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Dr.med. Ursula Davatz
5.11.2022
Berufliches Scheitern, Krise, Gefahr, Chance
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Dr.med. Ursula Davatz (00:00)
Ich möchte Sie alle ganz herzlich begrüssen zu diesem Thema. Sie haben ein sehr
gutes Thema gewählt. Auch das Wort «Chancen und Risiken». Es gibt das chinesische
Zeichen, das sagt, dass die Krise eine Gefahr und gleichzeitig eine Chance für eine
Entwicklung ist. In diesem Sinne ist jede Krise auch eine Chance für eine Entwicklung.
Jetzt beziehen wir das ganz spezifisch auf das Berufsleben. Wenn wir unsere westliche
Industrie und die Produktionsgesellschaft anschauen, dann verbringen wir, viele von
uns verbringen mehr als die Hälfte des Lebens am Arbeitsplatz, im Beruf. Wenn man
das Wort "Beruf" anschaut, dann hat es einerseits "die Berufung", also ich werde
emotional zu etwas hingezogen, also fast etwas Heiliges, könnte man sagen. Und auf
der anderen Seite ist es Arbeit. Früher hat man gearbeitet, um Geld zu verdienen, damit
man überleben kann. Und heute in grossen Betrieben und wenn die Leute in einer
hohen Anstellung sind, sieht es oft so aus, als ob man zum Arbeiten lebt. Und das ist
natürlich nicht sehr ideal. Nochmals zurück: Früher hatte man eher den Beruf im Sinne
einer Tradition gewählt. Wenn der Vater Schreiner war, wurde man auch Schreiner. Die
Männer haben den Beruf ihrer Väter übernommen und die Frauen heirateten. Den
Frauen sagte man, sie müssen nichts lernen, da sie Kinder bekommen und dann musst
Du eine gute Hausfrau sein.
Dr.med. Ursula Davatz (01:51)
Dann lernten sie nur Kochen, Nähen und vielleicht Musik in der vornehmeren Familie.
Wenn ich zurückgehe, hat man den Beruf des Vaters gewählt oder man ist ins Kloster
gegangen. Also man hat etwas gewählt, das eine Art Versicherung für die Familie ist.
Man hat eine Versicherung im Himmel geholt, damit es der Familie gut geht. Zum Teil
wurde auch von den Eltern gesagt, dass einer oder eine ins Kloster muss, damit es der
ganzen Familie gut geht. Das war die frühere Versicherung, heutzutage macht man
Lebensversicherungen. Klar das ist schon lange her, aber gedanklich läuft es auch noch
ein bisschen so. Heute besteht die Möglichkeit, dass man eine individuelle Berufswahl
macht. D.h. man wählt selber etwas, was man gerne machen möchte. Bei der
individuellen Berufswahl ist man auch nicht ganz frei. Häufig wird nach dem Wunsch
der Eltern gewählt. Wenn die Eltern nicht studieren konnten, wollen sie der nächsten
Generation immer die Möglichkeit geben, ein Stück weiter zu kommen. Die Eltern
erwarten eigentlich immer, dass ihre Kinder es weiterbringen als sie selbst. Wenn die
Eltern schon ein hohes Niveau haben, wenn sie schon Professor oder grosse
Unternehmer sind, wollen sie in der Regel nicht, dass ihre Kinder irgendwie absteigen.
Dann muss das Kind mindestens einen genauso guten Beruf haben. Es kann in einem
anderen Gebiet sein, aber man will immer das Niveau erhalten. Die sogenannte
Besitzstandswahrung spielt eine wichtige Rolle? Das ist einfach in unseren
Vorstellungen. Wir schauen voraus und wollen immer besser und mehr.
Dr.med. Ursula Davatz (03:56)
Dann kann man nach den Eltern ihren Wunsch wählen. Wenn die eigenen Fähigkeiten
den Wünschen der Eltern entsprechen, ist das kein Problem. Wenn die eigenen
Fähigkeiten den Wünschen nicht entsprechen, wird es schwierig. Man kann auch einen
hochfliegenden Wunsch haben, also hohe Ambitionen, und dann versuchen, in diese
Richtung zu gehen. Man will einerseits die Erwartungen der Eltern erfüllen, andererseits
seine eigenen hohen Erwartungen erfüllen. Je nachdem funktioniert es dann nicht. Ein
junger Patient, der die Matur gemacht hat. Er wollte etwas Tolles erfinden. Nanotechnik
ist eine moderne Angelegenheit. Er hat sich in die Nanotechnik eingeschrieben. Er war
langweilig, hatte zu viele Details. Ich wollte das nicht. Auf der anderen Seite hatte er
eine soziale Ader. Er dachte, er mache Lehrer. Dann kann er sein Wissen weitergeben.
Lehrer sein ist anstrengender aber auch wertvoller Beruf. Man gibt etwas weiter. Dann
passte es ihm aber nicht so. Er sass nur noch zu Hause und machte nichts mehr. Seine
hochfliegenden Ziele sind flöten gegangen. Im Augenblick, wo man nicht seine hohen
Ziele erreichen kann, oder wo man zu hoch fliegende Ziele hat, also man will etwas
machen, das man vielleicht gar nicht dafür geeignet ist, vielleicht macht man es, um den
anderen Eindruck zu machen, vielleicht macht man es, um den Eltern Eindruck zu
machen, und wenn man dann scheitert, wenn die hochfliegenden Ziele nicht mit den
eigenen Talenten übereinstimmen, dann hat man ein Problem.
Dr.med. Ursula Davatz (06:07)
Was macht man dann? Es kann auch sein, dass man zu viele Ideen hat. Ich möchte
das, das, das, das. Und man kann ja nicht alles machen. Und gerade zum Beispiel
Menschen, die ganz viele Talente haben, die haben ein grösseres Problem, um dann
etwas davon auszuwählen. Also um einen sogenannt einen eigenen Fokus zu finden
und sich ein bisschen zu beschränken. Und im Augenblick, wo man eben, wo die
hochfliegenden Ziele nicht verwirklicht werden können, man könnte auch Prüfungen
nicht bestanden haben oder der Chef, zu dem man gegangen ist, wo man gelernt hat,
ist nicht so gut oder man versteht sich nicht recht, dann bleibt man hängen. Und wenn
ich schaue, wann haben Menschen die meisten Krisen im Jugendalter und speziell in
Bezug auf Psychiatrie, dann hängen diese Krisen oft zusammen mit einer verfehlten
Berufswahl zusammen. Oft ist es eine verfehlte Berufswahl und manchmal kommt auch
noch dazu bei der Partnerwahl. Und wenn man dann in die Psychiatrie geht, dann
werden einfach die Symptome bekämpft, aber hintendran steckt immer noch diese
missratene Berufsfindung. Und in dem Sinn, wenn ich mit Patienten arbeite, schaue ich
nie nur ihre Symptome an, sondern ich schaue immer auch noch, was sie eigentlich
werden möchten. Und wenn ich dann frage, dann sagen sie, ich habe keine Ahnung, ich
weiss es nicht.
