Wie unsere Herkunftsfamilie uns prägt

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Dr.med. Ursula Davatz
15.10.2021
Wie unsere Herkunftsfamilie uns prägt
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[00:00:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich möchte Sie alle ganz herzlich begrüßen zu diesem Vortrag. Das Thema heißt: "Wie unsere
Herkunftsfamilie uns prägt". Ich sage, einerseits werden wir durch unsere Gene geprägt. Die Gene sind
immer eine Mischung von verschiedenen Eigenschaften etc. Das ist nie linear und speziell die
psychiatrischen Krankheiten werden nie, nie über ein Gen vererbt. In der Somatik, da gibt es
Krankheiten, die über ein einziges Gen oder einen ganz klaren Genlokus, aber wenn wir so konstruiert
werden, würden wir wahrscheinlich nicht überleben. Also einerseits sind es die Gene, die Gene sind
heutzutage hoch im Kurs, seit man das Genom entschlüsseln kann, wird viel Forschung betrieben im
Bereich der Gene. Es wird hauptsächlich im Bereich der Gene und Krebsforschung, also die
Krebsforschung ist hoch im Kurs, und da sucht man dann nach sogenannter personalisierter Medizin. Ich
sage, eigentlich gehört die personalisierte Medizin zu uns Psychiatern, denn wir müssen viel mehr auf die
Person eingehen. Gene sind an sich nichts Persönliches. Aber die haben nun mal diesen Begriff
gekappert und ich habe mal mit Professor Daniel Hell geredet, der hat sich auch darüber geärgert, dass
die dieses Wort "personalisierte Medizin" verwenden. Ich verwende es jetzt auch in der Psychiatrie, aber
ich sage "personalisiert" auf die Person und die Geschichte.

[00:01:48.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Einerseits sind wir durch unsere Gene geprägt, andererseits, und ich nenne das so, durch die soziale
Vererbung. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Unser Hirn ist unser soziales Organ und wir lernen über
unser Gehirn sehr viele Dinge, also wir werden geprägt durch unser Umfeld. Dann sage ich weiter dazu,
wir sind sekundäre Nesthocker. Ich komme immer von der Evolutionstheorie. Primitive Tiere sind primäre
Nesthocker. Die Huftiere zum Beispiel, also Pferde, Kühe und so weiter, die sind keine Nesthocker mehr,
das sind Nestflüchter, die können schon in einer Stunde stehen und trinken gehen, also Milch trinken
gehen. Wir sind wieder zu den Nesthockern zurückgegangen. Wir sind zu den Nesthockern
zurückgegangen, unser Gehirn entwickelt sich sehr stark und wenn wir auf die Welt kommen, sind wir
immer noch abhängig. Unsere Abhängigkeitsphase, die ist sehr lange. Also juristisch wird man mit 18
Jahren volljährig, also erwachsen. Aber heute ist die Erwachsenenphase oder die Pubertätsphase, die
Entwicklungsphase viel länger. Es fängt an mit 13 und geht dann so bis 25. Oder es kann noch länger
gehen, wenn man lange eine Ausbildung macht. Das Gehirn kann sich entwickeln noch bis 25. Also
ändert sich noch in den Synapsen und wie es die Autobahnen im Gehirn macht, das spielt alles noch eine
Rolle.

[00:03:37.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gehirn kann sich auch weiter ändern bis wir sterben. Also das Gehirn hat die plastische Fähigkeit,
dass es immer lernbereit ist. Das kann man auch noch im hohen Alter, nicht mehr gleich, wie wenn man
ein Kind ist, aber es ist immer noch eine gewisse Lernfähigkeit da. In diesem Sinne spielt aus meiner

Sicht die Interaktion mit dem Umfeld eine grössere Rolle als nur die Gene. Die Gene kann ich sowieso
nicht verändern, aber die Interaktion mit dem Umfeld, das ist eine Eingriffsmöglichkeit.

[00:04:12.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich sage, wir werden auch geprägt über unsere soziale Vererbung. Das spielt das Vorbild, das Role
Modelling, spielt eine Rolle. Wir schauen Dinge ab von unseren Eltern. Das ist eine implizite Weitergabe
von Wertvorstellungen etc. Das ist relativ indirekt, man schaut es ab und macht es einfach nach. Merkt
gar nicht, was man eigentlich macht. Dann gibt es noch die explizite Beeinflussung durch die Erziehung.
Da werden die Wertvorstellungen ausgesprochen über Befehle, über Regeln etc.

[00:04:58.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt diese soziale Vererbung, die geht nicht nur von einer Generation zur anderen, sondern über viele
Generationen hinweg. Die kann über vier Generationen oder weiter gehen. Ich nehme immer
Familiendiagramme auf und dann kann ich sehen, wie Themen über vier Generationen auf irgendeine Art
weitergegeben werden und wie das System versucht, die Probleme zu lösen.

[00:05:31.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Also wenn Konfliktsituationen im System auftreten, ganz unterschiedlicher Art, hat das einen Einfluss auf
die nächste Generation, die nächste und die nächste. Das ist hochinteressant, das zu entschlüsseln. Man
hat es nicht immer so schnell, aber es lohnt sich. In dem Sinne, wenn man dann solche
Konfliktsituationen entschlüsseln kann, dann gibt es eine große Möglichkeit, da zu verändern. Man redet
von Wiederholungszwang, also quasi die nächste Generation muss unbedingt wiederholen, was die
vorhergehende sogenannt falsch gemacht hat. Ich sage, es ist nicht einfach nur ein
Wiederholungszwang, sondern es ist immer wieder eine Chance, etwas zu ändern. Es kann in Richtung
schlechter gehen, es kann auch in Richtung besser gehen. Als Therapeutin, als Familientherapeutin
versuche ich natürlich diese Konflikte oder wie ich es immer nennen will, diese Probleme zu verändern.

[00:06:37.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt noch etwas weiteres, ein Begriff, die Erwartungshaltung. Also wenn wir als Kinder unsere
Bedürfnisse nicht richtig gestillt bekommen haben, wenn die Eltern nicht auf unseren Charakter, dass der
auch genetisch bestimmt ist, eingehen konnten, so wie wir es gebraucht hätten, dann gehen wir durch die
Welt mit einer gewissen Erwartungshaltung. Die Erwartungshaltung ist, ich habe noch Recht auf das zu
bekommen, was mir eigentlich zusteht.

[00:07:12.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sage ich immer, jedes Kind hat das Anrecht, perfekte Eltern zu haben, also die alles genau wissen,
die genau das machen, was das Kind braucht. Aber natürlich stimmt das nicht, also das trifft nicht immer
ein. So werden wir dann ins Leben ins Erwachsenenleben entlassen mit bestimmten
Erwartungshaltungen. Diese Erwartungshaltungen, die geben wir als erstes dann an unseren Partner
weiter und wir können sie auch an unsere Kinder weitergeben.

[00:07:46.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich schaue jetzt zuerst an, wie wir die Erwartungshaltungen an unsere Partner weitergeben. Ich rede
dann von der enttäuschten Erwartungshaltung. Also wenn wir mit einem anderen Menschen
kommunizieren, in der Kommunikation an sich steckt schon eine Erwartungshaltung. Man kann nicht
kommunizieren, ohne nicht etwas vom anderen zu wollen. Also das liegt in der Kommunikation. Wenn wir
da etwas erwarten, dann mobilisieren wir Emotionen. Das heißt, mit Emotionen versuchen wir beim
Gegenüber das auszulösen, was wir brauchen. Das machen die Kinder und das machen auch wir als
Erwachsene. Wenn das dann nicht eintrifft, wenn die Erwartungshaltung nicht erfüllt wird, dann versuchen
wir noch mehr Emotionen zu mobilisieren. Der Partner ist natürlich nicht darauf ausgerichtet, uns diese
Erwartungshaltung zu erfüllen. Vielleicht am Anfang und in der Verliebtheitsphase macht er das noch,
aber wenn der Alltag einkehrt, macht er es nicht mehr, denn er hat noch andere Dinge zu tun.

[00:09:01.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann haben wir die enttäuschte Erwartungshaltung. Ich habe jahrelang für einen ungarisch
amerikanischen Familientherapeuten übersetzt von englisch in Deutsch und Deutsch ins Englisch, den
Iván Böszörményi-Nagy, der hat dann von Entitlement geredet. Das Wort wurde übersetzt in
Erwartungshaltung. Wenn wir eine enttäuschte Erwartungshaltung haben und wenn wir relativ emotional
sind, dann haben wir die Tendenz mit unserer Emotionalität gegen die Wand zu fahren. Also wir wollen
zuerst natürlich auslösen, dass der das macht, was wir wollen. Wenn er es nicht macht, dann passiert es,
dass wir gegen die Wand fahren. Also unsere Emotionen stauen sich auf und es gibt eine Aufregung.
Dann kann es Konflikte geben, es kann auch Krankheiten geben. Also die enttäuschte Erwartungshaltung
ist aus meiner Sicht ein ganz wichtiges Konzept, das bei vielen Menschen auftritt und hinter sowohl
psychischen Krankheiten steht und auch psychosomatischen bis zu körperlichen Krankheiten. Wenn wir
von Vater oder Mutter nicht das bekommen haben, was wir an sich brauchen, sagen wir Zuneigung,
Liebe, Anerkennung, Geborgenheit etc. Dann hegen wir eben diese Erwartungshaltung in uns und wollen
sie einfordern. Wir fordern sie bei unserem Partner ein, wir fordern sie zum Teil auch bei den Ärzten ein.
Die Ärzte sind dann immer sehr überfordert, wenn eine Patientin kommt, die etwas von ihm will.

[00:10:55.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wo wir schon etwas krank sind, wir wollen etwas von einem Helfer, da rede ich dann von
appellativem Jammerverhalten. Also, man jammert, das machen mehr Frauen als Männer, die schimpfen
eher und sagen, wie der Arzt zu nichts fähig ist. Wir Frauen, wir jammern eher. Wir hoffen dann, dass,
wenn wir jammern, dass irgendwann mal diese Erwartungshaltung erfüllt wird. Aber die Ärzte sind dann
meistens überfordert und mit der Zeit wollen sie die Patienten gar nicht mehr sehen. Es geht auf die
Nerven und die Erwartungshaltung wird natürlich nicht erfüllt. Wir erwarten natürlich auch vom Partner,
dass er unsere Bedürfnisse erfüllt, die wir nicht gestillt bekommen haben. Meistens haben beide Partner
irgendwelche Bedürfnisse und dann passiert es, dass der Krieg der Bedürfnisse auftritt. Und jeder sagt,
wer ärmer ist oder wer mehr etwas braucht. Meistens dann auch gleichzeitig. Wenn ich dann diese
Ehepaare in der Therapiestunde habe, dann muss ich immer bremsen. Jetzt höre ich zuerst dem zu und
der andere darf reden und der andere muss ruhig sein. Aber meistens können die beiden Partner nicht
warten und jeder kommt mit seiner Bedürftigkeit. Das ist noch schwierig, man muss den einen
zurückbremsen und der andere darf reden und dann wechselt man.

[00:12:30.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Das braucht eine gewisse Geduld. Also der Krieg der Bedürfnisse ist auch etwas, das man häufig antrifft
in Ehen. Je nachdem gibt einer der beiden auf und sucht einen neuen Partner und versucht dort wieder
seine Erwartungen erfüllt zu bekommen. Häufig geht es nicht, manchmal hat man Glück, aber häufig
kommt man wieder mit der gleichen Erwartungshaltung und so kann man wiederholen und wiederholen
und wiederholen. Das bringt es natürlich nicht. Wurden wir von unseren Eltern eher überversorgt? Also
ich sehe das manchmal bei Frauen, sie waren Vater und Töchter und der Vater hat sie sehr gestützt und
gelobt und alles für sie gemacht. Dann erwartet man wieder das Gleiche. Also da ist dann nicht eine
Lücke, sondern man will, dass es so weitergeht, wie es immer war. Natürlich, am Anfang kann der Partner
das vielleicht, und dann hat er genug und dann kommt wieder die enttäuschte Erwartungshaltung. Wenn
ich vom Mann her schaue, erwartet er vielleicht, dass die Frau alles gleich erfüllt, wie seine Mutter das
gemacht hat. Aber wenn sie dann auf die kritische Seite geht und irgendetwas kritisiert, dann fällt man in
die negative Erwartungshaltung. Also in dem Sinne kann man positive Erwartungshaltungen haben, dass
alles mögliche erfüllt wird, dass man alles möglich bekommt und man kann auch negative
Erwartungshaltungen haben.

[00:14:11.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Also wurde man ständig kritisiert von der Mutter oder auch vom Vater, wenn dann der Mann nur ein
bisschen kritisch ist oder die Frau irgendwie kritisch ist, dann läuft das Bild, dann läuft das Schema ab,
dann fällt der Partner in diese Schiene rein, dann hört man schon beim ersten: Ach, der will mich
kritisieren, der akzeptiert mich nicht, der gibt mir keine Anerkennung und so weiter und so weiter. Dann ist
natürlich der Partner, der falsch angeschaut wird oder falsch interpretiert wird, der ist dann enttäuscht.
Denn man unterschiebt ihm etwas, das er gar nicht so meint. Dann sagt der Partner, aber ich habe es ja
gar nicht so gemeint, du verstehst das falsch. Das ist nicht intellektuell, das läuft emotional ab. Man kann
das nicht bremsen. Es gibt einen kleinen Auslöser, einen Trigger und schon läuft das Ganze ab. Da ist es
dann immer schwierig, das alles aufzudröseln, aufzulösen und die verschiedenen Muster auf beiden
Seiten anzuschauen.

[00:15:26.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt eine weitere Prägung passiert über die Geschwisterrolle. Sind wir Älteste, erwarten wir, dass wir das
Sagen haben. Denn die Ältesten müssen Vorbilder sein. Das kann der älteste Sohn von Schwestern oder
die älteste Schwester von Brüdern oder auch die älteste Schwester von Schwestern. Da gibt es
verschiedene Konstellationen. Es hat einen Forscher gegeben, der hat ungefähr acht
Geschwisterpositionen angeschaut. Dann immer aufgelistet, wie die dann geprägt sind. Ich schaue jetzt
nur drei an. Also Älteste wollen immer das Sagen haben. Wenn dann zwei Älteste zusammenkommen,
dann streiten sie um die Führung. Wenn zwei Jüngste zusammenkommen, dann entscheiden beide nicht
und wollen immer auf den anderen eingehen. Wie möchtest du es gerne, denn die Jüngsten sind
gewohnt, emotionale Verantwortung zu übernehmen und zu schauen, dass das Klima in der Familie gut
ist. Ich sage, die Ältesten übernehmen eher strukturelle Verantwortung, die Jüngsten eher emotionale
Verantwortung. Wenn ein jüngstes Kind emotionale Verantwortung übernimmt und die Mutter ist
unglücklich, dann bleibt dieses Kind immer in diesem Auftrag, ich muss die Mutter glücklich machen.
Wenn die aber nicht glücklich wird, dann kann sich das jüngste Kind unglaublich anstrengen, und das
passiert immer noch nicht. Da müsste man dann lernen, sich von diesem Auftrag zu lösen. Die Ältesten

übernehmen immer alle Verantwortung und kommen dann ins Burnout, weil sie auch Verantwortung für
andere übernehmen, wo sie gar nicht müssten. Also die Geschwisterposition prägt auch. Die mittlere
Position ist relativ flexibel. Man kann sich mit den Oberen zusammentun und mit den Untern, aber man
redet ja auch von Sandwichkind, dass man von beiden Seiten verdrückt wird.

[00:17:34.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Da können Sie sich alle selber so etwas Überlegungen machen, wo Sie stecken und wie Sie geprägt
wurden. Es gibt es natürlich noch viele weitere Prägungen. Wenn man ein gesundes Kind ist, neben
einem handicapierten Geschwister, da redet man von Schattenkindern. Das heißt, das Schattenkind
muss dann immer sich zurückstellen und zuerst dem handicapierten Kind zur Verfügung stellen, der
Mutter zur Verfügung stehen, damit sie mit dem handicapierten Kind zurecht kommt. Ist ein Elternteil
krank, dann reagiert man auf all das und so weiter. Also da kann man viele Konstellationen anschauen,
wie man geprägt wird über seine Familie.

[00:18:25.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Eltern erwartet man von seinem Partner. Wenn der Partner da gewisse Dinge nicht erfüllt, dann kann
es auch weitergehen an die Kinder. Auch wenn der Partner vielleicht sogar gewisse Dinge erfüllt hat, man
hat als Eltern immer auch Erwartungshaltung an die Kinder.

[00:19:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe lange im Drogenbereich gearbeitet. Die Definition der Gesundheit, der WHO, die sagt, man ist
gesund, wenn man emotional zufrieden ist. Körperlich zufrieden und sozial zufrieden. Man kann dann
auch sagen glücklich. Wenn die Mutter sagt, ich will nur, dass mein Kind glücklich ist, das kann die
schlimmste Erwartungshaltung sein, die man haben kann. Denn dann könnte ja das Kind einfach Drogen
nehmen und dann ist es immer glücklich.

[00:19:34.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Also die Droge, die macht, also Heroin, macht seelisch zufrieden, ein Wohlgefühl. Sozial braucht man
nichts mehr und körperlich nimmt es alle Schmerzen weg. Gerade als ich hierher gefahren bin, hat man
von Medikamenten geredet und wie die Leute heutzutage Pillen essen, damit sie keine Schmerzen
haben, damit sie glücklich sind, damit sie alles mögliche machen können. Wenn eine Mutter will, dass ihr
Kind glücklich ist, wenn es dann durch die Pubertät hindurch geht und halt unglücklich ist und unzufrieden
und schimpft und weiß ich nicht was; und sie will, dass es glücklich ist, da lässt sie dem Kind gar keine
Möglichkeit, auch etwas anderes zu sein, sich auseinanderzusetzen. Man denkt natürlich, man wünscht
dem Kind etwas Schönes, aber wenn das Kind der Mutter zu Liebe glücklich sein muss, dann hat es gar
kein Experimentierfeld. Also wir haben als Eltern alle Erwartungshaltung an unsere Kinder. Oft sagen wir,
nein, nein, mein Kind darf machen, was es will. Ich rede da gar nicht mit. Aber die Kinder sind sehr
sensibel, sehr wahrnehmend und man muss gar nichts sagen. Die spüren, was man will. Die
interpretieren natürlich auch auch nach dem, was geredet wird, was sie dann da erfüllen sollten. Früher
war es klar, dass man einfach als Sohn das Geschäft des Vaters übernommen hat oder den
Bauernbetrieb, der älteste oder der jüngste.

[00:21:16.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Heutzutage ist das nicht mehr so. Man darf selbst etwas wählen, aber die Erwartungshaltungen sind doch
immer noch da. Und da gibt es dann Kinder, die wollen ihre Eltern glücklich machen und die entscheiden
dann nach den Eltern. Wenn man nach den Eltern entscheidet und nicht nach sich, dann kommt später
bei dieser Person in der nächsten Generation wieder ein Problem hervor. Dann muss diese Person, die
ihre Wünsche, ihre Träume nicht erfüllen durfte, muss dann die übertragen an die nächste Generation
und so weiter und weiter. Also wir müssen ja nicht denken, die Kinder merken nicht, was wir denken und
was wir uns wünschen. Es ist gar nicht so einfach, keine Wünsche für seine Kinder zu haben. Ich würde
vielleicht so sagen, es ist wichtig, dass man sich mit seinen Kindern auseinandersetzt. Nicht, dass man
einfach nichts sagt. Aber es ist wichtig, dass man seine Erwartungshaltung erkennt. Es gibt Kinder, die
können klar sagen, nein, das will ich nicht, das mache ich nicht, ich mache, was ich will. Aber es gibt sehr
sensible Kinder, die sind dann wie gezwungen, diese Erwartung zu erfüllen.

[00:22:37.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man als Kind, Jugendlicher, Jugendliche nicht das lernen durfte, was man gern gehabt hätte, wenn
man als Mädchen vielleicht gerne studiert hätte, aber früher durften die Mädchen nicht, die haben ja
heiraten müssen und da braucht man kein Studium, dann hat man immer noch den Wunsch in sich, dass
die Kinder dann das erfüllen und das kann zu den Enkelkindern gehen, das muss nicht mal nur in der
nächsten Generation, das kann weitergehen.

[00:23:11.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wird eben dann wahrgenommen und dann müssen die Kinder diese Erwartungshaltung erfüllen. Sie
wollen ja die Eltern glücklich machen. Solange Kinder Kinder sind, richten sie sich nach den Eltern und
wenn die Eltern nicht sehr gut funktionieren, dann müssen sie das auch. Also sie müssen quasi die
Lücken der Eltern auffüllen. Wenn man dann erwachsen ist, müsste man eigentlich nicht mehr den Eltern
gefallen. Dann dürfte man sein eigenes Ding verfolgen. Aber meistens wird man das gar nicht so leicht
los und man bleibt im gleichen Muster. Man ist geprägt und man bleibt in diesem Muster. Jetzt, wenn man
von den Kindern erwartet, dass sie den Beruf lernen, den man gerne gelernt hätte, aber nicht durfte und
das Kind hat diese Begabung, die man hat oder gehabt hätte, dann funktioniert das. Wenn das Kind aber
ganz andere Begabungen hat, dann funktioniert es nicht und dann kommt das Kind in den Klinsch. Dann
passiert beim Kind, dass es ambivalent ist zwischen was die Eltern wollen und was es selbst will. Je mehr
es das macht, was die Eltern wollen, umso weniger kann es seine Persönlichkeit entwickeln. Das läuft
alles ab während der Pubertät. Eine ganz wichtige Phase der Persönlichkeitsbildung.

