Frust und Enttäuschung

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Dr.med. Ursula Davatz
7.2.2024
Frust und Enttäuschung
Audio

[00:00:03.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Ganz herzlichen Dank für die Einladung.

[00:00:08.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, es stimmt. Wir haben das Thema heute zum ersten Mal.

[00:00:12.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist ein Thema, wo es um die Jugend geht.

[00:00:15.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mich immer interessiert für Jugendpsychiatrie.

[00:00:20.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Thema lautet: Kritik, Frust, Enttäuschung, Motivationslosigkeit bei Jugendlichen und jungen
Erwachsenen.

[00:00:27.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Als erst sage ich, wenn die Jugendliche an dem Punkt sind und wenn sie wahrscheinlich zu ihnen
kommen, dann ist das häufig eine gescheiterte Pubertät.

[00:00:41.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst, die Jugendlichen haben es heute relativ schwierig, also schon die Kinder haben es schwierig.

[00:00:48.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe ständig mit Schulen und frustrierten Eltern und frustrierten Kindern zu tun.

[00:00:55.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heutige Leben verlangt von unserer jungen Generation ganz viel.

[00:01:02.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Einerseits haben die Eltern eine Vorstellung, was die Jugendlichen machen sollten.

[00:01:13.230] – Dr.med. Ursula Davatz

Andererseits fallen heute relativ wenig Kinder auf zwei Erwachsene.

[00:01:19.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher hatten wir noch zwölf Geschwister in der Familie, zehn und so weiter.

[00:01:25.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann ist vieles untergegangen und die Kinder haben sich untereinander erzogen.

[00:01:30.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Heutzutage haben die Kinder und die Jugendlichen sehr viel Aufmerksamkeit.

[00:01:36.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann mit sich bringen, dass sie sehr verwöhnt werden.

[00:01:40.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein riesiges Serviceangebot.

[00:01:42.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Andererseits sind sie stark im Fokus. Das heisst, man tut alle seine Wünsche und Hoffnungen auf eins
oder zwei Kinder projizieren.

[00:01:53.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Das verteilt sich nicht so gut und das ist ein Stress.

[00:01:58.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Das macht es ist schwierig für die Jugendlichen.

[00:02:02.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Andererseits ist die Jugend, schon die Kinder, sind sie ganz vielen Medien ausgesetzt.

[00:02:12.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind alle ständig mit dem Internet vernetzt und immer in Kontakt mit online.

[00:02:20.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst, in der Erziehung muss man recht viel aufwenden.

[00:02:26.080] – Dr.med. Ursula Davatz

Man muss interessant sein, man muss sie faszinieren können.

[00:02:30.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Medien sind natürlich so darauf ausgerichtet, dass das die Jugendlichen fasziniert, also dass sie
quasi süchtig werden.

[00:02:40.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Erwachsenen, die denen etwas bieten wollen, sind dann schnell mal langweilig und kämpfen gegen
die Ablenkung von den Medien.

[00:02:50.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist nicht einfach.

[00:02:52.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt ein Überangebot an Informationen und Ablenkung für die Jugendlichen.

[00:03:02.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald die Jugendlichen dann aber in der Übergangsphase vom Kind zum Erwachsen sind, also in der
Pubertät, eigentlich ihre Persönlichkeit ausbilden sollten.

[00:03:15.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann werden sie sehr stark programmiert von den Medien.

[00:03:19.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir stehen in Konkurrenz zu dem.

[00:03:22.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind abgelenkt, sie haben ganz viele fremde Einflüsse und man muss sich relativ viele interessante
Sachen überlegen, dass man sie wegholen kann.

[00:03:32.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann verbieten etc.

[00:03:35.530] – Dr.med. Ursula Davatz
In allen Familien ist das heutzutage ein Kampf.

[00:03:40.880] – Dr.med. Ursula Davatz

Ich erlebe im Erziehungssystem, wie viele Kinder zur Schule raus fallen oder Eltern, die frustriert sind.

[00:03:48.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich arbeite zum Teil mit Lehrer.

[00:03:51.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus meiner Sicht ist das Schulsystem der ganzen digitalen Entwicklung hinten drin.

[00:03:57.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben jetzt schon Computer und alles und die arbeiten dann mit dem.

[00:04:01.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Vom interessanten Stoff her bieten sie natürlich lange nicht so viel.

[00:04:09.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kämpft da mit etwas.

[00:04:11.990] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn ist unser Erziehungssystem nicht mehr so kindergerecht oder nicht mehr zeitgemäss.

[00:04:19.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Zu ihnen kommen dann die, die irgendwie schon rausgefallen sind, ein bisschen schlecht raus
gekommen sind, eben eine gescheiterte Pubertät.

[00:04:29.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann ist noch weiter: Damit man einen Jugendlichen erfassen kann, damit man ihn motivieren kann zu
etwas, muss man als erstes sein Wesen, sein Temperament, seine Art und Weise wie sie/er lernt, muss
man verstehen.

[00:04:52.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man das nicht versteht, dann kann man noch so gute Sachen anbieten und es wird nicht darauf
reagiert.

[00:05:01.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat keinen Erfolg.

[00:05:02.960] – Dr.med. Ursula Davatz

Ich rede dann immer von persönlichkeitsgerechter Erziehung und vergleich es dann mit artgerechter
Tierhaltung.

[00:05:12.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Kein Tierdresseur könnte irgendein Tier dressieren, wenn er nicht sein Wesen verstehen würde.

[00:05:19.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Menschen denken oft: die Menschen sind alle gleich.

[00:05:22.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben Angebote: One size fits all.

[00:05:26.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst, man tut jetzt individualisieren, man redet von integrierter Schule, aber wenn das Kind nicht in
einen regulären Lehrplan reinpasst, dann holt man sofort Zusatzkräfte rein, Heilpädagogen,
Ergotherapeuten, weiss nicht was, Physiotherapeuten.

[00:05:49.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kriege ich Kinder, wo ungefähr vier Leute dran sind und dann soll es auch noch in die Schule
gehen.

[00:05:56.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist natürlich eine riesige Überforderung für das Kind.

[00:05:59.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man so viele Fachleute reinholt, hängt damit zusammen, dass man in der Medizin viele, viele
Fachgebiete macht und dann, sobald irgendwas nicht funktioniert mit dem Kind, schickt man es zu so
einer Fachperson.

[00:06:14.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch die Eltern machen das.

[00:06:17.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Meine Haltung ist: Nicht X Fachpersonen reinholen, sondern die Lehrer ausbilden, die
Kindergärtnerinnen, die Lehrmeister ausbilden.

[00:06:27.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Die sind jetzt Lehrmeister.

[00:06:30.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man die Lehrmeister ausbildet, dass sie besser mit verschiedenen Kindern umgehen können und
mit verschiedenen Jugendlichen.

[00:06:43.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Ständig eine neue Lehrpersonen reinzuholen, macht einen Unruhe, macht eine Unruhe in der Klasse.

[00:06:49.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind fühlt sich ausgestellt, es muss da jemanden extra haben. Es ist quasi abnormal. Das hat kein
Kind gerne.

[00:06:58.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Genau in dieser Altersstufe, wo man sich eigentlich mit den Peers zusammentut, wenn da jeder noch
seinen Therapeut bei sich hat, dann kann man sich auch lustig machen und ja, da passiert eine
Beschämung.

[00:07:17.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Ach wieder mit den heutigen modernen Medien, das hört man jetzt immer mehr, wird dann das alles auf
das Internet getan.

[00:07:25.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kann man sich lustig machen über ein Kind. Das geht viral, wie man so schön sagt.

[00:07:31.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt wird ja auch gesagt, es passieren dann Selbstmorde und schlimme Sachen.

[00:07:38.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Oder sie haben Phobien, sie wollen nicht mehr rausgehen.

[00:07:41.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie bekommen Angst vor der Welt und das kann es nicht sein.

[00:07:48.060] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn bleibt ihnen dann nichts anderes übrig, den Jugendlichen, wenn alles nicht recht passt, wenn
man sie nicht richtig abholen kann, bei dem was begeistert, dann haben wir die kein Bock, keine Zukunft
Generation.

[00:07:59.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst, dann bleibt ihnen nicht mehr anderes übrig, als sich abzuwehren, einigeln, Todstellreflex und
alles verweigern.

[00:08:15.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist etwas vom Schlimmsten, wenn dann Fachleute herantreten, wenn sich jemand verweigert, keine
Hilfe will, dann werden wir auch verzweifelt.

