Weiterbildung zum Thema ADHS/ADS für Eltern, Lehrer, Betreuungspersonen der Schule Weinberg-Turner

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Dr.med. Ursula Davatz, Irene Beerli

23.12.2020

Weiterbildung zum Thema ADHS/ADS für Eltern, Lehrer,
Betreuungspersonen der Schule Weinberg-Turner
Audio
[00:00:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich möchte Sie alle ganz herzlich begrüßen. Es geht darum, die Fragen zu beantworten, die Eltern
gestellt haben vom Schulhaus Weinberg Turner.

[00:00:21.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben im Rahmen einer Weiterbildung für die Eltern und Lehrer zwei Videos verschickt.

[00:00:31.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Eines, da ging es darum ADHS und Schulschwänzen, also Schulverweigerung.

[00:00:36.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Im anderen ging es darum schwierige Familiensituationen und Schulverweigerung.

[00:00:44.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben uns vorgenommen, die Fragen auf Video aufzunehmen und sorgfältig zu beantworten.

[00:00:52.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe dazu Frau Irene Beerli gefragt, Handarbeitslehrerin, sie kommt vom Werken, dass sie die
Fragen vorliest und dann auch selbst noch Fragen einbringt oder ihre Erfahrungen im Umgang mit ADHS
Kindern uns mitteilt.

[00:01:15.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Irene Beerli ist von ADHS 20+ und wir arbeiten auch dort miteinander zusammen, haben schon viel
Austausch gehabt und ich übergebe ihr jetzt das Wort, dass sie die Frage stellen kann.

[00:01:30.000] – Irene Beerli
Die erste Frage lautet: Ich bin über den Satz in der Einleitung gestolpert: Ist keine Krankheit. Als Mutter
von zwei Kindern mit Diagnose ADHS und selbst betroffen habe ich gelernt, dass ADHS und ADS eine
Krankheit ist.

[00:02:00.330] – Dr.med. Ursula Davatz

Ich sage ganz bewusst, ADHS ist keine Krankheit. ADHS ist ein genetisch vererbter Genotyp, ein
Persönlichkeitstyp.

[00:02:10.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Man könnte auch sagen, ADHS ist eine Persönlichkeitsdiagnose.

[00:02:14.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Persönlichkeitsdiagnose und nicht eine Krankheitsdiagnose.

[00:02:22.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wird in der medizinischen und psychiatrischen Welt immer mehr davon geredet, dass ADHS und
andere psychiatrische Krankheiten miteinander vorkommen und man redet dann von Komorbidität.

[00:02:37.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Die häufigste Krankheit, wirklich Krankheit, die kombiniert ist mit ADHS, ist die Suchtkrankheit.

[00:02:46.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sagt man, 30% von ADHSlern haben eine Suchtkrankheit.

[00:02:52.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Die zweite Kategorie ist der Autismus. ADHS und Autismus wird zusammen genannt.

[00:03:03.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich persönlich sage, Autismus ist eine extreme Form von ADS, also ohne die Hyperkinese.

[00:03:14.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei Autismus sagt man 25% ADHS ist kombiniert mit Autismus.

[00:03:23.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Borderline Persönlichkeitsstörung, ich selbst treffe auch viele Borderline Persönlichkeitsstörungen an.

[00:03:28.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich dahinter schaue, dann sehe ich, dass es ADHS Persönlichkeitstypen sind, die zu streng, zu eng
erzogen wurden.

[00:03:42.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Angststörung ist mit ADHS zu 15% kombiniert.

[00:03:52.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann man auch wieder erklären.

[00:03:54.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Angststörung tritt auf, wenn das Kind ständig kritisiert wird, immer Angst hat, davor etwas falsch zu
machen.

[00:04:04.220] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS Kinder machen vieles nicht der Norm gerecht.

[00:04:09.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort ziehen sie sich schlussendlich zurück.

[00:04:12.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann es auch eine Angststörung geben.

[00:04:14.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kann auch Zwangsstörungen geben. Das wird noch nicht so gebracht.

[00:04:19.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Depressionen natürlich. ADHS Kinder kommen sich häufig als Verlierer vor.

[00:04:26.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage ja, die Verliererkrankheit. Also Depression ist eine Verliererkrankheit.

[00:04:34.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man ständig das Gefühl hat, man ist nicht recht, endet man irgendwann mal in der Depression.

[00:04:41.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Die bipolare Störung wird auch genannt. Das sind in der Regel auch Menschen, die eine ADHS
Persönlichkeit haben und die auch eher sehr eng erzogen worden sind.

[00:04:58.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie dann genügend von dieser Enge haben oder sie es fast nicht mehr aushalten, dann sprengen
sie alle Grenzen mit einem manischen Schub. Man redet dann von bipolar.

[00:05:15.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Noch eine Statistik: man sagt zwei Drittel der Erwachsenen, bei denen ADHS diagnostiziert wird, haben
eine zusätzliche Diagnose. Da spricht man dann von Komorbidität.

[00:05:32.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage es wieder und ich sage es nochmal, nein, ADHS ist keine Krankheit, ADHS ist nur eine
Persönlichkeitsdiagnose.

[00:05:43.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Persönlichkeitsdiagnose, die genetisch weitergegeben wird.

[00:05:47.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald man von Komorbidität, also zwei Krankheiten, redet, dann sagt man ja, die Menschen mit ADHS,
die müssten das loswerden.

[00:06:00.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eigenschaften, die einhergehen mit einem ADHS, die wird man in dem Sinn nie los.

[00:06:08.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann nur lernen, besser damit umzugehen. Darum geht es.

[00:06:16.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Langsam wird das in der Wissenschaft auch mehr diskutiert, dass man sieht, dass ADHS Diagnose im
Erwachsenenalter auch eben halt kombiniert ist mit anderen Krankheiten.

[00:06:35.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Man fragt sich dann, wie kommt es dazu, dass das zusammengehört?

[00:06:40.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Wissenschaft sagt noch immer, siw weiß nicht, wie das zusammengehört und ich sage da ganz klar,
ja, es gehört zusammen, aber in dem Sinne, dass diese Persönlichkeitsdiagnose, das ADHS oder ADS,
dass diese Menschen sehr viel vulnerabler sind auf Verletzungen und zwar wegen ihrer starken
Sensitivität, wegen ihrer Sensibilität und auf die Verletzungen dann häufig mit Aggression reagieren, die
ADHSler, oder mit Rückzug, mit Ausweichen, mit innerem Fluchtverhalten.

[00:07:27.170] – Dr.med. Ursula Davatz

Wenn man von einer Krankheit redet, bei ADHS und ADS, dann müssen sich Menschen mit dieser
Persönlichkeitsdiagnose, mit diesem Persönlichkeitstyp, müssen ja immer davon ausgehen, ich bin nicht
richtig und ich muss gesund therapiert werden. Das geht nicht.

[00:07:47.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann nicht gesund therapiert werden, man kann nur lernen besser damit umzugehen. Als erstes
muss das Umfeld lernen mit diesen Kindern besser umzugehen und nicht die Kinder schon am Anfang
mit sich selbst. Denn ein Kind ist wie es ist.

[00:08:05.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist spontan, hat seine spontanen Reaktionen.

[00:08:08.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Als erstes ist es das Umfeld, das lernen muss, mit diesen Kindern, mit diesen speziellen
Persönlichkeitstypen umzugehen.

[00:08:17.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Umfeld das lernt, dann hat man eine gute Chance, dass sich aus diesen Kindern interessante
Kinder entwickeln können.

[00:08:28.000] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn habe ich vor ein paar Monaten einen Artikel geschrieben im Magazin "Swiss Archives of
Neurology, Psychiatry and Psychotherapy". Der Titel lautet "Die Gene legen den Grundstein. Das Umfeld
bestimmt die Krankheit".

[00:08:49.340] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn sind die Krankheiten, die bei ADHS Kindern auftreten und dann bei den erwachsenen
Menschen mit ADHS, sind eigentlich alles Folgekrankheiten.

[00:09:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist für mich so wichtig, denn wenn man an das denkt, wenn das Umfeld lernt, mit diesen Kindern
umzugehen, dann braucht es nicht so viele Krankheiten daraus zu geben.

[00:09:16.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hätte eine wichtige präventive Wirkung.

[00:09:21.340] – Dr.med. Ursula Davatz

Ich nehme einen anderen Artikel, der ist aus der Medical Tribune, der Titel heißt "ADHS, zu wichtig, um
ignoriert zu werden".

[00:09:37.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Diesen Titel kann ich nur unterstützen, man sollte es nicht ignorieren.

[00:09:45.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher hat man gesagt, ADHS wächst sich aus, mit 20 ist das alles vorbei. Aber Gene gehen nicht weg
mit 20, die Auswirkungen von den Genen auch nicht. Das ist immer noch da.

[00:09:58.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie gesagt, das Umfeld muss lernen, damit besser umzugehen und die betroffenen Personen müssen
lernen, besser damit umzugehen.

[00:10:08.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Leider spricht man halt immer noch von Komorbidität, aber ich spreche von Folgekrankheiten.

[00:10:15.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich gebe dir wieder das Wort für den nächsten Teil der Frage.

[00:10:22.360] – Irene Beerli
Die zweite Frage wäre, wir hatten große Bedenken, unseren Kindern Medikamente zu verabreichen.
Heute sind wir froh und dankbar für diese Hilfe. Die Einsicht in das Krankheitsbild war ein erster Schritt.
Vielleicht ist es mir darum so wichtig, das klarzustellen.

[00:10:45.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Okay, da geht man auf die Medikamente ein. Ich sage noch mal, Sie nennen das Krankheitsbild die
Mutter oder der Vater und ich sage, es ist ein Persönlichkeitsbild.

[00:11:00.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Persönlichkeitsbild zu erkennen, das ist sehr hilfreich. Das ist hilfreich für die Eltern, ist hilfreich für
die Lehrer, ist hilfreich für einem selbst, also für die betroffene Mutter oder den Vater.

[00:11:14.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Was die Medikamente anbetrifft, ja, es gibt Medikamente, die man den ADHS Kindern gibt und die
korrigieren oder verändern ein wichtiges Hauptsymptom.

[00:11:29.960] – Dr.med. Ursula Davatz

Das ist die, man sagt Aufmerksamkeitsstörung, man könnte an sich auch sagen eine breite
Aufmerksamkeit.

[00:11:41.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Kinder, die nehmen alles wahr im Raum und wenn das, was der Lehrer erzählt, langweilig ist oder
nicht so packend, dann wird woanders hingeschaut.

[00:11:53.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann diese breite Aufmerksamkeit, die man mit Aufmerksamkeitsstörung bezeichnet, die kann man
einengen und fokussieren.

[00:12:04.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit all den Amphetaminen, also Ritalin, Concerta, Focalin und so weiter, mit all diesen Amphetamin
ähnlichen Stimulantien, Medikamenten, mit denen kann das Kind besser fokussieren.

[00:12:19.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Da in unserem Schulbetrieb und am Arbeitsplatz das verlangt wird, dass wir fokussieren können, dass wir
keine so breite Aufmerksamkeit haben, sondern eben auf das fokussieren, was der Lehrer von uns will,
was der Arbeitsplatz von uns will, dann kann das sehr hilfreich sein.

[00:12:40.560] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn ist das ein gutes Hilfsmittel, Unterstützungsmittel und man muss es nicht einfach verpönen.
Wenn Kinder diese Medikamente nehmen, dann kann es sein, dass ihre Noten stark hochgehen und
dass sie dann vielleicht den Übertritt in die nächste Schule besser schaffen, etc.

[00:13:02.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage aber immer, am Wochenende sollte man es weglassen, wenn es die Eltern ertragen. Wenn es
die Eltern nicht ertragen, dann gibt man es halt auch dann.

[00:13:16.080] – Irene Beerli
Fast in jeder Klasse gibt es mindestens ein Kind mit einer ADHS/ADS Veranlagung. Wie können Lehrer
und Lehrerinnen Kinder mit dieser Charakteristik unterstützen? Ist es möglich, diese Kinder so zu fördern,
dass sowohl sie selbst als auch die Mitschüler etwas davon haben?

[00:13:43.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, das Problem bei ADHS Kindern, also die mit der Hyperkinese, ist, dass sie sehr impulsiv sind
und schnell sind.

[00:13:56.220] – Dr.med. Ursula Davatz

Unser Problem ist, dass wir effizient sein wollen. Man muss möglichst gut lernen. Man hat keine Zeit für
Zwischendinge.

[00:14:07.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, ADHS Kinder sind Problemkinder in der Schule. Sie stören. Sie können auf zwei Arten stören.
Sie stören, wenn es ihnen langweilig ist und sie stören, wenn sie dem Lehrer helfen wollen.

[00:14:22.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind ja auch sehr empathisch. Manchmal kommen sie dann auch rein als Führungsfiguren und wollen
sagen, wie man es machen muss.

[00:14:31.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Da ist wichtig, dass der Lehrer eine gute, natürliche Autorität hat, dass er sich nicht infrage gestellt fühlt
durch das Reinschwatzen das Besserwissen, das nochmal eine Frage stellen und so weiter, sondern
dass er das ruhig entgegen nimmt, entschleunigt, langsamer geht und dann eine Interaktion zulässt.

[00:14:59.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann seinen Unterricht nicht einfach so weiterziehen, wie es auf dem Programm steht. Vielleicht fällt
dann vieles weg. Aber man kann mehr Interaktion zulassen und ich sage vor allen Dingen dann
Konfliktlösungen.

[00:15:18.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss sich verlangsamen und sich Zeit lassen für die Konfliktlösung.

[00:15:23.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei der Konfliktlösung kann es nicht sein, dass nur das ADHS Kind sich der Regelschule anpassen muss.

[00:15:29.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Regelschüler, die Normotypen müssen auch lernen mit der Andersartigkeit des ADHS Kindes
umzugehen. Vielleicht kann das ADHS Kind eine Problemlösung vorschlagen oder umgekehrt und so hin
und her.

[00:15:46.700] – Dr.med. Ursula Davatz
An sich ging es dann um demokratisches Lernen. Also dass man sich miteinander austauscht,
voneinander lernt und lernt, miteinander Probleme zu lösen.

[00:15:57.940] – Dr.med. Ursula Davatz

Der Lehrer bekommt dann die Funktion eines Mediators, eines Coaches, eines Vermittlers und nicht mehr
nur ein Instruktor.

[00:16:07.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, das gleich gilt für die Familie zu Hause, wenn etwas falsch läuft, dass man schaut, was sagt
die Partei? Was sagt die Partei? Ja, ich verstehe das, ich verstehe das. Jetzt, wie suchen wir uns eine
Lösung?

[00:16:23.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, das wäre eine gute politische Erziehung. Wenn wir auf unsere Politiker nicht in der Schweiz,
allgemein schauen, hätten die das gut gebrauchen können.

[00:16:39.830] – Irene Beerli
Kinder mit ADHS/ADS haben ein grosses Potential und können damit unsere Gesellschaft in
wesentlichen Dingen ergänzen. Viele sind sehr kreativ und haben die Fähigkeit, durch unkonventionelles
Denken neue Lösungen zu erarbeiten. Wenn die Motivation stimmt, können Sie sich ausserdem mit
doppelter Intensität einer Aufgabe widmen und saugen alle notwendigen Informationen innert kürzester
Zeit auf. Ausserdem sind Sie oft äusserst hilfsbereit. Warum gelingt es uns selten, diese positiven Seiten
zu sehen und warum tendieren wir dazu, diese Kinder immer wieder abzustempeln? Auf der anderen
Seite gibt viele Kinder ohne ADHS/ADS, welchen es sehr gut gelingt, genau den Anforderungen zu
entsprechen und Arbeiten zu Ende zu bringen. Wäre es nicht möglich, schon in der Schule gute
Seilschaften aus dieser unterschiedlichen Veranlagung zu bilden?

[00:17:47.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Das spricht auch eine ganz wichtige Frage an. Wir reden ja immer von der Multi-Kulti-Gesellschaft. Die
Schweiz ist ein multikulturelles Land. Wir haben vier Landessprachen. An sich haben wir in der Schweiz
Tradition von Verschiedenheiten und dass wir miteinander reden können.

[00:18:11.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe ich am Radio gehört, da hat ein Österreicher gesagt, wir Schweizer switchen ganz schnell von
Hochdeutsch zu Schweizerdeutsch und hin und her. Also wir sind flexibel, wir sind auch relativ begabt im
Sprachen lernen, weil wir schon diese Flexibilität haben.

[00:18:31.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kann die Frage nur, also die Haltung nur unterstützen. Wir sollten dieses unterschiedliche Kollektiv
möglichst nutzen, sodass alle etwas voneinander haben.

[00:18:43.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Da bringe ich dann immer ein biologisches Gesetz, also eine heterogene, also genetisch unterschiedliche
Gesellschaft, Kollektiv, überlebt viel besser als eine homogene.

[00:19:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sagt man von der Biologie her, aber ich denke, das gilt allgemein für uns Menschen. Wir sollten
lernen, die Unterschiede zusammenzusetzen und miteinander zusammen arbeiten zu lassen.

[00:19:15.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann geht es natürlich nicht nur um Kompetition, wer ist besser und schneller und gescheiter und so
weiter, sondern wer kann was einbringen.

[00:19:26.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Da geht es wieder um eine Verlangsamung. Ich denke, wenn der Lehrer das zulassen will, wenn die
Eltern das zulassen wollen, müssen sie auch wieder die Prozesse verlangsamen und dürfen nicht so
schnell zum Ziel kommen.

[00:19:45.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt da auch so Sprüche, man sagt ja auch der Weg ist das Ziel und nur wer vom Weg abkommt,
kommt auf neue Lösungen.

[00:19:54.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kann da noch etwas anderes dazu sagen. Es ist allgemein bekannt und wird statistisch auch erfasst,
Menschen mit bipolaren Störungen, das wäre für mich wieder die Folgekrankheit vom ADHS.

[00:20:13.400] – Dr.med. Ursula Davatz
In Familien, in denen bipolare Störung vorkommt, hat es viel mehr Kreativität.

[00:20:19.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kann man die Brücke schlagen zum ADHS. Menschen mit ADHS haben die Tendenz, Grenzen
überschreiten zu können.

[00:20:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Dadurch können sie eher kreativ sein. Von dort her können wir diese Kreativität von ADHS Kindern nur
allzu gut gebrauchen.

[00:20:40.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sollten sie nicht ersticken, erdrücken, und geradlinig zähmen, da geht uns sehr viel verloren.

[00:20:52.260] – Dr.med. Ursula Davatz

Die Mutter oder der Vater, der die Frage gestellt hat, hat absolut recht. Wir sollten diese Kreativität mehr
nutzen. Das sollte schon in der Schule beginnen, dass die Kreativität mit eingebracht werden kann in den
Unterricht.

[00:21:10.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht kann man sich dann nicht immer ganz an den Lehrplan halten. Vielleicht wird man dann nicht
mit allem fertig.

[00:21:18.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sage ich aber, zur Zeit des Internets, alles was man so an Wissen sich aneignen kann, kann man
heutzutage auch übers Internet holen.

[00:21:31.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Was die Kinder lernen müssen, ist logisch denken, lesen und schreiben, Mathematik, Handarbeit, Praxis,
also umsetzen in die Handlung.

[00:21:45.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort her kann ich nur alle Eltern, alle Lehrer dazu auffordern, nehmen Sie sich die Zeit, gönnen Sie
sich eine Auszeit vom Lehrplan und gehen Sie persönlichkeitsgerecht mit diesen Kindern um und lassen
die anderen Kinder auch davon lernen.

[00:22:06.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, wenn die Normotypen lernen, mit solchen andersartigen Kindern umzugehen, dann kommt
ihnen das sehr zugute später auch am Arbeitsplatz.

[00:22:16.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie werden nicht gerade erschreckt, wenn irgendwann mal etwas anders läuft und ich kann da wieder in
die körperliche Gesundheit gehen. Kinder, die nichts mit Dreck zu tun haben, also die steril aufwachsen,
die haben viel mehr Allergien.

[00:22:32.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Kinder, die mit unterschiedlichen Situationen, unterschiedlichen Persönlichkeitstypen in der Schule
umgehen lernen müssen, die sind flexibler und anpassungsfähiger später im Erwachsenenleben.

[00:22:48.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wären meine Ideen dazu. Jetzt möchte ich dir gerne das Wort geben.

[00:22:56.460] – Irene Beerli

Also ich kann ganz vieles unterstützen, was du gesagt hast. Und zwar in meinem Alltag auch. Und auch,
dass es hin und wieder wirklich nicht ganz einfach ist, diese Balance zu finden von dem, was ich
eigentlich vorhabe, auch eigentlich machen möchte und dann diese Querdenker oder je nachdem,
manchmal sind sie ja dann nicht so angepasst, dass das aufgeht.

[00:23:22.780] – Irene Beerli
Das finde ich nicht immer ganz einfach, weil man ja dann verschiedene Sachen auch überlegt oder
machen möchte. Manchmal ist es einfacher oder schneller beim Erkennen von den hyperaktiven Kindern
und mein Fokus ist manchmal bei den Verträumten, weil da merke ich auch, die finde ich manchmal
wirklich traurig, die kommen etwas zu kurz.

[00:23:48.160] – Irene Beerli
Ich habe auch Erfahrungen gemacht, die sind extrem lustig, wenn man das auf einer anderen Ebene
betrachtet. Aber sehr schräg. Die machen Sachen, da ist erstaunlich, die sind manchmal auch neben den
Schuhen. Aber können das vielleicht nicht so wie ein hyperaktives Kind schnell präsentieren, da auf
einmal steht man neben einem Kind und versteht nicht, was das jetzt gemacht hat. Wenn man nicht
achtsam ist, könnte man auch ganz schnell mit dem Kind schimpfen. In dem Sinn, was hast du gemacht?
Wenn man dann achtsam ist, kann man das ganz anders begleiten.

[00:24:26.640] – Irene Beerli
Ich glaube, das hat es dann auch sehr, sehr notwendig. Es steht viel an.

[00:24:33.640] – Irene Beerli
Ich denke, das ist dann ja je nachdem der Seelenschmerz, den das Kind hat, wo nicht sichtbar ist. Bei
den hyperaktiven gibt es ganz eine andere Dynamik.

[00:24:45.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, ich denke, das ist sehr wichtig, sowohl wieder für Eltern als auch für Lehrer, dass sie die ADS Kinder,
die Träumer im Auge haben und sich immer wieder mal vornehmen, ich muss dieses Kind mehr
rausholen. Denn die können nicht von nicht von sich aus sich in Szene setzen und präsentieren und die
hängen dann einfach ab.

[00:25:10.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort her sind die darauf angewiesen, dass man sie anspricht. Aber es sind so wie Fundgruben. Die
Lehrerin muss merken, dass da eine Fundgrube ist und dass man das rausholt. Wenn es die Lehrperson
macht, ist sie vielleicht auch mehr ein Vorbild für die anderen Kinder, dass nicht nur immer die Lauten das
Sagen haben, sondern auch die Leisen.

[00:25:40.780] – Irene Beerli
Ja, das kann ich nur unterstützen, das tut den Kindern wirklich gut.

[00:25:46.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber man muss sich das immer wieder sagen.

[00:25:48.720] – Irene Beerli
Ja, das ist wirklich im Alltag dann auch gar nicht so einfach. Das muss dann ganz schnell in diese Muster
gehen, wie man es sich denkt, müsste es sein, oder?

[00:25:58.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Wahrscheinlich muss man da auch mal ein lautes Kind abbremsen und sagen, du hast viele gute Ideen,
aber du hast jetzt schon viel mal was gesagt, jetzt muss ich mal das Kind fragen. Oder man könnte sogar
das aktive Kind dazu bringen, dass es das Stille fragt. Wäre doch eine Möglichkeit, dass es gar nicht
immer der Lehrer ist.