[00:24:43.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Persönlichkeitsbildung kann behindert werden, dadurch dass man zu sehr sich auf die Eltern
ausrichtet. Wenn ich solche Leute dann in Therapie habe, dann muss ich sie wie befreien von diesem
Zwang, die Eltern glücklich zu machen. Das ist gar nicht so einfach.

[00:25:18.260] – Dr.med. Ursula Davatz

Erziehungskonflikte. Vater und Mutter haben ihre Erwartungshaltung an das Kind und die Erwartung, was
die richtige Erziehung ist. Wenn man eine Erziehung erlebt hat, die man gut gefunden hat, man ist gut
rausgekommen, dann übt man diese Erziehung einfach weiter, ohne zu merken. Man reflektiert gar nicht
groß, man macht es einfach so, wie man es gewohnt ist. Wenn man eine Beziehung genossen hat, die
einen gestört hat, die einen zu sehr eingeengt hat, etc, dann hat man die Tendenz zu korrigieren. Häufig,
tut man Überkorrigieren. Also, wenn der Vater zu streng war, dann will man als Frau, als Mutter, dann viel
mehr Freiheit lassen. Oft geht man dann ins andere Extrem, dass man vielleicht zu nachgiebig wird, zu
wenig klar und überlässt dem Kind alles. Das war die Sommerhill Bewegung. Man hat die auch oft falsch
verstanden. Aber ja, dass man dem Kind alles übergibt. Wenn man dem Kind natürlich alles übergibt,
dann ist das überfordert, dann muss das selbst Strukturen setzen, das macht Unsicherheit und ist gar
nicht immer so gut.

[00:26:44.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man zu eng macht, dann kann es auch nicht leben. Es kommt immer auf die Balance an. Da
kommt dann häufig auch der Konflikt zwischen Mann und Frau, zwischen Vater und Mutter. Allgemein
sagt man, die Mutter gibt unkonditionale Liebe, das heißt sie gibt, sie gibt, sie gibt, sie stellt keine
Bedingungen. Das stimmt für uns Mütter. Wir können aber trotzdem Grenzen haben, wenn das Kind uns
übernimmt und über uns bestimmt. Das ist natürlich nicht okay, das ist auch nicht unkonditionale Liebe.
Da lassen wir uns einfach überrennen. Die Väter sagen dann immer, du bist viel zu weich, das geht doch
nicht, du erziehst das Kind nicht richtig. Jetzt kommt es darauf an, was für ein Kind man hat. Es gibt
hochsensible Kinder und wenn man die zu eng erzieht und zu viel von ihnen verlangt, und das sind häufig
ADS und ADHS Kinder, dann sage ich ja, die kann man totschlagen und sie gehorchen immer noch nicht.
Also da funktioniert dann die patriarchale Erziehung, du musst, du solltest und jetzt wird es so gemacht
und ich sage es, die funktioniert nicht. Das spüren dann Mütter, nein, das geht nicht und sie versuchen,
wie soll ich sagen, mehr auf das Kind einzugehen. Das ist an sich auch richtig.

[00:28:08.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Kind in die Pubertät kommt, dann braucht es Auseinandersetzung. Wenn die Mutter dann
immer nur nachgibt und immer nur dem Kind Wohlbefinden ermöglichen will, dann hat das Kind auch
wieder keine Orientierung. Man redet immer davon, die Eltern müssen am gleichen Strick ziehen, das
höre ich nicht so gerne. Erstens ist es gar nicht so gut möglich, so leicht. Ich stelle mir dann immer vor,
man zieht den Strick enger und erwürgt das Kind. Erwachsene Menschen erzählen dann alles von ihrer
Erziehung und die sagen dann, Vater und Mutter haben immer so "they ganged up", also die haben sich
immer zusammengetan, ich habe immer gegen zwei kämpfen müssen. Das ist gar nicht so gut. Da habe
ich eher die Haltung, der Vater darf seine Richtlinien haben und sagen, wie er es will. Die Mutter darf
nach ihrem Stil erziehen. Was sie nicht sollen, ist, dass sie sich gegenseitig ins Handwerk pfuschen. Also
wenn man als Elternteil, sagen wir jetzt als Mutter, etwas abgemacht hat mit dem Kind, der Vater findet
das ganz falsch, dann darf er sich da nicht reinmischen. Er kann aber auch nicht der Mutter helfen, wenn
sie dann in Schwierigkeiten kommt.

[00:29:31.970] – Dr.med. Ursula Davatz

Das passiert oft auch. Früher war das so, die Mutter hat gesagt, warte nur bis der Vater heimkommt, der
sagt dir dann schon, was durchgeht. Das geht heute nicht mehr, aber ich habe noch viele Familien, wo
ich das höre. Wenn die Mutter überfordert ist, hat sie die Tendenz, den Vater reinzuholen, aber sie will
dann, dass er es genauso macht wie sie, also dass der Vater der verlängerte Arm der Mutter ist, was
natürlich auch nicht geht. Dann ist man enttäuscht, dass der Mann nicht so funktioniert, wie man es gerne
hätte. Aber das geht nicht. Man muss sich alleine mit dem Kind auseinandersetzen und man darf den
anderen nicht reinpfuschen. Also eine Auseinandersetzung, eine Abhandlung muss bis zum Abschluss
abgeschlossen werden. Dann kann man schon miteinander reden. Wie hast du das gefunden? Was
meinst du dazu? Man kann sich austauschen, man kann je nachdem auch etwas verändern. Aber man
sollte sich nicht ins Handwerk pfuschen. Denn wenn man sich ins Handwerk pfuscht, dann streiten
schlussendlich die Eltern immer, was die richtige Erziehung ist. Das Kind hat überhaupt keine Direktive
mehr. Oder das Kind macht halt dann, was es will, also es optimiert. Dann sagt man, das Kind
manipuliert, aber wir sind die Verantwortlichen, die da versagt haben. Das Kind, ja, es optimiert seine
Situation, was ja eigentlich verständlich ist.

[00:31:03.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist wichtig, dass jeder seinen Stil vertreten darf und den auch durchziehen darf und dass man nicht
wertet, der ist besser und der ist schlechter. Alle Erziehungsstile haben ihre Vor- und Nachteile und
wichtig ist, dass der Erziehungsstil, den man verwendet, dass man authentisch ist. Ich habe solche
Familien gehabt, da hat der Vater der Mutter gesagt, du musst dann so und so und so machen. Er ging
zur Arbeit, da hat es die Mutter nicht so gemacht, weil sie nicht dahinterstehen konnte. Am Abend kam
der Vater nach Hause und hat gesagt, warum hast du es nicht so gemacht? Ja, ich konnte nicht. Das geht
nicht. Man kann die Erziehung nicht delegieren an den anderen Partner. Man muss es selbst
durchführen. Aber früher wurde das noch viel so gemacht. Das wären die Erziehungsstile.

[00:32:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, das ist ganz wichtig, wenn man sieht, man hat unterschiedliche Stile, unterschiedliche
Wertvorstellungen. Dann ist es wichtig, dass man etwas reflektiert und schaut, wie war es denn bei mir,
was ist für mich wichtig ist, für was stehe ich ein und dann vergleicht und sieht, aha, der andere sieht so,
ja, ist okay.

[00:32:25.750] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn muss man sich nicht einig sein und genau den gleichen Stil haben. Es ist eine große Kunst
in guter Beziehung zu sein, aber unterschiedliche Situationen, Meinungen bestehen zu lassen. Ich denke,
das gehört zum Erwachsen werden, dass man das lernt und auch kann. Kinder können sehr gut
unterschiedliche Meinungen und Stile; mit denen umgehen. Im Gegenteil, wenn nicht immer alles gleich
ist, sie werden eher flexibler. Sie sehen, beim Vater läuft es so, bei der Mutter läuft es so. Es ist gar nicht
so, dass die Kinder immer einen Monotyp von einer Erziehung bekommen müssen. Jetzt sage ich noch
etwas weiteres. Ich gehe wieder zurück zu unserer Erwachsenenbeziehung, zu unserem Elternhaus. Also
wir wurden geprägt vom Verhalten unserer Eltern. Wir wurden geprägt von den Wertvorstellungen
unserer Eltern, von den Regeln unserer Eltern. Wenn aber diese Regeln dann nicht mehr so gut in die
Zeit passen, dann müssten wir diese Regeln ja loswerden. Also okay, in Kriegszeiten hat man gelernt, du

musst deinen Teller ausessen. Jetzt in Überflusszeiten, wenn man so einen riesigen Teller bekommt und
man muss den ausessen, man bleibt bei der Regel, die man gelernt hat, dann wird man so dick. Also
man muss dagegen die Regeln der Eltern verstoßen.

[00:34:10.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Man ist so loyal zu seinen Eltern, es ist gar nicht so einfach, sich von dieser Loyalität zu trennen. Im
Augenblick, wo man seinen Eltern disloyal werden muss, ist nicht alles so einfach mit Essen, es können
andere Regeln sein, im Augenblick, wo man seinen Eltern disloyal werden muss, kommt man unter
Bedrängnis. Man denkt jetzt erschlägt mich der Blitz oder die Welt geht unter. Also es ist wirklich eine
Aufruhr innerlich. Von dort her, wenn zum Beispiel der Partner eine Verhaltensweise hat, die ihm gar nicht
passt, aber die zeigt die Loyalität zu den Eltern des Partners und man verlangt da, dass er sich ändert,
muss man wissen, dass das nicht so einfach ist und dass das Zeit braucht.

[00:35:03.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Beim letzten Vortrag hat jemand gesagt, ich musste 40 werden, bis ich mich getraut habe, die Wäsche
draußen aufzuhängen. Denn sie hatte gelernt, Wäsche hängt man draussen nicht auf. Also man redet ja
auch von dreckiger Wäsche. Also bei der Wäsche könnte man irgendetwas, da könnte man in die Familie
hinein sehen. Das darf ja nicht sein. Die Fassade der Familie muss gewahrt werden. Das ist gar nicht so
ungewöhnlich, dass man große Mühe hat, gegen diese Loyalität, gegen diese Regeln, gegen diese
Dogmen, die man bestens gelernt hat, zu verstoßen.

[00:35:45.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Da, im Augenblick, wo man gegen Dogmen der eigenen Herkunftsfamilie verstößt, da können sogar
Krankheiten auftreten. Häufig treten psychosomatische Krankheiten auf. Also körperliche. Ich sag dann
immer, mit den Im Kopf, mit dem Intellekt können wir lügen, der Körper kann es nicht so gut. Der Körper
sagt einem da, jetzt bist du an eine Grenze gestoßen, du müsstest an sich etwas verändern, du machst
es nicht. Ja, da muss man in sich gehen und schauen, wie man die Veränderung machen könnte.

[00:36:23.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ein erwachsener Mensch an diese Loyalitätsgrenzen stösst, müsste er seine Loyalität zu seinen
Eltern durchbrechen, sogenannt "dysloyal" werden. Das heisst nicht, dass man die Eltern verurteilt oder
schlecht findet oder böse auf sie ist. Man trennt sich nur. Es ist an sich eine Ablösung von den Eltern. Wir
sind alle nicht so ganz abgelöst und haben da noch Dinge, die für uns nicht ganz so gelöst sind.
Theoretisch müsste man in dem Augenblick, wo man an sich etwas verändern sollte bei sich, wo es
notwendig wäre, auch zeitgemäß wäre, wenn die Eltern noch leben, müsste man sich mit den Eltern über
dieses Thema noch mal auseinandersetzen, aber nicht indem man die Eltern missioniert und denen
beibringen will, dass die ganz falsch sind, sondern in dem man den Eltern die eigene Meinung sagen
kann, ihre Meinung bestehen lassen kann.

[00:37:36.020] – Dr.med. Ursula Davatz

Das wäre wieder das, was ich vorher gesagt habe, zwischen den Partnern. Also man weiß, was die Eltern
wollen, aber man sagt, ich will so. Ich habe schon Situationen gehabt, die Mutter hat bei der Tochter
gefunden, es steht ihr nur blau, sage ich jetzt mal. Dann habe ich gesagt, gehen Sie mal mit einem roten
Kleid zur Mutter. Wenn die dann sagt, "Das steht dir doch gar nicht, du hast doch nie rot getragen, dann
darf sie sagen, doch, jetzt gefällt mir das, ich finde es schön, ich stehe dazu. Also dass man zur eigenen
Meinung stehen kann, in Anwesenheit der Eltern sich nicht schlecht fühlt und auch nicht die Eltern
missionieren will. Häufig, wenn ich Leute dazu anhalte, dass sie mit ihren Eltern reden sollen und sich
positionieren, dann ist im Hintergrund immer die Erwartung, die Mutter oder der Vater muss das
akzeptieren. Die müssen mehr Wertschätzung geben. Ich sage, nein, das ist die falsche Haltung. Sie
müssen sich Wertschätzung geben. Also sie müssen zu sich stehen. Nicht das Gegenüber, nicht die
Mutter oder der Vater muss verstehen, worum es geht, sondern ich muss für mich einstehen. Wieder, das
ist gar nicht so einfach, man muss manchmal üben.

[00:38:55.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man aber geübt hat bei seinen leiblichen Eltern, es kann auch bei den Geschwistern sein, denn da
hat man ja auch so feste Muster. Wenn man das dort dann kann, dann wird es mit allen anderen Leuten
leichter. Dann sagen viele, ja wieso soll ich da bei meinen Eltern, das ist doch nicht wichtig, ich will es ja
im Leben, aber ich sage, das ist der Königsweg, wenn man es dort kann, kann man es überall besser.
Überall wo man mit anderen Leuten übt, ist nie das gleiche wie bei den eigenen Eltern. Wenn die Eltern
nicht mehr leben, dann kann man sogar über Briefe schreiben, also dass man im Brief, den man an die
Mutter oder an den Vater wendet, schreibt, für sich einsteht, die Situation schildert und sagt, ich will dir
das halt jetzt noch sagen. Aber man darf die Eltern nicht anklagen, nicht verurteilen, man muss eigentlich
nur für sich einstehen. Ich habe das schon vielen Leuten aufgetragen und wenn die das gemacht haben,
hat es ihnen oft große Erleichterungen gegeben und ein besseres Selbstbewusstsein. Also man muss
sich das Selbstbewusstsein nicht holen, indem man endlich mal die Anerkennung von den Eltern
bekommt, sondern indem man sich die selbst gibt.

[00:40:21.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre so das Theoretische. Jetzt komme ich zur Unterstützung. Viele Familien funktionieren nicht
ideal, sie hatten schwierige Situationen, müssen mit dem fertig werden. Es wird über Generationen
weitergegeben. Heutzutage kann man viel eher Hilfe holen. Früher hat man eher in Großfamilien gelebt,
heutzutage lebt man in Kleinfamilien. Aber heutzutage gibt es professionelle Unterstützung. Die HOTA ist
so eine Einrichtung, die nach Hause geht, die den Eltern hilft, wenn sie schwierige Kinder haben, mit
denen umzugehen, vielleicht herauszufinden, was der gute, richtige Erziehungsstil für dieses Kind wäre.
Da sage ich, ADHS Kinder, sind häufig recht schwierige Kinder. Wenn man da nicht lernt, mit ihnen
umzugehen, hat man lebenslänglich Probleme. Sie haben nachher auch lebenslängliche Probleme.
Wenn man andere Menschen aus ihnen machen will, als dass sie sind, wenn man ihre Persönlichkeit
nicht erfasst und die Persönlichkeit, die wird da relativ stark genetisch weitergegeben, also das ADHS,
und ADS ist aus meiner Sicht ein Neurotyp, ein Persönlichkeitstyp, der genetisch vererbt wird. Wenn man
da gegen den Strich von diesen Kindern geht, also gegen ihre Persönlichkeit, dann läuft nichts. Man
muss sie wirklich kennenlernen und lernen, mit ihnen umzugehen.

[00:42:08.080] – Dr.med. Ursula Davatz

Ich sage dann, ich gehe dann immer in die Tierwelt. In der Tierwelt redet man von artgerechter
Tierhaltung oder von artgerechter Dressur. Also man kann mit einem Araberpferd nicht genau gleich
umgehen wie mit einer Kuh. Das sind andere Wesen. Die sind anders von der Sensibilität her. So sage
ich dann, man muss persönlichkeitsgerecht mit seinen Kindern umgehen und man muss herausfinden,
was für jedes Kind das Beste ist. In dem Sinn muss man auch nicht alle genau gleich erziehen, sondern
jedes nach seinen Bedürfnissen. Die Gleichmacherei, die funktioniert gar nicht so gut. Ich denke, man hat
das Recht, nein, man hat sogar die Pflicht, mit den Kindern persönlichkeitsgerecht umzugehen. Man
stößt dann vielleicht, also die Temperamente passen dann nicht immer so gut zusammen. Wenn man da
zu viel zusammenstößt, vielleicht kann es der Vater dann besser mit dem Kind. Aber man ist als Mutter
mehr mit dem Kind zusammen und es lohnt sich da Hilfe zu holen. Hota hat da die Aufgabe, dass sie
nach Hause kommt, dass sie schaut, wo sind überall die Probleme und wie könnte man das ändern, wie
könnte man es verbessern. Natürlich auch wenn die Eltern im Kampf sind miteinander, punkto Erziehung,
dann kann auch da die Hota vermitteln, sie kann objektiv schauen, der Vater will so, die Mutter so, wo
müsste man Anpassungen machen.

[00:43:49.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage, es lohnt sich unbedingt solche Hilfe zu holen, denn die Kinder sind noch sehr flexibel, die
können viel lernen, wir Erwachsene sollten auch noch lernen. Da rede ich vom sokratischen Lernen. Also
der hat ja gesagt, wir lernen über unsere Schüler und so können wir auch über unsere Kinder lernen.
Wenn ich Familien in Therapie hatte mit schwierigen Kindern jeglichen Alters, dann sagen die Eltern
häufig, am Anfang war es schwierig und ich war verzweifelt, aber jetzt muss ich sagen, Ich habe von
diesem Kind sehr viel gelernt. Ich habe dank dieses Kindes sehr viel gelernt. Also ich musste mich noch
entwickeln. Das ist natürlich schön.

[00:44:43.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Schlussbemerkung sage ich, wir machen alle Fehler, wir Eltern, das ist normal. Wir meinen es stets
gut. Da hat mal ein Jugendlicher zu mir gesagt, das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Ich musste lachen.
Es stimmt, wir meinen es immer gut. Aber das heißt nicht immer, dass es gut ankommt und dass es
passend ist für die Situation und dieses Kind. Jetzt, wenn es schiefläuft, dann lassen sich die Eltern
häufig, und speziell die Mütter, dann ergehen sich die in Schuldgefühlen und Sorgen. Oh, jetzt habe ich
wieder falsch gemacht. Ich habe alles falsch gemacht. Wird das Kind jetzt gestört sein auf Lebzeiten?"
Und so weiter und so weiter. Da sage ich, nein, die Kinder sind viel robuster als wir denken. Wenn wir
über Jahre hinweg die gleichen Fehler machen, wird es etwas schwierig. Aber wir dürfen Fehler machen.
Wenn wir uns zu sehr hintersinnen, was wir jetzt alles falsch gemacht haben, von Schuldgefühlen geplagt
werden, verpassen wir häufig die nächste Chance, es besser zu machen.

[00:45:55.660] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn sage ich, man darf Fehler machen, man kann aus Fehlern lernen. Aber ich denke à la
Sokrates, man sollte stets lernbereit sein, dass man wirklich aus der Situation lernen kann. Was nicht
heisst, dass man ständig seine Parameter ändert und heute so und morgen so. Es braucht schon eine
gewisse Linie, die zu einem passt und hinter der man stehen kann. In dem Sinn möchte ich schliessen.
Also, Sie dürfen Fehler machen, Sie dürfen aus den Fehlern lernen. Es lohnt sich zu lernen. Holen Sie

sich Hilfe oder sagen Sie anderen, sich Hilfe zu holen. Es ist keine Schande, wenn man sich Hilfe holt,
um in der Familie etwas zu korrigieren.

[00:46:49.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Man holt sich ja sonst für alles Hilfe. Man hat einen Farbberater oder einen Interieurberater,
Steuerberater, weiß ich nicht was. Wieso nicht auch eine Beratung entgegennehmen für das Interne in
der Familie. Man muss sich überhaupt nicht schämen. Also man darf die dreckige Wäsche dem Helfer
zeigen, dass er beraten kann, wie man es vielleicht verbessern kann. Da bringe ich ein Beispiel zum
Schluss, das uns vielleicht positiv stimmt. Also ich hatte einen Patienten, der hatte mit ungefähr 21, hat er
eine psychotische Krise gemacht und ist dann aus seiner Arbeitsstelle herausgefallen. Er hat nie mehr an
einem Arbeitsplatz arbeiten können. Mein Oberarzt hat ihn begleitet, ich habe ihn schlussendlich
übernommen und begleitet. Wir haben die Familie über Jahre hinweg begleitet. Es hat viele
Schwierigkeiten gegeben zwischen Mann und Frau usw. Aber die Kinder, es war eine Ausländerfamilie,
die Kinder haben alle eine Lehre gemacht, sind alle verheiratet, haben Enkelkinder und es funktioniert
gut. Also das ist für mich ein sehr schönes Erlebnis, wie man durchaus ein Familiensystem unterstützen
kann und wie dann die nächste Generation sehr gut rauskommen kann, auch wenn ein Elternteil
lebenslänglich krank bleibt, immer wieder in die Klinik gehen muss etc.

