Dr. med. Ursula Davatz betont in ihren Ausführungen, dass viele der psychiatrischen und körperlichen Diagnosen, die bei Menschen mit ADHS/ADS festgestellt werden, aus ihrer Sicht Folgekrankheiten sind. Diese entwickeln sich, wenn nicht artgerecht, persönlichkeitsgerecht und neurotypgerecht mit diesen Menschen umgegangen wird. Druck und ein nicht-verständnisvolles Umfeld können dabei eine zentrale Rolle spielen.
Folgende Folgekrankheiten und Probleme im Zusammenhang mit ADHS werden von Dr. Davatz im Audiomaterial diskutiert:
Psychiatrische Folgekrankheiten:
Persönlichkeitsstörungen bei Frauen: Insbesondere bei hyperaktiven Frauen mit ADHS, die zurückgebremst werden, kann sich eine Persönlichkeitsstörung entwickeln.
Borderline Persönlichkeitsstörung: Diese Diagnose ist laut Dr. Davatz häufig bei Frauen mit ADHS anzutreffen, die in ihrer Entwicklung eingeschränkt wurden.
Depression: Depressionen treten häufiger bei Frauen mit ADHS auf, insbesondere wenn die Diagnose erst spät gestellt wird und sie zuvor viel Energie in die Anpassung gesteckt haben.
Antisoziale Persönlichkeitsstörung: Bei Männern mit ADHS beobachtet Dr. Davatz eher diese Entwicklung, die bis hin zu Delinquenz führen kann.
Suchtstörungen: Menschen mit ADHS/ADS neigen dazu, Suchtmittel zu verwenden, um ihr starkes Temperament zu regulieren. Dies kann alle Arten von Suchtmitteln umfassen, aber auch den Gebrauch von Beruhigungsmitteln bis hin zur Abhängigkeit.
Schizophrenie: ADHS/ADS-Betroffene können in einen schizophrenen Zustand übergehen, wenn ihr emotionales Gehirn über längere Zeit völlig überlastet ist. Dies ist ein Resultat eines „System Overload“ im emotionalen Hirn.
Bipolare Störung: Tritt bei ADHS/ADSlern auf, möglicherweise als Befreiung von zu engstirniger Erziehung durch manische Schübe.
Körperliche Folgekrankheiten:
Fibromyalgie und Schmerzen: Frauen mit ADHS entwickeln tendenziell häufiger Fibromyalgie und chronische Schmerzen.
Herzinfarkte: Männer mit ADHS scheinen anfälliger für Herzinfarkte und ähnliche Erkrankungen zu sein.
Muskel-Skelett-System-Probleme und Schmerzen am ganzen Körper: Dr. Davatz beobachtet diese Probleme häufig bei Frauen mit ADHS.
Soziale und verhaltensbezogene Probleme:
Selbstverletzendes Verhalten (Ritzen) und Essstörungen: Kommt bei Frauen mit ADHS vor.
Rückzug und Kommunikationsverweigerung: Insbesondere bei ADS-Betroffenen kann es bei negativen Erfahrungen zu einem kompletten Rückzug und Verweigerung der Kommunikation kommen. Dies kann fälschlicherweise als Autismus wahrgenommen werden.
Schulverweigerung: Kinder mit ADHS/ADS können die Schule verweigern, wenn ihre Bedürfnisse im schulischen Umfeld nicht erfüllt werden.
Delinquenz: In extremen Fällen können insbesondere ADHS-Betroffene delinquent werden, wenn sie im erzieherischen Umfeld ständig Kritik erfahren und ausscheren.
Dr. Davatz betont, dass diese Folgekrankheiten nicht zwangsläufig auftreten müssen und durch einen verständnisvollen, geduldigen und auf die individuellen Bedürfnisse abgestimmten Umgang oft vermieden oder gemildert werden könnten. Ihrer Meinung nach liegt das eigentliche Problem oft nicht in der genetischen Veranlagung selbst, sondern in der mangelnden Anpassung des Umfelds an die Besonderheiten neurodivergenter Menschen. Sie plädiert daher für Prävention durch frühe Aufklärung und Unterstützung des Umfelds
Im Hinblick auf die Umfeld-Interaktion bei Autismus-Spektrum-Störungen (ASS), Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADS) und Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperkinetischem-Syndrom (ADHS) betont Dr. med. Ursula Davatz die entscheidende Rolle des Umfelds für die Entwicklung und das Wohlbefinden dieser Menschen.
Hier sind die wichtigsten Aspekte der Umfeld-Interaktion, die in den Quellen hervorgehoben werden:
Das Gehirn als soziales Anpassungsorgan: Dr. Davatz beschreibt das Gehirn als ein soziales Anpassungsorgan, das immer in Aktion mit dem Umfeld steht. Obwohl eine genetische Veranlagung für ASS, ADS und ADHS besteht, wird das Gehirn kontinuierlich durch die Interaktion mit der Umwelt beeinflusst, bestimmt und verändert.
Epigenetische Einflüsse: Dank der Epigenese kann sich das Hirn verändern, und auch unsere Gene können sich in ihrer Ausprägung verändern in Abhängigkeit von der Interaktion mit dem Umfeld. Die Gene bringen Anlagen mit sich, die dann durch das Umfeld eingeschränkt und bestimmt werden.
Wichtigkeit eines verstehenden Umfelds: Es ist äusserst wichtig, dass das Umfeld mit diesen Menschen umgehen kann. Die genetische Veranlagung spielt hier eine wichtige Rolle, aber die Art und Weise, wie das Umfeld reagiert, ist entscheidend.
Persönlichkeitsgerechter und neurotypgerechter Umgang: Dr. Davatz betont die Notwendigkeit eines persönlichkeitsgerechten Umgangs mit Individuen mit ASS, ADS oder ADHS, ähnlich dem Konzept der „artgerechten Tierhaltung“. Man muss lernen, auf diese Menschen einzugehen und mit ihnen umzugehen, da ein erzieherisches Umfeld, das vom Normotyp ausgeht, oft nicht funktioniert.
Negative Auswirkungen von Druck und Ungeduld:Druck ist absolutes Gift für diese Menschen. Wenn Bezugspersonen ungeduldig sind und auf Kinder mit ASS/ADS einreden, können diese sich zurückziehen und am Schluss gar nicht mehr reden. Es ist wichtig, Geduld zu haben, abwarten zu können und nicht sofort wieder Druck zu machen. Kinder mit stark vernetzten Gehirnen brauchen Zeit, um zu antworten und intrinsisch zu entscheiden.
Kommunikation im Zustand von „low arousal“: Da diese Menschen oft stark erregt sind, sollte man immer in einem Zustand von „low arousal“ mit ihnen kommunizieren. Man muss sich zuerst selbst beruhigen, bevor man etwas sagt.
Folgekrankheiten durch nicht neurotypgerechten Umgang: Viele psychiatrische und körperliche Diagnosen bei Menschen mit ADHS/ADS/ASS sind aus der Sicht von Dr. Davatz Folgekrankheiten, die entstehen, wenn nicht artgerecht, persönlichkeitsgerecht und neurotypgerecht mit ihnen umgegangen wird. Zum Beispiel können Frauen mit ADHS, die ständig zurückgebremst werden, eine Borderline-Persönlichkeitsstörung entwickeln.
Wichtigkeit der Prävention und frühen Unterstützung: Dr. Davatz plädiert für eine möglichst frühe Unterstützung des Umfelds (Eltern, Lehrer, Kindergärten), um zu lernen, kompetent und neurodivers-adäquat mit diesen Kindern umzugehen. Prävention ist entscheidend, da es oft schon sehr spät ist, wenn diese Menschen psychiatrische Diagnosen erhalten.
Lernen vom Gegenüber: In der Interaktion mit neurodiversen Menschen lernt man immer auch von seinem Gegenüber, was Dr. Davatz mit dem Sokratischen Lernen vergleicht.
Zusammenfassend ist die Interaktion mit dem Umfeld ein zentraler Faktor in der Entwicklung und im Leben von Menschen mit ASS, ADS und ADHS. Ein verständnisvolles, geduldiges und persönlichkeitsgerechtes Umfeld, das die neurodivergenten Eigenschaften berücksichtigt, ist entscheidend für eine positive Entwicklung und zur Vermeidung von Folgeerkrankungen. Dr. Davatz betont die Notwendigkeit, dass das Umfeld lernt, wie man effektiv mit diesen Menschen umgeht, anstatt von ihnen zu erwarten, dass sie sich an ein nicht passendes Umfeld anpassen.
Im Hinblick auf die genetische Veranlagung bei Autismus-Spektrum-Störungen (ASS), Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADS) und Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperkinetischem-Syndrom (ADHS) betont Dr. med. Ursula Davatz, dass alle drei genetisch vererbt sind. Sie spricht von einem neurodivergenten Menschentyp im Vergleich zu Durchschnittsmenschen.
Hier sind die wichtigsten Punkte zur genetischen Veranlagung, die in den Quellen genannt werden:
Starker Erblichkeitsfaktor: Die Autismus-Spektrum-Störung (ASS) ist am stärksten genetisch vererbt, mit etwa 90%. ADS und ADHS sind ungefähr zu 80% vererbt.
Epigenetische Einflüsse: Obwohl die Veranlagung genetisch ist, spielt die Epigenese eine viel größere Rolle beim Gehirn. Die Epigenetik beschreibt die Interaktion unter den Genen. Das Gehirn ist ein plastisches Organ und epigenetischen Prozessen unterworfen. Die genetische Veranlagung kann in der Interaktion mit dem Umfeld stark beeinflusst werden, sowohl zum Guten als auch zum Schlechten. Die Gene können wir nicht verändern, aber ihre Ausprägung wird über die Interaktion mit dem Umfeld eingeschränkt und bestimmt.
Gemeinsame genetische Grundlagen: Studien im Bereich der GWAS (Genomweite Assoziationsstudien) haben gezeigt, dass ADHS, Autismus, Schizophrenie, manisch-depressiv und schwere Depression den gleichen geänderten Gen-Lokus aufweisen. Für Dr. Davatz ist es daher klar, dass diese Zustände alle zusammenhängen.
Nicht den Genen ausgeliefert: Trotz der starken genetischen Komponente betont Dr. Davatz, dass wir nicht den Genen ausgeliefert sind. Das Gehirn ist flexibel, und es gibt viele Möglichkeiten der Einflussnahme.
Vererbung über Generationen: Die genetische Veranlagung kann über alle Generationen weitergegeben werden. Dr. Davatz nimmt bei der Anamnese oft drei oder mehr Generationen auf und beobachtet, wie sich die Symptomatik in verschiedenen Formen weitervererben kann. Es ist möglich, dass eine Generation gelernt hat, besser mit bestimmten Eigenschaften umzugehen, sodass sie erst in späteren Generationen wieder stärker zum Vorschein kommen. Es werden 20 bis 100 Gene gemischt weitergegeben, sodass jede Fortpflanzung eine neue Kombination ergibt.
Geburtsgebrechen: Dr. Davatz betont, dass die Diagnose (z.B. ADHS/ADS) als ein Geburtsgebrechen angesehen werden kann, da sie genetisch bedingt ist und mit der Geburt vorhanden ist.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ASS, ADS und ADHS eine starke genetische Grundlage haben, wobei ASS die höchste Erblichkeit aufweist. Allerdings betont Dr. Davatz die wichtige Rolle der Epigenetik und der Interaktion mit dem Umfeld, die die Ausprägung dieser genetischen Veranlagung maßgeblich beeinflussen können. Zudem deutet die Forschung auf gemeinsame genetische Faktoren bei verschiedenen neurodivergenten Zuständen hin. Trotz der genetischen Veranlagung sieht Dr. Davatz Menschen mit diesen Eigenschaften nicht als ihren Genen ausgeliefert, sondern betont die Flexibilität des Gehirns und die Möglichkeiten der positiven Beeinflussung durch das Umfeld und individuelle Strategien.
Im Rahmen der Autismusdiagnostik auf neurologischer Ebene betont Dr. med. Ursula Davatz, dass das Gehirn eine ganzheitliche Funktion hat. Im Gegensatz zur Medizin, wo in verschiedene Körperorgane aufgeteilt und unterschiedliche Diagnosen gestellt werden, funktioniert das beim Gehirn nicht so gut. Sie kommt immer weiter weg von starren Diagnosestellungen in der Psychiatrie.
Das Gehirn als Anpassungs- und soziales Organ: Dr. Davatz beschreibt das Gehirn als ein Anpassungsorgan und insbesondere als ein soziales Anpassungsorgan, das immer in Aktion mit dem Umfeld steht. Obwohl Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) eine genetische Veranlagung haben, wird das Gehirn auch durch das Umfeld beeinflusst, bestimmt und verändert. Die Epigenese spielt hier eine wichtige Rolle, indem sie die Interaktion zwischen Genen und Umwelt beschreibt, wodurch sich das Gehirn und die Genexpression verändern können. Die genetischen Anlagen werden durch die Interaktion mit dem Umfeld eingeschränkt und bestimmt.
Synaptisches Pruning und Entwicklung: In der Pubertät findet eine Umstrukturierung des Gehirns statt, die als Synaptic Pruning bezeichnet wird. Dabei werden viele Vernetzungen im Gehirn gekappt, um funktionale Netzwerke zu entwickeln, die für tägliche Aufgaben wichtig sind. Bei Menschen mit ADHS/ADS (und somit auch ASS) kann dieser Prozess verlangsamt sein, da sie mehr Eindrücke zur Verarbeitung aufnehmen. Das emotionale Gehirn bleibt bei ihnen stärker mit dem ganzen Hirn vernetzt.
Breite Aufmerksamkeit und Reaktivität: Menschen mit ASS, ADHS und ADS weisen eine breite Aufmerksamkeit auf, die sie leicht störbar und ablenkbar macht. Emotional sind sie hochreaktiv, und kleine Reize können sie durcheinanderbringen. Sie sind oft ungeduldig und können Verzögerungen schlecht tolerieren. Ihr Hirn mit der starken Vernetzung benötigt Zeit, um Informationen zu verarbeiten und zu einer Entscheidung zu kommen.