[00:26:19.760] – Irene Beerli
Das wirkt manchmal sowieso sehr gut, wenn sie sich gegenseitig helfen können. Das ist wirklich eine
Herausforderung im Alltag. Ich denke, da habe ich manchmal noch gute Möglichkeiten, weil ich das
besser steuern kann und auch den Lehrplan anders dann deute.

[00:26:41.060] – Irene Beerli
Von dem her sind Fächer wie Handarbeit etwas sehr Wichtiges, weil wir als Handarbeitslehrerinnen auch
einen anderen Blick haben und diese Kinder auch sehr gut erkennen können. Wenn wir wissen, worum
es geht, dann ist das ein sehr guter Prozess auch für diese Kinder.

[00:27:00.000] – Irene Beerli
Es ist eine Herausforderung für die Lehrperson, je nach Gruppe. Aber es kann für die Kinder nochmals
eine ganz neue Erfolgsgeschichte sein, je nachdem.

[00:27:09.750] – Irene Beerli
Sie können sich einmal anders darstellen oder man kann sie anders begleiten. Ich finde mehr Freiheit,
ohne auch dem Lehrplan abtrünnig zu werden. Ich habe mehr Spielraum. Das finde ich schön.

[00:27:23.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Du bist viel mehr bei der Praxis. Bei der Praxis auch vom Leben. Ich begegne manchmal Erwachsenen
Patienten, die voll im Kopf sind und die ich dann runterholen muss in die Praxis und sagen, werden Sie
praktisch, handeln Sie und nicht nur immer das Karussell im Kopf. Ich denke, das ist gerade bei ADHS
Menschen auch sehr wichtig.

[00:27:49.640] – Irene Beerli

Ich denke auch, beim Handeln kommt ja dann ein anderer Geist im Kopf, man kann andere Prioritäten
beginnen zu setzen. Ich denke auch, dass wird leider wieder etwas zu oft in Vergessenheit geraten, wie
wichtig das ist, dass man das auch eingeübt hat. Man kann nicht im Erwachsenenalter beginnen mit
Handlungen, wenn man das nie getan hat. Es braucht eine gewisse Übung, wo man wieder anknüpfen
kann. Das sehe ich auch in die Richtung.

[00:28:18.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir legen da viel zu viel Gewicht auf das rein Intellektuelle.

[00:28:24.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Das geht so schnell im Kopf.

[00:28:27.340] – Irene Beerli
Man muss sich viel mehr bewusst werden, wie wichtig die Kombination ist. Das eine lernt dann vom
anderen. Dann kommt man in andere Ebenen hinauf.

[00:28:39.570] – Irene Beerli
Dazu habe ich noch zwei Fragen. Das eine wäre, wie kann einem Kind geholfen werden, das eben
verträumt und vergesslich unterwegs ist, das dadurch auch dauernde Ermahnungen erhält? Wie kann ich
das als Mutter fördern und sein Selbstwertgefühl vor allem? Wie kann ich da umgehen?

[00:29:06.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sagt ja, Menschen mit ADHS entwickeln häufig im Erwachsenenalter auch ein Messie Syndrom. Das
beginnt schon in der Pubertät, respektive vorher.

[00:29:20.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Weil sie so viele Ideen haben, weil sie so schnell im Geist sind, wird alles Mögliche angefangen. Von dort
her ist es wichtig, das fängt eigentlich vor der Pubertät an, dass man ihnen Rituale beibringt, die sie dann
übernehmen können.

[00:29:38.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Die meisten Mütter machen den Fehler, sie sind immer hinter dem Kind hinterher und sagen, du musst
noch das, du musst noch das, hast du das nicht vergessen, denk dann dran. Also sie sind so das, wie soll
ich sagen, das Überich vom Kind.

[00:29:55.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist nicht gut. Man muss klare Abläufe mit den Kindern einüben und eher schon früh.

[00:30:05.280] – Dr.med. Ursula Davatz

Die Kinder können dann diese klaren Abläufe, diese Strukturen übernehmen. Es darf nicht zu viel sein, es
darf nicht zu pedantisch sein, lieber weniger, aber das dafür als Struktur beibehalten.

[00:30:23.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss natürlich das auch vorleben, wenn man selber chaotisch in dem Zeug herum weibelt, ist es
schwierig für das Kind, das zu lernen.

[00:30:33.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich erlebe auch immer wieder, wenn die Mutter chaotisch ist, manche Kinder werden dann fast zwanghaft
ordnungsliebend. Also sie korrigieren.

[00:30:44.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, die Mütter, die Väter müssen den Kindern lernen, Struktur zu setzen und dass die Kinder diese
Struktur dann im Gehirn einpflanzen können als Gewohnheit.

[00:30:58.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sagt, sie lernen nicht so schnell, denn sie haben immer wieder andere Dinge. Aber wenn man es
lang genug macht, dann bleibt das schon.

[00:31:08.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, Struktur. Alles, was die Kinder natürlich gerne machen, also ein Instrument spielen, einen
Sport machen, eine Handarbeit, irgendetwas, was ganz persönlich wichtig ist für das Kind.

[00:31:23.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Kinder solche Hobbys haben, hilft ihnen das, sich immer wieder zu fokussieren und zu sich zu
kommen.

[00:31:33.300] – Irene Beerli
Das denke ich auch und ich erlebe das auch manchmal. Die Kinder, welche viele Freizeitbeschäftigungen
haben, die werden auch abgelenkt mit positiven Erfahrungen. Das ist fast besser, als wenn man
runterfährt, weil sie nicht so gut in der Schule sind.

[00:31:56.120] – Irene Beerli
Ich glaube das Gegenteil für die Kinder. Das bringt ihnen unglaublich viel, auch Selbstwertgefühl.

[00:32:01.710] – Irene Beerli

Sie gehen in einen Töpferkurs, Sport machen, gehen vielleicht noch in den Musikunterricht. Ich glaube,
es bringt fast mehr, als wenn man runterfährt, und die haben dann nichts, sie fallen dann fast mehr in
eine Leere, oder? Das tut Ihnen nicht gut.

[00:32:19.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Da bin ich absolut mit Dir einverstanden. Manchmal sagen die Eltern, du bist nicht gut im Französisch
oder in der Mathematik, du kannst jetzt nicht Fussball spielen gehen. Erst wenn du die Note 5 hast, dann
kannst du wieder gehen. Falsch! Absolut falsch!

[00:32:35.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Gegenteil, die sollen diese Freizeitbeschäftigung haben. Die zieht die Note eher hoch. Klar, was die
Struktur anbetrifft, man muss klare Zeiten haben, wann sie die Aufgaben machen, dass sie sich auch an
diese Struktur gewöhnen.

[00:32:53.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Hobby wegnehmen, damit sie besser in der Schule werden, funktioniert überhaupt nicht. Viele Eltern
machen das.

[00:33:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat sogar auch wieder Untersuchungen gemacht. Nach dem Turnen sind viele aufmerksamer,
besser dabei. Denn dann stimulieren sie ihr eigenes Dopamin. Dann brauchen sie kein Ritalin. Dann ist
es durch die Aktivität schon gemacht.

[00:33:15.000] – Irene Beerli
Das ist wunderbar.

[00:33:18.100] – Irene Beerli
Wie gehe ich damit um, wenn ich als Mutter Strukturen geben muss, weil ich ein Kind habe, das
chaotisch ist? Selber bemerke ich, dass ich ja ebenfalls ein ADS/ADHS habe und ebenfalls chaotisch bin.

[00:33:37.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Da treffe ich unterschiedliche Familien an, manche Mütter oft, aber auch Väter, wenn ihr Kind die
Diagnose ADHS bekommt, dann beginnen die sich selber zu hinterfragen, reflektieren und sagen relativ
schnell, ich glaube, ich habe auch ein ADHS.

[00:34:00.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit denen lässt sich dann gut arbeiten. Die sagen dann auch, jetzt verstehe ich mich viel besser, weil ich
es jetzt einordnen kann. Nicht in die Krankheitsdiagnose, sondern eben in die Persönlichkeitsdiagnose.
Die haben dann auch Verständnis.

[00:34:20.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal passiert auch, ich habe ja auch ein ADHS, sagt die Mutter, und da muss das Kind quasi
Rücksicht nehmen auf sie. Das geht natürlich nicht.

[00:34:29.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Eltern müssen zuerst mit unseren Problemen zurechtkommen und nicht einfach das Kind kritisieren.
Also es gilt nicht "quod licet jovis non licet bovis". Die Eltern dürfen sich nicht erlauben, etwas ganz falsch
zu machen, aber das Kind muss dann gehorchen.

[00:34:52.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Gegenteil, ich sage den Eltern, wenn sie sich nicht im Griff haben, dann das Kind erziehen wollen,
lieber gar nichts sagen und alles einfach laufen lassen. Denn wenn man sich nicht selbst im Griff hat, ist
man kein guter Erzieher oder Erzieherin. Dann kann sich das Kind besser selber wieder beruhigen oder
seinen Weg finden.

[00:35:18.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss man halt an sich arbeiten oder sonst, wenn man sich nicht mehr im Griff hat oder Angst hat,
man hat sich nicht mehr im Griff, dann darf man auch sagen, jetzt ertrage ich nichts mehr, jetzt muss ich
aufpassen, jetzt könnte jetzt durchdrehen.

[00:35:32.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage dann immer, man darf an die Decke schießen, ich werde verrückt, aber nicht du bist so
unmöglich. Nicht auf das Kind losgehen und das Kind runter machen. Wir sind doch immerhin
erwachsene Personen und wir sollten uns etwas besser im Griff haben als die Kinder.

[00:35:55.440] – Irene Beerli
Das verstehe ich gut.

[00:35:55.640] – Irene Beerli
Es gibt oft auch Situationen, in denen Kinder dauernd hören müssen, wenn das Kind sich mehr
anstrengen würde, würde es besser gehen. Oder es sitzt einfach da und träumt vor sich hin, es ist etwas
faul.

[00:36:14.320] – Irene Beerli
Ich denke, das ist ja auch etwas ganz Schmerzhaftes für Kinder. Was kann man da Eltern raten? Wie
sollen sie umgehen, ihr Kind zu stützen?

[00:36:24.100] – Irene Beerli

Wie sollen sie auch den Lehrern entgegentreten? Die sehen das manchmal einfach nicht. Die sehen
einfach das Kind, das da sitzt und nichts macht und merken ja, dass das Kind je nachdem eine sehr hohe
Intelligenz hat, stellen aber fest in der Schule, das macht so unterschiedliche Leistungskurven, also
muss es faul sein? Hat es da nicht gelernt und so? Ich glaube, das stimmt eben nicht. Wie kann man
umgehen, dem Kind gerecht zu werden in diesen Fällen? Wie kann man Lehren entgegentreten, ihnen
einen anderen Blick dafür zu geben?

[00:37:00.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein typischer Spruch von Eltern und von Lehrern. "Es könnte schon, es will aber nicht." Oder "Es
könnte schon, es ist nur zu faul." Stimmt nicht.

[00:37:13.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sagt man dann, nein, es kann nicht wollen. Die ADHS/ADS Kinder sind sehr sensibel, an sich auch
sehr empathisch. Die sind sehr abhängig vom Klima, was um sie herum ist. Sie müssen das richtige
Klima haben und die richtige Führung, dass sie da wieder einhängen können.

[00:37:36.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, in der Klassensituation muss man schauen, wo sitzt das Kind, neben wem sitzt es, nicht am
Fenster, sondern an der Wand.

[00:37:47.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man es kann, dass man auch dem Kind die Möglichkeit geben kann, dass es vielleicht in ein
Nebenzimmer gehen darf, um sich besser konzentrieren zu können. Manche konzentrieren sich besser in
der Stille, aber manche brauchen auch den Lärm.

[00:38:05.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Die gehen am liebsten an den Küchentisch, an den Familientisch, machen ihre Aufgaben während das
Gespräch läuft. Und dann denkt man "Hm, geht das?" Aber die brauchen diese ständige leichte
Stimulation. Die brauchen auch Musik oder irgendetwas. Wenn die in einem stillen Raum sind, dann geht
der Geist so weit weg und die Wahrnehmung, dass sie weit weg von ihrem Heft sind.

[00:38:32.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Das muss man auch wieder herausfinden.

[00:38:35.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, es ist ganz wichtig, dass die Eltern halt die Erkenntnis haben. Ich verwende dann immer
wieder so Sätze von Tieren. Ich sage, man kann dem Hund das Bellen nicht verbieten. Ich könnte
vielleicht sagen, man kann dem Siebenschläfer den Winterschlaf nicht verbieten oder dem Bären den
Winterschlaf nicht.

[00:38:59.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss auf die Persönlichkeit dieser Kinder eingehen und sonst schadet man ihnen. Je besser ihr
Umfeld auf ihre Persönlichkeit eingeht, sie aber doch, also nicht nur einfach schont und in Watte packt,
sondern sie auch liebevoll mit andersartigen Dingen konfrontiert, umso besser lernen sie dann mit ihrer
Eigenart umzugehen.

[00:39:23.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie lernen sich besser handhaben. Das ist schlussendlich das Ziel, dass wir alle lernen, mit unseren
Anlagen möglichst gut umzugehen und diese möglichst gut umzusetzen.

[00:39:37.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sage ich vielleicht nochmal etwas zum Schluss. Man redet immer, also in der Therapie sagt man: Der
muss sein Selbstwertgefühl stärken. Ich muss dem helfen, das Selbstwertgefühl zu stärken. Das ist so ein
abstrakter Begriff.

[00:39:54.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Gefühle kann man nicht stärken mit Vitamin D oder irgendetwas. Das Selbstwertgefühl dieser Menschen,
dieser Kinder und dieser Menschen als Erwachsenen wird gestärkt, wenn man sie so annimmt, wie sie
sind, mit all ihren Eigenschaften, wenn man sich auch auseinandersetzt mit ihren auch schwierigen
Eigenschaften, aber sie unterstützt in ihrer eigenen Art und nicht sie zu Normotypen machen will.

[00:40:24.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sie eben zu Normotypen machen will, dann werden sie geschädigt in ihrem Selbstwertgefühl.

[00:40:30.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum ist mir so wichtig, dass ich sage, ADHS ist keine Krankheit. ADHS ist eine
Persönlichkeitsdiagnose, da kann man das Wort Diagnose verwenden, die für diese Menschen zum Teil
das Leben etwas schwieriger macht, die für das Umfeld und die Erzieher die Arbeit etwas schwieriger
macht. Aber ich sage auch interessanter.

[00:40:54.620] – Irene Beerli
Ja, das kann ich nur unterstützen. Vielen Dank.

[00:40:58.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Danke fürs Gespräch.

[00:41:02.200] – Dr.med. Ursula Davatz

Ich hoffe, sie als Eltern haben etwas davon und können das verwenden. Sie dürfen auch wieder im
Rahmen des Elternrats vom Schulhaus Weinberg/Turner, dürfen sie auch weitere Fragen stellen unten in
den Kommentaren auf Youtube.

Zwischen Genie und Wahnsinn

Leura Deari, Behare Lutishi, Jonathan Steffen Zentrumbildung Baden 16. November 2020

Schizophrenie was versteht man darunter? Unter Schizophrenie versteht man eine psychische Erkrankung. Personen die unter Schizophrenie leiden haben
charakteristische Störungen. Folgende Bereiche sind betroffen: Wahrnehmung,
Denken, Gefühls- und Gemütsleben, Willensbildung und Psychomotorik sind
betroffen. Die Menschen, die unter Schizophrenie leiden, hören meistens Stimmen
die nicht vorhanden sind. Sie fühlen sich verfolgt, beobachtet, spioniert und
kontrolliert. Was dazu gehört, ist dass man sich von der Gesellschaft zurückzieht.
Man hat fast keine sozialen Kontakte mehr, zieht sich zurück ins Zimmer, ist immer
alleine, man hat keine Freunde, nur die Familie die da ist. Die Motivation verliert man
auch, da man keine Lust hat etwas zu unternehmen mit anderen Personen. 3
Zusammengefasst ist Schizophrenie im Allgemeinen durch grundlegende und
charakteristische Störungen vom Denken und der Wahrnehmung betroffen. Diese
Krankheit ist in der ganzen Welt vertreten. Es sind gleichviele Frauen wie Männer
betroffen. Die Männer sind eher ab dem 15. und 25 Lebensjahr betroffen und die
Frauen am 20. und 35. Lebensjahr. 20% der Frauen die Betroffen sind, erkranken
nach dem 40. Lebensjahr. Die betroffenen können natürlich wieder gesund werden
aber auch rückfällig werden.

PDF: Zwischen Genie und Wahnsinn

What you don’t use, you will loose. What fires together, wires together.

This Online lecture was organized by Prof. Dr. Ursula Renold

Audio:

Transkription

Transkript

Dr.med. Ursula Davatz, Prof.Dr. Ursula Renold, Dr. Ladina Rageth, Katie Caves

13.12.2020

What you don’t use, you will loose. What fires together, wires together.
Audio

[00:00:08.350] – Prof. Dr. Ursula Renold
Welcome, dear summit's participants, to another very interesting session we offer you within our summit's
Virtual Institute. And I'm very happy to introduce you to a very famous doctor, psychiatrist and therapist in
Switzerland.

[00:00:29.150] – Prof. Dr. Ursula Renold
She is Dr.med. Ursula Davatz and she has over, I would say, three, four decades of experience dealing
with teenagers. And as you know that we basically work out programs, better alternatives for teenagers in
all the education system. We thought that it's worthwhile to listen to Dr.med. Ursula Davatz and she will
explain what happens in the age of 15 to 20 years when you become an adult and what does this mean
for education.

[00:01:06.230] – Prof. Dr. Ursula Renold
We are very happy that she accepted to give a talk and also to answer to questions. Here we have Katie
Caves, which you know very well, as well as Dr. Ladina Rageth. She is a postdoc in our chair. And also
she is a mother. And therefore she may be also interested in knowing more about what's going on in the
adolescence age. Therefore, I would like to hand over the floor to Dr.med. Ursula Davatz and we look
very forward to learn from you. Thank you very much for joining us.

[00:01:43.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Thank you very much for inviting me for my introduction. I'm a psychiatrist and a family therapist. I have
been trained in the United States for three years in family therapy by one of the most famous originator of
family therapy. Murray Bowen.

[00:02:02.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Yes, I have been working with adolescence for over 40 years, so I think I know a little bit about them. The
theme is teenage phase or adolescence. Adolescence is a very important developmental phase during
which a lot of changes take place in life of these young individuals and also in their brain. I first relate to
the brain. The brain goes through a synaptic pruning, one calls it, which means a cleansing of
unnecessary synaptic junctions, according to the principle, what you don't use, you will lose.

[00:02:49.850] – Dr.med. Ursula Davatz
A baby brain has many more connections, which is a disturbing situation. When you become an adult,
you have to organize your brain or your brain gets organized.

[00:03:04.310] – Dr.med. Ursula Davatz
And it gets organized to the principle. What fires together, wires together.

[00:03:11.650] – Dr.med. Ursula Davatz
That means the brain matures. It solidifies in its function in order to be more efficient. So unimportant
things get blocked or thrown out and important wiring, high roads, I could say get solidified.

[00:03:32.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Socially speaking, this phase of adolescence is the development of the personality of the individual
personality formation. In psychological terms, one calls this individuation.

[00:03:56.030] – Dr.med. Ursula Davatz
It is a very important psychic development. You develop your personality and the personality is made of
your genes and what you experience. Now, the inherited part of your personality is quite a lot determined
by genetic factors.

[00:04:21.440] – Dr.med. Ursula Davatz
This is always a discussion. Nature versus nurture. Nature would be the genes and nurture would be the
environment. Both of them have equal importance. And it's not one or the other.

[00:04:36.640] – Dr.med. Ursula Davatz
In psychiatry, this has been discussed a lot. What is more important? My conclusion is both are equally
important. What is determined by our genes is, for example the temperament sensitivity intellectual
capacities and emotional reactivity, of course to the color of your hair, et cetera, et cetera. But I only talk
about the psychological determinant.

[00:05:10.390] – Dr.med. Ursula Davatz
In the teenage phase, this genetic determination, your temperament, your genetically determined
personality gets into intense interaction with the social environment and this intense interaction with the
social environment can turn into a fight, into a competition of which teachers and of course, parents are
an important part. Because teachers at that moment are important.

[00:05:49.080] – Dr.med. Ursula Davatz
I say now primary significant figures in the relationship with these teenagers. And sometimes when the
parents are not functioning anymore the teenagers rely on their teachers.

[00:06:04.470] – Dr.med. Ursula Davatz

That's why all the teachers are very important for these teenagers during their teenage phase.

[00:06:15.690] – Dr.med. Ursula Davatz
If the teachers, or equally the parents don't respect the basic genetic makeup of their youngsters they
have in front of them they cannot teach anymore.

[00:06:28.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Because it's a relationship that plays an important role. We always say you don't learn for the teacher but
the teacher is a very important factor in the learning process.

[00:06:41.490] – Dr.med. Ursula Davatz
If the teachers and the parents, of course don't understand the basic personality makeup of these
teenagers they are absolutely uncapable to teach these youngsters anything anymore.

[00:06:57.760] – Dr.med. Ursula Davatz
They get into a vicious fight with them a power struggle which the adults usually lose. And that's not worth
it.

[00:07:10.270] – Dr.med. Ursula Davatz
If the adults win a fight they risk to damage the personality of these youngsters.

[00:07:17.550] – Dr.med. Ursula Davatz
The youngsters might adapt for certain time but they go back to their own personality and one so called
breaks their personality.

[00:07:32.690] – Dr.med. Ursula Davatz
What happens at that moment if we adults break the personality of the youngsters? They develop
psychiatric illnesses they get sick and they develop all kinds of psychiatric illnesses.

[00:07:49.690] – Dr.med. Ursula Davatz
In fact most psychiatric illnesses take their start during adolescence. Maybe not the full blown psychiatric
illness but the start.

[00:08:06.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Now I relate to a special personality type because with that special personality type one can demonstrate
this fight even better. And that's the personality type of ADHD or ADD.

[00:08:22.050] – Dr.med. Ursula Davatz

At this point, ADHD and ADD still figures in the DSM-5 as an illness, as a psychiatric diagnosis.

[00:08:35.350] – Dr.med. Ursula Davatz
I say it's not a psychiatric diagnosis. It's only a personality type but particularly vulnerable personality
type.

[00:08:45.370] – Dr.med. Ursula Davatz
That personality type can be sort of described by its high sensitivity and its impulsivity.

[00:08:57.790] – Dr.med. Ursula Davatz
The high sensitivity makes that they are much more sensitive to mishandling or wrong handling of them in
that phase.

[00:09:08.930] – Dr.med. Ursula Davatz
If their social environment is not competent enough to handle these vulnerable teenagers according to
their needs, then as I said before, they may develop all kinds of illnesses.

[00:09:24.560] – Dr.med. Ursula Davatz
They may develop psychiatric illnesses but also physical illnesses.

[00:09:31.610] – Dr.med. Ursula Davatz
At that moment when they develop illnesses they're being passed on to the medical model.

[00:09:39.310] – Dr.med. Ursula Davatz
What the medical model does, the medical system according to the medical model tries to treat them with
psychopharmacology and tries to make them into normotypes.

[00:09:58.040] – Dr.med. Ursula Davatz
They are not normotypes. If one tries to make normotypes out of them they lose their personality, their
creativity and their special talents.

[00:10:13.670] – Dr.med. Ursula Davatz
They go against their own original personality, which of course is a pity and is very bad.

[00:10:27.290] – Dr.med. Ursula Davatz
They might become better performance for some time and might be more efficient in our intellectual,
efficiency driven world but they are sort of trained into a normotype and lose many of their talents.

[00:10:53.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Here is a but/if.

[00:10:55.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Now I come in with a biological knowledge. It is a biological knowledge among scientists that
heterogeneous or in homogeneous populations survived much better than homogeneous ones.

[00:11:19.230] – Dr.med. Ursula Davatz
This relates to the genetics.

[00:11:23.420] – Dr.med. Ursula Davatz
I say now by trying to make these teenagers into normotypes, if one tries to make normotypes out of
these special teenagers, such as the teenagers with ADHD and ADD but you can also take other
teenagers, society loses a lot of creative potentials.