[00:48:32.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Also man kann viel ausrichten, indem man sich Unterstützung holt, wenn das System etwas im
Schwanken oder Schwierigkeiten hat. Es lohnt sich. Es lohnt sich.

Was braucht es für die Ausbildung unserer nächsten Generation?

Transkription

Transkript

Dr.med. Ursula Davatz, Prof.Dr. Ursula Renold

1.5.2021

Was braucht es für die Ausbildung unserer nächsten Generation?
Audio

[00:00:03.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Prof. Dr. Ursula Renold, es freut mich sehr, dass du hierher gekommen bist und ich freue mich auch auf
unser Gespräch. Deine Position ist Professorin für Bildungssysteme an der ETH Zürich. Du hast dich da
selbst hochgearbeitet über spezielle Wege, die sehr individuell sind und die nicht jeder nachmachen
kann. Ich habe mir ein paar Fragen ausgedacht und ich werde dir jetzt diese stellen. Ich beginne aber mit
deiner Biografie. Du hast als junge Frau mit 16 Jahren, Du bist in den gleichen Kanton in die Schule
gegangen, Kanton Aargau, hast du die Bezirksschule besucht und du hast beschlossen, fertig, Schluss,
ich will das nicht mehr, ich will nicht mehr Schule, ich muss was anderes haben. Du hast dann einen
praktischen Bildungsweg gewählt. Ich möchte dich jetzt fragen, wenn du zurückgehst in dein damaliges
Alter, was hat Dir gefehlt an unserem schweizerischen, akademischen, traditionellen, schulischen
Werdegang und seinem Angebot, damals mit 16 Jahren?

[00:01:28.140] – Prof. Dr. Ursula Renold
Ja vielen Dank, Ursula für die Einladung zu diesem Gespräch. Gerne mache ich eine Zeitreise zurück in
mein Alter, wo ich 15 Jahre alt war. Ich muss auf deine Frage sagen, es hat mir eigentlich nichts gefehlt,
ich habe viel in der Natur Zeit verbracht, ich war schon bei den Pfadfinderinnen. Es hat mich eigentlich
vor allem interessiert, wie die Welt funktioniert. Ich muss sagen, ich war eher in einer Sturm und Drang
Phase. Ich habe gefunden, dass ich noch einmal eine Phase lang in die Schule gehen kann, das konnte
ich mir überhaupt nicht vorstellen. Ich hatte einen inneren Drang, ich muss Ich muss verstehen, wie die
Welt funktioniert. Ich muss insbesondere verstehen, was Geld ist. Also das Geld hat mich interessiert.
Wie funktioniert das? Was hat das für eine Bedeutung? Ich habe meinen Eltern gesagt, ich will eine, ich
weiss, ich will auf dieser Aargauischen Hypotheken und Handelsbank eine Lehre machen. Ich möchte
eine Lehre machen. Meine Eltern waren natürlich sehr unterstützend. Sie haben beide auch keinen rein
akademischen Hintergrund gehabt und haben das sehr unterstützt.

[00:02:43.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Sehr schön. Du hättest dir nicht vorstellen können, dass du an der Kantonsschule, am Gymnasium, das
bekommen würdest, was dich interessiert hat.

[00:02:54.520] – Prof. Dr. Ursula Renold
Nein, überhaupt nicht. Ich muss vielleicht auch noch sagen, das sage ich auch, weil ich finde, das
geschieht oft im Leben, ich musste auch einmal eine Klasse repetieren. Das war für mich immer auch
vom Umfeld her so, das ist ein Schandfleck. Also jetzt muss man eine Klasse repetieren. Ich habe es
schon gemerkt, die Repetition hat mir gut getan. Ich war nachher viel besser unterwegs in der Schule.
Aber Schule war einfach nicht mein Ding. Also auf jeden Fall nicht zu dieser Zeit.

[00:03:28.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Sehr schön. Ich erlebe ab und zu Kantonsschüler, also Gymnasiasten. Von denen höre ich dann auch,
ich muss das jetzt zwar durchboxen, aber eigentlich interessiert mich das alles nicht, was da angeboten
wird aber ich mache es jetzt trotzdem. Du warst mutig genug, um in die Welt rauszugehen, in die
praktische Berufung. Dann frage ich dich jetzt mit deiner Erfahrung, was sollte jeder Jugendliche lernen,
um in unserer zukünftigen Gesellschaft erfolgreich als Erwachsener sich durchbringen zu können und
gleichzeitig auch selbst weiterentwickeln kann? Was würdest Du jetzt mit Deiner Erfahrung sagen, was
sollten wir unseren jungen Leuten mitgeben.

[00:04:16.460] – Prof. Dr. Ursula Renold
Also heute ist es ja schon viel einfacher als zu meiner Zeit. Es ist ja schon fast 40 Jahre her. Wichtig ist,
dass die Funktion in einem Bildungssystem individuelle Regulationsfähigkeit hat. Jeder Mensch sollte
sein Leben, wenn immer möglich, unabhängig gestalten können. Das bedeutet eine Auseinandersetzung
mit sich selbst. Nicht die Erwartungshaltungen des Umfelds befriedigen, sondern wer bin ich, was möchte
ich, warum möchte ich. Ich sage allen, wo ist deine Leidenschaft? Also wann bist du am Ende des Tages
glücklich? Wenn du was machen konntest, was interessiert dich? Heute haben wir insbesondere in der
Schweiz, es ist weltweit das durchlässigste Bildungssystem. Das heisst, ich sage immer Eltern, who
cares, was ihre Kinder jetzt mit 14, 15 machen. Hauptsache sie können ihren Motivationen nachgehen
und sie können etwas durchziehen. Das ist vielleicht auch noch wichtig. Also, dass sie eine
Auseinandersetzung mit sich selber machen in dieser Phase 12, 13, 14, 15. Wohin möchte ich gehen?
Das sehr selbstreflektiv auch tun können. Die Eltern sind wichtig, aber Eltern haben manchmal die
Tendenz zu meinen, man muss jetzt das Beste für das Kind haben, und sind sich nicht immer bewusst,
dass die Schule nicht mehr so ist, wie sie sie dazu mal erlebt haben. Das Bildungssystem ist viel
ausgeprägter. Heute können sie eigentlich mit einem Einstieg in eine Berufslehre, das ist gerade in
diesem Teenageralter extrem wichtig, die wollen ja erwachsen werden. Die, die wie ich dazu mal mehr
diesen Drang hatten, ich will jetzt unbedingt die Welt entdecken und erwachsen werden und unabhängig
werden, wenn das eine Triebkraft ist, dann ist das sicher, ist der Weg über die Berufsbildung auszuloten.
Sie können heute gleichzeitig noch die Berufsmatura machen und im Anschluss an die Lehre eine
Passarelle Prüfung und sind fast in der gleichen Zeit wie ein Gymnasiast an der Universität. Wenn dann
später dieser Wissenshunger noch kommt. Ich glaube, das ist vielen nicht bewusst und deshalb, was wir
sehen, ist, dass die Jugendlichen sehr, sehr positiv stimuliert werden, was ja das Selbstwertgefühl betrifft.
Wenn Sie in den Betrieben etwas Sinnstiftendes machen können. Wenn sie sehen, ich bin ein Teil des
Ganzen, ich bin ein Teil im Betrieb. Leute sind richtig stolz gewesen, weibliche Schreinerinnen, die
Arbeitsgeräte, als ihre Geräte angeschaut haben und gesagt haben, ich bin Teil dieser Firma, ich bin
etwas. Diese Selbstsicherheit gewinnen, die Selbstmotivation auch und auch das Selbstbewusstsein zu
entwickeln, das ist auf jeden Fall ein ganz wichtiger Teil, der aus meiner Sicht in einem Betrieb, wo sie mit
verschiedenen Rollenmodellen zu tun haben, einfacher ist, als wenn sie eben weiter, mehr oder weniger
willig, weiter in ein Gymnasium oder eine Fachmittelschule gehen, wo man eigentlich unter den
Altersgleichen ist und dieses Ausloten, was so Rollenmodelle sind, die vielleicht Vorbilder sind, weniger
gut geht.

[00:08:07.510] – Dr.med. Ursula Davatz

Den Begriff den Du verwendest, individuelle Reflexionsfähigkeit, finde ich ausserordentlich sinnvoll und
wichtig. Ich bin ja Vizepräsidentin der Organisation ADHS20+. ADHS, Menschen mit ADHS, ADHS Kinder
oder ADS, da sage ich auch, die müssen ihren Fokus finden. Wenn sie den nicht gefunden haben in der
Schule, dann fallen sie oft raus und ich als Psychiaterin muss ihnen dann wieder helfen, diesen Fokus zu
finden. Du hast auch gesagt, nicht das machen, was die anderen von Ihnen wollen, sondern das, was sie
wollen. Also Ihr Herzenswunsch, ihr tiefstes Anliegen. Das ist dann oft sehr verdeckt, verschüttet. Ich
muss es mühsam wieder ausgraben. Ich finde ich toll, dass du die Haltung hast, individuelle
Reflexionsfähigkeit. Die kommt oft zu kurz. Die wird als störend angeschaut in der normalen
Schulbildung, und die wird dann eher unterdrückt. Diese, die dies finden wollen, sind dann auch
Störfaktoren im Regelsystem. Das ist schade. Da laufen Energien gegeneinander und es wird sehr viel
zerstört.

[00:09:33.930] – Prof. Dr. Ursula Renold
Es gibt ja interessante soziologische Studien. Ich weiss nicht, ob du die kennst, von Pierre Bourdieu. Das
Buch heisst auf Französisch "La Réflexion". Eigentlich zeigt er auf, wer im schulischen und im
hochschulischen System überhaupt hochkommt. Es sind ja nicht die, die die Intelligentesten sind,
sondern es sind die, die den Code des Lehrers am besten imitieren können. Das hat mir sehr zu denken
gegeben. Ich habe ja auch, in der Zeit, als ich das gelesen habe, Kurse für Schulleiter gemacht, um
aufzuzeigen, ihr müsst aufpassen, da gibt es Perlen in der Klasse. Aber man darf nicht davon ausgehen,
dass die Kultur, die man selber erlebt hat, quasi reproduziert werden soll, sondern die Querdenker. Es
geht ja oft um die Querdenker, die sich weigern, diesen Code zu imitieren, aber die durchaus sehr kreativ
sind. Das ist heute in der Gesellschaft extrem wichtig. Man sieht in der Wirtschaft, ich habe schon mit der
Microsoft Chefin geredet und sie hat gesagt, was mir zu denken gibt, ist alle, die mit diesem McKinsey
Ansatz daher kommen, die bringen alle das Gleiche. Aber was ich brauche, sind Querdenker, innovative
Leute. Es ist die Vielfalt, die etwas sehr reich macht. Das hat mich zurückgeführt und gesagt, es ist
Aufgabe im Unterricht herauszufinden, wo sind die Qualitäten jeder Person und wie kann man sie positiv
abholen. Das ist sehr anspruchsvoll, aber ich glaube, so wird man eigentlich den jungen Menschen
gerecht.

[00:11:15.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Sehr schön, liegt ganz auf meiner Linie. Ich habe einen weiteren Gedanken und kann sich an alles
anfügen. In unserer Globalwirtschaft stelle ich immer wieder fest, dass all diese multinationalen Firmen
sehr in einem riesigen Wettbewerb stecken. Der Wettbewerb geht immer um schneller, billiger, effizienter
etc. Dann natürlich auch, dass man neue Trends gut wahrnimmt und die den Markt erobernd
verwirklichen lässt. Wenn ich mit der Evolutionssprache rede: survive and reproduce, man reproduziert
nicht sich selber sondern die Angebot die man macht, die Produkte. Da läuft dann auch: reproduce faster
and cheaper and you survive. Das ist ja mit China. Weil die so viel menschliches Material haben,
niemand hat so viel. Das auch verwüsten können, kann ich sagen, sind die schneller und in dieser
Kompetition gut voran. China will ja jetzt die größte Wirtschaftsmacht und die Schnellsten werden. Da
frage ich jetzt wieder, was können Betriebe tun, und du hast es zu einem gewissen Punkt schon
beantwortet: Was können Betriebe tun, um ihre jungen Angestellten nicht nur in diesen quantitativen
Wettkampf reinkommen zu lassen oder dort zugrunde gehen zu lassen. Ich habe dann die Erwachsenen,
die dann oft dort zugrunde gehen und ausscheren und krank werden. Man redet dann von Burnout. Die

Burnout Kliniken, die boomen auch. Was können die Betriebe machen, dass diese kreativen Leute nicht
als Arbeitskraft verloren gehen und die die Ausscheren dann mit teuren Gesundheitskosten behandelt
werden müssen?

[00:13:38.670] – Prof. Dr. Ursula Renold
Das ist ein sehr spannendes Thema, das mich auch interessiert. Ich habe eine Kollegin an der Maryland
University in den USA. Sie ist eine Chinesin und forscht über das Hochschulsystem in China. Sie ist
extrem kritisch, weil sie sagt, wie du sagst, da gilt dieses Mantra "Publish or perish". Sie sind extrem unter
Druck, viel zu publizieren, sonst verschwinden sie aus dem System. Ich war selbst schon in China. Wenn
ich dann mit Leuten auf der Strasse oder in meinem Bereich, wo es mehr um praktische Bildung geht,
rede, dann sagen sie, wir machen einen Fehler, wir interpretieren den Konfuzius völlig falsch, weil man
leitet sehr vieles auf diese konfuzianische Lehre an. Sie sagt eigentlich, so hat er das nie gemeint. Es
geht um ganzheitliche Bildung und es geht nicht nur um die Kognitive. Ich kritisiere zum Beispiel auch die
OECD, dass sie bei den PISA – in PISA ist ja Shanghai extrem hoch und das ist ein deutliches Zeichen,
Shanghai ist nicht China. Würden sie gesamt China in die Studie einbeziehen, wäre China nicht dort, wo
sie heute sind. Aber die chinesische Politik hat dieses Superlativdenken entwickelt. Wir wollen die
Schnellsten, die Besten, die Reichsten sein. Das wird auf die ganze Gesellschaft übertragen mit dem
Effekt, eben das, und das sagt eben meine Kollegin auch, die Suizidraten nehmen zu, die Leute halten
das nicht aus. Sie sagt eigentlich, das Problem ist, dass verschiedene Menschen dort verlernen, sie
nennt das "the belly brain" und "the cognitive brain" in ein Ganzes zu bringen. Die Intuition wird
unterdrückt. Die Bilder, die man von der Intuition her bekommt, vom Gefühl her, alles was so weich ist
und nicht gut messbar, das sei zunehmend unterentwickelt. Deshalb sagt sie, sie glaube, dass es
längerfristig eher ein Problem ist für die Gesellschaft. Wenn ich so andere Trends anschaue, also ich
beschäftige mich natürlich mit den Folgen des digitalen Wandels. Dort haben wir auch diese
Geschwindigkeit, die immer mehr zunimmt bei den Betrieben. Aber was ich erkenne ist, dass das
Bildungssystem gefordert ist, das Bildungssystem ist eigentlich gefordert, jetzt zu analysieren, was heisst
das eigentlich, wenn der Wandel im Arbeitsmarkt immer schneller geht, aber wir als Bildungsinstitutionen
extrem langsam sind in der Anpassung. Das gibt diese zwei Geschwindigkeiten. Das Resultat ist
eigentlich, und das stimmt mich eben wieder hoffnungsvoll, jetzt komme ich auf deine Frage, was wir
sehen ist, es muss eine relative Verschiebung von den sogenannten Hard Skills zu den Soft Skills geben.
Oder ich sage lieber transferierbare Kompetenzen. Also Kompetenzen, wenn man sie einmal erworben
hat, kann man sie in verschiedenen Berufen oder auch Jobs verwenden.

[00:16:44.890] – Prof. Dr. Ursula Renold
Dazu gehört Kreativität, dazu gehört Methodenkompetenz, soziale Kompetenzen, eben da sind wir
wieder bei der Selbstreflexionsfähigkeit. Personale Kompetenzen. Das wird relativ wichtiger werden.
Deshalb sind wir jetzt an der ETH mit unserem Reformlabor extrem gefragt, weil viele Menschen merken,
ja, aber dann müssen wir den Betrieb auch als Lernort betrachten können. Das Lernen im Betrieb muss
schon stattfinden, weil die technologischen Entwicklungen so schnell gehen, dass die Schulen gar nicht
aufrüsten können, um schon nur die beste Technologie immer im Schulzimmer zu haben. Wenn man sich
so etwas überlegt, dann geht es um die Frage, und das ist interkulturell sehr spannend, welche Länder
haben diesen eher langfristigen, ganzheitlichen Ansatz und sind bereit, in junge Menschen zu investieren,
auch wenn sie noch nicht gerade sehen, was der Ertrag ist, im Verhältnis zu denen, die nur bereit sind,

sehr für kurzfristige Interventionen eine Bildung zu zahlen. Also kurz, der angelsächsische Raum hat die
Tendenz, alles kosteneffizient zu produzieren, zu machen und dann spielt Bildung oder die Förderung der
Menschen natürlich, das ist ein Kostenfaktor. Je kürzer die Ausbildungen sind, je weniger können sie den
Return erkennen. Der kontinentaleuropäische Bereich hat eine ganz andere Wirtschaftsphilosophie. Da
will man eher längerfristig noch denken. Man erkennt die Investition in Bildung als Investition, wo der
Return später kommt und ist bereit, dafür Geld auszugeben.

[00:18:42.060] – Prof. Dr. Ursula Renold
Heute können wir das alles mit Daten belegen, dass dieser Ansatz funktioniert. Das stimmt mich
zuversichtlich, mindestens für die, die die Evidenz verstehen und sehen, wir müssen da im Gegenteil
noch weiter investieren. Betriebe tun gut daran, wenn sie, im Unterschied zu den Amerikanern, die immer
nur sagen "General Education", das hilft. Die tun gut daran, auf diese transferierbaren Kompetenzen zu
schauen, weil sonst werden sie die Leute nicht finden oder müssen sie dann teuer entweder einkaufen
oder nachqualifizieren.

[00:19:21.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Sehr interessant. Wieder ein guter Begriff. Transferierbare Kompetenzen. Wo lernt man die?

[00:19:31.610] – Prof. Dr. Ursula Renold
Das was wir jeweils auch mit unseren Partnern diskutieren. Die Schule und auch die Hochschule hat
dieses typische Klassensetting. Wir sehen, das frontloaded teaching ist eigentlich vorbei. Also die
Vorlesungen, die wir noch besucht haben, wo der vorne etwas vorliest und wir sind da mehr oder weniger
am bewusst zuhören, das ist nicht die Art, wie man transferierbare Kompetenzen lernt. Weil bei den
transferierbaren Kompetenzen geht es oft darum, dass man etwas in sein Verhalten aufnimmt.
Teamfähigkeit, Empathieverhalten, Antizipieren, Problem lösen. Man kann das als Aufgabe vielleicht im
Schulsetting schon machen, aber sobald es sich um Verhaltensänderungen oder Verhaltensentwicklung
oder Konfliktfähigkeit geht, da kann man zwei, drei Übungen im Schulkontext machen und dann muss
man im Lehrplan einen Schritt weitergehen. Im Betrieb ist man täglich bewusst oder unbewusst solchen
Situationen ausgesetzt. Das heisst, deshalb sage ich allen Ländern, substanziell muss das Lernen im
Betrieb stattfinden. Dann haben sie nebenbei gleichzeitig die Förderung dieser Kompetenzen. Das Gute
ist, vieles läuft nicht sehr explizit ab. Ich erinnere mich an meine Berufslehre. Ich kann dir heute noch
sagen, was meine Vorbilder als Chefin oder Chef waren. Sie haben mir an einem bestimmten Tag etwas
gesagt, was ich heute noch als Satz repetieren könnte.

[00:21:18.080] – Prof. Dr. Ursula Renold
Das sind die kleinen Dinge, die in der Summe einem dieses Selbstbewusstsein letztlich geben, was ein
Lehrer fast nicht kann. Der kann nicht auf diese individuellen Persönlichkeiten eingehen, hat nicht die Zeit
zu beobachten, ob jemand jetzt gut reagiert hat in einem Konflikt oder weniger gut. Ich glaube, das ist
diese nicht ganz messbare Komponente in der Bildung, die eine hohe Wirkung hat.

[00:21:45.170] – Dr.med. Ursula Davatz

In unseren technischen Ausdrücken würde man sagen EQ vs IQ. Also Emotional Intelligence. Man muss
die Emotional Intelligence viel mehr fördern, denn die ist ausschlaggebend, ob die Zusammenarbeit
funktioniert.

[00:22:07.180] – Prof. Dr. Ursula Renold
Absolut. Wir machen auch Messungen, wir machen Surveys unter Firmen, wo wir diese verschiedenen
Kompetenzdimensionen fragen, was ist für Sie wichtig, wenn Sie neue Menschen einstellen? Was
bekommen Sie, wenn sie dann eingestellt haben? Das ist ja oft eine Differenz. Man bekommt nie die
Personen, die man sich wünscht bezüglich der Kompetenzdimensionen. Dann fragen wir am Schluss
noch, okay, sie bekommen das nicht, was Sie genau wollen, was wäre denn der Lernort, um bestimmte
Kompetenzen zu erwerben? Das ist das, was wir helfen, den amerikanischen Reformteams zu zeigen,
wenn ihr die Stimmen eurer Wirtschaft habt, dann könnt ihr die zurückspiegeln. Ihr habt gesagt, der
Betrieb ist der beste Lernort, um diese Kompetenzen zu lernen. Also beteiligt euch an Bildungsinitiativen.
Das ist ein Dialoginstrument.

