Weiterbildung zum Thema ADHS/ADS für Eltern, Lehrer, Betreuungspersonen der Schule Weinberg-Turner

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Dr.med. Ursula Davatz, Irene Beerli

23.12.2020

Weiterbildung zum Thema ADHS/ADS für Eltern, Lehrer,
Betreuungspersonen der Schule Weinberg-Turner
Audio
[00:00:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich möchte Sie alle ganz herzlich begrüßen. Es geht darum, die Fragen zu beantworten, die Eltern
gestellt haben vom Schulhaus Weinberg Turner.

[00:00:21.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben im Rahmen einer Weiterbildung für die Eltern und Lehrer zwei Videos verschickt.

[00:00:31.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Eines, da ging es darum ADHS und Schulschwänzen, also Schulverweigerung.

[00:00:36.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Im anderen ging es darum schwierige Familiensituationen und Schulverweigerung.

[00:00:44.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben uns vorgenommen, die Fragen auf Video aufzunehmen und sorgfältig zu beantworten.

[00:00:52.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe dazu Frau Irene Beerli gefragt, Handarbeitslehrerin, sie kommt vom Werken, dass sie die
Fragen vorliest und dann auch selbst noch Fragen einbringt oder ihre Erfahrungen im Umgang mit ADHS
Kindern uns mitteilt.

[00:01:15.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Irene Beerli ist von ADHS 20+ und wir arbeiten auch dort miteinander zusammen, haben schon viel
Austausch gehabt und ich übergebe ihr jetzt das Wort, dass sie die Frage stellen kann.

[00:01:30.000] – Irene Beerli
Die erste Frage lautet: Ich bin über den Satz in der Einleitung gestolpert: Ist keine Krankheit. Als Mutter
von zwei Kindern mit Diagnose ADHS und selbst betroffen habe ich gelernt, dass ADHS und ADS eine
Krankheit ist.

[00:02:00.330] – Dr.med. Ursula Davatz

Ich sage ganz bewusst, ADHS ist keine Krankheit. ADHS ist ein genetisch vererbter Genotyp, ein
Persönlichkeitstyp.

[00:02:10.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Man könnte auch sagen, ADHS ist eine Persönlichkeitsdiagnose.

[00:02:14.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Persönlichkeitsdiagnose und nicht eine Krankheitsdiagnose.

[00:02:22.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wird in der medizinischen und psychiatrischen Welt immer mehr davon geredet, dass ADHS und
andere psychiatrische Krankheiten miteinander vorkommen und man redet dann von Komorbidität.

[00:02:37.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Die häufigste Krankheit, wirklich Krankheit, die kombiniert ist mit ADHS, ist die Suchtkrankheit.

[00:02:46.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sagt man, 30% von ADHSlern haben eine Suchtkrankheit.

[00:02:52.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Die zweite Kategorie ist der Autismus. ADHS und Autismus wird zusammen genannt.

[00:03:03.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich persönlich sage, Autismus ist eine extreme Form von ADS, also ohne die Hyperkinese.

[00:03:14.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei Autismus sagt man 25% ADHS ist kombiniert mit Autismus.

[00:03:23.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Borderline Persönlichkeitsstörung, ich selbst treffe auch viele Borderline Persönlichkeitsstörungen an.

[00:03:28.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich dahinter schaue, dann sehe ich, dass es ADHS Persönlichkeitstypen sind, die zu streng, zu eng
erzogen wurden.

[00:03:42.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Angststörung ist mit ADHS zu 15% kombiniert.

[00:03:52.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann man auch wieder erklären.

[00:03:54.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Angststörung tritt auf, wenn das Kind ständig kritisiert wird, immer Angst hat, davor etwas falsch zu
machen.

[00:04:04.220] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS Kinder machen vieles nicht der Norm gerecht.

[00:04:09.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort ziehen sie sich schlussendlich zurück.

[00:04:12.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann es auch eine Angststörung geben.

[00:04:14.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kann auch Zwangsstörungen geben. Das wird noch nicht so gebracht.

[00:04:19.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Depressionen natürlich. ADHS Kinder kommen sich häufig als Verlierer vor.

[00:04:26.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage ja, die Verliererkrankheit. Also Depression ist eine Verliererkrankheit.

[00:04:34.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man ständig das Gefühl hat, man ist nicht recht, endet man irgendwann mal in der Depression.

[00:04:41.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Die bipolare Störung wird auch genannt. Das sind in der Regel auch Menschen, die eine ADHS
Persönlichkeit haben und die auch eher sehr eng erzogen worden sind.

[00:04:58.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie dann genügend von dieser Enge haben oder sie es fast nicht mehr aushalten, dann sprengen
sie alle Grenzen mit einem manischen Schub. Man redet dann von bipolar.

[00:05:15.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Noch eine Statistik: man sagt zwei Drittel der Erwachsenen, bei denen ADHS diagnostiziert wird, haben
eine zusätzliche Diagnose. Da spricht man dann von Komorbidität.