[00:11:48.150] – Dr.med. Ursula Davatz
With these creative potentials they might be useful in solving problems in the future.

[00:11:57.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Since these kind of people can think out of the box.

[00:12:04.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Albert Einstein is one of these examples. He went to the same gymnasium, to the same school I went to
in Aarau. He was not so good in languages, so he had bad grades and one almost threw him out of the
school, the gymnasium, because he had bad grades in languages.

[00:12:28.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Finally one decided to keep him and now one is very proud of him, of course. And the school is called
Einstein House. That's only one example.

[00:12:40.780] – Dr.med. Ursula Davatz
One could bring many more examples.

[00:12:43.750] – Dr.med. Ursula Davatz
What I want to stress is, and that's my conclusion to all the teachers and all the parents. In case you as a
teacher get stuck with one of these difficult, stubborn teenagers, don't try to win the power fight.

[00:13:06.190] – Dr.med. Ursula Davatz

Rather stay with them in contact, learn from them and try to get them to do anything but something of
their own.

[00:13:21.810] – Dr.med. Ursula Davatz
If they can do something of their own, if they can identify with what they're doing, then they can develop
their personality.

[00:13:32.150] – Dr.med. Ursula Davatz
If Push comes to shove, I say the personality development is much more important than the acquisition of
knowledge out of books or computers.

[00:13:44.110] – Dr.med. Ursula Davatz
All the knowledge you can still get later on, while if the personality is damaged, you are lost and you will
have a problem throughout your life.

[00:13:56.910] – Dr.med. Ursula Davatz
So think of the personality. And there we can even go to Sokrates. A good teacher is always learning from
his students and not just the students learning from the teacher.

[00:14:10.950] – Dr.med. Ursula Davatz
In order to have this creative process between these youngsters and the teachers or the parents, you
have to relate to them, you have to feel them, you have to understand them, you have to stay in contact
with them.

[00:14:27.000] – Dr.med. Ursula Davatz
The relationship is the most important thing if things go wrong and then they can go through difficult
phases and all the rest they can pick up later.

[00:14:38.590] – Dr.med. Ursula Davatz
That's my basic message to you. And you can ask me questions.

[00:14:45.710] – Prof. Dr. Ursula Renold
Thank you very much, Ursula, for that wonderful introduction. And I have to say, I think I did my coming
out within one of our summits units before.

[00:14:59.410] – Prof. Dr. Ursula Renold
I always say, when I was 15 years old, this type of I would say stubborn young girl.

[00:15:12.070] – Prof. Dr. Ursula Renold
I had enough of school at that time and I wanted experience what's going on out there in the world.

[00:15:23.420] – Prof. Dr. Ursula Renold
I told to my parents, look, I don't want to go anymore to school. I want to know how money works. I want
to go to a bank. That's my dream.

[00:15:31.880] – Prof. Dr. Ursula Renold
I have supportive parents because they were very supportive with regard to let's do a vocational
education training in a bank. That's okay for you. We love vocational education training, because one of
my parents did also start their career with vocational education training.

[00:15:52.130] – Prof. Dr. Ursula Renold
I always said that for me it was not the teacher. For me, basically it was these people in the bank, these
adults who were giving me very good advice. You will make your life because of this and that. So we'll ask
a question with in relation to the environment for the teenager.

[00:16:19.550] – Prof. Dr. Ursula Renold
Would you agree that exposing people at the very early stage to this adult world I mean, to the companies
where you have this workbased learning environment, could that be for, I would say, half of the cohort an
advantage because they have different role models and may get some advice from other adults.

[00:16:43.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Yes, I think the interchange with adults who are serious and well meaning and present their conviction
and ideology, this is very important.

[00:16:56.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Not just one adult, but several adults.

[00:16:59.350] – Dr.med. Ursula Davatz
The adults shouldn't shove the knowledge down the throat of the teenager but just present it.

[00:17:06.160] – Dr.med. Ursula Davatz
If the teenagers can exchange with such adults who give positive support, give their ideas, their attitude,
et cetera, that's very important.

[00:17:17.470] – Dr.med. Ursula Davatz

With such a sovereign teenager, it's most important that we don't try to convince them of anything. We
should just present it and then they can take it when they're ready for it.

[00:17:29.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Yeah, I think they are very important, these adult figures around these teenagers.

[00:17:36.630] – Dr.med. Ursula Davatz
But they have to have the right attitude.

[00:17:39.830] – Dr. Ladina Rageth
Yeah and can I add here that I think especially with regard to vocational education and training, this brings
me also to the conclusion how important the trainers are there.

[00:17:50.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Yes.

[00:17:51.070] – Dr. Ladina Rageth
And that they probably also need to have some psychological basic knowledge to know how to cope with
these young people.

[00:18:00.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Yes, I think it's helpful. Some teachers are natural talents and they can't just relate to these youngsters.
And they do it right because they have a good gut feeling. They can relate. They react to the teenagers.

[00:18:14.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Others get sort of rigid and they don't want to lose in the power fight.

[00:18:20.130] – Dr.med. Ursula Davatz
I think one shouldn't get into a power fight. One should only relate and then be creative, find new ways.

[00:18:29.020] – Dr.med. Ursula Davatz
I have supported several teachers of teenagers, coached them, I have given them coaching and we have
found out different ways of handling these teenagers.

[00:18:41.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Creativity is very important at that moment.

[00:18:44.810] – Dr.med. Ursula Davatz
If one gets stuck in a power fight, then one sort of loses loses one's own image. One doesn't want to lose
that. One feels ashamed.

[00:18:55.080] – Dr.med. Ursula Davatz
There sometimes they need help and they should go for coaching so they get that help. They shouldn't
feel ashamed to get help.

[00:19:05.570] – Dr.med. Ursula Davatz
When I was giving lectures to teachers, my introductory phrase was always never teach a teacher.

[00:19:14.450] – Dr.med. Ursula Davatz
And with the helpers, we helpers doctors and nurses. I say never help a helper because we are the ones
who want to help and the teachers are the ones who want to know.

[00:19:25.660] – Dr.med. Ursula Davatz
It's important for the teachers that they get some enlargement of their view.

[00:19:37.610] – Dr. Ladina Rageth
Yes, I understand that. And I think I see a lot of similarities with the upbringing of small children.

[00:19:45.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Yeah, there is a saying…

[00:19:48.750] – Dr. Ladina Rageth
As you said, you try to not win the power fight and understand them and guide them, but it's just difficult
sometimes, even if you try to. I think you need or it's good to have some basic knowledge about how their
brain works.

[00:20:07.800] – Dr.med. Ursula Davatz
That's right, that's right.

[00:20:09.480] – Dr. Ladina Rageth
That's probably the same for the adolescents.

[00:20:11.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Yeah, one can say that. One even says at the age of 3,4, it's a stubborn phase and one compares it to
teenage phase.

[00:20:22.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Yes, you're right, one should get a little bit into the brain of the little child. I just have an example. I have
my grandchild with me and he likes to cook and bake. So we were opening nuts and I wanted to put the
nuts into a little bucket, as one does it. But he got the cooking form out of the cupboard and wanted to put
these nuts into there. And I thought, wow, that's far too big, et cetera. But I let him do it and at the end he
put that form into the oven and he said, I make a cake now. And then I only understood why he took that
cooking form. It was very interesting.

[00:21:08.720] – Dr.med. Ursula Davatz
So, yeah, we should learn from the kids how they think and not just intervene right away, because then
we destroy their motivation. They have their own motivation according to their own brain.

[00:21:26.850] – Dr.med. Ursula Davatz
And if we come in too far, we just mitigate them, we limit them and we don't let them develop their own
personality.

[00:21:38.210] – Dr.med. Ursula Davatz
But that's right. It's difficult sometimes, especially if one is in a hurry and one wants to achieve something,
then one shortens all the processes.

[00:21:52.970] – Dr.med. Ursula Davatz
The kids, they play more and the teenagers also want to experience more, to learn. It's not always easy.
We have to reflect.

[00:22:07.130] – Dr. Ladina Rageth
And I can imagine that's especially difficult in working life.

[00:22:11.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Absolutely.

[00:22:12.380] – Dr. Ladina Rageth
Where you want them to be productive.

[00:22:16.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Absolutely.

[00:22:18.190] – Dr.med. Ursula Davatz

Everything goes towards productivity, but sometimes it's worthwhile to take a little longer and then have
more creativity and afterwards more productivity.

[00:22:32.850] – Dr.med. Ursula Davatz
And all these famous people like Steve Jobs, Bill Gates, et cetera, they were all stubborn and developed
their own thing and these were new things, and society can benefit from that.

[00:22:54.090] – Katie Caves
You've been talking a lot about creativity and you just mentioned stubbornness and relationships. One
thing that we talk about a lot is soft skills. That whole category teamwork and all of that. We know from
research that young people learn soft skills better at work than they do at school. For example, you learn
a lot more about teamwork when you're working with someone who's older than you, someone with a
different education than you do with five people your same age who you've known since you were six. Is
there a psychological backing to that? Is there something about the workplace that helps young people
develop those skills?

[00:23:38.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Yes. Well, I think if they are in school, they have only one adult person and all the rest are peers, and the
peers are more of the same.

[00:23:48.080] – Dr.med. Ursula Davatz
The peers are important, but of course, if they are in the working world, they have many different adults
with adult personality development, and that's much more interesting.

[00:23:59.650] – Dr.med. Ursula Davatz
So many students who go to gymnasium or upper grade, they don't find the stuff they have to learn at
school, they don't find it interesting.

[00:24:15.030] – Dr.med. Ursula Davatz
While if they can relate to other adults creating something which is being used and not just theoretical,
that motivates them much more to learn. I think that's an important point.

[00:24:29.770] – Katie Caves
The motivation is actually that was already my next question. Obviously I'm American and we don't have
any kind of apprenticeship options. One of the things that everyone says in high school all the time is,
when am I ever going to use this? Why am I learning this? You're sitting there in calculus like, well, I have
to do this for college, but I don't know, or any class.

[00:24:56.450] – Katie Caves

For me it was chemistry. And that really affects a lot of students, especially the ones who are not planning
to go to college, to go to university. For them, it's hugely demotivating because they're sitting there
knowing that they don't need to learn what they're learning. It seems to me like having apprenticeship
creates an opportunity for students to really apply what they're learning and be motivated by that. You
have experience in both the USA and in Switzerland. Do you see that really helping young people stay
motivated?

[00:25:29.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Yes, I do think so, because these young people, they want to do something, they want to learn something,
which they can use and not all these theoretical things, all this intellectual stuff.

[00:25:42.900] – Dr.med. Ursula Davatz
I think it's very helpful. I had to give a course once in ABB and they said they formed teams out of elderly
people, middle age and the youngsters, and they integrated the apprentice much more in the production
process. If the teenager can see what's coming out of it, he is much more motivated.

[00:26:07.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Jean Piaget, who was a biologist but had many theories, he also said one should always have a team
with a senior person, with a middle age and a youngster. They working together, they come out with the
best results. The youngster can still jump borders. The middle aged person is very experienced in reality
and the older person is wise. So this kind of combination is very helpful and the teenager feels integrated.

[00:26:48.310] – Prof. Dr. Ursula Renold
So if you would give advice to parents but also maybe to education reform leaders. If I listen to you, then I
would say especially in the teenager age 15 to 20, the first priority should be that you help the young
person to develop their personality and that they get their self esteem, that they can live and create their
own life and not to some extent I always think it's adult attitude, that my child has to go to the high school
first and then the parents have some plans for the kids.

[00:27:28.580] – Prof. Dr. Ursula Renold
If you underestimate how difficult it is that the person can develop personality and if I listen to you, if they
don't see any necessity to learn a certain subject, that is for me not really helpful to develop the
personality.

[00:27:45.950] – Prof. Dr. Ursula Renold
Could you explain what can happen if you really force young people to an adult dream? My child needs to
go to a college or university and then you push the kid into a high school or a gymnasium, but obviously
he suffers in the sense that they don't like it. What is then the effect on the personality if they do that?

[00:28:13.330] – Dr.med. Ursula Davatz

I think if you push them and they do it out of obedience, then you dwarf their personality.

[00:28:21.010] – Dr.med. Ursula Davatz
If I get these people later on in middle age, they haven't really developed their personality. I think one
really dwarfs them.

[00:28:31.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Of course they have to learn skills, but these skills have to be applied and they have to fit with their
personality.

[00:28:38.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Whenever I have a person in therapy, I always look for their interests, for their very special interest, and
not just for what one should do, not for the normotype, but it just doesn't work because one dwarfs them.

[00:28:53.820] – Dr.med. Ursula Davatz
As I said before, they might get sick. I have many of them, many of them in therapy, and once they are 50
or even older, it's difficult to go back. You can never keep up with that personality development.

[00:29:17.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Yes I think one can dwarf them and one can even make them sick.

[00:29:22.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Maybe I add here, Google has had a study and they were trying to find out how does a good well
functioning team work? And of course one wants many intellectuals, many clever people with a high IQ
and they run many algorithms through these groups.

[00:29:47.410] – Dr.med. Ursula Davatz
But they finally found out a very simple thing if there are members in a team, if they can have equal
speaking time, so each personality has the equal speaking time and if they can read with the soft skills
where the other person is, can feel the other person, then they function well.

[00:30:15.240] – Dr.med. Ursula Davatz
And this is again heterogeneous groups work much better than homogeneous ones.

[00:30:23.530] – Dr.med. Ursula Davatz
They survive better because we need of everything. We don't just need these intellectual hyper flyers.

[00:30:32.810] – Prof. Dr. Ursula Renold

Yeah, we need all of them.

[00:30:37.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Each of them has different skills and they have to learn together. Did I answer your question?

[00:30:46.190] – Prof. Dr. Ursula Renold
Absolutely.

[00:30:50.210] – Dr. Ladina Rageth
Yes. So one of the drawbacks that's often mentioned in connection to the Swiss education system is that
the adolescents have to take decision very early in life. I mean, our system is quite permeable. There's
still a lot of possibilities for mobility later on but still with 15 they have to take a very important decision. So
what do you think? Are the adolescents ready at that time to take that decision or how is it related to the
development of their personality?

[00:31:21.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Yeah, that's a good question. Some are ready, some are very focused on their own thing and one should
let them do. Others are more dreamy and they don't know yet. And yes, that's right. They go to high
school because they don't know yet. What to do. And those I let them do that because then it's not helpful
if one pushes them into a trade, into a special profession.

[00:31:50.110] – Dr.med. Ursula Davatz
And even if they get out of school and they don't want to go to high school but they still don't know what,
then I say you could go for a year to England.

[00:32:02.970] – Dr.med. Ursula Davatz
In Switzerland that was in fashion. The girls always went to the French speaking part of Switzerland. Boys
usually don't do that, but they could have a practical year with a farmer or with anything, so they have
time for their personality to form and then maybe they find out what they want.

[00:32:27.890] – Dr.med. Ursula Davatz
They could also try several things. One shouldn't push them too fast.

[00:32:34.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Parents are usually impatient, you have to know what you want. But if the child doesn't know, and if the
child had no space to make his or her own decision, that child, adolescent, that youngster needs some
space for oneself, probably away from home to find out what he or she wants.

[00:32:58.910] – Dr.med. Ursula Davatz

There it is worth to wait.

[00:33:05.730] – Dr. Ladina Rageth
Do you have some experience with career counseling? How that helps them? Or if I understand you
correctly, you would even say that they need more time instead of counseling.

[00:33:19.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Career counseling is a good thing and I sent many for career counseling, but it depends on the counselor.
If the counselor is very efficient, oriented. Earlier on, maybe 50 years ago, they said there we need
people. Why don't you go into that job? That's not the right counseling.

[00:33:41.870] – Dr.med. Ursula Davatz
One really should councel according to the personality. And if the personality is not formed yet, one has to
wait.

[00:33:51.710] – Dr.med. Ursula Davatz
In the career counseling, they always make tests, aptitude tests, intelligence tests, et cetera. One can say
you're good in that and that and that and in this you're not so good. And then the person can think about it
again. One shouldn't push them. One should help them to find out.

[00:34:10.210] – Dr.med. Ursula Davatz
And I often do career counseling with 30 year old or even older, trying to help them to find really their job,
their motivation, their intent, how would I say, inclination where they want to go.

[00:34:37.930] – Dr.med. Ursula Davatz
I also tell them, don't take a job just to make money. Choose the job which suits your personality because
usually it doesn't work. Some people can just work all life in a job, but they don't like it, but they just can
do it.

[00:34:56.260] – Dr.med. Ursula Davatz
But those who I see, they can't, they just get sick, they get a new job, new job, and they always drop out
of it again. So it's worth it to take a little bit more time to find your own thing.

[00:35:12.950] – Katie Caves
Sort of in line with the career guidance topic. Young people need time and they need options where they
can delay a year if they need to and they need guidance.

[00:35:26.470] – Katie Caves

If you were setting up a new system, most of our countries they we're working with, they either don't really
have a system or it's very small or it needs to change a lot.

[00:35:36.080] – Katie Caves
So if you were designing a program for young people where they would be going to the workplace, what
protections or rules or training would you put in place for them? For example, training for the trainers to
make sure that they know how to deal with young people in the adolescents sort of phase or any
requirements that they get. Not just the rules and regulations, but also they learn something about
creativity. Or what would you do to help make sure that young people are successful when they go to the
workplace?

[00:36:08.250] – Dr.med. Ursula Davatz
I think if young people start right away in a job, in a workplace, I think these youngsters should always
have a tutor. One person should be designed or defined to take care of that youngster as a tutor.

[00:36:27.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Otherwise I think one just throws them into a pond and they have to swim. And some can swim, but
others, those who are quite sensitive, they get lost.

[00:36:41.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Not the entire team can take care of them. I guess one design person should be the coach, the tutor, and
take care of them. I think that's very important.

[00:36:55.110] – Prof. Dr. Ursula Renold
Related to that question, which I fully support, what you have said if there is no instructor, it's very difficult
to organize the onboarding process so that the young person is successful, starts to understand. I'm
really a member now of that company.

[00:37:15.390] – Prof. Dr. Ursula Renold
I hear two things. If I'm in Switzerland, all this instructor or the HR person who is dealing with the
apprentices, they told me, well, look, after three months we see that this young person, he changes the
attitude from a child up to an adult. It's very quick. This change is very quick. And if I listen to other reform
leaders from around the world they say no, I mean these are kids, they are 15 year old. How can they go
to a company and be successful? That will never work. And the company depends on really prepared
people.

[00:37:54.910] – Prof. Dr. Ursula Renold
So it is kind of a trade off. I would say it's a chicken and egg problem. If you don't get the chance and if
you don't trust in young people that they, as you said, that they're on the way to develop their personality,
maybe they are a little bit more shy to explain what they want to be.

[00:38:16.290] – Prof. Dr. Ursula Renold
In my view, and I experienced that myself, with 15 years, you may have some problems in the very first
week because all are adults.

[00:38:29.520] – Prof. Dr. Ursula Renold
As soon as you get the feeling that you are accepted and that people are proud to have you in the team,
you change your attitude. Do this have to do with what the young person is looking for?

[00:38:43.770] – Prof. Dr. Ursula Renold
Maybe in other countries it's just the stigma of all the people that kids can never do anything?

[00:38:49.420] – Prof. Dr. Ursula Renold
How can we help other countries to understand that they do something good if they are more prepared to
take risks, just to expose young people to those workplaces?

[00:39:00.750] – Dr.med. Ursula Davatz
I think you have to differentiate into extroverted personalities and the extroverted personality makes it fast
and can probably adjust fast.

[00:39:11.680] – Dr.med. Ursula Davatz
The introverted shy personality gets lost.

[00:39:17.110] – Dr.med. Ursula Davatz
They might still have a lot of talent. So I think if you have a youngster who leans more towards the
introverted person and the shy person, one has to take care of them and they have to have somebody
who relates to them and guides them a little bit and protects them when they get stuck or lost or
pressured.

[00:39:42.750] – Dr.med. Ursula Davatz
The extroverted personality type, I guess those youngsters can adapt quite fast.

[00:39:50.030] – Dr.med. Ursula Davatz
If they misbehave and if they can't control their impulses, then they get into trouble again and then one
should have somebody who supports them.

[00:40:02.800] – Dr.med. Ursula Davatz

I had a young lady and she was in an apprenticeship for KV. Somehow her boss treated her in a way that
she got hurt. She was extroverted, but she got hurt. And she said, I give up my my apprenticeship,
finished. I never go back to work. And the mother sent her to me and I discussed the entire situation with
her. I gave her advice how she should go back to her boss, and say, when you said such and such, that
hurt me very much, and that doesn't motivate me. And I almost gave up my apprentice.

[00:40:48.530] – Dr.med. Ursula Davatz
She did, and her boss reacted well, and he said, thank you very much. I didn't realize that I hurt you so
much. Then she continued her apprenticeship, and she is still a good working woman.

[00:41:08.250] – Dr.med. Ursula Davatz
So at that moment she needed the support. Now, her mother knew me, so she sent her to me. But in
other situations, they don't have this kind of supervision or coaching at hand.

[00:41:22.900] – Dr.med. Ursula Davatz
That's why it would be good if there's something in the institution, in the company who takes care of these
teenagers and looks out for these mishaps, is aware of these things because it's not routine.

[00:41:57.770] – Katie Caves
I have one that's kind of the opposite of what we've been discussing. It's sort of the flip side. Sometimes
when we're talking about designing apprenticeships and workplace learning opportunities, there's a very
big focus on mentors and mentorship and what we've just been talking about.

[00:42:17.710] – Katie Caves
In a situation where there's no structure. So in Switzerland, it's a formal education thing. Lots of people do
it. You're going to school, there's a curriculum, you're getting a certificate at the end, and if something
goes wrong, you can talk to the canton. There's a lot of processes and structures around it.

[00:42:43.270] – Katie Caves
Sometimes on one extreme end you see trying to set up a program where it's essentially an internship
with a mentor. A lot of times it's like for high school students over the summer, focus on students at risk
who've never been in a workplace before.

[00:43:03.630] – Katie Caves
Sometimes I have trouble articulating, obviously, we can talk about the systems and all of that and how
it's important to have incentives and a curriculum and be part of the formal education system. But it's hard
for me to articulate why that might be dangerous for the student because it seems like maybe there's not
enough around them, even with a really good mentor.

[00:43:25.290] – Katie Caves
What do you think about that? Is a really good mentor enough? What are the risks? What are the
benefits? What happens if we just have the mentor?

[00:43:34.710] – Dr.med. Ursula Davatz
I'm not sure if I understood you well, correctly.

[00:43:39.650] – Dr.med. Ursula Davatz
I think if one goes too much into the direction of everybody wants to help that person and you have a
mentor, you have a therapist. You have a social worker and I don't know what all around and they all talk
onto that one individual, then that's no good at all. It has to be one person, of course, a person who can
relate to the youngster and the rest has to be structured.

[00:44:08.770] – Dr.med. Ursula Davatz
You're right. There has to be structure. Because if there is structure the youngster can relate to and
understand, he or she can learn to go according to that structure.

[00:44:21.390] – Dr.med. Ursula Davatz
If there's no structure around, that's very bad. That's very confusing. And if there are only helpers is
around, that's terrible.

[00:44:27.890] – Dr.med. Ursula Davatz
This is what we get in psychiatry. So we have a youngster who drops out of something, difficulties with
parents, and then many other people are involved.

[00:44:38.510] – Dr.med. Ursula Davatz
I again just had a case recently and that young boy said: it's only me who can make my career. I don't
want any help.

[00:44:52.830] – Dr.med. Ursula Davatz
But they all were trying hard to help him and everybody according to his own or her own model, her way
of thinking.

[00:45:01.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Then you can only disturb the youngster. This is as soon as you get into the psychiatric field, then, yeah,
it's only disturbing just one who accompanies and the rest should be an ordinary structure.

[00:45:22.250] – Katie Caves

That's helpful. That does address a big part of the question. And then I have one last question.

