Spannungsfeld zwischen Psychologie, Religion und sozialer Verantwortung

Reformierte Kirche Turgi, Kirchweg, 5300 Turgi

10.03.2017 um 19.30 Uhr bis 21.00 Uhr

PDF zum Vortrag: 8_2_2017_spannungsfeld_psychologie-religion_endgueltig

Flyer zur Veranstaltung.

Transkription

Ankündigung zum Vortrag

Spannungsfeld zwischen Psychologie, Religion
und sozialer Verantwortung
__________________________________________________________

Dr. med. Ursula Davatz
http://www.ganglion.ch; http://schizo.li/

Reformierte Kirche Turgi, Kirchweg, 5300 Turgi
10.03.2017 um 19.30 Uhr bis 21.00 Uhr

Religion, Psychiatrie und soziale Verantwortung

Dank der sozialen Medien wie Facebook, Twitter, Linkedin und
Wikipedia hat der moderne Mensch die Möglichkeit, sich rund
um den ganzen Erdball eine Stimme zu verschaffen und gleich-
zeitig Informationen einzuholen. Diese Demokratisierung der
Kommunikation bringt einerseits enorme Vorteile mit sich. Der
Transfer von Wissen und Informationen ist nicht mehr an das
Monopol von staatlichen Kommunikations- und Bildungsinstitu-
tionen oder etablierten Medien gebunden.
Die sozialen Medien bringen aber auch die Gefahr mit
sich, über Fehlinformationen bewusste Täuschungen in die
Welt zu setzen. Über die Streuung von “FakeNews“, sogenann-
te “alternative Fakten“, die sich über hohe Einschaltquoten Le-
gitimation verschaffen, können destruktive emotionale Massen-
bewegungen ausgelöst werden, ohne dass sich jemand dafür
verantwortlich fühlt, und auch niemand dafür juristisch verant-
wortlich gemacht werden kann: eine kollektive soziale Verant-
wortungslosigkeit.

2

Wie können wir in der heutigen Zeit die individuelle soziale Ver-
antwortung eines jeden Menschen stärken und vor psychologi-
scher Manipulation und Missbrauch schützen, damit uns die
Glaubensfreiheit und das liberale Denken innerhalb unserer
aufgeklärten Gesellschaft erhalten bleibt und nicht von der kol-
lektiven sozialen Verantwortungslosigkeit weggeschwemmt
wird?

Transkript

Dr.med. Ursula Davatz

10.3.2017
Spannungsfeld zwischen Religion, Theologie und sozialer Verantwortung
Audio

[00:00:01.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt kommt der Vortrag zum Thema "Spannungsfeld zwischen Religion, Theologie und
sozialer Verantwortung".

[00:00:09.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Vortrag findet statt am 10.03.2017 in der reformierten Kirche in Turgi.

[00:00:25.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sind Vorschusslorbeeren, die sind immer gefährlich. Das setzt einem unter Druck,
aber ich nehme den Druck jetzt entgegen.

[00:00:25.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe von diesem Projekt hier gehört. Ich finde das Projekt interessant.

[00:00:37.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin gerne bereit hier einen Vortrag zu halten.

[00:00:41.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, ich muss das Thema der Örtlichkeit, der Kirche anpassen, um ein bisschen
Dynamik reinzubringen um auch Reklame für das Projekt zu machen.

[00:00:56.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich werde ein paar Gedanken darlegen und ich möchte Sie im Anschluss daran dazu
auffordern, dass Sie mit mir diskutieren.

[00:01:22.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht noch etwas zu meiner Biografie.

[00:01:26.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Als ich ungefähr 18 Jahre alt war, im Gymnasium, habe ich mal gedacht, ich würde
Theologie studieren.

[00:01:30.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Noch früher wollte ich Verhaltensforschung der Tiere studieren.

[00:01:36.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Zuerst Verhaltenstherapie der Tiere, Theologie, Psychologie dann fand ich Medizin
wäre doch noch besser und hinterher Psychiatrie.

[00:01:49.980] – Dr.med. Ursula Davatz
So bin ich bei der Psychiatrie gelandet.

[00:01:53.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Immer dann, wenn das Thema schwierig wird mit den Menschen, wende ich mich den
Tieren zu.

[00:01:58.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Den Tieren gegenüber kann man objektiver sein, weniger Vorurteile als dem Menschen
gegenüber.

[00:02:06.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie werden das auch ein wenig sehen innerhalb dieses Vortrags.

[00:02:10.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Das nur als kleine Einleitung.

[00:02:12.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Thema lautet Religion, Psychiatrie und soziale Verantwortung.

[00:02:18.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle drei Begriffe in einem Spannungsfeld.

[00:02:22.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe viel darüber studiert, wie ich das zusammenbringen möchte.

[00:02:25.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist noch keine fertige Lösung, aber vielleicht helfen Sie mir ja dabei, noch weitere
Schritte mit mir zusammen durch zu denken.

[00:02:39.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Mensch ist ein soziales Wesen, mit einem sozialen Gewissen. Wir haben soziale
Gene.

[00:02:39.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sorgen für unsere Artgenossen.

[00:02:50.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Das machen wir, ohne dass wir in einer Sonntagsschule waren.

[00:02:52.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich war auch in einer, ich bin reformiert aufgewachsen.

[00:02:56.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Tiere machen das auch.

[00:02:58.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Das machen alle sozialen Tierarten, z.B. Schimpansen, Gorillas, Delfine.

[00:03:07.740] – Dr.med. Ursula Davatz

Es gibt sogar Geschichten, in denen Delfine einen Menschen gerettet haben, weil sie
dachten, er gehöre zu ihnen.

[00:03:15.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe schon von Konrad Lorenz gelesen, wie ein anderer Rabe eine Badhose
verteidigt hat, die Konrad Lorenz in der Hand hatte, weil der Raab dachte, das sei ein
Rabe in Not.

[00:03:35.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eine primitive soziale Verantwortung.

[00:03:40.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Rabe dachte, die Badehose sei ein Rabe und ist dann auf Konrad Lorenz los, als er
durch das Käfig lief, mit dieser nassen, hängenden Badehose.

[00:03:44.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Die schwarze, nasse Badehose sah aus wie ein Tier in Not.

[00:03:52.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Die sozialen Genen wirken sich in unserer Hirnstruktur aus. Sie haben dort einen
Niederschlag.

[00:04:09.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Die sozialen Genen spielen immer auch eine Rolle bei der Religion und bei der
Erziehung.

[00:04:14.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei der sozialen Erziehung kann man auf die sozialen Genen und die Hirnstrukturen
zurückgreifen, diese verwenden und diese verstärken.

[00:04:23.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Mensch hat als angeborene Eigenschaft eine soziale Eigenschaft.

[00:04:32.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese soziale Eigenschaft ist immer auch manipulierbar, also missbrauchbar.

[00:04:35.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Das möchte ich im Folgenden zeigen.

[00:04:38.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich beginne mit der Religion, denn die ist älter als die Psychologie, sehr viel älter.

[00:04:48.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Von der Neuropsychologie her gibt es einen Slogan; Der Spiegel: Hotline zum Himmel,
17.05.2002.

[00:04:51.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort wird gesagt, dass die Religion im Temporallappen sitzt.

[00:05:13.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Religion sitzt hier auf der Seite.

[00:05:17.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Religion sitzt hier im Temporallappen, weil dort das Hirn ist, das unsere
Verhaltensweisen in Bezug auf Beziehung steuert.

[00:05:30.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Religio, ich musste noch Lateinisch lernen für das Medizinstudium, heisst: Ich binde.
Religere hiesst: anbinden.

[00:05:38.460] – Dr.med. Ursula Davatz

Die Religion sagt eigentlich, man bindet sich an etwas, man bindet sich an Menschen,
man bindet sich an eine Gruppe, man bindet sich an die Religion, man bindet sich an
Christus oder an ein Gottesbild.

[00:05:53.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Sämtliche Säugetiere haben das Bindungsverhalten.

[00:06:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Bindungsverhalten tritt schon auf, wenn sie auf die Welt kommen.

[00:06:03.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Säugetiere können sich nicht sofort selber ernähren.

[00:06:06.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Säugetiere sind angewiesen auf das Saugen, also auf die Muttermilch.

