, was seine Gesundung mit sich
bringt.

Einladung zum Frühlingsapéro am 9. Mai 2012 um 19.00 Uhr

Praxisgemeinschaft Im Grünen Haus  Winterthurerstr. 52, 8006 Zürich

Vortrag Dr.med. Ursula Davatz                                                                              “Partnerschaft und Pensionierung“

Anmeldung bis 7. Mai an franziska.knapp@gmx.ch oder Telefon 076 474 98 08

Unsere Praxis erreichen Sie mit Tram 9/10 bis Haltestelle Kinkelstrasse. Dort erblicken Sie Das Grüne Haus an der Winterthurerstrasse 52 und finden uns im 3. Stock

Einladung zum Frühlingsapéro
am 9. Mai 2012 um 19.00 Uhr
Winterthurerstrasse 52, 8006 Zürich, Haltestelle Kinkelstrasse mit Tram 9/10

Ursula Davatz, Dr. med., Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH

Claudia Lutz-Campell, lic.phil., Fachpsychologin, für Psychotherapie FSP

Franziska Knapp, dipl. psych. FH, Psychotherapeutin SBAP

Barbara Frey, dipl. psych. FH, Fachpsychologin für Kinder und Jugendliche SBAP

Ursula Davatz heisst Sie / Euch mit einem Referat zum ThemaPartnerschaft und Pensionierungherzlich willkommen. Anschliessend freuen wir uns beim Apéro auf einen angeregten Austausch.



		

Das Buch – SCHIZOPHRENIE – DER BESESSENE DIPLOMAT

Auszug I

Ist Schizophrenie heilbar?

Schizophrenie ist die psychiatrische Krankheit, über welche am meisten geforscht wurde, die man aber von allen psychiatrischen Krankheiten dennoch am wenigsten versteht.

Schizophreniekrankheit kommt in allen Kulturen auf der ganzen Welt vor. Sie betrifft etwa 1% der Bevölkerung, d.h. bei einem von 100 Menschen wird im Laufe seines Lebens die Diagnose Schizophrenie gestellt. Männer wie Frauen sind etwa gleich häufig davon betroffen. Bei den Männern fällt jedoch die Erkrankung im Durchschnitt früher auf.

Systemisch betrachtet verkörpern Menschen mit Schizophreniekrankheit «Das Schwarze Schaf» der Familie. Im Volksmund verbindet man den Begriff Schizophrenie mit Bildern von verrücktem Verhalten, das extrem von der Norm abweicht. Der Ausruf «Das ist ja schizophren» dient in der Öffentlichkeit zur Abwertung von schwer nachvollziehbarem Verhalten und zugleich zum Aufrechterhalten sozialer Normen. «Schizophren» wird deshalb nicht selten auch als Schimpfwort verwendet. Dem Betroffenen droht dadurch der Verlust der sozialen Legitimation und als nächster Schritt die Ausgrenzung aus der Gesellschaft.

Aus medizinischer Sicht stellt die Schizophrenie eine gefürchtete Krankheit dar, deren Diagnose der Arzt ungern stellt und der Patient ungern erhält, weil das Damoklesschwert der Unheilbarkeit über ihr hängt. Trotz langjähriger Anstrengungen der Forschung über eine adäquate Behandlung gehen Fachleute wie Laien auch heute noch von der Annahme aus, dass Schizophrenie in der Mehrheit der Fälle nicht heilbar sei. Diese Haltung wird auch unterstützt durch den häufig zitierten statistischen Drittelverlauf, die sogenannte «Prognostische Daumenregel». Sie besagt, dass ein Drittel der Erkrankten spontan heilt, ein Drittel mit deutlichen Symptomen auf tieferem Funktionsniveau stagniert und ein Drittel schwer beeinträchtigt wird, ständig Rückfälle hat und deshalb immer wieder Klinikaufenthalte benötigt. Vom letzten Drittel bleiben gar 10% dauerhaft hospitalisiert. Diese statistische Aussage lässt tatsächlich keine optimistische Prognose zu für zwei Drittel der Betroffenen, was sowohl für Patienten wie Angehörige eine schwere Hypothek darstellt und der therapeutischen Kunst der Psychiatrie in Bezug auf diese Krankheit kein gutes Zeugnis ausstellt.

Wie bedrohlich die Krankheit eingeschätzt wird, zeigt sich auch in der weit verbreiteten Meinung, die Behandlung der Akutphase müsse unbedingt in einer Psychiatrischen Klinik, ausgeschlossen von der Gesellschaft, quasi in Quarantäne durchgeführt werden. Da der Patient die soziale Ausgrenzung als therapeutische Massnahme aber nicht akzeptiert, weil sie für ihn eine Demütigung darstellt, kann sie nicht durchgeführt werden – es sei denn gegen seinen Willen. Die Familie will aber eine psychiatrische Klinikeinweisung gegen den Willen ihres Patienten möglichst verhindern, weil sie dies für ihr Familienmitglied als Entwürdigung und für ihr Familiensystem zugleich als Schande betrachtet. Sie kommt sich durch eine solche Massnahme in der Öffentlichkeit als Versager abgestempelt vor. Deshalb wird eine Erstbehandlung oft lange hinausgeschoben.