[00:45:34.010] – Katie Caves
Internships. Another really common approach to introducing workplace learning is to send regular high
school students to like a six week summer internship. There's no particular task, no curriculum, just sort of
experience. From a psychological and developmental perspective, how is that different than having an
apprenticeship? How are those different? We know from a structural point of view, but for the student,
how is that different?

[00:46:06.790] – Dr.med. Ursula Davatz
I went for an internship to the United States as a doctor when I was still a medical student and we were
integrated in the structure. We still had to make calls, etc. So it's not a real internship.

[00:46:24.750] – Dr.med. Ursula Davatz
I think in an apprenticeship, if you are an apprentice, you are integrated into the structure. This is good
because you understand what the structure is and you are useful.

[00:46:40.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Only making an internship, as you said before, you're just drifting around. If you are a curious and an
extroverted student, that is okay. If you are shy, then you get lost.

[00:46:59.700] – Dr.med. Ursula Davatz
So again, you have to differentiate between these two personalities. And if it's a shy person who goes for
an internship, I think that person should have a tutor assigned.

[00:47:12.910] – Dr.med. Ursula Davatz
If the person is extroverted, you can let him run.

[00:47:21.250] – Prof. Dr. Ursula Renold
These kind of internships, they just offer so called shadow education.

[00:47:26.850] – Prof. Dr. Ursula Renold
I criticize that because the kids then just have to follow another person to see what they are doing. But in
my view, and with my experience, there should be at least once a day an activity where that young person
is doing something so that they really see I could contribute to that company's work.

[00:47:56.090] – Prof. Dr. Ursula Renold

Otherwise I think there is a similar effect that they just don't see why they should go there, because they
are not useful in the sense that they see at the end of the day what they have done for the company. Do
you agree with that?

[00:49:05.770] – Dr.med. Ursula Davatz
I think it's not good if you have a shadow education for more than a month or two weeks. For two weeks
you can be a shadow person.

[00:49:18.290] – Dr.med. Ursula Davatz
I absolutely agree that the youngster should experience some usefulness at least once per day or once a
week.

[00:49:32.050] – Dr.med. Ursula Davatz
There are people who like to observe, observe, observe, and they make their own conclusions in their
mind, like research people. They probably could do that for a longer period of time. They would research
the entire system and plug it into their mind.

[00:49:52.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Those people, those youngsters who want to be active, they should be able to be included into the
working process and not just follow the professionals.

[00:50:08.910] – Prof. Dr. Ursula Renold
I'd like to come back to with my last question, to one of the very important lessons learned I had from
today's meeting with you.

[00:50:18.470] – Prof. Dr. Ursula Renold
A teacher or parents or adults who are fighting with a teenager should never try to win that fight because
they could damage the personality of the teenager.

[00:50:33.830] – Prof. Dr. Ursula Renold
Obviously this is easily said and we can understand it. However, if you as a parent or a teacher or an
instructor in a company are involved in such a conflict, there you have to be trained in order to quickly
react professionally.

[00:50:56.990] – Prof. Dr. Ursula Renold
I know that you give a lot of help, you teach teachers, you are dealing with parents, you are a mentor of
teachers.

[00:51:06.510] – Prof. Dr. Ursula Renold

Could you describe some steps how these adults can start to understand what is the best behavior in
such a situation?

[00:51:17.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Maybe I might say that: if a youngster is impolite, aggressive or withdraws, I always say to the parents,
and I can say that to the teachers too, whatever that youngster does is not a qualification. Although he
uses qualification.

[00:51:37.770] – Dr.med. Ursula Davatz
It's not a quality talk like you have at work. So you have to step back two steps or one step back. He
doesn't qualify you. He just expresses his frustration, his dissatisfaction, whatever his emotions.

[00:51:56.590] – Dr.med. Ursula Davatz
It's the emotions of the youngster. Step back. Don't take it as a quality talk.

[00:52:09.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Then try to get together into a discussion again, try to get into a process again.

[00:52:20.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Whenever I have parents and the youngsters and we are stuck in the solution and you can gain time and
you can say we have a problem here together and I don't know how to solve it, just admit that you have a
problem.

[00:52:35.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Then I always ask the youngsters first, what is your suggestion? How could we solve that problem?

[00:52:42.940] – Dr.med. Ursula Davatz
So you go on eye to eye, we have a problem. Not you have a problem or I have a problem, we have a
problem.

[00:52:50.630] – Dr.med. Ursula Davatz
And the WE says we should find a way out of it and then ask a youngster what his suggestion is. Then,
yeah, in my respect, I think one should address this too, etc. get into a process of interaction and problem
solving.

[00:53:09.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Not power fight, but problem solving together. And I think as soon as the youngster realizes you have a
problem too, he gets more adaptive and empathetic and wants to help you.

[00:53:26.990] – Dr.med. Ursula Davatz
So you learn together. You go together and both of them come out of it without losing their face.

[00:53:34.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Does that make sense?

[00:53:36.240] – Prof. Dr. Ursula Renold
Absolutely. So you accept that young person as an equal partner, with the impression that we can learn
together and we find together a solution. It's even better for both because both because both of us feel
satisfied.

[00:53:54.050] – Prof. Dr. Ursula Renold
Cool. So thank you so much Dr.med. Ursula Davatz, for that wonderful session. It helps a lot.

[00:54:01.610] – Prof. Dr. Ursula Renold
I think we will have a lot of participants who do agree with us that this age is a difficult age and we always
have to be open and to learn more how to deal with that and to try to accept that if a young person is not
really going your way, it doesn't really mean that it's the wrong way.

[00:54:24.110] – Prof. Dr. Ursula Renold
It just means that the person is developing their own personality and goes another way.

[00:54:30.690] – Prof. Dr. Ursula Renold
This is what I think we sometimes underestimate, especially in this very busy time where we think we
don't have time to talk and to solve problems, but even then it takes you a much longer way if you don't
respect that.

[00:54:45.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Absolutely.

[00:54:47.110] – Prof. Dr. Ursula Renold
With that said, thank you very much. We close her the session, but for our participants we will open a
discussion forum. Please enter the questions if you have any questions and we try to get back to Dr.med.
Ursula Davatz too., to look for any answers. So that said, thank you very much and I wish you a
wonderful day.

[00:55:13.410] – Dr.med. Ursula Davatz

Thank you too. Same to you. Okay, bye-bye.

Wozu Störefriede und Eigenbrötler?

Audio:

Transkription

Transkript

Dr.med. Ursula Davatz, Allan Guggenbühl

2.12.2020

Wozu Störefriede und Eigenbrötler?
Audio

[00:00:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich als Familientherapeutin und Psychiaterin bin sehr interessiert an der Jugend. Ich habe auch immer
gerne mit Jugendlichen gearbeitet. Die andere Spezialität ist ADHS. Ich erlebe, dass ADHS Jugendliche
häufig Probleme haben mit ihrem schulischen Umfeld und mit dem elterlichen Umfeld.

[00:00:31.790] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Pubertät spitzt sich das oft noch mehr zu. Es gibt einen Machtkampf zwischen den Eltern und dem
Jugendlichen, zwischen den Lehrern und dem Jugendlichen oder Lehrmeister und Jugendlichen.

[00:00:45.700] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Pubertät entwickelt der Jugendliche sehr viel Energie.

[00:00:51.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ADHS Kinder sind noch speziell dickköpfig. Die geben nicht nach, sondern kämpfen dann bis aufs
Blut mit ihren Vorgesetzten oder mit ihren Erziehern.

[00:01:07.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sind oft ganz schlimme Kämpfe und nicht sehr gewinnbringend, nicht sehr hilfreich für die
Persönlichkeitsentwicklung.

[00:01:16.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Des Weiteren kann man sagen, die Persönlichkeit entwickelt sich in der Adoleszenz, also in der Pubertät,
und über die Auseinandersetzung mit der Erwachsenenwelt müssen sie ihre Persönlichkeit bilden.

[00:01:30.260] – Dr.med. Ursula Davatz
In dieser Zeit treten auch die meisten psychischen Krankheiten auf.

[00:01:34.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man Krankengeschichten in Königsfelden angeschaut hat, war oft die erste Hospitalisation, die
Pubertätskrise, die zweite hiess schizoide Dekompensation und am Schluss hat man dann die chronische
Schizophrenie.

[00:01:51.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre nur eine Krankheit, die sich entwickeln kann.

[00:01:55.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Sehr viele Krankheiten, Essstörungen, Suchtkrankheiten, Depression entwickeln sich, haben sie ihren
Anfang in der Pubertät.

[00:02:05.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich behaupte und erfahre es auch so, wenn man das Umfeld besser instruieren könnte, dass es lernt,
geschickter mit den Jugendlichen, und speziell ADHS Jugendlichen umzugehen, dann könnte man viele
Krankheiten verhindern.

[00:02:23.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Du, Alain Guggenbühl, bist ein Experte im Umgang mit Jugendlichen und du hast mit vielen gesprochen.
Ich möchte dich jetzt gerne fragen, was du als Experte im Umgang mit Jugendlichen den Eltern sagen
möchtest, die ich dann wieder an die Eltern weiter transportieren kann.

[00:02:45.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf was soll man achten, was ist aus deiner Sicht am wichtigsten, was muss man wissen, woran müssen
sich die Erwachsenen Bezugspersonen von den widerspenstigen Jugendlichen halten?

[00:03:01.280] – Allan Guggenbühl
Was wichtig ist, ist der letzte Ausdruck, den du gebraucht hast, die Bezugspersonen.

[00:03:05.930] – Allan Guggenbühl
Wenn wir mit Jugendlichen zu tun haben, die ADHS haben oder in der Pubertät, haben sie an vielen
verschiedenen Stellen Problemen.

[00:03:14.640] – Allan Guggenbühl
Mit der Schulleitung, mit Kollegen, etwas läuft immer. Es gibt riesige Szenen.

[00:03:21.920] – Allan Guggenbühl
Ganz wichtig ist, dass man Bezugspersonen identifiziert. Welches sind die Bezugspersonen?

[00:03:30.820] – Allan Guggenbühl
Nicht nur solche, die sich deklarieren als solche, sondern auch solche die mitgehen, mitfühlen, sich
aufregen, ärgern, besorgen und eine gegenseitige Akzeptanz vorhanden ist. Das ist ganz wichtig.

[00:03:44.420] – Allan Guggenbühl
Man muss das soziale Umfeld in der Arbeit reduzieren. Ich erlebe oft, dass viel zu viele Leute beteiligt
sind, viel zu viele Leute involviert sind, viel zu viele Leute aufgeregt sind. Das ist einmal das eine.

[00:04:00.000] – Allan Guggenbühl
Der erste Schritt ist, eine Szene abzuklären, was es für ein Setting ist.

[00:04:05.660] – Allan Guggenbühl
Was kann man den Eltern raten? Was natürlich immer wichtig ist, man muss zuerst einmal zuhören.

[00:04:11.670] – Allan Guggenbühl
Wenn ich einen Jugendlichen zugesendet bekomme oder er kommt von den Eltern, höre ich das erste
Mal nur zu.

[00:04:17.950] – Allan Guggenbühl
So viel hängt von der Szenerie ab, so viel hängt von der Persönlichkeit ab, es gibt an sich ganz viele
verschiedene Formen.

[00:04:26.580] – Allan Guggenbühl
Es ist ganz wichtig, dass man nicht gleich mit einer Antwort kommt.

[00:04:30.440] – Allan Guggenbühl
Wenn ich so mal höre, habe ich das Gefühl, dass es gewisse Dinge gibt, die man machen sollte, man
machen könnte.

[00:04:38.340] – Allan Guggenbühl
Zum Beispiel, dass Jugendliche ein Statement haben.

[00:04:42.100] – Allan Guggenbühl
Die Schwierigkeit ist, wie du gesagt hast, sie lassen sich nicht erziehen, sie lassen sich nicht belehren,
sie gehen mit dem Kopf in die Wand und noch verrückter.

[00:04:53.580] – Allan Guggenbühl
Sie wollen trotzdem eine gewisse Orientierung. Diese Orientierung muss man ihnen auf eine andere Art
geben.

[00:05:00.470] – Allan Guggenbühl
In diesem Szenario sage ich, ja nicht den Jugendlichen erziehen wollen. Das bringt überhaupt nichts.

[00:05:09.870] – Allan Guggenbühl
Belehren sie ihn nicht, bringt nichts.

[00:05:11.410] – Allan Guggenbühl
Moralisieren sie nicht, bringt auch nichts.

[00:05:15.260] – Allan Guggenbühl
Sie sollten ihre Betroffenheit zeigen. Was sie besorgt. Dafür müssen sie aber auch einen Ort und einen
richtigen Zeitpunkt finden. Es darf nicht abends um 23 Uhr zu Hause vor dem Computer sein.

[00:05:33.680] – Allan Guggenbühl
Sie müssen dem wirklich Bedeutung geben. Sie müssen sich überlegen, wo man mit dem Sohn oder der
Tochter sprechen kann.

[00:05:42.200] – Allan Guggenbühl
Es kann sein, dass es an einen anderen Ort ist, eine andere Stadt.

[00:05:45.740] – Allan Guggenbühl
Ich hatte mal einen Vater, der ist sogar mit dem Sohn in eine andere Stadt geflogen.

[00:05:54.260] – Allan Guggenbühl
Einfach reden und dann sagen, das ist aber nur eine Variante, was du findest, deine Schlussfolgerungen,
das überlasse ich dir.

[00:06:04.780] – Allan Guggenbühl
Ich sage dir jetzt einfach mal, wie ich es empfinde.

[00:06:08.050] – Allan Guggenbühl
Ich empfinde das und das, man teilt sein Empfinden mit.

[00:06:08.230] – Allan Guggenbühl
Es ist ganz wichtig, dass da auch eine Betroffenheit mitschwingt und es auch auf eine gewisse liebevolle
Art ist. Das ist manchmal schwierig, das erkläre ich dann den Eltern.

[00:06:22.490] – Allan Guggenbühl

Auch wenn sie saudoof tun und das Gefühl haben, sie seien die miserabelsten, schlechtesten Eltern, die
es überhaupt in der westlichen Hemisphäre gibt.

[00:06:32.470] – Allan Guggenbühl
Sie müssen Bezogenheit zeigen.

[00:06:37.490] – Allan Guggenbühl
Nicht im kitschigen Sinn, keine Rhetorik.

[00:06:43.400] – Allan Guggenbühl
Man kann einfach sagen, das betrifft mich, das ist wichtig. Aber, das ist nur eine Möglichkeit. Aber ich will
eigentlich gar nicht wissen, was du findest. Das musst du selber wissen.

[00:06:55.780] – Allan Guggenbühl
Das ist eine Taktik, die den Jugendlichen helfen kann, selber daraus heraus zu finden.

[00:07:02.040] – Allan Guggenbühl
Die Schwierigkeit ist in der Pubertät, dass es der Gegensatz ist, der gelebt werden muss.

[00:07:10.960] – Allan Guggenbühl
Die Polarität, die aufbricht.

[00:07:13.670] – Allan Guggenbühl
Sie sind in dieser Polarität oftmals gefangen. Sie kommen wie nicht daraus heraus, obwohl sie es an sich
möchten.

[00:07:21.200] – Allan Guggenbühl
Man muss man einen Weg finden, aus dem Gefängnis oder aus dem Gefangen sein herauszukommen
um dann sich und die Eltern auf eine andere Art erleben zu können.

[00:07:35.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Sehr schön. Das kann ich nur unterstützen. Ich erlebe das auch so. Ich finde es super, wie du sagst, sie
müssen eine Betroffenheit zeigen.

[00:07:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Bezugspersonen, ja. Ich denke, wenn die medizinischen Bezugspersonen reinkommen, gibt es oft viel
Turbulenz und der Jugendliche geht völlig verloren.

[00:07:55.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich arbeite dann mit den Familien zusammen, also der Jugendliche und die Familie. Dann lote ich das
Problem ein wenig aus.

[00:08:06.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann frage ich immer, was ist dein Vorschlag zur Lösung? Aber du gehst da noch ein wenig vorsichtiger
vor und du sagst, die Erwachsenen müssen ihre Betroffenheit zeigen. Das stimmt. Das kann ich nur
unterstützen.

[00:08:27.150] – Allan Guggenbühl
Ich gehen immer von den Jugendlichen aus und dann spreche ich immer als erstes mit den
Jugendlichen. Ich ignoriere die Erwachsenen.

[00:08:27.340] – Allan Guggenbühl
Das erkläre ich auch den Eltern. Ich rede mit ihm und führe mit ihm ein Gespräch, versuche irgendeine
Form von Kontakt zu finden.

[00:08:43.080] – Allan Guggenbühl
Sie haben zum Teil ihre wilden Theorien und Vorstellungen, wie sie das Leben machen wollen. Ich muss
sowieso nicht in die Schule. Ich werde im Aktienmarkt mal Millionär. Ich werde Game Designer.

[00:08:56.280] – Allan Guggenbühl
Ich versuche, das einfach mal reinzugehen. Das ist immer der allererste Schritt.

[00:09:05.330] – Allan Guggenbühl
Danach gehe ich zu den Eltern und höre ihnen zu und sage auch meinen Eindruck. Das hilft vielen Eltern.

[00:09:13.680] – Allan Guggenbühl
Das mache ich relativ unverblümt.

[00:09:16.030] – Allan Guggenbühl
Hören sie, ich weiss nicht ob ich Recht habe, wenn ich mit ihrem Sohn, meistens ist es ein Sohn, eine
halbe Stunde spreche, hinterlässt er mir diesen Eindruck.

[00:09:30.630] – Allan Guggenbühl
Ja, dann kann man von dort weitermachen.

[00:09:33.350] – Allan Guggenbühl

Du bringst deine empathische Aussensicht in die Familie. Das ist wie ein Heilmittel.

[00:09:42.450] – Allan Guggenbühl
Ich weiss nicht, ob es empathisch ist. Es ist vielmals auch eine Irritation. Ich nenne das mehr einen
Mental Mover.

[00:09:49.600] – Allan Guggenbühl
Ich meine, es ist in der Familientherapie wichtig, dass wie noch etwas anderes hinein kommt, das
vielleicht ein ganz bisschen aufbricht. Das dann das Ganze durcheinander bringt. Das ist wichtig. Sie sind
oft erstarrt in einem Muster, das sich dann eskaliert und dann wird es immer problematischer.

[00:10:11.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht meine ich empathisch nicht für eine Person, sondern für das ganze System. Du bist wach, du
bist offen, du hörst genau zu und du kommst nicht gleich mit der Lösung. Was du vorhin gesagt hast, man
darf ja nicht gleich mit einem Lösungsansatz kommen.

[00:10:29.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Im medizinischen Modell kommt man oft von dem Lösungsansatz und der macht alles kaputt.

[00:10:34.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Das bringt einfach nichts, da versteht man den Jugendlichen nicht.

[00:10:38.500] – Allan Guggenbühl
Ja, das ist etwas, was auch in der Schule sehr stark verbreitet ist. Sie sind sich das wie gewohnt. Man
sagt alles, man muss das machen, das machen. Alles diese furchtbaren Verträge, die man
unterschreiben muss. Das ist etwas, das gesamtgesellschaftlich problematisch ist. Dann muss man
einfach mal einen anderen Weg probieren.

[00:11:15.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Bezüglich Bezugspersonen ich habe letztens einen Jugendlichen, einen 17 Jährigen, gefragt, wer
erwachsene Personen in seinem Umfeld sind, in die er Vertrauen hat.

[00:11:11.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat er geantwortet, meine Lernbegleiterin, meine Berufsbegleiterin.

[00:11:20.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann habe ich gesagt, ah das ist gut. Dann habe ich gefragt, darf ich ihr anrufen?

[00:11:25.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat er sie zuerst gefragt, ob sie das will. Ich habe sie dann angerufen. Sie hat wirklich eine sehr
gute Beziehung zu ihm.

[00:11:33.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern sind schon lange verbraucht. Die funktionieren nicht so gut. Jetzt arbeiten wir mit ihr
zusammen. Es ist so wichtig, dass man diese Bezugspersonen reinholt.

[00:11:43.720] – Allan Guggenbühl
Was auch wichtig ist, Jugendliche wählen ihre Bezugspersonen wie selber. Diejenigen die
Bezugspersonen sein sollten, sind es oftmals nicht. Dann muss man, wie du gesagt hast, schauen, wo
wirklich jemand ist.

[00:11:58.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann ich nur bestätigen. Laut meiner Beobachtung, ich als Familientherapeutin war immer für
ambulant vor stationär.

[00:12:10.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss keine Kliniken für Jugendliche haben.

[00:12:15.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Jugendpsychiatrie baut sich jetzt stark aus. In Zürich hat man eine Klinik gemacht, vor mehreren
Jahren in Königsfelden hat man eine Klinik gebaut.

[00:12:25.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann wird auf eine Art alle Energie investiert in die stationäre Behandlung von den Jugendlichen.

[00:12:35.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich möchte dich zurück zum Prinzip "Ambulanz vor Stationär".

[00:12:39.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt frage ich dich, was schlägst du vor, dass man das der Fachwelt mundgerecht oder schmackhaft
machen, plausibel machen, dass das gesehen wird.

[00:12:53.410] – Dr.med. Ursula Davatz
In dieser Fachwelt sind dann alles wieder Fachpersonen, die oft den Jugendlichen erziehen wollen, fast
erdrücken, nicht richtig leben lassen und er kann alles andere als dort seine Persönlichkeit entwickeln.

[00:13:12.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht ist es eine momentane Krisenintervention, aber da kommt dann so viel auf ihn rein, was ihn
eigentlich eher stört an der Persönlichkeitsentwicklung, aus meiner Sicht.

[00:13:30.000] – Allan Guggenbühl
Ich sehe das wie Du. Es gibt ganz viele Dinge dazu zu sagen. Das eine ist, die Klinik wird zu einer
Vorstellung. Das kennst du auch von den Eltern. Man geht in die Klinik, in die Klinik, in die Klinik. Es ist
quasi wie so etwas Erzieherisches, sanktionenhaftes für die Jugendlichen selber – in die Klinik.

[00:13:49.480] – Allan Guggenbühl
Ich finde das problematisch. Es gibt natürlich Jugendliche, die in die Klinik müssen. Das ist ganz klar.

[00:13:56.300] – Allan Guggenbühl
Vielmals ist es eine grosse Enttäuschung.

[00:13:57.970] – Allan Guggenbühl
Ich erlebe bei vielen Jugendlichen, die durch die medizinischen Normen, Standards, Abläufe, Hierarchie
und so an sich gar nicht abgeholt wurden.

[00:14:09.900] – Allan Guggenbühl
Was sie brauchen, ist etwas anderes.

[00:14:12.970] – Allan Guggenbühl
Die Jugendlichen brauchen eine Verrückt-Heit, ein Verrücken, also Verrücktheit, im ursprünglichen Sinn
des Wortes.

[00:14:21.350] – Allan Guggenbühl
Sie brauchen etwas, das nicht ganz so konform ist.

[00:14:25.180] – Allan Guggenbühl
lSie brauchen Personen, die etwas aussergewöhnlich sind. Sie brauchen ein Environment.

[00:14:30.320] – Allan Guggenbühl
Das könnte man viel mehr in diversen, temporären, nicht Kliniken, aber Aufenthaltsräumen, wie ich das
jetzt fantasiere, machen.

[00:14:42.450] – Allan Guggenbühl

Das Problem ist, die Klinik kennt natürlich die Gesundheit, das sind bestimmte Formen von Abläufen. Das
widerspricht diametral dem, was die Jugendlichen brauchen.

[00:14:55.260] – Allan Guggenbühl
Die Jugendlichen sind in einem Unruhestand. Dann kommt auch dazu, dass sehr viel dann einfach so
Programme ablaufen. Die Leute setzen sich ein, da ist nichts einzuwenden.

[00:15:06.910] – Allan Guggenbühl
Der Assistenzarzt, Oberarzt, Chefarzt und so weiter.