[00:05:32.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage es wieder und ich sage es nochmal, nein, ADHS ist keine Krankheit, ADHS ist nur eine
Persönlichkeitsdiagnose.

[00:05:43.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Persönlichkeitsdiagnose, die genetisch weitergegeben wird.

[00:05:47.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald man von Komorbidität, also zwei Krankheiten, redet, dann sagt man ja, die Menschen mit ADHS,
die müssten das loswerden.

[00:06:00.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eigenschaften, die einhergehen mit einem ADHS, die wird man in dem Sinn nie los.

[00:06:08.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann nur lernen, besser damit umzugehen. Darum geht es.

[00:06:16.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Langsam wird das in der Wissenschaft auch mehr diskutiert, dass man sieht, dass ADHS Diagnose im
Erwachsenenalter auch eben halt kombiniert ist mit anderen Krankheiten.

[00:06:35.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Man fragt sich dann, wie kommt es dazu, dass das zusammengehört?

[00:06:40.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Wissenschaft sagt noch immer, siw weiß nicht, wie das zusammengehört und ich sage da ganz klar,
ja, es gehört zusammen, aber in dem Sinne, dass diese Persönlichkeitsdiagnose, das ADHS oder ADS,
dass diese Menschen sehr viel vulnerabler sind auf Verletzungen und zwar wegen ihrer starken
Sensitivität, wegen ihrer Sensibilität und auf die Verletzungen dann häufig mit Aggression reagieren, die
ADHSler, oder mit Rückzug, mit Ausweichen, mit innerem Fluchtverhalten.

[00:07:27.170] – Dr.med. Ursula Davatz

Wenn man von einer Krankheit redet, bei ADHS und ADS, dann müssen sich Menschen mit dieser
Persönlichkeitsdiagnose, mit diesem Persönlichkeitstyp, müssen ja immer davon ausgehen, ich bin nicht
richtig und ich muss gesund therapiert werden. Das geht nicht.

[00:07:47.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann nicht gesund therapiert werden, man kann nur lernen besser damit umzugehen. Als erstes
muss das Umfeld lernen mit diesen Kindern besser umzugehen und nicht die Kinder schon am Anfang
mit sich selbst. Denn ein Kind ist wie es ist.

[00:08:05.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist spontan, hat seine spontanen Reaktionen.

[00:08:08.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Als erstes ist es das Umfeld, das lernen muss, mit diesen Kindern, mit diesen speziellen
Persönlichkeitstypen umzugehen.

[00:08:17.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Umfeld das lernt, dann hat man eine gute Chance, dass sich aus diesen Kindern interessante
Kinder entwickeln können.

[00:08:28.000] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn habe ich vor ein paar Monaten einen Artikel geschrieben im Magazin "Swiss Archives of
Neurology, Psychiatry and Psychotherapy". Der Titel lautet "Die Gene legen den Grundstein. Das Umfeld
bestimmt die Krankheit".

[00:08:49.340] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn sind die Krankheiten, die bei ADHS Kindern auftreten und dann bei den erwachsenen
Menschen mit ADHS, sind eigentlich alles Folgekrankheiten.

[00:09:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist für mich so wichtig, denn wenn man an das denkt, wenn das Umfeld lernt, mit diesen Kindern
umzugehen, dann braucht es nicht so viele Krankheiten daraus zu geben.

[00:09:16.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hätte eine wichtige präventive Wirkung.

[00:09:21.340] – Dr.med. Ursula Davatz

Ich nehme einen anderen Artikel, der ist aus der Medical Tribune, der Titel heißt "ADHS, zu wichtig, um
ignoriert zu werden".

[00:09:37.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Diesen Titel kann ich nur unterstützen, man sollte es nicht ignorieren.

[00:09:45.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher hat man gesagt, ADHS wächst sich aus, mit 20 ist das alles vorbei. Aber Gene gehen nicht weg
mit 20, die Auswirkungen von den Genen auch nicht. Das ist immer noch da.

[00:09:58.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie gesagt, das Umfeld muss lernen, damit besser umzugehen und die betroffenen Personen müssen
lernen, besser damit umzugehen.

[00:10:08.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Leider spricht man halt immer noch von Komorbidität, aber ich spreche von Folgekrankheiten.

[00:10:15.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich gebe dir wieder das Wort für den nächsten Teil der Frage.

[00:10:22.360] – Irene Beerli
Die zweite Frage wäre, wir hatten große Bedenken, unseren Kindern Medikamente zu verabreichen.
Heute sind wir froh und dankbar für diese Hilfe. Die Einsicht in das Krankheitsbild war ein erster Schritt.
Vielleicht ist es mir darum so wichtig, das klarzustellen.

[00:10:45.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Okay, da geht man auf die Medikamente ein. Ich sage noch mal, Sie nennen das Krankheitsbild die
Mutter oder der Vater und ich sage, es ist ein Persönlichkeitsbild.