Die Konsequenzen davon sind meistens, dass es nach langer Verzögerung schliesslich doch zu einer stationären Zwangsbehandlung kommt. Dieser verspätete Therapiebeginn wird nun zusätzlich erschwert durch das psychische Trauma der Zwangseinweisung und Zwangsbehandlung, alles schlechte Voraussetzungen für eine erfolgreiche Behandlung und eine günstige Prognose dieser Krankheit.

Die theoretischen Erklärungsmodelle der Schizophrenie, die verwendet werden, basieren ausschliesslich auf neurochemischem und neuropsychologischem Wissen. Der soziale Aspekt hat im Fokus wissenschaftlicher Untersuchungen in den letzten dreissig Jahren bei dieser Krankheit kein nachhaltiges Interesse mehr gefunden. Fast alle Studien über die Interaktion zwischen Patient und Familie stammen aus den Jahren 1960 bis Ende 1980. Danach findet man fast keine wissenschaftlichen Arbeiten mehr auf diesem Gebiet. Die Forscher haben sich von einem interaktiven Erklärungsmodel der Schizophrenie abgewandt und befassen sich heutzutage vor allem mit psychopharmakologischen, neurochemischen und neurophysiologischen Aspekten. Bei diesem Forschungsansatz sind familieninterne Faktoren bei der Entstehung der Schizophrenieerkrankung vollkommen ausgeklammert.

Erweitern wir jedoch den Blickwinkel sowohl auf das Familiensystem und seine Interaktionen über Generationen hinweg als auch auf die lebensgeschichtlichen, individuellen Stressfaktoren wird ersichtlich, wie sich diese Krankheit allmählich emotional aufbaut und schlussendlich in einem Familienmitglied niederschlägt, welches die grösste Vulnerabilität mit sich bringt oder sich am vulnerabelsten Schnittpunkt im Familiensystem befindet.

Keine Krankheit wird in ihrer Entstehung so stark von den Biographien der Eltern des Betroffenen beeinflusst und bei keiner anderen Krankheit fühlt sich das familiale Umfeld derart befugt, auf den Patienten Einfluss nehmen zu müssen, um das eigene System zu schützen, wie bei der Schizophreniekrankheit.

Mit Absicht verlasse ich deshalb den gängigen Pfad der heutigen Klassischen Psychiatrie und betrachte die Schizophrenie mit diesem Buch aus systemischer Perspektive als eine «Biographische Krankheit», die über drei oder mehr Generationen entstanden ist.

An die Familienstudien der 80-er Jahre des letzten Jahrhunderts anschliessend, führe ich die Schizophrenieerkrankung erneut in den psycho-sozialen Kontext der Familie zurück und interpretiere sie aus systemischer Sicht als emotionale Blockade, die am Ende eines zum Stillstand gekommenen Entwicklungsprozesses eines Familiensystems in einer «Monsterwelle der Emotionen» zum Ausbruch kommt. Diese Blockade, die durch lang andauernde seelische Verletzungen im Familiensystem entstanden ist, wirkt sich entwicklungshemmend auf den Indexpatienten aus und schlägt sich schliesslich in seiner Schizophreniekrankheit nieder. Ist die Schwelle des Unaushaltbaren erreicht, erfolgt der Umschlag in die Psychose. Das betroffene Familienmitglied befindet sich zu diesem Zeitpunkt in einem Zustand schwerer innerer Turbulenzen, die mit grossem seelischem Leiden einhergehen.

Von der Bedeutung innerhalb des familialen Kontextes her gesehen, stellt die Schizophrenieerkrankung stets ein Bestreben des Betroffenen dar, als funktionalisiertes Familienmitglied aus dem Knäuel der emotional verstrickten Lebensabläufe der Eltern und ihrer Herkunftsfamilien einen Ausweg zu finden. Diese Verstrickung des familialen Umfeldes kann, wie gesagt, bis in die dritte Generation oder noch weiter zurückverfolgt werden.

Wegen der dysfunktionalen Beziehungen erzwingt das System eine Reduktion des Spannungsfeldes innerhalb der Familienstrukturen über einen Projektionsvorgang auf den identifizierten Patienten. Dadurch wird dessen individueller Entwicklungsprozess zur eigenständigen Persönlichkeit blockiert und der Eintritt ins Erwachsenenleben verhindert. Als krankheitsbetroffenes Familienmitglied macht es sich diese Rollenvorlage der Familie zum Lebensinhalt.

Im weiteren Verlauf spielt sich dann sein Leben – abgetrennt von der äusseren Wirklichkeit – vornehmlich in Funktion der Familie und das Leben der Familie in Funktion von ihm ab. Der Wunsch nach «Regie» ist der unüberhörbare, aber unausgesprochene Ruf aus der Mitte des in Aufruhr geratenen Familiensystems. Der Schizophrene folgt ihm gleich dem Gesang der Sirenen und übernimmt als «Besessener Diplomat» die Führung.