[00:15:13.150] – Allan Guggenbühl
Vielmals ist es so, dass sie einfach ein bisschen spielen. Ich habe X Jugendliche, die schon in der Klinik
waren und das hat ganz selten etwas gebracht. Sie haben es zum Teil sogar genossen.

[00:15:24.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, die einen geniessen es auch. Sie gehen in die Ferien.

[00:15:27.940] – Allan Guggenbühl
Ich gehe ein bisschen in die Ferien, niemand schreit rum, alle nicken ein bisschen. Das ist ja gut. Sie
brauchen Anregung. Sie brauchen Personen, die sie in die Tiefe der Seele führen.

[00:15:43.040] – Allan Guggenbühl
Was sind die Paradoxien des Lebens. Sie sind auf der Suche in diesem Alter. Sie projizieren wild umher.

[00:15:51.780] – Allan Guggenbühl
Da muss man ein Gefäss finden, um sich abzuholen.

[00:16:00.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Wären hier die Kliniken bereit, das zu machen, oder ist das gar nicht möglich in so einem stationären
Raum, weil viel Normierungstendenzen vorhanden sind.

[00:16:07.490] – Allan Guggenbühl
Normierungstendenzen sind einfach ein grosses Problem.

[00:16:11.630] – Allan Guggenbühl
Es ist teilweise genau vorgeschrieben, wie man es macht. Also von der Person her in der Klinik. Es gab
mal lange her eine Klinik am Zürichberg.

[00:16:19.620] – Allan Guggenbühl
Der wollte dann alles so ein bisschen edel machen, so gediegen.

[00:16:26.280] – Allan Guggenbühl
Er machte so Dancing Aperos. Ich will nicht sagen, dass das die Lösung ist.

[00:16:31.940] – Allan Guggenbühl
Er eine ganz andere Metaphorik reingebracht, eine ganz andere Assoziation erweckt durch die Art, wie er
es gemacht hat.

[00:16:42.620] – Allan Guggenbühl
Man hatte nicht das Gefühl, es geht um Gesundheit und Krankheit.

[00:16:46.160] – Allan Guggenbühl
Nicht immer das Medizinische, sondern das Verspielte.

[00:16:49.420] – Allan Guggenbühl
Es brauchte vielleicht so einen Weg.

[00:16:52.600] – Allan Guggenbühl
Eine Klinik, in der Leute kommen und Sachen erzählen, die nicht tadellos aufgeräumt sind.

[00:16:58.960] – Allan Guggenbühl
Das ist ja auch wichtig. Das merke ich auch. Jugendliche fühlen sich vielmals wohler in Räumen, in
denen sie nicht ganz verstehen, worum es eigentlich geht und wie sie eigentlich eingerichtet sind.

[00:17:12.420] – Allan Guggenbühl
Also eine leichte Unordnung. Ich habe auch einmal mit einer Kollegin zusammen gearbeitet. Sie hatte
eigentlich ein Chaos im Zimmer.

[00:17:20.760] – Allan Guggenbühl
Das hat den Jugendlichen irgendwie gefallen. Dann wurden sie abgeholt.

[00:17:26.560] – Allan Guggenbühl
Der ganz klinische Raum ist etwas, das wie signalisiert, dass alles in Ordnung ist, wir sind perfekt, wir
sind gesund, Du bist das Problem.

[00:17:36.630] – Allan Guggenbühl
Wenn sie in die Umgebung kommen, wo sie sagen, es sei eine kalte Kaffeetasse oder jemand raucht
sogar, dann kommen sie plötzlich in etwas anderes rein. Sie sehen, dass es andere Leute gibt, die
unruhige Momente haben, die anderes suchen. Das bin nicht nur ich.

[00:17:54.110] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Suchtarbeit hat man eine Zeit lang stark mit Erlebnispädagogik gearbeitet. Jetzt hört man es
wieder nicht mehr so fest. Wäre das auch etwas, das mehr verwendet werden müsste?

[00:18:05.350] – Allan Guggenbühl
Erlebnispädagogik allein bringt nichts. Es muss kombiniert sein. Das wäre einfach wichtig. Es muss
kombiniert sein mit Personen, die die Kriterien als Therapeut erfüllen können, die sich dem widmen, sich
aufregen und die die Problematik sehen.

[00:18:27.600] – Allan Guggenbühl
Ich habe einmal zusammen gerarbeitet mit jemandem in Schweden, und habe einen Jugendlichen
dorthin geschickt. Das hat aber gar nichts gebracht, weil ich gemerkt habe, dass er das Problem von
Grenzüberschreitungen hatte. Er hat immer die Grenze überschreitet, das ist ja klassisch. Er wurde in
den Norden von Schweden geschickt.

[00:18:45.380] – Allan Guggenbühl
Er sagte, er arbeite sehr gut mit Jugendlichen. Dann ist er aber in ihr Zimmer eingebrochen und hat den
Fernseher eingeschaltet.

[00:18:56.490] – Allan Guggenbühl
Sie hat das als eine fatale Grenzüberschreitung erlebt. Etwas, was nicht geht. Null Toleranz. Das erlebt
man dann eben. Es braucht Leute, die verstehen, dass das das Problem ist.

[00:19:14.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Genau.

[00:19:14.780] – Allan Guggenbühl
Dass man genau dann anfangen muss, wenn es Konflikte gibt. Das heisst, dass Erlebnispädagogik
alleine, im Sinne von das Erlebnis, bei mir war es im Wald zu sein. Das Erlebnis alleine bringt noch
nichts.

[00:19:29.380] – Allan Guggenbühl
Man muss eine Umgebung setzen. Dann konstelliert sich das, was sein Thema ist. Meistens sind es
grenzüberschreitende Konflikte. Wenn der Konflikt da ist, fängt die Arbeit an.

[00:19:43.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Das stimmt, das sehe ich auch so.

[00:19:45.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, ich denke, die Personen, die sich mit den Jugendlichen im Wald oder in der Wildnis oder wo auch
immer auseinandersetzen, müssen sich auch zu Hause mit ihnen auseinandersetzen. Also, die
Bezugsperson darf nicht wechseln.

[00:20:03.640] – Allan Guggenbühl
Absolut. Die wechselnde Bezugsperson ist ganz fatal. Das ist einfach so.

[00:20:08.240] – Allan Guggenbühl
Man kann sagen, ich verstehe, dass es nicht geht und wer hat so viel Zeit. Aber rein faktisch ist es so,
dass wechselnde Bezugspersonen zu einer Detachierung führen und dann kippen sie raus.

[00:20:21.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe acht Jahre auf der Aarburg gearbeitet als Konsiliarärztin.

[00:20:26.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Alles schwer erziehbare Jungs. Ich setzte mich in diesem Sinne auch immer mit der Delinquenz
auseinander. Was sagst du zu den Jugendheimen, die es in der Schweiz gibt?

[00:20:38.660] – Allan Guggenbühl
Erziehungsheime sind ja sehr unterschiedlich.

[00:20:44.460] – Allan Guggenbühl
Erziehungsheimen machen es auf eine unterschiedliche Art.

[00:20:47.570] – Allan Guggenbühl
Sie machen schwere Arbeiten.

[00:20:51.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, sicher.

[00:20:51.700] – Allan Guggenbühl
Das, muss man sehen, es ist wirklich nicht einfach mit diesen Jugendlichen.

[00:20:56.180] – Allan Guggenbühl
Die Schwierigkeit und die Herausforderung ist, nicht nur in Regeln zu denken. Ich sehe es manchmal,
dass gewisse Erzieher fast wie zu Polizisten werden.

[00:21:11.330] – Allan Guggenbühl
Es geht um Regeln, Regeln, Regeln, Regeln und Regeln. Ich bin da gar nicht dagegen. Es braucht
Regeln. Es braucht auch einen anderen Aspekt.

[00:21:19.840] – Allan Guggenbühl
Es braucht auch eine tiefere Reflexion, was passiert.

[00:21:23.480] – Allan Guggenbühl
Es werden manchmal zu viele Regeln.

[00:21:27.930] – Allan Guggenbühl
Es hängt auch von den Personen ab. Ich hatte schon Jugendliche, die sich in einem Erziehungsheim
wohlgefühlt haben, weil sie sich jemandem angeklickt haben.

[00:21:39.960] – Allan Guggenbühl
Die Personen haben sich oft ausgezeichnet, weil sie verschiedene Wege gesucht haben. Etwas
unkonventionell waren.

[00:21:48.920] – Allan Guggenbühl
Sie sind nicht dem ganzen professionellen Ablauf gefolgt, sondern haben zwischendurch etwas gesagt
oder einen Spaziergang gemacht oder mal eine Tätigkeit gefunden zum Teilen. Das muss Platz haben,
natürlich.

[00:22:05.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage, es geht nicht nur um die Regeln, sondern es geht um die Auseinandersetzung mit den Regeln.
Dann gibt es eine persönliche Berührung, ein Auseinandersetzen und aus dem kommt etwas Neues
heraus, für beide.

[00:22:18.960] – Allan Guggenbühl
Was man vielmals vergisst und dann vergessen wird, Auseinandersetzungen sind ja auch ein
Anschlussakt. Viele Jugendliche wollen über Konflikte, über Auseinandersetzungen an sich mit anderen
Personen in Beziehung kommen, nicht ein Trennungsakt.

[00:22:32.320] – Allan Guggenbühl
Es kann aber zum Trennungsakt werden. Wenn jemand in einem Heim arbeitet, arbeitet er eigentlich über
Auseinandersetzungen mit mit Jugendlichen. Das ist das Zentrale.

[00:22:45.970] – Allan Guggenbühl
Die Regelkonformität zu einhalten, ist ein Nebeneffekt. Oder die Regel braucht es, um gegen sie zu
verstossen und so merkt man wo sie ist.

[00:22:57.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich beziehe ich mich auf deinen Vortrag. Du hast in deinem Vortrag zum Thema «Unangepasstheit»,
"Freude am Anderssein" zu verschiedenen Dingen gesprochen.

[00:23:16.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Du hattest eine ganz feine Kritik an der Schule.

[00:23:21.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Du hast deine Kritik sehr subtil immer in Form von Fragen gestellt.

[00:23:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Sind die Kinder für die Schule da oder ist die Schule für die Kinder da?

[00:23:30.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist ganz klar, eigentlich muss die Schule für die Kinder da sein und nicht umgekehrt. Oft läuft es
anders.

[00:23:30.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich setze mich viel auseinander mit der Schule. Ich habe früher auch mehr zusammen mit Schulen
gearbeitet. Ich habe auch zum Teil mit Lehrern, also Lehrersupervisionen gemacht.

[00:23:59.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Was sind deine ganz direkten, konkreten Vorschläge an unser Schulsystem? Das Schulsystem ist ja
ständig in Veränderung.

[00:24:10.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sprechen jetzt von integrierter Schulgebung, und es gibt dann aber sehr viele Überforderungen
seitens der Lehrer.

[00:24:22.420] – Dr.med. Ursula Davatz

Die Kinder haben alle möglichen Zusatzpersonen, die ihnen helfen müssen.

[00:24:28.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Dadurch fühlen sich die Kinder oft etwas ausgegliedert oder als Sonderperson, Sonderfigur. Es ist oft
stigmatisierend.

[00:24:36.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich frage dich jetzt, was sind von dir aus Worte an das Schulsystem, wie man nach welcher Richtung
oder Art und Weise man das weitergestalten müsste?

[00:24:53.390] – Allan Guggenbühl
Ganz eine schwierige Frage. Darüber müsste ich jetzt für eine Stunde. Das ist ein riesiges Thema.

[00:25:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber sag ein paar Dinge.

[00:25:00.620] – Allan Guggenbühl
Bei uns sind die Kinder für die Schule da. Die Schule ist nicht für die Kinder da. Das ist ein Leitsatz.

[00:25:09.100] – Allan Guggenbühl
Ich empfinde es wirklich so.

[00:25:12.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich auch.

[00:25:13.480] – Allan Guggenbühl
Es gibt viele Aspekte, das eine ist, dass man die Kinder abholt, wo sie sind.

[00:25:22.530] – Allan Guggenbühl
Wenn eine Lehrperson die Klasse übernimmt, soll sie die ersten zwei Wochen zuerst schauen, wer sie
vor sich hat. Was für Geschichten, Erwartungen, Hoffnungen, Probleme sind vorhanden. Das ist ganz
wichtig.

[00:25:33.880] – Allan Guggenbühl
Das müsste zwei Wochen dauern. Einfach mal schauen, wer man hat. Nach zwei Wochen müsste man
dann entscheiden, wie man mit dieser Klasse umgeht. Was für eine Pädagogik muss ich haben? Was für
einen Führungsstil muss ich haben? Das muss man sich überlegen.

[00:25:50.660] – Allan Guggenbühl
Da gibt es ganz viele verschiedene Möglichkeiten. Die Klassen sind so verschieden wie die Menschen.

[00:25:56.400] – Allan Guggenbühl
Dann ist aber auch wichtig, dass man eine Klasse hat. Wenn man schaut, Schulklassen können
Gemeinschaften werden. Nicht immer.

[00:26:05.440] – Allan Guggenbühl
Die Kinder fangen an sich mit sich auseinanderzusetzen, sich gegenseitig zu identifizieren, sich kennen
zu lernen. Sie werden so geträgt, sie gehen in die Schule, weil es Kollegen und Kolleginnen hat.

[00:26:17.180] – Allan Guggenbühl
Das muss man ein bisschen fördern und anschauen und begleiten. Das ist wichtig. Das ist etwas, das
weggekippt ist.

[00:26:25.470] – Allan Guggenbühl
Was heute passiert ist, ist, dass die Anfangsphase nicht so gestaltet wird. Die Lehrer machen das schon
für sich. "Die Klasse ist mühsam." "Das ist eine ganz brave Klasse."

[00:26:34.610] – Allan Guggenbühl
Aber es ist nicht im System als Schritt drin. Es ist wichtig, dass sich die Lehrpersonen der Schulklassen
stellen.

[00:26:46.170] – Allan Guggenbühl
Hier geschieht etwas fatales. Ich höre das von Kindern.

[00:26:53.520] – Allan Guggenbühl
Wenn zwei Lehrpersonen im Schulzimmer sind, dann richten sich die Lehrpersonen gegenseitig
aneinander.

[00:27:01.500] – Allan Guggenbühl
Ah du machst das. Das ist völlig verständlich. Es geht mir auch so.

[00:27:09.210] – Allan Guggenbühl
Ich habe auch unterrichtet. Wenn ich zu zweit etwas gemacht habe, habe ich mich auch auf meinen
Kollegen ausgerichtet.

[00:27:13.950] – Allan Guggenbühl

Der ganze Fokus ist anders. Man ist der Gruppe von Kindern nicht ausgeliefert.

[00:27:20.620] – Allan Guggenbühl
Wenn man der Gruppe von Kindern ausgeliefert ist, ist das schwierig. Es ist aber auch sehr befriedigend,
so kommt man in Kontakt.

[00:27:29.800] – Allan Guggenbühl
Ich finde, es sollten nicht so viele Erwachsene mit dieser Gruppe, sich auseinandersetzen müssen. Das
ist fatal.

[00:27:43.190] – Allan Guggenbühl
Es wird ja dann noch fataler, dass Kinder rausgenommen werden, hin und her, aber dann zerfleddert
eigentlich alles.

[00:27:49.640] – Allan Guggenbühl
Dann wird es auch viel schwieriger.

[00:27:51.420] – Allan Guggenbühl
Viele ADHS Kinder, die doof tun, weil sie sich einfach völlig fremd fühlen. Sie werden rein und raus
genommen, es gibt Unruhe. Die Kohesion fehlt. Wir sind das 5b, wir sind die Schlimmsten, die beste
Schulklasse oder was auch immer. Das fehlt.

[00:28:08.830] – Allan Guggenbühl
Das heisst, es braucht zwingend weniger.

[00:28:15.000] – Allan Guggenbühl
Extra Formen von Unterricht muss man nachher machen.

[00:28:16.720] – Allan Guggenbühl
Kinder wollen mental in interessantem Stoff abgeholt werden. Was wir aber jetzt sehen, ist, dass die
Schule zum Objekt der Political Correctness wird.

[00:28:31.360] – Allan Guggenbühl
Genau diese Sachen gefordert, gehört werden, die man überall hört.

[00:28:35.400] – Allan Guggenbühl
Mit anderen Worten, todlangweilig.

[00:28:37.110] – Allan Guggenbühl
Das beginnt eigentlich schon in der 5./6. Klasse. Nicht in der Unterstufe.

[00:28:41.500] – Allan Guggenbühl
Es geht um Gendergerechtigkeit, es geht um das Klima.

[00:28:47.370] – Allan Guggenbühl
Das sind wichtige Themen. Aber wenn Sie da in der Schule sind und das immer wieder hören wird es
problematisch.

[00:28:53.940] – Allan Guggenbühl
Jetzt, wieso ist das problematisch? Das Problematische ist, weil ja auch in der Schule die Persönlichkeit
zählt.

[00:29:00.260] – Allan Guggenbühl
Der Lehrer macht einen Individuationsprozess mit der Klasse.

[00:29:09.030] – Allan Guggenbühl
Er sollte auch von dem erzählen, von dem Berichten, was ihn wirklich beschäftigt.

[00:29:14.430] – Allan Guggenbühl
Ich habe das bei jemandem erlebt, der erzählt hat, dass der Lehrer, der im Meisten geblieben ist und
irgendwie auch überzogen hat, dass es sich lohnt, sich zu interessieren, war einer, der immer nur von
verschiedenen Stilen von Bauernhäusern in der Schweiz gesprochen hat. Das ist dann überkommen.

[00:29:32.300] – Allan Guggenbühl
Was wir jetzt haben, ist eine Normierung, wo alles korrekt sein muss. Das ist total langweilig. Da macht
sich die Schule selber ein Grab.

[00:29:43.590] – Allan Guggenbühl
Die Kinder wollen nicht in der Schule das hören, was sie überall vernehmen. Das gemeinsame Credo.

[00:29:51.900] – Allan Guggenbühl
Hier habe ich das Gefühl, dass man nicht darauf eingeht.

[00:29:52.080] – Allan Guggenbühl
Ich merke das in der Einzelarbeit mit den Kinder. Man erreicht Kinder gut, Jugendliche erreicht man gut,
wenn man einfach etwas mit anderen Dingen kommt.

[00:30:07.640] – Allan Guggenbühl
Es gibt ja ein gutes Buch, das rausgekommen ist: "Bullshit" von Harry G. Frankfurt. Wo man die gleiche
Rhetorik braucht, die überall ist.

[00:30:17.050] – Allan Guggenbühl
Es ist schwierig, weil Lehrpersonen das machen müssen. Es ist nicht so einfach.

[00:30:25.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ganz wichtig, das habe ich noch nie gehört, dass, wenn zwei Lehrer sind, dass sie sich mehr
aufeinander beziehen als auf die Klasse und dadurch sich dann nicht so fest auseinandersetzen müssen
mit den Kindern und auch nicht so eine Einheit formieren.

[00:30:40.120] – Allan Guggenbühl
Der Moment von der leichten Überforderung, wenn man alleine vor einer Gruppe steht. Der Moment von
der leichten Angst, die man hat. Das ist auch wichtig für eine Beziehungssitzung. Das gehört eben dazu.

[00:30:54.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn du so etwas sagst, wirst du gehört von den Verantwortlichen für das Schulsystem?

[00:31:01.750] – Allan Guggenbühl
Ja, das ist eine eigene Welt. Ich war lange an der pädagogischen Hochschule. Es ist eine eigene Welt,
die ein Ritual hat, die ziemlich abgeschlossen ist.

[00:31:13.730] – Allan Guggenbühl
Ich finde das problematisch, weil die Kinder keine eigene Lobby haben. Wir haben immer nur Leute, die
es interpretieren.

[00:31:23.490] – Allan Guggenbühl
Es gibt eine riesige Schicht von Leuten, von Bildung, die das interpretieren und auch funktionalisieren.

[00:31:34.400] – Allan Guggenbühl
Ist noch schwierig. Ich kann das eigentlich nicht sagen, ich weiss das auch nicht. Ich habe schon Leute,
die reagieren. Ich habe schon sehr viele Leute, die zustimmen.

[00:31:44.090] – Allan Guggenbühl
Ich habe auch Kontakt mit verschiedenen Menschen in der Schweiz, die gleicher Meinung sind. Früher
mit Remo Largo, Roland Reichenbach und Walter Herzog, die eigentlich auch sehr ähnlich denken.

[00:31:56.880] – Allan Guggenbühl
Ich glaube, wir alle werden nicht wirklich gehört. Es haben sogenannte Erziehungswissenschaftler
übernommen und Erziehungsdirektionen mit «Evidence Based Forschungen» untermauert, plausibel
gemacht.

[00:32:12.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass es weit weg ist von der Realität, also von der Realität des Kindes.

[00:32:18.660] – Allan Guggenbühl
Ja, und das klingt jetzt ein bisschen harsch, aber ich habe das Gefühl, die Schule hat ihre Aufgabe
verloren. Ich weiss gar nicht, ob die Schule eine grosse Zukunft hat.

[00:32:27.060] – Allan Guggenbühl
Es wurde wie vergessen um was es eigentlich geht.

[00:32:31.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte ein Kind, das Schulverweigerung gemacht hat. Ich habe die Eltern beraten.

[00:32:38.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben es nach den Sportferien wieder eingeschult. Das hat dann auch geklappt. Wir haben den
Lehrer nach Hause geholt, damit sich das Kind an den Lehrer angewöhnen kann. Es ging. Am Montag
ging es nie in die Schule. Ich fragte, was dort speziell war. Dort war die Sozialpädagogin.

[00:33:00.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie wollte nicht mit dieser Sozialpädagogin sprechen und ist ausgewichen.

[00:33:07.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist das, was du am Anfang gesagt hast. Man muss zuerst hören, schauen, sich informieren und nicht
meinen, man weiss schon, was gut ist. Das finde ich sehr, sehr wichtig.

[00:33:20.100] – Allan Guggenbühl
Es ist wichtig.

[00:33:23.940] – Allan Guggenbühl
Die Schwierigkeit ist einfach, das machen wir alle, wir haben eine Rhetorik, eine Vorstellung entwickelt
und man kann dann vielmals nicht mehr genau unterscheiden, was ist das, was man wirklich lebt und wo
stimmt es nicht.

[00:33:37.950] – Allan Guggenbühl
Dieser Prozess ist nicht einfach. Sagen wir mal, die Schule ist für das Kind da, dann würden alle sagen,
ja, ja, ist klar. Viele würden zustimmen.

[00:33:48.650] – Allan Guggenbühl
Die Realität ist dann etwas anderes. Das heisst, mir fehlt manchmal der Skeptizismus, sich selber
gegenüber, was man macht, dass man sich nicht in Frage stellt, dass man einfach ausführt.

[00:34:03.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, dass man sich immer wieder in Frage stellt und mit den Kindern zusammen wächst und sich
entwickelt.

[00:34:08.780] – Allan Guggenbühl
Wenn man mit Kindern zu tun hat, begleitet man sie auf einem Weg, wo man das Ziel noch nicht so
genau weiss. Die Zielorientiertheit ist etwas Problematisches. Viele Ziele weiss man gar noch nicht so
genau.

[00:34:23.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Entwicklungsprozess kann nicht vorgeplant werden wie ein Fliessbandprozess.

[00:34:32.600] – Allan Guggenbühl
Da braucht es auch eine Ehrlichkeit. Es gibt gewisse Dinge, die die Schule vermitteln muss. Man muss
einfach lesen und schreiben. Das ist ein Zwang, eine Macht. Das verstehen dann auch die Jugendliche.
Es ist eine Unterwerfung, die du jetzt machst.

[00:34:46.940] – Allan Guggenbühl
Es wird viel Schaumsprache verwendet.

[00:34:54.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Hast Du Lehrer via Supervision viele Jahre begleitet?

[00:35:00.310] – Allan Guggenbühl
Ja, das haben wir.

[00:35:02.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Die haben natürlich dann dich gehört?

