http://www.blick.ch/news/schweiz/psychiatrie-zusammenhang-zwischen-cannabis-und-schizophrenie-bestaetigt-id6105652.html

Interview zum Thema mit Radio Argovia und Dr.med. Ursula Davatz

Transkription

Transkript

Dr.med. Ursula Davatz

6.11.2003
Einmal Kiffen kann psychotisch machen.
Audio

[00:00:01.580] – Radio Argovia
Kiffen ist ungesund und macht krank.

[00:00:17.690] – Radio Argovia
Ein internationales Forschungsteam beweist, dass zwischen Kiffen und der
Schizophrenie eine Verbindung besteht.

[00:00:22.988] – Radio Argovia
http://www.blick.ch/news/schweiz/psychiatrie-zusammenhang-zwischen-cannabis-und-schizophrenie-bestaetigt-id6105652.html

[00:00:23.420] – Radio Argovia
Marina Fischer hat bei Frau Dr.med. Ursula Davatz nachgefragt.

[00:00:24.327] – Radio Argovia
https://www.linkedin.com/in/marina-fischer-706367172/

[00:00:29.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, das überrascht mich gar nicht. In meiner täglichen Praxis habe ich das immer
wieder erfahren und habe das schon postuliert, wo ich vor vielen Jahren mein Buch
publiziert habe: wie bewahren wir unsere Kinder vor der Drogensucht?

[00:00:41.968] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.buchkids.ch/contents/de-ch/p15380_Wie-bewahren-wir-unsere-Kinder-vor-der-Drogensucht.html

[00:00:42.310] – Dr.med. Ursula Davatz

Kiffen, Cannabis ist eine schizophrene Droge.

[00:00:48.540] – Marina Fischer
Wo sie das Buch herausgebracht haben und die These aufgestellt haben, wie haben die
Leute da drauf reagiert?

[00:00:55.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele haben skeptisch darauf reagiert und gesagt, das ist doch gar nicht bewiesen. Die
Therapeuten haben es zum Teil auch gesehen. Die Fachleute wollten es nicht
wahrhaben.

[00:01:02.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Drogensüchtigen selber haben immer gesagt: das stimmt gar nicht, es ist harmloser
als Alkohol.

[00:01:13.970] – Marina Fischer
Wie ist das denn? Wie kann man sich das vorstellen? Werde ich jetzt schon
schizophren, wenn ich einmal kiffe?

[00:01:19.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Menschen, die noch zusätzlich ein angeborenes ADHS/ADS haben, wenn die kiffen,
dann fallen die schneller in eine Psychose hinein.

[00:01:30.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Ihr Gehirn ist noch sensibler, als Menschen die nicht diesen Neurotyp haben.

[00:01:38.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Was macht das Kiffen?

[00:01:38.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Es verschlechtert das Gedächtnis.

[00:01:38.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Es verschlechtert die ganze Reiz-Leitungs-Verarbeitung im Gehirn.

[00:01:46.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Es macht ein Durcheinander und gibt einem ein überhöhtes Selbststerfgefühl, was
natürlich nicht stimmt.

[00:01:55.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Man verarbeitet die Realität nicht mehr ganz gleich.

[00:01:59.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann Angst auslösen und schlussendlich dann eine Psychose.

[00:02:03.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt Leute, die nur nach einem Joint psychotisch werden.

[00:02:03.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein junger Mann ist auf Amsterdam gegangen. In seiner Familie ist ADHS/ADS
vorhanden. Er ist mit einem Joint voll psychotisch geworden und hat ein halbes Jahr
gebraucht, bis er wieder runter gekommen ist.

[00:02:20.670] – Marina Fischer
Er hat ein halbes Jahr gebraucht, bis er wieder normal leben konnte?

[00:02:25.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat Panikattacken gemacht, zum Teil natürlich auch ein schlechtes Gewissen gehabt
und so weiter. Das ganze resultiert in einer Eigendynamik.

[00:02:30.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich musste ihn schwer beruhigen und er musste sein Studium unterbrechen und konnte
erst nach einem halben Jahr wieder einsteigen.

[00:02:39.920] – Marina Fischer
Das wegen einmal Kiffen?

[00:02:42.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja.

Cannabis induzierte Schizophrenie –
Was können Eltern tun?

Dr.med.Ursula Davatz
http://www.ganglion.ch

Vortrag 6.November 2003
Jubiläumsveranstaltung VASK

Ein paar Tips aus der Erfahrung einer Psychiaterin und Familientherapeutin in
Kürze:
− Cannabiskonsum ist ein weit verbreitetes Modeverhalten unter Jugendlichen, mit
welchem sich alle Erziehenden von Jugendlichen auseinandersetzen müssen.
Insbesondere von den Eltern ist eine klare Haltung gefragt.