Im Verlauf meiner 40-jährigen Erfahrung im Umgang mit unzähligen Schizophreniepatienten und ihren Familien bin ich zur festen Überzeugung gelangt, dass eine «Therapie mit systemischem Ansatz» für die frühzeitige ambulante Behandlung von Schizophreniekranken unter Einbezug der Familie bei mehr als zwei Dritteln zu einem positiven Verlauf, ja in manchen Fällen sogar zu einer Heilung führen kann.

Dies bedingt jedoch, dass die behandelnde Fachperson zusammen mit der Familie das irrationale Verhalten des Patienten als verschlüsselte Kommunikation angeht nach der systemischen Regel: «Jedes Krankheitssymptom hat einen kommunikativen Wert».

Den verborgenen auftrag, der dieser Krankheit zu Grunde liegt, gilt es also zu entschlüsseln, sodass der interessierte Leser die Schizophrenie nicht mehr nur als hoffnungslose, unheilbare Krankheit sieht, sondern vielmehr als «Ephemerie» betrachten kann, als Erscheinungsform von Generationen übergreifenden Verstrickungen im Familiensystem, die es in der Therapie aufzuschlüsseln und neu zu ordnen gilt.

Es ist mein Anliegen, Fachpersonen, betroffenen Angehörigen und einer breiteren Öffentlichkeit, Einblick in diese mysteriöse Krankheit zu geben, ihr den Zugang zum «ver-rückten Dasein» dieser Menschen zu erleichtern und anhand von Beispielen neue systemtherapeutische Wege aufzuzeigen, die aus dieser scheinbar unüberwindbaren Welt der Verrücktheit herausführen.

Ziel dieses Buches ist es, die Schizophreniekrankheit über diesen neuen Zugang verständlicher zu machen, dem Leser Rede und Antwort zu stehen und gleichzeitig das Vertrauen in die systemische Familientherapie sowohl bei den Fachpersonen als auch bei den um Hilfe suchenden Angehörigen und Patienten zu stärken. Die Antwort auf die häufig gestellte Frage: «Ist Schizophrenie überhaupt heilbar?» lautet dann: «Ja, wenn der Hilfsdiesel rechtzeitig anspringt», d.h. wenn die «Systemische Therapie» als «Hilfsdiesel bei Schiffbruch» zum Einsatz kommt.

 Auszug II

Von Therapie-Fehlern zu Therapeuten-Regeln

Als Zusammenfassung der Systemtherapie von Familiensystemen mit Schizophrenieerkrankung führe ich als Essenz meiner Erfahrung einige wichtige Regeln auf, die im Umgang mit Therapiefehlern entstanden sind.

Therapie als Lernprozess

Die systemische Familientherapie besteht aus einem fortlaufenden Lernprozess, der nicht nur die Familie betrifft, sondern auch den Therapeuten einbezieht. Da jedes Familiensystem einzigartig ist, muss auch die therapeutische Kunst immer wieder neu gelernt bzw. neu erfunden werden nach dem Satz von Piaget «apprendre c’est réinventer», «lernen ist wiedererfinden».

Behält der Therapeut diese lernende Haltung bei, passt er die Interventionen im Verlauf der Therapie immer wieder von neuem dem Entwicklungsstand der Familie an und hält sich an die wichtigste aller Therapeuten-Regeln:

Der Therapeut hat die therapeutische Kunst anhand von Therapie-Fehlern laufend zu verbessern und dadurch auch seine Methode stetig weiter zu entwickeln.

Die erste Begegnung – der erste Eindruck

Bei der Behandlung von Schizophrenen und ihren Familien ist die erste Begegnung ausschlaggebend für den weiteren Verlauf der Therapie nach dem englischen Sprichwort: «you never have a second chance to make a first impression».

Schizophreniefamilien sind besonders schreckhafte Systeme. Werden sie schon bei der ersten Begegnung verunsichert oder gar erschreckt, ist dies so leicht nicht wieder gut zu machen.

Der erste Auftritt verlangt deshalb vom Therapeuten instinktsicheres Verhalten und gleichzeitig Sensibilität, denn nicht nur beim Patienten, auch bei den Angehörigen besteht eine niedrige Reizschwelle für die Fluchtreaktion, was zum sofortigen Abbruch der Therapie führt.

Der Therapeut muss also in der Lage sein, gleich zu Beginn der Therapie das Vertrauen der Familie zu gewinnen. Unsicherheit, Angespanntheit wie auch zögerliches Auftreten des Therapeuten wird sofort registriert und verstärkt die Angst im Familiensystem. Die Folge davon ist, dass der Patient der nächsten Sitzung meist ohne Abmeldung fernbleibt und die Angehörigen sich unter irgendeinem Vorwand für den nächsten Termin entschuldigen. Der wahre Grund bleibt dabei unausgesprochen.

Nehmen die Angehörigen dennoch weiterhin an der Therapie teil, kann es vorkommen, dass sie durch das zögerliche Auftreten des Therapeuten verunsichert werden, ihn deshalb mit Vorwürfen überhäufen und ihn wissen lassen, dass sie an seiner Kompetenz zweifeln. Dies führt in der Regel zu einer ambivalenten therapeutischen Haltung, da der enorme Leistungsdruck für den Therapeuten meist schwer auszuhalten ist. Die Familie nimmt diese Ambivalenz sofort wahr und das therapeutische Bündnis geht in Brüche, noch ehe es richtig begonnen hat. Manchmal kann in einer solch schwierigen Situation ein erfahrener Supervisor dem Therapeuten beratend zur Seite stehen, sodass die Therapie trotz zwiespältiger Gefühle auf beiden Seiten fortgesetzt werden kann.