[00:35:05.420] – Allan Guggenbühl
Es gibt ja vor allem in der Primarschule, Gott sei Dank, gibt es für die Lehrer doch noch Freiraum. Sie
können viel gestalten. Sie nutzen es aber nicht immer. Das ist interessant.

[00:35:18.960] – Allan Guggenbühl
Sie kommen dann in so eine Haltung rein, dass sie das und das machen müssen.

[00:35:22.060] – Allan Guggenbühl
Ich finde eigentlich, Schulen werden gerettet durch eine anarchische Tendenz, die viele Lehrpersonen
haben.

[00:35:31.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Okay, das hast du gut gesagt.

[00:35:35.490] – Allan Guggenbühl
Es gibt einige die sagen, nein, ich mache das anders. Wenn sie das getreu aufführen würden, würden
viele merken, dass es gar nicht geht.

[00:35:45.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Beispiel, das du gebracht hast, war so schön. Der Lehrer, der einfach in diese verrückte Klasse
gesessen ist und Zeitung und Buch gelesen hat, und irgendwann sind die Schüler gekommen und haben
gefragt: Wann beginnen wir mit der Schule?

[00:35:59.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist genau richtig.

[00:36:00.010] – Allan Guggenbühl
Das ist auch nicht als Methode richtig.

[00:36:03.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, nein, das ist Sympathie.

[00:36:04.710] – Allan Guggenbühl
Der hat einfach gemerkt, ich komme nicht an. Der hat das einfach gespürt.

[00:36:09.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Der hat gespürt was es braucht.

[00:36:11.680] – Allan Guggenbühl
Genau. Aber es gibt eben hundert verschiedene Formeln.

[00:36:14.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, ja, klar.

[00:36:14.620] – Allan Guggenbühl
Wenn jetzt etwas standardisiert wird, wie es heutzutage ist.

[00:36:19.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, es gibt eben gerade keine standardisierten Lösungen.

[00:36:23.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Als letztes habe ich noch eine Frage. Ich habe lange in der Sucht gearbeitet und habe auch viele
Süchtige beraten, haben Sucht WGs supervisiert.

[00:36:36.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein riesiges Problem der Eltern heutzutage, dass sie Angst haben, dass ihre Kinder süchtig
werden.

[00:36:42.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute ist es nicht nur auf Substanzen, sondern auch Medien süchtig, also iPhone süchtig.

[00:36:49.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich genauer hinschaue, verwenden Jugendliche das häufig, um sich zu distanzieren, also Drogen
werden verwendet, um sich zu distanzieren von den Eltern und der Erwachsenenwelt und die
elektronischen Medien desgleichen. Die Spielsucht auch.

[00:37:09.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort kennen sie alles, dort wissen sie, wie es geht, sie können immer besser werden.

[00:37:13.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, dass sie hier nur eine Art von Interaktion leben und nicht die Vielfalt des Lebens.

[00:37:23.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Was würdest du hier sagen, was Eltern, Lehrer, wir Erwachsenen den Jugendlichen mehr anbieten
müssen, damit sie nicht nur auf diese Games abfahren?

[00:37:35.900] – Allan Guggenbühl
Ich sehe das genau, wie du das auch sagst. Es ist ein einkerkern, das sie haben in den Games.

[00:37:44.340] – Allan Guggenbühl
Es spricht die Ambivalenz an. Sie wollen ja in die Aussenwelt, aber gleichzeitig nicht.

[00:37:51.170] – Allan Guggenbühl
Das Game gibt ihnen die Illusion, dass sie überall Kontakt haben.

[00:37:54.790] – Allan Guggenbühl
Effektiv nehmen sie sich aber heraus. Das ist eine grosse Schwierigkeit.

[00:38:00.180] – Allan Guggenbühl
Ich versuche es so zu sagen, dass sie etwas anderes offerieren sollen.

[00:38:08.680] – Allan Guggenbühl
Die Jugendliche sollten früher eingeführt werden in die Konfrontation mit den zentralen Lebensfragen
eingeführt werden.

[00:38:17.700] – Allan Guggenbühl
Das ist jetzt wieder Kritik an der Schule.

[00:38:22.930] – Allan Guggenbühl
Man hat einen Absturz, ein Dilemma, das ist die Einführung ins Leben.

[00:38:33.500] – Allan Guggenbühl
Es gibt auch religiöse Fragen. Grundsätzlich sollten diese Fragen mehr angetönt werden.

[00:38:40.360] – Allan Guggenbühl
Ich habe aber das Gefühl, die Eltern oder Erwachsene wagen nicht, das mit den Jugendlichen zu teilen.

[00:38:48.800] – Allan Guggenbühl
Das ist ein riesiges Problem, das mit der Sucht. Ich habe hier keine Lösung.

[00:38:53.230] – Allan Guggenbühl
Ich finde auch, dass die Jugendlichen sich unter sich finden müssen.

[00:38:58.830] – Allan Guggenbühl
In vielen dieser Games, gamen die Jugendlichen untereinander.

[00:39:02.420] – Allan Guggenbühl
Das ist dann ein Ersatz für Peerkontakt.

[00:39:06.930] – Allan Guggenbühl
Dann muss man den Peerkontakt dort ansetzen, damit sie zusammen als Gruppe noch etwas anderes
erfahren können.

[00:39:17.530] – Allan Guggenbühl
Ich habe jetzt ein Projekt, wo ich Jugendliche einsetze, damit sie anderen Jugendlichen, kleineren,
helfen.

[00:39:23.430] – Allan Guggenbühl
Für mich ist es interessant zu sehen, zu erleben, und das sind sehr viele Ausländer, wie da plötzlich
Kräfte geweckt werden.

[00:39:35.660] – Allan Guggenbühl
Ich glaube, es braucht viel mehr solche Dinge. Jugendliche sollten mehr integriert werden in ganz
konkrete Sachen, Aufgaben, Verantwortungen. Das wäre wichtig.

[00:39:45.070] – Allan Guggenbühl
Ich habe das Gefühl, sie werden hier auch infantilisiert.

[00:39:48.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Das stimmt.

[00:39:49.330] – Allan Guggenbühl
Das ist das Gefühl, das ich habe. Es ist sonst unerträglich. Man will in die Welt, will etwas machen, kann
es aber nicht, hat nur Schule. Dann geht man Gamen. Wenn man wirklich eine Verantwortung hat.

[00:40:01.510] – Allan Guggenbühl
Ich wollte mal in einer anderen Stadt ein Projekt machen, wo es ein Problem war mit Vandalismus und
Störungen, in so einer kleiner Stadt.

[00:40:10.770] – Allan Guggenbühl

Dann haben wir das Projekt aufgegleist, interessanterweise ist der Stadtrat dafür gewesen, das war die
Exekutive, die das unterstützte. Ich fand das super. Die war noch SVP dominiert. Wir haben sie
überzeugt.

[00:40:26.480] – Allan Guggenbühl
Dass die Jugendlichen die Stadt übernehmen. Es war eine kleinere Stadt. Überall gehen sie in
Restaurants und servieren. Im Park schauen, wer Parksünder das Ganze, was es gibt. Effektiv haben
viele Betriebe mitgemacht, ausser die SBB nicht, die hat verständlicherweise gesagt, das sei die
Sicherheit, das geht nicht.

[00:40:52.560] – Allan Guggenbühl
Das Sozialdepartement hat es abgelehnt.

[00:41:00.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Oh nein. So schade.

[00:41:03.660] – Allan Guggenbühl
Ja, das war wirklich schade. Für mich war das so komisch.

[00:41:06.660] – Allan Guggenbühl
Die Idee wäre gewesen, Jugendliche in wirkliche Arbeit einzuführen und nicht in künstliche Arbeit.

[00:41:16.620] – Allan Guggenbühl
Man darf nicht vergessen, dass die Jugendlichen das ganz schnell verstehen, wenn sie so etwas haben,
wo sie ein bisschen mitmachen dürfen.

[00:41:20.550] – Allan Guggenbühl
Ich finde zum Beispiel auch, wenn man von Mensas oder Essen in der Schule spricht. Ich habe das in
einer japanischen Schule erlebt, wo das die Jugendlichen gemacht haben. Und zwar alles. Man hat ihnen
einfach Geld gegeben und jetzt schaut ihr. Dann war es zwei, drei Wochen eine Katastrophe. Dann hat
sich das entwickelt. Sie waren stolz. Das ist das, was wir verpassen. Jugendliche ab 12, 13, 14 sollten
Aufgaben bekommen. Nicht arbeiten müssen, aber Aufgaben bekommen, so dass sie sich integrieren.

[00:41:54.900] – Allan Guggenbühl
Dann kommt das andere wie z.B. Gamen weniger grosse Bedeutung.

[00:41:59.120] – Dr.med. Ursula Davatz

Da kann ich nur zustimmen, dass man den Jugendlichen viel früher Verantwortung übergibt, dass sie
mitarbeiten, mitdenken und mithandeln können, dass man sie nicht unten behält und wir wissen alles,
was gut ist für sie.

[00:42:14.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe dasselbe in einer japanischen Schule erlebt.

[00:42:16.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir waren zu Besuch beim NHK, der Fernsehstation.

[00:42:23.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann haben wir einen Platz bekommen. Dann wurde das Essen serviert. Es lief alles perfekt.

[00:42:29.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir waren so unanständig und begannen zu essen.

[00:42:32.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat ein Jugendlicher gesagt, nein wir dürfen noch nicht essen. Zuerst sagte die Lehrerin "Guten
Appetit", dann darf man essen.

[00:42:40.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann sassen wir brav zurück und folgten. Das ist super gelaufen. Die haben das super gemacht. Wir
unterschätzen die Jugendlichen.

[00:42:50.970] – Allan Guggenbühl
Die Schulhäuser sollten auch von den Jugendlichen geputzt werden. Sie könnten dafür auch bezahlt
werden. Hier muss man anders denken. Umdenken.

[00:42:51.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt noch viel zu tun. Danke für die Beantwortung meiner Fragen.

[00:43:01.620] – Allan Guggenbühl
Gern geschehen.

Warum fallen Menschen mit ADHS häufiger in eine Depression und wie kommen sie wieder raus?

Warum fallen Menschen mit ADHS häufiger in eine Depression und wie kommen sie wieder raus?
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Flyer: Warum fallen Menschen mit ADHS häufiger in eine Depression und wie kommen sie wieder raus?

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„Warum fallen Menschen mit ADHS häufiger in eine Depression – und wie kommen sie wieder raus?“

Einladung
adhs20+ startet ihre Veranstaltungsreihe im Jahr 2021, auf Grund der grossen Nachfrage, zum Thema „ADHS und Depression“. Niedergeschlagenheit bis hin zur Depression gilt als weit verbreitete Begleiterscheinung unter ADHS-Betroffenen. Gerne laden wir Sie zu einem spannenden Referatsabend ein. Erfahren Sie mehr und diskutieren Sie mit!

Thematik
Menschen mit ADHS und ADS weichen mit ihren Persönlichkeitszügen schon von Kindheit an mehr oder weniger stark von den gesellschaftlichen Normen ab.

Geht ihr Umfeld, sei dies Familie oder Schule, nicht persönlichkeitsgerecht mit ihnen um, sondern versucht sie dauernd durch korrigieren zur Norm zu erziehen, kommen sie sich bald einmal als „Verlierer“ vor. Sie machen in den Augen ihres Umfeldes fast alles falsch. Sie dürfen nicht so sein wie sie sind.

Die Depression ist eine Reaktion darauf, quasi eine „Verlierer“-Reaktion, die zur „Verlierer“-Krankheit wird. Auch in der Tierwelt kann man solche „Verlierer“-Reaktionen beobachten, wenn sich ein Tier im Dominanzkampf nicht durchsetzen kann.

Dieses von aussen bestimmte, sich mit der Zeit einschleichende negative Selbstbild kann sich in der menschlichen Psyche niederschlagen und zu vielen negativen Konsequenzen führen.

Um aus dem Tief der Depression wieder herauszukommen gibt es nur eines: Nämlich seine ganz eigenem, verschüttete Persönlichkeit auszugraben, sich selbst entdecken und akzeptieren – und dann vor allem lernen, mit seinen ganz spezifischen Eigenschaften möglichst geschickt umzugehen.

Programm
Teil 1 | Referat – Dr. med. Ursula Davatz, Vizepräsidentin adhs20+
Teil 2 | Diskussion zum Thema

Infos
Datum: Dienstag, 12. Januar 2021
Zeit: 19:30 – 21:30 Uhr
Lokalität: Zentrum Karl der Grosse, Kirchgasse 14, 8001 Zürich
Eintritt: Mitglieder Fr. 15.– / Nichtmitglieder Fr. 20.– (mit Voranmeldung)

ADHS und der Ausstieg aus der Depression

Depression ist der Anfang zur Selbstfindung.

Inputreferat: Dr. med. Ursula Davatz, Vizepräsidentin adhs20+

Psychiatrie und Psychotherapie FMH, Familiensystemtherapie nach Murray Bowen

Depression ist der Anfang zur Selbstfindung. Für Menschen mit ADHS und ADS gibt es nur eines, um aus der Depression herauszukommen: Zu sich und seinen Eigenschaften zu stehen und nicht mehr dagegen ankämpfen, weil es das Umfeld so will. Erst dann lernt man mit seinen „Ecken und Kanten“ besser umzugehen.

Warum der Stillstand in der Psychiatrie?

Gespräch zwischen Dr.med. Karl Studer und Dr.med Ursula Davatz zum Thema „Warum der Stillstand in der Psychiatrie?“

Audio:

Transkription

Transkript

Dr.med. Ursula Davatz, Dr.med. Karl Studer

28.12.2020

Warum der Stillstand in der Psychiatrie?
Audio

[00:00:04.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Dr.med. Karl Studer, es freut mich sehr, dass du zu diesem Gespräch gekommen. Ich habe mir
Folgendes gedacht, dass ich ein paar Statements mache, und dass ich dir Fragen stelle und dass du mir
auch Fragen stellen kannst.

[00:00:19.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Mein erstes Statement ist, wenn ich zurückblicke in meine Psychiatriekarriere, in meine therapeutische
Arbeit als Familientherapeutin von Schizophrenie Familien und von ADHS Familien, dann muss ich
sagen, wenn man nur das Individuum behandelt, kommt man nirgends hin und versteht auch die
Krankheit nicht.

[00:00:48.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Versteht die ganze Problematik nicht. Im individuellen Setting kann man eigentlich nicht genügend
verstehen. Da ist man eingeengt.

[00:00:59.560] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne sage ich, aus meinem Wissen heraus sollte man sowohl Schizophrenie Patienten als
auch ADHS Menschen immer im Zusammenhang mit dem familiären Umfeld und dem Schulumfeld,
einfach mit dem sozialen Umfeld anschauen und behandeln.

[00:01:20.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sollte sie nie einzeln behandeln, sondern immer das ganze Umfeld miteinbeziehen und von dort her
etwas ändern.

[00:01:26.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Meine Frage ist jetzt, wie kann ein solches Wissen in der akademischen Welt weitergegeben werden?
Denn ich habe alle Mühe, das meinen Psychiatriekollegen weiterzugeben. Ich habe verschiedene
Kliniken und auch Universitätskliniken angefragt und gesagt, ich würde gerne mal mein Wissen zeigen.

[00:01:49.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wurde mir immer abgewunken, nein, sie hätten genug Weiterbildungen, etc.

[00:01:56.440] – Dr.med. Ursula Davatz

Ich hatte einmal eine kleine Weiterbildung in einem Regionalspital im Münstertal gegeben, und dann hat
der junge Assistenzarzt oder erste Lehrling gesagt, wenn ich sie als Dozentin gehabt hätte, dann hätte ich
wahrscheinlich Psychiatrie gemacht. Aber was ich in der offiziellen Psychiatrie höre, das interessiert mich
nicht so.

[00:02:24.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Warum ist das so schwierig, dass wir das Wissen aus der Praxis nicht in die Akademie weitergeben
können?

[00:02:30.720] – Dr.med. Karl Studer
Für mich ist das völlig logisch. Die Psychiatrie läuft immer noch vom 19. Jahrhundert im Grunde
genommen oder anfangs des 20. Jahrhunderts, als es darum ging, Diagnosen zu machen.

[00:02:43.500] – Dr.med. Karl Studer
Die Psychiatrie läuft, dazu muss man den Eugen Bleuler lesen, dann sieht man, dass das Diagnosen
eines einzelnen Patienten sind.

[00:02:55.000] – Dr.med. Karl Studer
Von dem aus geht alles vom Individuum. Die ganze Sichtweise, die du gerade geschildert hast, dass der
Mensch überhaupt kein Individuum ist, sondern ein soziales Wesen, das wird nicht berücksichtigt, denn
das ist zu kompliziert, offensichtlich.

[00:03:12.640] – Dr.med. Karl Studer
Das ist für die Forschung offenbar nicht günstig. Man greift immer nur auf eine Gruppe von Individuen
zurück, mit einer bestimmten Diagnose nach ICD oder DSM 3 und dann diese vergleicht.

[00:03:27.140] – Dr.med. Karl Studer
Das sind dann die wissenschaftlichen Arbeiten im Grunde genommen. Die komplexe Sichtweise, die Du
hast, ist etwas aufwendig und kompliziert. Man braucht eine spezielle Ausbildung und ein anderes
Denken.

[00:03:42.650] – Dr.med. Karl Studer
Es braucht wieder eine Art Revolution der italienischen Psychiatrie um die 1980er Jahren herum im
letzten Jahrhundert, wo man sagte, man muss alles auf den Kopf stellen, von vorne nachdenken und
alles einrichten.

[00:04:00.000] – Dr.med. Karl Studer

Wenn man das will, muss man Folgendes machen. Man muss sagen, der Patient ist ein Individuum. Aber
er ist nur ein Individuum in einem Kollektiv, in einem System. Man kann ihn nicht isoliert betrachten. Das
geht einfach nicht.

[00:04:18.500] – Dr.med. Karl Studer
Von dem aus muss man danach, erstens die ganze Versorgung organisieren, die ganze Forschung
organisieren und die ganzen Therapieinstrumente anpassen.

[00:04:31.260] – Dr.med. Karl Studer
Das braucht im Grunde genommen eine ganze, ich will nicht sagen Revolution, aber eine neue
Sichtweise und das ist im akademischen Bereich im Moment überhaupt nicht drin. Jeder forscht auf
seinem Weg weiter, weiter, weiter. Es ist eine eigene Welt, die sich nicht bewegen lässt, leider.

[00:04:51.630] – Dr.med. Karl Studer
Das ist auch die Welt, die unsere jungen Kollegen ausbildet. Das ist das Schlimme. Die Jungen, welche
wieder kommen, wie du gesagt hast, der Assistentzarzt im Münstertal, der sagt sofort, aha, stimmt ja
eigentlich.

[00:05:08.380] – Dr.med. Karl Studer
Warum hat mir das niemand gesagt? Die jungen Studenten lernen auch, gerade bei den alten oder
jungen Chefs, die immer noch das tradierte Wissen und die Formen propagieren. Von dem her bewegt
sich fast nichts. Das, was du sagst, was nötig wäre, das sind alles private Institute.

[00:05:30.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist so.

[00:05:31.850] – Dr.med. Karl Studer
Das sind nicht staatliche, universitäre Einrichtungen.

[00:05:34.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Du sprichst mir aus dem Herzen und ich bin froh, dass du sagst, das ist eine Psychiatrie aus dem… Was
hast du gesagt?

[00:05:44.720] – Dr.med. Karl Studer
Aus dem 19. Jahrhundert.

[00:05:46.410] – Dr.med. Ursula Davatz

Aus dem 19. Jahrhundert. Das stimmt. Es ist ein mechanisches Denken, ein somatisches Denken aus
dem 19. Jahrhundert, das sich in der Psychiatrie nicht anwenden lässt, die einfach nicht genügt.

[00:06:03.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Du sagst, es brauche eine Revolution oder mindestens eine Evolution.

[00:06:10.160] – Dr.med. Karl Studer
Ja, das kannst du vergessen.

[00:06:11.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Du sprichst mir sehr aus dem Herzen, und ich bin froh, dass du das sagst. Ich hätte mich nicht getraut,
das so zu sagen. Aber du hattest mehr Kontakt mit universitären Strukturen. Du hast wirklich diesen
Einblick.

[00:06:28.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich gehe weiter in meinen Gedanken, und ich kann dich nur unterstreichen. Ich habe mich seit über 40
Jahren mit ADHS befasst und habe mich in diesem Sinne schon an mich mit dem Somatischen befasst
und mit dem Hirn, also der Freud kommt aus der Neurologie und das war ursprünglich die Forschung des
Hirns.

[00:06:53.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man ADHS Menschen auf zwei Charakteristika zurückführt, Persönlichkeitsmerkmale, dann ist eine
Eigenschaft die höhere Sensibilität, Hypersensibilität, die Reizoffenheit, dass sie alles von aussen
aufnehmen und dadurch viel abgelenkt werden, weil sie auch leicht verletzlich sind.

[00:07:20.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf der anderen Seite die hohe Impulsivität. Das heisst, dass wenn sie verletzt werden oder auf dem
falschen Fuss erwischt werden, machen sie entweder eine Reaktion nach aussen, eine Aggression, das
wäre dann der Delinquente, oder die Kinder, die dann aggressiv sind, sogenannt verhaltensgestört, oder
eine Flucht nach innen. Sie denken wie verrückt. Sie werden impulsiv in ihrem Denken, also es kreist und
es hirnt.

[00:07:55.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese beiden Eigenschaften führen dazu, dass es schnell zu Eskalationen kommt in diesen Systemen,
dass sie dann auseinanderspritzen.

[00:08:06.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte gerade vorher jemanden am Telefon, der es um das ging.

[00:08:11.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese starke Reaktivität löst natürlich dann Probleme im sozialen Umfeld aus.

[00:08:17.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie du sagst, der Mensch kann nicht einfach nur als Individuum betrachtet werden, er ist ein soziales
Wesen, wir gehören zu den sozialen Spezies. Wir sind in diesem Sinn ständig in Interaktion mit unserem
Umfeld. Unser Umfeld beeinflusst auch unser Verhalten und unser Hirn.

[00:08:45.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Unser Hirn ist ein soziales Organ. Das kann man nicht anschauen wie ein Leber, ein Milz oder ein Herz.

[00:08:52.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Das soziale Organ ist hochflexibel, plastisch und verändert sich. Es ist eigentlich nichts als eine logische
Konsequenz, wenn man das Umfeld entsprechend verändern kann, dass dann auch die Krankheit oder
die Fehlfunktion im Individuum, im Indexpatient, so angegangen werden kann.

[00:09:15.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sind ja die Studien geschehen, High Expressed Emotions, die sie eine Zeit lang viel beforscht haben.
Jetzt hört man nichts mehr davon. Christine Vaughn und Julian Leff haben das gemacht.

[00:09:32.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe einmal an einer Tagung mit ihm gesprochen. Er hat gesagt, das mit den High Expressed
Emotions hat man auf Schizophrenie Familien angewendet, aber man kann es genauso gut auf
Depressive anwenden. Man kann es auf alle anwenden. Denn das Hirn ist immer sozial.

[00:09:45.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Mensch ist immer in einer sozialen Interaktion. Von dort her muss man immer mit dem sozialen
Umfeld zusammenarbeiten, um etwas Gescheites hinzubringen.

[00:10:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich frage nochmals das Gleiche: warum ist die Psychiatrie in dem Reagenzglasdenken, in diesem
Mikrodenken, in diesem somatischen medizinischen Denken, jetzt genetischen Denken, so stecken
geblieben? An was hält sie sich da?

[00:10:21.980] – Dr.med. Karl Studer
Die Psychiatrie heute versucht mit aller Kraft sich der Somatik anzugleichen.

[00:10:30.000] – Dr.med. Karl Studer

Das ging so weit, dass z.B. in Bern der Ordinarius sagte, er würde sich am liebsten in der Neurologie
ansiedeln.