[00:08:25.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gab einen Film über Königsfelden, wo die Helfer dann sadistisch und aggressiv werden, böse Dinge
tun, obwohl sie das gar nicht wollen.

[00:08:27.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist die Ausgangslage. Sie können mir später selber sagen, was sie für Jugendliche haben und wo sie
anstehen.

[00:08:39.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist nicht einfach, heutzutage eine Pubertät durch zu machen.

[00:08:48.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist auch nicht einfach für die Erwachsenen, welche die Jungen anleiten müssen, noch interessant für
die zu sein.

[00:08:59.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Was können Sie für die Jugendlichen tun?

[00:09:04.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie können Sie eine Wendezeit einleiten?

[00:09:08.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie heissen ja Stiftung Wendepunkt

[00:09:10.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich beziehe mich auf ihr Logo.

[00:09:10.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie kommen sie an die gestrandeten Jugendlichen heran? Wie können sie einen Reset bei diesen
Jugendlichen bewirken?

[00:09:10.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Erstes dürfen sie keinen Ehrgeiz haben.

[00:09:29.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald sie Ehrgeiz haben, dann spürt das der Jugendliche, sie wollen etwas vom Jugendlichen und er
will nichts. Sobald man etwas will, stosst man und macht und es geht nichts. Dann entstehen nur lauter
sture Esel.

[00:09:50.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man schon mit Eseln gearbeitet hat, wenn man die in eine Richtung drücken möchte, dann geht
gar nichts.

[00:09:50.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Jugendlichen müssen sich selber orientieren. Erst wenn sie sich orientiert haben, dann können sie
mitmachen.

[00:10:06.990] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne, muss sich der Jugendliche, wenn er zu innen kommt, zuerst orientieren, wer sind sie
und was machen sie und was denken sie?

[00:10:15.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen sich orientieren über den Jugendlichen, wie tickt er, was interessiert ihn etc.

[00:10:23.510] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn, wenn ich mit Jugendlichen zu tun habe, bei mir kommen sie in die Stunde, dann probiere ich
den Jugendlichen zuerst kennenzulernen.

[00:10:27.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich unterhalte mich über irgendetwas, was den Jugendlichen interessieren könnte.

[00:10:27.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich frage nach den Lieblingsfilmen, der Lieblingsmusik. Dann muss mich mir viel erklären lassen, weil ich
selber nicht so viel darüber weiss.

[00:10:42.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich suche ein gemeinsames Interesse, ein gemeinsames Objekt.

[00:10:56.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man eine Gemeinsamkeit gefunden hat, kann man schon mal mit den Jugendlichen in Kontakt
kommen und an sie ran kommen.

[00:11:08.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man die Jugendlichen stosst, blockieren sie nur.

[00:11:11.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf Englisch sagt man: „You never have a second chance to make a first impression."

[00:11:16.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist bei den Jugendlichen so.

[00:11:18.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich junge Schizophrene zum ersten Mal bei mir habe, muss ich probieren, einfach einen Kontakt
herzustellen und nicht irgendetwas von ihnen wollen.

[00:11:29.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen auf eine Interaktion auf Augenhöhe kommen.

[00:11:32.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Das spielt eine Rolle.

[00:11:39.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man belehrend rein kommt, dann machen sie einem Widerstand und zeigen, wie dumm man ist.

[00:11:46.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie bringen dann etwas, wovon man nichts weiss.

[00:11:46.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss eigentlich nicht als Lehrer reinkommen, sondern auf Augenhöhe.

[00:11:56.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst nicht, dass man nur kumpelhaft reinkommen muss, aber man muss sie ernst nehmen.

[00:12:02.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss wahrnehmen, wer sie sind.

[00:12:07.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss den Kontakt aufnehmen und allenfalls Expertise von den Jugendlichen holen.

[00:12:14.080] – Dr.med. Ursula Davatz
In was sind sie gut? Man kann sich von mir aus auch ein Spiel erklären lassen oder was sie sonst so
machen.

[00:12:21.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann eine Expertise bei ihnen rausholen, dass sie einem können sagen, was sie interessant finden
und mit was sie sich beschäftigen.

[00:12:32.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht gleich sagen: „Du musst jetzt lernen, in die Erwachsene Welt zu kommen und ich sage dir, wie es
geht."

[00:12:41.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf auch nicht mit pathologisierenden Begriffen um sich werfen.

[00:12:47.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute sagen die Jugendliche schon: Ich habe dort eine Depression gehabt. Ich habe eine Phobie. Ich
habe, weiss nicht was, Angst.

[00:12:54.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Begriffe der Psychiatrie sind alle auf dem Markt und sie werden verwendet.

[00:13:00.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann sage ich: Das interessiert mich nicht. Ich verstehe nichts von dem.

[00:13:05.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein Begriff, das sagt mir nichts.

[00:13:05.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Was macht dich verrückt? Was verletzt dich? Was beleidigt Dich? Was beschämt dich?

[00:13:05.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Jugendliche wollen stolz und stark erscheinen.

[00:13:28.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Die kleinen Tierchen, die plustern die ihre Federn auf, sie stellen den Kamm. Da passt eine Beschämung
nicht dazu. Sie wollen imponieren.

[00:13:33.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind sehr sensibel und können sehr leicht beschämt werden.

[00:13:46.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich erlebe immer wieder Kinder, Jugendliche, die in der Schule beschämt worden sind. Früher hat man
das noch gemacht als Erziehungsmethode.

[00:13:55.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte jemanden, der hatte 40 Fehler in seinem Aufsatz.

[00:13:57.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann musste er nach vorne stehen und man hat sich quasi lustig gemacht über seine vielen Fehler.

[00:13:58.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hatte eine Legasthenie.

[00:14:11.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist natürlich nicht in Ordnung.

[00:14:14.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch noch heutzutage passiert in der Schule noch viel Beschämung.

[00:14:19.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Beschämung passiert von den Erwachsenen zu den Jugendlichen und untereinander. Sie machen sich
lustig übereinander.

[00:14:27.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Beschämung, die geht dann auch wieder aufs Internet.

[00:14:36.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist natürlich gar nicht gut.

[00:14:39.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Internetfirmen kommen jetzt ein bisschen dran, man kritisiert sie.

[00:14:44.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Mark Zuckerberg hat sich einfach entschuldigt.

[00:14:47.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Es sind Selbstmorde geschehen, anhand von Beschämungen und Mobbing im Internet.

[00:14:48.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Internetfirma kann da eigentlich gar nicht so viel machen.

[00:15:00.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Erstens mal merkt sie es nicht so schnell, wenn so komische Sachen herumgehen. Eigentlich wollen wir
unsere Jugendlichen stärken, dass es ihnen nichts ausmacht.

[00:15:09.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist die menschliche Aufgabe.

[00:15:11.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle reden von künstlicher Intelligenz und wie die uns jetzt überholen wird und alles toll macht und wie
man dann viel Arbeitskräfte sparen kann und so weiter.

[00:15:20.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein Hype.

[00:15:22.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Je mehr mit dem Computer läuft und mit künstlicher Intelligenz, umso mehr sind wir als Menschen
gefragt, dass wir den Jugendlichen noch Menschlichkeit beibringen und uns mit den Jugendlichen
menschlich auseinandersetzen.

[00:15:39.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben hier eine stärkere Aufgabe, eine wichtigere.

[00:15:39.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Die psychiatrischen Diagnosen, die werden dann oft verwendet, so wie ein Schutzschild.

[00:15:53.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe halt eine Depression, ich habe ein ADHS, darum kann ich das jetzt nicht tun.

[00:15:55.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Von diesen Schutzschildern dürfen sie sich natürlich auch nicht ablenken lassen.

[00:16:05.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen sagen: Jetzt arbeite ich mit dir. Du musst mir sagen, was du gerne machst, was du nicht
gerne machst, was für dich schwierig ist, etc.

[00:16:13.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir müssen diese Leute kennenlernen.

[00:16:14.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie den Jugendlichen ein bisschen kennengelernt haben und das Gefühl haben, sie verstehen, was
das für eine Person ist, dann ist wichtig, dass auch sie sich zeigen.

[00:16:33.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst nicht, dass sie nur so brüderlich schülterlen, sondern einfach ein bisschen einen Begriff von
sich abgeben, was ist ihnen wichtig, was können sie anbieten, was kann der Jugendliche oder die
Jugendliche bei ihnen lernen.