[00:06:12.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Mechanismus des Saugens der Muttermilch geht mit einem Bindungsverhalten
einher.

[00:06:20.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Bindungsverhalten ist an erster Stelle zwischen Mutter und Säugling und Kind.

[00:06:28.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt viele Theorien in der Psychologie über das Bindungsverhalten von John Bowlby,
Alma Mahler-Werfel, Melanie Klein usw. die haben das alle erforscht.

[00:06:37.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man älter wird, hat man nicht nur ein Bindungsverhalten an seine Mutter, sondern
auch an den Vater.

[00:06:46.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann man auch schon ganz am Anfang haben, im Augenblick, wo die Väter sich um
die Kinder kümmern.

[00:06:51.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist heute mehr der Fall.

[00:06:52.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Bindungsverhalten tritt dann auch in der Gruppe auf.

[00:06:57.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Als erstes ist man gebunden an seine Familie.

[00:07:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Man tritt ein für seine Verwandten und die Verwandten treten ein für einen.

[00:07:09.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Bindungsverhalten besteht nicht nur aus ernährt werden, wie die Muttermilch,
sondern zum Bindungsverhalten gehört auch ein seelischer Austausch, eine
Kommunikation, eine nonverbale und eine verbale.

[00:07:21.570] – Dr.med. Ursula Davatz
René A. Spitz hat Untersuchungen gemacht, wo man Säuglinge gefüttert hat, gewickelt
hat, gerwärmt hat, etc. aber kein Bindungsverhalten an den Tag gelegt hat. Die wären
alle gestorben, wenn man das weitergeführt hätte.

[00:07:34.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sieht man, der Mensch lebt nicht nur vom Essen und vom Trinken allein.

[00:07:44.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Mensch braucht auch eine soziale Bindung.

[00:07:47.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist wieder das Sozialverhalten, innerhalb dessen wir aufgewachsen sind, das wir
genetisch mitbringen.

[00:07:53.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Bindungsverhalten weitet sich dann später auf die Gruppe aus, auf die Familie.

[00:08:01.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man das Kollektiv etwas grösser fasst, auf die Nachbarschaft, auf die
Schulklasse und schlussendlich auf den Staat und wenn man sehr gebildet ist, auf die
Menschheit und auf die Menschenrechte.

[00:08:17.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich beziehe mich viel auf die Evolutionstheorie vom Charles Darwin.

[00:08:26.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Man spricht oft von "survival of the fittest", das Überleben des Stärksten.

[00:08:36.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eigentlich falsch. Man müsste sagen, das Überleben des Anpassungsfähigsten.

[00:08:40.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt eine weitere Entwicklung von dieser Theorie.

[00:08:41.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir versuchen nicht nur individuell uns durchzusetzen.

[00:08:50.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir müssen uns auch als soziale Art, als Gruppe durchsetzen.

[00:08:54.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Bindungsverhalten gibt einen Vorteil für den Menschen, in dem der Mensch in einer
Gruppe besser überlebt wie als Einzelgänger.

[00:09:04.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Man nennt das: Kinship.

[00:09:08.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Verbindung in der Gruppe, und Kin-Selection.

[00:09:14.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst, für die Gruppe wird selektioniert und nicht nur für das Individuum.

[00:09:22.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Leben in der Gruppe bringt einen Vorteil mit sich.

[00:09:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
In den Wahlsprüchen, wie z.B. von Hillary Clinton: gemeinsam statt einsam.
Gemeinsam sind wir stärker.

[00:09:39.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle Parteien verwenden das Gruppengefühl in verschiedenen Abwandlungen, das
Gruppengefühl, die Bindung aneinander.

[00:09:49.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich spreche von der Religion.

[00:09:59.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Man spricht in den Betrieben auch von Corporate Identity, also Bindungsverhalten an
seinen Betrieb.

[00:10:10.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Japanern ist das sehr stark, bei uns ein bisschen weniger.

[00:10:14.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wird immer auch gepflegt und es wird dargestellt in einem Leitbild.

[00:10:21.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich gehe zurück zum Individuum und schaue vom Kollektiv und Individuum her.

[00:10:31.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Mensch ist nicht nur ein Gruppenmitglied, er ist auch ein Individuum.

[00:10:39.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Individualität in unserer Religion, in unserer christlich-westlichen Kultur, hat das
Christentum eine ganz wichtige Rolle gespielt.

[00:10:54.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Jesus Christus war ein Revolutionär.

[00:11:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Jesus Christus hat sich nicht an die Regeln des damaligen Kollektivs gehalten, der
jüdischen Gemeinschaft, vertreten durch die Pharisäer.

[00:11:12.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Jesus Christus hat einen individuellen Lebensweg eingeschlagen und vorgelebt.

[00:11:23.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Somit ist der Mensch nicht nur ein Kollektivwesen, er ist auch eine Einzelperson, ein
Individuum.

[00:11:30.440] – Dr.med. Ursula Davatz

Der Mensch wehrt sich als Individuum für seine eigenen Interessen.

[00:11:35.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Dadurch gibt es immer Konflikte zwischen individuellen Interessen und zwischen
Kollektiven.

[00:11:45.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn der Mensch den Kontakt zum Kollektiv verliert.

[00:11:51.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Eremiten und Einsiedler haben das gemacht.

[00:11:54.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Die sind dann in ein Bindungsverhalten mit Gott und der Religion eingetreten und haben
es dank dem ausgehalten.

[00:11:56.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Durchschnittsmensch hält das eigentlich nicht aus.

[00:12:05.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man als Individuum den Anschluss an das Kollektiv verliert, dann gibt das eine
Angst.

[00:12:13.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle, die schon einmal mit einer Gruppenreise in einer fremden Stadt unterwegs waren,
haben das erleben können, wenn sie den Anschluss an die Gruppe verlieren.

[00:12:23.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man alleine in diese Stadt geht, dann findet man sich selber zurecht.

[00:12:26.820] – Dr.med. Ursula Davatz

Wenn man aber mit einem Kollektiv geht, mit einer Reisegruppe, und auf einmal hat
man seinen Anschluss verloren, dann macht man kurz eine Panikreaktion.

[00:12:37.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist das losgelöst werden von Kollektiv.

[00:12:41.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Angst, dass man nicht überlebt.

[00:12:44.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle Kollektive, ob sie nun religiöser Art sind, oder politischer Art, oder philosophischer
Art, es gibt verschiedene Denkweisen.

[00:13:00.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Die zeichnen sich zuerst einmal durch die Sprache aus.

[00:13:04.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben eine gemeinsame Sprache, das verbindet uns.

[00:13:08.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann sind wir im Kollektiv verbunden über gemeinsame Sitten, über Rituale, über
Gebote, über Verbote, über Tabus, was man darf und was man nicht darf.

[00:13:19.660] – Dr.med. Ursula Davatz
All diese Regeln, wenn man sie miteinander einhält, führen zu einer Corporate Identity.

[00:13:30.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Regeln führen zu einem Gemeinschaftsgefühl.

[00:13:32.990] – Dr.med. Ursula Davatz

Verstoss gegen diese Regeln und gegen die Regelhüter, wird geahndet mit Strafe, mit
Verachtung.

[00:13:46.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Man wird zum schwarzen Schaf deklariert.

[00:13:50.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Schlimmste des Ganzen ist, ausgeschlossen zu werden. Man wird aus dem
Kollektiv ausgeschlossen.

[00:13:56.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Das macht natürlich dann wieder Angst.

[00:13:59.620] – Dr.med. Ursula Davatz
In der katholischen Kirche wurde man zum Teil exkommuniziert, wenn man sich nicht
richtig verhalten hat.

[00:14:07.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Selbstmörder durften nicht auf dem Friedhof begraben werden.

[00:14:10.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie wurden aus dem Kollektiv ausgeschlossen.

[00:14:14.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Heutzutage wird der Ausschluss aus dem Kollektiv psychologisch benannt mit Mobbing.

[00:14:18.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ein Mensch zu sehr aus dem Kollektiv heraussticht, sich nicht genügend an all
die Regeln anpasst, dann kann es ihm passieren, dass er sogenannt gemobbt wird.

[00:14:32.900] – Dr.med. Ursula Davatz

Die Bestrafung ist dann auch von der Gruppe, dass sie ihn auch ausstossen.