Kritik an Diagnosen aus neurologischer Sicht: Dr. Davatz sieht psychiatrische Diagnosen als konzeptuelle Konzepte, die funktionelle Zustände des Gehirns einfrieren, obwohl die Funktion flexibel bleibt. Für den einzelnen Patienten bringen diese starren Diagnosen oft nicht viel, da jeder Mensch anders ist.
Genetische Veranlagung und Interkonnektivität: ASS, ADS und ADHS sind genetisch vererbt. ASS weist dabei die stärkste genetische Vererbung auf. Studien deuten darauf hin, dass diese und andere psychiatrische Erkrankungen wie Schizophrenie auf ähnlichen genetischen Veränderungen beruhen, was für Dr. Davatz zeigt, dass alles zusammenhängt. Die genetische Veranlagung kann jedoch durch die Interaktion mit dem Umfeld stark beeinflusst werden.
Folgen von nicht neurotypgerechtem Umgang: Wenn nicht persönlichkeitsgerecht und neurotypgerecht mit diesen Menschen umgegangen wird, können sich verschiedene psychische und körperliche Folgekrankheiten entwickeln. Druck erachtet sie als schädlich.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die neurologische Ebene in der Autismusdiagnostik von Dr. Davatz als ein dynamisches Zusammenspiel von genetischer Veranlagung und Umwelteinflüssen verstanden wird, das die Entwicklung und Funktion des Gehirns prägt. Starre Diagnosen werden kritisiert, und ein individuelles, verständnisvolles Eingehen auf die neurodivergenten Eigenschaften der Betroffenen wird als entscheidend für deren positive Entwicklung und die Vermeidung von Folgeerkrankungen betrachtet.
Dr. med. Ursula Davatz hält einen Vortrag zum Thema Autismusdiagnostik auf neurologischer Ebene. Als Psychiaterin und Familientherapeutin betont sie, dass das Gehirn ganzheitlich funktioniert und es beim Gehirn nicht so einfach ist, starre Diagnosen zu stellen, wie in anderen Bereichen der Medizin. Sie distanziert sich zunehmend von diesen starren Diagnosen.
Das Gehirn als Anpassungsorgan: Dr. Davatz beschreibt das Gehirn als ein soziales Anpassungsorgan, das immer in Aktion mit dem Umfeld steht. Obwohl Autismus (ASS, Autismus-Spektrum-Störung) eine genetische Veranlagung hat, wird das Gehirn immer auch durch das Umfeld beeinflusst, bestimmt und verändert. Die Epigenese spielt hier eine viel größere Rolle als früher angenommen, was bedeutet, dass sich das Gehirn und sogar unsere Gene in ihrer Expression verändern können in Interaktion mit dem Umfeld. Genetische Anlagen werden durch die Interaktion mit dem Umfeld eingeschränkt und bestimmt.
Kritik an starren Diagnosen: Dr. Davatz kritisiert, dass psychiatrische Diagnosen oft funktionelle Zustände des Gehirns einfrieren und in einer Diagnose zusammenfassen. Sie betont, dass die Funktion des Gehirns flexibel bleibt. Obwohl Diagnosen für Ärzte wichtig sein können, um eine gemeinsame Sprache zu haben, bringen sie für den einzelnen Patienten oft nicht so viel, da jeder Patient anders ist. Sie zitiert Frau Hedi Wallmüller mit dem Satz: „jeder Autist ist anders“.
Genetische Grundlagen und Neurodivergenz: ASS ist stark genetisch vererbt (ca. 90%), ebenso wie ADS (Aufmerksamkeitsdefizitstörung) und ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperkinetisches-Syndrom) (ca. 80%). Es handelt sich um neurodivergente Menschentypen im Vergleich zu Durchschnittsmenschen. Diese Menschen sind oft hochsensibel und leicht störbar aufgrund ihrer breiten Wahrnehmung.
Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu ADHS/ADS: ASS, ADS und ADHS haben einige gemeinsame Reaktionstypen und Verhaltensweisen, wie Hochsensibilität, leichte Störbarkeit, emotionale Reaktivität und Ungeduld. In der Pubertät sind Menschen mit ASS, ADHS/ADS verlangsamt beim Lernen der notwendigen funktionalen Netzwerke im Gehirn aufgrund des Synaptic Pruning. Dr. Davatz sieht die Unterschiede zwischen ADHS und ADS als nicht sehr groß und betont, dass ADHS in ADS wechseln kann und umgekehrt. Genetisch scheinen diese Störungen ebenfalls zusammenzuhängen, da Studien gleiche Gen-Loci bei ADHS, Autismus, Schizophrenie und anderen psychiatrischen Erkrankungen gefunden haben.
Folgekrankheiten und Umfeld: Dr. Davatz betont, dass viele psychiatrische und körperliche Diagnosen bei Menschen mit ADHS/ADS/ASS Folgekrankheiten sind, die entstehen, wenn nicht neurotypgerecht mit ihnen umgegangen wird. Ein persönlichkeitsgerechter Umgang ist entscheidend. Druck ist absolutes Gift für diese Menschen. Bezugspersonen müssen lernen, geduldig zu sein, Zeit zu lassen und in einem Zustand von „low arousal“ zu kommunizieren.
Diagnostischer Prozess und Herausforderungen: Dr. Davatz nimmt eine Anamnese über drei Generationen auf und verlässt sich auch auf ihr Gespür. Sie kritisiert die langen Wartezeiten für Abklärungen und den Mangel an Unterstützung nach der Diagnose. Sie plädiert für eine frühe Unterstützung des Umfelds (Eltern, Lehrer, Kindergärten), um kompetent mit neurodiversen Kindern umzugehen und Prävention zu betreiben. Sie betont, dass es nie zu spät ist, zu lernen, wie man mit diesen Menschen umgeht. Bei der Einschätzung von Diagnosen, auch bei sich selbst, rät sie dazu, auf den gesunden Menschenverstand und das natürliche Gefühl zu hören und Fachleute zu hinterfragen. Es geht immer um die menschliche Beziehung.
Zusammenfassend plädiert Dr. Davatz für eine flexible und individuelle Betrachtung in der Autismusdiagnostik, die den neurologischen Grundlagen, der genetischen Veranlagung und insbesondere der Interaktion mit dem Umfeld Rechnung trägt. Sie betont die Wichtigkeit eines persönlichkeitsgerechten Umgangs und kritisiert starre diagnostische Kategorien sowie mangelnde Unterstützungssysteme.
Dr.med Ursula Davatz
25.3.2025
Autismusdiagnostik auf neurologischer Ebene
Audio
[00:00:01.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Titel meines Vortrags heißt: Autismusdiagnostik auf neurologischer Ebene.
[00:00:08.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin Psychiaterin und Familientherapeutin.
[00:00:13.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gehirn hat eine ganzheitliche Funktion.
[00:00:18.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heißt, das Gehirn funktioniert immer als ganzheitliches Organ.
[00:00:24.040] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Medizin teilt man auf in verschiedene Körperorgane und dann gibt es
verschiedene Diagnosen.
[00:00:30.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Beim Hirn funktioniert das nicht so gut.
[00:00:33.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Je länger ich in der Psychiatrie tätig bin, als Familientherapeutin und Psychiaterin,
komme ich immer weiter weg von diesen starren Diagnose stellen.
[00:00:48.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gehirn ist ein Anpassungsorgan, ein soziales Anpassungsorgan.
[00:00:54.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gehirn ist immer in Aktion mit dem Umfeld.
[00:00:59.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gehirn wird über seine genetisch determinierte Veranlagung, ASS, also Autismus,
gehört zu einer genetischen Veranlagung, wird es immer auch noch über das Umfeld
beeinflusst, bestimmt und verändert sich.
[00:01:18.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Dank der Epigenese – das ist jetzt ein modernes Wort –, früher haben die Ärzte an die
Genetik geglaubt, die ist immer noch wichtig.
[00:01:29.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Beim Gehirn spielt die Epigenese eine viel größere Rolle.
[00:01:34.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heißt, das Hirn kann sich verändern und unser Genom, also unsere Gene, können
sich auch verändern.
[00:01:42.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Gene bringen viele Anlagen mit sich, die dann eingeschränkt und bestimmt werden
über die Interaktion mit dem Umfeld.
[00:01:51.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben ja jetzt gehört, wie wichtig es ist, dass das Umfeld mit diesen Menschen
umgehen kann.
[00:01:58.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Da spielt eben die Genetik eine ganz wichtige Rolle.
[00:02:03.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Etwas Weiteres vom Gehirn.
[00:02:05.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gehirn, und das ist das emotionale Gehirn und ein Teil im emotionalen Gehirn, der
Hippocampus, der produziert neue Nervenzellen bis zum Tod.
[00:02:17.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heißt, wir können lernen bis zum Tod.
[00:02:20.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Sigmund Freud hat noch gesagt, mit 40 ist ausgelernt und dann kommt nichts mehr
Neues. Das stimmt nicht.
[00:02:29.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sind tatsächlich in der Lage, noch weiterzulernen.
[00:02:33.960] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Pubertät, die wurde schon angesprochen, da lernt man ganz speziell viel,
respektive, was man lernt, wird eingeprägt in die Persönlichkeit dieses Menschen.
[00:02:45.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kann man dann ein gesundes Verhalten lernen oder auch krankes Verhalten lernen.
[00:02:50.940] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Pubertät passiert eine Umstrukturierung des Gehirns.
[00:02:56.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sagt dem Synaptic Pruning.
[00:02:58.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eigentlich ähnlich wie bei den Genen.
[00:03:02.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt viele Vernetzungen im Gehirn.
[00:03:05.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben das gesehen in diesem Bild, da haben die Autisten eine viel breitere,
flächenhaftere Beleuchtung gehabt.
[00:03:21.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich spreche über die ADHS/ADSler.
[00:03:27.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Das emotionale Gehirn bleibt stärker vernetzt mit dem ganzen Hirn.
[00:03:41.360] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Pubertät passiert ein Synaptic Pruning.
[00:03:44.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele Anlagen werden gekappt, also zugemacht, und das Hirn entwickelt eine Autobahn,
entwickelt funktionale Netzwerke.
[00:03:59.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese funktionalen Netzwerke sind natürlich wichtig für unsere täglichen Aufgaben.
[00:04:04.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sind dann schneller.
[00:04:07.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn alles immer weiterhin vernetzt bleibt, dann ist es schwierig.
[00:04:11.980] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADSler (also auch Autismus-Spektrum-Störungen) sind verlangsamt in der
Pubertät um das alles zu lernen.
[00:04:23.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Die nehmen viel mehr Eindrücke mit in das Gehirn zur Verarbeitung.
[00:04:32.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Die psychiatrischen Diagnosen sind aus meiner Sicht konzeptuelle Konzepte.
[00:04:39.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Funktionelle Zustände des Gehirns werden eingefroren und in einer Diagnose
zusammengefasst.
[00:04:48.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kritisiere ich.
[00:04:51.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Funktion geht ja immer weiter und es bleibt flexibel.
[00:04:57.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Diagnosen sind zwar wichtig für uns Ärzte, wir verstehen dann besser, worum es geht.
[00:05:05.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es um den einzelnen Patienten geht oder die Patientin, dann bringt die Diagnose
oft nicht so viel.
[00:05:11.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie Frau Hedi Wallmüller gesagt hat: jeder Autist ist anders.
[00:05:14.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Jeder Patient ist anders.
[00:05:17.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Da mache ich immer Witze mit den Ärzten.
[00:05:22.800] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Schulmedizin sagt man, die Chirurgen können alles, die Mediziner, die wissen
alles, aber können gar nichts machen. Die Chirurgen wissen nichts, aber sind sehr
potent. Sie sind am höchsten in der Leiter der Beurteilung der Mediziner.
[00:05:44.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Pathologen, die wissen alles, aber zu spät. Der Patient ist schon tot.
[00:05:50.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Physiater, die wissen nichts und können nichts.
[00:05:53.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage: aber wir lernen täglich.
[00:05:59.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem wir täglich, bleiben wir offen.
[00:06:00.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir interagieren mit den Patienten, mit den Eltern.
[00:06:07.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht kein Tag vorbei, ohne dass wir nicht etwas lernen.
[00:06:13.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Die psychische Störung, die psychiatrischen Krankheiten, Diagnosen, sind an sich
immer funktionelle Störungen des Gehirns, in Interaktion mit dem sozialen Umfeld.
[00:06:28.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Störungen in der Beziehungsinteraktion.
[00:06:33.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie arbeiten mit Patienten täglich oder mit ihren Bewohner täglich, also sie sind ständig
in Interaktion.
[00:06:43.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Daher ist es ganz, ganz wichtig, dass sie lernen, mit diesen speziellen Menschen
umzugehen.
[00:06:52.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich mache immer Vergleiche mit der Tierwelt.
[00:06:56.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir Tiere erziehen wollen, dann können ihr dem Elefanten nicht erklären, wie er
den Baum hochsteigen könnte.
[00:07:04.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Das geht nicht.
[00:07:06.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir mit Tierarten umgehen, dann müssen wir auf die Tierart eingehen.
[00:07:12.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir mit Autisten umgehen, müssen wir lernen, auf diesen Menschen einzugehen,
mit ihm lernen umzugehen, sonst kommen wir nirgendwo hin.
[00:07:23.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Das haben wir ja auch von Frau Hedi Wallmüller gehört.
[00:07:27.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht um persönlichkeitsgerechten Umgang mit unserem Gegenüber.
[00:07:37.140] – Dr.med. Ursula Davatz
So wie man „artgerechte Tierhaltung" sagt. Die Tierhaltungen sind auch nicht immer so
toll artgerecht.