[00:23:01.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Sehr gut. Da kann ich anschliessen, vor Jahren war ich in der ABB im Zusammenhang mit Sucht und
Prävention, also Suchtkrankheit und Prävention, wie kann man es verhindern. Da wurde ich dann auch
durch den Lehrbetrieb geführt. Die haben gesagt, früher hatten sie 12 oder 16 unterschiedliche
Berufswege, die alle linear gegangen sind. Heute haben sie nur noch fünf und ich denke, das geht jetzt
etwas in Deine Richtung und die Lehrlinge werden ins Team integriert. Sie sind zusammen mit dem
funktionellen Team, also können mitarbeiten an der Wirklichkeit, also an dem, was die Firma produzieren
muss, will und entwickeln will.

[00:23:54.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Jean Piaget hat auch gesagt, es ist am besten, wenn man einen Lehrling, einen mittleren Erfahrenen im
Team hat, also so um die 40, wo man quasi auf der Höhe seiner Karriere ist, und einen alten, weisen. Ein
solches Team funktioniert am besten. Die Jungen sind mutig, die Mittleren, die wissen schon, wie es
funktioniert, und die Älteren haben noch Weisheit dazu, was noch mal etwas mehr ist. Also von dort her,
denke ich, hat man damals mit dem angefangen. Ich weiss nicht, wie es jetzt läuft. Ich frage mich jetzt
noch, welche Länder machen das am besten? Wenn du vergleichst?

[00:24:41.460] – Prof. Dr. Ursula Renold
Du meinst jetzt diese Ansätze mit der Integration in den Arbeitsmarkt? Ja, es sind die
kontinentaleuropäischen Länder, also Deutschland, Schweiz, Österreich, Dänemark, Luxemburg. Man
kann es ein bisschen zurückführen auf wirtschaftspolitische Überlegungen. Das ist eine schwierige
These. Wenn jetzt Ökonomen zuhören, dann würde ich sagen, das kann man auch diskutieren. Ich habe
einen Artikel von einem Bildungsphilosophen in England gelesen, der einen Vergleich zwischen Adam
Smith macht und dem deutschen Dogmen-Geschichtler Friedrich List. Der ist sehr spannend zu lesen,
weil Adam Smith hat eigentlich diese Arbeitsteilung als eines seiner Konzepte erfunden in der Ökonomie.
Aber wenn man liest, was er genau gesagt hat; die Erfinder, die brauchen eine gute Ausbildung, sprich
eine akademische Ausbildung. Der Rest braucht nichts. Der Deutsche hat das ganz anders gesehen. Er

hat gesagt, alle brauchen eine gute Bildung. Wir müssen ein langfristiges Konzept haben, wir müssen in
das investieren und wir müssen alle ins Team reinnehmen. Schon dort kam dieser "Jeder ist wichtig" und
jeder muss aber, also die ganze Breite der Begabungsskala, sage ich heute, braucht die Gesellschaft,
damit sie gut ist. Wenn ich heute in gewissen, eben, ich bin viel in den USA unterwegs, aber auch in UK,
wenn ich schaue, merke ich schon irgendwie, hallt dieser Ansatz immer noch etwas nach.

[00:26:14.340] – Prof. Dr. Ursula Renold
In den USA – das geht jetzt in die ABB Geschichte zurück – bilden sie im Arbeitsmarkt sehr kurzfristig
aus, also zwischen vier Wochen und sechs Monaten. Das verstehen sie unter einer Apprenticeship. Sehr
individualisiert auf dem Nutzen der Betriebe. In der Schweiz dauert das drei bis vier Jahre eine
Berufslehre, Apprenticeship. Es ist ein, ich nenne das, Multikompetenzbündel. Eben, die ABB hat ja
gesagt, wir sind von zwölf, ja. Das ist ein Ziel der schweizerischen Berufsbildungspolitik, weil man weiss,
im Alter von 15 bis 20 Jahren heute, das ist einfach der Einstiegsberuf. Jeder Mensch muss in seinem
Leben drei-, viermal umlernen angesichts der Änderungen. Also tun wir gut daran, der Jugend ein ganz
breites Kompetenzbündel zu vermitteln, dass sie dann in alle Richtungen auf und umsteigen können.
Deshalb sind die Berufe heute Berufsfelder geworden. Sie haben Polymechaniker haben sie in der ABB.
Das waren früher etwa acht verschiedene Berufe. Polymechaniker, der kann nachher in ganz
verschiedenen Feldern tätig sein und er kann sich spezialisieren in der höhren Bildung. Das machen vor
allem die Deutschen, die Österreicher und wir. Wir haben dieses typische breite Berufskonzept, das
andere nicht haben. Das ist natürlich sehr Firmen getrieben. Dort geht es wieder um die Frage, wie wir
den grössten Gewinn machen.

[00:27:55.880] – Prof. Dr. Ursula Renold
Bei uns ist man doch noch interessiert daran, die jungen Menschen sieht man als, wir füllen eigentlich
den Fachkräftepool in der Schweiz. Wir denken nicht nur, fast ein bisschen egoistisch, an unseren
Betrieb.

[00:28:11.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Inwiefern verwendet man dann jugendliche Kreative, die zwar noch nicht alle Ausbildung haben, aber
doch sehr kreativ denken können? Inwieweit verwendet man die in der Forschung und Entwicklung?

[00:28:31.520] – Prof. Dr. Ursula Renold
Das ist ein gutes Beispiel. Ich bin stolz, dass die ETH, in der ich jetzt eine Professur habe, sehr viele
Lernende hat. Wir bilden ja auch aus Berufslernende. Die sind, wenn man zum Beispiel auf den
Hönggerberg geht, die sind dann in den verschiedenen Laboratorien. Also ein Schreinerlehrling
beispielsweise, der muss in einem Physiklabor Modelle bauen für die Experimente beispielsweise. Wir
selber bei mir, ich habe eine kaufmännische Lernende gegenwärtig, die bei uns ist, die lernt dann die
Administration. Also das ist sicher ein wichtiger Punkt. Ich war auch zum Beispiel die Firma Logitech
einmal besuchen. Das sind die, die die Computermäuse herstellen oder diese Videokameras. Ich war dort
sehr positiv überrascht. Sie haben genau den Mix, den du gesagt hast, mit dem Beispiel von Jean Piaget.
Sehr viele junge Lernende, sehr viele Techniker und einige Akademiker. Sie haben mir erklärt, die
ursprüngliche Erfindung der Computermaus, das war ein riesen Ding. Sie brauchen praktisch Begabte,

um die Miniaturisierung hinzukriegen. Das heisst, sehr viele Betriebe – ich habe übrigens dazu mit zwei
Kollegen eine Forschung gemacht – inwiefern der gute Mix zwischen praktisch Begabten und intellektuell
Begabten die Innovationsleistung der Schweiz verbessert. Wir konnten nachweisen, dass die Firmen, die
einen guten Mix haben, in der Innovationsleistung besser sind.

[00:30:14.760] – Prof. Dr. Ursula Renold
Wir sind nicht besser, was die Produktion des Massengeschäfts angeht, also die Produkte auf den Markt
bringen, dort sind wir nicht besser. Wir sind besser bei der Innovation.

[00:30:25.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Das freut mich. Ich denke, das ist eine sehr interessante Sache. Wenn ich da noch ein Stückchen
weitergehe, und ich komme wieder zu den ADHSlern. Viele intelligente junge Menschen, die ADHS oder
ADS haben, gehen in unserem Schulsystem oft verloren, kommen drunter, erfüllen nicht die
Anpassungsbedingungen. Sie landen dann in der Psychiatrie und bei der IV. Ich versuche, sie wieder
rauszuholen und irgendwo zu platzieren. Oft verwendet man dann wieder das gleiche, normisierte
Regelsystem, das überhaupt nicht funktioniert. Wenn man ja schaut, wer kreative Potenziale in die Welt
gesetzt hat, da hat es sehr viele ADHSler darunter. Steve Jobs, Richard Branson, Elon Musk, Bill Gates,
Jack Ma und so weiter. Es gibt viele. Meine Frage an dich, wie könnte man die die früher besser abholen,
dass sie nicht verloren gehen? Manche haben das Glück und die haben es geschafft, aber viele gehen
verloren. Ja, wie könnte man die besser früher abholen, sodass sie nicht verloren gehen?

[00:31:49.650] – Prof. Dr. Ursula Renold
Ich würde sagen, das ist eine vielschichtige Thematik. Das Erste, was mir in den Sinn kommt, was mir
gefällt an deiner Frage, ist diese normierte Welt. Das ist aus meiner Sicht eine Krankheit geworden in der
Gesellschaft. Richard Sennett hat die Kultur der Vielfalt gepriesen. Die Menschheit ist reich, weil es
verschiedene Menschen gibt und weil wir vielfältig sind. Das macht uns letztlich reich. Ich weiss gar nicht,
woher es kommt, aber es kommt sicher von der Leistungsgesellschaft her. Es kommt von der
Optimierungsgesellschaft her. Wir sind hyperoptimiert, um nicht zu sagen überoptimiert. Es liegt nichts
mehr drin, was ein Ausreisser ist. Das haben wir bei der Bankenkrise gesehen. Das sehen wir auch jetzt
mit gewissen Prozessen. Über optimierte Systeme, da verträgt es nichts. Man muss genau auf das
eingetrimmt werden, was dieses System erfordert. In der Schule, die ganze Leistungsmessung, sind wir
ehrlich, das ist ein Diskurs, den man hat in der Bildungswissenschaft. Was ist eigentlich der Impact von
PISA auf die ganzen Entwicklungen der Bildungskonzepte. Ich bin eine Kritikerin, ich finde es ist gut,
wenn wir diese Instrumente haben. In der Forschung können wir viel damit machen, aber wenn die Politik
das falsch interpretiert und so einen falschen Ehrgeiz entwickelt, eben China, Shanghai, wir wollen die
Besten sein und dann einseitig, letztlich investiert in die kognitive Leistungsgesellschaft, das ist wichtig,
dann blendet man das aus, was den Menschen auch noch gut macht.

[00:33:41.970] – Prof. Dr. Ursula Renold
Es ist einfacher zu messen, diese Dinge, als wenn wir transferierbare Kompetenzen messen sollten.
Deshalb hat sich eine Entwicklung ergeben, die wahrscheinlich in der nahen Zukunft, meine These,
aufgebrochen wird, weil wir jetzt so langsam merken, es hat viele Nachteile. Diese überoptimierte

Gesellschaft. In den USA gibt es die Diskussion über, wie schädlich die Superlativgesellschaft eigentlich
ist. Brené Brown ist eine Wissenschaftlerin, die hier relativ viel darüber geschrieben hat.

[00:34:18.460] – Prof. Dr. Ursula Renold
Also kurz, ich glaube, es ist ein vielschichtiges Problem, um das aufzulösen. Ich habe kein Rezept,
ausser dass ich denke, die Sensibilisierung der Lehrpersonen ist natürlich ein wichtiges Thema. Also
beginnt bei den pädagogischen Hochschulen, die die Lehrpersonen ausbilden. Die müssen sich bewusst
sein, was sind dann so typische Verhaltensmuster von Menschen, die diese Verhaltenseigenschaften
haben. Der Zappelphilipp, das hat man früher schon gehört, aber man wusste nicht, was das genau
bedeutet. Heute glaube ich, wisst ihr ja viel mehr.

[00:35:00.320] – Prof. Dr. Ursula Renold
Klar, die Lehrpersonen haben sehr hohe Ansprüche heutzutage. Aber ich glaube, es wäre wichtig, dass
man dort sensibel ist und eben, dass man schülerzentrierten Unterricht machen kann. Da kann man die
Normierung aufbrechen. Wenn die Pädagogik schülerzentriert läuft, dann können nämlich die
Jugendlichen ihre Potenziale auch wirklich entfalten. Ein anspruchsvoller Unterricht. Das wird bis jetzt
noch nicht wirklich so umfassend gelebt, wie es vielleicht gut wäre.

[00:35:36.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Es freut mich, dass du sagst, die normierte Welt, also die normierte Gesellschaft ist eine Krankheit. Diese
starke Normierungstendenz ist eine Krankheit. Da fallen wir Psychiater dann oft sogar rein. Wir sollten
dann die aberierten Individuen wieder in die Normierung reinbringen. Das geht nicht, wenn man nicht den
Kern dieses Menschen gefunden hat und seine eigene Fokussierung. Also auch wir Ärzte sind an dieser
Normierung unterworfen. Da wehre ich mich natürlich auch dagegen. Vielleicht noch etwas, es ist
interessant, auf medizinischer Ebene hat ja die traditionelle chinesische Medizin etwas Einzug in unsere
Medizin gefunden. Dort kommt das ganzheitliche noch durch. Wir lernen das von Ihnen. Die haben von
uns das intellektualisierte, normierte Leistungsgesellschaftsdenken angenommen und das andere wird
dann unterdrückt. Ist eigentlich irgendwie tragisch.

[00:36:49.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kann dich nur unterstützen und untermalen mit einem biologischen Grundsatz. Du hast gesagt, die
Vielfältigkeit der Menschheit macht es aus und macht uns erfolgreich. Da sagt man, heterogene
Populationen, rein genetisch, also heterogen, unterschiedliche Gene, die überleben viel besser als
Homogene. Wir streben in der Bildungswissenschaft zum Teil auf homogene Bildungssysteme zu, also
überall das gleiche. Weil man das besser messen kann. Das Heterogene kann man natürlich dann
weniger gut messen.

[00:37:31.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, Muster kann man trotzdem erkennen. Von dort her finde ich es toll, dass du da einen Lichtblick
siehst, dass es langsam etwas ändert. Das freut mich natürlich.

[00:37:45.240] – Prof. Dr. Ursula Renold
Ich glaube eben, vielleicht erkennen das noch nicht alle, aber die digitale Transformation, man mag sie
lieben oder nicht lieben und wir wissen nicht, wohin das insgesamt führt. Da gibt es ja auch von meinen
Kollegen an der ETH teilweise doch bedenkliche Szenarien, die gezeichnet werden.

[00:38:03.880] – Prof. Dr. Ursula Renold
Wenn es darum geht, dass Schule als einzige Stätte der Bildung aufgebrochen wird und man merkt, es
ist viel mehr als nur, was wir in der Schule lernen, was wichtig ist, dann haben wir eine Chance, weil nur
dann, glaube ich, kann diese ganzheitliche Bildung wieder eher Fuss fassen.

[00:38:23.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Sehr schön. Jetzt bringe ich noch ein Thema rein, Geschlechtsunterschiede. Man redet ja viel in der
Politik und Entwicklung von Gleichstellung der Geschlechter. Ich habe vor Jahren bei Iris von Rothen
gewohnt. Sie war ja eine Vorkämpferin. Ich sage, Frauen und Männer verwenden unterschiedliche
Kompetenzen, um sich durchzusetzen. Also der Wettbewerb, der von Frauen und von Männern geführt
wird, läuft etwas unterschiedlich. Im Medizinstudium haben wir jetzt mehr als 50 Prozent Frauen, die
Medizin studieren, aber in den obersten Schichten, in den obersten Positionen sind es weniger als 10
Prozent. Was müsste da noch passieren, dass die Frauen nicht mit gleichen Mitteln kämpfen müssen wie
Männer und dass die Frauen ihre Kompetenzen wo ja auch die Emotionalen dazugehören besser
einbringen können ins Ganze, dass es dann wieder diese gute Mischung gibt.

[00:39:40.130] – Prof. Dr. Ursula Renold
Eine sehr schwierige Frage, die beschäftigt mich eigentlich auch schon das ganze Leben. Ich habe
nämlich meine Dissertation auch ungefähr zu einem solchen Thema gemacht. Wieso sind die
Bildungsunterschiede in der Schweiz so gross gewesen, immer noch gross? Woher rührt das eigentlich
im Spiegel der sozioökonomischen Entwicklung? Um es auf den Punkt zu bringen, es ist ein Huhn und Ei
Problem. Ich glaube, wenn wir mehr Rollenvorbilder hätten.

[00:40:11.760] – Prof. Dr. Ursula Renold
Ich kann dir ein Beispiel machen, als ich Bundesamtes für Berufsbildung und Technologie (BBT)
Direktorin war, war ich die einzige Frau. Die Journalisten fragten mich immer, wie es jetzt als Frau in
dieser Führungsetage?. Ich war ja ziemlich selbstbewusst schon da und dachte, ich werde sowieso
immer sagen, was ich denke. Es war für mich nicht so schwierig. Ich habe dann schon gemerkt, es ist
schon für viele schwierig. Ich musste den Frauen Mut machen. Ich habe sicher hunderte von
Bewerbungsgesprächen geführt. Ich merke immer, oft haben sich Männer wahnsinnig toll verkauft. Wenn
man ein bisschen nachgefragt hat, dann ist das Kartenhaus ziemlich zusammengefallen. Frauen hatten
oft die Tendenz, dass es schwierig war, über zwei Sätze hinaus irgendeine Antwort zu bekommen, ohne
dass man nachgefragt hat. Man musste richtig die Frau motivieren, zeigen Sie sich, brand yourself. Das
habe ich dann gemerkt und gefunden, ich muss mindestens intern in meinem Amt dafür sorgen, dass
Frauen sich zutrauen, aufzusteigen.

[00:41:23.480] – Prof. Dr. Ursula Renold
Ich war sehr stolz, als ich das Amt verließ, hatten wir mehrheitlich Frauen in der Führung, in meinem
Direktorium. Das ist heute auch mein Ansatz. Ich glaube, wir müssen Frauen Mut machen und müssen
sie auch begleiten. Oft sage ich, die Chefin ist auch ein bisschen der Coach. Im Sinne, du könntest dich
jetzt schon zeigen. Zeig dich mal. Nimm ein bisschen mehr Zeit, um deine Positionen zu verteidigen. Es
ist eine Rolle, das Vorbild zu sein, oder der Person, die gleichwertig fördern möchte, dafür zu sorgen,
dass der Ausgleich da ist. Ich muss sagen, ich habe ja selber auch erlebt, als ich einmal für das höchste
Amt im Bund kandidierte, da hatte ich wieder ein Assessment machen müssen. Dann sagt die Frau, die
Lead Assessorin, sie haben das super bestanden, alles gut. Ich will Ihnen einen Tipp geben. Sie haben
so ein anderes Führungsverständnis, als der Durchschnitt, den wir hier haben, dass sie einfach sehr viel
Energie brauchen, um sich durchzusetzen. Ich war so etwas von wütend. Ich habe zuerst gar nicht
verstanden, was sie mir eigentlich sagen wollten. Ich habe gedacht, ok, als Wissenschaftlerin kenne ich
die Gausssche Kurve. Ich werde wahrscheinlich mit 95% von Männern in dieser Funktion verglichen.

[00:42:53.660] – Prof. Dr. Ursula Renold
Ergo bin ich als Frau der Ausreisser. Das heisst, wieder die Normierung. Ein Führungsverhalten in diesen
Positionen ist normiert auf ein bestimmtes Verhalten. Abweichler haben es schwierig. Schwierig heisst,
man braucht mehr Energie, um sich zu sich durchzusetzen. Dann heisst es, sie sei schroff oder laut, der
Mann sei durchsetzungsstark. Dann kommen diese alten Klischees. Ich glaube, vor dem haben viele
Frauen Angst. Der Führungsstil von Frauen ist bis zu einem gewissen Grad eben anders. Das finde ich
toll, wenn sich die Menschen als komplementär zu etwas Neuem ergänzen. Wenn die Mehrheit getrieben
wird durch ein anderes Konzept, ist es immer schwierig für Frauen hier wirklich Fuss zu fassen.

[00:43:52.450] – Prof. Dr. Ursula Renold
Da gibt es nur eines. Es braucht einfach mehr Frauen in Führungsetagen. In Verwaltungsräten versucht
man es jetzt mit Quoten. Aber an der ETH haben wir auch noch keine Chancengleichheit. Überhaupt an
den Hochschulen ist diese Leaky Pipeline eigentlich auch so. Dort ist natürlich die Familienexterne
Betreuung auch ein Thema. Wenn die Familie gegründet wird, wer schaut zu den Kindern und wer macht
eben Karriere als Assistenzprofessor oder Professorin. Es sind schon Fragen, die sind komplex und nicht
so einfach zu lösen. Aber je mehr gute Rollenbilder es gibt, je mehr kann man junge Menschen wirklich
stimulieren und dazu beitragen, dass wirklich die Vielfalt wichtig ist und nicht eben diese Normierung.

[00:44:42.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe über ein Projekt von Google gelesen. Die haben mit vielen Algorithmen versucht
herauszufinden, welches Team am besten funktioniert. All diese gescheiten Algorithmen haben nicht viel
gebracht und am Schluss kamen sie auf ganz einfache Schlüsse. Der Schluss war, ein Team funktioniert
gut, und jetzt kommen die weiblichen Eigenschaften, jetzt kommt zuerst die Quantität, wenn jeder, der im
Team ist, gleich viel Redezeit hat. Equal speaking time. Wenn die Individuen, die in der Gruppe sind,
fähig sind, den anderen zu lesen. Also Empathiefähigkeit und wenn gleich viele Frauen im Team sind wie
Männer. Das hat man aber weggelassen. Man hat die Frauen abstrahiert auf Empathiefähigkeit. Wenn
die anderen empathiefähig sind, dann reicht das. Aber eben die Frauen, die haben diese Fähigkeit, dass
sie schauen, wie es dem anderen geht und was denkt der jetzt und dass man dann interagiert. Was du

gesagt hast, dass die Frauen, wenn sie sich vorstellen, an Vorträgen, habe ich das auch oft bemerkt, die
Männer haben sich breit ausgebreitet, also ihr Pfauenrad gestellt, was sie alles können und tun. Die
Frauen haben ein bisschen gesagt und dann sich schon gleich wieder entschuldigt dafür, dass es noch
nicht ganz so gut ist und so weiter und so weiter.

