Die Rolle der aufsuchenden Familienarbeit

Dr.med. Ursula Davatz beschreibt die Aufgabe von Personen in der aufsuchenden Familienarbeit als vermittelnde und unterstützende Rolle im komplexen Gefüge familiärer Beziehungen. Sie vergleicht diese Fachkräfte mit „sozialen Genscheren“ oder „CRISPRs“, die positive Veränderungen im Familiensystem anstoßen können.

Zentrale Aufgaben der aufsuchenden Familienarbeit:

  • Kommunikation fördern: Fachkräfte sollen die Kommunikation zwischen den Familienmitgliedern verbessern, indem sie verschiedene Perspektiven und Bedürfnisse aufzeigen und Raum für einen offenen Dialog schaffen.
  • Verständnis für die soziale Vererbung entwickeln: Um Familien effektiv unterstützen zu können, ist es entscheidend, die unterschiedlichen Wertvorstellungen, Erziehungsmuster und kulturellen Hintergründe der Familienmitglieder zu verstehen und zu berücksichtigen.
  • Konflikte erkennen und bearbeiten: Fachkräfte sollen versteckte Konflikte und Spannungen innerhalb der Familie aufdecken und die Familienmitglieder bei der konstruktiven Lösungssuche unterstützen. Dabei ist es wichtig, alle Beteiligten in ihrer Rolle und ihren Emotionen zu validieren und zu verhindern, dass einzelne Familienmitglieder für die Probleme verantwortlich gemacht werden.
  • Ressourcen aktivieren: Die aufsuchende Familienarbeit soll die Stärken und Ressourcen der Familie identifizieren und aktivieren, um Eigeninitiative und Selbstwirksamkeit zu fördern. Dazu gehört auch die Einbeziehung weiterer Bezugspersonen im „Care System“, die das Kind positiv beeinflussen können.
  • Verhandeln und vermitteln: Fachkräfte fungieren als neutrale Vermittler zwischen den Familienmitgliedern und helfen ihnen, gemeinsame Lösungen zu finden und klare Regeln und Strukturen im Umgang miteinander zu entwickeln.

Besondere Herausforderungen der aufsuchenden Familienarbeit:

  • Widerstand der Familienmitglieder: Nicht alle Familienmitglieder sind offen für die Unterstützung durch die aufsuchende Familienarbeit. Ängste, Schuldgefühle und Misstrauen können dazu führen, dass sich Familienmitglieder verschließen und die Hilfe ablehnen. In solchen Fällen ist es wichtig, geduldig und einfühlsam zu sein und die Familienmitglieder behutsam an die Thematik heranzuführen.
  • Komplexität der Familiensysteme: Jedes Familiensystem ist einzigartig und komplex. Fachkräfte müssen sensibel für die individuellen Dynamiken und Herausforderungen der Familie sein und ihre Herangehensweise flexibel an die jeweilige Situation anpassen.
  • Gesellschaftliche Erwartungen und Normen: Das traditionelle Familienbild ist in der Gesellschaft noch immer stark verankert. Fachkräfte müssen sich dieser gesellschaftlichen Normen bewusst sein und die Familienmitglieder dabei unterstützen, ihren eigenen Weg zu finden, der ihren individuellen Bedürfnissen und Wertvorstellungen entspricht.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die aufsuchende Familienarbeit eine anspruchsvolle Aufgabe ist, die viel Fingerspitzengefühl, Empathie und Fachwissen erfordert. Die Fachkräfte fungieren als Vermittler, Unterstützer und Begleiter, die Familien helfen, ihre Konflikte zu lösen, ihre Ressourcen zu aktivieren und ein stabiles und gesundes System zu entwickeln.

https://ganglion.ch/pdf/Grosseltern_11.9.2024.m4a.pdf