Ärztliche Abkehr vom Krankheitssymptom

Die Ironie der ärztlichen Ausbildung in Bezug auf die Behandlung von Schizophreniepatienten liegt darin, dass der Arztberuf gezielt darauf ausgerichtet ist, bei der Behandlung der Patienten ausschliesslich auf Krankheitssymptome zu achten. Vom Beruf her sind Ärzte als «Symptomjäger» ausgebildet. Sie wollen Krankheitssymptome aufspüren, um diese dann zu bekämpfen.

Bei der Schizophrenie wird diese Strategie jedoch zum Hindernis, da die Symptome nur ein Ablenkungsmanöver von den systemischen Problemen im Hintergrund darstellen. Eine Schizophreniebehandlung, die sich ausschliesslich auf Symptombekämpfung ausrichtet, ist aus systemischer Sicht ein Kampf mit den Windmühlen. Eine hilfreiche systemische Faustregel lautet denn auch:

Interpretiere die Symptome des Patienten und sein Verhalten immer auf dem Hintergrund seines Familiensystems, wenn möglich über mehrere Generationen hinweg.

Aus diesem erweiterten Blickwinkel stellen sich dann die typischen systemischen Fragen wie:

  • Was soll das Verhalten des Patienten bewirken?
  • Was ist die geheime Botschaft, die das Familiensystem über die Krankheit zum Ausdruck bringt?
  • Worin liegt der kommunikative Wert des Symptoms?
  • Was ist die verschlüsselte Aussage, die im Wahn des Indexpatienten zum Ausdruck kommt?
  • Wie hält der Wahn das Familiensystem zusammen? und andere prozessorientierte Fragen.

Von der Symptombehandlung zur Systembetrachtung

Konsequentes Umlernen der ärztlichen Therapeuten – der lange Weg von der Symptombehandlung zur Systembetrachtung – ist also Voraussetzung für eine erfolgreiche systemische Schizophreniebehandlung. Nicht ärztlichen Individualtherapeuten wie Psychologen oder Fachpersonen aus der Pflege fällt dieses Umdenken oft etwas leichter, weil sie vermehrt beziehungsorientiert und weniger symptombezogen arbeiten. Wenn sie aber nicht systemtherapeutisch geschult sind, steht ihnen bei der beziehungsorientierten Arbeit häufig die beschützende fürsorgerische Haltung im Weg. Ihr therapeutisches Verhalten ist von der Vorstellung geprägt, den «armen Patienten» vor dem «bösen Umfeld» insbesondere seiner Familie schützen zu müssen. Mit dieser Einstellung üben sie aber das gleiche überbehütende Verhalten aus, wie es den Müttern von Schizophreniepatienten eigen ist.

Das Versagen der Logik

Selbst erfahrene Therapeuten stossen sich immer wieder am irrationalen Verhalten und Denken der Schizophrenen, ihrer verzerrten Wahrnehmung und ihrer befremdenden Interpretation der Realität. Dieses «Verrückt-Sein», so meint man, sollte doch durch vernünftiges Argumentieren wieder auf den Boden der Realität zurückgebracht werden können!

Das Appellieren an die Vernunft ist aber bei Schizophreniepatienten ein therapeutischer Kunstfehler. Mit den Mitteln der Vernunft ist bei Schizophrenen nichts zu erreichen, so einleuchtend dies auch immer für einen vernünftig denkenden Menschen erscheinen mag. Alle Überredungskünste tragen nur zur Erhöhung der emotionalen Stresssituation bei und somit zur Verstärkung der schizophrenen Symptome. Luc Ciompi hat dieses Phänomen mit dem Begriff der «Affektlogik» treffend umschrieben.

Es ist deshalb Aufgabe des Therapeuten, an erster Stelle die Emotionen zu beruhigen – aber nicht mit der Vernunft, sondern mit der eigenen ruhigen, empathischen Beziehungsaufnahme zum Patienten, denn es gilt auch für erfahrene Fachleute der Leitsatz:

Bei Schizophrenen sind es die Emotionen, die dem Verstand diktieren, was logisch zu sein hat, und nicht umgekehrt.

Absage an den Aktivismus

Ein bekannter Standartsatz von Eltern Schizophrener lautet meistens: «So kann es nicht weitergehen, jetzt muss unbedingt etwas geschehen – und zwar sofort.» Dieser Notruf verleitet Therapeuten immer wieder zu Aktivismus und zur sofortigen Verantwortungsübernahme für das Familiensystem. Diesem Drängen der Familie nach unmittelbarem Handeln muss der Therapeut aber unbedingt widerstehen können, sonst wird er zum verlängerten Arm der Familie, begeht unweigerlich therapeutische Fehler und macht mehr vom gleichen nach dem französischen Sprichwort: «plus ça change, plus c’est la même chose.»