[00:10:38.390] – Dr.med. Karl Studer
Ich sagte, um Himmels willen, das sei nur ein Teil der ganzen Psychiatrie. Die organische Seite ist ein Teil
davon. Aber das ganze Soziale, das ganze Dynamische, die ganze Vitalität findet irgendwo ganz anders
statt. Nicht in der Neurologie, sondern mehr in der Sozialwissenschaft, in den Literaturwissenschaften,
will ich auch mal gesagt haben. Im ganzen geistigen Bereich.

[00:11:15.000] – Dr.med. Karl Studer
Es ist offensichtlich einfacher, in der organischen Psychiatrie zu forschen, also Röntgenbilder zu machen,
irgendwelche Laboruntersuchungen zu machen, irgendwelche Tests zu machen, aber nicht die ganze
Interaktion zu studieren, die viel komplexer und sensibler ist.

[00:11:39.880] – Dr.med. Karl Studer
Derjenige, der etwas macht, drin ist und betroffen ist. Das ist das Verrückte. Der ganze
Beziehungsaspekt, der in der Psychotherapie ein wichtiger Faktor ist, um ihn zum Forschungsobjekt zu
machen.

[00:11:57.860] – Dr.med. Karl Studer
Das machen unsere Psychotherapie Schulen schon. Das ist nicht der globale Trend, wo meine lieben
Forscher in den Universitätskliniken sich die Lorbeeren holen.

[00:12:13.790] – Dr.med. Karl Studer
Sie holen sie sich die an einen anderen Ort und vergleichen sich an der Universität mit den anderen
Medizinern.

[00:12:22.210] – Dr.med. Karl Studer
Ich weiss nicht, warum das mit einer so negativen Haltung vernetzt ist, dass man sich auf eine ganz
andere Art und Weise mit der Psychiatrie beschäftigen könnte als mit den organischen Fragen. Also mit
Biochemie und Neuroradiologie usw.

[00:12:44.700] – Dr.med. Karl Studer
Warum ist es so entwertet, dass es keinen Wert macht und alle schielen immer auf die Organik, denn dort
kann man grosse Lorbeeren kriegen, in der Forschung. Das habe ich erlebt. Ich habe immer wieder
gestaunt, dass es so ist.

[00:13:06.340] – Dr.med. Ursula Davatz

Ja, du schilderst das auch wieder, wie ich es auch sehe. Sie biedern sich der somatischen Medizin an,
der mechanischen, der chemischen, wie du sagst, der organischen Forschung und wollen dort
aufgenommen werden.

[00:13:23.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe das auch in Washington D.C. Erlebt, an der Georgetown University, bei Murray Bowen.

[00:13:30.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat das manchmal auch zum Thema gemacht, dass wir Psychiater uns wollen, müssen, bei der
somatischen Medizin einmieten. Aber genau das ist falsch.

[00:13:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann gab es dort einen Trend. Man hat sich nicht mehr der somatischen Medizin eingeloggt oder
eingemietet, sondern den Sozialwissenschaften und der Ethologie, also der Verhaltensforschung.

[00:14:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Verhaltensforschung der Tiere, sind sie viel weiter als wir in der Psychiatrie. Sie machen
Sozialforschungen und Interaktionsforschung. Wir Psychiater haben Angst.

[00:14:15.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie du auch gesagt hast, es gibt überhaupt keine therapeutische Ausbildung an einem Universitätsspital.

[00:14:23.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle Ausbildungsinstitutionen sind privat. Stimmt das? Sie haben es nie geschafft. Ja doch, der Prof.
Dr.med. Jürg Willi war noch einer.

[00:14:31.950] – Dr.med. Karl Studer
Ja, in Basel gab es auch mal einen. Wie hiess er, der Kinderpsychiater?

[00:14:39.150] – Dr.med. Karl Studer
In Bern war Prof. Dr. Klaus Grawe. In Basel war auch einer, der das gemacht hat. Leider weiss ich den
Namen nicht mehr. Es gibt solche Ansätze, die hat es schon gegeben.

[00:14:54.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber es ist wieder etwas untergegangen.

[00:14:55.780] – Dr.med. Karl Studer

Wenn es um eine neue Besetzung einer Professorenstelle ging, sind sie immer wieder dort gelandet. Das
habe ich in Bern vor allem gesehen, wo sie sich heillos Mühe gegeben haben, in dem
psychotherapeutischen Bereich. Wenn die Universität eine neue Stelle besetzen musste, dann haben sie
genau diese Leute genommen.

[00:15:17.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Wieder die somatisch Orientierten.

[00:15:20.860] – Dr.med. Karl Studer
Ja, klar, dann ging es darum, wie viel Neuroradiologie können wir machen, wie lange darf man den
Computertomograph haben usw.

[00:15:33.660] – Dr.med. Karl Studer
Dann war das das Thema und nicht, wie können wir psychotherapeutische Forschung unterstützen.

[00:15:46.900] – Dr.med. Ursula Davatz
In den Worten hat man ja dann vom Bio gesprochen, das kam immer zuerst – Bio-psycho-soziales
Modell.

[00:15:55.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Bio ist so gross und das psychosoziale, das Soziale ist völlig untergegangen.

[00:16:02.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat zwar immer gesagt, wir betreiben Bio-psycho-soziale Psychiatrie, aber vom Sozialen ist nichts
mehr zu wollen.

[00:16:11.460] – Dr.med. Karl Studer
Die Konsequenz war, dass man einen Schritt zur Klinik rausgemacht hat und dann damit angefangen,
Tageskliniken zu machen und Nachtkliniken zu machen und Ambulatorien zu vergrössern usw.

[00:16:26.090] – Dr.med. Karl Studer
Man muss es anders aufgleisen, die ganze Organisation.

[00:16:31.020] – Dr.med. Karl Studer
Man müsste einfach sagen, die Psychiatrie ist ambulant.

[00:16:37.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Richtig.

[00:16:37.710] – Dr.med. Karl Studer
Es kommt aus der Beziehung zwischen dem Doktor und dem Therapeut, wie auch immer, und dem
Patienten.

[00:16:46.840] – Dr.med. Karl Studer
Auf dem baut alles auf.

[00:16:49.000] – Dr.med. Karl Studer
Dann gibt es Krisensituationen, in denen man einen geschützten Rahmen braucht. Das ist die Klinik.

[00:16:54.590] – Dr.med. Karl Studer
Es ist nicht umgekehrt.

[00:16:55.860] – Dr.med. Karl Studer
Man muss von der Ambulanz ausgehen und sagen: der Schwerpunkt muss auf der Ambulanz liegen. Die
Klinik ist eigentlich nur für Sonderfälle.

[00:17:10.170] – Dr.med. Karl Studer
Das sieht man bei den Borderline Patienten.

[00:17:11.970] – Dr.med. Karl Studer
Du kannst natürlich Abteilungen machen, wo die Borderline Patienten drei und sechs Monate lang sind.
Das bringt überhaupt nichts.

[00:17:19.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Das bringt nichts.

[00:17:20.560] – Dr.med. Karl Studer
Du musst für diese Patienten Kriseninterventionsorte haben.

[00:17:23.380] – Dr.med. Karl Studer
Wenn sie kriseln, suizidal sind usw., können sie sich zurückziehen. Dann ist man dort nur für das
eingerichtet.

[00:17:32.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja.

[00:17:32.860] – Dr.med. Karl Studer
Danach muss das wieder draussen laufen.

[00:17:36.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das kann ich nur unterstützen. Man organisiert die ganze Psychiatrie aus der Sicht der ambulanten
Psychiatrie, von der Beziehungsarbeit aus, von der Systemarbeit aus.

[00:17:45.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Fass überläuft, kann man in Notsituationen die Leute hineintun und wieder rausnehmen.

[00:17:52.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt ist es genau umgekehrt. Man denkt immer zuerst im Spital behandeln und dann danach etwas
Ambulantes. Dann ist schon alles kaputt.

[00:18:00.700] – Dr.med. Karl Studer
Versuch das mal umzusetzen.

[00:18:06.000] – Dr.med. Karl Studer
Nur schon die Finanzierung davon ist ein Problem.

[00:18:10.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wäre schlussendlich billiger.

[00:18:12.730] – Dr.med. Karl Studer
Für den Patienten wäre es heilsamer und eigentlich auch richtiger.

[00:18:20.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, es wäre billiger, heilsamer, natürlicher und man würde die natürlichen Ressourcen, die ja immer
vorhanden sind, die würde man unterstützen und könnte sie nutzen.

[00:18:31.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt sind die natürlichen Ressourcen, also die Familien, wenn sie in die Klinik gehen, immer ein
Störfaktor oder häufig.

[00:18:40.260] – Dr.med. Karl Studer
Es gibt in der Kinderpsychiatrie ein Modell, die Multisystemtherapie.

[00:18:44.860] – Dr.med. Karl Studer
In der Krise, wenn ein Patient kommt, sind alle Leute dabei. Dann sind die Therapeuten dabei, dann sind
Sozialarbeiter dabei, dann sind die Eltern dabei und so weiter.

[00:19:00.000] – Dr.med. Karl Studer
Dann bildet sich ein Gremium von einem betroffenen Patienten innerhalb kurzer Zeit und macht das
intensiv.

[00:19:10.540] – Dr.med. Karl Studer
Also mehrfach pro Woche.

[00:19:12.180] – Dr.med. Karl Studer
Die Krise wird so gemanagt, dass man nicht den Patientin in die Klinik tut und dann dort das Team ist,
sondern aussen ist das Team mit dem System.

[00:19:24.220] – Dr.med. Karl Studer
Das war für mich eigentlich einleuchtend, dass man, wenn ein Patient eine Behandlung braucht sagt:
Man sammelt alle Kräfte jetzt, auch bei den Erwachsenen, und dann schauen wir, wie wir das ambulant
machen können.

[00:19:38.960] – Dr.med. Karl Studer
Es geht nicht nur um eine Zweierbeziehung, sondern auch dort muss das System spielen, dann werden
die Krisen so bewältigt.

[00:19:48.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Wo in Kinderpsychiatrie wird das so gemacht?

[00:19:52.910] – Dr.med. Karl Studer
In Münsterlingen haben sie das eingerichtet. Das Modell haben sie auch von England mitgebracht. Ich
finde, das ist der richtige Weg.

[00:20:05.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre für mich auch sinnvoll.

[00:20:07.810] – Dr.med. Karl Studer
Das ist am Anfang sehr kostbar, weil du plötzlich vier oder fünf Leute hast, die du dann eine Stunde
beschäftigst. Das ist sehr kostbar.

[00:20:19.740] – Dr.med. Karl Studer
Ein Klinikaufenthalt heute ist dermassen teuer, dass man sich da noch eine Menge an Experimenten
leisten könnte.

[00:20:29.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Denkst du, dass die Psychiatrie sich falsch orientiert, nach unserer Sicht? Dass das eine Rolle spielt,
dass wir so wenig Nachwuchs haben?

[00:20:43.520] – Dr.med. Karl Studer
Ja, absolut.

[00:20:44.530] – Dr.med. Karl Studer
Die jungen Doktoren, wenn sie Medizin studieren wollen, wollen sie sich mit dem Patienten
auseinandersetzen und nicht einfach nur mit Krankheiten.

[00:20:55.240] – Dr.med. Karl Studer
Nur mit dem Diabetes, mit dem rheumatischen Fieber und weiss nicht was, mit dem Tumor, sondern mit
den Menschen eigentlich.

[00:21:05.730] – Dr.med. Karl Studer
Die jungen Doktoren wollen doch eigentlich mit Menschen, mit Patienten sich treffen und
auseinandersetzen. Aber es läuft genau verkehrt.

[00:21:15.300] – Dr.med. Karl Studer
Dann kann man das denen offensichtlich nicht vermitteln. Ich könnte mir vorstellen, wenn man ein
anderes System von Psychiatrie hätte, wäre das viel attraktiver für junge Ärzte.

[00:21:27.030] – Dr.med. Karl Studer
Man müsste es nicht den Psychologen überlassen.

[00:21:32.000] – Dr.med. Karl Studer
Sondern dann wären die Ärzte, die eine komplexere Sichtweise haben, weil sie eine organische oder
andere Erfahrungen mit Patienten haben, würde das eigentlich ansprechen.

[00:21:48.120] – Dr.med. Karl Studer
Es ist ja so spannend, wenn sie mal drinnen sind danach.

[00:21:52.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin mit dir einverstanden. Du denkst auch, dann hätten wir weniger Nachwuchsprobleme, wenn wir
die Psychiatrie so gestalten würden?

[00:22:01.080] – Dr.med. Karl Studer
Dann hätten möglicherweise auch andere Menschen.

[00:22:04.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt kommen ja ganz viele Ausländer, die unsere Gesellschaft nicht mal kennen, die dann dort nochmal
auflaufen.

[00:22:14.580] – Dr.med. Karl Studer
Die bringen noch ein älteres Modell mit.

[00:22:14.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Die bringen nur das altmodische soziale Modell mit und wollen das dann hier bei uns durchsetzen.

[00:22:16.610] – Dr.med. Karl Studer
Ja, genau. Das siehst du dann in der Klinik auch. Dann kommt das hierarchische Denken rein.

[00:22:28.800] – Dr.med. Karl Studer
In der Klinik haben sie es heutzutage mindestens geschafft, dass es eine Teamarbeit ist.

[00:22:37.690] – Dr.med. Karl Studer
Die Krankenschwestern und Pfleger haben eine unheimlich wichtige Funktion, weil sie den ganzen Tag
um die Leute herum sind und somit eine therapeutische Funktionen haben, Sozialarbeiter und
Therapeuten und so weiter.

[00:22:54.190] – Dr.med. Karl Studer
Dann, wenn ein ausländischer Doktor kommt, bringt er seine Hierarchie und sagt, er sei verantwortlich.
"Ich bin verantwortlich, ich bin der Doktor", hat aber häufig nicht die differenzierte Sichtweise, die die
anderen Teammitglieder haben. Dann läuft das schief, respektiv dann drückt er das durch und sagt, Ich
bin der Doktor und ich

[00:23:18.100] – Dr.med. Ursula Davatz
weiss, was für dich gut ist.

[00:23:19.160] – Dr.med. Karl Studer

Ich weiss, was für dich gut ist. Ich habe das gelernt. Ich habe den Eugen Bleuler gelesen.

[00:23:25.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Du schilderst das sehr schön. Eine paternalistische, bevormundende Behandlung des
Psychiatriepatienten.

[00:23:34.610] – Dr.med. Karl Studer
So ist es, ja.

[00:23:35.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist das ungefähr das Schlimmste, was man mit dem Psychiatriepatienten machen kann. Er will ja in
Kontrolle von sich selbst sein. Man sollte auf Augenhöhe mit ihm Arbeiten und nicht so von oben runter?

[00:23:48.160] – Dr.med. Karl Studer
Ja natürlich.

[00:23:49.720] – Dr.med. Karl Studer
Es ging so weit, zum Beispiel in Königsfelden haben wir die duale Führung eingerichtet. Das heisst, der
Doktor und die Leitung der Abteilung waren gleichberechtigt.

[00:24:02.500] – Dr.med. Karl Studer
Als ich dann ging, nach einer gewissen Zeit, haben sie das wieder aufgehoben.

[00:24:09.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Ehrlich? Dabei wäre das so gut gewesen?

[00:24:10.540] – Dr.med. Karl Studer
Ja, das ist heute der Standard.

[00:24:12.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eigentlich Standard? Ja.

[00:24:15.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier wird natürlich an dem Dogma, an dem paternalistischen System, an der Macht dieser Autoritäten,
wird gesägt, genagt.

[00:24:30.000] – Dr.med. Karl Studer

Ja, natürlich, aber leider ist dann auf der anderen Seite nicht das nötige Wissen und Können und die
Erfahrung. Das ist es dann. Dann springt das wieder auf die mittelalterlichen Vorstellungen von
Psychiatrie zurück.

[00:24:49.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht nochmals eine Frage. Warum erforschen psychiatrische Forscher nicht mehr das psychosoziale
Umfeld erforschen?

[00:25:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist komplizierter, wie du sagst. Das ist schwieriger, komplexer, es braucht länger.

[00:25:07.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber eben, in der Ethologie, in der Verhaltensforschung der Tiere, da kann man es auch.

[00:25:12.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ja dann die teilnehmende Beobachtung. Man ist Teil des Systems. Man muss sich auch
hinterfragen.

[00:25:18.280] – Dr.med. Ursula Davatz
In jeder Therapieausbildung muss man ja Selbsterfahrung machen und so und so viele Stunden
ausweisen.

[00:25:25.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass in der akademischen Forschung der Teil des Systems, der soziale Interaktionsteil nicht angeschaut
wird, hat das auch damit zu tun, dass wir Akademiker so Angst haben, uns zu hinterfragen und uns zu
relativieren und dann vielleicht auch unsere Systeme ein wenig hinterfragen müssen?

[00:25:53.220] – Dr.med. Karl Studer
Das wird es wahrscheinlich schon sein, ja. Man muss ja dann wirklich ein bisschen die Hosen
runterlassen.

[00:26:00.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Richtig, man kommt dran.

[00:26:03.220] – Dr.med. Karl Studer
Man kommt dann eben dran, und das ist nicht immer angenehm.

[00:26:06.930] – Dr.med. Ursula Davatz

Nein, nein.

[00:26:08.440] – Dr.med. Karl Studer
Das muss man aushalten. Aber ohne das geht es eben nicht.

[00:26:12.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Ohne das geht es nicht.

[00:26:14.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man einmal in den heiligen Graal der Universität, der Akademie, fortgeschritten ist, meint man
dann, jetzt müssen wir nicht mehr die Hosen runterlassen. Dass man dann diese Schwelle überschritten
hat, dass man geschützt vor dem sei.

[00:26:32.140] – Dr.med. Karl Studer
Ja, ich vermute es schon.

[00:26:35.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Irgendetwas muss dahinterstecken.

[00:26:37.190] – Dr.med. Karl Studer
Es sind Machtspiele.

[00:26:40.100] – Dr.med. Karl Studer
Ich bin Ordinarius und mache, was ich für recht finde. Ich weiss es schon.

[00:26:47.220] – Dr.med. Karl Studer
Es ist ja nicht ein Austausch im Sinne, dass man sagt, dass man zusammen sitzt und sagt was machen
wir jetzt. Machen wir es besser? Habt ihr noch ein paar Ideen? Oder schauen wir auf Australien, wie die
es machen? Oder die in Amerika. Ich habe gehört, dort hat es noch ein paar, die ein paar gute Ideen
haben. Vielleicht haben wir das übersehen.

[00:27:11.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Man ist nicht mehr lernbereit.

[00:27:14.860] – Dr.med. Karl Studer
Ja, man muss offen sein für Veränderungen und Erkenntnisse nehmen, dass man vielleicht
jahrzehntelang etwas Falschem nachgespurtet ist.

[00:27:24.810] – Dr.med. Karl Studer
Das Wertesystem muss man immer ein wenig in Frage stellen.

[00:27:27.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist schwierig, das verunsichert, das macht weh. Dazu sind nicht alle bereit.

[00:27:35.880] – Dr.med. Karl Studer
Ja, und ich als Ordinarius bin ja der Oberste und der Beste und der Gescheiteste.

[00:27:40.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Genau. Eigentlich müssten wir hier zum sokratischen Lernen zurückkommen. Sokrates hat ja auch
gesagt, ich lerne von meinen Schülern. Mit jeder Frage, die sie an mich stellen, lerne ich wieder etwas.

[00:27:55.040] – Dr.med. Karl Studer
Wir lernen von unseren Patienten am allermeisten.

[00:28:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, so ist es.

[00:28:03.670] – Dr.med. Karl Studer
Die müssen wir nur fragen und dann erfährst du unheimlich viele Dinge.

[00:28:07.880] – Dr.med. Karl Studer
Da staune ich immer wieder, was da kommt. Da muss man bei jedem Patienten, jede Situation zu einer
Lernsituation machen.

[00:28:18.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Absolut.

[00:28:18.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann ist es auch spannend, dann wird es nie langweilig.

[00:28:26.460] – Dr.med. Karl Studer
Es ist überhaupt nie langweilig.

[00:28:28.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe von Sokrates und seinen Schülern gesprochen.

[00:28:34.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir müssen von unseren Patienten lernen. Von unseren Patienten haben wir am meisten gelernt und sind
ständig noch am Lernen.

[00:28:41.600] – Dr.med. Karl Studer
So ist es.

[00:28:43.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man nicht die lernende Haltung hat, die der Sokrates auch propagiert hat, dann ist man kein guter
Psychiater.

[00:28:49.330] – Dr.med. Karl Studer
Ja, und wenn ich ein Forscher bin, dann habe ich eine Hypothese und dann will ich die bestätigen.

[00:28:55.060] – Dr.med. Karl Studer
Es ist eine andere Form von Lernen. Dann sage ich, ich vermute stark, Depression ist eine
Transmitterstörung. Dann gehe ich dem nach.

[00:29:07.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Okay und dann finde ich das.

[00:29:09.600] – Dr.med. Karl Studer
Dann finde ich das.

[00:29:11.720] – Dr.med. Karl Studer
Wenn ich sage, Depression ist eigentlich eine Zäsur im Leben, die vielleicht ausgelöst wurde durch einen
enttäuschenden Verlust und weiss nicht was und so weiter. Wie kann ich das bewältigen? Dann läuft das
ganz anders.

[00:29:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe ja die Theorie, dass Depression ein arretiertes Kampfverhalten ist. Depression ist eine
Verliererkrankheit.

[00:29:38.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man x Mal in einer Auseinandersetzung mit wichtigen Bezugspersonen Zweiter gemacht hat, dann
geht schlussendlich die Energie runter und man wird depressiv.

[00:29:49.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Du sagst es sehr schön.

[00:29:50.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss dann über die Bücher gehen und schauen, wo man eine falsche Strategie angewendet hat, wo
habe ich gegen Windmühlen gekämpft?

[00:29:58.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann wird man auf einmal erfolgreicher.

[00:30:01.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Dafür sind wir Psychiater dann hier, um so einen Menschen zu begleiten in dieser schwierigen Phase.

[00:30:07.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht einfach Medikamente und dann ist er wieder gesund.

[00:30:11.030] – Dr.med. Karl Studer
Ja, das ist schwierig.

[00:30:14.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich gehe nochmals zu den ADHSlern zurück. Du weisst, das ist ja mein Steckenpferd.

[00:30:26.420] – Dr.med. Karl Studer
Ja, das ist spannend.

[00:30:27.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Genotyp oder der Phänotyp, wir sehen ja dann noch den Phänotyp, die Persönlichkeit, die aus
meiner Sicht am meisten genetisch bestimmt ist und die ganz stark genetisch weitergegeben wird.

[00:30:43.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort spreche ich dann von ADHS Familien. In diesen Familien kursiert das ADHS.

[00:30:51.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher hat man es noch nicht benannt, aber wenn man drei Generationen aufnimmt, sieht man, dass dort
ein jähzorniger Grossvater gewesen, dort ein Alkoholiker oder beides.

[00:31:04.320] – Dr.med. Ursula Davatz

Dort waren die Erfinder, dort sind sie ausgewandert oder hatten Streit untereinander.

[00:31:08.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit dieser genetischen Konstellation kommt es schneller zu Krach und schneller zu Eskalationen und
emotionalen Verwerfungen.

[00:31:22.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Hirn ist nicht nur für unser Verhalten zuständig, sondern das Hirn ist auch mit unserem Körper
vernetzt.

[00:31:33.420] – Dr.med. Ursula Davatz
In der somatischen Medizin wird das mehr angeschaut, wie das Hirn eine Auswirkung auf den Körper hat.

[00:31:42.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kommt wieder vom Somatischen her, dass man psychische Krankheiten mit Darmbakterien
behandeln will.

[00:31:49.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage es jetzt ein wenig extrem. Man will den Darm anders impfen, dann geht es einem im Kopf auch
besser.

[00:31:56.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Man geht immer wieder über die somatische Medizin.

[00:32:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist natürlich umgekehrt.