[00:07:44.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir müssen persönlichkeitsgerecht mit diesen Individuen umgehen.
[00:07:45.340] – Dr.med. Ursula Davatz
ADS ist Aufmerksamkeitsdefizitstörung.
[00:07:56.470] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS ist Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperkinetisches-Syndrom.
[00:08:02.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kommt die Aktivität nach außen dazu.
[00:08:06.270] – Dr.med. Ursula Davatz
ASS ist Autismusspektrumsstörung.
[00:08:10.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher hat man nur von Autismus geredet, jetzt sagt man Autismus-Spektrum.
[00:08:14.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kann man da mehr reinpacken.
[00:08:17.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Ärzte haben gemerkt, dass man eben nicht nur ein Modell hat.
[00:08:24.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Asperger gibt es auch noch.
[00:08:26.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Das war ein Kinderarzt, der hat vor dem letzten Weltkrieg versucht, Kinder die
andersartig waren, zu schützen.
[00:08:39.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hat man dann gesagt, das sind ganz speziell intelligente Kinder.
[00:08:43.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Die funktionieren nicht wie normale Kinder und die müssen geschützt werden.
[00:08:49.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Das war im dritten Reich in Deutschland.
[00:08:53.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Genetisch sind alle drei vererbt: ADS, ADHS und ASS, ist genetisch vererbt.
[00:09:05.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Es handelt sich um einen neurodivergenten Typ, Menschentyp, im Vergleich zu den
Durchschnittsmenschen.
[00:09:13.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wurde auch schon mehrfach gezeigt.
[00:09:17.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Autismus, die Autismusspektrumsstörung, ist am stärksten genetisch vererbt, ich
sage jetzt mal, 90%.
[00:09:27.500] – Dr.med. Ursula Davatz
ADS und ADHS ist ungefähr 80% vererbt.
[00:09:37.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Autismus, Autismusspektrumsstörung und ADS sowie auch ADHS haben einige
gemeinsame Reaktionstypen, einige gemeinsame Verhaltensweisen.
[00:09:54.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind allesamt hochsensibel.
[00:10:01.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind durch ihre hohe Sensibilität leicht störbar.
[00:10:06.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich rede nicht von Aufmerksamkeitsstörung.
[00:10:08.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Aufmerksamkeitsstörung kommt aus dem Schulbereich.
[00:10:13.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind kann nicht gut aufpassen, wenn der Lehrer langweilig ist.
[00:10:19.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage nicht Störung, ich sage, die haben eine breite Aufmerksamkeit.
[00:10:26.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ADHS-ler haben eine breite Aufmerksamkeit nach außen.
[00:10:29.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ADSler auch nach außen, aber auch nach innen.
[00:10:35.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es langweilig ist, dann driften die ab in Träumereien. Die Autisten auch.
[00:10:41.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Die gehen dann in Geschichten.
[00:10:45.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kenne Leute, die erzählen sich dauernd Geschichten, wenn es ihnen langweilig ist.
Die haben da ganze Roman Fortsetzungen.
[00:10:56.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Über diese breite Aufmerksamkeit sind sie leicht störbar, leicht ablenkbar, haben eine
breite Wahrnehmung.
[00:11:07.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf der anderen Seite, emotional, sind sie hochreaktiv.
[00:11:12.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Kleine Reize können sie schon durcheinanderbringen.
[00:11:16.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Und der ADHSler, der kämpft dann nach außen, der wehrt sich, der schimpft, der wird
aggressiv.
[00:11:24.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Der ADSler geht eher nach innen. Der zieht sich eher zurück. Das sind dann auch die
Autisten, die ziehen sich eher zurück.
[00:11:32.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sie zu sehr in die Enge treibt, dann können auch die explodieren.
[00:11:38.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann es einen Raptus geben.
[00:11:43.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Was ich auch noch sagen muss: alle drei sind ungeduldig.
[00:11:51.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn der ASSler, der Autist etwas will, kann man ihn nicht auf eine Verzögerungsbahn
schicken.
[00:12:02.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Er ist so gedrängt, es muss etwas gemacht werden.
[00:12:06.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist sowohl beim ADHSler als auch beim ADSler so.
[00:12:09.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Die haben keine Geduld. Ihre Emotionen gehen so hoch, dass man nichts verzögern
kann.
[00:12:19.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Zum Teil können sie es schon lernen, aber nicht gleich am ersten Tag.
[00:12:26.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Die emotionale Selbstregulierung.
[00:12:30.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ADHSler, die regulieren ihre Emotionen mit Sport, mit Abenteuer.
[00:12:39.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Man redet dann von Novelty Seeking und Sensation Seeking.
[00:12:43.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ADSler, gehen eher auf Rückzug, Träumereien und auch Hyperfokus.
[00:12:51.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie eine Idee, ein Interesse gefunden haben, das sie sehr interessiert, das sie
fasziniert, dann können sie daran bleiben, die ganze Nacht durch und sehr gut
fokussieren.
[00:13:06.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sagt von Albert Einstein er ist in die Kantonsschule in Aarau gegangen, jetzt heißt
es Einstein Haus, dass er hat die ganze Zeit gerechnet und seine Frau musste ihm
sagen: du musst wieder mal essen oder trinken oder auch schlafen gehen.
[00:13:23.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Die nehmen sich dann selbst auch nicht mehr recht wahr.
[00:13:27.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Von Albert Einstein hat man gesagt, er sei ein ADSler, man könnte auch sagen, ein
Autist, denn er hat bis fünf nicht gesprochen.
[00:13:42.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Das erzieherische Umfeld geht natürlich immer vom Normotyp aus.
[00:13:48.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich etwas sage, muss das Kind das verstehen.
[00:13:51.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich etwas verlange, muss es gehorchen.
[00:13:55.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher war das noch stärker.
[00:13:57.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein autistisches Kind, das haben wir auch gehört, da kommt die Antwort oft verzögert.
[00:14:06.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Man gibt einen Befehl, da kommt nicht gerade was.
[00:14:09.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn dann das Umfeld ungeduldig ist und wieder auf das Kind einredet, dann wird der
Autist, ich sage jetzt auch der ADSler, immer mehr zurückgedrängt und am Schluss
redet er gar nicht mehr.
[00:14:21.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Bezugspersonen müssen lernen, mit ADSlern, mit Autisten umzugehen, indem wir
Geduld haben, etwas warten können und nicht sofort wieder Druck machen.
[00:14:40.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Druck ist absolutes Gift für diese Menschen.
[00:14:46.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind braucht Zeit, um zu seiner Antwort anzusetzen, also es überlegt.
[00:14:53.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gehört zu diesem Hirn, das wir da gesehen haben, das so stark vernetzt ist.
[00:14:58.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Das muss zuerst ganz viele Stationen durchmachen, bevor es selbst entscheiden kann.
[00:15:05.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Kinder, denen muss man immer die Zeit lassen, dass sie intrinsisch entscheiden
können.
[00:15:11.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht mit gehorsam, sondern sie müssen zuerst alles überlegen und: aha, ja, dann geht
es.
[00:15:21.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Das erzieherische Umfeld, und in diesem Fall, wenn sie solche Autisten haben oder
ADHSler, müssen sie ihrem Gegenüber Raum und Zeit lassen, damit sich diese Person
überlegen kann und dann formulieren kann.
[00:15:39.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Was auch gilt: die sind selber schon sehr stark erregt.
[00:15:46.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sollte immer in einem Zustand von "low arousal" mit denen kommunizieren.
[00:15:53.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss sich zuerst selber runterholen und erst dann irgendetwas sagen.
[00:15:59.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man hypererregt ist, lieber gar nichts sagen.
[00:16:02.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat sowieso nichts einen Sinn.
[00:16:05.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Zu den Müttern sage ich: sagen sie gar nichts. Sie müssen zuerst sich selbst beruhigen
und dann können sie mit dem Kind aus handeln.
[00:16:15.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja nicht zu viel auf diesen Menschen einreden, denn dann wird er wieder verwehrt und
dann blockiert das Hirn.
[00:16:30.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Menschen mit ASS, ADHS/ADS muss man sorgfältig und geduldig begleiten, man muss
gut beobachten, damit man merkt, wenn ich das mache, passiert das bei meinem
Gegenüber.
[00:16:51.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Ok, das geht nicht so gut.
[00:16:52.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist ein ständiger Lernprozess und das ist interessant, aber es kostet von ihnen
Geduld und Ausdauer.
[00:17:01.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Person darf nicht gedrängt werden, der Erwachsene darf nicht gedrängt werden,
sonst kann auch beim Autisten ein Raptus passieren, also dass er völlig aggressiv
ausrastet.
[00:17:17.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ADHS Menschen werden häufig vom erzieherischen Umfeld gebremst. Du machst
das falsch, kannst du dich nicht zurücknehmen und so weiter.
[00:17:30.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie stehen ständig Kritik gegenüber. Das macht sie aggressiv.
[00:17:39.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Je nachdem, wenn sie ganz ausscheren, werden sie delinquent.
[00:17:45.650] – Dr.med. Ursula Davatz
In den Gefängnissen hat es viele von denen.
[00:17:48.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann ich nachvollziehen.
[00:17:52.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ADSser scheren eher ganz aus, reden überhaupt nicht mehr.
[00:18:00.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe einen ADSler begleitet. Der hat in der frühen Pubertät schwierige Konflikte in
seiner Schulklasse erlebt.
[00:18:14.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Er war vorher eine Plaudertasche, die nicht aufgehört hat zu reden.
[00:18:22.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Von den einen Schulkameraden und dessen Eltern wurde er moralisch verurteilt.
[00:18:28.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat aufgehört zu reden und hat jetzt jahrelang Kommunikation verweigert.
[00:18:36.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt beginnt er langsam wieder.
[00:18:37.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gab auch eine sexuelle Situation, wo er sich über ein Mädchen hergemacht hat, weil
er absolut ungeschickt war und unerfahren in diesem Bereich.
[00:18:49.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Der ist wirklich verschwunden im Autismus, er hat überhaupt nicht mehr kommuniziert.
[00:18:56.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich befasse mich schon über 40 Jahre mit ADHS/ADS, ich habe auch ein Buch über
Schizophrenie geschrieben.
[00:19:14.440] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS und Schizophrenie.
[00:19:22.040] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADSler können in einen schizophrenen Zustand übergehen.
[00:19:27.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie gehen in diesen Zustand über, wenn ihr emotionales Hirn völlig überlastet ist, über
längere Zeit.
[00:19:36.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, da die so überlastet sind in ihrem emotionalen Hirn, passiert der System
Overload und dann ein System Overflow.
[00:19:54.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn diese Systemüberlastung des emotionalen Gehirns stattfindet, dann geht als
erstes eine emotionale Monsterwelle in das Stammhirn.
[00:20:08.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort geschieht die Hyperaktivität.
[00:20:11.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei der Psychiatrie wird dann das Großhirn mit Impulsen überschwemmt, sodass die
Funktion des Großhirns zusammenbricht.
[00:20:22.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist dann die Schizophrenie.
[00:20:24.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Kognition funktioniert dann nicht mehr.
[00:20:27.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie erfinden schlussendlich paranoiden Ideen etc.
[00:20:33.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie erfinden Fake News. Sie rücken sich ihre Welt nach ihren Vorstellungen zurecht.
[00:20:43.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hat immer die Funktion, dass sie nicht mehr so unter Gefühlsdruck stehen, also
unter unangenehmen Emotionen.
[00:20:55.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich rede nicht von Komorbidität.
[00:21:07.400] – Dr.med. Ursula Davatz
ASS, ADS, ADHS, ist alles genetisch vererbt.
[00:21:14.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Krankheiten, die dann entstehen, sind aus meiner Sicht alles Folgekrankheiten.
[00:21:20.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn nicht artgerecht, persönlichkeitsgerecht, neurotypgerecht mit diesen Menschen
umgegangen wird, dann können sich alle möglichen Krankheiten daraus entwickeln.
[00:21:32.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Man macht jetzt Statistiken.
[00:21:34.410] – Dr.med. Ursula Davatz
80% der Menschen im Erwachsenenalter, welche die Konstellation von ADHS/ADS
haben, haben eine zusätzliche oder mehrere psychiatrische Diagnosen.
[00:21:48.800] – Dr.med. Ursula Davatz
In letzter Zeit kommt auch immer mehr raus: sie haben auch körperliche Diagnosen.
[00:21:55.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Da beginnt man erst, Statistiken zu machen.
[00:22:00.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Frauen entwickeln eher eine Fibromyalgie, Schmerzen und so weiter.
[00:22:08.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Männer machen eher Herzinfarkte, also solche Krankheiten.
[00:22:14.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Da ist Erst daran, das statistisch zu erfassen.
[00:22:20.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus meiner Sicht sind das alles Folgekrankheiten.
[00:22:23.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Weitere Folgekrankheiten sind: Persönlichkeitsstörung bei Frauen.
[00:22:33.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sind meistens ADHSlerinnen, hyperaktive Frauen, die zurück gebremst werden.
[00:22:39.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Die entwickeln eine Borderline Persönlichkeitsstörung.
[00:22:44.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele ADHS Frauen ritzen sich. Viele entwickeln Essstörungen.
[00:22:50.660] – Bemerkung 1
Werden Frauen häufiger mit Borderline diagnostiziert?
[00:22:58.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Borderline Diagnose ist eine absolute Frauendiagnose.
[00:23:02.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Depression wird auch viel mehr bei Frauen gestellt.
[00:23:08.030] – Bemerkung 2
Wieso wird ADHS mehr bei Männern diagnostiziert?
[00:23:08.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Frauen können sich viel besser kontrollieren, die können sich besser anpassen. Die
können ihre Impulsivität besser zurücknehmen. Die haben Gene und Hormone, die
leichter sich anpassen.