[00:46:25.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat so Witze unter den Medizinern, man sagt, die Chirurgen können alles, aber sie wissen nicht, die
Mediziner wissen alles, aber sie können nichts und die Psychiater, die wissen nichts und können nichts.
Ich habe dann gesagt, dafür sind sie ständig am Lernen. Ich denke, das ist eine wichtige Haltung, dass
man bereit ist, auch noch zu lernen.

[00:46:55.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Empathiefähigkeit, die es braucht in einer Gruppe, auf das ist man gekommen, über die
Autismusforschung, was noch interessant ist. Also vom ganz Kranken her. Von dort her haben sie das
geholt. Meine Frage ist jetzt, hat man Programme für Mädchen, die lernen, sich besser darzustellen, und
für Jungen, die lernen, sich besser zurückzuhalten. Unser Sohn hat mit Mädchen und Buben, also einem
gemischten Fußballteam, Fußball geübt, und dann hat er die Regel gemacht, nur noch die Mädchen
dürfen Gole schießen, und die Jungen nicht. Die Jungen waren zuerst natürlich wütend und sind wütend
rausgegangen. Wenn sie dann aber mitgemacht haben, dann waren die kooperativer. Solche
Experimente, macht man das in den Ausbildungssystemen oder nicht?

[00:48:03.540] – Prof. Dr. Ursula Renold
Das macht man. Vor allem ist es interessant, dass wir im MINT Bereich, Mathematik, Informatik,
Naturwissenschaft und Technik, ein grosses Problem haben. Das ist die typische Berufswahl und auch
Studienwahl für Männer. Das sieht man in den Berufsschulen bis zur ETH. Dort ist eigentlich der
Überhang von Männern. In asiatischen Ländern ist das aber nicht im gleichen Ausmass. Vor allem bei der
Informatik beispielsweise. Nicht im gleichen Ausmass der Fall. Also stellt sich schon die Frage, wo liegt
das Problem? Ich habe hierzu keine eigene Forschung gemacht, ausser die Dissertation, in der ich mich
mit diesem dualistischen Rollenverständnis auseinandergesetzt habe, das sehr tief in die Geschichte
zurückgeht, in unserer europäischen Kultur. Ich habe einen Artikel geschrieben, woher kommt das
eigentlich? Das dualistische Rollenverständnis. Ist das Aufklärung gewesen, wo man damit begonnen hat
zu messen, ob jetzt die Frau besser ist als der Mann. Dieses Buch über den physiologischen
Schwachsinn des Weibes, wo man den Kopfumfang gemessen hat, gemerkt hat, der Kopfumfang der
Frau ist weniger gross als der des Mannes. Ergo ist sie weniger gescheit. In dieser Zeit gab es sehr viele
Studien, wo die Messbarkeit quasi, also Psychologie und Statistik sind verschmolzen, so Psychotechnik,
da hat man ja sehr viel versucht, Geschlechtsunterschiede herauszufinden.

[00:49:39.640] – Prof. Dr. Ursula Renold
Ich habe Studien gefunden, die zeigen, das war auch schon zu den Zeiten der Römer war das ein
Thema. Es geht viel weiter zurück in der Geschichte. Was meine These eben ist, ist, also ich habe das ja
in den 90er Jahren gemacht, und meine These ist, wenn der genetische Code dann und das können wir

jetzt richtig entschlüsseln. Wenn diese Studien wiederkommen. Man will ja einfach herausfinden, was ist
jetzt geschlechtsspezifisch und was ist nicht geschlechtsspezifisch.

[00:50:11.640] – Prof. Dr. Ursula Renold
Das Problem ist, dass die Gesellschaft ja sehr selbstreferentiell unterwegs ist, weil Sozialisierung und
kulturelle Selbstreferenzialität, das ist immer noch eine ganz mächtige Kraft. Das heisst, wenn natürlich
das, was ich habe, fühle mich auch als Mitkämpferin für Gleichberechtigung. Das ist glaube ich unsere
Generation, die nicht verstanden hat, warum das Frauenstimmrecht in der Schweiz erst so spät
eingeführt worden ist. Aber es gibt immer wieder Tendenzen, wo halt diese Rollenteilung, wer macht jetzt
was und wer schaut für die Kinder und so. Die kommt wieder. Die dann natürlich dazu führt, dass dieses
Verständnis nicht aufgelöst werden kann. Ich weiss, ich hatte dazu mal eine erste Metaanalyse
untersucht, bei der es 10.000 Resultate gibt, bei dem geometrischen Vorstellungsvermögen zwischen
Männern und Frauen.

[00:51:14.410] – Prof. Dr. Ursula Renold
Mathilde Vaerting hat da eine extrem gute Arbeit gemacht. Sie konnte aber nachweisen, dass 9'000
dieser Resultate gebiased sind durch die Forschungsinterpreten, die Männer waren. Nur bei wirklich
1'000 von 10'000 Resultaten hat man wirklich Evidenz geführt. Aber eigentlich konnte sie nachweisen,
dass es nicht so ist, dass die Frauen eigentlich immer ein schlechteres, geometrisches Verständnis
haben oder ein mathematisches Verständnis haben. Was ich aufzeigen konnte, diese Studien wurden
rezipiert von Bildungspolitiken und von Leuten, die eben Konzepte für die Zukunft gemacht haben. Das
meine ich mit Selbstreferenzalität. Das ist es wiederum. Die Evidenz war keine gute Evidenz, erstes
Faktum. Das Zweite ist, es wurde auch nicht richtig rezipiert. Damit haben wir diese ideologischen
Opinion Leaders, die dazu beigetragen haben. In der Schweiz mussten die Frauen ja selber dafür
kämpfen, dass sie alle Berufe lernen konnten. In der Phase von 1860 bis 1930, bis zum ersten
Berufsbildungsgesetz, war es ein Kampf der Frauen. Es ging um jeden Beruf, ob man den lernen kann
oder nicht, ob man Buchhalterin werden kann oder nicht, weil es wieder hiess, mit Zahlen arbeiten geht
nicht für Frauen. Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen. Das waren die Diskurse gewesen, vor
allem rund um den Ersten Weltkrieg.

[00:52:49.030] – Prof. Dr. Ursula Renold
Dann kam der Weltkrieg, alle Männer waren an der Front und alle Frauen haben dafür gesorgt, dass das
Geschäft läuft. Mit Faktizitäten konnten die Frauen doch belegen, sie können die Bäckerei führen, sie
können die Buchhaltung führen, sie können eigentlich fast alle Jobs machen. Das hat dann eigentlich zur
Befreiung in dem Sinn geführt, dass man gesagt hat, Berufsbildung kann jeder alles machen. Aber wir
sind dort, wo du die Frage gestellt hast, ja, die vertikale Segregation, also dann aufsteigen, der Mann wird
Pfarrer, die Frau wird Pfarrhelferin. Es ist am Schluss dann eben schon die Frage, wo liegt das Prestige?
Heute hat sehr vieles mit Prestige zu tun. Ich würde es mal sagen, interessant, wenn die Mediziner
feminisiert werden, wie gross das Werteprestige dann dieses Berufes in 40 Jahren sein wird.

[00:53:45.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Ob das dann sinkt oder wie?

[00:53:49.260] – Prof. Dr. Ursula Renold
Die Männer haben eine Begabung, in diese Jobs sich hinein zu selektionieren, wo auch die Saläre oft
höher sind. Deshalb haben wir diese Frage der gleichen Bezahlung.

[00:54:02.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Meine Frage ist, du sagst in Asien ist das weniger stark so, hängt das mit unserem patriarchalen System
zusammen, das natürlich auch über unsere christliche Religion usw. gegeben wurde und das ins ganze
Volk reingegeben wurde? Während in Asien, da hat es Konfuzius gewisse Prinzipien, aber Gesetze,
Prinzipien sind weder patriarchal noch patriarchal. Also dass da neutraler geblieben ist und dass dort
einfacher ist für die Frauen in das einzusteigen?

[00:54:39.800] – Prof. Dr. Ursula Renold
Ich habe leider nie eine solche interkulturelle Studie machen können, aber ich würde dir schon Recht
geben, es wird sicher sehr auch religiös geprägt sein. Das sieht man ja auch, wenn man jetzt die
Diskussionen verfolgt, die wir in der Vergangenheit zum Islam geführt haben. Die Frage der
Respektierung der kulturellen Werte. Wir hatten auch die Diskussion, dass wir keine verschleitenden
Personen in der Schweiz wollen. Gewisse Leute sagten, das wollen wir nicht. Weil sie das auf einen zum
Teil unterschiedlichen Status der Frau in der Gesellschaft zurückführen. An solchen Themen merkt man
schon, man muss tief hineingehen, um zu verstehen, warum ein Land anders ist, als man selber ist. Ich
bin ein bisschen bewandert mit Konfuzius und auch Buddhismus, Hinduismus, weil ich viel in Indien und
Nepal bin. Aber ich würde mal sagen, so einfach ist es eben dann doch nicht. Vor allem heutzutage mit
dieser globalisierten Welt und des Verschwimmens dieser kulturellen Identität.

[00:56:00.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Zum Abschluss möchte ich noch mal zur Zusammenarbeit kommen. Es sind an sich immer wieder
ähnliche Themen. Inwiefern lernen junge Menschen innerhalb der verarbeiteten Gruppe, systemrelevant
zu kooperieren? Da sage ich wieder, dass Männer mehr lernen müssen, sich zurücknehmen, und Frauen
mehr lernen müssen, sich zu präsentieren. Du hast das schon gesagt, wegen der IT Welt, also
hauptsächlich beherrscht von Männern. Linus Torvalds der hat ja ein gewisses Benehmen an den Tag
gelegt, dass die Frauen dann nicht mehr wollten und drum ausgestiegen sind. Er hat es dann
schlussendlich gemerkt, so geht es nicht, und hat dann eine Auszeit eingeführt, da er in sich gehen
wollte. Aber Verhaltensmuster werden ja nicht in einem halben Jahr verlernt. Da müsste man an sich
früher an diesen Verhaltensmustern arbeiten. Gibt es da schon Modelle, wo man, also in der Psychiatrie
macht man dann Gruppentherapie und solche Dinge, aber im normalen Bildungsleben, gibt es da schon
Modelle, dass Jungen und Mädchen lernen, auf eine neue Art miteinander zusammenzuarbeiten, wo sie
nicht nur das althergebrachte patriarchale Muster einfach durchdrücken?

[00:57:45.000] – Prof. Dr. Ursula Renold
Da gibt es sehr viele Fortschritte in den letzten 20 Jahren, unterschiedlich nach Bildungsstufe und
Teilsystem der Bildung. Die größte Wirkung haben wir in der Volksschule, da wurde es schon eingeführt.

Die haben Sozialkompetenzen, die haben einen kompetenzorientierten Lehrplan. Da wird auch sehr viel
moderne Formen des Unterrichts praktiziert. Die Grundlagen werden gut gelebt. Ich sage das, weil ich
viel mit anderen Ländern zu tun habe. In den USA bezeichnen sie die Jugendlichen bis 25 als Kids. Die
könnt ihr doch nicht als Kids bezeichnen? Das sind ja junge Erwachsene. Die Kids sind völlig
unselbstständig. Ah, das ist interessant. Ich behaupte, die 17 Jährigen sind ziemlich selbstständig. Seit
wir solche Delegationen in der Schweiz haben, in unserem Reformlabor. Das wird jedes Mal als totale
Erkenntnis von den Ausländern artikuliert.

[00:58:58.640] – Prof. Dr. Ursula Renold
Wow die können mit 15 selbstständig eine Präsentation auf Englisch machen. Nicht einmal ihre Sprache,
vor so einem internationalen Publikum. Das ist so toll. Dann sage ich Ja, weil wir in der Volksschule
Grundlagen legen, weil wir in der Berufsbildung, in allen Bildungsplänen sind diese Kompetenzen. Wir
haben etwa, ich würde sagen, 50 Textbausteine zu diesen transferierbaren Kompetenzen, die in die
Lehrpläne integriert sind. Die Betriebe und die Schulen müssen etwas unternehmen, um diese zu fördern.

[00:59:35.310] – Prof. Dr. Ursula Renold
Man kann auch auswählen von den 50, welche werden jetzt in Beruf, Banken, Diskretion beispielsweise,
oder? Wenn das im Lehrplan steht, muss ein Feedback dazu organisiert werden. Das heisst, die
Betreuerin hat das im Lehrplan. Wenn man z.B. am Bankschalter ist, wird das thematisiert. Du kannst
nicht mit deiner Freundin über Bankdaten eines Kunden reden.

[01:00:03.190] – Prof. Dr. Ursula Renold
Es gibt auch Tools, z.B. Metareflexion, wo Sie wie selber Erkenntnisse machen müssen. Es gibt
Selbsteinschätzung, Fremdeinschätzungssessionen, wo Sie lernen, ob Sie sich selber gut einschätzen
können gegenüber einem Fremdurteil. In der Berufsbildung läuft es sehr gut. Ich gebe meinen Lernenden
auch immer Feedback, wenn die besonders etwas Gutes gemacht hat. Oder wenn sie etwas machen,
was ich finde, das wäre auch noch gut, wenn der Doktorand oder der Postdoc erkennen würde, wie
wertvoll das war, was die Person gerade gemacht hat. Dann mache ich ein aktives Feedback und sage,
ich fand das besonders gut, weil das brauchen wir.

[01:00:50.820] – Prof. Dr. Ursula Renold
Briefe schreibt man heute so. Wenn ich die von Studenten sehe, muss ich sagen, da könnte doch noch
einiges gelernt werden. Diese Art von Feedbacks, die bekommt man in dem Betrieb sehr viel öfter als in
der Schule.

[01:01:06.660] – Prof. Dr. Ursula Renold
Bei der Hochschule, bei uns an der ETH, gibt es schon ein Kompetenzframework. Wir machen das in
unserer nächsten Vorlesung mit Bachelorstudenten, wo wir versuchen, aus einem Katalog von ungefähr
40 Kompetenzdimensionen zu schauen, was kann man in einer Vorlesungssequenz mitbefördern.
Selbstgesteuertes Lernen zum Beispiel. Selbstständigkeit. Also Dinge, die wir nicht prüfen in dem Sinn
am Ende, wenn wir eine Prüfung machen, sondern wo wir heute mit den digitalen Tools quasi die

Instrumente nützen können, um ihnen einen Spiegel hinzuhalten, wie selbstständig sie eigentlich durch
das ganze Programm, durch sich durchgearbeitet haben.

[01:02:02.560] – Prof. Dr. Ursula Renold
Solche Dinge glaube ich, das weiss die ETH, dass die Absolventen auf dem Arbeitsmarkt, wir haben eine
Studie dazu gemacht. Wer hat eher Mühe, sofort eine Stelle auf dem Arbeitsmarkt zu finden. Es sind
eben die, die noch nicht betrieblich sozialisiert sind, also die wenig Berufserfahrung haben, neben ihrem
schulischen Abschluss. Deshalb nennt man das ja die Generation Praktika. Die müssen zwei, drei
Praktika absolvieren, bis sie dann in einen festen Job hineinkommen. Das ist an sich für mich eher
ineffizient. Also es wäre gut, wenn man die vielen Kompetenzen, wenn es irgendwie geht, schon während
des Studiums lernen könnte.

[01:02:48.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Sehr schön. Prof.Dr. Ursula Renold, Du machst mir Hoffnung für unser Bildungssystem. Du zeichnest
eine sehr schöne, breite und zukunftsgerichtete Vision oder schon Realität über das aus. Das freut mich
sehr. Ganz herzlichen Dank Prof.Dr. Ursula Renold für dieses Interview. Es hat mich sehr gefreut.

[01:03:09.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Mich ebenfalls. Vielen Dank Ursula für dieses wunderbare Gespräch. Ich höre dir immer auch sehr
interessiert zu und finde es super toll, dass du dich so stark für diese Menschen interessierst und
engagierst, die eben Querdenker sind.

Podcast: Welche Schulen brauchen die Kinder von heute?

Transkription

Transkript

Dr.med. Ursula Davatz, Dagmar Rösler

10.7.2021

Welche Schulen brauchen die Kinder von heute?

Audio

[00:00:03.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Dagmar Rösler, es freut mich sehr, dass Sie zu diesem Interview gekommen sind. Ganz herzlich
willkommen. Ich habe mir ein paar Fragen ausgedacht. Ich mache vorher immer kleine Einleitungen, aber
wir können dann auch über andere Dinge sprechen. Ich habe vor Jahren im Kanton Aargau in der
Arbeitsgruppe Gesundheitserziehung mitgemacht. Das war im Rahmen von Lehrplanrevision. Ich war in
der Untergruppe Gesundheitserziehung. Zuerst haben wir immer darüber gesprochen, was die Kinder
müssen, die Kinder sollen,, was sie alles lernen müssen. Schlussendlich haben wir alles
rausgeschmissen und gesagt, "Leben und leben lassen". Wir sind auf eine ganz freie Schiene gegangen.
Als ich meine Kinder in der Schule begleitete, dass die Kinder, und ganz allgemein sehe ich, dass die
Kinder von Natur her sehr neugierig sind und lernbegierig sind. Die Kinder wollen lernen. Es ist nicht so,
dass sie lernen abweisen. Als Psychiaterin treffe ich immer wieder Menschen an, die in der Schule eine
unerfüllte Schulkarriere hatten und die dann nicht mehr lernen wollen und sich zurückziehen. Ich möchte
sie als erstes fragen, was macht das Schulsystem, was macht man in der Schule heutzutage, um die
natürliche Neugier der Kinder aufrechterhalten zu können, respektive das nutzen zu können, dass die
Lernbegeisterung nicht unterdrückt oder abgetötet wird. Ich habe natürlich nur die Patienten, die
Menschen, die darunter gekommen sind. Es sind längstens nicht alle, das ist ganz klar.

[00:02:00.960] – Dagmar Rösler
Ich denke, wenn man von früher spricht, wie es früher war, als eure eigenen Kinder in die Schule gingen,
da ist mittlerweile sehr viel passiert. Es hat nicht nur mit dem Lehrplan 21 zu tun, es hat auch mit einem
neuen Bewusstsein zu tun gegenüber den Kindern. In der Schule versucht man heute, dort anzuknüpfen,
wo man Kinder begeistern kann. Das kann man gut machen, z.B. in Natur Mensch Gesellschaft (NMG).
Das kann das mit Liedern und Musik machen, das kann man im Sport machen, in der Bewegung. Aber
man muss auch immer sehen, dass man in der Schule den Auftrag hat, Kindern etwas beizubringen, die
für spätere Übergänge notwendig sind. Nicht alle Kinder mögen rechnen und doch müssen sie es
machen. Nicht alle Kinder mögen Deutsch oder Französisch oder nicht alle Kinder mögen turnen. Es ist
der Auftrag der Schule, den Kindern in einem gewissen Bereich etwas beizubringen. Man versucht, dort
anzuknüpfen, um Kinder neugierig zu behalten und um Kinder neugierig zu machen, wenn sie es nicht
sind. Aber selbstverständlich sind nicht alle Kinder in jedem Bereich gleich. Gleich offen, gleich neugierig.

[00:03:16.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich höre von Eltern, dass sie sagen, dass ein Kind zum Beispiel gerne Fussball spielt, dann hat es aber
im Französisch eine schlechte Note. Dann sagen Eltern, dass das Kind erst wieder Fussball spielen darf,
wenn es in den Noten hochgekommen ist. Das ist die falsche Strategie. Man muss das Kind machen
lassen, was es gerne macht. Das, was dann noch Pflicht ist, dazu. Aber nicht das, was es gerne macht,

was es motiviert, wegnehmen. Viele Eltern meinen, indem sie das wegnehmen, sei das Kind mehr
motiviert. Das stimmt aber nicht. Wie haben Sie das erlebt?

[00:03:55.690] – Dagmar Rösler
Das sagen Sie genau richtig. Man darf das Kind nicht bestrafen, indem man etwas wegnimmt, wo dafür
lebt und wo es dafür aufblüht. Für eine schlechte Leistung in der Schule. Ich behaupte, kein einziges Kind
und keine Jugendliche, darüber können wir noch diskutieren, macht extra schlechte Leistungen in der
Schule. Da steckt ja etwas dahinter. Entweder nicht verstanden, nicht so interessiert. Etwas ist schlecht
gelaufen ist und wenn man es dann noch bestraft, indem es nicht Fussball spiele gehen darf nicht reiten
gehen darf, das ist sicher kontraproduktiv. Dann hat man Angst, vor dem nächsten Mal wieder eine
schlechte Leistung zu machen. Das Gleiche gilt übrigens auch für eine gute Leistung zu belohnen, z.B.
Monetär mit Geld. Das erleben wir viele in der Schule, dass Kinder zu Tode betrübt sind, wenn sie nur
Note fünf gemacht haben. Man könnte hier noch ein Feld aufmachen, was Noten für Sinn und Unsinn
Noten sind. Aber dann ist für Kinder nur eine gute Leistung nicht mehr gut genug. Dann kommt das Kind
so unter einen starken Druck, weil es das Gefühl hat, nur Note sechs ist gut, weil dann erhalte ich 50
Franken. Das sind sicher Strömungen in die falsche Richtung.

[00:05:11.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich war auch immer dagegen, dass man den Kindern Geld gibt für eine gute Note. Man hat Freude an
einer guten Note, an einer guten Leistung, an einer etwas tieferen Note. Es kommt immer darauf an, wie
das Kind begabt ist und wie es Fortschritte macht.