Dr.med. Ursula Davatz (07:41)
Also oft lassen sie sich auch nicht genügend Zeit, um zu schauen, was sie eigentlich
wollen. In diesem Sinn mache ich in meiner Arbeit oft auch eine Art Berufsberatung. Die
Berufsberatung läuft dann so, ich frage nach den hochfliegenden Zielen. Dieser junge
Mann hier, der dann nur noch im Bett gelegen ist und nichts mehr gemacht hat, habe
ich gefragt, was ihn interessieren würde. Er hat gesagt, mal Lehrer wäre schon noch
gut. Aber irgendwo hat es mich nicht ganz überzeugt. Ich fragte, ob er im hintersten
Kämmerchen immer noch die Idee hat, etwas zu erfinden zu müssen? Wenn man
intellektuell ist, ist es natürlich das Tollste, wenn man etwas erfindet. Er antwortete, Ja,
eigentlich schon. Solange man festhält, dass man das will, und man dann an die Uni
geht, und das entspricht dem allen nicht, dann hat man nichts mehr. Es könnte auch
sein, ich habe einen anderen, der ein guter Fussballer, und der hat von 13, 12 bis 20
immer davon gelebt, er hat eigentlich eine Rolle gespielt. Er war ein Star. Obwohl er
wusste, dass das seinen intellektuellen Fähigkeiten nicht entgegenkommt, spielte er
immer diese Rolle gespielt. Dann hatte er eine Knieverletzung oder etwas anderes,
konnte nicht mehr spielen, dann fällt die ganze Rolle weg. Solche treffe ich auch an, die
eine sportliche Karriere machen wollten. Dann passiert ein Unfall oder eine Verletzung.
Dann können sie nicht weitermachen, und dann weiss man nicht mehr, was. Aber die
hochfliegenden Ziele sind immer noch da. Jetzt kann man in einen Stillstand verfallen
und im Bett liegen bleiben und träumen davon, wann und was ich möchte und wenn ich
hätte und der Unfall nicht gewesen wäre, wäre ich jetzt ein grosser Star oder ein toller
Unternehmer oder irgend etwas ganz Tolles. Und wenn man ständig in diesen
Gedanken hängen bleibt, macht man natürlich nichts. Das Leben geht einem vorbei.
Und es gibt Leute, die bis zum hohen Alter noch irgendwelche hochfliegenden Ziele
hinten drein denken und sich baden in diesen Vorstellungen, was ich für ein toller
Mensch hätte werden können. Was für eine tolle Berufsperson. Und das ist natürlich
nicht gut. Und so gescheiterte Personen kommen zu Ihnen. Wenn solche Leute in der
Psychiatrie landen, und die schwierigste Krankheit ist ja Schizophrenie, oder eine der
schwierigsten, dann benehmen sie sich oft wie minderbegabt. Und früher hat man ja
gesagt, die Schizophrenie ist Dementia Präcox, das heisst, die verdummen, was
überhaupt nicht stimmt.
Dr.med. Ursula Davatz (11:05)
Und dann hat man sie behandelt wie geistig Behinderte. Und dann fühlen sich die
natürlich nicht für voll genommen. Und dann blockieren sie noch mehr. Also von dort her
muss man immer schauen, was für eine intellektuelle Fähigkeit hinter dran ist. Und auch
wenn sie jetzt gar nichts leisten können, wenn man das nicht wahrnimmt, dann fühlen
sie sich nicht ernst genommen, nicht weggeschätzt und falsch behandelt. Und das höre
ich von vielen Patienten und Psychiatriepatienten, die in Werkstätten gehen müssen,
sei das in Königsfelden, sei es ausserhalb, wo sie sich in ihrer Kapazität, in ihren
Fähigkeiten nicht abgeholt fühlen. Und dann einfach nur Widerstand machen. Oder
einfach nichts machen. Oder Absentismus. Also nicht mehr kommen. In diesem Sinne
stellt sich die Frage, wenn wir einen Mensch vor uns haben, der gescheitert ist, in
seiner Berufswahl, ist die Frage, wie gehen wir jetzt vor? Diese Menschen haben einen
falschen Fokus gesetzt oder keinen eigenen Fokus gesetzt. Sie haben fremden Fokus
gesetzt, der gar nicht zu ihnen passt. In diesem Sinne muss man herausfinden, was
wäre eigentlich ihr Fokus? Wenn Sie einem dann gleich antworten "ich weiss es nicht,
keine Ahnung", dann steht man wieder wie der Ochse am Berg. Was ich dann mache,
ist, dass ich so weit draussen anfange wie möglich: Eher das oder das? Eher das oder
das? Eher das oder das? Ich komme langsam näher zu einem Fokus.
Dr.med. Ursula Davatz (12:48)
Oft trauen sie sich häufig gar nicht, zu sagen, was sie eigentlich wollen. Eine Methode,
die ich auch verwende, ist, zu fragen, was sie in der Schule speziell gerne hatten. In der
Mathematik oder eher Sprache? Eher etwas Handwerkliches oder eher das? Und dann
versuche ich, langsam einzugrenzen. Aber man muss sie dazu bringen, dass sie
sorgfältig darüber nachdenken, wer sie eigentlich sind. Unsere Welt ist so oberflächlich
und so fest auf den Einschaltquoten ausgerichtet. Man lebt ja stark im Internet und
wenn man einen Einschaltquote hat, dann ist das toll. Also eigentlich alles
oberflächliches Zeugs. Wo man dann nicht mehr sich Zeit nimmt, um zu schauen, wer
bin ich eigentlich, was will ich eigentlich will, was ist mein Fokus etc. Und in dem Sinne
muss man die oft runterbremsen, dass sie genauer schauen, was ihre Sache ist. Und
da sage ich dann, selbstorientierter Fokus und nicht ein Fokus, der der Gesellschaft
gefällt. Nicht ein Fokus, der gerade in Mode ist, sondern ein Fokus, der wirklich zu
einem gehört. Und da zitiere ich dann immer den Satz von Saint Exupéry, also der sagt:
»On ne voit bien qu'avec le cœur« und ich sage: "lf faut consulter votre cœur". Sie
müssen sich selber fragen, wer bin ich eigentlich, was passt zu mir, was tut mir gut, was
habe ich gerne? Im Augenblick, wo man so etwas findet, wo der eigene Fokus ist, wo
das eigene Wesen verwirklicht, dann beginnt es zu laufen.