[00:11:00.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Persönlichkeitsbild zu erkennen, das ist sehr hilfreich. Das ist hilfreich für die Eltern, ist hilfreich für
die Lehrer, ist hilfreich für einem selbst, also für die betroffene Mutter oder den Vater.

[00:11:14.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Was die Medikamente anbetrifft, ja, es gibt Medikamente, die man den ADHS Kindern gibt und die
korrigieren oder verändern ein wichtiges Hauptsymptom.

[00:11:29.960] – Dr.med. Ursula Davatz

Das ist die, man sagt Aufmerksamkeitsstörung, man könnte an sich auch sagen eine breite
Aufmerksamkeit.

[00:11:41.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Kinder, die nehmen alles wahr im Raum und wenn das, was der Lehrer erzählt, langweilig ist oder
nicht so packend, dann wird woanders hingeschaut.

[00:11:53.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann diese breite Aufmerksamkeit, die man mit Aufmerksamkeitsstörung bezeichnet, die kann man
einengen und fokussieren.

[00:12:04.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit all den Amphetaminen, also Ritalin, Concerta, Focalin und so weiter, mit all diesen Amphetamin
ähnlichen Stimulantien, Medikamenten, mit denen kann das Kind besser fokussieren.

[00:12:19.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Da in unserem Schulbetrieb und am Arbeitsplatz das verlangt wird, dass wir fokussieren können, dass wir
keine so breite Aufmerksamkeit haben, sondern eben auf das fokussieren, was der Lehrer von uns will,
was der Arbeitsplatz von uns will, dann kann das sehr hilfreich sein.

[00:12:40.560] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn ist das ein gutes Hilfsmittel, Unterstützungsmittel und man muss es nicht einfach verpönen.
Wenn Kinder diese Medikamente nehmen, dann kann es sein, dass ihre Noten stark hochgehen und
dass sie dann vielleicht den Übertritt in die nächste Schule besser schaffen, etc.

[00:13:02.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage aber immer, am Wochenende sollte man es weglassen, wenn es die Eltern ertragen. Wenn es
die Eltern nicht ertragen, dann gibt man es halt auch dann.

[00:13:16.080] – Irene Beerli
Fast in jeder Klasse gibt es mindestens ein Kind mit einer ADHS/ADS Veranlagung. Wie können Lehrer
und Lehrerinnen Kinder mit dieser Charakteristik unterstützen? Ist es möglich, diese Kinder so zu fördern,
dass sowohl sie selbst als auch die Mitschüler etwas davon haben?

[00:13:43.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, das Problem bei ADHS Kindern, also die mit der Hyperkinese, ist, dass sie sehr impulsiv sind
und schnell sind.

[00:13:56.220] – Dr.med. Ursula Davatz

Unser Problem ist, dass wir effizient sein wollen. Man muss möglichst gut lernen. Man hat keine Zeit für
Zwischendinge.

[00:14:07.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, ADHS Kinder sind Problemkinder in der Schule. Sie stören. Sie können auf zwei Arten stören.
Sie stören, wenn es ihnen langweilig ist und sie stören, wenn sie dem Lehrer helfen wollen.

[00:14:22.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind ja auch sehr empathisch. Manchmal kommen sie dann auch rein als Führungsfiguren und wollen
sagen, wie man es machen muss.

[00:14:31.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Da ist wichtig, dass der Lehrer eine gute, natürliche Autorität hat, dass er sich nicht infrage gestellt fühlt
durch das Reinschwatzen das Besserwissen, das nochmal eine Frage stellen und so weiter, sondern
dass er das ruhig entgegen nimmt, entschleunigt, langsamer geht und dann eine Interaktion zulässt.

[00:14:59.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann seinen Unterricht nicht einfach so weiterziehen, wie es auf dem Programm steht. Vielleicht fällt
dann vieles weg. Aber man kann mehr Interaktion zulassen und ich sage vor allen Dingen dann
Konfliktlösungen.

[00:15:18.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss sich verlangsamen und sich Zeit lassen für die Konfliktlösung.

[00:15:23.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei der Konfliktlösung kann es nicht sein, dass nur das ADHS Kind sich der Regelschule anpassen muss.

[00:15:29.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Regelschüler, die Normotypen müssen auch lernen mit der Andersartigkeit des ADHS Kindes
umzugehen. Vielleicht kann das ADHS Kind eine Problemlösung vorschlagen oder umgekehrt und so hin
und her.

[00:15:46.700] – Dr.med. Ursula Davatz
An sich ging es dann um demokratisches Lernen. Also dass man sich miteinander austauscht,
voneinander lernt und lernt, miteinander Probleme zu lösen.

[00:15:57.940] – Dr.med. Ursula Davatz

Der Lehrer bekommt dann die Funktion eines Mediators, eines Coaches, eines Vermittlers und nicht mehr
nur ein Instruktor.

[00:16:07.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, das gleich gilt für die Familie zu Hause, wenn etwas falsch läuft, dass man schaut, was sagt
die Partei? Was sagt die Partei? Ja, ich verstehe das, ich verstehe das. Jetzt, wie suchen wir uns eine
Lösung?