[00:23:29.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Frauen werden dann auch erst mit 35, 45 diagnostiziert, weil sie sich vorher immer
angepasst haben.
[00:23:37.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie dann diagnostiziert werden, haben die meisten schon eine Depression.
[00:23:42.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Die haben alle ihre Energie in die Anpassung gesteckt. Dann sind sie so erschöpft, dass
sie nicht mehr können und eine Depression haben.
[00:23:50.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Männer, die sind eher ADHS und aggressiv nach außen. Das merkt man, das sieht
man, die stören im Unterricht.
[00:24:18.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Borderline Persönlichkeitsstörung ersetzt die Hysterie.
[00:24:23.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher hat man den Frauen gesagt, dass sie hysterisch sind.
[00:24:29.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Diagnose verwendet man nicht mehr. Du bist hysterisch wird nur noch im
Sprachgebrauch verwendet.
[00:24:29.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Männern ist eher die antisoziale Persönlichkeitsstörung.
[00:24:41.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Die kommen dann ins Gefängnis, die Buben ins Jugendheim.
[00:24:47.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Beide Geschlechter zeigen Suchtstörungen.
[00:24:53.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Menschen mit ADHS/ADS, die verwenden Suchtmittel, um ihr starkes Temperament
runter zu zähmen.
[00:25:09.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Das können alle Suchtmittel sein.
[00:25:10.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie verwenden auch Medikamente um sich runter zu zähmen.
[00:25:14.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Leider werden da bei den Jugendlichen häufig Beruhigungsmittel, starke
Beruhigungsmittel verschrieben, die dann süchtig machen.
[00:25:24.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schizophrenie tritt auch bei beiden Geschlechtern auf.
[00:25:29.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort ist es noch etwas komplizierter, was da alles noch dahinter steckt.
[00:25:34.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Bipolare Störung ist auch eine Störung, die bei ADHS/ADSlern auftritt.
[00:25:43.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie zu engstirnig erzogen worden sind, dann befreien sie sich mit der Manie, also
mit dem manischen Schub, von ihren Fesseln, von ihren erzieherischen Fesseln.
[00:26:00.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie bei sich ADHS/ADS Frauen haben und dann noch Diagnose Bipolare
Störung, ist es wichtig, dass sie nicht versuchen, diese zu erziehen.
[00:26:13.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Nur Beziehung pflegen und auseinandersetzen.
[00:26:16.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Auseinandersetzungen laufen bei diesen viel heftiger als vielleicht beim Normotyp.
[00:26:22.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Es lohnt sich.
[00:26:24.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe drei Frauen mit der Borderline Persönlichkeitsstörung bekommen, vom
Vorgänger des Töpferhauses.
[00:26:40.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mich mit diesen auseinandergesetzt.
[00:26:43.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Frauen gibt es unzählige Muskel-Skelettsystem-Probleme, Schmerzen am
ganzen Körper.
[00:26:55.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Was Frauen auch noch tun: sie schneiden sich, ritzen.
[00:26:56.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist auch wieder schwierig, damt umzugehen.
[00:27:04.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Frau, ca. 20 Jahre alt, hatte Probleme in ihrem sozialen Umfeld. Sie ist in eine
Klinik gegangen. Dort ist sie mit fünf Medikamenten rausgekommen.
[00:27:17.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie ist sicher ein ADHS.
[00:27:17.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald Medikamente verwendet werden, um die Emotionen zu kontrollieren, dann greift
man immer nach dem.
[00:27:30.560] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Pubertät, in dieser Umwandlungsphase des Gehirns, ist etwas vom Wichtigsten,
dass der junge Mensch lernt, mit seinen Emotionen umzugehen.
[00:27:42.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie hier Patienten bekommen, müssen sie natürlich auch lernen, mit ihren und
den Emotionen ihrer Schützlinge umzugehen.
[00:27:52.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kann heiß zugehen, aber es lohnt sich, das zu lernen.
[00:27:57.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht vielleicht etwas länger.
[00:27:59.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Die pubertieren etwas länger oder das Hirn reift etwas später, aber es ist durchaus
möglich.
[00:28:11.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Schlussfolgerung von all diesen Ausführungen sage ich: eigentlich müssten Eltern,
Lehrerinnen und Lehrer, Erziehungspersonen, Kindergärten – es beginnt schon dort –
möglichst früh Unterstützung bekommen zu lernen, kompetent, neurodivers-adäquat mit
diesen Kindern umzugehen.
[00:28:42.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Dafür brauchten sie wahrscheinlich etwas Unterstützung.
[00:28:46.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man wartet, bis diese Menschen psychiatrische Diagnosen erhalten, ist es schon
sehr spät.
[00:28:55.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Never too late.
[00:28:56.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich schwöre auf Prävention, müsste man viel früher dem Umfeld lehren, wie
umzugehen mit ADHS/ADS.
[00:29:07.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe viele Kinder, die verweigern die Schule, die Eltern sind verzweifelt und ich
muss dann nach irgendwelchen Lösungen suchen, dass diese Kinder, Jugendlichen,
normal durch die Pubertät kommen.
[00:29:21.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte ein Kind, ein Mädchen, das war dann zwei Jahre zu Hause, bis die
schlussendlich selbst entschlossen hat: ich mache jetzt Homeschooling übers Internet.
[00:29:35.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie macht es und der Bruder macht es auch.
[00:29:39.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt da viel Möglichkeiten, fantasievoll, erfinderisch, kreativ, mit diesen nicht
neurotypischen Menschen umzugehen.
[00:29:50.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man das lernt, ist es interessant.
[00:29:53.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Man lernt immer auch von seinem Gegenüber.
[00:29:57.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann sind wir beim Sokratischen Lernen angelangt.
[00:30:02.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Sokrates hat gesagt: nicht nur die Schüler lernen von mir. Ich lerne mehr von ihnen oder
ich lerne viel von ihnen.
[00:30:10.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem sie eine solche Haltung diesen neurodiversen Menschen gegenüber einnehmen,
ist ihr Beruf spannend, interessant und sie sind dauernd am Lernen, so wie die
Psychiater.
[00:30:24.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt dürfen sie noch Fragen stellen.
[00:30:34.540] – Bemerkung 3
Das Spektrum ADHS/ADS ist also alles genetisch?
[00:30:50.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja.
[00:30:53.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Veranlagung ist genetisch.
[00:30:57.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Hirn ist ein plastisches Organ, ist epigenetischen Prozessen unterworfen.
[00:31:04.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese genetische Veranlagung kann in der Interaktion mit dem Umfeld stark beeinflusst
werden, zum Guten und zum Schlechten. Die Gene können wir nicht verändern.
[00:31:18.300] – Bemerkung 4
Ist man den Genen somit ausgeliefert?
[00:31:23.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Gene interagieren viel mehr miteinander, als wir denken.
[00:31:35.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum redet man von Epigenetik.
[00:31:37.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben zum Teil Gene, die bei primitiven Tierarten vorhanden sind.
[00:31:43.770] – Dr.med. Ursula Davatz
99% unserer Gene sind gleich wie die vom Schimpansen.
[00:31:52.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Menschen sind trotzdem ganz anders als die Schimpansen.
[00:31:53.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben viele Möglichkeiten.
[00:32:02.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sind überhaupt nicht den Genen ausgeliefert.
[00:32:03.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist die Flexibilität des Gehirn.
[00:32:25.450] – Bemerkung 5
Meint die Epigenetik nicht die Veränderbarkeit der Gene sondern die Interaktionsweise
der Gene?
[00:32:25.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Genau.
[00:32:25.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Epigenetik ist die Interaktion unter den Genen.
[00:32:32.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Da gibt es noch viele Prozesse. Ich kenne die auch nicht alle.
[00:32:34.700] – Bemerkung 6
Wäre es nicht schön, wenn man nicht einfach immer individuell auf den Menschen
eingehen würde?
[00:32:46.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja. Ich bin total einverstanden.
[00:32:56.900] – Bemerkung 6
Schön
[00:32:57.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Was gut ist für ADHS/ADS/ASSler ist gut für alle.
[00:32:57.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Normotypen hinterlässt es weniger schlimme Spuren.
[00:33:13.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Hingegen bei diesen genetisch vulnerablen Menschen, da hinterlässt es mehr Spuren.
[00:33:20.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wäre für alle gut. Absolut. Ich kann nur beistimmen.
[00:33:29.180] – Bemerkung 7
Ab welchem Alter empfehlen sie die Abklärung bei den Kindern bei einem Hinweis, dass
es Richtung ASS geht?
[00:33:58.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Abklären kann man immer.
[00:34:05.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich mache keinen Neurotest.
[00:34:07.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich nehme die Anamnese auf über drei Generation.
[00:34:12.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich schaue, was da alles im Familiensystem vorhanden ist und von meinem Gespür her
sage ich: ja, das ist das.
[00:34:20.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Problem ist, es wird abgeklärt.
[00:34:25.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ASS Sprechstunden sind heute überall überlastet.
[00:34:29.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Und danach, wer macht etwas mit den Kindern? Wer redet mit den Eltern? Niemand.
[00:34:41.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Die HOTA im Aargau macht schon bei den kleinen Kindern viele Abklärungen.
[00:34:46.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann muss man noch Leute finden, welche die Mütter Väter beraten.
[00:34:51.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie es wollen, dürfen sie gerne eine Abklärung machen und jetzt müssen wir
sofort mit dem Coaching beginnen.
[00:35:12.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss lernen mit diesen Menschen umzugehen.
[00:35:12.860] – Hedi Wallmüller
Mit einer ADHS/ADS Abklärung kann man in der Schule auch zusätzliche Zeit bei den
Prüfungen verlangen. Im Kanton Aargau gibt es drei Jahre Wartezeit, bis sie einen
Termin kriegen. Im Kanton Aargau ist man mit einem autistischen Kind arm dran.
[00:35:54.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage dann: ja, das Kind hat ADHS/ADS. Ich stelle die Diagnose einfach.
[00:36:04.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Von den Psychiatern sagt man: sie stellen ihre Diagnosen in drei Minuten.
[00:36:22.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich schreibe ein Zeugnis und sage: der braucht einen Nachteilsausgleich.
[00:36:39.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann dürfen die mehr Zeit verwenden und allenfalls an einem ruhigen Ort.
[00:36:54.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man drei Jahre warten muss, also Hallo.
[00:36:56.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Da läuft das Kind schon davon. Auf Wiedersehen.
[00:37:01.410] – Bemerkung 9
Es geht um die Frühanmeldung bei der IV.
[00:37:26.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher sprach man vom frühkindlichen POS. Dann musste man es bis zum 6.
Lebensjahr anmelden.
[00:37:30.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Manche melden an, manche nicht.
[00:37:37.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute ist es nicht mehr so klar.
[00:37:39.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann immer sagen: das Kind hat diese Diagnose. Das ist ein Geburtsgebrechen,
das bleibt ein Geburtsgebrechen. Es ist ja genetisch, kommt mit der Geburt.
[00:38:00.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Je nachdem, wo dann die Leute sind und wer die regionalen Ärztedienste sind, geht es
oder es geht nicht.
[00:38:09.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Da streiten wir dann zwischen IV und Krankenkasse.
[00:38:15.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind hat Anrecht auf eine Sonderbehandlung.
[00:38:26.140] – Bemerkung 10
Bei den IV Gutachten wird fast nie das nahe Umfeld angeschaut. Man hat in der
zweistündigen Sitzung Zeit, das nahe Umfeld wird nicht angeschaut.
[00:39:11.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, IV ist da schwierig.
[00:39:13.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich streite immer mit der IV.
[00:39:14.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kann die PatientIn zehn Jahre begleitet haben.
[00:39:24.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Jurist behauptet dann ich würde mich nur für den Patienten interessieren.
[00:39:30.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Gutachterarzt, der sieht den Patienten eine Stunde und der hat dann Aussagekraft
[00:39:36.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sind wir immer wieder am Diskutieren.
[00:39:41.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte einen autistischen Jungen.
[00:39:48.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Die IV hat immer wieder gesagt: das geht nicht, er muss das und das erreichen.
[00:39:54.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben den Patienten immer wieder geschützt vor diesem Druck.
[00:40:02.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt macht er den Abschluss in der IT.
[00:40:02.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sind da wie Löwenmütter, welche diese Menschen schützen müssen.
[00:40:13.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Die IV hat nicht viel Erfahrung mit ADHS/ADS. Die sagen dann immer: der ist nur faul
und der muss jetzt usw.
[00:40:26.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe eine junge Patientin, die wurde mit 15 Jahren zur IV geschickt.
[00:40:39.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir mussten mit der IV alles abbrechen, die hat jetzt Rente, aber die entwickelt sich
weiter.
[00:40:49.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Je nachdem wen man hat bei der IV sagt man lieber Rente und macht selber weiter
oder man versucht eine berufliche Eingliederung.
[00:40:49.330] – Bemerkung 11
Dort wartet die nächste Schwierigkeit, einen Platz zu finden in der Gesellschaft.
[00:41:23.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Der nächste Schritt wäre dann Supported Employment.
[00:41:27.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Eines ist das Training und ein weiteres ist: Supported Employment.
[00:41:37.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte einen Schizophrenie Patienten. Er war im Töpferhaus, dann jahrelang im KV
Atelier. Er hat noch eine Ausbildung gemacht, eine normale, aber immer bezahlt von der
IV-Rente. Schlussendlich hat er eine Stelle bekommen im IT Bereich und hat 90'000
verdient pro Jahr. Wir haben sehr lange gewartet.
[00:41:56.360] – Bemerkung 12
Eine schöne Geschichte.
[00:42:09.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Niemals aufgeben. Ich sehe ihn jetzt immer in den sozialen Medien, was er publiziert.
[00:42:10.440] – Bemerkung 13
Wo ist die Abgrenzung zwischen ADHS und ADS?