Dr.med. Ursula Davatz (14:53)
Ich erzähle viel von ADHSler. ADHSler die haben oft einen breiten, aber keinen rechten
Fokus. Sie sind in vielen Sachen begabt, aber sie nehmen sich nicht die Zeit, um zu
überlegen, was sie eigentlich wollen. In dem Sinne muss man sie dann runterbremsen.
Und mit ihnen den Fokus suchen. Und diesen Fokus, einerseits muss man nach ihren
Fähigkeiten fragen. Das kann man im Berufstest auch erfragen. Und andererseits muss
man nach ihrer Passion fragen, also ihre Begeisterung. Und bei den ADHSlern sagt
man auch, wenn sie dann mal einen Fokus haben, der sie interessiert, dann gehen sie
damit sehr stark. Jetzt muss man auch wieder schauen, ob sie den eigenen Fokus in
der Schule oder in der Lehre schon leben konnten oder ob sie sich ständig anpassen
mussten. Im Augenblick, in dem sie sich an das Umfeld anpassen mussten und keine
Zeit hatten, um den eigenen Fokus zu finden, muss man sie wieder zurückholen und
ihnen helfen, Geduld zu haben und den eigenen Fokus zu finden. Wenn ein Mensch
nicht den eigenen Fokus findet, dann kann er sehr verbittert werden. Und da kann man
sogar in der Alterspsychiatrie erleben, dass die noch immer an die früheren Träume
denken. Und hätte ich doch, und wäre ich doch, und warum habe ich nicht, und wie
wäre es gewesen, wenn, etc.
Dr.med. Ursula Davatz (16:52)
Und dort in der Alterspsychiatrie, also wenn ich mit Spitex Personen arbeite, sage ich
dann sogar, sie sollen ihre Klienten fragen, wann sie das Leben noch einmal
durchgehen könnten. Wo hätten sie die Weiche anders gestellt? Und auch wenn es zu
spät ist, um irgendetwas anderes zu machen, schon nur darüber nachzudenken, was
hätte ich eigentlich wollen. Was wäre mein Traum gewesen? Das gibt eine gewisse
Beruhigung, hat eine gewisse integrative Wirkung. Diese Verbitterung kann sich in
psychiatrischen Krankheiten zeigen und sie kann sich natürlich auch in körperlichen
Krankheiten zeigen. Also, wenn jemand ständig zwischen der Realität und seinen
Wunschträumen ist, dann geht er ständig hin und her und stresst sich unglaublich. Und
der Stress bewirkt dann entweder, dass man psychiatrische Krankheiten entwickelt oder
eben auch somatische. Und umgekehrt, wenn man seinen Fokus findet und sich in
seiner Arbeit verwirklichen kann, nach dem Stil den man gerne möchte, dann bleibt man
gesund und kann lange leben. Letztens sah ich ein Video eines japanischen Arztes. Er
sagte, er liebe seinen Beruf, er gebe gerne etwas weiter. Man solle den Beruf nicht
wegen Geld machen, sondern weil man es gerne macht. Er wurde 106 Jahre alt und
arbeitete bis einen Monat bevor er gestorben ist.
Dr.med. Ursula Davatz (18:40)
Das ist wahnsinnig. Das können wir nicht alle. Ja, ist unglaublich. Und ich bringe immer
wieder den Satz von Eudaimonic Hapiness und Hedonic Hapiness. Also, wenn man
Freude hat an dem, was man macht, an seinem Beruf, und das wäre wieder Berufung,
man ist berufen, etwas zu machen, dann hat das eine ganz gute Wirkung auf das
Immunsystem. Man bleibt gesund, man wird nicht krank und man kann lange leben.
Wenn man etwas nur macht, um den anderen zu gefallen, dann hat das überhaupt
keine Auswirkung auf das Immunsystem. Es hat eine Auswirkung auf die
Einschaltquote, aber diese Einschaltquote tut gar nichts für das Immunsystem. Und in
diesem Sinne ist es so wichtig, dass man wirklich seinen Fokus findet, intrinsisch
motiviert ist, das macht, was einem entspricht, was man gerne macht. Da braucht es
natürlich auch einen gewissen Einsatz und eine gewisse Leistung. Aber für etwas, was
man gerne macht, bringt man auch diese Leistung. Wenn man das macht, hat das eine
gute Auswirkung auf das Immunsystem. Und ich denke, jetzt in dieser Coronazeit ist
das auch herausgekommen. Die Leute, die von sich aus zufrieden sind, etwas machen,
was sie gerne machen, hatten viel mehr Fähigkeit, sich anzupassen.
Dr.med. Ursula Davatz (20:08)
Diejenigen welche nicht so zufrieden sind, sind dann quasi über die Klippe gesprungen.
Sie haben entweder psychologische oder körperliche Probleme bekommen. Oder sie
haben mit ihrem Immunsystem überreagiert, sodass sekundäre Krankheiten daraus
geworden sind. Von daher lohnt es sich, den Menschen zu helfen, ihren beruflichen
Fokus zu finden. Häufig wählen Junge: Ich viel Geld verdiene, denn wenn ich viel Geld
verdiene, habe ich viele Möglichkeiten. Das funktioniert nicht gut. Ich sage es
umgekehrt. Wenn man einen Beruf wählt, der seinem Wesen entspricht, wo man mit
Feuer und Flamme dabei ist, kommt das Geld mit. Vielleicht ist es nicht so viel wie ein
Millionär oder ein Milliardär, aber die Zufriedenheit kommt nicht mit dem vielen Geld.
Von dort her muss man den Leuten immer wieder helfen, dass sie die Geduld haben,
etwas zu machen, das nicht primär über das Geld motiviert ist, sondern über das
Machen. Dann hätten wir drei Fliegen auf einen Schlag. Wenn man etwas macht, was
man gerne macht, kommt auch eher das Geld rein. Vielleicht nicht so viel, aber
vielleicht kann man damit überleben. Und schlussendlich ist auch Gesundheit und
Zufriedenheit sind das grösste Gut. Viel Geld kann einem nicht unbedingt so zufrieden
machen. Aber da ist oft Wettkampf um wer mehr Geld verdienen kann.