[00:16:23.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, das wäre eine gute politische Erziehung. Wenn wir auf unsere Politiker nicht in der Schweiz,
allgemein schauen, hätten die das gut gebrauchen können.

[00:16:39.830] – Irene Beerli
Kinder mit ADHS/ADS haben ein grosses Potential und können damit unsere Gesellschaft in
wesentlichen Dingen ergänzen. Viele sind sehr kreativ und haben die Fähigkeit, durch unkonventionelles
Denken neue Lösungen zu erarbeiten. Wenn die Motivation stimmt, können Sie sich ausserdem mit
doppelter Intensität einer Aufgabe widmen und saugen alle notwendigen Informationen innert kürzester
Zeit auf. Ausserdem sind Sie oft äusserst hilfsbereit. Warum gelingt es uns selten, diese positiven Seiten
zu sehen und warum tendieren wir dazu, diese Kinder immer wieder abzustempeln? Auf der anderen
Seite gibt viele Kinder ohne ADHS/ADS, welchen es sehr gut gelingt, genau den Anforderungen zu
entsprechen und Arbeiten zu Ende zu bringen. Wäre es nicht möglich, schon in der Schule gute
Seilschaften aus dieser unterschiedlichen Veranlagung zu bilden?

[00:17:47.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Das spricht auch eine ganz wichtige Frage an. Wir reden ja immer von der Multi-Kulti-Gesellschaft. Die
Schweiz ist ein multikulturelles Land. Wir haben vier Landessprachen. An sich haben wir in der Schweiz
Tradition von Verschiedenheiten und dass wir miteinander reden können.

[00:18:11.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe ich am Radio gehört, da hat ein Österreicher gesagt, wir Schweizer switchen ganz schnell von
Hochdeutsch zu Schweizerdeutsch und hin und her. Also wir sind flexibel, wir sind auch relativ begabt im
Sprachen lernen, weil wir schon diese Flexibilität haben.

[00:18:31.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kann die Frage nur, also die Haltung nur unterstützen. Wir sollten dieses unterschiedliche Kollektiv
möglichst nutzen, sodass alle etwas voneinander haben.

[00:18:43.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Da bringe ich dann immer ein biologisches Gesetz, also eine heterogene, also genetisch unterschiedliche
Gesellschaft, Kollektiv, überlebt viel besser als eine homogene.

[00:19:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sagt man von der Biologie her, aber ich denke, das gilt allgemein für uns Menschen. Wir sollten
lernen, die Unterschiede zusammenzusetzen und miteinander zusammen arbeiten zu lassen.

[00:19:15.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann geht es natürlich nicht nur um Kompetition, wer ist besser und schneller und gescheiter und so
weiter, sondern wer kann was einbringen.

[00:19:26.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Da geht es wieder um eine Verlangsamung. Ich denke, wenn der Lehrer das zulassen will, wenn die
Eltern das zulassen wollen, müssen sie auch wieder die Prozesse verlangsamen und dürfen nicht so
schnell zum Ziel kommen.

[00:19:45.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt da auch so Sprüche, man sagt ja auch der Weg ist das Ziel und nur wer vom Weg abkommt,
kommt auf neue Lösungen.

[00:19:54.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kann da noch etwas anderes dazu sagen. Es ist allgemein bekannt und wird statistisch auch erfasst,
Menschen mit bipolaren Störungen, das wäre für mich wieder die Folgekrankheit vom ADHS.

[00:20:13.400] – Dr.med. Ursula Davatz
In Familien, in denen bipolare Störung vorkommt, hat es viel mehr Kreativität.

[00:20:19.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kann man die Brücke schlagen zum ADHS. Menschen mit ADHS haben die Tendenz, Grenzen
überschreiten zu können.

[00:20:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Dadurch können sie eher kreativ sein. Von dort her können wir diese Kreativität von ADHS Kindern nur
allzu gut gebrauchen.

[00:20:40.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sollten sie nicht ersticken, erdrücken, und geradlinig zähmen, da geht uns sehr viel verloren.

[00:20:52.260] – Dr.med. Ursula Davatz

Die Mutter oder der Vater, der die Frage gestellt hat, hat absolut recht. Wir sollten diese Kreativität mehr
nutzen. Das sollte schon in der Schule beginnen, dass die Kreativität mit eingebracht werden kann in den
Unterricht.

[00:21:10.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht kann man sich dann nicht immer ganz an den Lehrplan halten. Vielleicht wird man dann nicht
mit allem fertig.

[00:21:18.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sage ich aber, zur Zeit des Internets, alles was man so an Wissen sich aneignen kann, kann man
heutzutage auch übers Internet holen.

[00:21:31.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Was die Kinder lernen müssen, ist logisch denken, lesen und schreiben, Mathematik, Handarbeit, Praxis,
also umsetzen in die Handlung.