[00:42:18.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben nur ein Gehirn. Das Gehirn ist ein kompliziertes, funktionelles Organ, das
wechseln kann.
[00:42:44.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir auch eine Geschichte durchschauen, dann haben die oft viele Diagnosen.
[00:42:50.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich schaue immer auf die Situation und was mache ich mit diesem Menschen?
[00:42:57.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Was rate ich?
[00:42:58.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Meine Funktion ist nicht, die Diagnose zu behandeln, sondern meine Funktion ist, den
Menschen zu begleiten, dass er sich weiterentwickelt.
[00:43:08.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich mache wie eine Berufsberatung.
[00:43:11.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich schaue mit ihnen: würde das passen oder das?
[00:43:15.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir erfolgreich sind, irgendwann mal findet man es.
[00:43:23.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich halte mich dann nicht so fest an die Diagnosen, sondern an die Situation und die
Begabungen.
[00:43:28.830] – Bemerkung 14
Wo werden sie hellhörig bei den Unterschieden zwischen ADHS und ADS?
[00:43:32.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Unterschiede sind nicht so gross.
[00:43:38.060] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS kann zu ADS wechseln und umgekehrt.
[00:43:55.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich weiss nicht ob es genetisch wirklich so unterschiedlich ist.
[00:43:57.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir beginnen jetzt eine Studie, in der wir die ADHS/ADSler genetisch untersuchen.
[00:44:03.910] – Dr.med. Ursula Davatz
In den GWAS war ADHS, Autismus, Schizophrenie, manisch-depressiv und schwere
Depression, die hatten alle den gleichen geänderten Gen-Lokus.
[00:44:26.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Für mich ist es klar, das hängt alles zusammen.
[00:44:42.920] – Bemerkung 15
Bei ADHS/ADS ist die Affektreaktion beeinträchtigt, welche durch Stress dominiert wird.
Dort greifen die Medikamente ein.
[00:45:44.210] – Dr.med. Ursula Davatz
ich weiß nicht, ob ich alles richtig verstanden habe.
[00:45:46.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Psychiatrie, wenn ein Mensch psychiatrische Symptome hat, die greift an erster
Stelle ein mit Medikamenten.
[00:45:58.580] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Akutsituation mache ich das auch, aber langfristig versuche ich eher, dem Umfeld
beizubringen, wie kann man mit diesen Menschen besser umgehen.
[00:46:10.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich versuche ihm natürlich beizubringen: wie kann er mit seinen Emotionsregulationen
besser umgehen?
[00:46:20.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe einige Studenten mit Schibitis oder Prokrastination, denen gebe ich dann
Tipps.
[00:46:29.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort spricht man von ADHS/ADS Coaching.
[00:46:33.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Die müssen lernen, mit ihrer Emotionalität umzugehen.
[00:46:44.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht einfach nur vor allem flüchten.
[00:46:49.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Einen jungen Hund, mit dem geht man Zug fahren, damit der lernt, mit der Situation
umzugehen.
[00:46:57.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Autisten muss begleiten.
[00:47:02.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss sie sorgfältig begleiten. Man kann sie nicht einfach nur rausschicken. Auch
nicht einfach nur sich verkriechen lassen im Zimmer.
[00:47:15.560] – Bemerkung 16
Wenn das genetisch vererbbar ist, über wie viele Generationen kann das laufen?
[00:47:23.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Über alle.
[00:47:29.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich nehme immer drei Generationen auf, manchmal auch mehr.
[00:47:32.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern gehen mit ihrem Kind zur Abklärung. Dann kommt ADHS/ADS raus.
[00:47:32.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann denken die Eltern: ich bin ja auch so. Dann beginnen die Eltern zu sehen: ich
habe ja auch diese Eigenschaften. Dann gehen die Eltern sich auch abklären. Dann
kommt es auch raus.
[00:47:44.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann schaue ich zurück.
[00:47:53.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Symptomatik bei ADHSlern, da kann der Grossvater jähzornig gewesen sein. Er
kann ein Alkoholiker gewesen sein.
[00:47:59.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sehe dann die Symptome in den Generationen.
[00:48:11.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gehen verschiedene Formen weiter.
[00:48:14.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Jeder lernt etwas ein wenig anders damit umzugehen.
[00:48:18.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Elon Musk war ganz klar ein Autist. Er hat jetzt seinen Größenwahn.
[00:48:25.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Er ist auch groß, er hat ja viel Geld.
[00:48:30.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Da haben wir jetzt zwei am Werk, die beide nicht Normotypen sind.
[00:48:37.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Gene werden weitergegeben, aber man sagt, es sind 20 bis 100 Gene, welche
gemischt werden.
[00:48:48.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Jede Fortpflanzung kommt von zwei Seiten. Irgendeine Form wird weitergegeben.
[00:48:55.620] – Bemerkung 17
Es kann ja auch sein, dass ein Generation davor ganz anders gelernt hat damit
umzugehen und dann kommt es erst drei Generationen später zum Vorschein.
[00:49:10.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher war die Erziehung noch viel autoritärer und da haben sich die ADHS/ADSler
auch mehr untergeordnet.
[00:49:19.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute mit unserer modernen demokratischen Erziehung, im neuen Lehrplan haben die
ADHS/ADS Kinder oft zu wenig Struktur.
[00:49:34.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heißt nicht, man soll zurückgehen zur autoritären Befehlsstruktur.
[00:49:38.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Die funktioniert gar nicht gut.
[00:49:40.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn der Lehrer eine sehr gute Beziehung hat zu Kind, dann kann er einiges
verlangen.
[00:49:47.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er keine hat, dann kann er gar nicht.
[00:49:52.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Zuerst Beziehung und dann Erziehung.
[00:49:55.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben in der Schule riesige Probleme, zu wenig Lehrer, alle haben Burnout, steigen
aus, man holt Hilfspersonen rein.
[00:50:04.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss viel sorgfältiger in die Schulen investieren.
[00:50:12.230] – Bemerkung 18
Nicht die Kinder sind das Problem, sondern die Gesellschaft. Sie sind jetzt eine
Psychiaterin, die sich dem widmet. Man kann auf die Suche gehen, man findet
niemanden.
[00:50:23.670] – Bemerkung 18
Bei uns laufen dann die Leute rein, bei denen alles falsch gelaufen ist.
[00:50:23.770] – Bemerkung 18
Unsere Gesellschaft ist noch nicht so weit. Es sind fantastische Leute, es sind geniale
Leute, aber die wenigsten erhalten die Möglichkeit zum lernen. Sie sind in einem
Umfeld wo sie nie genügen. Unser Schulsystem ist noch nicht bereit dazu. Sie setzen
bei einem kleinen Teil an. Man müsste viel mehr Lehrpersonen ausbilden.
[00:51:09.330] – Dr.med. Ursula Davatz
ich versuche es.
[00:51:10.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe eine Zeit lang im Kanton Aargau an den Schulen Lehrer unterstützt, etwas
unterstützt. Dann wollte man nichts mehr.
[00:51:21.050] – Dr.med. Ursula Davatz
In Zürich läuft etwas, weil ich dort wohne.
[00:51:30.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist ein Tropfen auf den heißen Stein.
[00:51:33.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Man müsste viel mehr dort rein investieren. Ich bin dran, solange ich noch kann.
[00:51:43.960] – Bemerkung 19
Wenn die Diagnosen alle zusammen verwoben sind, dann sollte man selber dafür ein
Gespür entwickeln? Soll man dazu selber eine kritische Grundhaltung entwickeln, und
nicht zu stark Diagnose gläubig sein?
[00:52:04.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele diagnostizieren sich heutzutage selbst über das Internet. Mit dem Internet kann
man das.
[00:52:24.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich als Psychiaterin sage nicht: das darf man nicht. Das ist keine Charlatanerie. Man
darf sich selber anschauen.
[00:52:44.020] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADS sind Persönlichkeitstypen. Ich darf meinen Persönlichkeitstyp analysieren
und sagen: ich passe eher in diese Kategorie oder in diese.
[00:52:51.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Schlussendlich geht es immer darum, dass man lernt, mit seinen Persönlichkeitszügen
umzugehen.
[00:52:57.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Die neurodivergenten Menschen, die werden immer kritisiert: du bist falsch, nein, so
nicht.
[00:53:05.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich muss denen dann immer wieder beibringen: du bist richtig, so wie du bist.
[00:53:10.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Du musst mit der Freundschaft schließen und erst dann kannst du dich handhaben.
[00:53:19.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Das muss ich allen meinen Patienten sagen.
[00:53:23.350] – Bemerkung 20
Wir sind hier mit Diagnosen konfrontiert. Auch dort ist ein kritischer Blick wichtig.
[00:53:43.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Hören sie auf ihren gesunden Menschenverstand, auf ihr gesundes, natürliches Gefühl.
Es ist nicht nur Verstand.
[00:53:56.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss emotionale Fähigkeiten haben, um mit diesen Leuten umgehen zu lernen.
[00:54:03.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Man lernt auch wieder an ihnen.
[00:54:05.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Hören sie auch auf sich und nicht nur auf die Fachleute. Das ist ganz wichtig.
[00:54:12.180] – Bemerkung 21
Wir als Fachpersonen können auch hinterfragen. Wir haben eine Klientin gehabt, wo wir
hinterfragt haben: stimmt die Diagnose? Jetzt hat sie eine ganz andere Diagnose,
welche ihr mehr entspricht. Sie fühlt sich mit dieser Diagnose viel wohler.
[00:54:32.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Hedi Wallmüller hast das auch gesagt: getrauen sie sich zu hinterfragen!
[00:54:38.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Hören sie auf ihre Intuition!
[00:54:40.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind Menschen.
[00:54:50.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht immer um die menschliche Beziehung.
[00:54:53.340] – Hedi Wallmüller
Wenn sie das Gefühl haben, dass es nicht passt, dann passt es wohl auch nicht.
[00:54:59.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Ganz genau.
[00:55:00.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen auf sich vertrauen.
[00:55:07.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Noch eine kurze Reklame für mich.
[00:55:11.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin daran, ein neues Buch zu publizieren.
[00:55:15.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Das vorhergehende war ADHS und Schizophrenie.
[00:55:19.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Das neue Buch heisst:
[00:55:19.890] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADS und seine Folgekrankheiten, Psychiatrie im Offside.
[00:55:29.140] – Bemerkung 22
Wann wird das Buch publiziert?
[00:55:32.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Irgendwann dieses Jahr. Ich hoffe möglichst bald.
[00:55:32.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Danke für das Zuhören. Ich hoffe sie können etwas davon anwenden. Sonst fragen sie
einfach wieder. Fragen sie sich gegenseitig. Setzen sie sich mit den anderen
auseinander. Sie haben sicher viel Spass.
[00:55:43.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Von den ADHS/ADS Kinder hat man eine zeitlagn gesagt: das sind Indigo-Kinder und
die drei treiben eigentlich unsere Entwicklung voran.
[00:56:01.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Das stimmt.
[00:56:01.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Und wir müssen noch genauer hinschauen.
Dr.med. Ursula Davatz, Dr. iur. Marcel Bertschi
20.3.2025
Ein Gespräch
Audio
[00:00:05.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Dr. Marcel Bertschi, ich freue mich sehr, dass sie zu diesem Interview, zu diesem
Gespräch gekommen sind.
[00:00:19.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben eine gemeinsame Geschichte zusammen.
[00:00:22.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben mich in die Strafvollzugskommission reingeholt, auf meine Bitte.
[00:00:29.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Es war immer eine interessante, spannende Auseinandersetzung.
[00:00:34.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin Familientherapeutin und bin immer interessiert an Familiengeschichten.
[00:00:41.570] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne frage ich sie jetzt auch: du kommst aus einer sehr bewegten
professionellen Familie.
[00:00:54.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Denn du hast an deinem 90. Geburtstag von deiner Familie etwas erzählt.
[00:00:59.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Das war natürlich Balsam für mich.
[00:01:03.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Dein Vater hatte einen recht bewegten Hintergrund.
[00:01:06.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Dein Vater hat dein Talent bemerkt, dass du gut reden kannst.
[00:01:12.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat dich dazu aufgefordert, ins Gymnasium zu gehen, weil du eine gute Schnauze
hast.
[00:01:21.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Du bist ins Gymnasium gegangen. Du hast am Anfang aber dann als Journalist
gearbeitet.
[00:01:27.940] – Dr. Marcel Bertschi
Das stimmt, ja. Ich habe auch als Taxichauffeur gearbeitet.
[00:01:33.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Das macht dich sympathisch.
[00:01:40.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Du hast dann aber beschlossen, zu wechseln, in die Juristerei.
[00:01:45.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich will dich fragen: was hat dich dazu bewogen, dich der Justiz zuzukehren?
[00:01:54.520] – Dr. Marcel Bertschi
Nach der Matur wollte ich auch Politiker werden.
[00:02:00.890] – Dr. Marcel Bertschi
Ich wollte auch Journalist sein, habe Juristerei studiert. Neben dem Taxifahren konnte
ich mir das leisten.
[00:02:11.480] – Dr. Marcel Bertschi
Das waren die drei Zweige, die ich machte.
[00:02:13.370] – Dr. Marcel Bertschi
Meistens Taxichauffeur, dann Journalist, zuerst beim Blick und in der Politik bin ich
stufenweise vom Parteimitglied auch aufgestiegen.
[00:02:26.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Was war der Grund, dass du Justiz gewählt hast?
[00:02:31.460] – Dr. Marcel Bertschi
Im Prinzip wäre ich gerne Chirurg geworden.
[00:02:34.370] – Dr. Marcel Bertschi
Die finanziellen Verhältnisse hätten es nicht erlaubt, als Taxifahrer, nebenan das
Medizinstudium. Das wäre nicht gegangen. Zeitlich und auch finanziell nicht.