Dr.med. Ursula Davatz (21:53)
In diesem Sinne sind Sie an einem wichtigen Punkt, wenn Sie so gescheiterte Leute
haben. Versuchen sie mit ihnen herauszufinden, was Ihre Sache wirklich wäre. Was ist
Ihr Fokus? Was ist Ihre Leidenschaft? Was ist Ihr Interesse? Und wenn sie dann sagen,
sie habe schon alles probiert und sie habe Angst, dass ich wieder scheitern würde. Der
junge Mann war auch so. Er sagte, er habe Angst, dass er wieder scheitern würde,
wenn er etwas anfängt. Da sage ich dann, es gibt kein Scheitern, auch wenn man nicht
gleich beim nächsten Schritt wieder diesen Fokus findet. Über alles, was man macht,
über jegliche Handlung lernt man wieder etwas und findet wieder etwas heraus. Und
vielleicht braucht es mehrere Schritte, um zu seinem Finden zu kommen. Und bei
diesen vielen kleinen Schritten, da können Sie behilflich sein. Und da kann dann auf
einmal eine Idee kommen, was jetzt drinnen liegen könnte. In diesem Sinne müssen Sie
Ihre Leute zur Geduld auffordern, aber miteinander schauen. Nicht einfach zu Hause im
Bett liegen und denken, wann es wäre und wie es wäre. Von dort her können sie den
Leuten Geduld beibringen. Und Sie müssen natürlich auch Geduld haben. Wenn man
jemanden, z.B. beim RAF, so schnell wie möglich wieder integrieren will, dann
vergewaltigt man ihn, je nachdem wieder, dass er einfach etwas macht, nur damit er
einem Recht gemacht hat. Und das bringt es nicht. Wenn die Leute auf Stellen suchen,
sage ich immer, es macht keinen Sinn, wenn man sie an irgendeine Stelle einfach
annehmen, damit sie Geld haben. Ich finde es ganz wichtig, dass sie wirklich alles
prüfen, stimmt es für mich, stimmt es nicht. Und das ist keine Edelversion, das ist eine
Gesundheitsversion. Das ist wichtig. Denn alle die, die gescheitert sind, haben nicht so
gut auf sich geschaut. Und sind ein wenig unsorgefältig mit sich umgegangen. Das
wären meine Gedanken und jetzt dürften Sie mir Fragen stellen. Wer hat eine Frage?
Bemerkung 1 (24:21)
Ja, wenn ich das so höre, denke ich, es ist eigentlich schön. Das ist mein Job. Es geht
bei mir täglich genau um das Thema. Es gibt verschiedene Dinge, die mich
beschäftigen. Ist es nicht auch einfach Luxus, wenn man selbst bestimmen darf? Es ist
schön, dass man das in der Schweiz so kann. Müsste man sich nicht einfach mal in den
Hintern kneifen und sagen, das nehme ich. Sie haben es gut begründet, wieso nicht.
Auf der anderen Seite denke ich auch, wie wäre es, wenn man sagen würde, ich finde
es einen guten Umgang mit einem Job umgehen zu können, der mir vielleicht nicht so
gefällt und trotzdem eine Möglichkeit findet, Spass zu haben.
Dr.med. Ursula Davatz (25:12)
Ich weiss, man sagt in der Schweiz schnell, das ist Luxus und das kann man nicht. Ich
von der Gesundheitsseite her sage, nein, das ist nicht Luxus, das ist Gesundheit. Aber
ok, man findet vielleicht nicht immer seinen Traumjob. Aber dann würde ich sagen,
schauen Sie sich etwas genauer. Suchen wir nach dem Job. Je nachdem kann man
den Job auch ein wenig anpassen. Wenn man gar nicht das findet was man will, hat
immer noch die Möglichkeit einen Job zum Geld verdienen zu machen und dann seine
Idealsachen als Hobby machen. Heutzutage arbeiten viele nur 80% oder 60% und dann
hat es schon Zeit, im Hobby die Leidenschaft zu machen. Das ist durchaus eine
Möglichkeit. Aber ich gehe nicht zu schnell auf die Haltung, dass das Luxus ist und man
einfach einen Job finden muss. Aus meiner Sicht lohnt es sich einfach nicht, weil ich die
Leute wieder antreffe, wie sie scheitern und scheitern. Das bringt es einfach nicht. Das
ist so schade.
Bemerkung 1 (26:33)
Das zweite von meiner Seite wäre, dass es Leute gibt, die tatsächlich keine Wahl
haben. Ich habe einen, der den Fuss bei einem Unfall kaputt gemacht hat. Er war
Bauarbeiter. Er hat das Zeug nicht dazu in einem Büro zu arbeiten. Er ist
fremdsprachig. Er kann nicht feinmotorische Arbeit machen. Er hat sein Leben lang auf
dem Bau gearbeitet. Er kann jetzt aber nur noch sitzende Tätigkeiten machen. Jetzt ihm
dem entsprechen und einen Job zu finden, wo man sagt, was würde sie am liebsten
machen? Jetzt sind wir genau bei diesem Punkt.
Dr.med. Ursula Davatz (27:14)
Ja, da kann man nicht fragen, was er am liebsten machen würde. Da kann man jetzt
fragen, was hat er auf dem Bau am liebsten gemacht? Was hat er dort gerne gemacht?
Bemerkung 1 (27:25)
Ich weiss es noch nicht.
Dr.med. Ursula Davatz (27:30)
Also das könnte man fragen. Und dann könnte man schauen, ob es irgendetwas im
Sitzen gibt, das ein wenig Bezug dazu hat. Also klar, ja. Was ein bisschen Bezug dazu
hat. Wo man noch eine Brücke schlagen kann. Und es wäre etwas, ich weiss auch
nicht, aussortieren, etwas mischen. Zum Beispiel Farben mischen. Also irgendetwas,
das dann schlussendlich wieder beim Bau endet. Mit Baumaterialien von Hand
umgehen. Ich sage jetzt Farbe mischen, das ist vielleicht weit hergeholt. Aber ja, dass
man doch einen kleinen Bezug macht. Wichtig ist, dass man nicht bei dem hängen
bleibt, "es geht nicht mehr" und "Ich bin ein Armer" und "Schrecklich" und weiss ich was.
Und man muss manchmal dann ein bisschen Fantasie entwickeln, um eine Brücke
schlagen zu können. Man könnte auch Sachen aussortieren. Abfall aussortieren. Ich
weiss es nicht. Vom Bauabfall aussortieren. Ich weiss es nicht.
Bemerkung 1 (28:45)
Eigentlich geht es nicht um so oberflächliche Dinge, sondern um die Handlung. Welche
Handlung eigentlich? Es geht nicht mehr um den Beruf.