[00:05:26.440] – Dagmar Rösler
Genau, man muss sehen, was das Kind geleistet hat, um dort hinzukommen. Nicht das Endresultat ist
wichtig, sondern der Weg dorthin. Wenn sich das Kind extrem gut vorbereitet hat, vielleicht hat es nicht
einen Sechser oder ein Fünfeinhalber, dann kann man doch sagen, dass man gut vorbereitet war und
nicht mehr machen konnte. Jetzt hast du diese Leistung erbracht und es ist okay.

[00:05:49.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann sind sie auch nicht unbedingt dafür, dass wir mit Geld bezahlt. Auf keinen Fall. Da sind wir uns
einig. Das freut mich. Jetzt habe ich eine weitere Frage. Die Schweiz hat sehr viele Einwanderer, sehr
viele Migranten. Von dort her gibt es ganz viele unterschiedliche Kulturen. Zum Teil hat man gemerkt,
dass die Kinder Albanisch, Schweizerdeutsch sprechen. Wir sind ein offenes Land, wir wollen die
Kulturen auch willkommen heissen. Da frage ich: Wie geht man damit um in den Schulen und was macht
man, damit die schweizerische Kultur nicht untergeht, unter dieser ganzen Varianz?

[00:06:52.220] – Dagmar Rösler
Man muss ja immer sehen, die Volksschule ist ja der Spiegel der Gesellschaft. So wie die Gesellschaft
aussieht und die Politik funktioniert, Das ist direkt übertragbar in der Volksschule. Ich finde, wir haben
grosse Ressourcen mit den verschiedenen Kulturen, die wir nutzen können. Z.b. indem man
Sprachunterricht nutzt. Indem man sagt, wie sagt man in eurer Sprache «Grüezi»? Oder was habt ihr für

Traditionen hat. So wie wir Weihnachten oder Ostern feiern. Dass das ja auch eine Öffnung für zukünftige
Erwachsene gibt oder für zukünftige Menschen, die unsere Gesellschaft prägen werden. Ich finde das
sehr wichtig und das muss man nutzen, im Wissen darum, dass es nicht immer ganz einfach ist. Wir
haben ein schweizerisches Schulsystem, das sich auf die Schweiz ausrichtet. Da passen nicht immer alle
Kulturen 100%ig rein. Es gibt uns auch eine Chance, spontan zu bleiben, offen zu bleiben, flexibel zu
bleiben. Wenn man das richtig nutzt, ist das nur eine Chance für unsere zukünftige Gesellschaft.

[00:07:58.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Da bin ich ganz mit Ihnen einverstanden. Können die Lehrer damit umgehen oder brauchen sie mehr
Unterstützung? Man hat ja auch Kulturübersetzer. Die Kinder lernen sich oft gut anzupassen, aber zu
Hause ist es dann wieder eine ganz andere Kultur. Dann müssen die Kinder zwischen der
schweizerischen Kultur und der Kultur zu Hause hin und her gehen. Auch für die Kinder kann das sehr
interessant sein. Sie werden sehr flexibel. Aber manchmal ist es auch schwierig. Was macht man da?

[00:08:36.180] – Dagmar Rösler
Das ist meine Beobachtung. Dass die Kinder damit am wenigsten Mühe haben. Es ist für die Lehrerinnen
und Lehrer eine grosse Herausforderung. Diese Brücke zu schlagen und diese Gratwanderung zu
begehen. Das gelingt sicher nicht allen gleich gut. Das muss man offen und ehrlich sagen. Wir haben 1
Mio. Schülerinnen und Schüler in der Schweiz. Nur auf der obligatorischen Stufe. Dass hier immer alles
reibungslos geht, das ist nicht möglich. Wenn man als Lehrerin und Lehrer offen ist, dem Gegenüber und
im Wissen darum, dass man nicht alles genau gleich machen kann bei jedem einzelnen Schüler, dann
funktioniert das. Es ist aber ein grosser Aufwand, gerade bei Eltern, die vielleicht gar nicht so interessiert
sind, was in der Schule läuft oder was ihre eigenen Kinder in der Schule machen und wo vielleicht den
Sinn hinter einem Elternabend und einem Elterngespräch nicht so sehen. Das ist sicher mit grossem
Aufwand verbunden und da muss man auch ein bisschen Verständnis haben für die Lehrerinnen und
Lehrer, dass man da zwischendurch auch ein bisschen an die Grenzen stösst.

[00:09:38.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Bekommen die Lehrer Unterstützung in diesem Umgang mit den Eltern?

[00:09:47.440] – Dagmar Rösler
In der Regel ja.

[00:09:49.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Holen sie sich Hilfe?

[00:09:50.220] – Dagmar Rösler
In der Regel, um das vorsichtig auszudrücken, wollen sie es sicher zum ersten Mal alleine probieren.
Einige Lehrerinnen und Lehrer fürchten sich vor dem Scheitern, etwas nicht zu schaffen. Vielleicht ist eine
Tendenz da, dass man zu spät Hilfe holt. Aber in vielen Schulen gibt es heutzutage Schulsozialarbeiter,

die man holen kann. In vielen Schulen läuft die Zusammenarbeit mit Schulleitern und Schulleiterinnen
gut. Wenn man einen Konflikt mit Eltern hat, muss man nicht lange zögern und mit den Schulleitern
Kontakt aufnehmen und das Dritte an einem Tisch setzen. Versuchen, den Konflikt zu lösen. Irgendwann
muss man vielleicht auch sagen, wenn kein Willen von seinen Eltern vorhanden ist, dann muss man auch
nicht nach mehreren Versuchen nicht mehr zu viel Energie aufwenden und das Nötige machen. Aber
immer das Kind im Zentrum haben und für das Kind denken.

[00:10:53.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben ja, ich glaube, es war in einer Sonntagszeitung, wo Sie gesagt haben, die Eltern kommen zum
Teil wie Flaggschiffe. Wie Kriegsschiffe in die Schule. Das stimmt. Die Eltern wollen das Beste und sie
sehen nur ihr Kind. Die Lehrer fühlen sich von dem bedrängt. Als Eltern hat man manchmal das Gefühl,
man sei wie ein Schüler in der Schule. Wie könnte man diese Eltern Lehrer Beziehung noch optimieren?

[00:11:23.660] – Dagmar Rösler
Das ist eine gute Frage. Das ist eine Aufgabe, die man immer pflegen und vorwärts treiben muss. Man
muss sich darum bemühen. Das ist eine Beziehung. Wir wissen, dass jede Beziehung Pflege braucht.
Immer wieder gibt es Höchs und Tiefs. Ich glaube, es ist komplett falsch, wenn man sich gegenseitig
Schuldenzuweisungen macht. Man muss sich in der Mitte treffen, man muss sich mit Respekt begegnen,
sowohl von der Lehrerschaft als auch von Elternseite. Ich habe mal die Aussage im "Fritz und Fränzi"
gemacht, das stimmt. Man wird oft mit Forderungen konfrontiert. "Ihr müsst und ihr solltet, das macht ihr
falsch." Dann muss sich immer vor Augen führen, Seiten der Eltern, dass man vielleicht 25 Kinder in der
Klasse hat, mit 25 verschiedenen Anforderungen und dass man in der Volksschule Regeln hat, an die
man sich halten muss und dass es nicht immer allen gleich passt. Das liegt auf der Hand. Aber man muss
sich mit Respekt begegnen. Seitens der Eltern, ist man in der Schule willkommen, wenn man mit diesem
Respekt auch Aufrecht erhält und sagt, ich habe ein Problem können wir an einem Tisch darüber
sprechen?

[00:12:44.500] – Dagmar Rösler
Das mit Respekt auf den Tisch legt, dann ist das richtig. Ich muss auch noch betonen, der Grossteil von
Eltern erleben wir als Lehrerschaft als Critical Friends. Ich werde die Begriffe immer wieder erwähnen.
Die meisten Eltern begegnen Lehrerinnen und Lehrern respektvoll und wissen um die Arbeit, die
Lehrerinnen und Lehrer in der Schule leisten.

[00:13:08.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich arbeitete mal mit einer Beziehungsschule zusammen, wo ich mehrere Lehrer unterstützte, bei
schwierigen Kindern. Ich fragte die Lehrerin, was sie gemacht hat, um die Beziehung Eltern – Lehrer zu
verbessern. Sie haben gesagt, sie hätten einen Stammtisch gemacht. Das verlangt von der Schule her,
dass die Eltern einen Stammtisch haben. An diesem Stammtisch können sie dann einen Lehrer dazu
einladen und ein fundiertes Thema miteinander besprechen. Da sei vieles besser geworden. Kennen Sie
dieses Modell?

[00:13:43.680] – Dagmar Rösler
Das hat mit Elternmitwirkung zu tun. In vielen Schulen nimmt das jetzt Schwung auf. Zeitlang dachte
man, Elternmitwirkung, von seiten der Schule, man könne die Eltern einsetzen für das Kuchenbacken am
Sporttag. Von Seiten der Eltern wurde es so verstanden, dass man sagen konnte, man könne mehr
Parkplätze machen. Mittlerweile hat sich das etwas angenähert. Ich betone das gerne noch einmal, wenn
man sich auf Augenhöhe begegnen kann, dann ist dieses Projekt mit Erfolg gekrönt. Aber es muss von
beiden Seiten auf Augenhöhe passieren.

[00:14:25.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann habe ich eine weitere Frage. Zu meiner Zeit gab es das noch nicht. Früher war der Lehrer eine
interessante Person, die alles Mögliche liefern konnte. Heute hat er sehr viel Konkurrenz vom Internet,
von den Games usw. Bei vielen Eltern ist es ein riesiges Problem, mit diesen elektronischen Spielsachen
umzugehen. Aber die Kinder müssen heutzutage auch Computer verwenden können. Man kann es nicht
einfach wegbehalten. Wie geht man damit um und wie macht man sich attraktiver als all diese
elektronischen Begegnungen und Interaktionen?

[00:15:16.180] – Dagmar Rösler
Das ist eine sehr gute Frage, ich glaube nur auf der menschlichen Ebene. Sie sprechen zwei Dinge an.
Das eine ist, dass das ganze Internet eigentlich so quasi den Wissensvorsprung, den man früher
vielleicht als Lehrerin oder Lehrer hatte, ein bisschen infrage gestellt und auch ein bisschen bedroht. Ich
glaube, da darf man heutzutage als Lehrerin oder Lehrer sagen, ich weiss es nicht, das weiss ich jetzt
genau nicht, aber ich kann es nachschauen für morgen und morgen können wir wieder darüber reden.
Ich glaube, das ist absolut legal. Das Zweite ist, die ganzen Spiele, Online, Instagram, YouTube, Sachen,
die man in der Schule brauchen muss, Aber ich denke, eine wichtige und auch eine ganz schwierige
Aufgabe der Schule ist, nicht nur auf der Primarstufe, sondern auch auf der Oberstufe, dass man das
analoge Lernen verbindet mit dem digitalen Lernen. Also das eine darf das andere nicht irgendwie
verdrängen. Weil wir wissen, es geht ja übrigens wahrscheinlich auch euch so, wenn man etwas liest,
ausdruckt, kann man es sich besser merken, als wenn man es auf einem Bildschirm liest. Wenn man
etwas mit der Hand schreibt, dann ist es anders als wenn man es mit der Tastatur schreibt. Es hat einen
anderen Zugang ins Hirn.

[00:16:37.920] – Dagmar Rösler
Damit muss man in der Schule spielen. Das muss man wissen. So wie ich die Schule erlebe, ist man
offen für die digitale Transformation in der Schule. Im Wissen aber darum, dass man das Haptische nach
wie vor nicht vernachlässigen darf. Singen, Turnen, das kann man nicht ersetzen durch digitale
Erlebnisse. Das sind ja alles Vorteile, die man in der Schule hat. Wo bietet man noch so viel Abwechslung
und Möglichkeiten, wie es die Schule heutzutage hat?

[00:17:14.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, ich denke, das könnte ich so unterstützen. Es ist ein persönlicher Kontakt, der nie über das Internet
gleich ist.

[00:17:24.440] – Dagmar Rösler
Das haben wir in der Corona Krise gemerkt. In diesen zweieinhalb Monaten Lockdown haben wir
gemerkt, wie wichtig auch die Begegnung ist und die Menschen vor Ort um nachhaltig lernen zu lernen.

[00:17:35.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Was Sie sagen, erlebe ich auch so. Wenn man etwas von Hand aufschreibt, hat es eine andere Wirkung,
als wenn man es mit der Schreibmaschine aufschreibt.

[00:17:45.460] – Dagmar Rösler
Ja, und es geht kleinen Kindern wahrscheinlich noch viel mehr so als den Erwachsenen.

[00:17:51.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Lehrplan 21 gibt es ein Konzept. Ich repetiere jetzt das Wort, das ich aufgeschnappt habe. Das heisst
Binnendifferenzierung. So wie ich das verstand, interpretiere ich das für mich, dass man die einzelnen
Individuen, also Kinder innerhalb des Kollektivs, Individuum sein lässt. Dass man sowohl auf das
Einzelne Rücksicht nimmt, aber natürlich auch auf die Gruppen. Wie würden Sie als Lehrerin das Wort
noch ein bisschen besser definieren?

[00:18:33.480] – Dagmar Rösler
Sie beschreiben das sehr gut. Ich vermeide bei Binnendifferenzierung das Individualisieren.
Individualisieren impliziert, dass man jedes Kind separat betreut, behandelt oder mit Stoff versorgt. Das
ist innerhalb einer Klasse in diesem Rahmen gar nicht möglich. Aber Binnendifferenzierung macht etwas
ganz Wichtiges, was der Lehrbahn 21 vorangetrieben hat, aber auch schon die Inklusion oder die
schulische Integration. Dass man anerkennt, dass es verschiedene Leistungsniveaus in einer Klasse gibt.
Dass man die Leistungsniveaus berücksichtigt in der Vorbereitung des Unterrichts. Man ist heutzutage
davon weggekommen, dass am Schluss des Tages, am Schluss der Lektion oder am Schluss des
Quartals alle am selben Ort sind. Das ist gar nicht möglich. Spätestens seitdem verschiedene Kinder mit
verschiedenen Anforderungen, Möglichkeiten und Niveaus in einer Klasse sind. Wir haben zum Teil
Sonderschüler in der Klasse. Wir haben Kinder mit Teilschwächen in der Klasse, mit Dyskalkulie, Dyslexie
usw. Denen muss man ja irgendwie Rechnung tragen in einer Klasse. Das kann man nur, indem nicht alle
am gleichen Ort am Ende des Tages sind. Binnendifferenzierung ist auch, dass man einem Kind mal sagt,
das musst du jetzt nicht machen. Dass man einem anderen Kind sagt, mach doch noch weiter, da hat es
noch Zusatzmaterial hat. Oder versuch mal, diese anspruchsvolle Aufgabe zu lösen und den anderen zu
erklären.

[00:20:15.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Dürfte man da auch andere Noten machen? Wenn man Noten macht, muss man die Einteilung, also die
Bewertung des Kindes immer nach dem Klassendurchschnitt machen? Oder könnte man auch Noten

machen, du bist zwar nicht so gut, aber du hast dich sehr angestrengt und man macht dann eine
Fortschrittsnote. Ist das möglich?

[00:20:35.530] – Dagmar Rösler
Ich glaube, das wäre dann wirklich das langzeitige Ziel.

[00:20:39.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sollte man eigentlich?

[00:20:40.770] – Dagmar Rösler
Lehrerinnen und Lehrer haben zunehmend ein bisschen, wenn man das sagen darf, Schwierigkeiten,
Noten zu setzen in diesem Umfeld, in dem sie jetzt sind. Ein gutes Beispiel ist Eintritt in die erste Klasse.
Es gibt Kantone, dort wird in der ersten Klasse bereits benotet. Jetzt haben wir aber im Lehrplan 21
Zyklus 1, der geht vom ersten Kindergarten bis in die zweite Klasse. Jetzt können Kinder in die erste
Klasse, die bereits rechnen, lesen und schreiben können. Warum auch immer, vielleicht weil sie zu Hause
gefördert sind, vielleicht aber auch weil sie sich selber beigebracht haben, weil sie drei ältere Geschwister
zu Hause haben, wo sie das einfach abgeschaut haben. Dann gibt es Kinder, die haben im Eintritt in die
erste Klasse noch kein einziges Buch in der Hand gehabt haben, von zu Hause aus. Wie benotet man
jetzt diese? Die, die schon rechnen und lesen und schreiben, haben eine 6 und die, die es noch nicht
können, was haben die für eine Note? Ich habe das immer so versucht beizubringen oder zu erklären. Es
ist definitiv ein grosser Widerspruch in der Schule, innerhalb von Binnendifferenzierung und Integration,
gleichzeitig Kinder mit Noten zu beurteilen, indem man am Schluss eines Themas alle mit dem gleichen
Test bedient.

[00:21:57.250] – Dagmar Rösler
Jetzt könnte man sagen, es sei einfach, es gibt drei verschiedene Tests mit drei verschiedenen Niveaus.
Aber das geht auch nicht, weil wir zuerst die Eltern aufs Boot holen müssen.

[00:22:11.140] – Dagmar Rösler
Das wurde versucht, mit den drei verschiedenen Niveaus. Das ist nicht verstanden worden von den
Eltern, wenn ihr Kind immer im untersten Niveau den Test machen muss.

[00:22:22.440] – Dagmar Rösler
In Sachen Beurteilung, jetzt auch mit dem Lehrplan 21, mit einer kompetenzorientierten Beurteilung,
muss noch ganz viel passieren, damit man dort auch kindgerecht beurteilen kann.

[00:22:34.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Da ist man dran?

[00:22:38.500] – Dagmar Rösler
Ja, man versucht es. Ist ein langer Weg.

[00:22:42.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das glaube ich schon. Sind die Eltern da hauptsächlich der Knackpunkt oder der Bremser?

[00:22:50.560] – Dagmar Rösler
Auch, es gibt natürlich auch Lehrerinnen und Lehrer, die sagen, dass sie auf der sicheren Seite sind,
wenn sie ein Bewertungssystem mit Zahlen von eins bis sechs brauchen können. Aber ich denke schon,
dass das Umdenken in der Gesellschaft passieren muss. Noten sind etwas Bewährtes und ein einfaches
System, aber es hat überhaupt nichts mit Gerechtigkeit zu tun.

[00:23:15.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Nichts es hat nichts mit Gerechtigkeit zu tun. Aber viele meinen, es gehe um Gerechtigkeit.

[00:23:21.960] – Dagmar Rösler
Es ist ein Thema, das die Gesellschaft spaltet. Nicht nur innerhalb der Elternschaft, sondern auch
innerhalb der Lehrerschaft.

[00:23:32.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben das sehr schön gesagt. Wir dürfen nicht mehr das Ziel erreichen, dass alle gleich weit sind am
Schluss. Ich gehe immer in die Biologie und sage, eine homogenetische Gesellschaft überlebt weniger
gut als eine heterogenetische. Es ist ein Vorteil, wenn die Kinder verschiedene Talente haben und sich
gegenseitig ergänzen können und jedes kann von dem anderen wieder etwas lernen. Als Ganzes sind sie
dann stark.

[00:24:01.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat immer so die Tendenz, man meint es sei einfacher, wenn man immer den gleichen
Leistungslevel verwendet. Ich denke, da ist das Recht zu fest. Sie sprechen immer von Gerechtigkeit,
aber es geht überhaupt nicht um Gerechtigkeit.

[00:24:23.640] – Dagmar Rösler
Nein, es geht darum, das Kind als Individuum anzuschauen. Das geht uns auch so. Ich bin auch nicht
überall gleich gut. Ich glaube, es ist auch der Perfektionismus, wo drinnen stecken. Überall müssen wir
gut sein und überall den Stress, den wir uns anmachen, perfekt sein und erfolgreich sein. Hervorzuragen.
Man muss auch dem Kind zuliebe davon wegkommen. Jeder Mensch kommt auf die Welt und hat seine
Stärken. Die Schule hat dort eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, die Kinder dort zu stärken, wo sie gut
sind. Sie dort zu fördern, wo sie noch Förderbedarf haben. Aber es ist okay, wenn nicht jeder ein
Spitzensportler ist oder hochbegabt in Musik oder Mathematik oder an der ETH studieren geht. Das ist

völlig okay. Diese Erkenntnisse muss man noch weiter und vorwärts treiben. Nicht jeder muss studieren
können, damit unsere Gesellschaft funktioniert.

[00:25:28.640] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Familientherapie gab es einen Familientherapeut, Ivan Boszormenyi-Nagy, in den USA,
ursprünglich aus Ungarn. Er hat den Begriff "multiparteiliche Gerechtigkeit" geprägt. Innerhalb eines
Familiensystems sind ja alle verschiedene Individuen. Man kann es für jeden gerecht machen, aber für
jeden ist eine andere Gerechtigkeit. Ich denke, das muss der Lehrer auch lernen, dass er sagen kann,
von dir kann ich das anfordern, von ihm nicht. Sei doch froh, dass du es schon kannst, und er kann es
noch nicht. Ich muss ihn ja nicht dafür bestrafen, dass er noch nicht kann.

[00:26:10.530] – Dagmar Rösler
Was ich erlebe, ist das schon sehr in den Schulen ankommen.

[00:26:17.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Schön.