[00:16:51.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es dann heisst: Das interessiert mich nicht. Ich wollte etwas anderes, dann muss man sagen: Aber
wir sind jetzt hier zusammen. Aus irgendeinem Grund bist du hierhin geschickt worden und wir können
uns jetzt gegenseitig anöden oder wir können irgendwas Interessantes daraus machen.

[00:17:11.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch wenn du das jetzt nicht so gerne hast oder nicht interessiert findest.

[00:17:15.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht kannst du etwas lernen dabei.

[00:17:18.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal kommen ganz neue Sachen raus, wenn man sich mit etwas abgibt, was man noch nicht kennt.

[00:17:25.250] – Dr.med. Ursula Davatz

Dass sie dann den Jugendlichen nicht stossen zu etwas, also ehrgeizig in irgendeine Richtung stossen,
sondern dass sie den Jugendlichen eher neugierig machen.

[00:17:37.510] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinne sage ich, man sollte dann die motivieren können.

[00:17:41.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Beim Motivieren nicht Drücken und stossen wollen, das geht beim Esel auch nicht, sondern locken.

[00:17:43.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Motivieren, locker, interessiert machen.

[00:17:52.840] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Psychiatrie ist ja oft das Problem mit: Wie bringe ich die Leute wieder zur Arbeit?

[00:18:00.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hat man ein Kaffeehaus eingerichtet und nebenher einen Arbeitsraum, wo man irgendetwas hat
machen können.

[00:18:06.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann sind die Leute ins Kaffee gegangen und haben dann nebenher gesehen: Ah da könnte man was
anderes machen und haben angefangen, Dinge zu tun.

[00:18:13.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie wurden nicht gestossen. Man hat sie mit Angeboten gelockt.

[00:18:13.180] – Dr.med. Ursula Davatz
So müssen sie wahrscheinlich auch die Jugendlichen eher locken, versuchen zu etwas hinzuführen,

[00:18:21.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort spielt eine riesige Rolle wie fest sie begeistert sind von ihrem Job und dem was sie machen.

[00:18:22.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie einen gewissen Enthusiasmus haben mit dem, was sie machen, dann steckt das je nachdem
ein bisschen an.

[00:18:42.800] – Dr.med. Ursula Davatz

Heute hat mir eine junge Handarbeitslehrerin die Zeichnen gelernt hat, erzählt, dass alles was man in
der Handarbeit bastelt, kann man sofort wieder wegschmeissen.

[00:18:44.810] – Dr.med. Ursula Davatz
So eine Einstellung motiviert kein Kind.

[00:19:05.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich nehme jetzt nicht an, dass sie solche Haltungen haben.

[00:19:08.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist wichtig, dass sie Freude haben an dem, was sie machen und Freude haben an dem, was sie da
den Jugendlichen beibringen wollen.

[00:19:22.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen selber authentisch sein. Sie dürfen nichts vorspielen.

[00:19:27.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Die nehmen einem schon auseinander.

[00:19:29.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald die Jugendlichen einen schwachen Punkt, eine Achillesferse finden, dann wird dort reingebohrt.

[00:19:35.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es einem dann persönlich ein bisschen verletzt, soll man nicht so tun, als ob man wahnsinnig stark
wäre und das ganz gut könnte.

[00:19:50.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann ist sogar besser, wenn man sagt: Jetzt hast du mich getroffen.

[00:19:55.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Jugendlichen wollen einem treffen.

[00:19:58.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie wollen sehen, dass sie auch stark sind und nicht nur wir ältere Generation.

[00:20:05.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Das vergleiche ich dann wieder mit dem Dominanzverhalten unter den Wölfen.

[00:20:12.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ein Wolf sich schwach fühlt, dann zeigt er seine schwache Seite und dann beisst der andere nicht
mehr drein.

[00:20:20.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Judo, wenn man sich unterlegen fühlt, klopft man zwei Mal ab. Dann darf der andere nicht mehr weiter
machen.

[00:20:23.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Jugendlichen sind keine Unmenschen, aber sie die wollen Wettkämpfen.

[00:20:32.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Da verwende ich in letzter Zeit immer mehr den Begriff: Teasing.

[00:20:38.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben vier automatisierte Stressreflexe: Fight/Kampf, Flight/Flucht, Freeze/Totellreflex und Tease/
Necken.

[00:21:27.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle sozialen Tierarten, tun sich in der Pubertät gegenseitig necken.

[00:22:01.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Junge Hündchen, mit denen haben wir am meisten Erfahrung, die gehen aufeinander los und tun sich
necken, beissen sich in den Schwanz oder ins Ohr oder irgendwo und so wird gespielt miteinander.

[00:22:15.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Teasing ist in diesem Sinne auch bis zu einem gewissen Grad ein Spielverhalten, es ist ein provokatives
Spielverhalten.

[00:22:22.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, das ist eine Methode, die man verwenden kann, die sicher die Jugendlichen mit einem
verwenden.

[00:22:30.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Die haben ganz verschiedene Arten.

[00:22:32.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können einem auch ärgern mit gar nichts machen.

[00:22:42.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Teasing passiert sogar artübergreifend.

[00:22:48.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Hund probiert ein Stinkschwein oder irgendein Tier, das eigentlich nicht so spielt, probiert er zu
aktivieren, sodass es spielt.

[00:23:04.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Zum Teil kommt dann halt gar nichts. Wenn die Jugendlichen einem da Teasen tun, dann muss man
schauen, wie kann man einsteigen kann und wie kann man auch etwas zurückgegeben oder ihn ein
bisschen teasen.

[00:23:16.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier muss man aufpassen.

[00:23:16.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sarkastisch mit den Jugendlichen wird, dann verletzt man sie sehr, dann beschämt man sie
und dann hat man sie wieder verloren.

[00:23:29.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Jugendlichen teasen sicher uns.

[00:23:32.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gehört zu den Jugendlichen. Sie necken uns, sie schieben uns auf die Rollen, sie machen Blödsinn.

[00:23:42.920] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne ist es wichtig, dass sie in eine Interaktion kommen und dann mit ihnen schlussendlich
dann zur Arbeit kommen und sagen: „Jetzt will ich dir das beibringen".

[00:23:58.500] – Dr.med. Ursula Davatz
An dieser Stelle ist es wichtig, dass man nicht einfach sagt: „Mach das, mach das, mach das".

[00:24:04.960] – Dr.med. Ursula Davatz

Die Jugendlichen sind sie empfindlich auf Befehle. Hingegen, wenn man sagt: „Ich will dir jetzt
beibringen, wie man das und das macht, dann ist die Eigenmotivation dabei. Es ist das Teaching. Man will
ihnen etwas beibringen.

[00:24:17.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist nicht einfach ein Befehl.

[00:24:20.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe auch schon über ADHS geredet. Bei den Jugendlichen kommt das ganz stark raus.

[00:24:27.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben nicht gern, wenn man einfach einen Befehl gibt.

[00:24:31.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Es darf persönlich sein: „Ich wollte dir das beibringen und dann kann man sagen: „Wenn man das macht,
macht man es so und so und so".

[00:24:42.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht: Du musst, du musst, du musst.

[00:24:45.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kann es sein, dass sie sehr empfindlich auf das sind.

[00:24:48.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht alle, aber viele.

[00:24:51.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie wollen keinen Befehl mehr empfangen, sondern sie wollen schon alles können, was unmöglich ist.

[00:24:59.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn beim Prozess, wo sie lernen und dann automatisieren sollten, wenn dort Probleme auftreten, dann
ist wichtig, dass man nicht verrückt wird, dass es Probleme gegeben hat.

[00:25:15.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Häufig werden sie selber mit sich verrückt. Das wird natürlich nicht gezeigt.

[00:25:19.330] – Dr.med. Ursula Davatz

Man will ja eigentlich alles schon können.

[00:25:21.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist wichtig, dass man anschaut, wie das Problem aufgetreten ist?

[00:25:26.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie ist der Fehler aufgetreten? Wie kann man den Fehler das nächste Mal verhindern?

[00:25:31.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sagt ja, an Fehlern lernt man. Wenn sie pedantische Persönlichkeiten haben, die nicht gerne Fehler
machen und dann alles rumschmeissen, wenn ein Fehler passiert, dann muss man sagen, das gehört
zum Lernen.