Dr.med. Ursula Davatz (28:56)
Ja, welche Handlung. Es ist dann kein Beruf mehr, es ist eine Handlung. Ich weiss
nicht, ich habe jetzt irgendeine Fantasie, er könnte Eisen aus dem Beton rausschlagen.
Und heutzutage haben wir es ja mit Abfallverwertung und Recycling usw. Also könnte
vielleicht, ich weiss nicht, im Baurecycling etwas machen. Dann wäre er doch noch
beim Bau, aber er darf sitzen. Macht das ein wenig Sinn? Und dann ist es nicht einfach
nur ein Wunschberuf, man geht von seinem Beruf her, ist fast etwas Analoges, das
auch noch Bezug hat. In der Nachkriegszeit haben einige wahnsinnig Geld verdient,
indem sie Stahl aus all diesen zusammengebrochenen Häusern herausgenommen
haben. Und sind Stahlhändler daraus geworden. Also, wenn man irgendetwas erfinden
will. Da hat man jetzt genügend Abfall in der Ukraine, den man aussortieren könnte.
Bemerkung 2 (30:11)
Was ist wenn die Wunschvorstellung nicht übereinstimmit mit der Berufswahl? Also
wenn jemand das Gefühl hat, er will den Beruf ausüben, aber man merkt, er ist limitiert,
es geht nicht. Wie geht man damit um?
Dr.med. Ursula Davatz (30:35)
Die Idealvorstellung eines Berufs stimmt nicht überein mit seinen Fähigkeiten. Okay, da
dürfen wir nicht sagen, das kannst du nicht, das wirst du nie können, sondern da
müssen wir zuerst fragen, wie bist du zu dieser Berufswahl gekommen? Und dann
könnte schauen, ob sein Vater das will. Eifert er in einem Grossvater nach? Hat er ein
Ideal? Ein Idol vor sich? Dass man zuerst abholt bei dieser hochgeschwungenen,
hochfliegenden Wahl. Da kann man sagen, aha. Ich habe es immer mit dem validieren.
Und dann muss man das validieren, ja, das kann ich nachvollziehen. Und erst dann,
wenn man seine hochfliegenden Ziele validiert hat, akzeptiert, dann kommt man erst auf
die Erde zurück. Also zur Realität zurück und sagt, ja, ich verstand das gut, das wäre
etwas Schönes, aber wie ich dich wahrnehme und deine Fähigkeiten, wirst du hier
scheitern, bist du hier zum Scheitern verurteilt. Und kannst Du dir vorstellen, dass
etwas, das ein bisschen in die Richtung geht, aber nicht ganz so hoch ist. Und dann mit
dem Suchen. Aber sie müssen zuerst mit ihm anschauen, wie er zu diesen
idealistischen, hochfliegenden Zielen gekommen ist. Ich finde, man muss sie dort
abholen. Man kann nicht einfach sagen, Du hast einen Grössenwahn, lass den mal los
und jetzt gehen wir zur Realität.
Dr.med. Ursula Davatz (32:19)
Man muss ihn sanft landen lassen. Und dann kann man natürlich ab und zu wieder
fragen, ob er immer noch die Vorstellung hat, dass das toll wäre, oder ist es ein
bisschen mehr in den Hintergrund gerückt? Und ich meine, im Extremfall ist bei den
Schizophrenen, die haben irgendwelche Wahnvorstellungen, also das wäre dann
Grössenwahn. Und wenn man mehr in die Realität kommt, dann kann man mit der Zeit
dann von diesen tollen Ideen ein bisschen loslassen. Aber man darf es nicht einfach
gleich abtun. Und man hat oft die Tendenz einfach abzutun und zu sagen, das ist die
Realität. Und dann landen sie sehr schwer und dann wird dieser Wahn eher verstärkt.
Hingegen wenn man validiert, kann man eher loslassen. Macht das Sinn?
Bemerkung 2 (33:23)
Das macht Sinn, Dankeschön!
Bemerkung 3 (33:26)
Im Zusammenhang mit Leidenschaft, wenn jemand leidenschaftlich gerne etwas macht
und mit dem an die Grenze kommt. Burnout. Hat das einen Zusammenhang oder hat
das keinen Zusammenhang? Was steckt hier dahinter?
Dr.med. Ursula Davatz (33:41)
Also, bei diesen Burnouts… Ich sage ja, Burnout, Depression ist eine Verliererkrankheit.
Und wenn jemand etwas mit Leidenschaft macht und er kommt an seine Grenzen, dann
ist meistens nicht nur die Leidenschaft da, sondern man will irgendjemandem noch
irgendetwas beweisen. Ich kann jetzt sagen, irgendwelche Autoritätsfiguren, seine
Eltern, der Welt. Als sie den Mount Everest mit einer Filmcrew bestiegen haben, war
das Ziel, das gefilmt zu filmen und auf den Film zu kommen. Und sie haben jegliche
Grenzen überschritten und hörten nicht mehr auf die Realität. Wenn jemand tolle
Fähigkeiten hat und mit Leidenschaft das macht, gehört das immer dazu, dass man
auch weiss, wo seine Grenzen sind. Wenn man Grenzen überschreitet, ist oft noch
etwas anderes hinten dran. Man will jemandem gefallen, einen Rekord schlagen. Das
ist der Wettkampf mit jemand anderem. Man sollte nur immer mit sich im Wettkampf
sein. Also das machen, was drin liegt. Und bei jedem Extremsportler oder Bergsteiger
sollte wissen, wo die Grenzen sind. Das ist etwas, das man den Menschen auch wieder
sagen muss. Du hast eine tolle Fähigkeit und bist weit gekommen, aber achte auch auf
deine Grenzen. Wenn man die Grenzen nicht überschreitet, wird es gefährlich. Wenn
ein Burnout kommt, also alle, die einen Burnout haben, sei es Frauen oder Männer,
wenn man genauer schaut, sind die in einem Arbeitsprozess, in dem sie wollen, und ich
sage es schematisch, ihrem Vorgesetzten gefallen und dem Recht machen.
Dr.med. Ursula Davatz (35:40)
Wo sie sich nicht getrauen, zu sagen, nicht über meine Leiche. Sie wollen das zwar,
aber das kann ich nicht. Und da zitiere ich ja dann immer den Luther. Und da hilfe ich
auch Leuten, zu sagen, sie müssen sagen, ich kann das nicht, das geht nicht. Da zitiere
ich den Luther und der hat dann gesagt: "Hier stehe ich und kann nichts anderes". Bei
ihm war es so, dass er etwas anderes gesagt, er hat eine andere Theorie verkündet.