[00:14:37.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man Mobbing genauer anschaut, werden immer die Menschen gemobbt in einem
Kollektiv, die sich stark vom Durchschnitt unterscheiden.

[00:14:43.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben das Wesen an uns, dass es uns wohler ist, wenn ein Durchschnitt
eingehalten wird.

[00:15:01.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn jemand zu sehr aus der Menge heraussticht, muss er entweder zu einem Führer
werden, also zu einem Trendsetter, oder sonst wird er gemobbt.

[00:15:11.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist damals ja auch bei Jesus Christus passiert.

[00:15:17.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann sagen, wenn ein Kollektiv in Ruhe ist, das heisst, es funktioniert gut, es
haben alle ihren Platz, sie haben alle zu essen, sie sind alle anerkannt, dann herrscht
relativ viel Toleranz, dann darf das einzelne Individuum eher abweichen und es wird
noch nicht gerade bestraft.

[00:15:39.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn viel Angst vorhanden ist im System, und heutzutage ist relativ viel Angst in den
verschiedenen Gesellschaften vorhanden, dann wird das Kollektiv auf einmal restriktiver
und dann verlangt das Kollektiv eine strengere Regelführung und das Individuum, das
abweicht von diesen Regeln wird schneller und härter bestraft und dann eben auch zum
schwarzen Schaf gemacht.

[00:16:06.360] – Dr.med. Ursula Davatz

Wenn das Kollektiv sicher ist, dann ist es viel toleranter dem einzelnen Individuum
gegenüber.

[00:16:13.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Individuum kann auch gewisse abweichende Verhaltensweise zeigen ohne dass es
gerade bestraft wird und ganz sicher ohne dass es ausgeschlossen wird.

[00:16:24.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Religion ist ein Regelwerk.

[00:16:32.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Religion hat funktioniert als Regelwerk solange es noch keine Rechtsstaaten
gegeben hat.

[00:16:38.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Zu der Zeit war die Religion das einzige Regelwerk, das die Menschen
zusammengehalten halt und unter den Menschen einen Ordnungsstruktur durchgesetzt
hat.

[00:16:50.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Religion hat gesagt, wie man sich verhalten muss. Die Priester haben das zum Teil
weitergegeben.

[00:16:55.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Es war in der Religion verkörpert.

[00:16:58.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Verstoss gegen die Regeln, gegen die Moral, gegen die Sitten in einem religiösen
Kollektiv, lösen bei einem Individuum Schuldgefühle aus.

[00:17:10.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Unsere Schuldgefühle sind wie der Hirtenhund, der uns bei der Herde behält.

[00:17:24.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Schuldgefühle sind etwas vom unangenehmsten.

[00:17:31.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Weil wir die Schuldgefühle nicht gerne haben, kommen wir wieder zurück zur Norm und
zu den Regeln des Kollektivs.

[00:17:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Zitat aus der Bibel: Ich bin der Hirte, ihr seid die Herde.

[00:17:51.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kann nicht mehr alle schönen Sätze.

[00:17:53.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Christen werden viel mit einer Schafherde verglichen.

[00:18:00.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Juden waren Hirtenvölker und dann hat man diese Bilder geholt.

[00:18:06.340] – Dr.med. Ursula Davatz
So werden die individuellen Christen über das Schuldgefühl wieder bei der Herde
behalten.

[00:18:15.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Unsere sozialen Gene und unsere Hirnstruktur halten uns auch ohne die christlichen
Regeln beim Kollektiv.

[00:18:28.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Unsere sozialen Gene bringen uns dazu, dass wir sozial sind unseren Mitmenschen
gegenüber, wenn es uns einigermassen gut geht, wenn wir nicht in Not sind.

[00:18:49.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Die sozialen Gene, die wir alle haben, die Schuldgefühle, die wir bekommen, wenn wir
gegen die Regeln unseres Kollektivs verstoßen, die sozialen Gene, das
Sozialverhalten, das Bindungsverhalten, das können sich extreme Gruppen zu Nutze
machen, im Sinne einer Rekrutierung.

[00:19:13.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Religion ist ein Rekrutierungsinstrument ist.

[00:19:17.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher haben die Christen rekrutiert, sie haben missioniert.

[00:19:21.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Andere Länder haben das verboten.

[00:19:26.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Japan hat die Christen verboten, weil die zu sehr missioniert haben in Japan.

[00:19:34.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Japaner wollten ihre eigene Religion behalten und nicht gestört werden.

[00:19:40.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Japan ist eine Insel, welche sich rein behalten wollte.

[00:19:41.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Mittels der Religion kann man Gläubige, Soldaten und Freiheitskämpfer rekrutieren für
den Heiligen Krieg.

[00:19:56.820] – Dr.med. Ursula Davatz

Im Augenblick, wo Menschen über ihre Genen, über das Sozialverhalten für den
Heiligen Krieg oder für politische Überzeugungen rekrutiert werden, kann es gefährlich
werden.

[00:20:10.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann es für politische Überzeugungen sehr gefährlich werden.

[00:20:14.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann können schwierige Phänomene auftreten.

[00:20:16.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann geschieht Ingroup, Outgroup.

[00:20:27.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Man setzt sich dann nur noch für die Gruppe, zu der man gehört, für das Kollektiv ein.

[00:20:33.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Alles, was draussen ist, sind Unmenschen oder Barbaren.

[00:20:37.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Das haben die Römer früher ein bisschen so gemacht.

[00:20:42.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man die Darstellungen sieht, sieht man, dass alles, was nicht römisch war, kleiner
dargestellt wurde, in dem Sinne nicht ein vollkommener Mensch.

[00:20:53.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mal eine Geschichte gelesen in einem Buch über andere Ethnien, ein Volk in
Afrika.

[00:21:04.890] – Dr.med. Ursula Davatz

Die konnten nicht schwimmen, gingen aber mit dem Boot fischen.

[00:21:09.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn jemand über Bord fiel, war er kein Mensch mehr, dann konnte man ihn
untergehen lassen, oder vielleicht konnte man ihn sogar fressen.

[00:21:22.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Das zeigt, wie stark das Ingroup/Outgroup Verständnis ist.

[00:21:27.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Alles was draussen ist, ist kein Mensch mehr.

[00:21:34.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Nur wir, die zu einem definierten Kollektiv gehören, sind Menschen.

[00:21:40.560] – Dr.med. Ursula Davatz
All diese Themen kommen jetzt wieder auf, mit all diesen Migrationen.

[00:21:43.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich war gestern an einer Tagung über Vorurteile, Rassismus.

[00:21:49.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben in der Schweiz ein Rassismusgesetz.

[00:21:50.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben alle Vorurteile gegenüber andersartigen Menschen.

[00:21:58.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist ein normales, menschliches Verhalten, dass man zuerst für seine eigenen schaut
und erst an zweiter Stelle dann für Andersartige.

[00:22:08.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist normal, dass man mit Vorbehalt auf Leute reagiert, die aus anderen Kulturen
kommen, die eine andere Hautfarbe haben, die sich anders verhalten.

[00:22:14.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Das machen alle. Man kann das unterbinden, wenn man sehr gebildet ist, viel gereist ist
und viele Kulturen kennt.

[00:22:26.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kann jedem passieren.

[00:22:27.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist das Sozialverhalten, welches unterscheidet zwischen Ingroup und Outgroup.

[00:22:38.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Extremste, das passieren kann mit dem Kollektivverhalten/Bindungsverhalten, ist
dass man einen heiligen Krieg macht und dass man alles, was nicht dazugehört,
vernichten darf.

[00:22:54.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mich eine Zeit lang mit Kannibalismus befasst und habe mir das angeschaut.

[00:22:57.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Interessant am religiösen Kollektiv ist, dass es nicht an Territorien gebunden ist.

[00:23:13.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man in einer Religion missionieren darf, dann kann man grenzüberschreitend,
territorial überschreitend, länderüberschreitend sein.

[00:23:22.730] – Dr.med. Ursula Davatz
So ist das auch passiert.

[00:23:25.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Man konnte ganze Ländereien mit seiner Religion erobern.

[00:23:29.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Juden ist es anders.

[00:23:30.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss in das Judentum geboren sein. Die Mutter bestimmt, ob man jüdisch sein
darf. Der Vater kann die Religion nicht weitergeben. Die Mutter kann und muss die
Religion weitergeben.