Die Aufforderung der Eltern zu Sofortmassnahmen mag beim Therapeuten den Eindruck hinterlassen, dass das Familiensystem für eine Intervention bereit ist. Dem ist aber nicht so.

Der Therapeut muss die Bereitschaft für eine therapeutische Intervention zuerst durch gezielte Fragen überprüfen. Trifft er dabei auf Widerstand, ist dies ein Hinweis für eine behutsamere Gangart. In diesem Fall soll er sich lediglich für ein vertieftes empathisches Verständnis des Familiensystems einsetzen und auf jegliche Strategie verzichten, die auf eine vorschnelle Veränderung abzielt.

Das therapeutische Potential liegt bei den Gesunden

Die systemische Familientherapie geht von der Regel aus, dass eine therapeutische Intervention die grösste Nachhaltigkeit für den Heilungsprozess hat, wenn sie bei den hierarchisch höchsten Familienmitgliedern ansetzt und nicht beim kranken Patienten, dem schwächsten Mitglied der Familie.

Die wichtigsten therapeutischen Fortschritte finden deshalb zuerst bei den Eltern und erst als Folge davon beim Patienten statt.

Zu dieser Überzeugung, dass für die Heilung des Schizophrenen die Therapie vor allem bei den Eltern anzusetzen hat, muss aber zu allererst der Therapeut selbst gelangen. Nur wenn er dieses systemische Grundprinzip erkannt und wirklich verinnerlicht hat, kann er aus seiner Überzeugung heraus auch die Eltern erfolgreich anleiten. Erst dann können die Eltern über das therapeutische Handeln auch selber spüren, dass sie eine echte Chance haben, den weiteren Verlauf des Krankheitsgeschehens ihres Kindes aus eigener Kraft in eine positive Richtung zu lenken.

Dieses Vorgehen, das auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheint, verlangt vom Therapeuten stets Geduld für die Lern-Zeit der Eltern. Sie müssen von ihm immer wieder freundlich davon abgehalten werden, das «Aktionsglied Patient» in erzieherischer Weise verändern zu wollen. Dieses Ansinnen ist ein elterlicher Reflex, quasi eine «déformation professionnelle» durch ihre Elternrolle.

Das hartnäckig persistierende Erziehungsverhalten der Eltern dem Patienten gegenüber ist jedoch auch eine Abwehr gegen jegliche Änderung ihrer eigenen Einstellung ihrer Herkunftsfamilie und ihres eigenen Verhaltens gegenüber. Eltern denken primär nie daran, dass sie bei sich etwas verändern sollten, wenn sie therapeutische Hilfe für ihr schizophrenes Kind aufsuchen.

Gelingt es dem Therapeuten jedoch, den Fokus vom Patienten weg auf die Eltern zu lenken, ohne dass die Eltern dadurch von ihren Schuldgefühlen blockiert werden, ergibt dies den Anstoss zu einer grundlegenden Systemveränderung. Haben die Eltern die Notwendigkeit einer eigenen Verhaltensänderung erst einmal erkannt, ist systemtherapeutisch gesehen ein entscheidender Schritt in die richtige Richtung getan. Die scheinbar ausweglose Schizophreniekrankheit ihres Patientenkindes wird plötzlich zu einer von ihnen auf neue Art beeinflussbaren Grösse.

Elterliche Wertesysteme berücksichtigen

Beim therapeutischen Umgang mit den Eltern ist grundsätzlich darauf zu achten, dass man ihre Wertsysteme nicht verletzt und nach dem Prinzip handelt: «Begegne jedem Menschen in seinem eigenen Wertsystem.»

Eltern wollen für ihre Kinder immer nur das Beste. Die Eltern von Schizophrenen sind dabei keine Ausnahme, im Gegenteil. Sie geben sich häufig besonders Mühe und scheuen keinen Aufwand. Sie versuchen oft jahrelang angestrengt, ihre schwierige Familiensituation und ihr krankes Kind nach den ihnen bekannten Regeln zu meistern.

Kommen Eltern schliesslich dennoch zur Therapie, dann erwarten sie in der Regel vom Therapeuten in erster Linie Akzeptanz und Verständnis für ihre grossen Anstrengungen. Sie suchen Verständnis für ihre besonderen Problemgeschichten, für verborgene Traumata und Tabus sowie für ihre ganz speziellen Werte, die ihnen besonders am Herzen liegen. Verpasst es der Therapeut, empathisches Verständnis zu zeigen, dann verletzt er ihr Selbstwertgefühl, wenn er zu schnell Veränderungen einleitet, ohne ihr Wertsystemen berücksichtigt zu haben. Übergeht er ihre Anliegen, dann geraten Mütter wie Väter in Aufruhr. Sie leisten Widerstand gegen jegliche Veränderungsvorschläge und brechen die Therapie ab. Deshalb gilt die Faustregel:

Man soll das System immer dort abholen, wo es sich gerade befindet und nicht dort, wo man es gerne haben möchte.

Von manchen Systemtheoretikern wird das reaktive Verhalten der Familie auf Interventionen des Therapeuten auch mit dem Begriff des Zwangs zur «Homoeostase» umschrieben. Sie gehen davon aus, dass jedem Familiensystem von Natur her grundsätzlich ein Impuls innewohnt, gegen therapeutische Veränderungsversuche Widerstand zu leisten.