Bei seinem Chef, der ehrgeizig ist, muss man sagen, hören Sie, ich sehe Ihre
hochfliegenden Ziele und Sie wollen heute bessere Zahlen. Aber ich kann das nicht.
Das geht nicht. Und das ist schwierig. Wir sind eigentlich gehorsam erzogen. Wir wollen
es unseren Chefs recht machen. Und wenn man sieht, wie die Kompetition läuft,
zwischen Betrieben, zwischen Ländern, das ist Wahnsinn. Und dann werden die
Arbeiter, wir haben zwar die Sklavenwirtschaft abgeschafft, aber dann werden die
Arbeiter wie Sklaven. Und nicht nur die Arbeiter, auch die höheren Angestellten. Und die
haben dann irgendwann ein Burnout, weil sie über ihre Fähigkeiten heraus leisten. Und
da muss ich, ich meine bei den Ärzten sieht man das auch. Und bei allen in höheren
Positionen, muss man sagen Halt, Stopp, nicht einfach dem Umsatz zu Lieb sich selber
kaputt machen.
Dr.med. Ursula Davatz (37:06)
Das bringt es nicht. Und denen muss man beibringen, dass sie wieder auf sich hören,
dass sie ihre Warnsignale hören. Und meistens kommen Warnsignale, irgendwelche
körperlichen Symptome, Kopfweh, Rückenweh, alles Mögliche. Schlaflosigkeit natürlich.
Und man sagt Burnout, ja. Sie haben sich verbrennt, weil sie nicht auf sich gehört
haben. Weil sie zu viel gemacht haben. Und warum haben sie zu viel gemacht? Weil sie
ehrgeizig waren, weil sie es besser als ein anderer machen wollten. Oder weil sie es
dieser Firma recht machen wollten. Und das bringt es nicht. Die eigene Gesundheit zu
schädigen, damit die Firma bessere Zahlen hat, das kann es nicht sein. Das kann es
nicht sein. Wenn man sagt, es sei heute einfach so, dass es bei jedem Job so ist, dann
sage: Nein, Nein, Nein. Und da habe ich einige schon den Rücken gestärkt. Das sie
sagen nein, sie machen das nicht, ich kann das nicht. Man kann sagen, es sei eine
Dienstverweigerung. Man muss sagen, mein Körper kann das nicht. Ich will mich doch
nicht krank machen, nur damit ich die Zahlen erreiche. Das geht nicht. Und es ist ja
verrückt. Ich habe dann mal im Gesundheitswesen einen Vortrag gehalten, in dem ich
sagte, man habe keine Zeit mehr für sich zu schauen. Und dann wird man krank. Dann
wird man krank, dann geht man ins Spital. Also man hat keine Zeit mehr. Dann geht
man ins Spital, dann lässt man sich für teures Geld Zeit geben und lässt sich pflegen,
also lässt die Beziehung pflegen. Und bei vielen geht die Familie kaputt, weil nur
Ehrgeiz und Leistung im Job ist. Und das ist nicht gesund. Und im Spital dann, wenn
man fragt, was am wichtigsten war, was hat Ihnen am meisten geholfen, kommt immer
Beziehung. Dann ist die Krankenschwester, eine nette Krankenschwester, die hat am
meisten gebracht. Nicht die technische Leistung des Arztes, nicht das Essen, nicht die
Nettigkeit des Arztes, es ist immer die Beziehungspflege. Und wenn die
Beziehungspflege kaputt geht, weil man nur so viel leistet für den Arbeitsplatz leistet,
damit die ihren Umsatz haben, dann ist es nicht gut, dann sind wir schief gelegen. Und
wir Schweizer, also wir sind ja an zweiter Stelle nach Amerika mit Gesundheitskosten.
Es geht laufend hoch. Jetzt geht die Prämie wieder hoch. Wir müssen besser für uns
selbst schauen. Und wir müssen den Leuten auch helfen, für sich zu sorgen. Das ist so
ein wenig beantwortet.
Bemerkung 3 (39:45)
Was meinen sie mit Verliererkrankeit?
Dr.med. Ursula Davatz (39:45)
Ja, so kann man es auch sagen, ja, Sie sagen es richtig. Man verliert im Wettkampf,
aber man hat im Wettkampf verloren, weil man sich selbst verloren hat. Depression ist
eine Verliererkrankheit. Man wollte etwas erreichen, das gar nicht geht, das ungesund
ist. Darum hat man verloren. Man will aber nicht verlieren. Man kommt sich als Verlierer
vor. Das sagen die alle. Auf der anderen Seite sage ich, Depression ist der Anfang zur
Selbstfindung. D.h, man hat falsch investiert, man hat sich falsch verwendet. Jetzt ist
man depressiv, jetzt muss man nachdenken. Man muss einen Reset machen, was habe
ich eigentlich falsch gemacht? Wie muss ich besser mit mir umgehen? Empathie vs.
Selbstfürsorge. Wie kann ich mehr Selbstfürsorge machen, dass mein Körper nicht so
leidet? Oder mein Geist, also beides, die Seele und der Körper. Sie sagen es absolut
richtig, ich habe mich verloren. Ich bin mir verloren gegangen, ich bin im Ehrgeiz davon
geschwommen und habe gar nicht mehr auf mich geachtet. Und unter Stress nimmt
man auch seine Körpersymptome nicht mehr richtig wahr. Im Krieg spürt man keinen
Schmerz, also wenn ein extremer Stress ist, spürt man keinen Schmerz, dann merkt
man gar nicht, wo es nicht geht. Aber wir können nicht ständig auf diesem Niveau
laufen, dass wir uns nicht mehr spüren.
Dr.med. Ursula Davatz (41:30)
Sie sagen es absolut richtig. Ich habe mich verloren. Ich bin in einen Wettkampf
eingestiegen und habe mich dabei verloren. Und weil man das nicht mehr erreichen
kann, kann man noch ein wenig Doping machen und so weiter. Und, mh, sorry, aber
Antidepressiva sind dann eigentlich nichts anderes als ein wenig Doping. Anstatt dass
man über Bücher geht und ein Reset macht. Und eine Scheiterung, und das heisst ja,
Scheiterung, also Chance und Risiken, ein Scheitern im Berufsleben ist eigentlich
immer die Chance, um ein Reset zu machen. Und zwar einen sorgfältigen und nicht so
husch husch. Und da unterstütze ich auch alle, wenn das RAF drängt, auf husch husch
wieder zu vermitteln. Dann sage ich nein, wird nicht gemacht. Wir wollen sorgfältig ein
Reset machen. Und gerade heute Morgen kam es. Wir haben eine ganz tiefe
Arbeitslosenquote in der Schweiz. Und dadurch verlieren die Leute, die beim RAF
angestellt sind, ihre Stellen. Und das geht natürlich nicht, nur damit die RAF
Angestellten etwas zu tun haben und erfolgreich sein können, dann einen Menschen in
irgendeine Stelle zu drücken. Das geht nicht. Das ist gesundheitspolitisch nicht erlaubt.