[00:26:17.900] – Dagmar Rösler
In Weiterbildungen, die Lehrer jährlich machen, freiwillig und obligatorisch, wird das viel mehr
angeschaut, wie man in einer Klasse das Klima gut hält, wie man die Stärken und Schwächen der
Schüler gut nutzen kann. Oder wenn man z.B. Gruppenarbeiten macht, weiss man ganz genau, wer man
zusammen tun muss. Da gibt man bestimmten Schülern gewisse Aufgaben. Nicht immer den gleichen,
den Gruppenleadern. Sondern man weiss ganz genau, wenn ich den dort einsetze, funktioniert das in
dieser Gruppe hervorragend. Ich wehre mich immer ein wenig, gegen allgemeine Aussagen, die sagen,
die Schulen tun ja nicht. Dann hat man im Hinterkopf die Schule, wie man sie von früher kennt. Aber wir
sind im 21. Jahrhundert und in der Volksschule ist unglaublich viel passiert in den letzten 20 Jahren.

[00:27:17.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe immer mit denen zu tun, die rausfallen oder schwierig sind. Sie wissen wahrscheinlich, ich
interessiere mich speziell für ADHS Kinder. Da erlebe ich dann immer wieder Kinder, die nicht gut
reinpassen, respektive die Lehrer wissen nicht, wie man mit ihnen umgeht. Die Schule hat den Auftrag,
ein gewisses Normverhalten, eine Sozialisierung wieder zu bringen. ADHS Kinder sind oft schwieriger zu
sozialisieren. Das heisst, sie brauchen länger, bis sie die Regeln lernen und verstossen zum Teil auch
mehr gegen die Lehrer. Da habe so Sachen erlebt, dass ein Kind, das waren Ausländerfamilien. Das Kind
lief immer davon, weil eine Lehrerin so laut sprach und er es nicht ertragen hat. So hat er es erzählt. Die
Mutter brachte es nicht fertig, dass das Kind in die Schule ging. Am Morgen kam dann die Polizei, holte
das Kind ab und brachte es in ein Heim. Es ging dann weiter. Der Vater ging mit dem Kind ins Ausland,
also ins Heimatland. Der Vater hat dann den Pass weggenommen und das Kind konnte nicht mehr
zurückkommen. Das lief alles über die KESB. Ausser Spesen nichts gewesen. Dem Kind und der Mutter
war nicht gedient. Ich habe noch mitgemacht oder unterstützt von der KESB, dass man hier eine
professionalisierte Institution hat, die bei sozialen Problemen hilft.

[00:29:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist dann passiert, dass bei vielen Problemen, gibt man alles an die KESB und die sind auch
überfordert. Wie könnte man die Sozialisierung der ADHS Kinder in den Schulen verbessern. Wenn ich
als erfahrene Psychiaterin mein Wissen der Heilpädagogischen Schule (HPS) anbieten wollte, z.B. als
Weiterbildung, bin ich immer auf Granit gestossen. Es heisst immer, wir haben das alles, wir brauchen
das nicht. Da möchte ich Sie jetzt mal gerne fragen, als Präsidentin des Schweizerischen
Lehrerverbandes. Was könnte man noch machen, damit man das Know-How besser in die Schule tragen
kann? Ich habe über 40 Jahre Erfahrung im Umgang mit ADHS Kindern und Eltern. Ich bekomme dann
auch Eltern, die sagen, wir waren beim KESB, wir haben einen Lerncoach bekommen, wir haben das
bekommen. Es hat alles nichts gebracht, weil sie nicht gewusst haben, wie man mit den ADHS Kindern
umgehen muss. Wenn ich die Eltern berate und sie lernen, wenn ich die Lehrer berate und sie lernen, mit
ADHS Kindern umzugehen, dann ist es auf einmal relativ einfach. Was sagen Sie dazu?

[00:30:25.200] – Dagmar Rösler
Das ist jetzt ein bisschen viel. Wo soll ich anfangen? Ich glaube, die Schulen bzw. die Lehrerinnen und
Lehrer sind viel mehr sensibilisiert als früher, wenn es um ADHS Kinder geht. Heutzutage gibt es in der
Regel gut ausgebildete Heilpädagoginnen und Heilpädagogen in den Schulen, die in der Ausbildung
gelernt haben, wie man mit solchen Kindern umgeht. Im besten Fall funktioniert die Zusammenarbeit
zwischen Klassenlehrperson und Heilpädagogin gut. Man unterstützt sich so. Im noch besseren Fall holt
man die Kinder an den Tisch und die Eltern und versucht, zusammen Lösungen zu finden. Man ist sich
heute gut und stark bewusst, dass man die Kinder in der Schule ein bisschen anders behandeln muss,
ohne dass es in einer Klasse gerade so offiziell wirkt in einer Klasse. Aber es ist und bleibt eine
Herausforderung in einer Klasse, ein ADHS Kind richtig zu betreuen. Sie brauchen sehr viel positive
Verstärkung, obwohl es manchmal schwierig ist. Sie brauchen sehr viel individuelle Betreuung und ganz
feine Botschaften, damit man sie auf seiner Seite hat.

[00:31:52.100] – Dagmar Rösler
Sie fragen jetzt, wie sie ihr Wissen an die Schule weiterbringen könnt. Vielleicht ist es nicht ganz unrecht,
wenn Sie von den Institutionen Rückmeldungen erhalten, wir sind eigentlich gut abgedeckt. Denn es gibt
wirklich wahnsinnig viele Fachleute, die sich diesem Thema annehmen. Es gibt auch
Lehrerweiterbildungen, die sich diesem Thema annehmen. Es gibt viel Fachliteratur. Ich würde einfach
versuchen, mit einem guten Angebot auf die Schule zuzugehen. Es dürfte bei Lehrerinnen und Lehrern
oder in der Schule auf keinen Fall belehrend wirken. Nicht, dass ich euch so erlebe. Aber es dürfte bei
Lehrerinnen und Lehrern nicht so überkommen, wie, du hast bis jetzt einfach alles falsch gemacht, hast
keine Ahnung und ich sage dir jetzt, wie es geht.

[00:32:42.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, das ist klar.

[00:32:43.610] – Dagmar Rösler

Ich glaube, dann macht man relativ schnell wieder die Türe zu. Aber ich unterstelle euch das nicht, dass
ihr das gemacht habt. Ich erlebe euch überhaupt nicht so.

[00:32:54.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe dann so den Spruch gemacht "Never teach a teacher". Ich habe schon Lehrerfortbildungen
gemacht. Ich habe schon bei Lehrerfortbildungen mitgemacht. Das ist ganz klar. Man darf sie nicht
einfach belehren. Ich wurde von verschiedenen Schulen angefragt. Dann lief es sehr gut. Das Problem
beim ADHS ist, dass man von der medizinischen Seite her sagt, dass das eine Krankheit ist. Dann hört
man schon von Eltern, die sagen, der/die LehrerIn sagt, wenn das Kind nicht Ritalin nimmt, kann ich es
nicht beschulen. Ritalin fokussiert nur die Aufmerksamkeit. Das ist gut für die Schule. Aber es fördert alle
anderen Eigenschaften der Kinder nicht. Ich hatte ein Beispiel eines Schulverweigerungskindes. Das
Kind kam in die Klinik. Die Mutter musste noch in der Klinik schlafen mit dem Kind. Es funktionierte alles
nicht. Die Kinder kamen zu mir. Ich nahm das Kind sogar für eine kurze Zeit aus der Schule genommen.
Dann wieder eingeschult nach den Skiferien. Ich habe dann veranlasst, dass der Lehrer nach Hause
geht, dass es ihn kennenlernt, zu dem es neu gehen muss. Das hat dann auch geklappt. Am Montag hat
es dann nie geklappt. Wissen Sie warum? Dort war die Heilpädagogin. Es wollte nicht aus dieser Gruppe
herausgenommen werden, Spezialbehandlung. Das haben die oft gar nicht gerne. In diesem Sinne würde
ich sagen, dass man viel mehr die Lehrer unterstützen muss. Vielleicht in der Klasse unterstützen. Zum
Teil hat man auch die Schulassistenten. Ich habe solche begleitet, die sehr gute Arbeit gemacht haben.
Man muss viel mehr das Umfeld unterstützen, als sich nur auf das Kind fokussieren.

[00:34:50.130] – Dagmar Rösler
Ja, unbedingt.

[00:34:51.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Das mögen die Kinder gar nicht. Sie wollen ja nicht krank sein, sie wollen nichts Spezielles. Eigentlich
muss das Umfeld lernen besser mit dem Kind umzugehen. Ich nehme die Kinder auch gar nicht in die
Therapie. Ich berate nur die Eltern, damit sie mit dem Kind besser umgehen lernen. Wenn sie das lernen,
werden sie belohnt, und dem Kind geht es auch noch besser.

[00:35:11.560] – Dagmar Rösler
Die Schwierigkeit ist, dass sich zwei Ebenen, zwei Gebiete miteinander vermischen. Die Eltern, das
Zuhause und die Schule. Die Schule kann auf Schulebene, auf Klassenebene und auf Schülerebene
arbeiten. Ich denke, man ist sich da recht bewusst. Man muss sich aber auch bewusst sein, dass es ein
Kind ist, ein Kind in einer Klasse, und es sind vielleicht noch 19 oder 22 andere, die noch Bedürfnisse
haben. Das ist die Schwierigkeit in der Schule. Vielleicht gibt es wirklich Situationen, in denen man als
Lehrerin oder als Lehrer ansteht und nicht mehr weiter weiss. Dann muss man in der Schulstruktur
Möglichkeiten haben, wie man sich Rat holen kann, wie man mit jemandem zusammenarbeiten kann,
dass es in der Klasse und mit dem Schüler, mit der Schülerin besser läuft. Aber es bleibt eine
Herausforderung in der Schule, auch für Eltern.

[00:36:07.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Da würde ich allen Lehrern raten, dass sie eher früher Hilfe holen. Dass man die ganze Dynamik
wahrnimmt und vielleicht punkto Sozialkompetenz in der Klasse etwas ändern kann. Ich hatte ein sehr
sensibles ADS Kind. Mit der Lehrerin hatte das kein Problem. Aber die Lehrerin hatte mit den schwierigen
Schülern Probleme. Dann lief eine Dynamik ab, die sehr viel Zeit, also sehr viel Energie aufsaugte. Das
Kind ging aus Protest nicht mehr in die Schule. Es hat das Klassenklima nicht ertragen. Schlussendlich
ist das Kind das Problem, weil es eine Schulverweigerung macht. Gerade ADHS Kinder sind sehr
sensibel und sehr gerechtigkeitsliebend. Nicht nur ihnen gegenüber, sondern auch im ganzen Kollektiv.
Wenn sie etwas sehen, das nicht recht ist, dann fangen sie an zu reagieren. Die Schulverweigerung ist
eins. In dieser Schule hätte ich auch beraten wollen, aber sie hatten alle Programme voll und ich muss
das einzelne Kind versuchen wieder in die Schule zu bringen. Ich hoffe, wir bringen es hin mit einer
neuen Lehrerin und es ist alles vorbereitet. Hier fände ich es schön, wenn die Schule früher schon
Unterstützung holt, um ein anderes Know-How reinzubringen. Dass man nicht nur mit dem medizinischen
Modell geht, dass das Kind eine Diagnose hat, muss Medikamente nehmen und dann ist alles in
Ordnung.

[00:37:44.270] – Dagmar Rösler
Ja, unbedingt früh genug eingreifen oder handeln. Das ist ganz sicher wichtig. Das sehe ich auch so. Ich
habe es vorhin schon etwas angetönt. Es ist natürlich ein bisschen weit… Es wird eben auch als
Scheitern angeschaut, wenn man sich Hilfe holen muss.

[00:38:07.390] – Dagmar Rösler
Lehrerinnen und Lehrer können heute die gesellschaftlichen Probleme nicht mehr alleine lösen. Es gibt
ein Konzept, das Fahrt aufnimmt, das heisst Bildungslandschaften. Man sieht, dass es um ein Kind zu
erziehen, braucht es mehr als nur die Schule. Es braucht eine Landschaft, die die Kinder und die Schüler
und die Lehrerinnen stützt. Mittlerweile gibt es so viele Themen, die die Schule lösen sollte. Das ist gar
nicht mehr möglich alleine. Wir begrüssen jede Schule, die Schulsozialarbeit hat, die gut ausgebildete
Heilpädagoginnen und Heilpädagogen anstellt, damit man das zusammen stützen kann, bevor solche
Kinder als Verhaltensauffällung abgestempelt werden.

[00:39:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde dafür plädieren, dass die Lehrer sich getrauen Hilfe zu holen, dass sie nicht so einsam
kämpfen und verzweifeln.

[00:39:10.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann habe ich eine weitere Frage. Kinder bilden ja Beziehungen innerhalb der Klasse. Gewisse haben
Best Buddies, also eine ganz enge Freundschaft. Da habe ich, als meine Kinder zur Schule gingen, aber
auch jetzt, habe ich ab und zu festgestellt, dass man versucht hat, diese Freundschaften zu trennen. D.h,
wenn ein Klassenwechsel kam, hat man alles neu aufgemischt und dann so enge Freundinnen
auseinandergenommen. Ich frage mich, was die Motivation der Lehrerschaft ist, dass man so etwas
macht. Eine gute Beziehung wäre ja etwas Schönes.

[00:39:53.240] – Dagmar Rösler
Das Wichtigste fast. Ganz sicher ist, dass es keine Motivation der Lehrerschaft gibt, Kinder bewusst zu
trennen, um ihnen etwas Böses zuzufügen. In den allermeisten Fällen hat das mit der Schulorganisation
zu tun. Es sind nicht nur die Lehrer, die das machen, sondern die Lehrer, die es ausführen müssen. Es
hat damit zu tun, dass die Klassen eine bestimmte Grösse haben müssen. Wenn sie diese Grösse
unterschreiten oder überschreiten, muss man sie trennen. Es hat damit zu tun, dass man vielleicht in
einem grossen Ort mit mehreren Schulhäusern Klassen auffüllen muss, damit sie die Mindestgrösse
erreichen. In einem anderen Ort die Klassen verkleinern muss, damit sie nicht zu gross sind. Das sind
immer organisatorische Angelegenheiten, in denen man sagt, dass man zwei dritte Klassen hat. Eine ist
15 Schüler gross und die andere 30. Dann muss man die 30iger Klasse aufteilen. Sonst ist es nicht
gerecht. Das hat meistens mit dem zu tun. Oder es hat mit Schulwegen zu tun. In den
Quartierschulhäusern sieht man einen Jahrgang. In diesem Quartier gibt es eine grosse Klasse und in
einem anderen Quartier eine kleine Klasse. Also muss man Schüler dieses Quartiers, ein paar davon,
rüber nehmen. Das hat nie damit zu tun, dass man Freundschaften auseinandernehmen will. Ganz sicher
nicht. Das wäre pädagogisch höchst fragwürdig.

[00:41:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre falsch. Bei Kindern aus der Klasse meiner Kinder hat man extra gesagt, man trenne sie.
Vielleicht macht man das jetzt nicht mehr. Ich habe mich schon mal eingemischt bei einem sehr scheuen
Kind. Es war eine schwierige Familie. Ich habe gefragt, ob es nicht geht, mit dem anderen Kinder
zusammen in die Schule zu gehen, das kennt es schon und dann hat es einen besseren Übertritt. Da ist
die Schulleiterin nicht so erfreut, dass ich mich eingemischt habe. Mir ging es natürlich um das Wohl
dieses Kindes. Es war einerseits eine schwierige Familie mit drohender Heimplatzierung. Aber ich glaube,
sie hat es dann doch gemacht.

[00:42:16.960] – Dagmar Rösler
Wisst ihr, wenn man natürlich diese Türen öffnet und sagt, ihr dürft sagen, wo euer Kind ist, dann hat man
wohl nichts anderes zu tun für den Resten vom Schuljahr.

[00:42:33.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist mir auch bewusst.

[00:42:34.160] – Dagmar Rösler
Sie wissen ja, dass alle Eltern für ihre Kinder nur das Beste wollen. Aber jeder hat einen ganz anderen
Zugang.

[00:42:42.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist natürlich eine Büchse der Pandora. Genau. Das dürfen die Lehrer von Anfang an nicht zulassen.
Aber wenn ich eine schwierige Situation sehe, versuche ich mich einzusetzen. Manchmal komme ich

auch durch. Dann bin ich sehr froh. Wenn ich sehe, wie die Kinder, wenn ein wichtiger Übertritt nicht recht
läuft, was das für Folgen haben kann, für Lawinen und schlussendlich im Gesundheitswesen für Kosten
verursacht, dann denke ich, ich muss eingreifen, damit es gut läuft.

[00:43:18.440] – Dagmar Rösler
Das ist sicher nicht falsch.

[00:43:19.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Da haben Sie nichts dagegen?

[00:43:21.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei delinquenten Gruppen will man aufteilen, weil sie sonst zu stark sind. Solches kann es wahrscheinlich
auch geben. Bei eieiigen Zwillinge ist die Frage, nimmt man sie zusammen, nimmt man sie auseinander?
Wann nimmt man sie auseinander? Da habe ich auch schon einige Familien begleitet.

[00:43:48.180] – Dagmar Rösler
In der Schule macht man das immer in Zusammenarbeit mit den Eltern.

[00:43:54.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Mich fragen die Eltern, was ich denke. Bei jedem Zwilling ist es wieder etwas anders. Aber das ist immer
eine heikle Sache. Das muss man mit den Eltern zusammen machen.

[00:44:15.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt frage ich Sie als Lehrerin. Sie haben vorher schon etwas gesagt. Ich versuche nicht, allzu belehrend
zu sein, aber manchmal kann man nicht anders. Was schlagen Sie uns, Psychiater und
Familientherapeuten, vor? Was schlagen Sie mir vor? Wie soll ich vorgehen, damit ich von der Schule
akzeptiert werde? Gerade jetzt, auch bei einem schwierigen Kind. Ich merke natürlich, ich setze mich für
die Familien und das Kind ein, weil ich eine schlechte Entwicklung sehe. Oft fühlen sich die
Schulbehörden sehr auf die Füsse getrampelt. Man kann es natürlich nicht bei jedem machen, etc. Aber
wenn ich denke, ich kann da etwas Wichtiges verändern und etwas verhindern, also ich sage, Prävention
ist richtig Handeln im kritischen Augenblick. Ich sehe einen kritischen Augenblick, was schlagen Sie mir
vor, was ich noch verbessern könnte, damit ich besser Zugang zum Schulsystem bekomme.

[00:45:22.060] – Dagmar Rösler
Zuerst steht sicher ein Verständnis für die Situation der Schule, der Lehrerin oder vom Lehrer. In welcher
Situation sich die befinden. Ihr befasst euch mit einem Kind, mit einer schwierigen Situation, in der
vielleicht oder mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht alles richtig gelaufen ist in der Schule. Aber es ist ein
Kind in einem Klassenverband, wo es vielleicht noch andere Herausforderungen hat. Dann muss man
auch immer sehen, dass Lehrerinnen und Lehrer sind keine Psychologen sind, sie sind Pädagogen. Aber
sie haben nie das Wissen, das ihr habt. Sie haben einen anderen Auftrag. Sie haben den Auftrag, Kinder

in einem Klassenverband oder in einer Gruppe stofflich, aber auch ein bisschen erzieherisch oder im
gesellschaftlichen Sinn weiterzubringen. Ich würde anklopfen und offen sein und sagen, das Kind sei bei
euch in Behandlung. Ein Gespräch suchen, ob man zusammen an einen Tisch sitzen kann. Nicht im
Sinne von "Ich muss euch weiterbilden, weil ihr etwas nicht verstanden habt". Sondern "Können wir
zusammen sitzen und ein Gespräch zusammen suchen"? Dann sind die Lehrerinnen und Lehrer in der
Regel offen. Denn sie sind in der Regel bestrebt, den Konflikt oder die schwierige Situation zu lösen. Ich
glaube, ich habe es vorgesagt, auf keinen Fall belehrend.

[00:46:51.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Das mache ich auch. Ich nehme Kontakt auf mit Lehrerinnen, mit Schulleiterinnen, mit
Schulsozialarbeiterinnen, mit Schulpsychologinnen, in Bezug auf das Kind. Wenn ich das Kind habe und
die Eltern, frage ich auch immer nach der Dynamik in der Klasse. Ich habe auch schon Kinder beraten,
Mobbing ist auch ein Thema, wenn sich Kinder gemobbt fühlen. Ich versuche, das Kind zu beraten, wie
es vorgehen kann, damit es wieder besser in die Klasse kommt. Ich habe auch einmal in einer Schule ein
Kind, das immer abgehauen ist, den Vorschlag gemacht, zusammen mit den Klassenlehrern, dem
Schulleiter und den Eltern haben wir abgemacht, dass das Kind von einem anderen Kind jede Woche
begleitet wird. So haben alle Kinder die Möglichkeit, das Kind besser kennenzulernen. Es hätte das Kind
beschützen dürfen, aber es hätte auch sagen dürfen, wenn etwas nicht ganz so gut ist. Das lief dann gut
und er war wieder gut integriert. Das war ein Bub, der immer davon gerannt ist. So bin ich frei, also offen,
alle möglichen Dinge auszuprobieren. Aber ich muss immer aufpassen, dass ich nicht auf den
Widerstand stosse.

[00:48:19.720] – Dagmar Rösler
Ja, das kann ich ein bisschen schon verstehen. Dann muss man ja auch immer all den betroffenen
Kindern sagen. Man darf es nicht zu hoch hängen, man muss es ernst nehmen, aber man darf es nicht
als alleiniges Thema machen. Manchmal braucht es einfach Zeit, bis sich die Schülerinnen und Schüler in
einer neuen Situation gefunden haben. Aber ich glaube nicht, dass wenn man auf Augenhöhe mit
Lehrerinnen und Lehrern spricht, man Widerstand bekommt, ausser sie sagen, sie hätten schon die
Schulpsychologin, die Heilpädagogin und die Schulsozialarbeiterin drin. Das reicht, oder?