[00:25:43.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Über Fehler lernt man eigentlich am meisten.

[00:25:46.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sieht dann, wo es daneben gegangen ist.

[00:25:51.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Fragen Sie nach, probieren herauszufinden, wie der Fehler passiert ist, sodass er/sie es dann aufnehmen
kann in sein Programm im Hirn.

[00:26:02.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Freuen sie sich über kleine Fortschritte.

[00:26:05.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Seien sie nicht zu ehrgeizig und zeigen natürlich auch dem Jugendlichen, dass da etwas
vorwärtsgegangen ist.

[00:26:14.310] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne sage ich, das Glas ist halb voll, es ist nicht halb leer.

[00:26:18.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist alles Motivation.

[00:26:23.930] – Dr.med. Ursula Davatz

Wenn es ein Versagen gibt, dann nicht das Versagen bekämpfen wollen.

[00:26:31.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Ärzte sind alle darauf ausgerichtet, die Symptomen zu bekämpfen.

[00:26:37.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist dann nicht so eine gute Annäherung an die Jugendlichen.

[00:26:42.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie überwinde ich es?

[00:26:44.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Besser verstehen, wie das Symptom entstanden ist.

[00:26:47.110] – Dr.med. Ursula Davatz
So gibt das eine gute menschliche Interaktion.

[00:26:58.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen auch als Lernende auftreten und sagen: „Ich muss mit jedem Lehrling auch wieder lernen, das
ist auch interessant".

[00:27:07.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir lernen miteinander. Du lernst von mir und ich lerne von dir.

[00:27:14.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Jugendlichen brauchen die menschliche Interaktion, mit allen Schattierungen als Gegensatz zur
reinen Internet Interaktion.

[00:27:27.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Sie schauen, wenn man heutzutage Reklamen anschaut, sind die alle zweidimensional.

[00:27:31.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist zum Teil kein richtiges Foto mehr, sondern nur absolut plakativ.

[00:27:36.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Internet ist natürlich auch alles so ein bisschen plakativ, also sehr flach.

[00:27:42.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie bieten diesen Jugendliche eine menschlichen Beziehung an und Skills, also etwas, was sie ihnen
beibringen wollen.

[00:27:50.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, wenn sie diese Begeisterung behalten können, dann springt auch etwas rüber.

[00:28:00.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man Jugendliche fragt, was sie gelernt haben von ihrem Lehrmeister, dann ist es die
Persönlichkeit.

[00:28:10.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich daran denke an meine Professoren, die ich gehabt habe, weiss ich noch alle Witze, welche die
erzählt haben und so Sachen.

[00:28:18.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Persönlichkeit spielt eine ganz wichtige Rolle und von daher kommen sie raus als persönlicher
Lehrmeister, der etwas erreichen möchte mit seinen Jugendlichen.

[00:28:32.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Jemand der die Zeit hat und Geduld.

[00:28:34.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wären ein paar Ausführungen.

[00:28:36.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt müssen Sie mir Fragen stellen oder Korrekturen anbringen.

[00:28:46.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Wer hat eine Frage?

[00:29:05.030] – Bemerkung 1
Wir haben ein sehr spannendes Step-up-Projekt, wo Jugendliche kommen, die sehr niederschwellig sind.

[00:29:15.070] – Bemerkung 1
Die Jugendlichen müssen sich das erste Mal mit dem Alltag auseinandersetzen.

[00:29:20.260] – Bemerkung 1
Es geht noch nicht in den Arbeitsbereich.

[00:29:23.830] – Bemerkung 1
Sie haben so geschildert eben, was ist so der erste Schritt, den man macht im Zusammenhang mit ihnen
und wie geht man vorwärts, bis sie sich einlassen.

[00:29:31.060] – Bemerkung 1
Aus der Erfahrung, wie lange kann so ein Prozess dauren?

[00:29:38.900] – Bemerkung 1
Die IV spricht von drei bis sechs Monaten.

[00:29:46.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben da immer die IV im Hintergrund, welche drückt und pressiert.

[00:29:53.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Dagegen wehre ich mich wie eine Löwenmutter.

[00:29:56.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich merke, ich komme in den Kontakt mit dem Jugendlichen oder auch mit dem Erwachsenen und
es läuft ein Prozess, aber wir sind einfach noch nicht so weit, dann wehre ich mich mit den Händen und
Füssen, dass die IV drängt und sage: „Nein, wir sind noch nicht so weit. Wir machen zwar Fortschritt, wir
sind nicht an einem Fliessband, wo man sagen kann, dieser Prozess braucht so und so lange".

[00:30:20.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann es eigentlich nie sagen.

[00:30:22.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Als ich noch im Sozialpsychiatrischen Dienst gearbeitet habe, habe ich immer so über den Daumen
gepeilt gesagt, die Rehabilitationsphase ist zwei Jahre.

[00:30:37.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kann schneller gehen bei Jugendlichen, aber manchmal ist es sehr lange.

[00:30:42.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Es lohnt sich zu warten.

[00:30:44.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Den Integrationsprozess abzuklemmen und dann einfach Rente zu geben, das ist dann ein ganzes Leben
lang.

[00:30:54.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Noch ein bisschen länger zu brauchen für die Integration, das zahlt sich längstens aus, wenn man es
hinbringt.

[00:31:02.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss das Gefühl haben, ich habe einen Faden, ich habe den Kontakt und wir bringen etwas hin.

[00:31:08.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Man gespürt ja auch, was der kann und was er nicht kann.

[00:31:11.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat ein bisschen das Feeling, was da möglich ist. Wenn man spürt, er macht mit und es ist eine
kleine Entwicklung.

[00:31:19.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Entwicklung auch nur klein ist, würde ich immer sagen: Verlängere, verlängern, verlängern.

[00:31:23.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie spüren das, ob der nur Widerstand macht oder auch ein bisschen mitmacht. Das merkt man.

[00:31:32.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Da würde ich alles daran setzen, zu verlängren.

[00:31:36.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Da würde ich so argumentieren: „Wenn wir jetzt abbrechen, dann haben Sie einfach einen lebenslangen,
IV-Fall, ein Patienten-Fall.

[00:31:45.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist dann oft nicht nur einfach das Geld, sondern rein und raus in die Psychiatrie usw, eine Katastrophe.

[00:31:47.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Zeit erkämpfen.

[00:31:58.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Da müssen sie natürlich an sich glauben, dass sie da etwas erreichen und an den Jugendlichen glauben,
dass aus dem etwas zu machen ist.

[00:32:09.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, nicht pressieren. Geht nicht.

[00:32:16.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Das effiziente Denken und das Effektive, das bringt hier gar nichts.

[00:32:22.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Jugendliche merkt sofort, wenn man drängt.

[00:32:27.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann haben wir den Esel, also Widerstand.

[00:32:29.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Es hat mal zwei Essel gegeben, die haben sich gegenseitig nicht in den Stahl reingelassen, weil beide
ungefähr gleich stark waren und da musste man eine zweite Türe machen, damit sie beide in den Stall
rein gekommen sind.

[00:32:44.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gleiche ist passiert zwischen dem geistlichen und dem weltlichen Herrscher in Russland bei der
Kirche. Da hat man auch hinten die Türe gemacht. Zwei Esel.

[00:33:23.760] – Bemerkung 2
Die Stellvertretung ist hier.

[00:33:28.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht kann die Stellvertretung etwas sagen.

[00:33:44.510] – Bemerkung 2
Ja, es braucht viel Zeit und manchmal fragt man sich auch warum sich nicht mehr viel verändert? Wie
lange macht man so eine Phase?

[00:33:44.690] – Bemerkung 2
Ein Beispiel: Jemand nimmt immer ihr Mittagessen mit, die Smilies, welche man in den Ofen tun kann.
Sie isst nie etwas, was wir in der Gruppe kochen. Sie beteiligt sich nicht an der Menüplanung. Sie könnte

auch selber ein Menu wählen, welches sie gerne essen würde. Dort beisst man voll auf Granit. Diese
Person ist schon länger hier. Richten die sich ein Stück weit auch eine Komfortzone ein?

[00:34:02.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist kein gutes Sozialverhalten. Hier stellt sich die Frage: Was bedeutet das für dich, dass Du nicht mit
den anderen mitessen kannst? Ist das Essen vergiftet? Hast Du Angst vor zu vielen Kalorien? Hier muss
man das Denken hinten dran heraus finden. Mann kann sie nicht zu Mitessen zwingen.