Und da muss ich meine Klienten auch stützen, dass sie sich nicht von dem drücken
lassen.
Dr.med. Ursula Davatz (43:14)
Aber sie sagen, man müsse so und so viele Stellen für sie bewerben usw. Dann bewirbt
man sich für unsinnige Stellen, die man gar nicht will. Das ist Leerlauf. Nur damit die
Statistik erfüllt ist. Das kann es nicht sein. Auf der anderen Seite, in der Krebsmedizin
spricht man von persönlichkeitsorientierter Medizin. In diesen Sachen müssen wir mit
den Menschen persönlichkeitsorientiert arbeiten und uns erlauben, das zu tun.
Bemerkung 4 (44:03)
Wenn man weg kommt vom Einzelnen, es ändert sich ja sehr im Rahmen der
Digitalisierung. Es ändert sich ja sehr. Und ich merke dann etwas Orientierungslosigkeit
oder manchmal auch etwas Hoffnungslosigkeit. Braucht es mich da noch? Ich arbeite
nicht gerne mit Computer. Wie kann man das auch gesamthaft darauf eingehen?
Dr.med. Ursula Davatz (44:22)
Ja die Problematik des Digitalisierens ist einerseits eine ganz tolle Sache. Man kann
sich über die ganze Welt vernetzen. Man kann Informationen selber holen. Man ist nicht
angewiesen auf jemanden, der einem das Wissen füttert. Was aber passiert, es kann
einem auch süchtig machen kann. Und man vernachlässigt seine Beziehungen. Und
hier gibt es Untersuchungen in der Kinderneuropsychologie und in der Erwachsenen-
Neuropsychologie. Wenn ein Mensch nur mit digitalen Medien sich vernetzt, dann läuft
im Hirn nicht so viel ab, wie wenn er sich mit Menschen vernetzt. Wir haben im Hirn ein
soziales Netzwerk, das gespiessen wird, wenn wir miteinander umgehen. Wenn wir
miteinander direkt in Person umgehen, dann nehmen wir alle möglichen Reize auf und
verarbeiten sie. Das spiesst das soziale Netzwerk. Das hat eine gute Wirkung. Von
daher muss man allen sagen, nicht nur am Handy oder am Computer zu hängen,
sondern sich immer persönlich zu treffen. Das hat in der Zeit der Corona auch ein wenig
gelitten in der Zeit der Corona. Aber Teile haben sich dann draussen getroffen, wo man
genügend gute Luft hatte. Man findet man immer wieder Wege. Es ist ganz wichtig,
dass wir uns auch menschlich in Person treffen. Und auch die Lehrer müssen direkt
wieder mit den Kindern interagieren und können nicht einfach nur alles über den
Computer machen.
Dr.med. Ursula Davatz (46:21)
Also es ist wichtig. Und wenn man zum Beispiel das Hirn von Kindern anschaut, die nur
ein Fernseher oder ein Handy anschauen, oder eine Mutter, die depressiv ist, die nicht
interagiert, dann ist das Hirn schwarz, also dann läuft dort weniger ab. Und sobald eine
Interaktion ist, läuft ganz viel ab. Und wir dürfen uns dieser Interaktion nicht berauben.
Und ich sage noch weiter, wenn wir uns in unserer Sozialkompetenz verdummen,
indem wir nur noch am Bildschirm sind, dann sind wir so viele Anfälliger auf Fake News.
Dann sind wir sehr viel anfälliger auf, wenn uns irgendjemand irgendetwas vorgaukelt.
Wieder am Bildschirm, wo unser emotionales Hirn anregt, dann rennen wir dem gleich
hinten nach. Und das ist ein kleines Problem heutzutage. Zum Glück hat es jetzt nicht
funktioniert in Amerika und die Republikaner, die alles daran gesetzt haben, diese Leute
für sich zu motivieren, haben nicht so gute Resultate erzielt.
Bemerkung 4 (47:39)
Wir haben ja viele Leute, die nicht am Computer arbeiten, die nicht so digital unterwegs
sind und dadurch Stellen verlieren.
Dr.med. Ursula Davatz (47:55)
In diesem Sinne müssen wir heutzutage lernen, mit Computern umzugehen. Vielleicht
müssen sie auch denen das beibringen. Heute kann man fast keine Stelle mehr haben,
ohne dass man mit dem Computer umgehen kann. Vielleicht muss man dann immer ein
Dualsystem machen, das Handwerkliche, man bringt aber auch noch das andere bei. In
der modernen Welt muss man auch mit dem Computer umgehen können.
Bemerkung 4 (48:30)
Und jetzt sind wir beim Thema Leidenschaft. Wenn ich nur gerne mit den Händen
arbeite und nicht mit dem Computer, dann leide ich wieder darunter. Dort möchte ich die
Leute gerne abholen.
Dr.med. Ursula Davatz (48:38)
Ja, da würde ich sagen, in jedem Beruf gibt es auch langweilige Arbeit oder Arbeit, die
man nicht so gerne macht. Also der Kuchen ist nicht nur aus Rosinen gemacht und es
muss auch Mehl dazwischen haben. Ausser beim Plump Pudding. Okay, und da muss
man halt dann sagen, «Hör zu, ich bringe dir das ein bisschen bei, dass du an der
nächsten Stelle das auch verwenden kannst.» Und sobald man damit umgehen kann,
hat man auch wieder ein bisschen Freude daran. Was nicht heisst, dass man süchtig
werden muss. Also ich denke, ja, es muss immer eine Kombination sein. Und ich denke,
jeder Mensch kann das lernen. Aber sie müssen, also wenn es Leute sind, die nur
handwerklich sind, die eigentlich gar nichts mit dem Computer zu tun haben, aber sie
sind noch relativ jung, dann müssen wir sie wie ein wenig dafür begeistern können. Und
da ist es dann wichtig, dass man es ihnen langsam zeigt. Also nicht zack, zack, zack,
zack und man versteht es nicht. Das geht überhaupt nicht. Sondern, dass man sie
damit üben und spielen lässt. Und heutzutage gibt es ja sogar Computer in den
Altersheimen, dass die alten Leute noch lernen.