[00:02:46.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, das war eine weise Entscheidung, sonst wärst du ein Arzt geworden.
[00:02:49.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich frage ich dich gerne: was hast du aus deiner Familie mitgenommen für deinen
Beruf?
[00:03:02.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Du bist ja in einem interessanten Familiensystem aufgewachsen.
[00:03:06.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Was aus deinen Erfahrungen, aus deinem Familiensystem, hast du in deinen Beruf
hinübergenommen oder war hilfreich für deinen Beruf?
[00:03:17.280] – Dr. Marcel Bertschi
Ich habe nur gesehen, dass meine Eltern Zeit ihres Lebens immer hart gearbeitet
haben.
[00:03:23.460] – Dr. Marcel Bertschi
Sie haben also nie Ferien bezogen.
[00:03:25.080] – Dr. Marcel Bertschi
Die ganze Familie hat höchstens ein, zwei Tage mal Ferien im Tessin gemacht.
[00:03:32.220] – Dr. Marcel Bertschi
Mein Vater hat immer gearbeitet, meine Mutter hat das Telefon des Taxibetriebes Tag
und Nacht gehütet.
[00:03:39.780] – Dr. Marcel Bertschi
Meine Eltern haben immer gearbeitet.
[00:03:43.170] – Dr. Marcel Bertschi
Mein Vater war hoffnungslos gutmütig mit seinen Chauffeuren.
[00:03:47.370] – Dr. Marcel Bertschi
Meine Mutter hat das nicht so gefallen.
[00:03:49.800] – Dr. Marcel Bertschi
Mein Vater hat gekrampft und war sehr gutmütig.
[00:03:50.280] – Dr. Marcel Bertschi
Mein Vater hat auch alle Widerwärtigkeiten weggesteckt.
[00:04:01.330] – Dr. Marcel Bertschi
Ich habe meinen Vater nie frustriert gesehen.
[00:04:06.370] – Dr. Marcel Bertschi
Niederschläge, finanzielle, schwierige Perioden hat er immer weggesteckt.
[00:04:15.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat sein Leben sehr, wie soll ich sagen: großzügig, edel und realistisch gelebt.
[00:04:28.060] – Dr. Marcel Bertschi
Es war ein hartes Leben.
[00:04:29.320] – Dr. Marcel Bertschi
Er war der Älteste von drei Söhnen. Meine Großmutter, die war dann nach der
Scheidung finanziell sehr angeschlagen.
[00:04:39.100] – Dr. Marcel Bertschi
Dann konnte sie die drei Söhne nicht mehr bei sich halten.
[00:04:42.880] – Dr. Marcel Bertschi
Es kam die Fürsorgebehörde und hat die ältesten beiden Söhne weggeholt, nach
Dürrenäsch an den Heimatort meines Vaters.
[00:04:52.620] – Dr. Marcel Bertschi
Sie waren dort Verdingbuben. Sie mussten im Stall der Bauernfamilie helfen, konnte
nicht am Tisch mit dem Bauern essen, sondern mussten mit den Knechten essen.
[00:05:03.300] – Dr. Marcel Bertschi
Das war eine sehr harte Zeit.
[00:05:06.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Dein Vater war dann Verdingbub?
[00:05:08.940] – Dr. Marcel Bertschi
Ja.
[00:05:09.930] – Dr.med. Ursula Davatz
In Dürrenäsch.
[00:05:11.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Familie meines Mannes. Seine Mutter kommt auch aus Dürrenäsch und heisst auch
Bärtschi. Vielleicht sind da sogar Verwandtschaften.
[00:05:27.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Du hast als erster Staatsanwalt gearbeitet.
[00:05:31.620] – Dr. Marcel Bertschi
Am Schluss der Karriere. Die letzten 10 Jahre noch.
[00:05:42.570] – Dr. Marcel Bertschi
Die letzten zehn Jahre war ich Erster Staatsanwalt und vorher Bezirksanwalt, dann
Staatsanwalt und dann erster Staatsanwalt.
[00:05:51.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Was waren deine juristischen oder menschlichen Prinzipien, die du als Staatsanwalt
gelebt hast, verwirklicht hast?
[00:06:01.900] – Dr. Marcel Bertschi
Versuchen zu verstehen, was geschehen ist, wer was gemacht hat. Völlig gleichgültig,
ob Täter oder Opfer oder Zeugen.
[00:06:13.510] – Dr. Marcel Bertschi
Man muss objektiv die Leute befragen. Was hat er gesehen? Was glaubt er gesehen zu
haben? Was hat er gemacht? Weshalb hat er das gemacht? Und dann noch versuchen
herauszufinden, was einigermaßen der Tatsachenablauf eines Geschehens war.
[00:06:31.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Sehr interessant. Also, da treffen wir uns wieder. Objektiv zu sehen, weshalb etwas
geschehen ist oder jemand etwas gemacht hat.
[00:06:40.900] – Dr. Marcel Bertschi
In der Sprache der Leute, die sie verstehen. Nicht den Akademiker Heraushängen und
mit einem Hilfsarbeiter auf der gehobenen Stufe reden und ihm zu zeigen, wie
intelligent ich bin und wie dumm, dass er ist. Sondern versuchen, offen mit ihm zu
reden.
[00:07:00.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, da treffen wir uns wieder.
[00:07:04.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich war an der Tagung der Kriminologischen Gesellschaft in Interlaken.
[00:07:13.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort hat jemand gesagt: hinter jeder Tat steckt eine Geschichte.
[00:07:20.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Die muss man verstehen.
[00:07:22.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hast du offensichtlich versucht zu machen.
[00:07:26.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn du die Geschichte dann verstanden hast, nach welchen Prinzipien hast du
geurteilt?
[00:07:33.500] – Dr. Marcel Bertschi
Dann muss man versuchen herauszufinden, welche Strafartikel auf das Geschehene zu
passen und dann, wie hoch dass der Strafantrag etwa ist, den man stellen kann oder ob
man sagen muss, dass die Indizien reichen nicht, der Beweis ist ungenügend. Dann
stellt man das Verfahren ein.
[00:07:54.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Du hast zuerst versucht, die Geschichte zu verstehen und dann zu schauen, welcher
Artikel ist besser anwendbar?
[00:08:03.870] – Dr. Marcel Bertschi
Die Polizei sagt schon: versuchter Mord, Betrug, Diebstahl, das ist klar. Aber man muss
sehen, was konkret vorliegt.
[00:08:13.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich Gutachten schreiben musste, habe ich es ähnlich gemacht.
[00:08:18.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe immer versucht, zuerst den Patienten zu verstehen, zu sehen, um was es geht
und dann habe ich auch geschaut: wo passt der rein?
[00:08:28.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe natürlich immer einen therapeutischen Anspruch und habe dann geschaut, wie
könnte man etwas aussprechen, so dass er dann vielleicht noch etwas weiterkommt.
[00:08:42.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Immer zuerst verstehen.
[00:08:45.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, sehr interessant.
[00:08:48.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Du hast gesagt, du wolltest eigentlich Politiker werden.
[00:08:52.190] – Dr. Marcel Bertschi
Ja, wollte ich zuerst. Ja.
[00:08:53.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Du hast dich der SP angeschlossen?
[00:08:55.640] – Dr. Marcel Bertschi
Genau.
[00:08:56.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Darf ich dich da nochmals fragen? Was hat dich fasziniert, gereizt, interessiert an der
SP?
[00:09:05.420] – Dr. Marcel Bertschi
Ich war wie die meisten Jungen entsetzt, wie ungerecht die Welt ist, wie sozial die
Unterschiede zu groß sind und habe versucht, natürlich den Ärmeren oder den zu
unrecht Unterdrückten zu helfen.
[00:09:22.550] – Dr. Marcel Bertschi
Ich dachte, bei den Sozialdemokraten sei das am besten.
[00:09:26.030] – Dr. Marcel Bertschi
Der Sozialismus, glaubte ich, das sei etwas ganz Großartiges und habe dann gemerkt,
dass die Idee des Sozialismus zwar sehr gut ist, aber die Menschen, die ihn glauben,
zu vertreten, das ist nicht unbedingt das Ideal.
[00:09:42.570] – Dr. Marcel Bertschi
Ich habe dann schrittweise gemerkt, die sind nicht besser als die anderen.
[00:09:47.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Du hast Dich vom Prinzip her für soziale Gerechtigkeit eingesetzt?
[00:09:52.260] – Dr. Marcel Bertschi
Ja genau.
[00:09:52.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Dafür hattest Du auch das Verständnis von Deiner Familie her.
[00:09:52.770] – Dr. Marcel Bertschi
Ja.
[00:09:52.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Du hast dann gemerkt, dass die Menschen nicht alle so edel und toll sind.
[00:10:12.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Kannst du etwas ausholen? Was hat dich dazu gebracht, dich wieder vermehrt zu
distanzieren von der SP?
[00:10:20.700] – Dr. Marcel Bertschi
Ich habe einfach gesehen, dass das, was die Leute im Parlament erzählt haben oder
was sie als Forderungen aufgestellt haben, dass ihr persönliches Leben völlig anders
verlaufen ist.
[00:10:36.630] – Dr. Marcel Bertschi
Einige Beispiele.
[00:10:38.980] – Dr. Marcel Bertschi
Der Lokalmatador in Zürich, der Nationalrat Otto Schütz, schon lange tot.
[00:10:45.280] – Dr. Marcel Bertschi
Er war der große Chef in Zürich.
[00:10:47.800] – Dr. Marcel Bertschi
Er hat dem Gemeinderat, wo ich die Ratsprotokolle für die Zeitung geschrieben habe,
am Morgen gesagt: Genossen, habt ihr Bussenzettel?
[00:11:00.580] – Dr. Marcel Bertschi
Dann haben alle Genossen, die Parkbussen usw im abgegeben.
[00:11:06.280] – Dr. Marcel Bertschi
Er ist zum Polizeivorstand gegangen und gesagt: Otto, das erledigst du.
[00:11:10.750] – Dr. Marcel Bertschi
Da habe ich gesehen, dass Sozialdemokraten offensichtlich gewisse Vorteile haben,
wenn sie falsch parkiert haben, zu schnell gefahren sind. Das habe ich dann mal
gemerkt.
[00:11:23.080] – Dr. Marcel Bertschi
Der edle Sozialist.
[00:11:25.270] – Dr. Marcel Bertschi
Als ich die Ratsberichte geschrieben habe, hiess es am anderen Tag: der Genosse hat
was gesagt. Warum hast du beim Freisinnigen drei Zeilen geschrieben, bei mir hast du
nur geschrieben, dass ich das Wort ergriffen habe.
[00:11:43.200] – Dr. Marcel Bertschi
Der Freisinnige hat leider etwas gesagt, und was du sagen wolltest, habe ich nicht
verstanden.
[00:11:52.590] – Dr. Marcel Bertschi
Also habe ich nur geschrieben: er hat das Wort ergriffen.
[00:11:53.580] – Dr. Marcel Bertschi
Ich habe dann gemerkt, wie kleinlich die Leute sind und wie es ihnen um das Prestige
geht.
[00:12:00.450] – Dr. Marcel Bertschi
Um die Sache geht es den meisten eher nicht.
[00:12:04.200] – Dr. Marcel Bertschi
Das hat man eine Entfremdung zwischen mir und der Partei gegeben.
[00:12:09.390] – Dr. Marcel Bertschi
Ich habe weiterhin meine kritischen Kommentare in Glossen geschrieben.
[00:12:13.860] – Dr. Marcel Bertschi
Es gab immer mehr Ärger mit der Partei, mit dem Genossen.
[00:12:17.160] – Dr. Marcel Bertschi
Am Schluss war ich Parteipräsident der Stadt Zürich einige Jahre und habe dann
gemerkt: jetzt muss ich freiwillig zurücktreten, bevor ich abgewählt werde.
[00:12:28.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hast du im rechten Moment wahrgenommen?
[00:12:32.190] – Dr. Marcel Bertschi
Ja, ich habe gemerkt, es geht nicht mehr lange, bis ich rausfliege.
[00:12:35.830] – Dr. Marcel Bertschi
Die Zeitung stand auch finanziell nicht mehr gut da.
[00:12:35.830] – Dr. Marcel Bertschi
Ich habe gesehen: ich habe keine Zukunft.
[00:12:43.630] – Dr. Marcel Bertschi
Die Pressefreiheit habe ich sehr nahe kennengelernt.
[00:12:53.290] – Dr. Marcel Bertschi
Einmal habe ich einen kritischen Kommentar über eine Firma geschrieben. Dann kam
der Verlagschef. Bist du wahnsinnig bei dieser Firma, die gibt regelmäßig Druckaufträge
darüber schreibst du ganz sicher nicht mehr.
[00:13:05.680] – Dr. Marcel Bertschi
Meine Frau hat eine Film Kolumne geschrieben.
[00:13:08.650] – Dr. Marcel Bertschi
Einmal hat sie einen Film zerrissen.
[00:13:10.780] – Dr. Marcel Bertschi
Sofort kam der Inseratenchef und sagte: bist du wahnsinnig? Dieser Film gibt ständig
Inserate auf. Darüber wird nicht mehr geschrieben.
[00:13:20.080] – Dr. Marcel Bertschi
Da habe ich gesehen, dass die Pressefreiheit ein sehr ein beschränktes Gut ist.
[00:13:26.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Interessant, also so viel zu Theorie und Praxis.
[00:13:28.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Praxis war ganz anders als die Theorie.
[00:13:31.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Und dann noch die Pressefreiheit, das war schon damals so.
[00:13:39.830] – Dr. Marcel Bertschi
In Zürich gab es einmal in Zürich vor X Jahren einen grossen Skandal.
[00:13:44.420] – Dr. Marcel Bertschi
Es wurde bei der Polizei aus dem Tresor der Stadtpolizei das gesamte Zahltagsgeld
gestohlen, der Zahltag im Polizeidepartement.