Das Konzept der Homoeostase erlaubt Therapeuten eine unkritische Einstellung sich selbst gegenüber und macht sie blind gegen ihre therapeutischen Fehler, mit welchen sie diese sogenannte Homoeostase-Reaktion im Familiensystem selbst ausgelöst haben.

Jedes Familiensystem hat seine eigenen Wertvorstellungen und Tabus aus der Herkunftsfamilie. Der Therapeut hat darauf Rücksicht zu nehmen, will er nicht schon gleich zu Beginn der Therapie eine Abwehrreaktion auslösen.

Chaotisches Aufschaukeln emotionaler Prozesse

Kleine Probleme können in Schizophreniefamilien innerhalb kürzester Zeit zu grossen Turbulenzen eskalieren, weil sowohl der Patient in seiner Psychose als auch die Familie selbst eine erhöhte emotionale Eskalationstendenz in sich tragen. Ich nenne dieses Phänomen «Das chaotische Aufschaukeln emotionaler Prozesse».

Aufkommende Angst im Auge zu behalten ist deshalb eine wichtige Grundregel im Umgang mit Schizophreniefamilien.

Nimmt sich der Therapeut nicht genügend Zeit zur Krisenintervention und überlässt die Familie in dieser Phase des emotionalen Sturms sich selbst, kann es leicht zu einer erneuten akuten Psychose mit entsprechend destruktiven Interaktionen kommen.

Der emotionale Sturm einer akuten Psychose ist an sich nicht gefährlich, wenn der Therapeut sofort stützend und ordnend zur Seite steht.

Es ist deshalb hilfreich, wenn der Therapeut in solchen Krisenmomenten telefonisch erreichbar ist. Durch den Präsenzdienst kann er eine weitere Eskalation häufig rechtzeitig verhindern. Schon nur das Angebot allein, im Notfall telefonieren zu dürfen, beruhigt die Familie oft hinreichend, sodass sie seine Hilfe gar nicht erst, oder zumindest nur sehr selten, in Anspruch nehmen muss.

Triangulierung des Therapeuten

Das Triangulationsverhalten der Eltern ist eine besondere Herausforderung für den Familientherapeuten. Beide Eltern versuchen in ihrem chronischen Partnerkonflikt, den Therapeuten immer wieder auf ihre Seite zu ziehen und ihn als Machtfaktor gegen ihren Partner zu instrumentalisieren. Der Therapeut muss deshalb besonders darauf achten, dass er von den Eltern nicht trianguliert wird. Er darf niemals die Advokatenrolle für den einen oder andern Elternteil übernehmen, sondern muss stets seine eigene unabhängige Position behalten. Er darf sich aber auch nicht vom Patienten gegen die Eltern – oder umgekehrt – von den Eltern gegen den Patienten triangulieren bzw. instrumentalisieren lassen.

Sein Ziel soll sein, zwischen den Eltern genügend gegenseitige Akzeptanz zu schaffen, sodass sie den entwicklungshemmenden Zwang zur gegenseitigen Negation aufgeben können. Um dies zu erreichen, muss keine Einigung zwischen den Eltern angestrebt werden. Im Gegenteil, der Therapeut soll sogar gleich zu Beginn die nicht zu vereinbarenden Standpunkte von Mutter und Vater als Ansatz zur Differenzierung verwenden und ohne jegliche Wertung möglichst offen zur Sprache bringen und so die Eltern in ihrer gleichwertigen Bedeutung hervorheben.

Sinnloser Kampf gegen die Mutter-Kind Symbiose

Die Mutter-Kind-Beziehung hat eine arterhaltende Funktion. Sie steht für die Frau an erster Stelle und kommt noch vor der Paarbeziehung, sobald sie Mutter geworden ist.

Die enge Mutter-Kind-Beziehung lockert sich normalerweise während der Pubertät in der Ablösungsphase. Bei Familien mit einem schizophreniekranken Kind bleibt diese enge symbiotische Beziehung jedoch über das Pubertätsalter hinaus bestehen. Der Therapeut muss sich deshalb dieser Beziehung mit besonderer Sorgfalt annehmen.

Sowohl die Mutter als auch das Patientenkind wehren sich vehement gegen jegliche therapeutische Intervention, die darauf hinausläuft, die symbiotische Mutter-Kind Beziehung – einer Nabelschnur vergleichbar – abrupt zu trennen. Therapeuten verfallen aber immer wieder diesem Irrtum. Die Therapie artet dann in einen Machtkampf aus, den die Therapeuten regelmässig verlieren.

Die symbiotische Mutter-Kind Beziehung stellt ein geschlossenes System der Gefühle und Bedürfnisse dar. Sowohl die Mutter als auch das Patientenkind nehmen jeweils beim andern die feinste Gefühlsregung und Unstimmigkeit wahr und versuchen, diese sofort auszugleichen.