Dr.med. Ursula Davatz (49:57)
In der Corona Zeit haben dann auch mehr Leute angefangen zu lernen, damit sie
miteinander kommunizieren konnten. Da müssen sie sich dann für das begeistern. Das
heisst nicht, dass sie die ganze Zeit daran sein müssen. Aber das wäre es auf den
einen Weg. Ist so ein bisschen beantwortet? Ich habe auf die andere Seite gesprochen.
Es ist gut, es gibt beides.
Bemerkung 4 (50:19)
Ja es gibt so eine Verunsicherung. Die Leute haben 20 Jahre Jahre gearbeitet und jetzt
kann ich das nicht mehr arbeiten. In 10 Jahren bin ich pensioniert. Was mache ich jetzt?
Dr.med. Ursula Davatz (50:25)
Da muss man sagen, hören Sie zu, jedes Hirn ist lernfähig. Auch Ihr Hirn kann lernen,
mit dem Computer umzugehen. Und ich zeige es Ihnen jetzt. Wenn Sie Spass haben,
Ihnen das beizubringen, dann machen Sie mit. Wenn Sie motiviert sind, ich habe Lust
Dir das zu zeigen, dann reisst das mit, dann sind sie sogar stolz.
Bemerkung 5 (51:11)
Sie haben vorhin erzählt von diesen Menschen, die zwischen der Realität und dem
Wunschtraum immer hinterher switchen und sehr gestresst sind. Ich habe ein paar
solcher Teilnehmer und bin manchmal wirklich überfordert, ob ich eher ihrem
Wunschdenken eingreifen soll oder eher in ihrem Realitätssinn. Wobei der Realitätssinn
oft von einem so starken Minderwert geprägt ist, dass es nicht mehr Realität ist. Ich bin
überfordert von diesem schwankenden Bild, dass sie von sich Preis geben.
Dr.med. Ursula Davatz (51:47)
Ich würde wieder das sagen, zuerst mit ihnen in die Luftschlösser einsteigen und
vielleicht auch eigene Luftschlösser skizzieren und sagen, ich wollte auch mal was
anderes werden. In der Pubertät haben alle hochfliegende Ziele. Jeder will
Schauspieler, Pilot oder Architekt werden, angesehene Berufe. Ich sage ja, in den
hochfliegenden Traum einsteigen und dann vielleicht sogar von sich sagen, wie man
dann gelandet ist. Und dann mit ihnen zusammen landen. Also eine Art Tandemflug
machen. Wenn man Gleitschirmfliegen lernen will, dann macht man oft einen
Tandemflug. Sie könne es auch so nennen, wir machen jetzt zusammen einen
Tandemflug und ich sage ihnen, was ich alles für tolle Ideen gehabt habe, der andere
darf seine Sachen sagen. Und dann zusammen: jetzt gehen wir landen. Und dann
sagen, wo sie dann auf den Boden gekommen sind, wo sie die Füsse auf den Boden
gestellt haben und wie der andere seine Füsse auf den Boden stellen kann. Dann
sagen sie meistens, aber ich kann es sowieso nicht. Einerseits sind es die
hochfliegenden Ziele und andererseits kommt dann die Minderwertigkeit, ich kann
sowieso nicht, ich bringe es sowieso nicht, etc. Und da sage ich manchmal auch, die
Eigernordwand, ich kann sie nicht besteigen und er vielleicht auch nicht, wird nicht in
einen grossen Sprung besteigen wird. Es ist Griff für Griff, Schritt für Schritt. Und jetzt
fangen wir mal an mit kleinen Schritten. Und man kann sagen, in diese Richtung. Und
vielleicht kommt dann etwas ganz anderes dazwischen und dann nimmt man einen
anderen Weg.
Dr.med. Ursula Davatz (54:02)
Also, da muss man dann wieder kleine Schritte machen. Und da sage ich dann auch,
welche kleinen Schritte ein bisschen in dieser Richtung des Höhenflugs wären. Macht
das Sinn? Ja? Danke. Und es muss nicht immer gerade das alles sein, aber ein
bisschen in dieser Richtung. Ich habe häufig erlebt, bei Schizophrenie oder anderen
Psychiatriepatienten, dass Schizophreniepatienten oder andere Psychiatriepatienten
hochfliegende Ziele hatten. In den Beschäftigungswerkstätten hat man sich über das
lustig gemacht oder einfach voll negiert. Dann kann man sie nicht abholen. Man muss
einen Tandemflug mit ihnen machen. Man muss ein bisschen mitgehen. Das habe ich
immer gemacht. Dann haben mir die IV Berufsberater sagten mir, ich habe viel zu hohe
Ideen. Ich sei unrealistisch, ich wurde dann auch für meine unrealistischen Ideen
kritisiert. Aber ich musste mitgehen. Und wenn sie dann sogar so etwas probieren und
merken, dass es doch nicht geht, dann merken sie selber, wenn ich sage, das kannst
du vergessen, dann rennen sie immer in diese Richtung. Und wenn sie selber merken,
nein, ich kann das nicht. Letztens hatte ich schon einen, der sagte dann auch, ich
glaube, das geht doch nicht, ich kann das nicht. Aber wenn es der Patient selber
einsieht, die Person selber einsieht, dann ist sie viel eher bereit, einen anderen Weg
einzusteigen. Tandemflug und Tandemlandung.
Bemerkung 5 (55:47)
Ein sehr gutes Bild. Das nehmen wir sehr gerne mit. Das ist ein Tandemflug. Das darf
man im Sommer beobachten, wenn solche Tandemflüge unterwegs sind. Und
irgendwann an den Boden landen. Das ist eigentlich auch das Ziel, das wir haben mit
unseren Klienten. Dass wir irgendwann die Ziele erreichen und am Boden ankommen
können. Heute ist es ein gutes Bild, dass wir mit dieser Supervision auch auf dem
Boden landen können. Ich möchte ganz herzlich Danke sagen für diese Tandemflug, die
wir machen durften, für die Themen, die wir anschneiden und überlegen durften. Jetzt
geht es wieder zurück in die Praxis und das wieder umsetzen mit unseren Klienten im
täglichen Alltag. Vielen Dank für das Teilen. Wir können hier noch Reaktionen teilen,
Daumen hoch oder Klatschen. in diesem Sinne wünschen wir allen einen ganz guten
Abend, eine schöne Zeit. Vielen Dank.
Dr.med. Ursula Davatz (56:42)
Sehr gerne geschehen. Bis zum nächsten Mal.
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