[00:23:30.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist praktisch. Die Mutter ist mehr mit dem Kind zusammen, die kann mehr die
Regeln beibringen.

[00:23:49.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Vater ist irgendwo ausserhalb beschäftigt, der hat gar keine Zeit, um das beibringen
zu können. Das ist das Praktische an dieser Regel.

[00:24:00.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Solche Religionstätigkeiten, solche destruktiven Religionsauswüchse sehen wir
heutzutage in der globalisierten Welt.

[00:24:17.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Dank der globalen Kommunikation, dank des globalen Menschenaustausches,
Warenaustauschs etc., haben es solche Bewegungen viel leichter, sich überall zu
verbreiten und schnell Fuss zu fassen.

[00:24:32.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit den digitalen, vernetzten Medien ist das noch viel einfacher und es können sehr
zerstörerische Ideologien weitergegeben werden.

[00:24:43.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt gehe ich weiter zum Rechtsstaat.

[00:25:01.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Rechtsstaat ist eine Erfindung unserer westlichen Kultur.

[00:25:07.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben versucht, die Demokratie auf der ganzen Welt zu verbreiten, weil wir das als
die beste Lösung anschauen, die am wenig schlechteste, je nachdem wie man das
benennt.

[00:25:24.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Rechtsstaat hat den Anfang mit den Römern genommen.

[00:25:28.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Römer haben damals ein Gesetz für ihre Bürger gemacht. Die Römer hatten auch
Sklaven.

[00:25:32.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Unser Recht beruht auf dem römischen Recht.

[00:25:32.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Englische Recht beruht auf dem Erfahrungsrecht und nicht auf dem römischen
Recht.

[00:25:32.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Vorbereitung zu diesem Rechtsstaat hat sicher schon in den demokratischen
Stadtstaaten von Griechenland stattgefunden und hat sich dann weiter verbreitet, im
Rechtsstaat von Rom.

[00:26:01.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, in dem der Rechtsstaat auftrat, kam dann auch das Christentum.

[00:26:09.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Interessanterweise hat sich der Rechtsstaat, die Römer, haben sich mit dem
Christentum zusammengetan.

[00:26:16.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Römer haben gemerkt, dass es dort eine interessante Angelegenheit gibt, eine
interessante Massenbewegung.

[00:26:25.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Römer liessen sich dann auch taufen. Es war wie eine Mode, zusammen mit dem
Können der Römer (Ingenieure), mit der Technik der Römer.

[00:26:41.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Christentum hat sich die westliche Kultur sehr weit verbreitet auch Richtung Asien.

[00:26:49.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wo man einen Rechtsstaat hat, ist nicht mehr das schlechte Gewissen,
die Schuldgefühle, die Strafe Gottes, welche einem als Hirtenhund bei der Regel hält,
sondern es sind Gesetze.

[00:27:10.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man diese Gesetze übertritt, kommt eine Strafe.

[00:27:13.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Für verschiedene Straftaten, hat man verschiedene Strafmassnahmen sich ausgedacht.

[00:27:21.400] – Dr.med. Ursula Davatz

Sie kennen vielleicht die Justitia, die eine Frau ist, mit den beiden Waagschalen, die
abwägt und ausgleicht, damit es unter diesen Menschen korrekt läuft.

[00:27:33.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich war gerade an einer Tagung über Strafjustiz. Wir haben uns stark mit der Justitia
und dem Rechtsstaat befasst und wie wir diesen durchsetzen können.

[00:27:35.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Der funktionierende Mensch, der einigermassen ausgeglichen ist, hat Angst vor der
Strafe und die Strafe hält ihn zurück, eine Übertretung zu machen. Sie Strafe behält den
Menschen bei der Norm.

[00:28:00.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald jemand in einen anderen Zustand kommt und nicht mehr nach der Vernunft
handelt, kann ihn die Aussicht auf eine Strafe nicht mehr vor einer Kriminaltat abhalten.

[00:28:14.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sage ich als Psychiaterin.

[00:28:14.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Juristen, welche im Strafrecht tätig sind, befassen sich immer damit.

[00:28:35.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Juristen sprechen dann auch von präventivem Strafrecht.

[00:28:38.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie wollen wissen, ob ein Straftäter rückfällig wird oder nicht.

[00:28:43.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Juristen versuchen, das zu berechnen.

[00:28:45.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier muss man umschwenken auf die Psychologie und Psychiatrie.

[00:28:49.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Er muss eher behandelt werden, damit er nicht mehr straffällig wird und nicht noch mit
einer stärkeren Strafe bedroht wird.

[00:28:58.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, in dem ein Mensch nicht mehr nach der Vernunft denken kann, sondern
seine Emotionen durchstarten, übernimmt das emotionale Gehirn.

[00:29:16.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Exekutivfunktion ist dann ein bisschen anders.

[00:29:16.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann wird alles überrollt.

[00:29:16.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei diesem Menschen geht es dann nur noch um sein Überleben.

[00:29:16.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Mensch wehrt sich gegen alles, was um ihn herum ist.

[00:29:29.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht dann noch um die männliche Ehre und um die weibliche Ehre.

[00:29:36.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Männern ist der Ehrbegriff etwas stärkeres.

[00:29:36.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sieht mehr Delikte, welche Männer aus dem Ehrgefühl heraus begehen.

[00:29:36.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mütter begehen es eher, wenn sie ihre Kinder verteidigen.

[00:29:46.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Mutter kann man zur Löwin werden, wenn irgendjemand gegen die eigenen Kinder
vorgeht.

[00:29:46.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist auch so bei Löwenmüttern, die Mütter verteidigen auch ihre Kinder.

[00:30:04.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Männer haben eher einen abstrakten Ehrbegriff, wo sie sehr aggressiv werden
können.

[00:30:08.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, in dem die Emotionen übernehmen und der Mensch nicht mehr nach der
Vernunft handeln kann, sich nicht mehr an die Regeln vom Kollektiv halten kann, das ist
der Moment wo die Psychiatrie zum Zug kommt und psychologische Erklärungen,
psychologische Steuerungsmechanismen angewendet werden müssen.

[00:30:33.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann muss darauf zurückgegriffen werden, um das menschliche Verhalten wieder in
den Griff zu kriegen.

[00:30:43.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt komme ich zur Psychiatrie und zur Psychologie.

[00:30:52.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Menschen haben soziale Gene. Diese müssen verfeinert werden.

[00:30:55.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Unser Sozialverhalten muss verfeinert werden.

[00:31:00.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir lernen alle diese Verhaltensweisen in der Entwicklungsphase, in der Kindheit, in der
Adoleszenz.

[00:31:09.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Bis wir erwachsen sind, sollten wir es einigermassen können.

[00:31:13.390] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Entwicklung eines Menschen gibt es viele Möglichkeiten für Verletzungen.

[00:31:21.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ein Individuum in seiner Entwicklung mehrfach und immer wieder gestört wird,
geplagt wird, nicht recht zum Zug kommt, dann entwickelt sich ein Mensch mit
psychischen Störungen.

[00:31:40.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Heutzutage spricht man viel von ADHS/ADS Kindern.

[00:31:47.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mich über 30 Jahre mit diesem Thema befasst.

[00:31:51.940] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADS Kinder haben mehr Mühe, sich anzupassen.

[00:31:57.720] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADS Kinder brauchen oft etwas länger und mehr sorgfältige Führung, damit sie
gut sozialisiert werden können.

[00:32:01.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das nicht gelingt, kann es zu Störungen kommen.

[00:32:14.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Den Eltern von ADHS/ADS Kindern sage ich: Man kann sie totschlagen, sie folgen
trotzdem nicht.

[00:32:16.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit Strafen bringt man ADHS/ADS Kinder nicht zum gehorchen, sondern eher zum
dagegen reagieren und antisozial zu werden.

[00:32:35.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Menschen einerseits durch das, wie sie in der Familie aufgewachsen sind in der
Familie, in ihrem Kollektiv, überhaupt keine Entfaltungsmöglichkeit haben.

[00:32:47.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute Abend gab es eine Sendung über algerische Rückkehrer.

[00:32:49.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hat eine Französin gesagt, dass die gar keine Perspektive haben.