[00:21:45.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort her kann ich nur alle Eltern, alle Lehrer dazu auffordern, nehmen Sie sich die Zeit, gönnen Sie
sich eine Auszeit vom Lehrplan und gehen Sie persönlichkeitsgerecht mit diesen Kindern um und lassen
die anderen Kinder auch davon lernen.

[00:22:06.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, wenn die Normotypen lernen, mit solchen andersartigen Kindern umzugehen, dann kommt
ihnen das sehr zugute später auch am Arbeitsplatz.

[00:22:16.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie werden nicht gerade erschreckt, wenn irgendwann mal etwas anders läuft und ich kann da wieder in
die körperliche Gesundheit gehen. Kinder, die nichts mit Dreck zu tun haben, also die steril aufwachsen,
die haben viel mehr Allergien.

[00:22:32.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Kinder, die mit unterschiedlichen Situationen, unterschiedlichen Persönlichkeitstypen in der Schule
umgehen lernen müssen, die sind flexibler und anpassungsfähiger später im Erwachsenenleben.

[00:22:48.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wären meine Ideen dazu. Jetzt möchte ich dir gerne das Wort geben.

[00:22:56.460] – Irene Beerli

Also ich kann ganz vieles unterstützen, was du gesagt hast. Und zwar in meinem Alltag auch. Und auch,
dass es hin und wieder wirklich nicht ganz einfach ist, diese Balance zu finden von dem, was ich
eigentlich vorhabe, auch eigentlich machen möchte und dann diese Querdenker oder je nachdem,
manchmal sind sie ja dann nicht so angepasst, dass das aufgeht.

[00:23:22.780] – Irene Beerli
Das finde ich nicht immer ganz einfach, weil man ja dann verschiedene Sachen auch überlegt oder
machen möchte. Manchmal ist es einfacher oder schneller beim Erkennen von den hyperaktiven Kindern
und mein Fokus ist manchmal bei den Verträumten, weil da merke ich auch, die finde ich manchmal
wirklich traurig, die kommen etwas zu kurz.

[00:23:48.160] – Irene Beerli
Ich habe auch Erfahrungen gemacht, die sind extrem lustig, wenn man das auf einer anderen Ebene
betrachtet. Aber sehr schräg. Die machen Sachen, da ist erstaunlich, die sind manchmal auch neben den
Schuhen. Aber können das vielleicht nicht so wie ein hyperaktives Kind schnell präsentieren, da auf
einmal steht man neben einem Kind und versteht nicht, was das jetzt gemacht hat. Wenn man nicht
achtsam ist, könnte man auch ganz schnell mit dem Kind schimpfen. In dem Sinn, was hast du gemacht?
Wenn man dann achtsam ist, kann man das ganz anders begleiten.

[00:24:26.640] – Irene Beerli
Ich glaube, das hat es dann auch sehr, sehr notwendig. Es steht viel an.

[00:24:33.640] – Irene Beerli
Ich denke, das ist dann ja je nachdem der Seelenschmerz, den das Kind hat, wo nicht sichtbar ist. Bei
den hyperaktiven gibt es ganz eine andere Dynamik.

[00:24:45.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, ich denke, das ist sehr wichtig, sowohl wieder für Eltern als auch für Lehrer, dass sie die ADS Kinder,
die Träumer im Auge haben und sich immer wieder mal vornehmen, ich muss dieses Kind mehr
rausholen. Denn die können nicht von nicht von sich aus sich in Szene setzen und präsentieren und die
hängen dann einfach ab.

[00:25:10.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort her sind die darauf angewiesen, dass man sie anspricht. Aber es sind so wie Fundgruben. Die
Lehrerin muss merken, dass da eine Fundgrube ist und dass man das rausholt. Wenn es die Lehrperson
macht, ist sie vielleicht auch mehr ein Vorbild für die anderen Kinder, dass nicht nur immer die Lauten das
Sagen haben, sondern auch die Leisen.

[00:25:40.780] – Irene Beerli
Ja, das kann ich nur unterstützen, das tut den Kindern wirklich gut.

[00:25:46.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber man muss sich das immer wieder sagen.

[00:25:48.720] – Irene Beerli
Ja, das ist wirklich im Alltag dann auch gar nicht so einfach. Das muss dann ganz schnell in diese Muster
gehen, wie man es sich denkt, müsste es sein, oder?

[00:25:58.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Wahrscheinlich muss man da auch mal ein lautes Kind abbremsen und sagen, du hast viele gute Ideen,
aber du hast jetzt schon viel mal was gesagt, jetzt muss ich mal das Kind fragen. Oder man könnte sogar
das aktive Kind dazu bringen, dass es das Stille fragt. Wäre doch eine Möglichkeit, dass es gar nicht
immer der Lehrer ist.

[00:26:19.760] – Irene Beerli
Das wirkt manchmal sowieso sehr gut, wenn sie sich gegenseitig helfen können. Das ist wirklich eine
Herausforderung im Alltag. Ich denke, da habe ich manchmal noch gute Möglichkeiten, weil ich das
besser steuern kann und auch den Lehrplan anders dann deute.