[00:14:02.330] – Dr. Marcel Bertschi
Darüber habe ich geschrieben, ein guter Mitarbeiter hat mir die Geschichte gesteckt.
[00:14:02.840] – Dr. Marcel Bertschi
Es gab ein Foto auf der ersten Seite: Diebstahl im Polizeipräsidium.
[00:14:13.580] – Dr. Marcel Bertschi
Ich war stolz. Das war ein Auftrieb des Volksrechte, um neue Abonnenten zu gewinnen.
[00:14:19.100] – Dr. Marcel Bertschi
Das Gegenteil geschah.
[00:14:19.730] – Dr. Marcel Bertschi
Es kam der berühmte Nationalrat und sagte: bist du wahnsinnig, was du schreibst? Mit
dem Otto arbeiten wir so gut zusammen, in der Gewerkschaft, solchen Unsinn zu
schreiben!
[00:14:31.240] – Dr. Marcel Bertschi
Fakten sind nur dann gut, wenn sie der persönlichen Stellung oder den persönlichen
Idealen nützen und sonst ist mit den Fakten gar nichts.
[00:14:42.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Da wurdest du dann direkt zum Nestbeschmutzer.
[00:14:46.450] – Dr. Marcel Bertschi
Selbstverständlich.
[00:14:48.250] – Dr. Marcel Bertschi
Ich habe mehrere Ausschlussverfahren, weil ich angeblich sozialdemokratisches
Gedankengut verletzt habe.
[00:14:55.000] – Dr. Marcel Bertschi
Es gab zwei Ausschlussverfahren, die ich dann überstanden habe und bin dann selber
gegangen.
[00:15:01.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist aber nicht wahr? Unglaublich.
[00:15:03.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Die haben das gedankliche, das sozialdemokratische Gedankengut haben sie in Tat
verletzt, nicht in Worten.
[00:15:13.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Du hast in Worten die Wahrheit gesagt.
[00:15:16.150] – Dr. Marcel Bertschi
Das was ich als Wahrheit empfunden.
[00:15:17.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Natürlich, das ist immer relativ.
[00:15:20.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Okay, sehr interessant. Unglaublich.
[00:15:26.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt noch etwas zur Methode.
[00:15:29.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn du gekämpft hast. Du bist ein Kämpfer, wenn du gekämpft hast, Kämpfe
ausgefochten hast, gegen was hast du jeweils gekämpft? Wofür hast du gekämpft?
[00:15:45.150] – Dr. Marcel Bertschi
Wenn du Journalist bist und du siehst irgendeine Geschichte, die ist spannend. Dann
weißt du genau, wenn du das schreibst, dann kriegst du riesigen Ärger mit dem
Regierungsrat, mit dem Stadtrat, mit den eigenen Parteigenossen.
[00:16:03.690] – Dr. Marcel Bertschi
Das ist dieser innere Kampf: soll ich jetzt einfach nichts schreiben und dann habe ich
keinen Ärger, oder…
[00:16:12.810] – Dr. Marcel Bertschi
Es hat mich gereizt, das trotzdem zu schreiben.
[00:16:15.480] – Dr. Marcel Bertschi
Die psychische Spannung ist relativ groß, wenn man den Journalismus ernst nimmt und
das schreibt, was man glaubt schreiben zu müssen.
[00:16:25.380] – Dr. Marcel Bertschi
Wobei es ist immer fraglich. Weshalb soll man über alle Dinge schreiben?
[00:16:30.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Dich hat das gereizt.
[00:16:33.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese unklaren, prickelnden Dinge haben dich gereizt, etwas darüber zu schreiben;
intellektuell auch und natürlich sozial.
[00:16:50.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Da war der Konflikt oder die Auseinandersetzung, die dich gereizt hat. Und wieder: für
was hast du gekämpft in deinen Berichten?
[00:17:01.060] – Dr. Marcel Bertschi
Für eine gerechtere Gesellschaft.
[00:17:02.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist wieder das gleiche Thema, das dich zur SP gebracht hat.
[00:17:07.930] – Dr. Marcel Bertschi
Genau.
[00:17:08.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine gerechtere Gesellschaft.
[00:17:14.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich frage weiter.
[00:17:17.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Du bist ein politisch interessierter Mensch.
[00:17:22.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Du warst früher sehr politisch engagiert.
[00:17:25.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie engagierst du dich jetzt politisch?
[00:17:32.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch gedanklich? Was sagst du zur Politik von heute?
[00:17:37.300] – Dr. Marcel Bertschi
Ich bin jetzt 25 Jahre pensioniert.
[00:17:41.710] – Dr. Marcel Bertschi
Ich habe beruflich keinen Ehrgeiz mehr.
[00:17:45.130] – Dr. Marcel Bertschi
Manchmal juckte es mich irgendwie, was zu schreiben. Aber was soll ich machen? Kein
Mensch hat je gefragt: was interessiert dich?
[00:17:57.430] – Dr. Marcel Bertschi
Als ich noch erster Staatsanwalt war, gab es laufend Gesetzesänderungen im
Strafgesetz. Die sind in Bern ausstudiert worden.
[00:18:06.070] – Dr. Marcel Bertschi
Glaubst du, es hat je ein einziger Nationalrat die Zürcher Staatsanwalt angefragt: was
meint ihr zu dem Gesetz? Ist das Gesetz vernünftig? Könnt damit etwas anfangen. Nie.
[00:18:18.700] – Dr. Marcel Bertschi
Die Leute mit dem politischen Amt glauben ja schon genügend Verstand zu haben.
[00:18:23.190] – Dr. Marcel Bertschi
Es sind dann in Bern die entsprechenden Anwälte, Strafverteidiger. Die haben dafür
gesorgt, dass die Gesetze entsprechend so sind, dass die Anwälte eher sich
durchsetzen können als wir als Strafverfolger.
[00:18:37.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Aha.
[00:18:38.880] – Dr. Marcel Bertschi
Die meisten Leute, die haben die Weisheit, die wissen das einfach. Wenn man dann
nachfragt, sie wissen gar nichts. Aber sie glauben zu wissen.
[00:18:51.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Sehr interessant. Ja, das habe ich auch etwas bemerkt, wenn ich mit diesen Juristen zu
tun hatte. Sehr viel Theorie, schön aufgebaute Theorie, aber in der Praxis…
[00:19:04.530] – Dr. Marcel Bertschi
Ist das schwieriger.
[00:19:06.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort wird es schwierig, dort wird es trübe.
[00:19:11.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt frage ich dich ganz konkret zur heutigen Politik.
[00:19:14.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Was findest du, das in der heutigen Politik falsch läuft aus deiner Sicht, aus deiner
kritischen Sicht?
[00:19:23.410] – Dr. Marcel Bertschi
Wir sind schneller fertig, wenn ich sage was richtig läuft.
[00:19:28.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Okay, dann sagst du zuerst was richtig läuft.
[00:19:31.330] – Dr. Marcel Bertschi
Ich persönlich bin der Meinung, die Schweiz ist ein spezielles Gebilde, also Neutralität
und zwar richtige Neutralität gehört zu uns.
[00:19:42.880] – Dr. Marcel Bertschi
Die direkte Demokratie gehört auch zu uns.
[00:19:45.730] – Dr. Marcel Bertschi
Freie Meinungsäußerung, dass jeder seine Meinung äußern kann, sofern er innerhalb
des strafrechtlichen Bereichs ist.
[00:19:55.120] – Dr. Marcel Bertschi
Wenn es strafrechtliche Artikel verletzt, dann ist natürlich fertig.
[00:19:59.680] – Dr. Marcel Bertschi
Innerhalb dieser ganzen Bandbreite darf und soll man sich äußern können.
[00:20:06.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Funktioniert das in der Schweiz? Du hast ja etwas das Gegenteil erlebt.
[00:20:11.290] – Dr. Marcel Bertschi
Selbstverständlich immer weniger.
[00:20:15.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute weniger als früher.
[00:20:17.080] – Dr. Marcel Bertschi
Ja.
[00:20:20.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Warum?
[00:20:20.570] – Dr. Marcel Bertschi
Als ich früher noch Redaktor am Volksrecht (heute DAZ) war, war es für mich
selbstverständlich, wenn ich irgendeine Person kritisiert habe, habe ich ihr
selbstverständlich gesagt, du kannst selbstverständlich eine Gegendarstellung bringen.
[00:20:34.820] – Dr. Marcel Bertschi
Das war für mich absolut klar.
[00:20:36.980] – Dr. Marcel Bertschi
Man beschreibt die Fakten, wie man sie kennt und neben dran steht ein Kommentar
und würdigt dann subjektiv die Fakten.
[00:20:48.380] – Dr. Marcel Bertschi
Die heutigen Journalisten, die bringen nur die Fakten eingepackt in die persönliche
Meinung.
[00:20:56.660] – Dr. Marcel Bertschi
Sie können das nicht mehr trennen zwischen Fakten und subjektiver Auffassung.
[00:21:02.870] – Dr. Marcel Bertschi
Wenn man versucht zu erklären, dass die Ukrainer nicht die Helden des
Freiheitskampfes und die Vorkämpfer für Gerechtigkeit und so weiter sind, sondern
dass es dort auch sehr viel nicht sehr Gutes gibt, dann ist man selbstverständlich ein
Putinversteher oder ein Verschwurbler, ein Verschwörungstheoretiker.
[00:21:28.610] – Dr. Marcel Bertschi
Die Leute sind gar nicht bereit Fakten sich mühsam zu erarbeiten und herauszufinden,
was hat wer wirklich gesagt?
[00:21:40.520] – Dr. Marcel Bertschi
Man spricht über die Leute und nicht mit den Leuten.
[00:21:46.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist auch ein wichtiger Punkt.
[00:21:48.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute geht man von vorfabrizierten Meinungen, von Klischees aus und geht dann von
einem Klischee in ein anderes Klischee hinein.
[00:22:03.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Man schaut gar nicht mehr in die Tiefe.
[00:22:05.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Würdest du sagen, warum der Mensch das nicht mehr macht?
[00:22:10.040] – Dr. Marcel Bertschi
Wenn du im Mainstream mit schwimmst, dann hast du keinen Ärger.
[00:22:16.970] – Dr. Marcel Bertschi
Wenn du an eine Sitzung gehst und du weißt genau, wenn ich das jetzt erzähle, das
wird garantiert Ärger geben, weil die Mehrheit ist anderer Meinung.
[00:22:21.620] – Dr. Marcel Bertschi
Warum soll ich mir denn Ärger einhandeln und sagen das und das finde ich falsch. Das
und das finde ich richtig, auch wenn ihr alle anderer Meinung seit.
[00:22:36.010] – Dr. Marcel Bertschi
Das kann einem zermürben.
[00:22:50.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Du warst immer ein Mensch, der sich wirklich auseinandergesetzt hat mit diesen
kontroversen Dingen und Themen.
[00:23:03.110] – Dr. Marcel Bertschi
Martin Luther hat einen Spruch gemacht: trink was klar ist, iss was gar ist, red was wahr
ist.
[00:23:20.790] – Dr. Marcel Bertschi
Das gar nicht so schlecht.
[00:23:23.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist sehr basal und sehr allgemeingültig und zeitlos.
[00:23:30.420] – Dr. Marcel Bertschi
Man hat sich viele Feinde auf der anderen Seite gemacht.
[00:23:34.380] – Dr. Marcel Bertschi
Dann wissen die Leute, was man denkt und welche Haltung man hat.
[00:23:38.670] – Dr. Marcel Bertschi
Nicht: wenn ich in diese Sitzung gehe, dann spreche ich A, und wenn ich dort rede,
spreche ich minus A. Wenn ich dort bin, sage ich gar nichts.
[00:24:37.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Daran glaube ich nicht.
[00:24:41.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich frage dich jetzt als Mensch mit 90-jähriger interessanter Erfahrung.
[00:24:49.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Was würdest du der nächsten jungen Generation raten, wie sie ihre menschliche
Intelligenz fördern könnten? Die, die du hast.
[00:25:03.170] – Dr. Marcel Bertschi
Alles kritisch hinterfragen. Grundsätzlich.
[00:25:07.670] – Dr. Marcel Bertschi
Es ist nicht verboten, selber zu denken.
[00:25:10.150] – Dr. Marcel Bertschi
Wenn ich einen Apparat habe, der zum Beispiel in der Juristerei mir sämtliche Urteile zu
diesem Problem in Blitzeseile herausfindet und ich nicht mühsam selbst in der
Bibliothek nachschlagen muss, das finde ich in Ordnung.
[00:25:27.910] – Dr. Marcel Bertschi
Wenn ich dann ein Urteil finde, das mir vernünftig zu sein scheint, dann kann ich alles
abschreiben.
[00:25:35.320] – Dr. Marcel Bertschi
Wenn ich einer Maschine sage: lese die Akten durch, schaue, was da drin ist, schreibe
einen Antrag an ein Urteil.
[00:25:43.720] – Dr. Marcel Bertschi
So geht das nicht.
[00:25:46.420] – Dr. Marcel Bertschi
Ich begreife die künstliche Intelligenz effektiv nicht, da bin viel zu dumm dazu.
[00:25:55.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, glaube ich nicht.
[00:25:56.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Was du sagst ist, die künstliche Intelligenz kann hilfreich sein, um einen Bericht so zu
schreiben.
[00:26:07.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss immer noch das eigene Hirn verwenden und das anschauen, stimmt das für
mich oder nicht?
[00:26:14.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kommt nicht darum herum, selbst nachzuprüfen, was stimmt.
[00:26:19.900] – Dr. Marcel Bertschi
Kritisch zu hinterfragen: kann das überhaupt stimmen? Passt das mit meiner
Lebenserfahrung überein? Oder habe ich nicht noch andere Ideen, die da gar nicht
berücksichtigt worden sind?