Über diese intensive emotionale Bindung fühlt sich nicht nur die Mutter für das Kind, sondern auch das Kind für die Mutter verantwortlich. Dies kann soweit gehen, dass nicht nur die Mutter das Kind, sondern auch das Kind seine Mutter vor dem «Bösen» dieser Welt» meint beschützen zu müssen. Beide benutzen so ihre Angst und Sorge um den andern, um die eigene Selbstunsicherheit zu verbergen. Autonomie und Eigenverantwortung empfinden sowohl Mutter wie Kind als bedrohlich.

Mütter erlauben dem Therapeuten keinen Zugang zu dieser engen Mutter-Kind Beziehung, solange sie kein Vertrauen in den Therapeuten haben. Sie beharren unter diesen Umständen auf der festen Überzeugung, dass nur sie in der Lage sind, ihrem Kind wirklich helfen zu können. Ihre Sorge um das kranke Kind ist ihre wichtigste Beschäftigung, von der sie nicht ablassen können, solange der Therapeut eine gewaltsame Trennung zwischen ihnen und ihrem Kind verlangt.

In dieser Situation ist es oft hilfreich, eine prozesshafte Beziehungsanamnese über die Symbiose zwischen Mutter und Kind aufzunehmen. Der Therapeut lässt sich dabei von der Mutter ausführlich schildern, wie die Interaktion zwischen ihr und dem Patientenkind im Detail abläuft, ohne jedoch die interaktiven Verhaltensmuster in irgendeiner Weise zu werten oder gar verändern zu wollen.

Gelingt es dem Therapeuten, sich von der Mutter die Interaktion präzise schildern zu lassen und ihren Ausführungen eine wertfreie Akzeptanz entgegenzubringen, dann fühlt sie sich seiner Unterstützung sicher. Sie hat dann oft selbst ein «Aha-Erlebnis» und sieht plötzlich die emotionale Negativspirale zwischen sich und ihrem Patientenkind. Dies versetzt sie dann aber in die Lage, eine entsprechende Veränderung bei sich vorzunehmen und dem Therapeuten die Führung zu überlassen.

Zu diesem Zeitpunkt kann der Therapeut auch die Zusage der Mutter erwirken, den Vater ins Beziehungsumfeld des Patientenkindes einzulassen, sodass er seine väterliche Führungsaufgabe ihm gegenüber übernehmen kann.

Therapeutischer Machtkampf – ein Kunstfehler

Ärztliche Therapeuten reagieren oft erstaunt, manchmal sogar irritiert, wenn sich Patient oder Angehörige aktiv gegen ihre Strategie zur Wehr setzten. Als Vertreter der medizinischen Autorität mit entsprechendem Fachwissen können sie es nur schlecht akzeptieren, wenn ihre Anweisungen von Patienten- oder Angehörigenseite her in Frage gestellt werden. Sie sind es gewohnt, dass sie das Wissen und das Sagen haben und sich jederzeit unangefochten durchsetzen können.

Autoritäres Verhalten dieser Art motiviert die Patientenfamilie jedoch nicht, sich auf einen Lernprozess einzulassen. Vielmehr stösst eine solche Einstellung des Arztes die Patientenfamilie vor den Kopf, ja beleidigt sie womöglich, wenn er, sichtlich irritiert, seiner Autorität Nachdruck zu verschaffen versucht.

Kommt es zum Machtkampf, gewinnt immer der Patient mit seinem Kranksein. Auch die Patientenfamilie kann auf diese Weise ihren Status quo erhalten. Der therapeutische Prozess steckt dann in einer Sackgasse.

Kritik und das Hinterfragen der ärztlichen Anweisungen von Seiten der Patientenfamilie sollten immer dahingehend interpretiert werden, dass die Familie zwar aktiv am therapeutischen Prozess mitmachen möchte, die Zielsetzung des Therapeuten aber mit der Realität der Familie nicht übereinstimmt.

Der Therapeut sollte den Widerstand der Familie deshalb als Aufforderung an sich selbst verstehen, seine Interventionsvorschläge noch einmal sorgfältig zu überprüfen, ob der Zeitpunkt für die vorgeschlagene Intervention noch zu früh oder nicht genügend systemgerecht war und dann sein therapeutisches Vorgehen zu optimieren versuchen.

Der erfahrene Therapeut betrachtet die Therapie, wie schon zu Beginn dieses Kapitels erwähnt, immer auch als Lernprozess für sich selbst und als Feinschliff für sein Therapie-Instrumentarium. Er korrigiert seine therapeutischen Interventionen fortlaufend, wenn es die Familiensituation erfordert. Er vertritt seinen Standpunkt zwar selbstsicher und ruhig, vermeidet es aber tunlichst, die Familie davon überzeugen zu wollen, dass er im Recht ist, wenn sie Widerstand leistet – auch wenn er sogar theoretisch Recht haben mag.

Der erfahrene Therapeut gibt nur die allgemeine Richtung vor. Er überlässt es der Familie, selbst den richtigen Zeitpunkt, das «Timing» zu bestimmen und die Verantwortung dafür zu übernehmen. Mit dieser Haltung erleichtert er der Familie den Therapieprozess und befreit sich selbst vom Erfolgsdruck, sodass die Therapie auch unter erschwerten Umständen und bei wiederholten Rückschlägen fortgesetzt werden kann nach dem Motto: «Der Weg ist das Ziel.»