[00:26:41.060] – Irene Beerli
Von dem her sind Fächer wie Handarbeit etwas sehr Wichtiges, weil wir als Handarbeitslehrerinnen auch
einen anderen Blick haben und diese Kinder auch sehr gut erkennen können. Wenn wir wissen, worum
es geht, dann ist das ein sehr guter Prozess auch für diese Kinder.

[00:27:00.000] – Irene Beerli
Es ist eine Herausforderung für die Lehrperson, je nach Gruppe. Aber es kann für die Kinder nochmals
eine ganz neue Erfolgsgeschichte sein, je nachdem.

[00:27:09.750] – Irene Beerli
Sie können sich einmal anders darstellen oder man kann sie anders begleiten. Ich finde mehr Freiheit,
ohne auch dem Lehrplan abtrünnig zu werden. Ich habe mehr Spielraum. Das finde ich schön.

[00:27:23.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Du bist viel mehr bei der Praxis. Bei der Praxis auch vom Leben. Ich begegne manchmal Erwachsenen
Patienten, die voll im Kopf sind und die ich dann runterholen muss in die Praxis und sagen, werden Sie
praktisch, handeln Sie und nicht nur immer das Karussell im Kopf. Ich denke, das ist gerade bei ADHS
Menschen auch sehr wichtig.

[00:27:49.640] – Irene Beerli

Ich denke auch, beim Handeln kommt ja dann ein anderer Geist im Kopf, man kann andere Prioritäten
beginnen zu setzen. Ich denke auch, dass wird leider wieder etwas zu oft in Vergessenheit geraten, wie
wichtig das ist, dass man das auch eingeübt hat. Man kann nicht im Erwachsenenalter beginnen mit
Handlungen, wenn man das nie getan hat. Es braucht eine gewisse Übung, wo man wieder anknüpfen
kann. Das sehe ich auch in die Richtung.

[00:28:18.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir legen da viel zu viel Gewicht auf das rein Intellektuelle.

[00:28:24.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Das geht so schnell im Kopf.

[00:28:27.340] – Irene Beerli
Man muss sich viel mehr bewusst werden, wie wichtig die Kombination ist. Das eine lernt dann vom
anderen. Dann kommt man in andere Ebenen hinauf.

[00:28:39.570] – Irene Beerli
Dazu habe ich noch zwei Fragen. Das eine wäre, wie kann einem Kind geholfen werden, das eben
verträumt und vergesslich unterwegs ist, das dadurch auch dauernde Ermahnungen erhält? Wie kann ich
das als Mutter fördern und sein Selbstwertgefühl vor allem? Wie kann ich da umgehen?

[00:29:06.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sagt ja, Menschen mit ADHS entwickeln häufig im Erwachsenenalter auch ein Messie Syndrom. Das
beginnt schon in der Pubertät, respektive vorher.

[00:29:20.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Weil sie so viele Ideen haben, weil sie so schnell im Geist sind, wird alles Mögliche angefangen. Von dort
her ist es wichtig, das fängt eigentlich vor der Pubertät an, dass man ihnen Rituale beibringt, die sie dann
übernehmen können.

[00:29:38.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Die meisten Mütter machen den Fehler, sie sind immer hinter dem Kind hinterher und sagen, du musst
noch das, du musst noch das, hast du das nicht vergessen, denk dann dran. Also sie sind so das, wie soll
ich sagen, das Überich vom Kind.

[00:29:55.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist nicht gut. Man muss klare Abläufe mit den Kindern einüben und eher schon früh.

[00:30:05.280] – Dr.med. Ursula Davatz

Die Kinder können dann diese klaren Abläufe, diese Strukturen übernehmen. Es darf nicht zu viel sein, es
darf nicht zu pedantisch sein, lieber weniger, aber das dafür als Struktur beibehalten.

[00:30:23.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss natürlich das auch vorleben, wenn man selber chaotisch in dem Zeug herum weibelt, ist es
schwierig für das Kind, das zu lernen.

[00:30:33.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich erlebe auch immer wieder, wenn die Mutter chaotisch ist, manche Kinder werden dann fast zwanghaft
ordnungsliebend. Also sie korrigieren.

[00:30:44.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, die Mütter, die Väter müssen den Kindern lernen, Struktur zu setzen und dass die Kinder diese
Struktur dann im Gehirn einpflanzen können als Gewohnheit.

[00:30:58.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sagt, sie lernen nicht so schnell, denn sie haben immer wieder andere Dinge. Aber wenn man es
lang genug macht, dann bleibt das schon.

[00:31:08.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, Struktur. Alles, was die Kinder natürlich gerne machen, also ein Instrument spielen, einen
Sport machen, eine Handarbeit, irgendetwas, was ganz persönlich wichtig ist für das Kind.

[00:31:23.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Kinder solche Hobbys haben, hilft ihnen das, sich immer wieder zu fokussieren und zu sich zu
kommen.

