Lasst sie pubertieren!

In der Jugend tritt Schizophrenie am häufigsten auf. Denn wenn Eltern sie nicht rebellieren lassen, können ihre Kinder in eine Psychose verfallen. Die Psychiaterin Ursula Davatz setzt deshalb in der Therapie bei der ganzen Familie an.

E-Paper-Ausgabe_Aargauer Zeitung (Ost)_Sonntag, 18 Januar 2015

In der Jugend tritt Schizophrenie am häufigsten auf. Denn wenn Eltern sie nicht rebellieren lassen, können ihre Kinder in eine Psychose verfallen. Die Psychiaterin Ursula Davatz setzt deshalb in der Therapie bei der ganzen Familie an.

Von Alexandra Fitz

Transkript

Lasst sie pubertieren!

Frau Davatz, die Hauptaussage Ihres Buches «ADHS und Schizophrenie» ist, dass zwischen ADHS und Schizophrenie ein Zusammenhang besteht.

Ursula Davatz: Der Störfaktor ADHS kann gemeinsam mit erzieherischen Umständen zu späteren psychischen Krankheiten führen wie beispielsweise Schizophrenie.

Das müssen Sie genauer ausführen.

Früher dachte man, dass ADHS sich auswächst. Heute weiss die Psychiatrie, dass das nicht stimmt. 75 bis 80 Prozent der ADHS-Patienten haben im Erwachsenenalter eine zusätzliche psychiatrische Diagnose. Ich sage, diese weitere Krankheit hat sich aus dem ADHS heraus mit der ungünstigen Interaktion des Umfelds entwickelt. Das ist eine Tragik, die nicht sein müsste. Wenn man Eltern und Lehrer besser beraten würde, könnte man viele psychiatrische Krankheiten verhindern. Ich verstehe nicht, weshalb das die anderen Ärzte nicht sehen.

Stichwort Eltern. Wenn ich Ihr Buch lese, habe ich das Gefühl, dass hauptsächlich die Eltern schuld sind, wenn ein ADHS-Kind später an Schizophrenie erkrankt.

Es ist natürlich die Interaktion zwischen Vererbung und Erziehung. Ich operiere eigentlich nicht gerne mit Schuld. Eltern können ja auch nichts dafür, dass sie Erziehen so vorgelebt bekamen. Sie wissen es oft nicht besser und es gibt zu wenige Fachleute, die sie beraten.

Anders als das Erbgut kann man Erziehungs- und Verhaltensmuster immerhin ändern.

Das stimmt. Es ist nicht einfach, aber man kann es. Deshalb gehe ich bei meinen Beratungen auf die Erziehung und die Familie ein.

Sie sagen, die Paar-Beziehung der Eltern ist bei der Therapie eines Schizophrenen sehr wichtig.

Ja. Ich kenne keine Eltern von Schizophrenen, die keine Paar-Probleme haben. Bei vielen ist es einfach zu spät, sodass man nichts mehr machen kann.

«Familien mit einem Schizophrenie- Kranken zeichnen sich durch ein matriarchal-beherrschtes Familiensystem aus», schreiben Sie. Warum löst das die Krankheit aus?

Mein ehemaliger Chef in Amerika, der auf Schizophrenie spezialisiert war, sagte immer: «An anxious mother with a loud mouth» (Eine ängstliche Mutter, die viel redet). Mütter, die ängstlich sind, die viel auf das Kind einreden, schaffen dadurch ein emotionales, überreiztes Umfeld, das nicht gut ist für diese Kinder. So können sie keine eigene Personalität entwickeln. Männer ergreifen die Flucht vor solchen Frauen, sind zu wenig anwesend, nehmen eine passive Vaterrolle ein.

Und welche Rolle spielt das Kind in diesem Familiensystem?

Ein Kind mit ADHS ist meistens hypersensibel. Es merkt immer als Erstes, wenn es der Mutter schlecht geht. Dann verwendet es bestimmte Methoden, um der Mutter oder dem Familiensystem zu helfen. Es wird zum Spassmacher oder frech, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Dann wird auf dieses Kind fokussiert: Es gilt als böses Kind und wird dafür bestraft, dass es eigentlich im Familiensystem helfen will.

Sie sagen, dass Kinder pubertieren können müssen.

Ja, zur Pubertät gehört Rebellion, dass Eltern vom Sockel gestossen werden, dass man frech ist. Kann man das nicht, staut sich diese Auflehnung gegen innen. Und genau während der Pubertät tritt Schizophrenie am häufigsten auf. Eltern von Schizophrenen sagen sehr oft: Mein Kind hat eigentlich nie pubertiert. Diese Kinder werden eher krank, als dass sie sich trauen, zu pubertieren. Deshalb gibt es diesen englischen Spruch «Better mad, than bad» (Besser böse als schlecht.) In der Familie wird es eher akzeptiert, dass man krank ist, als böse zu sein. Denn wenn man böse ist, ist das ein Affront gegen die Eltern, wenn man aber krank ist, können die Eltern sagen: Wir haben nichts mit der Problematik zu tun, es ist eine Krankheit. Wenn das Kind böse wird, disqualifiziert es die Eltern, und das trauen sich diese Kinder gar nicht.