[00:32:54.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ein Mensch keine Perspektive im Leben hat, aus verschiedenen Gründen,
entweder weil er nicht sehr gut aufgewachsen ist innerhalb seiner Familie oder weil er in
einem Land ist, in dem es nicht so viele Möglichkeiten gibt, aber dennoch jetzt weiss,
dass es andere und bessere Möglichkeiten gibt, weil man ja über die ganze Welt
informiert ist.

[00:33:21.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ein solcher Mensch keinen Weg mehr für sich sieht, sich keinem Kollektiv mehr
anschliessen kann oder sich damit identifiziert, respektive sein Kollektiv verlässt, um in
ein neues Kollektiv hineinzukommen, zum Beispiel nach Europa und dann hier Geld

verdienen und sich aufbauen will und dann klappt das nicht, dann ist er ziemlich
verloren.

[00:33:46.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist der Moment, in dem das Individuum sehr anfällig auf Verführung ist.

[00:33:53.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier kann man diesem Menschen wieder etwas anbieten, z.B. eine Heilslehre.

[00:33:56.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ihm diese Heilslehre ein besseres Leben verspricht, sei es hier oder im Jenseits,
im Himmel, dann lässt er sich leicht davon überzeugen.

[00:34:21.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann wird er leicht zum Mitläufer.

[00:34:24.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Kollektive können wieder religiöser und politischer Art sein.

[00:34:32.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man dem Menschen den Himmel auf Erden verspricht, dann zieht ihn das an.

[00:34:39.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Je schlechter es dem Menschen geht, je weniger eigene Perspektive, dass er hat, umso
eher läuft er dann einer solchen Kollektivbewegung hinterher.

[00:34:49.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Solche Dinge passieren auch bei uns ohne Religion.

[00:34:53.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben Schlägertypen, Punkers, Rappers, Neonazis, etc.

[00:35:01.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn junge Menschen solchen Bewegungen hinterher laufen, dann haben sie oft keine
richtige Zugehörigkeit mehr und sehen für sich keinen Weg mehr.

[00:35:14.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie machen dann selber ein Gesetz innerhalb ihres Kollektivs.

[00:35:18.360] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Psychiatrie redet man dann von antisozialer oder dissozialer
Persönlichkeitsstörung.

[00:35:25.070] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Augenblick, wo die Menschen so einsam sind und keinen Weg mehr für sich
sehen, nicht mehr zu einem Kollektiv ja sagen können, sich nicht mehr zugehörig
fühlen.

[00:35:40.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier kommt wieder die soziale Bindung zum Vorschein.

[00:35:50.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier kann man sie wieder über ihr Sozialverhalten abholen.

[00:35:55.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man ihnen die Heilslehre erzählt, kann man eine Gefolgschaft sich schaffen.

[00:35:58.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt kommen wir zu den Fakten.

[00:36:02.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Heutzutage laufen sehr viele Dinge über das Internet.

[00:36:11.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss nicht mehr auf irgendeinem Platz predigen, man muss nicht mehr ins Land
reisen.

[00:36:16.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann alles aufs Internet tun, man kann posten.

[00:36:20.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Heutzutage werden die sozialen Medien verwendet, um alles Mögliche auf das Internet
zu tun.

[00:36:28.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Man spricht schon von Post Facts oder alternativen Wahrheiten.

[00:36:33.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem mehr Leute solche Dinge erzählen, sogenannte "Fake News", was eigentlich
falsche Nachrichten sind, welche mit einer grossen Überzeugung an den Tag gelegt
werden im Internet.

[00:36:49.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Menschen sind psychologisch sehr geschickt.

[00:36:56.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können das religiöse Wesen, das Bindungsverhalten des Menschen angehen,
sodass die verlorenen Seelen, die es überall auf der Welt gibt, sich angesprochen
fühlen.

[00:37:08.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute läuft es über die Einschaltquoten.

[00:37:19.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Je mehr Einschaltquoten passieren, desto mehr hat man das Gefühl, dass es wahr sein
muss, dass es stimmen muss.

[00:37:35.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist wie eine Attraktion.

[00:37:37.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Je grösser diese Gruppe wird, desto mehr gibt es einem das Gefühl, dass es wahr ist.

[00:37:45.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gleiche passiert, wenn eine Gruppe etwas falsch macht. Eigentlich hat man
gelernt, dass sich das nicht gehört.

[00:37:53.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ganz viele mitmachen, bei diesem falschen Verhalten, dann kann es nicht so
schlimm sein.

[00:38:00.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Abnorm wird auf einmal zur Norm.

[00:38:05.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sind die Phänomene, die heutzutage laufen.

[00:38:09.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Der einsame Mensch, welcher kein grosses Selbstwertgefühl hat, kein grosses
Selbstbewusstsein hat, der ist gefährdeter, dieser gemachten, neuen Norm hinter zu
rennen.

[00:38:26.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist auch passiert in den USA.

[00:38:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Donald Trump konnte das wunderbar anzapfen, die Unzufriedenheit der Arbeiter im
mittleren Teil, dem Rust Belt.

[00:38:43.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Donald Trump konnte eine emotionale Bewegung auslösen.

[00:38:43.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wo ganz viele Menschen einer Bewegung hinter rennen, hat man das
Gefühl, wenn man nicht mitmacht, gehört man nicht mehr dazu. Dann bin ich
abgehängt.

[00:38:59.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gleiche Phänomen sieht man bei der Mode.

[00:39:02.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn eine neue Mode aufkommt, machen alle mit.

[00:39:06.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Mode war, ich mache es noch falsch, dass man den Schal so bindet.

[00:39:12.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat niemanden mehr gesehen, der den Schal so gebunden hat.

[00:39:17.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Es war wie ein Zwang. Man muss den Schal so anziehen, dass man modern ist, dass
man dazugehört.

[00:39:27.900] – Dr.med. Ursula Davatz

Die Modedesigner arbeiten mit dem Kollektivzwang, dass man dem was das Kollektiv
hat, dass man dem hinterherrennen muss, sowie einer Schafherde.

[00:39:37.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit der Zeit wird es langweilig, dann muss etwas neues kommen, es wird ein neuer
Trend gesetzt. Dem neuen Trend läuft man dann wieder nach.

[00:39:49.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben das an uns, dass wir nicht ausgeschlossen sein wollen und dass wir mit zur
Partie gehören wollen.

[00:39:58.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann auch missbraucht werden.

[00:39:58.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Zum Beispiel Sportkleidung.

[00:40:04.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher ging man mit irgendeinem Sportkleid joggen.

[00:40:08.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute ist man absolut gestylt. Ob man Fahrrad fährt, Langlauf macht oder was auch
immer.

[00:40:15.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man das nicht hat, kommt man sich so komisch vor, out of date.

[00:40:17.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Gruppenzwang.

[00:40:25.870] – Dr.med. Ursula Davatz

Wir woll dazu gehören.

[00:40:27.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das schlimmste Beispiel von diesem Gruppenzwang ist der letzte Weltkrieg in
Deutschland, wo die am besten ausgebildeten Leute, die viel gewusst haben, die sehr
gut kultiviert waren, alle mitgemacht haben für den Gruppenzwang, wo sich keiner
getraut hat, hier irgendwie auszuscheren.

[00:40:47.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Über das Kollektiv, über den Willen zum Kollektiv dazugehören zu wollen, über das
kann man Massenbewegungen auslösen.

[00:40:56.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann gute Massenbewegungen auslösen, also der Mohandas Karamchand
Gandhi, der hat die Friedensbewegung ausgelöst.

[00:41:04.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Mohandas Karamchand Gandhi war am Anfang auch ein Raubauz.

[00:41:07.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wusste ich früher noch nicht. Seine Bilder waren immer sehr brav.

[00:41:10.790] – Dr.med. Ursula Davatz
In Südafrika, bei den Burenkriegen hat er mitgemacht, bis er dann gekehrt hat und nur
noch Frieden verbreitet hat und schlussendlich auch umkam.

[00:41:28.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich ihnen diese Massenbewegung darstelle und wie sie gefährlich sein kann, in
der Mode ist sie nicht gefährlich, da ist sie an sich lustig, da stört sie auch nicht gross.
Sie bewirkt natürlich, dass man immer wieder neue Kleider kaufen muss. Das ist gut für
die Kleiderindustrie.