[00:31:33.300] – Irene Beerli
Das denke ich auch und ich erlebe das auch manchmal. Die Kinder, welche viele Freizeitbeschäftigungen
haben, die werden auch abgelenkt mit positiven Erfahrungen. Das ist fast besser, als wenn man
runterfährt, weil sie nicht so gut in der Schule sind.

[00:31:56.120] – Irene Beerli
Ich glaube das Gegenteil für die Kinder. Das bringt ihnen unglaublich viel, auch Selbstwertgefühl.

[00:32:01.710] – Irene Beerli

Sie gehen in einen Töpferkurs, Sport machen, gehen vielleicht noch in den Musikunterricht. Ich glaube,
es bringt fast mehr, als wenn man runterfährt, und die haben dann nichts, sie fallen dann fast mehr in
eine Leere, oder? Das tut Ihnen nicht gut.

[00:32:19.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Da bin ich absolut mit Dir einverstanden. Manchmal sagen die Eltern, du bist nicht gut im Französisch
oder in der Mathematik, du kannst jetzt nicht Fussball spielen gehen. Erst wenn du die Note 5 hast, dann
kannst du wieder gehen. Falsch! Absolut falsch!

[00:32:35.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Gegenteil, die sollen diese Freizeitbeschäftigung haben. Die zieht die Note eher hoch. Klar, was die
Struktur anbetrifft, man muss klare Zeiten haben, wann sie die Aufgaben machen, dass sie sich auch an
diese Struktur gewöhnen.

[00:32:53.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Hobby wegnehmen, damit sie besser in der Schule werden, funktioniert überhaupt nicht. Viele Eltern
machen das.

[00:33:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat sogar auch wieder Untersuchungen gemacht. Nach dem Turnen sind viele aufmerksamer,
besser dabei. Denn dann stimulieren sie ihr eigenes Dopamin. Dann brauchen sie kein Ritalin. Dann ist
es durch die Aktivität schon gemacht.

[00:33:15.000] – Irene Beerli
Das ist wunderbar.

[00:33:18.100] – Irene Beerli
Wie gehe ich damit um, wenn ich als Mutter Strukturen geben muss, weil ich ein Kind habe, das
chaotisch ist? Selber bemerke ich, dass ich ja ebenfalls ein ADS/ADHS habe und ebenfalls chaotisch bin.

[00:33:37.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Da treffe ich unterschiedliche Familien an, manche Mütter oft, aber auch Väter, wenn ihr Kind die
Diagnose ADHS bekommt, dann beginnen die sich selber zu hinterfragen, reflektieren und sagen relativ
schnell, ich glaube, ich habe auch ein ADHS.

[00:34:00.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit denen lässt sich dann gut arbeiten. Die sagen dann auch, jetzt verstehe ich mich viel besser, weil ich
es jetzt einordnen kann. Nicht in die Krankheitsdiagnose, sondern eben in die Persönlichkeitsdiagnose.
Die haben dann auch Verständnis.

[00:34:20.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal passiert auch, ich habe ja auch ein ADHS, sagt die Mutter, und da muss das Kind quasi
Rücksicht nehmen auf sie. Das geht natürlich nicht.

[00:34:29.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Eltern müssen zuerst mit unseren Problemen zurechtkommen und nicht einfach das Kind kritisieren.
Also es gilt nicht "quod licet jovis non licet bovis". Die Eltern dürfen sich nicht erlauben, etwas ganz falsch
zu machen, aber das Kind muss dann gehorchen.

[00:34:52.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Gegenteil, ich sage den Eltern, wenn sie sich nicht im Griff haben, dann das Kind erziehen wollen,
lieber gar nichts sagen und alles einfach laufen lassen. Denn wenn man sich nicht selbst im Griff hat, ist
man kein guter Erzieher oder Erzieherin. Dann kann sich das Kind besser selber wieder beruhigen oder
seinen Weg finden.

[00:35:18.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss man halt an sich arbeiten oder sonst, wenn man sich nicht mehr im Griff hat oder Angst hat,
man hat sich nicht mehr im Griff, dann darf man auch sagen, jetzt ertrage ich nichts mehr, jetzt muss ich
aufpassen, jetzt könnte jetzt durchdrehen.

[00:35:32.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage dann immer, man darf an die Decke schießen, ich werde verrückt, aber nicht du bist so
unmöglich. Nicht auf das Kind losgehen und das Kind runter machen. Wir sind doch immerhin
erwachsene Personen und wir sollten uns etwas besser im Griff haben als die Kinder.

[00:35:55.440] – Irene Beerli
Das verstehe ich gut.

[00:35:55.640] – Irene Beerli
Es gibt oft auch Situationen, in denen Kinder dauernd hören müssen, wenn das Kind sich mehr
anstrengen würde, würde es besser gehen. Oder es sitzt einfach da und träumt vor sich hin, es ist etwas
faul.

[00:36:14.320] – Irene Beerli
Ich denke, das ist ja auch etwas ganz Schmerzhaftes für Kinder. Was kann man da Eltern raten? Wie
sollen sie umgehen, ihr Kind zu stützen?