[00:34:58.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kommt auch die Interaktion.

[00:35:41.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Du immer mit deinem Mittagessen nebenan sitzt, das ist ein Affront für mich. Ich fühle mich als
Aussätzige.

[00:35:47.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier geht man in ein Teasing rein, dass man sagt, wie es auf einem wirkt. Willst du mir das so sagen,
oder willst Du das nicht?

[00:36:04.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier muss man in eine Interaktion rein kommen. Nicht gleich die Haltung haben, dass die Person seine
Komfortzone verlassen muss aber man darf auch die Haltung rein bringen: Ich fühle mich brüskiert.

[00:36:23.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann man natürlich auch weitergehen und fragen: Was bräuchte es, dass du mal von unserem
Essen probierst?

[00:36:45.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Kaisern und Königen, da hat immer der beste Diener das Essen zuerst probieren müssen, um zu
sehen, dass er nicht stirbt, dass es nicht vergiftet ist.

[00:36:55.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kann man sogar so etwas machen. Also okay, ich probiere jetzt, ich überlebe. Wirst du dich jetzt
getrauen, auch zu essen?

[00:37:04.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Irgendein Theater machen.

[00:37:06.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist wieder eine Interaktion. Es ist eher eine lockere Interaktion, es ist nicht: Du musst jetzt das essen.

[00:37:09.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kennt man ja von den Kindern. Früher ist man noch stundenlang am Tisch gesessen, bis man nicht
ausgegessen hat.

[00:37:22.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute wird das nicht mehr gemacht.

[00:37:24.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute ist es eher so, dass jeder gerade isst was er will oder aus dem Kühlschrank holt. Das ist ein
bisschen asozial. Das gemeinsame Essen ist etwas wichtiges. Essen teilen ist etwas ganz wichtiges.
Wölfe teilen, die Affen teilen.

[00:37:28.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Älteste kommt dann immer zuerst dran, die Hierarchie. Hier kann man sagen: das machen wir bei
uns anders. Du darfst zuerst haben.

[00:37:49.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier kann man verschiedene Varianten versuchen, dass man in eine Interaktion reinkommt, ein
Interaktion ohne Befehl.

[00:37:56.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist alles schon durch. Das haben schon viele ausprobiert und es hat nicht funktioniert.

[00:38:11.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Wer hat noch Jugendliche oder auch Erwachsene?

[00:38:22.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann diese Sachen auch mit den Erwachsenen haben.

[00:38:29.000] – Bemerkung 3
Ich habe einen Jugendlichen in einem Praktikum, sehr niederschwellig. Er hat immer allen erzählt: Ich
macht jetzt die PRA, dann einen EBA und dann einen EFZ. In diesem Jahr hat sich ein bisschen heraus
kristallisiert, dass er knapp den PRA schafft. Das ist ein kritischer Punkt für ihn, dass er sich nicht einfach
völlig entmutigen lässt und sagt: ach es bringt alles nichts. Er war viel krank, hat verschlafen und hat sich

in das Gamen reingeflüchtet. Er hat Nächte lang Computerspiele gespielt und konnte dann nicht
aufstehen.

[00:39:41.390] – Bemerkung 3
Wie kann ich ihn wieder zurück in die Begeisterung holen, die Begeisterung, welche er am Anfang hatte
aber trotzdem seine Ansprüche an sich zurückstellen.

[00:40:01.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie sagen, er schafft es nicht. Wegen was schafft er es nicht?

[00:40:08.140] – Bemerkung 3
Schulisch und auch leistungsmässig. Es fehlt an beiden Orten.

[00:40:15.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier kommt jetzt die Beschämung rein. Er hatte ein hohes Ziel und hat gemerkt, dass es nicht geht und
jetzt würde er am liebsten alles wieder hinschmeissen.

[00:40:20.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier darf man ihn ansprechen: Du hattest die Vorstellung, dass Du das alles kannst, du hast das auch
erzählt. Jetzt geht das nicht.

[00:40:20.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Ist das ein bisschen schwierig für Dich?

[00:40:36.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Genierst du dich für das?

[00:40:41.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann sagen: Ja, das ist sehr verständlich. So geht es uns allen. Wir haben manchmal hochfliegende
Ziele und wir erreichen nicht alles.

[00:40:49.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann aber sagen: Es ist schon toll, dass du so weit gekommen bist.

[00:40:54.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie könnte man jetzt eine andere Richtung einschlagen, als das, was er im Kopf gehabt hat?

[00:41:00.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man ihm hilft, oben runterzukommen von den hohen Zielen.

[00:41:04.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Alles ist gut, er strengt sich an und wenn etwas nicht geht, dann geht es halt nicht und dann muss man
das auch akzeptieren.

[00:41:13.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man ihm hilft sanft zu landen von seinen hohen Ansprüchen.

[00:41:19.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist so das Bild vom Icarus.

[00:41:21.320] – Bemerkung 4
Dass er nicht alles hinschmeisst, was er alles erreicht hat.

[00:41:21.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wäre jammerschade, wenn er alles hinschmeissen würde, was er alles erreicht hat.

[00:41:32.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt ja diesen Spruch: Der Weg ist das Ziel.

[00:41:38.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht, dass er jetzt die oberste Stufe erreicht hat, sondern dass er etwas erreicht hat, ist gut.

[00:41:44.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man ihn lobt für das und dass man Freude hat an dem.

[00:41:49.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, wir stecken uns oft sehr hohe Ziele und können die nicht erreichen, dann können wir depressiv
werden, aber das bringt uns gar nichts.

[00:41:57.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sie ihm helfen, sanft zu landen, auf der Stufe, wo er jetzt angekommen ist, dass man da auch
Wertschätzung gibt.

[00:42:12.340] – Bemerkung 4

Ja, ich glaube, das ist der Weg, der ihm helfen kann.

[00:42:15.350] – Bemerkung 4
Depression ist ein Thema.

[00:42:17.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Der wird depressiv. Ich sage, die Leute werden depressiv, wenn sie in einer Beziehung kämpfen und nicht
bestehen können, aber sie werden auch depressiv, wenn sie sich zu hohe Ziele gesetzt haben und die
nicht erreichen.

[00:42:34.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist bei dem jetzt der Fall.

[00:42:36.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum muss man ihm helfen zu landen, sonst ist er depressiv und dann macht alles keinen Sinn.

[00:42:36.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man gar nichts macht, dann erlebt man auch sein Scheitern nicht. Dann muss man das Scheitern
auch nicht erleben. Dann muss man nichts verarbeiten.

[00:42:36.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Helfen sie ihm, auf diesem Niveau zufrieden zu sein.

[00:42:56.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir müssen unsere Grenzen akzeptieren. Das ist wichtig. Sonst laufen wir gegen die Wand.

[00:43:20.400] – Bemerkung 5
Sie haben viel über die 1:1 Beziehung gesprochen, die Beziehungsgestaltung. In der neuen Autorität von
Haim Omer spricht man viel über das Netzwerk.

[00:43:44.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich beginne mit der Zweierbeziehung. Das Netzwerk ist sehr wichtig.

[00:43:54.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Netzwerk muss man schauen, was hat jeder für eine Rolle in dieser Gruppe. Wenn ein Netzwerk nicht
funktioniert, dann wird einer gemobbt, die anderen gehen alle auf den los. Es wird einer ausgeschlossen
oder einer zieht sich zurück.

[00:43:59.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Person, welche im obigen Beispiel nicht isst, die setzt einen Gruppenprozess in Gang.

[00:44:22.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hat immer ihr eigenes Essen und alle anderen essen etwas anderes.

[00:44:27.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Da müssen wir dann schauen, was für verschiedene Rollen die haben.

[00:44:33.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann muss man die, die sich raushalten oder immer nur dominant sind, die muss man bremsen.
Diejenigen, welche sich raushalten, muss man begleiten, dass sie sich mehr hinein begeben.

[00:44:36.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei Google haben sie Untersuchungen gemacht, was ist das Beste, also welches Team funktioniert am
besten.

[00:44:54.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben ganz viele Algorithmen durchgelaufen lassen und schlussendlich sind sie auf eine absolut
banale Binsenwahrheit gekommen. Ein Team funktioniert gut, wenn Equal Speaking Time herrscht, also
wenn alle gleich viel Redezeit haben.