[00:41:56.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Seit Kleider alle in China gemacht werden, ist eine grosse Marge drauf.

[00:42:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Neue Mode trägt zu mehr Umsatz bei. Mode ist nicht destruktiv.

[00:42:07.540] – Dr.med. Ursula Davatz
In dieser destruktiven Massenbewegung, die überall passieren kann, wo das
schreckliche Beispiel des letzten Weltkriegs in Deutschland stattgefunden hat, will ich
das Wort "soziale Verantwortung" reinsetzen, auf eine neue Art.

[00:42:37.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir uns nur dem Kollektiv anpassen und das Kollektiv uns vorschreibt und wir
dem untergeordnet sind und nicht mehr selber denken, dann wird es auch wieder
gefährlich.

[00:42:48.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich komme ich wieder zurück zu unseren Genen.

[00:42:52.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Jedes menschliche Individuum trägt in sich diese sozialen Genen und hat an sich ein
Gefühl für die soziale Verantwortung.

[00:43:01.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann verloren gehen, wenn es der Masse hinterher rennt.

[00:43:02.510] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne möchte ich sie dazu auffordern, die soziale Verantwortung aus dem
eigenen Gewissen heraus wieder wahrzunehmen, unabhängig von irgendeiner Mode
oder einem Kollektiv.

[00:43:21.460] – Dr.med. Ursula Davatz

Zu einem Zeitpunkt, wo so viele Kollektivbewegungen nach allen Richtungen laufen und
die so leicht über das Internet anstossbar sind.

[00:43:30.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Vor Jahren war ich in einer Arbeitsgruppe der aargauischen Lehrplanrevision, zum
Thema "Gesundheitserziehung".

[00:43:43.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Am Anfang haben wir gesagt, das Kind muss und sollte und muss alles Mögliche
lernen, bis wir gesagt haben, das sei überhaupt der falsche Ansatz.

[00:43:53.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Eigentlich müssen wir dem Kind nur erlauben, dass es kritisch konsumieren und sein
Individuum bis zu einem gewissen Grad behalten darf.

[00:44:03.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind darf nicht gleich gemacht werden mit allen.

[00:44:07.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Die individuelle, menschliche soziale Verantwortung ist heutzutage ganz wichtig.

[00:44:17.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich rufe sie auf in dieser Zeit, dass sie diese Verantwortung spüren und auch sich für sie
einsetzen.

[00:44:27.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Über all diese Kollektivbewegungen gehen auch unsere Kulturgüter, wie
Meinungsfreiheit, Demokratie etc. verloren.

[00:44:39.240] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Medizin erlebe ich das auch.

[00:44:47.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Menschen sind irgendwie Zahlenanbeter geworden.

[00:44:50.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Unter den Wissenschaften ist Mathematik die höchste Wissenschaft.

[00:44:56.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mathemaktik wird am meisten bewundert, weil das eine reine Wissenschaft ist.

[00:44:58.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute kann man mit dem Computer Algorithmen berechnen.

[00:45:06.370] – Dr.med. Ursula Davatz
2008 haben gescheite Mathematikerinnen und Mathematiker mit den Börsen
Algorithmen ausgerechnet und wollten ausrechnen, wie der Mensch sich im
Anlagewesen verhält.

[00:45:26.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin nicht gut in der Mathematik, ich kann es nicht genau nachvollziehen

[00:45:29.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe den Film "A Big Short" gesehen.

[00:45:36.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort haben sie es dargestellt.

[00:45:38.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit diesen gescheiten Algorithmen und Formeln, die man ausgerechnet hat.

[00:45:45.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt gehe ich auf ein Bild, das kann ich besser verstehen.

[00:45:52.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Man nimmt einen Fisch der stinkt, einen schlechten Kredit, den schneidet man auf, legt
ihn in einen Suppentopf, Gewürz und Gemüse dazu und verkauft ihn danach zehn Mal
so teuer an verschiedene Anleger. Auf Englisch nennt man das "Securitization".

[00:46:02.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Das haben sie gemacht.

[00:46:15.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben schlechte Risiken in einen Topf getan und dann verkauft an viele Anleger. Am
Schluss hat dann der Topf doch gestunken und alles ist zusammengekracht.

[00:46:22.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Er war ein Mediziner und der hat immer gesagt, es geht runter.

[00:46:30.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich weiss es nicht sicher, aber mein Gefühl ist, es geht runter.

[00:46:36.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ging runter und er hat dann Geld verdient mit der Gegenwette.

[00:46:38.630] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Medizin spricht man auch immer mehr von "best practice", von "evidence based
medicine".

[00:46:50.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Das soll heissen, es wirkt etwas nur, wenn es statistisch bewiesen ist, dass es hilft.

[00:46:57.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage immer, der Mensch ist ein Individuum und kein Mensch ist gleich.

[00:47:01.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Von daher kann man gar nicht allgemeine Dinge anwenden.

[00:47:05.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Bis zu einem gewissen Grad sind die schon recht.

[00:47:08.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich wehre mich als Ärztin immer wieder gegen diese Normierung.

[00:47:12.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Ärzte und Psychiater werden zum Teil von den Versicherungen verurteilt, wenn wir
keine Antidepressiva verschreiben, das ist ja Best Practice.

[00:47:23.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Meine Best Practice ist etwas anders.

[00:47:25.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal muss man sich sehr stark gegen diese Normierung zur Wehr setzen.

[00:47:33.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Zurzeit herrscht auf allen Gebieten ein riesiger Normierungszwang.

[00:47:38.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Es werden Statistiken angelegt.

[00:47:42.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sagt auch bei Donald Trump, als er Wahlkampf machte, dass hinter ihm Rechner
waren, die immer das Verhalten seiner Wähler analysierten.

[00:47:57.390] – Dr.med. Ursula Davatz

Die Analysten haben Donald Trump immer gesagt, was er das nächste Mal sagen
muss.

[00:48:01.380] – Dr.med. Ursula Davatz
So läuft das, um eine möglichst grosse Einschaltquote zu kriegen und eine möglichst
grosse Gefolgschaft zu haben.

[00:48:05.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir werden in unserem Konsumverhalten über die Cumulus Karte analysiert etc.

[00:48:14.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich möchte ihnen keinen stinkenden Fisch schmackhaft machen.

[00:48:25.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen sich getrauen ihr individuelles, soziales Gewissen wieder zu spüren und
nicht nur der Mode hinterher zu laufen.

[00:48:33.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Bilden sie sich ein eigenes Urteil, dass man sich ein eigenes Urteil bilden darf und nicht
einfach der Masse hinterher rennen muss.

[00:48:58.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Weil es die Masse macht, heisst das noch lange nicht, dass es recht ist.

[00:49:02.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Gerne verwenden wir das Bild der Lemminge.

[00:49:02.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Lemminge rennen einander hinterher, rennen ins Wasser und ertrinken.

[00:49:02.970] – Dr.med. Ursula Davatz

Dieses Phänomen hatten wir im letzten Weltkrieg.

[00:49:14.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, es war kein gutes Phänomen.

[00:49:18.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Rennen sie nicht einfach der Massenmeinung hinterher, sondern erlauben sie sich eine
eigene Meinungen zu bilden und auch nach dieser Meinung zu handeln und zu leben.

[00:49:30.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Zum Schluss ein Zitat Antoine de Saint-Exupéry.

[00:49:36.800] – Dr.med. Ursula Davatz
«On ne voit bien qu'avec le coeur, l'essentiel est invisible pour les yeux.»

[00:49:49.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst, man sieht nur mit dem Herzen gut, das Herz hat keine Augen.

[00:49:54.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Wichtige ist für die Augen unsichtbar.

[00:49:59.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Augen können sich von den Wichtigen Dingen verleiten lassen, ablenken lassen
vom Wichtigen.

[00:50:06.780] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Ausstellung vom Stapferhaus in Lenzburg geht es um das Entscheiden.

[00:50:13.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein persönlicher Entscheid läuft immer über das Herz.

[00:50:18.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage den Menschen, sie müssen ihr Herz konsultieren, damit sie wissen, was für sie
gut ist und was nicht.

[00:50:25.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Klar darf man abwägen.

[00:50:27.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Intellekt kann immer hin und her gehen.

[00:50:30.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Intellekt ist nicht so persönlich.