Unerfüllte Wünsche der Eltern

Hinter den Kulissen der Kernfamilie verbergen sich stets Probleme aus der Herkunftsfamilie. Es lohnt sich deshalb, hinter die Kulissen zu schauen.

Sowohl Väter wie Mütter können oft unerfüllte Ambitionen im Stillen mit sich tragen, heimliche Wünsche, die sich in der Folge behindernd auf die Entwicklung ihres Patientenkindes auswirken. Deswegen ist es aus therapeutischen Gründen sinnvoll, Eltern nach ihren unerfüllten Ambitionen oder anderen nicht ausgesprochenen Träumen zu fragen.

Nicht erfüllte, über Jahre im Verborgenen gehegte Wünsche sollten deshalb mit jedem Elternteil einzeln ernsthaft auf eine noch mögliche Realisierung hin geprüft werden im Sinne einer Interessenspflege, einer Freizeitbeschäftigung oder gar einer Weiterbildung. Auch wenn die zurückgehaltenen elterlichen Wünsche noch so unbedeutend und nebensächlich erscheinen mögen – unerfüllte Wünsche sind stumme Störfaktoren. Offene Gespräche über verdeckte Aspirationen und geheime Träume wirken klärend. In der Folge entlasten sie den Patienten.

Die Entwicklung des Patienten zur Selbständigkeit ist oft erst dann möglich, wenn die Eltern – unabhängig von ihrer Vater- und Mutterrolle – sich ernsthaft ihrer eigenen Herzenswünsche annehmen.

Auszug III

Nachwort an die Eltern

Zum Abschluss dieses Buches möchte ich noch etwas zur Ermutigung verzweifelter Eltern sagen. Beim Lesen dieses Buches werden sie entdeckt haben, dass ich auf vielen Ebenen therapeutische Vorschläge mache. Gleichzeitig weise ich auf Fehlentwicklungen hin, die sich über Generationen hinweg aufbauen, an welchen Eltern als Kinder ihrer Eltern und Mitglieder ihrer Herkunftsfamilien meistens Anteil haben.

Ich will ihnen als Eltern keine Schuld zuweisen noch ihr Handeln verurteilen. Schuld und Verurteilung sind keine Ratgeber in der systemischen Familientherapie. Fehler aber schon. Anhand unserer Fehler lernen wir. Erkennen wir unsere Fehler nicht, sind wir ohnmächtig, uns beraten zu lassen. Den Entwicklungsstillstand zu überwinden und uns zu fragen, wie man aus den gegenwärtigen Schwierigkeiten herauskommt, soll unser Ziel sein.

Anzeichen der Entmutigung sind weit verbreitet. Wer liebt schon das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben? Sie sollen als Eltern deshalb ihre Aufmerksamkeit auf eine funktionelle Betrachtung und sachliche Beratung richten. Um dies zu erreichen, brauchen sie den Mut zur Unvollkommenheit. Das heisst aber nicht, dass sie auf Entmutigung, Schwäche und Verzweiflung bauen sollen. Genau so wenig wie es hilft, Vollkommenheit anzustreben.

Fehler machen wir alle als Eltern. Fehler zugeben können wir – wohl aus unserem Vollkommenheitswahn heraus – nicht oft genug. Denn besonders als Eltern glauben wir, dass wir etwas von unserem persönlichen Wert verlieren, wenn wir Fehler eingestehen. Das ist Schwäche. Mut zu bewahren angesichts begangener Fehler, das ist Stärke.

Ich kann die Bereitschaft zur Veränderung in der Familie von ihnen als Eltern nicht oft genug in ihrer Wichtigkeit hervorheben. Gelebte Verschiedenartigkeit von Mann und Frau sowie verschiedene Erziehungshaltungen bei der mütterlichen und väterlichen Rollenausübung sind nicht schizophrenogen, wenn sie als Eltern offen miteinander kommunizieren und ihre unterschiedliche Haltung gegenseitig respektieren. Klar kommunizierte Verschiedenartigkeit von ihnen als Eltern fördert die Wahrnehmung des Kindes und seine soziale Anpassungsfähigkeit. Es erhält dadurch eine flexible Grundstruktur für sein Denken und Handeln und wird robuster für die späteren Auseinandersetzungen im täglichen Leben mit seinen Mitmenschen.

Lassen sie sich helfen, dann können sie ihrem kranken Kind und auch sich selber helfen. Lernen sie nicht, sich helfen zu lassen, dann kann ihnen keiner helfen.

Doch denken sie auch daran, dass dieser Einsatz Zeit erfordert. Mehr Zeit als ihnen vielleicht lieb ist. Der Mut zu kleinen Schritten verkürzt aber diese Zeit und ermutigt sie zum nächsten Schritt.

Reife bedeutet nicht Vollkommenheit. Reife bedeutet Möglichkeitssinn, Verwirklichung des Möglichen. Machen sie es möglich, dass ihr Kind sich entwickeln kann.

Der Anfang liegt bei ihnen als Eltern – lassen sie dabei ihre Biographie nie aus den Augen und beherzigen sie meine Bitte, auf das emotionale Echo aus dem Umfeld Ihrer Herkunftsfamilie zu hören.

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