Warum trauen sich diese Kinder das nicht?

Die Kinder nehmen zu viel Rücksicht, passen sich aus Sensibilität heraus zu fest ihren Eltern an. Bis sie nicht mehr können und innerlich explodieren. Dann kommt auf einmal die ganze Aggression hervor in der Psychose.

Was passiert da im Hirn?

Wenn man das Hirn drei teilt, dann gibt es das kognitive, das emotionale und das motorisch-vegetative Hirn. Bei diesen Gefühlen wird das emotionale Hirn überaktiviert. Es überflutet das kognitive Hirn mit Impulsen, dann bricht das Denksystem zusammen. Das ist die Störung, die bei der Psychose auftritt.

Warum werden Männer seltener psychotisch als Frauen?

Man kann es nicht genau sagen. Aber Männer leben ihre emotionalen Probleme eher aggressiv aus, haben ein Ventil nach aussen. Frauen haben das sogenannte Kuschel-Hormon (Oxytocin), das sie zur Anpassung bringt. Ihre Emotionen stauen sich mehr nach innen auf.

Sie sagen, ADHS hänge mit Folgekrankheiten zusammen. Wie kann es dann sein, dass mehr Jungen ADHS, später aber wieder mehr Frauen eine psychiatrische Diagnose haben?

Bei ADHS kommen etwa vier Buben auf ein Mädchen. Bei den Mädchen gibt es einige, die ADS haben, also das Syndrom ohne Hyperaktivität. Die fallen nicht auf, man diagnostiziert sie nicht. Das sind einfach Träumerinnen. Man könnte vielleicht sagen: ADHS-Mädchen verfallen öfter in eine Psychose und ADHS- Buben leiten ihre Aggressivität in die Delinquenz um.

Sie wollen also sagen, dass Straftäter häufig ADHS haben?

Ja, ich beobachte das schon lange. In Gefängnissen gibt es sehr viele ADHS-Menschen. Ich möchte schon lange eine Studie machen zu ADHS und Gefängnisinsassen.

Thema Ritalin-Therapie. Ein bequemes Mittel und notwendiges Übel? Das kommt auf die Eltern und die Lehrer an. Ritalin hilft, dass sich die Kinder besser konzentrieren können. Aber es reicht nie, einem Kind nur Ritalin zu geben. Man muss immer die Eltern und die Lehrer beraten, dass sie mit dem Kind adäquater umgehen können.

Verabreichen Eltern ihren Kindern generell zu schnell Ritalin? Das ist unterschiedlich. Es gibt Eltern, die sind absolut gegen Medikamente. Das akzeptiere ich. Aber es gibt Lehrer, die sagen, ich gebe dem Kind keine Schule mehr, wenn es nicht Ritalin nimmt. Das geht zu weit.

Sie sprechen von versteckter Medikamentenabgabe, im Essen oder im Trinken. Gibt es das wirklich? Ja, das wird gemacht.

Aber nur bei Kleinkindern, die noch nicht selber entscheiden können? Nein, es sind Eltern von 30-jährigen Söhnen, die ihnen das untermischen. Sie denken, sie machen etwas Gutes. Ich sage den Eltern immer, dass sie das nicht dürfen.

Ursula Davatz erforscht die Schizophrenie

Ursula Davatz (72) ist Psychiaterin und Familientherapeutin. Sie war 20 Jahre lang Leitende Ärztin des Sozialpsychiatrischen Dienstes im Kanton Aargau und hat dort den VASK (Verein der Angehörigen von Schizophreniekranken) gegründet. Sie ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder.

Das Buch: «ADHS und Schizophrenie. Wie emotionale Monsterwellen entstehen und wie sie behandelt werden». Edition Rüegger. 2014, 320 Seiten, 44 Franken

ADHS bedeutet Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung und ist eine im Kindesalter beginnende Störung, bei der die Aufmerksamkeit beeinträchtig und die Impulsivität erhöht ist.

SCHIZOPHRENIE ist eine Gruppe von psychischen Krankheitsbildern, bei denen Wahrnehmung und Denken stark gestört sind. Oft hören Betroffene Stimmen und haben Wahnvorstellungen.

Bildlegende: Zur Pubertät gehört, dass man frech ist. Kann man das nicht, staut sich die Auflehnung gegen innen. IMAGO

Schweiz am Sonntag, Nr. 3, 18. Januar 2015, Seite 54.