[00:50:32.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Intellekt kann gut rationalisieren und 100'000 Erklärungen bringen.

[00:50:37.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Um einen persönlichen Entscheid zu treffen, muss man über das Herz gehen.

[00:50:41.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Über seine Intuition, über sein Gefühl.

[00:50:43.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Intuition und das Gefühl setzen sich zusammen aus ganz vielen Erfahrungen und
aus ihrer Persönlichkeit.

[00:50:52.100] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne fordere ich Sie zu eigenem Handeln auf über das Zurückgehen zum
eigenen sozialen Gewissen, von dem wir alle Genen haben.

[00:51:06.140] – Dr.med. Ursula Davatz

Nur über solche soziale Verantwortung kann man das liberale und das demokratische
Denken beibehalten, unsere Kultur hüten.

[00:51:17.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich gehe wieder zurück zur Biologie.

[00:51:21.990] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Biologie überleben Tiere, Insekten, lebende Wesen, sehr viel besser, wenn sie
heterogen sind, das heisst, wenn sie nicht den gleichen Gensatz haben wie homogene
Populationen.

[00:51:43.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn irgendein Virus oder eine Seuche kommt, alle haben den gleichen Gensatz, dann
sind alle entweder resistent oder nicht.

[00:51:53.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie nicht resistent sind dagegen, dann sterben sie alle aus.

[00:51:53.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Es lohnt sich, eine heterogene Population zu haben.

[00:51:56.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Demokratie überlebt nur, wenn sie nicht homogen ist, sondern wenn es
Widersprüche gibt, wenn es andere Meinungen gibt.

[00:52:11.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst nicht, dass man sich bis auf das Blut bekämpfen muss.

[00:52:16.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, wir haben eine bessere Überlebenschance, wenn wir tolerant sind
gegenüber verschiedenen Meinungen und so auch immer wieder voneinander lernen
können.

[00:52:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das war mein Schlussgedanke, jetzt möchte ich Sie auffordern, mir Fragen zu stellen,
mich herauszufordern, Ergänzungen zu machen, wie Sie das gerne machen.

[00:52:43.520] – Bemerkung 1
Warum haben die einsamen, hasserfüllten Menschen nur noch das Internet als Partner?

[00:52:43.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Menschen, die so voller Hass sind, so einsam sind und nur noch das Internet als
Partner haben.

[00:53:00.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben solche in der Psychiatrie.

[00:53:04.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Autisten können auch so sein. Die haben nicht immer einen grossen Hass, aber
manchmal auch.

[00:53:10.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Zu denen muss man wieder eine Beziehung herstellen.

[00:53:12.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist die grosse Kunst.

[00:53:13.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Das braucht oft viel Zeit.

[00:53:16.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich gehe wieder zurück zu Antoine de Saint-Exupéry.

[00:53:19.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Il faut apprivoiser.

[00:53:20.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss sie wieder zähmen.

[00:53:23.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Denen kann man nicht gleich sagen, du musst das machen und das machen und so
gehört es sich.

[00:53:26.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss ganz sanft an sie herantreten.

[00:53:29.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe das Buch von Ahmad Mansour gelesen.

[00:53:31.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Ahmad Mansour ist ein israelischer Araber, der eine Zeit lang auch einer extremen
Bewegung nachgegangen ist und sich herauslösen konnte.

[00:53:41.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat Psychologie studiert und ist jetzt in Deutschland.

[00:53:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ahmad Mansour beschreibt das auch wie er sich langsam an die Jugendlichen
heranzutasten versucht.

[00:53:52.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss sie als erstes wertschätzen.

[00:53:53.950] – Dr.med. Ursula Davatz

Wir müssen ein Individuum finden, das sie wertschätzt, das Kontakt mit ihnen herstellt.

[00:54:01.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann man sie langsam wieder in einen Sozialverband reinholen.

[00:54:09.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist zum Teil unsere Aufgabe als Psychiater.

[00:54:15.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss zu ihnen eine lebhafte Bindung herstellen, nicht über das Internet, sondern
von Mensch zu Mensch.

[00:54:32.260] – Bemerkung 2
Die Begegnungsstätten gibt es nicht mehr, so es sie früher gegeben hat.

[00:54:32.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Ahmad Mansour geht auch an die Versammlungen. Die anderen gehen auch an die
Versammlungen, wo die Jugendlichen sind.

[00:54:44.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann wird um die Jugendlichen geworben.

[00:54:44.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Die anderen werben oft mit Geld und Versprechen für ein tolles Leben.

[00:54:55.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man es sorgfältig macht, muss man werben mit einer persönlichen Beziehung.

[00:55:00.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht mit Wertgegenständen und solchen Dingen, sondern mit Beziehung.

[00:55:02.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe einen Vortrag über Depression und Suizid gehalten.

[00:55:08.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir können Menschen vom Suizid abhalten, indem wir eine Beziehung anbieten, an ihn
Glauben und mit ihm austauschen.

[00:55:17.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist eine sorgfältige Arbeit und manchmal braucht es lange.

[00:55:23.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Le Petit Prince stellt dem Füchslein immer wieder Milch hin: Apprivoiser.

[00:55:25.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Oft haben wir heute die Geduld nicht mehr.

[00:55:32.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich z.B. mit einer depressiven Patientin arbeite und dann sagt mir die
Taggeldversicherung: sie müssen dieser Frau Antidepressiva geben, das ist Best-
Practice.

[00:55:47.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann erwidere ich: nein, ich pflege Beziehung und ich helfe dieser Person, über
Beziehungspflege wieder ins Leben zu kommen.

[00:55:59.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Über die Beziehung, die ich mit dem Patienten pflege, kann er mit der Zeit das dann
auch wieder ausweiten auf sein Netzwerk.

[00:56:07.820] – Dr.med. Ursula Davatz

Letztens ist etwas gekommen, von Psychologen in der Medical Tribune, wo sie gesagt
haben: Menschen, die mit Antidepressiva behandelt werden, und dann setzt man sie
wieder ab, die haben viel mehr Rückfälle als Menschen, die mit Psychotherapie
behandelt wurden.

[00:56:22.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist für mich klar.

[00:56:25.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Das andere ist eine Symptombekämpfung.

[00:56:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man über die Beziehung arbeitet, am Menschen, an seiner Entwicklung, an
seiner Konfliktbewältigung, dann hat er etwas, das ihm bleibt.

[00:56:39.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Es läuft über die Beziehungspflege.

[00:56:40.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf eine Art ist es fast so, wie ein Wildtier mit dem Schoppen zu füttern.

[00:56:46.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Am Anfang ist es eine ganz sorgfältige Zweier-Beziehungspflege.

[00:56:58.700] – Bemerkung 3
Aber man kennt ihn doch gar nicht?

[00:57:01.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben natürlich nicht alle mit ihnen zu tun.

[00:57:11.060] – Dr.med. Ursula Davatz

Wir haben ein schönes Biotop.

[00:57:11.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, das wäre die Vorgehensweise.

[00:57:22.760] – Bemerkung 4
Was sagen sie noch weiteres zum Bindungsverhalten?

[00:57:34.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sind punkto Bindungsverhalten etwas degeneriert oder am Abgleiten.

[00:57:42.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich so im Zug und auf den Strassen schaue, alle sind an ihrem Handy und sind
voll nur auf dieses kleine Instrument fokussiert sind.

[00:57:51.880] – Dr.med. Ursula Davatz
In Hongkong habe ich die ersten Handys erlebt. Das fand ich wahnsinnig und dachte,
das kommt nie so zu uns. Ich bin ganz altmodisch.

[00:57:54.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist bedenklich.

[00:58:06.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Schlimm finde ich es, wenn Mütter mit kleinen Kindern ständig am Handy sind.

[00:58:11.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Die kleinen Kinder wollen dann auch immer das Handy.

[00:58:15.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Die kleinen Kinder können das schon bedienen und alles.

[00:58:17.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hat einen riesigen Anziehungspunkt.

[00:58:20.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Bindungsverhalten geht dann Richtung Handy und Elektronik, weil dort die grösste
Aufmerksamkeit ist.

[00:58:26.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kleine Kind sieht, wo die Mutter ihre Aufmerksamkeit ist, dort geht es hin.