[00:45:12.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann man natürlich übersetzen mit: alle sind integriert und jeder hat seinen Platz. Der Leiter gibt
dann jedem wieder seinen Platz.

[00:45:25.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Empathie, wenn gemerkt wird, wie es dem anderen geht.

[00:45:30.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man nicht einfach an allem vorbeigeht.

[00:45:33.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir heute alle Leute an ihrem Handy sehen, mit Kinderwagen, dort ist wenig sozialer Kontakt.

[00:45:34.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Sozialkontakt muss gefördert werden und man muss wachsam sein, was läuft.

[00:45:34.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie merken, dass es zwischen irgendjemandem einen Konflikt gibt, dann müssen sie schauen: Was
ist der Konflikt?

[00:45:53.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann ist wichtig, dass sie ja nicht die Täter und die Opferrolle verteilen.

[00:45:55.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Sondern: Was ist der Konflikt? Was ist das Problem? Was hast du für ein Problem und was hat der
andere für ein Problem?

[00:46:08.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Und jetzt: wie können wir das Problem lösen?

[00:46:10.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Sinne von Win-Win-Situation.

[00:46:14.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei Haim Omer spricht man auch von gewaltfreier Kommunikation.

[00:46:18.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich übersetze das und spreche von bedürfnisorientierter Kommunikation.

[00:46:23.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Leute ihre Bedürfnisse sagen können und dem anderen sagen, was sie brauchen, und nicht
zuerst dreinschlagen, wenn die Bedürfnisse nicht befriedigt worden sind.

[00:46:32.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann wird alles, vernetzter, harmonischer.

[00:46:41.350] – Bemerkung 6
Was ich sehr spannend finde, ist die Elternarbeit.

[00:46:49.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, klar.

[00:46:53.370] – Dr.med. Ursula Davatz

Machen sie von sich aus Elternarbeit mit den Jugendlichen?

[00:46:59.430] – Bemerkung 7
Ich weiss nicht, wieviel das gemacht wird.

[00:47:02.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sagen das einer Familientherapeutin, die immer mit den Eltern arbeiten will.

[00:47:14.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Als ich die Wohngruppe Guyerweg ins Leben gerufen haben, habe ich allen Mitarbeitern immer gesagt,
dass sie Elternarbeit machen müssen.

[00:47:18.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Eigentlich müssten wir, gerade bei Jugendlichen, immer wissen, wer die Eltern sind, die auch
kennenlernen.

[00:47:29.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Dynamik zwischen dem Jugendlichen und den Eltern ein bisschen kennenlernen, damit man nicht ins
gleiche Fahrwasser reinläuft.

[00:47:37.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie dann auch noch den Eltern irgendwas mitgeben wollen, ihre Erfahrung, was funktioniert und
was nicht funktioniert.

[00:47:47.190] – Bemerkung 8
Das findet im Step-up sicher in einem gewissen Rahmen statt, weil sie ja zum Teil minderjährig sind.

[00:48:05.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Wichtig wäre, dass man die Eltern kennt, dass man weiss, wie sie sind, dass man allenfalls auch ein
bisschen neuralgische Punkte kennt zwischen Eltern und dem Jugendlichen da und dann nicht die
gleichen Fehler macht.

[00:48:24.270] – Bemerkung 9
Im SEMO (Programme für Jugendliche und Junge Erwachsene) findet relativ wenig Elternarbeit statt.

[00:48:24.750] – Bemerkung 9
Im Step-Up ist es ein Sondersetting. Sonst findet das bei uns wenig statt.

[00:48:34.500] – Bemerkung 9
Vielleicht scheitern wir deshalb auch immer wieder.

[00:48:50.020] – Bemerkung 10
Im Coaching-Bereich mit Jugendlichen, finde ich das schon sehr, sehr wichtig, dass man mit den Eltern
zusammenarbeitet. Es ist nicht immer gleich einfach und die Eltern sind auch nicht immer gleich motiviert.
Manchmal merkt man schon, dass sehr grosse Probleme vorhanden sind.

[00:48:54.470] – Bemerkung 10
Manchmal kann man sie lösen in einem Gespräch oder ansatzweise sich herantasten. Manchmal geht es
auch nicht.

[00:49:09.050] – Bemerkung 10
Manchmal muss man auch mit dem KESB arbeiten.

[00:49:09.260] – Bemerkung 10
Die Eltern sind die wichtigsten Bezugspersonen.

[00:49:21.540] – Dr.med. Ursula Davatz
So ist es.

[00:49:21.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Sicher ist wichtig, dass man eine Ahnung hat, wer die Bezugspersonen sind, dass man sie mal kontaktiert
und ein bisschen sieht, wo die Position ist, dass man auch eine bisschen eine Ahnung hat von der
Interaktion.

[00:49:36.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann auch die Jugendlichen selber fragen: Was machst du, wenn der Vater das macht? Was machst
du, wenn die Mutter das macht? Was stört dich am meisten?

[00:49:44.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann auch die Jugendlichen befragen, in Bezug auf die Eltern.

[00:49:48.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal wollen die Jugendlichen total loyal sind und sagen dann gar nichts.

[00:49:52.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal schimpfen die Jugendlichen nur.

[00:49:54.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Jugendlichen ganz loyal sind, dann darf man ja nicht gegen die Eltern schimpfen, sonst
schadet man den Jugendlichen.

[00:49:58.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort kann man sie dann auch so ein bisschen necken und sagen: willst Du einmal das probieren?

[00:50:09.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Schlussendlich geht es dann um einen Ablösungskampf zwischen dem Jugendlichen und den Eltern.

[00:50:17.350] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Ablösungskampf passiert eine Auseinandersetzung und die ist nicht immer nur ruhig.

[00:50:24.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kann man die Jugendlichen ein bisschen anleiten, wie sie sich mit den Eltern auseinandersetzen
könnten.

[00:50:31.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier sage ich so Sachen wie: Wir Eltern sind schwer von Begriff. Vielleicht müssen sie es ein paar Mal
sagen und immer wieder und auf eine ruhige Art. Nicht abschätzig reden, sondern eben
bedürfnisorientiert reden und nicht: Du bist ein blöder Idiot, Du kommst nicht draus.

[00:50:56.820] – Bemerkung 11
Die Jugendlichen können auf ihre Türe schreiben, woran sie sind. Dann wissen die Eltern, wo die
Jugendlichen stehen.

[00:51:17.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Das finde ich eine gute Idee, sehr gut, darauf bin ich noch nicht gekommen.

[00:51:20.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kann man alle Fantasien haben.

[00:51:28.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kann man wahrscheinlich noch sehr kreativ sein. Hier kommt wieder das Kreative zum Zug.

[00:51:44.570] – Bemerkung 12

Im Zusammenhang mit dem Netzwerk, wenn wir den Ansatz vom gewaltlosen Widerstand nehmen, ist es
auch wichtig, dass man Verbündete hat.

[00:51:54.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich Kinder oder Jugendliche in Therapie habe, frage ich: Hast du einen guten Freund, mit wem
kannst Du es gut, mit wem nicht?

[00:52:03.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sich Kinder gemobbt gefühlt haben, habe ich gefragt: Mit wem hast du noch am wenigsten
Probleme? Tu dich doch mit dem Mädchen zusammen, dann seit ihr schon zu zweit, nicht als Mob gegen
die anderen, sondern einfach, dass das Kind nicht so alleine ist.

[00:52:28.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man die ganze Interaktion ein bisschen abfragt, das Beziehungsnetz ein bisschen abfragt.

[00:52:36.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind nicht mehr jugendlich, sie tun mich gar nicht hochnehmen, veräppeln.

[00:52:50.780] – Bemerkung 13
Das können wir schon.

[00:53:27.430] – Bemerkung 14
Ich würde schliessen. Was mir gefallen hat, was ich insbesondere mitnehme ist, dass die Provokation
eine Kontaktaufnahme ist vom Jugendlichen zu mir und ich das eigentlich als Ehre anschauen darf wenn
ich provoziert werde.

[00:53:45.790] – Bemerkung 14
Das habe ich noch nie so gesehen. Ich habe mich provozieren lassen, auch privat und ich werde das
immer als Wertschätzung anschauen, dass die Person in Kontakt treten möchte mit mir und mich auch
ein wenig foppen möchte.

[00:54:12.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das finde ich sehr gut, dass sie das aufgenommen haben. Das ist eine Kontaktaufnahme und sie können
es als Kompliment anschauen.