[00:32:04.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage, das Mittelhirn, der Hypothalamus, führt zur Hypophyse, zur Nebennierenrinde.

[00:32:20.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Die HHNA Stressachse.

[00:32:24.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Somatiker erforschen das jetzt.

[00:32:29.140] – Dr.med. Ursula Davatz

Ich in meinem täglichen Leben oder in meiner Arbeit kann das auch sehen, dass über diese starken
emotionalen Belastungen, diese Aufregungen, dann halt auch körperliche Krankheiten entstehen.

[00:32:43.150] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinn entwicklen sich bei ADHSler nicht nur psychiatrische Folgekrankheiten, sondern auch
somatische Krankheiten.

[00:32:52.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann werden sie nach Strich und Faden untersucht, alles durchgesucht und man findet nichts.

[00:32:57.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Man findet dann vielleicht etwas, aber von dort her haben sie dann x Medikamente und eigentlich müsste
man bei der Ursache beginnen, wo die emotionale Erregung ist, die emotionale Aufregung.

[00:33:12.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Die könnte man auch wieder über sie natürlich und über das Umfeld angehen.

[00:33:16.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es Erwachsene sind, manchmal ist das Umfeld nicht mehr da, dann muss man die Geschichte
anschauen und dann die Knöpfe noch lösen.

[00:33:25.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es Erwachsene sind und es hat noch Umfeld, dann schicke ich sie zurück in die Familie, damit sie
die Konfliktherde noch angehen und man sie zusammen löst.

[00:33:37.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre auch ein riesiges Potenzial für die Psychosomatik und auch für die somatische Medizin und ich
sage weiter, ein riesiges Sparpotenzial.

[00:33:48.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Verbindung zwischen Hirn und somatischen Organen besser verstanden würde, über das
vegetative Nervensystem.

[00:34:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Was sagst du da? Was ist deine Erfahrung?

[00:34:02.700] – Dr.med. Karl Studer

Du hast absolut recht. Das muss ja so sein. Es ist immer interessant, dass das nicht wahrgenommen
wird.

[00:34:11.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, ich verstehe das nicht.

[00:34:13.070] – Dr.med. Karl Studer
Das muss ja so sein. So sind doch die Menschen. Das kann jeder an sich selber beobachten. Jeder hat
seine eigenen Erfahrungen mit Emotionen und mit Körpersymptomen usw. Das gehört zum Leben.

[00:34:32.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Genau. Da ist jeder sein eigenes Untersuchungsobjekt.

[00:34:35.540] – Dr.med. Karl Studer
Wäre es eigentlich. Auf das könnte man Rückgriff nehmen.

[00:34:41.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier frage ich Dich jetzt: Wer sieht das zuerst, die Somatiker oder Psychiater?

[00:35:00.000] – Dr.med. Karl Studer
Ich erlebe bei meine Kollegen, ich arbeiten mit Hausärzten zusammen, im gleichen Haus. Ich erlebe bei
diesen, dass dies nicht ganz fremd ist. Sie senden mir ersten den Patienten, wenn sie nicht mehr
vorwärts kommen.

[00:35:00.100] – Dr.med. Karl Studer
Ich sehe doch, dass Sie häufig in diese Richtung denken. Sie versuchen Einfluss zu nehmen und
Lösungen zu machen. Wenn es zu aufwendig wird, schicken sie sie zu mir. Wenn es zeitlich zu
aufwendig wird.

[00:35:19.730] – Dr.med. Karl Studer
Das interesse ist da bei den Hausärzten.

[00:35:30.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht nur Psychiater haben Nachwuchsrobleme, auch die Hausärzte. Die Hausarztpraxen, wo der
Hausarzt die ganze Familie kennt, alle Geschichten gewusst hat, etc, und dann gerade durchgesehen
hat, der Hausarzt, der eigentlich ein natürlicher Systemtherapeut war, die gehen verloren. Dann gibt es
medizinische Zentren, und einmal sieht es der, und einmal der. Dann ist es wieder nur ein Organ und nur
ein Symptom, und zusammengesetzt wird es nicht. Das ist tragisch.

[00:35:58.270] – Dr.med. Karl Studer
Das ist richtig, ja.

[00:35:59.530] – Dr.med. Karl Studer
Das ist wirklich tragisch.

[00:36:00.520] – Dr.med. Karl Studer
Das ist absolut richtig.

[00:36:04.440] – Dr.med. Karl Studer
Offenbar ist die Wertigkeit von Apparatemedizin viel höher als die reine intellektuelle, emotionale
Beziehungsarbeit der Hausärzte.

[00:36:17.360] – Dr.med. Karl Studer
Geld bringt nur, wenn man einen Patienten in eine Maschine spannen kann oder Laboruntersuchungen
machen kann. Das ist auch wichtig, aber nicht nur allein wichtig.

[00:36:28.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Also, du meinst, der ökonomische Anreiz geht mehr über die Maschinenmedizin als über das Gespräch?

[00:36:35.740] – Dr.med. Karl Studer
Ja, das stimmt.

[00:36:37.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich meine, obwohl wir uns ja weiterentwickeln und immer mehr wissen und im Gespräch auch effizienter
sein können, wir verdienen genau gleich viel wie ein Erstling, der gerade aus dem Staatsexamen kommt
und dann halt auch ein Gespräch führt in einer Psychiatrie.

[00:36:57.050] – Dr.med. Karl Studer
So ist es.

[00:36:57.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Unser Wissen, unsere Erfahrung wird überhaupt nicht gewertet.

[00:37:04.880] – Dr.med. Karl Studer

Es ist nicht so gefragt. Nur in Krisen, wenn es ein gewisses Mass überschreitet, wo die anderen an ihre
Grenzen kommen, dann schicken sie den Patienten.

[00:37:17.520] – Dr.med. Karl Studer
Das ist immer so. Die, die ich an Sprechstunden, Tage sehe, die Patienten, die sie mir geschickt haben,
die Patienten, da habe ich gemerkt, da ist der Hausarzt an seine Grenzen gekommen und sagt, er
schaffe das nicht mehr.

[00:37:32.550] – Dr.med. Karl Studer
Ich kann mir nicht jede Woche eine halbe Stunde oder eine Stunde Zeit nehmen. Das geht nicht. Dann
schickt er sie zu mir.

[00:37:42.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Besprichst Du es nachher wieder mit dem Hausarzt?

[00:37:47.080] – Dr.med. Karl Studer
Natürlich, der kriegt immer einen Bericht.

[00:37:48.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist super.

[00:37:52.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Von daher hätten wir als Systemtherapeuten fast mehr Chancen bei den Hausärzten und bei der
somatischen Medizin, dass wir uns dort ein bisschen mehr einnisten müssen.

[00:38:09.280] – Dr.med. Karl Studer
Die Hausärzte werden mit dem konfrontiert. Die Patienten selber kommen dann relativ bald selber mit
ihren Sorgen und Nöten und so weiter. Dort hätten sie mehr Verständnis, weil sie es ja tagtäglich erleben.

[00:38:25.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie werden direkter damit konfrontiert.

[00:38:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Psychiater nachher in der Klinik werden dann mit der Symptomatologie konfrontiert. Wo sie sich dann
darauf fokussieren.

[00:38:38.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Nur auf die Symptomatologie?

[00:38:42.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Die könnte man auch anders erklären. In dem man sich das ganze Hirn genauer anschaut und wie die
Interaktionen sind, könnte man neue Modelle entwickeln.

[00:38:52.230] – Dr.med. Karl Studer
Muss man ja. Das ist klar, keine Frage. Für die nächste oder übernächste Generation ist das eine
Selbstverständlichkeit, hoffe ich.

[00:39:00.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hoffe ich auch, aber wir erleben es leider nicht mehr. Leider, leider, leider.

[00:39:03.870] – Dr.med. Karl Studer
Wir erleben es leider nicht mehr.

[00:39:07.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich öffne noch ein weiteres Feld. Das ist die Delinquenz, also die Juristerei.

[00:39:19.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist bekannt und man sieht es immer mehr. Ich sah es, als ich jahrelang in der Ostschweizerischen
Strafvollzugskommission war. Ich musste immer die Gutachten über die Patienten lesen. Dann hiess es
immer POS, also POS Kind. Das wäre heutzutage ADHS, Menschen mit ADHS.

[00:39:42.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man in den Gefängnissen schaut, hat es sehr viel mehr mit ADHS. In der Schule fängt das schon
an. Ich sagte ja vorhin, ADHSler seien impulsiv. Impulsiv nach aussen, aggressiv. Oder dann nach innen.

[00:39:58.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Jungs sind eher impulsiv, aggressiv nach aussen. Dann hat man mit diesen Verhaltensproblemen schon
in der Schule, im Kindergarten und schlussendlich in den Erziehungsheimen.

[00:40:11.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kommt mit der hergebrachten, ich sage mal, die schwarze Pädagogik, Belohnung und Bestrafung.
Das funktioniert bei ihnen nicht.

[00:40:19.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage den Eltern von ADHS Kindern, man kann sie zu Tode schlagen, sie folgen immer noch nicht, um
explizit zu zeigen, dass das nicht die richtige Methode ist. Man muss sie anders führen.

[00:40:32.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Die landen schlussendlich im Gefängnis. Carlos ist hier so ein Beispiel.

[00:40:41.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kostet wahnsinnig viel Geld. Es wird weitergemacht mit der Belohnungs-Bestrafungs-Methode, die
eigentlich schon im Kindergarten funktioniert hat. Aber man macht mit dem gleichen System weiter.

[00:40:55.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist so wie die Titanic, die einfach weiterfährt und auf den Eisbrocken zufährt, und nicht die Richtung
steuern kann.

[00:41:04.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier sage ich auch, dass man schon im Kindergarten, in der Schule, die Lehrpersonen begleiten und
unterstützen muss, damit sie mit den anders gearteten Kindern besser umgehen können.

[00:41:19.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage, in der Dressur oder der Behandlung der Tiere sagt man immer, man muss artgerecht mit ihnen
umgehen.

[00:41:29.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier sage ich, man muss persönlichkeitsgerecht mit diesen speziellen Kindern umgehen. Sonst hat man
keine Chance.

[00:41:39.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Sonst macht man sich nur Probleme und verursacht Kosten, ausser Kosten nicht gewesen.

[00:41:45.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Heutzutage werden sie früher als abartige, auffällige Kinder wahrgenommen und werden dann in die
Psychiatrie gesteckt.

[00:41:56.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch dort sehe ich… Du hast jetzt andere Beispiele, das finde ich super. Ich erlebe noch die altmodische
Kinderpsychiatrie. Sie werden in die Psychiatrie gesteckt und dort wieder mit Erziehungsmethoden
behandelt, die bei denen gar nicht funktionieren.

[00:42:16.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind dann auch noch alle auf einem Haufen, in einem Erziehungsheim etc.

[00:42:20.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich arbeite relativ viel. Die kommen dann schlussendlich zu mir und ich muss dann mit dem Schulsystem
kämpfen oder arbeiten, damit die begreifen, dass die Kinder anders behandelt werden müssen.

[00:42:34.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kann schon sehr viel kaputt gemacht sein, sodass man es nicht mehr auf die Reihe bringen kann.

[00:42:39.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre aus meiner Sicht auch ein ganz wichtiger Ort, anzusetzen und wo man unheimlich viel Geld
sparen könnte.

[00:42:48.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich ging acht Jahre auf die Aarburg und machte dort immer Familientherapie mit den Eltern der Kinder,
Jugendlichen und lernte das so ein bisschen kennen. Ich arbeite gerne mit Adoleszenten, die sind ja im
schwierigsten Alter, wo die Familie dann auf den Kopf stellen und Schwierigkeiten machen.

[00:43:09.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Was ich sagen wollte, das wäre nochmals ein Ort, an dem man eigentlich anders reingehen müsste, wo
man ganz viel Geld sparen und viel Elend verhindern könnte, für die Familie und das Kind. Was sind
deine Gedanken dazu?

[00:43:27.730] – Dr.med. Karl Studer
Wenn ich das höre, sehe ich, dass der Strafvollzug heutzutage etwas anders läuft. Viele junge Straffällige
werden in Therapiestationen geschickt.

[00:43:42.630] – Dr.med. Karl Studer
Alle Kliniken bauen diesen Bereich in einem grossen Mass aus.

[00:44:03.500] – Dr.med. Karl Studer
Ich war letztens in Münsterlingen und habe gefragt: wie lange sind denn Eure Klienten hier? Die Antwort:
zwischen dreieinhalb und fünf Jahren.

[00:44:03.700] – Dr.med. Karl Studer
Das kostet eine unglaubliche Summe Geld, wenn man so CHF 1000 am Tag rechnet. Zweitens muss
aber etwas passieren. Wenn das therapeutisch sein soll, nicht ein Gefängnis oder eine Erziehungsanstalt,
sondern eine wirkliche therapeutische Einrichtung, dann müsste man auf solche Dinge Rücksicht
nehmen.

[00:44:45.000] – Dr.med. Karl Studer
Ich konnte mir noch kein Bild machen, was das an Therapie und Ausbildung heisst.

[00:44:50.520] – Dr.med. Karl Studer
Haben die Jungen dort auch eine berufliche Lehrmöglichkeit?

[00:44:55.240] – Dr.med. Karl Studer
Fünf Jahre lang, da kann man ja eine Lehre machen. Was sind denn dort die therapeutischen
Massnahmen?

[00:45:08.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Die haben schon die Möglichkeit, Lehren zu machen.

[00:45:15.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Jemand war in der Ostschweizer Strafvollzugskommission. Die haben die Möglichkeit.

[00:45:21.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort sind wieder Lehrmeister. Gewisse sind begabt, andere nicht. Die Lehrmeister kommen dann auch
wieder mit der Belohnung und Bestrafungsmethode. Die funktioniert einfach nicht.

[00:45:34.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man eine falsche Methode verwendet bei diesen Menschen, dann kommt man einfach nicht zum
Ziel. Dass die fünf Jahre bleiben müssen, für mich ist das eine Katastrophe.

[00:45:45.220] – Dr.med. Karl Studer
Ich habe gestaunt, ich habe noch gar nicht richtig realisiert, was das heisst.

[00:45:49.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist Wahnsinn.

[00:45:51.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch dort würde ich sagen, man muss das System beraten. Man muss es nur als Krisenintervention
verwenden und sonst wieder rausnehmen und dann das System beraten.

[00:46:05.300] – Dr.med. Ursula Davatz

Von meinen ADHSler berate ich auch den Lehrmeister, den Lehrer etc, wer auch immer dann darum
herum ist.

[00:46:12.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Die müssen bereit sein, das entgegenzunehmen. Die, die bereit sind, dort kann man super Resultate
erbringen. Die, die es immer besser wissen und sagen, sie spucken nicht in meine Suppe und ich spucke
nicht in ihre Suppe, mit denen kann man nichts machen. Solche habe ich auch schon gehabt.

[00:46:30.280] – Dr.med. Karl Studer
Wir haben es immer schon so gemacht.

[00:46:33.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, genau. Mir sagen dann alle die Pädagogen, ich habe lange in einem Erziehungsheim gearbeitet, ich
weiss auch, wie das geht.

[00:46:42.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage, aber das ist ein hochsensibles, autistisches Kind, das sich einfach zurückzieht. Da kann man
nicht mit Druck arbeiten. Das funktioniert einfach nicht. Man muss eine Beziehung herstellen und dann
kann man es locken. Aber zuerst muss man es können. Wenn man gleich mit einer Hammermethode
kommt, stellt nie die Beziehung her.

[00:47:02.300] – Dr.med. Karl Studer
Das wäre so ein Feld. Da bin ich also nicht zu Hause. Da muss ich sagen, zu meiner Zeit hat es das nicht
gegeben.

[00:47:13.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mich schon lange damit befasst. Auch mit der Adoleszentenpsychiatrie, ich ging acht Jahre auf
die Aarburg und habe das immer behalten.

[00:47:21.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier noch ein Abschlussstatement zum Thema ADHS.

[00:47:25.680] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS ist keine Krankheit, ADHS ist ein Genotyp.

[00:47:32.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann laufe ich in das Problem hinein, dass die Krankenkasse nicht mehr bezahlt.

[00:47:37.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ADHSler entwickeln ja ohnehin alle möglichen anderen Krankheiten. Dann kann ich das
diagnostizieren.

[00:47:44.280] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS ist ein Genotyp. Wenn man sagt, ADHS sei ein Krankheit, wenn man von der
Krankheitsvorstellung ausgeht, dann muss man ja die Krankheit wegtherapieren. Dann gibt man Ritalin.
Ritalin beeinflusst nur eine einzige Symptomatik des Genotyps. Das ist die Aufmerksamkeit.

[00:48:07.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Die sogenannte Aufmerksamkeitsstörung könnte auch eine breite Aufmerksamkeitsfähigkeit sein.

[00:48:16.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Die nehmen alles auf, was im Umfeld abläuft. Das ist nicht immer schlecht. Sie merken zuerst, wenn
etwas falsch läuft. Das ist gar nicht unbedingt eine Störung.

[00:48:27.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Unser Tunnelblick ist vielleicht pathologischer als die breite Aufmerksamkeit.

[00:48:34.160] – Dr.med. Karl Studer
Das ist ein interessantes Phänomen. Sie sind zum Teil auch sehr intelligent.

[00:48:39.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt viele Intelligente darunter.

[00:48:42.210] – Dr.med. Karl Studer
Sehr kreative Leute. Absolut. Ich habe das in der Nähe einer Cousine erlebt, die einen ADHS Sohn hat.
Ich habe gesagt, dass sie einen interessanten Sohn habe.

[00:48:55.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Genau.

[00:48:57.430] – Dr.med. Karl Studer
Sie war ein bisschen konsterniert, sie hatte das Gefühl, wir würden ihn pathologisieren. Ich sagte, nein,
aber du siehst ja selbst, er ist hochbegabt.

[00:49:07.870] – Dr.med. Karl Studer
Das ist interessant und was er erzählt, ist spannend. Er ist ein interessanter Kerl.

[00:49:13.910] – Dr.med. Karl Studer
Du musst ganz speziell zu diesem schauen. Darum habe ich dich gefragt, ob Du Literatur zu diesem
Thema hast. Ich habe die Literatur dann gefunden.

[00:49:25.860] – Dr.med. Karl Studer
Dann hat sie ihn abgeklärt. Dann ist es genauso herausgekommen.

[00:49:34.970] – Dr.med. Karl Studer
Im Grunde genommen erfassen, was ihre Potenziale sind, ist doch etwas ganz Wichtiges von den
ADHSlern. Nicht nur auf die Pathologie schauen, dass sie Schläger sind.

[00:49:51.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss ihre Persönlichkeit, ihre Eigenschaften, ihre Fähigkeiten, auch ihre Schwierigkeiten muss man
erfassen und dann damit umgehen.

[00:50:02.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann aber diese Anlagen nicht wegtherapieren. Das ist richtig, ja. Früher sagte man, das wachse
sich aus. Jetzt weiss man, dass es bleibt. Es ist ja genetisch bestimmt. Das muss bleiben.

[00:50:14.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man mit der Haltung an ein Kind, an einen Menschen, an einen Erwachsenen, herangeht, ADHS ist
eine Krankheit, dann muss man die wegmachen. Eine Krankheit muss man wegmachen.

[00:50:26.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage, Gene kann man nicht therapieren. Gene kann man nicht wegmachen. Diese Auswirkung ist da.
Da müsste man Crispr machen, aber das geht nicht. In diesem Alter geht das nicht mehr. Dann kommt
eine Katastrophe heraus.

[00:50:40.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus diesem Grund stand ich so stark dahinter. Es ist keine Krankheit. Es ist ein Persönlichkeitstyp, ein
Genotyp. Es sind Gene.

[00:50:48.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss lernen, diese Auswirkungen, diese Persönlichkeiten zu verstehen. Wenn man sie versteht,
kann man mit ihnen umgehen, artgerecht, persönlichkeitsgerecht.

[00:50:59.020] – Dr.med. Ursula Davatz

Dann entstehen weniger Krankheiten daraus. Wenn man Probleme hat, dass die Krankenkasse nicht
bezahlt, schaut man einfach die Auswirkungen an und hängt dort das Störungsbild an.

[00:51:09.620] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS als solches darf nicht als Krankheit angeschaut werden.

[00:51:14.270] – Dr.med. Karl Studer
Gegenüber dem Patienten.

[00:51:17.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist einfach seine Persönlichkeit und die ist etwas anspruchsvoller.

[00:51:23.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Solange man sagt, dass es eine Krankheit ist, kommt sich der Patient selbst immer gestört vor und gibt
sich wahnsinnig Mühe, normal zu sein, wie die anderen, wie der Durchschnitt, setzt ein riesiger Druck auf
sich aus.

[00:51:39.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Das macht dann wieder körperliche Krankheiten und andere Krankheiten.

[00:51:45.000] – Dr.med. Karl Studer
Spannend. Früher haben wir das ja nicht so wahrgenommen.

[00:51:51.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, nein, nein.

[00:51:52.300] – Dr.med. Karl Studer
Wenn ich 50 Jahre zurückdenke, was ich hie und da mache, denke ich, wo sind denn die gewesen?

[00:52:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe es 1973 wahrgenommen. Dort kam ein Kinderarzt von St. Gallen auf Samedan, wo ich als
Assistenzärztin war, und hat über POS Kinder gesprochen.

[00:52:12.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Als er diese beschrieben hat, dachte ich, dass das ganz ähnlich klingt. Die Hypersensibilität haben
Schizophrenen auch. Dort habe ich den Zusammenhang gesehen.

[00:52:25.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte es dann wieder in den Hintergrund gelegt und habe es 1980 in Köngisfelden wieder
aufgenommen.

[00:52:36.080] – Dr.med. Karl Studer
Hattest Du ein Feedback zu deiner Arbeit, zu deiner Publikation?

[00:52:40.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Ganz wenig.

[00:52:41.740] – Dr.med. Karl Studer
Ganz wenig. Das erstaunt mich ein bisschen.

[00:52:49.650] – Dr.med. Karl Studer
Ich habe jetzt den Prof. Dr.med. Luc Ciompi interviewt.

[00:52:51.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja.

[00:52:51.940] – Dr.med. Karl Studer
Ja. Dort sind sie dann gekommen.

[00:52:54.980] – Dr.med. Karl Studer
Du musst jetzt schauen, in der Neuen Zeitung gibt es dann Kritik von den welschen Psychiater, die
finden, halt, halt, halt, Prof. Dr.med. Luc Ciompi Jompi, du siehst das zu schwarz, und dann gibt es eine
Replik von Prof. Dr.med. Luc Ciompi.

[00:53:11.460] – Dr.med. Karl Studer
Du musst jetzt schauen, in der nächsten Zeitung kommt dann das.

[00:53:14.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Sehr gut.

[00:53:14.990] – Dr.med. Karl Studer
Sie sind ein wenig aktiv geworden, aber weder nur die Welschen.

[00:53:20.180] – Dr.med. Ursula Davatz

Die sind immer schon ein wenig aktiver gewesen.

[00:53:21.920] – Dr.med. Karl Studer
Die sind sensibler auf die Geschichten.

[00:53:24.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, stimmt, stimmt. Also, es gibt noch etwas zu tun. Arbeitest Du mit?

[00:53:29.350] – Dr.med. Karl Studer
Ich bin schon dabei, aber so lange haben wir keine Möglichkeiten mehr.

[00:53:36.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber Hauptsache wir können uns gut unterhalten.

[00:53:41.040] – Dr.med. Karl Studer
Ich verkünde es, wo ich kann.

[00:53:45.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Gut, freut mich sehr. Ich habe mich sehr unterstützt gefühlt durch dich.

[00:53:48.460] – Dr.med. Karl Studer
Gut, ist recht.

[00:53:50.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Danke vielmals.

[00:53:51.940] – Dr.med. Karl Studer
Jemand origineller wie dich gibt es nicht ein zweites Mal.

[00:53:56.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Danke, danke.