[00:58:29.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, wir sollten uns schon ein bisschen an der Nase nehmen und immer wieder
versuchen, Beziehungen zu pflegen, sorgfältig pflegen, nicht nur über elektronische
Medien austauschen.

[00:58:44.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Man ist meistens gleichzeitig mit verschiedenen verbunden. Oder man ist hier und
spricht noch dort.

[00:58:54.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Unser Bindungsverhalten ist zum Teil ein wenig schwierig.

[00:59:03.060] – Bemerkung 5
Ich habe auch ein Handy in der Hand und habe mir Notizen gemacht. Das alleine ist
nicht ausschlaggebend. Wie lebt man zusammen? Wie arbeitet man zusammen, was
hat noch Platz und was nicht?

[00:59:29.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Jemand hat die Idee, dass die Erde einfach flach ist. Wenn man das nicht so glaubt,
dann wird der verrückt?

[00:59:58.480] – Dr.med. Ursula Davatz

Es gab eine Untersuchung in den USA über Eudaimonic Happiness und Hedonic
Happiness, zwei Arten von glücklich sein.

[00:59:58.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Eudaimonische Glücklichkeit ist eine gute Glücklichkeit. Die hedonistische Glücklichkeit
ist die Einschaltquote. Man wird bewundert. Die eudaimonische Glücklichkeit ist, man
macht etwas, das man gerne macht. Man macht etwas mit Herz.

[01:00:34.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin wieder beim Herz.

[01:00:35.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Körper kann zwischen diesen beiden unterscheiden.

[01:00:40.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Die eudaimonische, die gute Glücklichkeit, die beeinflusst das Immunsystem gut, d.h.
das Immunsystem wird stark und kann sich abwehren.

[01:00:47.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Die hedonistische Glücklichkeit hat keine Auswirkungen auf das Immunsystem.

[01:01:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Körper kann nicht lügen. Mit dem Intellekt kann man lügen.

[01:01:00.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sagen Abhängigkeit.

[01:01:02.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Bindung bringt immer eine gewisse Abhängigkeit mit sich.

[01:01:09.920] – Dr.med. Ursula Davatz

Aber ich denke, im individualisierten Leben der westlichen Gesellschaft meinen wir, wir
hätten keine Bindung mehr und wir können es ohne machen.

[01:01:20.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir merken die Bindung nicht mehr, weil wir die Milch nicht mehr beim Bauern holen.

[01:01:22.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, es ist wichtig, dass wir unserer Abhängigkeit, unserem sozialen Wesen
immer wieder bewusst werden und das auch pflegen und zugeben.

[01:01:37.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Kind kann seine Bedürfnisse nicht formulieren. Das schreit, trotzt, macht
Widerstand.

[01:01:47.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Kind kann nicht sagen, ich brauche jetzt das.

[01:01:50.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Erwachsene, ist es ganz wichtig, dass wir lernen, unsere Bedürfnisse erstens
wahrzunehmen und dann auch zu formulieren.

[01:01:59.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist ein ein Zeichen der Erwachsenheit, wenn man seine Bedürfnisse formuliert.

[01:02:04.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann seine Bedürfnisse dem Partner gegenüber formulieren, was nicht heisst,
dass er sie erfüllen muss.

[01:02:10.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem man seine Bedürfnisse formuliert, hat man schon die Hälfte genährt.

[01:02:15.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Man steht steht dazu.

[01:02:16.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist ganz wichtig, dass wir nicht so einsame Könige sind und meinen, wir können es
ohne alle machen, sondern dass wir uns bewusst sind, dass wir abhängig sind.

[01:02:29.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist nicht schlecht.

[01:02:31.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir dürfen voneinander abhängig sein.

[01:02:33.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sind aufeinander angewiesen.

[01:02:35.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Grössere Leistungen müssen im Teamwork gemacht werden.

[01:02:39.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre die soziale Gruppe.

[01:02:43.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass wir das Teamwork sehen und das auch schätzen.

[01:02:47.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sind nicht nur alles Sklaven vom obersten Sklaventreiber, der seinen Umsatz
steigern will, damit die Aktien hochgehen.

[01:03:01.140] – Bemerkung 6
Wieso ist die Beziehungspflege so wichtig?

[01:03:01.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist ganz wichtig ist, dass wir die Beziehung pflegen.

[01:03:10.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Beziehungspflege braucht Zeit.

[01:03:13.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Mensch hat heutzutage keine Zeit mehr, um die Beziehung zu pflegen.

[01:03:18.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Mensch wird krank ohne Beziehungspflege.

[01:03:22.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Das weiss man auch von den Tieren.

[01:03:24.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Affen pflegen sich, indem sie sich lausen.

[01:03:27.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Ungefähr 40-60% braucht es dafür, mindestens 40%.

[01:03:31.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man das nicht hat als soziales Wesen, geht man ein.

[01:03:37.640] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne sollten wir unsere Beziehung pflegen.

[01:03:42.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man seine Beziehung nicht pflegt, wird man krank, man geht ins Spital.

[01:03:45.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Spital erwartet man von den Krankenschwestern, dass die die Beziehung zu einem
pflegt.

[01:03:51.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Krankenschwester gut ist, macht sie das.

[01:03:52.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Krankenschwester ständig abrechnen muss, dann kann sie auch keine
Beziehungspflege mehr machen.

[01:03:53.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Patienten klagen, klagen sie über das.

[01:04:03.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man evaluiert, wie der Spitalaufenthalt war, kommt als allererstes, ich hatte eine
nette Krankenschwester.

[01:04:11.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Der gute Arzt kommt erst an vierter Stelle.

[01:04:13.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gute Essen kommt vor dem Arzt.

[01:04:13.880] – Dr.med. Ursula Davatz
An erster Stelle kommt die Beziehungspflege.

[01:04:19.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage, wir haben keine Zeit mehr um die Beziehung zu pflegen.

[01:04:23.400] – Dr.med. Ursula Davatz

Wir werden krank, wir gehen ins Spital und lassen uns für teures Geld von der
Krankenschwester pflegen, die Beziehung pflegen.

[01:04:30.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eigentlich ein bisschen ein Unsinn.

[01:04:32.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Wieso nicht davor, bevor wir krank sind, die Beziehung pflegen?

[01:04:33.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Beziehung pflegen heisst auch mit Konflikten umgehen.

[01:04:34.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Dazu muss man sich auch Zeit nehmen, um den Konflikt zu lösen.

[01:04:39.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Zeit investieren, es wird sich lohnen.

[01:05:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
In einem gewissen Alter interessiert einem das noch nicht so. Da muss man ein
bisschen älter und ein bisschen reifer werden.

[01:05:13.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Vom Jean Piaget gibt es das Konzept der Dezentrierung.

[01:05:16.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann dezentrieren von sich und ich sage dann auch dezentrieren von der eigenen
Kultur. Eine andere Kultur verstehen, ein anderes System verstehen.

[01:05:27.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Zuerst muss man das Eigene ein bisschen besser kennenlernen.

[01:05:33.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Erst wenn man das eigene ein bisschen besser reflektiert hat, kann man dann auch auf
das andere schauen.

[01:05:33.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man auf das andere schaut, bevor man sich selber ein bisschen gefestigt hat,
dann fällt man auseinander.

[01:05:45.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Jean Piaget hat gesagt, nur 60% können dezentrieren.

[01:05:51.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Ethnisch dezentrieren heisst, es gibt eine andere Kultur gibt. Es denken nicht alle wie
die Schweizer, es gibt eine andere Hautfarbe, etc. sich in das hinein denken.

[01:05:59.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann man erst, wenn man etwas gefestigter ist.

[01:06:07.700] – Dr.med. Ursula Davatz
In einem gewissen Alter interessiert einem das gar nicht und man versteht es auch gar
nicht so recht.

[01:06:18.480] – Bemerkung 7
Ich habe die Zusammenhänge begriffen. Eines der Kernwörter ist die
Beziehungspflege.

[01:06:29.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Absolut.

[01:06:29.740] – Bemerkung 8

Genau das versuchen wir hier mit: Kirche bietet Raum zu machen.

[01:06:39.860] – Bemerkung 8
Wir meinen damit nicht nur diesen Raum, sprichwörtlich, sondern Raum für alle, um hier
ein Kollektiv bilden zu können, Beziehungen zu pflegen.

[01:07:29.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielen Dank!