[00:54:13.730] – Dr.med. Ursula Davatz

Der lässt sie nicht einfach links liegen, der will eine Interaktion mit ihnen. Vielleicht macht er es auf eine
Art, wo sie sich zuerst ein bisschen verletzt fühlen. Wenn sie es als Kontaktaufnahme anschauen, dann
ist es wieder schön.

[00:54:33.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Das haben sie sehr gut verstanden.

[00:54:36.410] – Bemerkung 14
Super vielen Dank! Ich freue mich auf das nächste Mal.

[00:54:36.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Ihnen vielen Dank für das Zuhören.

Replik zum Interview mit Dagmar Rösler im Sonntagsblick

Replik zum Interview mit Dagmer Rösler im Sonntagsblick vom 25.2.2024

Transkription

Transkript

Dr.med. Ursula Davatz

25.2.2024
Replik zum Interview mit Dagmar Rösler im Sonntagsblick
Audio

[00:00:02.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Kommentar zum Interview mit Dagmar Rösler im Sonntagsblick vom 25.2.2024.

[00:00:11.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald viele Fachpersonen aussteigen aus dem System, obwohl sie ihren Beruf lieben,
ist etwas mit dem Schulsystem falsch.

[00:00:40.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben das gleiche Problem bei den Ärztinnen.

[00:00:43.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch diese steigen häufig aus, aus ihrem Beruf, obwohl sie ihren Beruf lieben.

[00:00:51.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch dort ist etwas falsch mit dem Gesundheitssystem.

[00:00:58.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Man spricht dann von Kindern, die den Schulunterricht terrorisieren.

[00:01:08.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Dagmar Rössler sagt korrekterweise: es geht nicht ums Terrorisieren, sondern die
Kinder sind in Not und brauchen eine andere Behandlung.

[00:01:24.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Sämtliche besonderen Kinder, die Probleme machen im Schulunterricht, sind häufig
Kinder mit ADHS/ADS.

[00:01:37.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist also nicht die Quantität, das heißt die Zeit, die man nicht für diese Kinder hat.

[00:01:45.070] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADS Kinder brauchen gar nicht so viel Zeit.

[00:01:48.370] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADS Kinder brauchen einen korrekten Umgang.

[00:01:53.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Die gängige Pädagogik von Bestrafung und Belohnung, funktioniert bei ADHS/ADS
Kindern in keiner Weise.

[00:02:06.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss die gängige Pädagogik von Bestrafung und Belohnung gar nicht erst
versuchen.

[00:02:10.340] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADS Kinder müssen als erstes verstanden werden.

[00:02:14.570] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADS Kinder müssen abgeholt werden, damit man sie ihrem Temperament und
ihrem Wesen entsprechend führen und begleiten kann.

[00:02:28.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gleiche gilt für sämtliche Tierarten, die vom Menschen dressiert werden.

[00:02:35.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Kein Dompteur könnte ein Tier gut dressieren, das heißt ihm neue Verhaltensweisen
beibringen, ohne dass er das Wesen des entsprechenden Tieres kennt.

[00:02:53.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Kindern ist man offensichtlich noch nicht so weit, dass man ihre Wesensart
zuerst erkennt und dann sie führt.

[00:03:08.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schule verwendet noch häufig die Methode: one size fits all.

[00:03:12.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre die Einheitspädagogik mit Bestrafen und Belohnen.

[00:03:18.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich begleite viele Familien, deren Kinder aus dem Schulsystem ausgeschieden sind
oder kurz davor sind, auszuscheiden.

[00:03:28.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald ich die Eltern entsprechend begleite und berate, dass sie lernen, mit ihren
schwierigen Kindern, ADHS/ADS Kindern besser umzugehen, tritt Ruhe ein und die
Entwicklung läuft besser ab.

[00:03:49.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Dagmar Rösler sagt auch, man soll sich früh Hilfe holen.

[00:03:53.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Frage stellt sich aber Hilfe wohl holen bei welchem System?

[00:04:00.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Das traditionelle medizinische Versorgungssystem, zu welchem auch die Psychiatrie
und die Kinderpsychiatrie gehört, ist leider noch viel zu stark nur auf
Symptombekämpfung und schliesslich soziale Anpassung des "Problem-Kindes"
ausgerichtet.

[00:04:23.930] – Dr.med. Ursula Davatz

Dies wird den Fähigkeiten des Kindes nicht gerecht.

[00:04:30.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sich von Fachpersonen beraten lässt als Lehrer und Lehrerin, dann wäre es
wichtig, dass man solche Fachpersonen aufsucht, die Erfahrung haben im Umgang mit
ADHS/ADS Kindern.

[00:04:51.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Dagmar Rösler erwähnt auch die Elternarbeit und wie wichtig die ist.

[00:04:58.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Dieser Aussage kann ich absolut zustimmen.

[00:05:04.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss jedoch aufpassen, dass die Eltern mit den Lehrern nicht in eine Rivalitäts-
Situation gelangen und dass eine gegenseitige Schuldzuweisung geschieht.

[00:05:17.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern schieben den Lehrern die Schuld zu, dass sie nicht korrekt oder nicht
adäquat mit ihrem Kind umgehen.

[00:05:29.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Lehrer schieben den Eltern die Schuld zu, dass sie das Kind zum Beispiel zu sehr
verwöhnen.

[00:05:36.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Beides hilft nicht weiter.

[00:05:40.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Eltern und Lehrer müssen einen kleinsten gemeinsamen Nenner finden.

[00:05:46.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Alles unter der Mithilfe einer Fachperson, welche sich wiederum auskennt im Umgang
mit ADHS Kindern.

[00:06:04.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wird auch von der Sonderschule geredet.

[00:06:08.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Eltern nicht mehr zufrieden sind mit den Lehrern ihrer Kinder und die Kinder
ständig klagen oder nach Hause ausweichen und die Lehrer am Ende ihrer Strategie
angekommen sind, dann kommt nur noch eine Sonderschule oder Privatschule in
Frage.

[00:06:39.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Wohlhabende Eltern suchen dann eine Privatschule auf.

[00:06:44.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Manche der Privatschulen sind sehr kreativ und können gut mit diesen ADHS/ADS
Kinder umgehen.

[00:06:58.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Andere haben aber auch nicht sehr viel Know-How im Umgang mit ADHS/ADS Kinder.

[00:07:04.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern zahlen dann viel Geld und das Resultat ist nicht wesentlich besser.

[00:07:13.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch in den Privatschulen geht es darum, dass Eltern und Lehrer miteinander
zusammenarbeiten können, allenfalls unter der Mithilfe einer dritten Person, mit
Fachkenntnis und Erfahrung im Umgang mit ADHS/ADS Kindern.

[00:07:31.120] – Dr.med. Ursula Davatz

Ich habe jedoch leider viel die Erfahrung gemacht, wenn ich als Fachperson, als
Psychiaterin und Familientherapeutin mit über 40-jähriger Erfahrung im Umgang mit
ADHS/ADS Kinder den Lehrern meine Hilfe anbieten will, dass man dann nicht sehr
offen ist für mein Know-How, sondern sich vielmehr schnell kritisiert fühlt und dann in
eine Abwehrhaltung gerät.

[00:08:14.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Zum Thema integrative Schule, offensichtlich läuft dieses Projekt nun schon seit 20
Jahren.

[00:08:24.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch ich würde klar sagen integrative Schule: ja, aber die Lehrer brauchen bei diesem
Schulmodell viel mehr Unterstützung.

[00:08:39.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Dabei pflichte ich Dagmar Rößler auch bei, dass jede Klasse zwei Lehrer haben sollte,
wie ein Kind normalerweise auch zwei Elternteile hat, damit sich diese Lehrer dann
auch austauschen können, gegenseitig beraten und das Kind allenfalls, wenn es mit
einem Lehrer nicht richtig zurechtkommt, sich auf den anderen Lehrer beziehen kann
und so die Schulsituation wieder ins Gleichgewicht kommt.

[00:09:22.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gleiche passiert nun zum Teil in der Medizin, dass man in der Medizin zwei
Ärztinnen zusammen anstellt, diese dann nur noch im Teilpensum arbeiten, aber sehr
gut miteinander zusammenarbeiten.

[00:09:44.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben diese Situation nun ja auch mit den Eltern, die beide berufstätig sind und sich
in der elterlichen Aufgabe aufteilen, ausgleichen, ergänzen und unterstützen.