[00:36:24.100] – Irene Beerli

Wie sollen sie auch den Lehrern entgegentreten? Die sehen das manchmal einfach nicht. Die sehen
einfach das Kind, das da sitzt und nichts macht und merken ja, dass das Kind je nachdem eine sehr hohe
Intelligenz hat, stellen aber fest in der Schule, das macht so unterschiedliche Leistungskurven, also
muss es faul sein? Hat es da nicht gelernt und so? Ich glaube, das stimmt eben nicht. Wie kann man
umgehen, dem Kind gerecht zu werden in diesen Fällen? Wie kann man Lehren entgegentreten, ihnen
einen anderen Blick dafür zu geben?

[00:37:00.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein typischer Spruch von Eltern und von Lehrern. "Es könnte schon, es will aber nicht." Oder "Es
könnte schon, es ist nur zu faul." Stimmt nicht.

[00:37:13.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sagt man dann, nein, es kann nicht wollen. Die ADHS/ADS Kinder sind sehr sensibel, an sich auch
sehr empathisch. Die sind sehr abhängig vom Klima, was um sie herum ist. Sie müssen das richtige
Klima haben und die richtige Führung, dass sie da wieder einhängen können.

[00:37:36.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, in der Klassensituation muss man schauen, wo sitzt das Kind, neben wem sitzt es, nicht am
Fenster, sondern an der Wand.

[00:37:47.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man es kann, dass man auch dem Kind die Möglichkeit geben kann, dass es vielleicht in ein
Nebenzimmer gehen darf, um sich besser konzentrieren zu können. Manche konzentrieren sich besser in
der Stille, aber manche brauchen auch den Lärm.

[00:38:05.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Die gehen am liebsten an den Küchentisch, an den Familientisch, machen ihre Aufgaben während das
Gespräch läuft. Und dann denkt man "Hm, geht das?" Aber die brauchen diese ständige leichte
Stimulation. Die brauchen auch Musik oder irgendetwas. Wenn die in einem stillen Raum sind, dann geht
der Geist so weit weg und die Wahrnehmung, dass sie weit weg von ihrem Heft sind.

[00:38:32.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Das muss man auch wieder herausfinden.

[00:38:35.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, es ist ganz wichtig, dass die Eltern halt die Erkenntnis haben. Ich verwende dann immer
wieder so Sätze von Tieren. Ich sage, man kann dem Hund das Bellen nicht verbieten. Ich könnte
vielleicht sagen, man kann dem Siebenschläfer den Winterschlaf nicht verbieten oder dem Bären den
Winterschlaf nicht.

[00:38:59.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss auf die Persönlichkeit dieser Kinder eingehen und sonst schadet man ihnen. Je besser ihr
Umfeld auf ihre Persönlichkeit eingeht, sie aber doch, also nicht nur einfach schont und in Watte packt,
sondern sie auch liebevoll mit andersartigen Dingen konfrontiert, umso besser lernen sie dann mit ihrer
Eigenart umzugehen.

[00:39:23.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie lernen sich besser handhaben. Das ist schlussendlich das Ziel, dass wir alle lernen, mit unseren
Anlagen möglichst gut umzugehen und diese möglichst gut umzusetzen.

[00:39:37.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sage ich vielleicht nochmal etwas zum Schluss. Man redet immer, also in der Therapie sagt man: Der
muss sein Selbstwertgefühl stärken. Ich muss dem helfen, das Selbstwertgefühl zu stärken. Das ist so ein
abstrakter Begriff.

[00:39:54.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Gefühle kann man nicht stärken mit Vitamin D oder irgendetwas. Das Selbstwertgefühl dieser Menschen,
dieser Kinder und dieser Menschen als Erwachsenen wird gestärkt, wenn man sie so annimmt, wie sie
sind, mit all ihren Eigenschaften, wenn man sich auch auseinandersetzt mit ihren auch schwierigen
Eigenschaften, aber sie unterstützt in ihrer eigenen Art und nicht sie zu Normotypen machen will.

[00:40:24.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sie eben zu Normotypen machen will, dann werden sie geschädigt in ihrem Selbstwertgefühl.

[00:40:30.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum ist mir so wichtig, dass ich sage, ADHS ist keine Krankheit. ADHS ist eine
Persönlichkeitsdiagnose, da kann man das Wort Diagnose verwenden, die für diese Menschen zum Teil
das Leben etwas schwieriger macht, die für das Umfeld und die Erzieher die Arbeit etwas schwieriger
macht. Aber ich sage auch interessanter.

[00:40:54.620] – Irene Beerli
Ja, das kann ich nur unterstützen. Vielen Dank.

[00:40:58.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Danke fürs Gespräch.

[00:41:02.200] – Dr.med. Ursula Davatz

Ich hoffe, sie als Eltern haben etwas davon und können das verwenden. Sie dürfen auch wieder im
Rahmen des Elternrats vom Schulhaus Weinberg/Turner, dürfen sie auch weitere Fragen stellen unten in
den Kommentaren auf Youtube.