− Es geht bei dieser Auseinandersetzung nicht darum, als Erzieher den Konsum
dieser Droge zu verbieten oder zu erlauben oder gar einen Vertrag mit dem
Jugendlichen auszuhandeln, wie viel Haschischkonsum gerade noch toleriert
werden kann und wie viel nicht, quasi um das Mass des Drogenkonsums, es
geht vielmehr um eine klare, unzweideutige Haltung.

Die klare Position der Eltern sollte folgende Aspekte umfassen:
• dass Haschisch schädlich ist für die Gesundheit und die
Persönlichkeitsentwicklung.
• dass es bei chronischem Konsum eine Psychose, eine Schizophrenie hervorrufen
kann.
• dass es die psychosoziale Entwicklung des Jugendlichen verzögert oder gar zum
Stillstand bringt, ihn also seiner normalen Entwicklung in diesem Alter beraubt und
sie zum Stillstand bringt.
• dass sie aus all diesen Gründen dagegen sind.

-1-


− Diese klare Haltung der Eltern dient als Richtschnur für den jungen Menschen,
sie soll aber weder ein Befehl noch ein Verbot darstellen.

− Die Verantwortung für seine eigene Gesundheit muss der Jugendliche jedoch
selbst übernehmen, diese darf nicht mehr bei den Eltern liegen.

− Die Eltern dürfen in keiner Weise mehr die emotionale Verantwortung für den
Jugendlichen und seine Gesundheit tragen, sonst kommt es nicht zur
Verantwortungsübernahme und zum Erwachsenwerden.

− Tritt eine Psychose auf beim Jugendlichen oder gerät er in einen
präpsychotischen Zustand, muss die Haltung in Bezug auf Cannabiskonsum
genau gleich bleiben: Es darf auch dann keine Panik gemacht und auch unter
diesen Voraussetzungen nicht mit Verbot gearbeitet werden.

− Sie sollten sich jedoch zusätzlich Hilfe holen bei einer psychiatrischen
Fachperson, nicht mehr bei den Drogenfachleuten oder Psychologen.

− In diesem Falle ist eine medikamentöse Behandlung angezeigt, und zwar mit
Neuroleptika, wenn vielleicht auch nur in sehr niedriger Dosis.

− Es dürfen überhaupt keine grossen Grundsatzdiskussionen geführt werden,
welche zusätzlich emotionale Aufregung ins System bringen, das System und der
psychotische Jugendliche muss an erster Stelle beruhigt werden.

− Ein Elternteil sollte die Führung des Jugendlichen übernehmen , am besten sollte
es der Vater sein, da dieser eine wichtige Rolle beim Erwachsen werden spielt.

− Die Mutter sollte eher in den Hintergrund treten, da ihre Rolle bei der Ablösung
ins Erwachsenenalter eher hinderlich ist, vor allem durch ihre mütterliche Rolle.


-2-


− Die Eltern sollten ihren Ehekonflikt nach Möglichkeit zurückstellen, falls ein
solcher vorhanden ist oder aber versuchen, diesen in aller Offenheit einer Lösung
zuzuführen.

− Die Mutter hat meist die Aufgabe, versteckte Wünsche in die Tat umzusetzen,
um aus ihrer mütterlichen, überfürsorglichen Rolle heraus zu treten und das Kind
frei zu geben für seine eigene Entwicklung.

− Dieser persönliche Entwicklungsschub für die eigenen Ziele der Mutter ist
hilfreicher für den Jugendlichen als ihre direkte mütterliche Fürsorglichkeit.

− Da Cannabiskonsum meist darunter liegende persönliche Entwicklungsprobleme
des Betroffenen verdecken soll, müssen diese in der Therapie mit den
Jugendlichen unbedingt angegangen werden.

− Es geht bei der direkten Behandlung des psychotischen Jugendlichen nicht so
sehr um die Behandlung seiner Krankheit, als viel mehr um den Anstoss und die
Unterstützung für eine gesunde Entwicklung vom Jugendlichen zum
Erwachsenen im Zusammenhang mit der Berufswahl und seiner
Beziehungsfindung zum anderen Geschlecht.

− Die Eltern können bei dieser gesunden Entwicklung behilflich sein, indem sie sich
führen und anleiten lassen von der erfahrenen Fachperson und darauf
achten,ihre eigene Angst nach Möglichkeit unter Kontrolle zu behalten und nicht
einfach auszuagieren, was natürlich eine sehr schwierige Aufgabe ist.

Schlussbemerkung:
Cannabis-Psychosen haben durchaus eine gute Prognose, wenn es gelingt, den
jungen Menschen wieder in die normale Entwicklung ins Erwachsenenalter hinüber
zu führen. Den Cannabiskonsum lernt er schlussendlich von sich aus wegzulassen,
ohne dass man ihm diesen verbietet. Nicht das Verbot, sondern die klare Haltung
der Eltern ist jedoch Voraussetzung dafür.

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