[00:26:31.060] – Dr. Marcel Bertschi
Ich bin nicht sicher, ob die sämtliche Quellen auch aufnehmen oder ob sie nur die
Quellen im Mainstream benutzen, also der Politik, dass sind nur die eine Seite
einarbeiten und gegenteilige Meinungen gar nicht drin sind.
[00:26:51.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, sie wird so verwendet. Politisch wird sie so verwendet, kann so verwendet
werden. Wissenschaftlich wäre es eigentlich nicht erlaubt.
[00:27:02.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Die künstliche Intelligenz kann natürlich nur rausbringen, was ihr gefüttert wurde.
[00:27:07.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ein einsamer Weiser nichts füttert, dann kann die KI das auch nicht rausbringen.
[00:27:14.790] – Dr. Marcel Bertschi
Ich werde sauer, wenn die Leute das Klima retten wollen.
[00:27:22.950] – Dr. Marcel Bertschi
Was willst du denn am Klima retten? Das Klima ist.
[00:27:26.130] – Dr. Marcel Bertschi
In Zürich hatte wir vor X Jahren eine sechs Meter hohe Eisschicht.
[00:27:32.910] – Dr. Marcel Bertschi
Das ist alles weg geschmolzen? Weil wir zu viele Autos hatten damals? Damals hat es
noch gar keine Autos gegeben, hat keine Heizung gegeben und das Eis ist weg.
[00:27:43.560] – Dr. Marcel Bertschi
Würde mich interessieren, was hat das bewirkt?
[00:27:47.040] – Dr. Marcel Bertschi
Wenn die Omas gegen Rechts oder Omas fürs Klima mit Plakaten herumlaufen? Dann
schüttelt es mich.
[00:27:56.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kannst du nur lachen.
[00:27:58.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Was würdest du der künstlichen Intelligenz füttern. Welche deiner Weisheiten?
[00:28:09.110] – Dr. Marcel Bertschi
Mein Sohn ist Verwaltungsrechtler. Ich frage ihn jeweils: kannst du das in deinem Beruf
anwenden?
[00:28:22.160] – Dr. Marcel Bertschi
Er antwortet mir dann: in Quellen nachforschen, durchschauen, wo sind zu den
Stichworten die entsprechenden Urteile vorhanden, entsprechende Literaturverweise.
Das ist vernünftig.
[00:28:38.870] – Dr. Marcel Bertschi
Am Schluss muss man immer noch selber denken.
[00:28:40.040] – Dr. Marcel Bertschi
Ist jetzt der Beweis erfüllt?
[00:28:43.880] – Dr. Marcel Bertschi
Ist das überzeugend dargestellt?
[00:28:47.960] – Dr. Marcel Bertschi
Ist die Indizienkette schlüssig oder ist sie nicht schlüssig?
[00:28:49.160] – Dr. Marcel Bertschi
Das kann die künstliche Intelligenz glaube ich im Strafrecht nicht.
[00:28:56.930] – Dr. Marcel Bertschi
Da sind immer subjektive Wertungen dahinter.
[00:29:00.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Immer Ja.
[00:29:01.820] – Dr. Marcel Bertschi
Nehmen wir den Fall Keller. Der Bijoutier Keller, der in Winterthur seine Frau
umgebracht hat. Der war ein begabter Schauspieler, ein begabter Lügner. Ich war
absolut sicher, dass er der Täter war.
[00:29:25.580] – Dr. Marcel Bertschi
Nach heutigen DNA Analysen könnte man das heute nachweisen, damals aber nicht.
[00:29:31.520] – Dr. Marcel Bertschi
Es gab einen viewöchigen Geschworenenprozess. Am Schluss hat er ein hinreißendes
Schlussplädoyer gehalten.
[00:29:42.860] – Dr. Marcel Bertschi
Zwei geschworenen Frauen sind die Tränen herunter gelaufen.
[00:29:46.970] – Dr. Marcel Bertschi
Er sagte: sie haben meine schlechten Seiten kennengelernt, ich bin ein schlechter
Mensch, aber ich kann sie nicht mehr anlügen.
[00:29:54.320] – Dr. Marcel Bertschi
Ich kann sie nicht mehr anlügen. Ich kann nur sagen, ich habe meine Frau nicht
umgebracht.
[00:30:00.450] – Dr. Marcel Bertschi
Dann wusste ich, der Prozess ist verloren, ganz knapp wurde frei gesprochen.
[00:30:06.720] – Dr. Marcel Bertschi
Der Präsident kam zu mir. Er war es. Selbstverständlich ist er es gewesen, aber wir
konnten ihn nicht verurteilen.
[00:30:15.810] – Dr. Marcel Bertschi
Der Gerichtsschreiber hat 500 Seiten geschrieben, weshalb alle Indizien für ihn als
Täter sprechen.
[00:30:24.390] – Dr. Marcel Bertschi
Am Schluss kam das Geschworenengericht zur Überzeugung, die Indizienkette reicht
nicht.
[00:30:29.400] – Dr. Marcel Bertschi
Es waren drei Sätze, und er war freigesprochen.
[00:30:32.850] – Dr. Marcel Bertschi
Die subjektive Wertung, die man rein bringt, beim Gericht sowieso, Richter sind auch
nur Menschen. Man kann die beeinflussen, wenn sie wissen, dass das Ärger gibt, wenn
man so entscheidet oder anders, dann ist es fraglich, ob ein Richter dann bei seiner
Meinung bleibt oder nicht.
[00:30:55.680] – Dr. Marcel Bertschi
Das ist das Spannende auch am Strafrecht.
[00:31:02.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Schlussendlich ist immer auch die ganz persönliche Erfahrung, das kritische Anschauen
und die eigene Moral oder Empfindung massgebend.
[00:31:12.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Erfahrungsweisheit spielt eine Rolle und nicht nur der Paragraph.
[00:31:18.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Sehr interessant.
[00:31:22.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sehe, wir treffen uns da mehr als ich gedacht hätte, drum hab ich dich auch gefragt
für dieses Interview.
[00:31:30.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, wir haben einige Parallelen. Du hast mich oft auch kritisch hinterfragt,
herausgefordert.
[00:31:36.420] – Dr. Marcel Bertschi
Deine Pünktlichkeit ließ zu wünschen übrig.
[00:31:38.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das stimmt. Das stimmt. Das stimmt. Das nehme ich gerne entgegen.
[00:31:43.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Du warst heute pünktlich und ich habe dich auch pünktlich empfangen.
[00:31:49.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich danke dir sehr für das Gespräch und ich darf dir die Hand reichen.
Dr. med. Ursula Davatz äussert sich im vorliegenden Material explizit zu den Konsequenzen von Strafen für ADHS/ADS-Kinder. Ihrer Aussage nach funktioniert Strafe bei ADHS/ADS-Kindern nicht gut. Im Gegenteil führt sie aus, dass das Kind durch Strafen nur aufmüpfig wird.
Dr. Davatz betont, dass ADHS/ADS-Kinder immer intrinsisch motiviert sein müssen. Sie beschreibt, dass diese Kinder einen „Dickkopf“ haben und wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt haben, sie es durchsetzen wollen („mit dem Kopf durch die Wand gehen“). In diesem Zusammenhang erklärt sie, dass sobald man „Nein“ sagt, man in Konkurrenz tritt. Wenn man ADHS/ADS-Kinder bremst, während sie einen starken Drang haben, etwas Bestimmtes zu tun, dann läuft gar nichts mehr.
Dr. Davatz erlebt weiterhin, dass im Schulsystem mit Bestrafung gearbeitet wird. Sie ist jedoch der Überzeugung, dass man ADHS/ADS-Kinder führen und nicht zum Gehorsam bringen sollte. Dies deckt sich mit der Aussage, dass man sie nicht über Gehorsam motivieren kann. Stattdessen sollte man versuchen, ihre Neugier zu wecken und sie ihren Interessen nachgehen lassen.
Zusammenfassend haben Strafen laut Dr. Davatz bei ADHS/ADS-Kindern negative Konsequenzen, da sie nicht zur gewünschten Verhaltensänderung führen, sondern eher Widerstand und Aufmüpfigkeit hervorrufen. Da diese Kinder stark auf intrinsische Motivation angewiesen sind und einen ausgeprägten eigenen Willen haben, ist es effektiver, sie zu führen und ihre Neugier zu nutzen, anstatt auf Bestrafung zu setzen.
Dr. med. Ursula Davatz betont im vorliegenden Material mehrfach die Wichtigkeit der Persönlichkeitsentwicklung, insbesondere im Kontext von Kindern und Jugendlichen, mit oder ohne ADHS/ADS.
Sie argumentiert, dass die Persönlichkeitsentwicklung heutzutage enorm wichtig und am wichtigsten ist. Sowohl die Schule als auch die Eltern sollten dem speziellen Individuum helfen, die eigene Persönlichkeit zu entwickeln.
Dr. Davatz warnt davor, dass die Persönlichkeit durch „Konservendenken, Konservenbilder, Konserveninformation“ kaputt gemacht werden kann. Sie möchte Eltern Mut machen, ihren Kindern bei der Entwicklung ihrer Persönlichkeit zu helfen.
Im Gegensatz zu reinem Wissen, welches heutzutage leicht vom Internet abgerufen werden kann, ist die Persönlichkeitsentwicklung etwas, das man nicht vom Internet holen kann.
Bezüglich der Medikamentengabe bei ADHS/ADS kritisiert Dr. Davatz, dass Ritalin überhaupt nicht hilft, die Persönlichkeit zu fördern. Sie hält es für entscheidend, dass in einer individualisierten Gesellschaft die verschiedenen Persönlichkeiten gefördert werden und ihre Talente ausleben können.
Dr. Davatz stellt klar, dass das Ziel nicht ist, dass der Mensch einfach funktioniert wie eine Maschine, sondern dass er seine Persönlichkeit entwickeln und entfalten kann, um zu einem reifen, verantwortungsbewussten Menschen zu werden, der seine Rolle in der Gesellschaft spielen und seine Aufgaben wahrnehmen kann. Dies erfordert Geduld und Liebe.
Zusammenfassend ist die Persönlichkeitsentwicklung laut Dr.med. Ursula Davatz essenziell, weil sie einen fundamentalen Aspekt der individuellen Entfaltung darstellt, der durch moderne Informationsquellen nicht ersetzt werden kann und durch bestimmte pädagogische oder medizinische Ansätze sogar gefährdet sein kann. Sie sieht die Förderung der Persönlichkeit als ein übergeordnetes Ziel der Erziehung und Bildung, das wichtiger ist als reine Wissensvermittlung oder die blosse Symptombekämpfung bei ADHS/ADS.
Dr. med. Ursula Davatz hat mehrere Kritikpunkte an der Medikamentengabe bei ADHS/ADS.
Sie betont, dass Medikamente meistens Stimulanzien sind, welche das Gehirn stressen. Demgegenüber stellt sie die motorische Aktivität und den Sport als natürliche Wege zur Förderung von Adrenalin und Dopamin heraus.
Dr. Davatz argumentiert, dass Medikamente wie Ritalin zwar helfen können, sich auf schulische Inhalte zu fokussieren, aber sie fördern die Persönlichkeitsentwicklung überhaupt nicht. Sie hält es für wichtig, dass in einer individualisierten Gesellschaft die verschiedenen Persönlichkeiten gefördert werden und ihre Talente ausgelebt werden können.
Ein zentraler Kritikpunkt ist, dass eine primäre Behandlung mit Medikamenten den emotionalen Hirnteil nicht fördert, sondern eher ausblendet. Sie erklärt, dass das emotionale Gehirn für das soziale Lernen zuständig ist und auf alle äusseren Inputs als erstes reagiert. Durch Medikamente werde dieser wichtige Teil eher unterdrückt, was sie als schade empfindet und wodurch ihrer Meinung nach eine gewisse Menschlichkeit wegfällt. Gewisse ADHS/ADS-Betroffene bestätigen dies, indem sie sagen, dass sie sich unter Medikamenten nicht mehr so gut spüren und auch andere nicht mehr so gut wahrnehmen.
Dr. Davatz beobachtet eine zunehmende Tendenz in der medizinischen Wissenschaft in Richtung des Kognitiven, während das emotionale Gehirn vernachlässigt werde. Sie plädiert dafür, die Menschlichkeit und die Förderung des emotionalen Gehirns und der Sozialkompetenzen bei Kindern stärker zu gewichten.
Obwohl Dr. Davatz niemandem die Medikamente verweigert und die Entscheidung den Eltern überlässt, deutet ihre Argumentation klar darauf hin, dass sie eine rein medikamentöse Behandlung als nicht ausreichend betrachtet. Sie betont, dass immer auch das Umfeld begleitet werden muss, einschliesslich der Lehrer.
Sie äussert auch ihre Sorge darüber, dass wenn ADHS/ADS nur an Ärzte delegiert wird, an erster Stelle nur mit Medikamenten gearbeitet wird. Ihrer Ansicht nach braucht es beim ADHS/ADS viel mehr Beratung des Umfelds, Unterstützung der Lehrpersonen und der Eltern, damit es nicht schiefläuft, und nicht nur eine medikamentöse Behandlung des Kindes. Dies steht im Gegensatz zu dem ihrer Meinung nach vorherrschenden medizinischen Modell.
Zusammenfassend kritisiert Dr.med. Ursula Davatz an der Medikamentengabe bei ADHS/ADS vor allem die Vernachlässigung der emotionalen und sozialen Aspekte, die rein symptomatische Behandlung ohne Förderung der Persönlichkeit, die mögliche Überbeanspruchung und den Fokus auf eine medizinische Lösung anstelle einer umfassenden Unterstützung des Umfelds. Sie sieht Medikamente eher als ein Hilfsmittel im Kontext eines breiteren Ansatzes und betont die Wichtigkeit intrinsischer Motivation und der Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse.
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