[00:10:02.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Diesen Vorschlag von Dagmar Rösler würde ich unbedingt unterstützen.

[00:10:10.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Was die Heilpädagogen/Innen im Schulsystem anbetrifft, erlebe ich häufig auch wieder,
dass sie zu sehr medizinisch ausgebildet sind und zu wenig systemisch.

[00:10:25.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte ein Kind, das eine Heilpädagogin an einem Tag an seine Seite gestellt
bekommen hat.

[00:10:32.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Ausgerechnet an diesem Tag ist es nicht in die Schule gegangen, weil es sich gestört
fühlte durch seine Sonderstellung.

[00:10:43.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Dies muss unbedingt mit berücksichtigt werden.

[00:10:52.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Schulassistenten und Schulassistentinnen sind eine gute Sache. Selbst wenn diese
keine Lehrerausbildung haben.

[00:11:02.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe einige Schulassistenten selbst begleitet und auch in Supervision gehabt, und
die können durchaus sehr gute Arbeit machen.

[00:11:17.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können individueller auf das Kind eingehen und vielleicht das Kind besser
beobachten und wahrnehmen in seiner Not oder seinen besonderen Bedürfnissen.

[00:11:29.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Dieses System würde ich durchaus ebenfalls unterstützen.

[00:11:37.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Der häufige Lehrerwechsel ist natürlich eine Katastrophe für die Kinder, insbesondere
auch für ADHS/ADS Kinder, die häufig nicht so gerne Wechsel haben und länger
brauchen, um sich an eine neue Situation anzupassen.

[00:11:53.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe Kinder in meiner Praxis, die innerhalb eines Jahres oder zwei Jahren mehrere
Lehrerwechsel gehabt haben und völlig verzweifelt sind; auch die Eltern sind
verzweifelt.

[00:12:06.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal musste man dabei dann sogar auf Home-Schooling übergehen.

[00:12:15.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier kann man wieder sagen, die Lehrer müssen viel mehr Unterstützung erhalten von
entsprechenden erfahren Personen.

[00:12:25.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Man könnte auch das Tutorensystem einführen, das ältere erfahrene Lehrer, jüngere
Lehrer begleiten und ihnen etwas Schulpraxis beibringen.

[00:12:44.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch gegenseitige Schulbesuche würde ich sehr unterstützen, damit Lehrer sehen, wie
andere Lehrpersonen mit schwierigen ADHS/ADS Kindern umgehen.

[00:12:56.530] – Dr.med. Ursula Davatz
So würde das Know-How im Umgang mit ADHS/ADS Kindern sich mehr verbreiten.

[00:13:06.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Noten als Motivation für eine gute Leistung ist nur beschränkt hilfreich, da gehe ich mit
Dagmar Rössler einig.

[00:13:15.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Noten sind an sich eine primitive Bewertung des Leistungseinsatzes für die Kinder,
insbesondere für ein lernbehindertes Kind, wie häufig ADHS/ADS Kinder auch sind,
indem sie zusätzlich eine LRS haben, Dyskalkulie oder andere neurologische
Spezialitäten.

[00:13:46.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Idealerweise sollte das Kind mit seinem eigenen Leistungsfortschritt konfrontiert
werden und gelobt werden für jeden kleinen Fortschritt, auch wenn er noch so klein ist.

[00:14:03.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Dies motiviert.

[00:14:06.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch Geld würde ich niemals für gute Noten geben.

[00:14:11.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Kinder sind von sich aus neugierig, lernbereit.

[00:14:16.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf ihre Neugier und ihre Lernbereitschaft aber nicht abstumpfen, indem man wie
gesagt, ungeschickt mit ihnen umgeht.

[00:14:29.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier spielt das Thema Beschämung eine ganz wichtige Rolle.

[00:14:35.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele Lehrer verwenden auch heute noch die Beschämung eines Kindes als Motivation.

[00:14:43.490] – Dr.med. Ursula Davatz

Beschämung bewirkt nur Ausweichverhalten, Vermeidungsverhalten, aber niemals
Leistungsansporn.

[00:14:53.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Beschämung sollte also total vermieden werden.

[00:15:02.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wird heutzutage viel davon gesprochen, dass die Jugend immer mehr Probleme hat,
dass die Kinderpsychiater überfordert und überlastet sind, dass mehr Selbstmordraten
auftreten, usw.

[00:15:23.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Dazu kann ich nur sagen, das medizinische Modell, das nur das einzelne Individuum
fokussiert behandelt, Symptome bekämpft, reicht niemals aus, ja ist geradezu tödlich für
Jugendliche.

[00:15:44.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Jugendliche stecken in einer Entwicklung und zwar in der Persönlichkeitsentwicklung.

[00:15:53.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Das jugendliche Gehirn ist zu diesem Zeitpunkt auch in einer Umbauphase.

[00:15:59.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Man nennt es Synaptic Pruning.

[00:16:02.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Das jugendliche Gehirn ist von dort her sehr störanfällig.

[00:16:07.440] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne sollten Lehrer von Jugendlichen und Eltern von Jugendlichen, die nicht
einfach problemlos durch das Schulsystem hindurch laufen, unbedingt gute

Unterstützung mit Know-How bekommen und nicht einfach Medikamente den Kindern
abgegeben werden.

[00:16:37.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch da mangelt es schließlich an entsprechend erfahrenen Fachpersonen.

[00:16:47.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Fachpersonen könnten sich alle herausbilden, indem sie um Hilfe gefragt werden
und sich dann überlegen müssen, wie man weiter vorgehen könnte.

[00:17:02.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin zu 100% einverstanden mit Dagmar Rössler, wenn sie sagt: eine Investition in
unsere Zukunft, unsere Nachkommenschaft, unsere Kinder lohnt sich unbedingt und
sollte viel sorgfältiger angegangen werden.

[00:17:28.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn immer wieder vorgebracht wird, wir hätten kein Geld, um unsere Kinder, unsere
Schulen, unsere Lehrer entsprechend zu unterstützen, muss ich sagen: Man spart am
falschen Ort.

[00:17:44.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Es könnten Millionen von Franken gespart werden, würde man sorgfältiger in unsere
Jugend, unsere Zukunft investieren und die Verführung der Jugend nicht nur dem
Internet überlassen.

[00:18:02.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Lehrer haben heutzutage viel mehr Konkurrenz durch das Internet, die sozialen Medien
etc.

[00:18:09.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald der Unterricht langweilig wird, schalten die Kinder um auf ihr Handy.

[00:18:17.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Man füttert die ADHS/ADS Kinder offensichtlich nicht mit dem Stoff, den sie brauchen
oder wollen.

[00:18:25.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Da ist das Schulsystem der allgemeinen Entwicklung, der elektronischen Entwicklung
etwas hinterher geblieben, hinkt hinterher, ist zurückgeblieben und sollte sich unbedingt
neu formatieren, neu ausprobieren und neue Methoden wagen.

[00:19:02.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Präventionskosten wären wenig im Vergleich zu den Reparationskosten.

[00:19:09.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin täglich mit Reparationskosten an Kindern und auch Erwachsenen, die im
Schulsystem ungeschickt behandelt wurden, konfrontiert.

[00:19:23.990] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne müsste man auch die Industrie dazu verpflichten, dass sie nicht nur zu
ihren Gunsten in die Jugend investiert, um gute Arbeiter für sich zu bekommen, sondern
dass sie in neutraler Weise in unsere Nachkommenschaft investiert und nicht nur in
ihren eigenen Betrieb.

[00:19:49.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Diesbezüglich müsste politisch gesehen eine große Veränderung stattfinden und
politisch auch durchgesetzt werden.

[00:20:02.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Es werden von den Krankenkassen sogar Präventionsgelder auf die Seite gestellt, aber
wenige Leute wissen davon und nutzen sie dann auch.

[00:20:17.600] – Dr.med. Ursula Davatz

Vor Jahren waren 11 Millionen Schweizer Franken brachgelegen beim Bundesamt für
Prävention und niemand oder wenige Leute haben davon gewusst noch dies dann
genutzt.

[00:20:38.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Diesbezüglich wäre eine Umschaltung des Geldflusses, vermehrt in die Schule und die
Prävention – eben eine moderne Schule – absolut sinnvoll und würde unserer
Gesellschaft gut tun.

[00:21:00.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sind meine Worte zum Interview mit Dagmar Röseler am Sonntag, 25.2.2024.

[00:21:05.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Schönen Sonntag!