[00:49:01.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sagen die zum Teil auch und dann sage ich, ja, aber ich bin Systemtherapeutin und ich schaue das
Ganze an. Ich will eben nicht das Singulare und das Kind immer rausnehmen und alle auf das Kind. Die
Kinder mögen es ja gar nicht. Ich will ja eigentlich wirklich das System stärken. Ich sage dann auch, sie
können mich jederzeit anrufen, wenn sie wieder Schwierigkeiten haben, dann analysieren wir es, dann
kann ich auch wieder einen Tipp geben. Also ich denke, es wäre wahrscheinlich wichtig, Ja, schön, wenn
die Lehrer sich nicht so auf den Fuss getrampelt fühlen. Ich will nur die Lehrer unterstützen, ich will sie
nicht belehren.

[00:49:40.920] – Dagmar Rösler
Das ist sicher der richtige Ansatz.

[00:49:42.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich noch eine Frage. Kennen Sie das? Ich bin erst letztens darauf gestossen, das heisst
Evolutionspädagogik.

[00:49:54.580] – Dagmar Rösler
Ich kenne es zu wenig.

[00:50:01.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Ärztin… Wir haben ja Biologie studiert. Wenn ich mit krankhaften Sachen umgehen muss, gerade in
der Psychiatrie, dann schaue ich bei allen Symptomen, was die für einen evolutiven Wert innerhalb des
ganzen Prozesses haben. Von dort her habe ich es nicht gekannt. Von der Anpassung zur Entfaltung. Ist
ein guter Begriff. Ich gehe zurück zu den ADHS Kindern. Mädchen passen sich dann zu oft an, oft gegen
ihr eigenes Naturell. Wenn man sich zu oft anpasst, dann beutet man sich aus und wird im erwachsenen
Alter krank, in der Schule ging es gerade noch. Stichwort Binnendifferenzierung, ich meine nicht nur die
Individualisierung, sondern dass die Talente innerhalb einer Klasse gut zum Tragen kommen. In dem
Sinne hat mich die Evolutionspädagogik noch interessant gedünkt. Ich schaue es mal an, was sie so
machen. Evolution ist ja ein sehr interessanter Lehrmeister. Da kann man schauen, wie sich Dinge
entwickelt haben und wie aus zum Teil schwierigen Dingen neue Sachen sich entwickeln, die dann wieder
einen neuen Weg zeigen.

[00:51:33.120] – Dagmar Rösler
Das hat ja auch ein wenig mit lebenslangem Lernen zu tun. Wir sind nie fertig mit Erkenntnissen.
Vielleicht sagt man in fünf Jahren, man habe eine ganz neue Erkenntnis mit ADHS Kindern, wie man mit
ihnen umgehen muss. Das wissen wir nicht. Ich glaube, wichtig ist einfach, dass man offen bleibt für
Neues und dass man immer interessiert bleibt und neugierig bleibt, wie man auf seinem Berufsweg oder
in seinem Lebensweg weitergehen kann.

[00:51:58.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich war einmal an einer Lehrertagung in Heidelberg gewesen. Ich durfte einen Vortrag halten. Ich weiss
nicht mehr genau, wie er hiess. "Hintergründe zum Lernprozess". Wenn es langweilig ist, lernt man nicht
viel, wenn es zu stressig ist, lernt man auch wieder nichts mehr. Man muss immer gleich den richtigen
Level von Interessen wecken können, beim Kind und bei den Lehrern. Der Lehrer und die Lehrerin sind
immer auch ein bisschen ein kleiner Unterhalter. Er muss die Aufmerksamkeit immer wieder holen. Dort
ist mir aufgefallen, das ist natürlich auch schon lange her, das ist jetzt vielleicht anders; der ganze Abend
war durch strukturiert. Ich hätte so gerne spontane Interaktionen mit verschiedenen Leuten gehabt. Aber
ich denke, da ist es jetzt auch ein bisschen anders.

[00:52:55.300] – Dagmar Rösler
Es ist ein bisschen anders, ja. Man versucht ja, die Pause einzuweben. Die Networking Pausen sind sehr
wichtig. Sie sind auch für die Lehrerinnen und Lehrer wichtig. Man weiss zum Teil, dass an solchen
Lehrertagen die Leute auch wegen dem kommen. Nicht nur wegen der interessanten Referaten. Einfach

einander sehen, austauschen, Ideen holen. Wie machst du das? Da wird viel über den Beruf gesprochen.
Obwohl es eigentlich eine Pause ist. Aber das ist eminent wichtig.

[00:53:22.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Sehr schön. Dann sind wir am Ende. Ich möchte Ihnen nur noch mitgeben, dass Sie alle Ihre lieben
Kollegen aufmuntern, dass sie sich alle früher Hilfe holen, im Sinne des sozialen Kontexts zu verstehen
und daraus zu lernen.

[00:53:41.220] – Dagmar Rösler
Ganz genau. Das würde ich selbstverständlich machen. Das ist eigentlich schon bekannt. Aber ich muss
noch etwas hinzufügen. Manchmal macht man viel und lässt sich helfen und kommt dann manchmal
doch nicht dort hin, wo man gerne möchte. Das gehört auch zum Leben.

[00:54:00.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Danke, dass Sie gekommen sind und danke Ihnen, dass Sie so offen auf meine Fragen geantwortet
haben.

Podcast: Patchworkfamilien und die häufigsten Fehler

Transkription

Transkript

Dr.med. Ursula Davatz
6.9.2021
Patchworkfamilien und die häufigsten Fehler
Audio

[00:00:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich begrüsse Sie alle herzlich an diesem Abend zum Thema: Patchworkfamilien und die häufigsten
Fehler.

[00:00:16.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Als erstes ein paar einleitende Gedanken. Ich bin immer ein wenig Richtung Biologie interessiert. Der
Mensch ist ein Säugetier. Unter den Säugetieren ist der Mensch ein sekundärer Nesthocker. Im
Gegensatz zu den Huftieren, die weiterentwickelt sind. Die kommen auf die Welt und in der ersten Stunde
können sie schon aufstehen und trinken. Also sich selber versorgen. Der Mensch ist ein Nesthocker. Das
heisst, das Baby muss lange unterstützt werden. Wir haben hier einen kleinen Nesthocker. Die Mutter
kann nicht gleichzeitig für das Kind sorgen und Nahrung einbringen. Sie ist darauf angewiesen, dass
noch jemand anderes hilft. Wenn man in einer Kleinfamilie lebt, muss das der Vater sein. Wenn man in
einer Grossfamilie lebt, kann es die ganze Grossfamilie sein. Das bringt natürlich gewisse Dinge mit sich.
Das Kind ist auf mütterliche Hilfe angewiesen, damit es gut gedeihen kann. Sie kann nicht gleichzeitig
Geld verdienen und Nahrung heimbringen etc. Früher wuchs man eher in Grossfamilien auf, also in
Bauernfamilien. Da waren immer noch die Grosseltern auf dem Hof, manchmal noch ledige Tanten und
Onkel. Alle haben ein wenig mitgeholfen. In Indien wächst man auch eher in Grossfamilien auf.

[00:01:47.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich war ein paar Mal in Indien und da sagten sie, wenn es mir bei den Eltern nicht passte, dann gehe ich
zur Tante oder zum Onkel. Man hat ein ganzes Familiensystem zur Verfügung. Damit können wir
Emotionen ausgleichen oder verschiedene Ratschläge holen. Früher war es bei uns auch so. Heutzutage
wachsen Menschen in der Regel in Kleinfamilien auf. Das kam mit der Industrialisierung. In diesem Sinne
hat das kleine Kind nur noch Vater und Mutter. Das Umfeld der aufwachsenden Kinder wurde
eingeschränkt. Die die Mütterberaterinnen kennen, ich habe lange mit den Mütterberaterinnen
zusammengearbeitet. Da gibt es das afrikanische Sprichwort: Eigentlich braucht es ein ganzes Dorf, um
ein Kind aufzuziehen." Das ist natürlich längstens nicht mehr so. Wir machen künstliche Dörfer, das
heisst es hat zusätzliche Institutionen, die den Familien, die Hilfe brauchen, Unterstützung geben. Das,
was sie dann brauchen. Die HOTA ist eine der Institutionen. Mütterberatung und Väterberatung ist auch
eine solche Institution, die im Familiensystem Unterstützung gibt. Jetzt frage ich mich, wie kommt es
überhaupt zu Patchworkfamilien? Ich bin nicht so gut in den Statistiken, aber ungefähr jede vierte Ehe
wird geschieden. Oder vielleicht jede fünfte. Es wird heutzutage viel mehr auseinandergegangen. Dann
entstehen Patchworkfamilien. Das war früher nicht gang und gäbe.

[00:03:34.960] – Dr.med. Ursula Davatz

Das ist nichts Schlimmes. Aber man muss sich an gewisse Regeln halten. Zu diesen komme ich dann
noch. Innerhalb der Kleinfamilien gibt es zwei Sorten von Beziehungen. Eines ist die Vater/Mutter/Kind
Beziehung. Dort ist die Beziehung darauf ausgerichtet, dass das Kind möglichst gut geschützt wird, warm
gehalten wird, ernährt wird, gut erzogen wird, etc. Da haben Vater und Mutter unterschiedliche Rollen.
Man spricht bei den Müttern oft von "unconditional love". Das heisst, dass Mütter unterstützen, auch
wenn das Kind sich nicht korrekt verhält. Das ist unsere Mutternatur. Wir müssen das. Das sieht man
auch oft, wenn es schief läuft. Zum Beispiel, wenn Kinder Drogensüchtig werden, unterstützen die Mütter
trotzdem. Die Väter haben eher eine konditionale Liebe. Das heisst, sie verlangen ein gewisses
Verhalten. Sie binden ihre Zuwendung, ihre Unterstützung an gewisse Forderungen. Es ist nicht das eine
schlechter und das andere besser. Die Väter streiten darum, was der andere falsch macht. Es ist
unterschiedlich. Das ist tief in unserer Natur, dass wir Frauen nie irgendwie einem Kind die Liebe
entziehen können und das Kind bestrafen können, wenn es sich nicht verhält nach unserem Stil. Die
Väter können das besser. In diesem Sinne haben die Väter mehr Auftrag im Bereich von Erziehung,
Führung, Weg zeigen etc.

[00:05:22.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist ganz schlimm, wenn sich die beiden gegenseitig bekämpfen. Wenn der Vater der Muttern
beibringen will, dass sie nicht immer unterstützen darf. Wenn die Mutter dem Vater beibringen will, dass
er nicht so hart sein soll. Ich erlebe dann viele Familien, wo die Mütter finden, der Vater muss eine
weitere Mutter sein. Wenn sie nicht mehr mag, soll er eine weitere Mutter sein. Oder er sollte die rechte
Hand sein. Das kann er natürlich nicht. Er ist ein Mann, ein Vater und er lebt nach anderen Gesetzen. Die
Vorstellung, wie sich ein Vater in einer Kleinfamilie verhalten sollte, oder wie sich eine Mutter verhalten
sollte, die Vorstellung, die Erwartungshaltung an seinen Partner, die wird relativ stark von der eigenen
Herkunftsfamilie geprägt. Das heisst, von dem, wie man aufgewachsen ist, was man in der eigenen
Herkunftsfamilie gelernt hat in der eigenen Herkunftsfamilie, wie der eigene Vater sich benahm, wie die
eigene Mutter sich benahm. Entweder erwartet man das Gleiche, was man gewohnt ist, oder man hat es
falsch gefunden und erwartet eine Kompensation. Das ist das Thema, das ich im nächsten Vortrag
angehen werde. Wie prägt uns unsere Herkunftsfamilie? Ich erwähne es nur kurz, denn ich will ja bei der
Patchworkfamilie bleiben.

[00:06:53.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn diese Vorstellungen sehr konträr laufen, von Mann an Frau und von Frau an Mann, dann gibt es
natürlich Streit, dann wird kritisiert, dann wird gestritten, wer hat die bessere Erziehung, wer hat die
richtige Erziehung und irgendwann sind beide müde, man steigt aus und man sucht einen neuen Partner
und dann hat man die Patchworkfamilie. Das wäre so ein bisschen wie es dazu kommt. Jetzt hat es
natürlich noch eine weitere Beziehung. Die erste Beziehung wäre die beschützende Beziehung von Vater
zum Kind, von Mutter zum Kind. Das ist immer hierarchisch. Wir sind älter, wir haben mehr Erfahrung und
wir sind verantwortlich für das Kind. Die andere Beziehung, die in den Familien ist, ist die
Partnerbeziehung. In der Partnerbeziehung kommen auch wieder die Erwartungen, die man in der
eigenen Herkunftsfamilie erlebt hat. Man erwartet vom Partner gewisse Dinge. Wenn diese Erwartungen
nicht erfüllt werden, kommt man in eine enttäuschte Erwartungshaltung. Da gibt es zwei verschiedene
Muster. Die Frau hat oft eine starke Erwartungshaltung und denkt, wenn sie nett ist und alle möglichen

Dienstleistungen macht, irgendwann kommt der Mann schon darauf, was sie braucht. Frauen merken
untereinander, was man braucht. Aber ein Mann ist keine Frau.

[00:08:33.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Von daher sind die Frauen oft enttäuscht. Ich habe schon viele Frauen in Partnerschaftsproblemen
behandelt. Sie gehen oft zu Methoden, die nicht funktionieren. Sie sagen nicht, was sie wollen. Oder
wenn sie sagen, was sie wollen, kommt das immer schon mit einem Vorwurf. Sie sagen, du hilfst mir
nicht, du machst das nicht und du machst das nicht. Dann werden sie zu kritisierenden Müttern, also
Mutter ähnliche Figuren. Das erträgt der Mann nicht sehr gut. Der Mann, je nachdem wie er geartet ist.
Früher hat man gesagt, die Frau sei dem Mann in den Untertanen. Das ist nicht mehr modern. Heute
sollten Mann und Frau auf der gleichen Ebene sein. Partnerschaftlich, auf Augenhöhe. Wir haben doch
2000 Jahre ein Patriarchat gehabt. Das wurde von der Kirche zementiert. Das wird in den Institutionen
immer noch zementiert. Ich habe gerade letztens einen Artikel gelesen. Heutzutage studieren über 50%
Frauen Medizin. Aber in den oberen Etagen hat es nur 13% oder so. Frauen haben mehr Mühe für sich
einzustehen, sich durchzusetzen. Es kommt natürlich dann auch immer noch die Familie dazu. Das ist
nicht das einzige. Sie gehen anders um im Rivalitätskampf. Männer haben es viel einfacher, dominant zu
sein und zu sagen, ich will jetzt das.

[00:10:10.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Frauen erwarten oft, dass der andere merkt, was man will. In dieser Partnerbeziehung, wie ich schon
gesagt habe, kommen dann auch wieder die Erwartungshaltungen zum Vorschein. Entweder korrigiert
man das, was man zu Hause erlebt hat bei seinen Eltern, oder man erwartet das Gleiche. Im Augenblick,
in dem man an seinen Partner etwas erwartet, das er gar nicht bringen kann, wo er vielleicht gar nicht
versteht, was man eigentlich erwartet, gibt es natürlich viele Frustrationen, Enttäuschungen etc. Dann
geht man auseinander. Man kann also miteinander kämpfen um Partnerschaften, in denen man nicht
wohl ist. Man kann auch miteinander kämpfen, wie man die Kinder erziehen sollte. Früher hat man die
Kindererziehung nur den Müttern überlassen und die Väter haben gesagt, sie bringen das Geld nach
Hause, den Rest interessiert mich nicht, oder nicht so viel, vielleicht nur am Sonntag. Die Väter haben
früher nicht so viel reingeredet. Die Mütter haben die Väter erst eingeholt, wenn sie nicht mehr
weitergewusst haben. Da mussten die Väter meistens als Bestrafungsinstanz funktionieren. Das war
natürlich auch nicht sehr ideal. Heutzutage erwartet man, dass beide ihr Recht haben und man
gleichzeitig auf seine Rechnung kommt in der Partnerschaft. Das ist ein schwieriger Balanceakt.

[00:11:40.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Der gelingt nicht allen. Ich mache niemandem einen Vorwurf, dass es nicht gelingt. Denn es ist wirklich
nicht einfach. Im Augenblick, wo der nicht gelingt, dann sagt man, ich gehe jetzt auseinander. Ich suche
mir etwas Neues, oder ich kann es besser alleine. Die Mutter sagt, ich kann meine Kinder besser alleine
erzielen, da redet mir niemand rein. Wenn etwas schief läuft, bin ich natürlich auch selber verantwortlich.
Anstatt, dass ich ständig streiten muss, mit meinem Partner mache ich es jetzt alleine. Aber man will ja
nicht nur Mutter sein und nicht nur Vater sein. Dann läuft man leer auf der Beziehungsebene. Es ist auch
nicht so gut, wenn die Beziehungsebene nur über das Kind befriedigt werden muss. Dann muss das Kind
alles abdecken und das ist eigentlich nicht ideal.

[00:12:46.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt komme ich schon zu den häufigsten Fehlern. Ich habe viele Patchworkfamilien begleitet. Solche, die
erst gerade neu geworden sind, solche, die schon gelaufen sind. Auch wenn vielleicht die Mutter
gestorben ist und dann jemand Neues reinkam. Ich konnte schon sehen, was die häufigsten Fehler sind.
Hier läuft ein Denkfehler. Als Frau, die einen neuen Partner hat, Beziehung zu den Kindern und zum
neuen Partner. Man hat zum Partner und zu den Kindern eine nahe Beziehung. Irgendwie macht man
dann den Denkfehler, dass man denkt, weil ich zu beiden eine gute Beziehung habe, müssen die
zueinander auch automatisch eine gute Beziehung haben. Es ist der Wunsch, dass sie gut miteinander
auskommen. Ich habe viele Familien erlebt, wo dann der Vater oder die Mutter den neuen Partner oder
die neue Partnerin unter der Hand eingeschlichen hat. Also irgendwann war der am Morgen im Zimmer
oder im Badezimmer und kam raus und die Kinder haben nichts gewusst. Die Kinder sind erschrocken.
Dann beginnen die Kinder ihre Mutter oder Vater zu verteidigen. Sie empfinden den neuen Partner immer
als Fremdkörper. Je kleiner die Kinder sind, umso weniger reagieren sie. Wenn sie grösser sind, aber
schon vor der Pubertät und in der Pubertät ganz speziell, reagieren sie ablehnend dem Partner
gegenüber. Der leibliche Vater oder Mutter ist enttäuscht, dass sie die neue Beziehung nicht gut einführen
können, denn auf der Partnerebene ist ja die Beziehung gut. Sie wollen, dass alles klappt. Wenn das
passiert ist, braucht es eine ganze Zeit, bis sich das wieder beruhigen kann. Man kann den Partner
einfach reinnehmen und per Zufall davon sprechen und die Kinder fangen an zu überlegen, sie wollen
herausfinden was jetzt da ist.

[00:15:10.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Kinder sind natürlich immer noch ihren leiblichen Eltern gegenüber loyal. Die neue Partnerin ist
immer eine Konkurrenz zum leiblichem Vater und leiblichen Mutter. Das ganz natürliche Reinnehmen
geht in der Regel nicht, speziell nicht, wenn die Kinder schon so schulreif sind. Die neue Partnerin,
häufiger die Frauen, sind enttäuscht. Sie wollen ja gerade eine gute Beziehung zu den Kindern haben.
Oft machen die Frauen über grosse Anstrengungen, um eine Beziehung herzustellen. Die Kinder
empfinden das häufig als künstlich. Die geht mir auf die Nerven. Die soll nicht so blöd tun. Mit der habe
ich nichts zu tun. Das ist schliesslich nicht meine Mutter. Die Stiefmütter, die neuen Partnerinnen, fühlen
sich dann unfreundlich behandelt, negiert, zurückgewiesen und sind ihrerseits beleidigt. Auf beiden
Seiten läuft dann Kritik ab, Gefühlsempörung, eine Beleidigtheit und dann ist es natürlich schwierig, eine
Beziehung herzuerstellen.

[00:16:42.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir hatten 2000 Jahre lang eine patriarchale Gesellschaft. Die ist von den Religionen unterstützt worden.
Die Väter kommen oft als patriarchale Helfer rein. Die alleinerziehenden Mütter sind oft überfordert, weil
sie alleine sind. Wenn es mehrere Kinder sind, sind sie vielleicht noch mehr überfordert. Dann sind sie
hilflos, das nimmt der Mann wahr. Dann denkt er, er hilft der Frau, wenn er als Autorität reinkommt und
seine Partnerin unterstützt, damit sie nicht so schlecht behandelt wird von ihren eigenen Kindern. Das
passiert manchmal auch bei normalen Familie. Also bei verheirateten Eltern, bei denen Vater und Mutter
die leiblichen Eltern sind.

[00:17:43.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wo ein Stiefvater, die Kinder patriarchal erziehen möchte, sagen die natürlich, dass der
nichts zu sagen hat. "Du bist nicht mein Vater." "Du gehst mich nichts an." "Fahr ab, lass mich in Ruhe."
Die Mütter stehen dann dazwischen. Eigentlich sind sie überfordert und vielleicht möchten sie gerne Hilfe.
Aber der neue Partner kann nicht Vater spielen. Man kann nie Ersatzvater spielen, man kann nie
Ersatzmutter spielen. In diesem Augenblick, wo der neue Partner quasi nach der Rolle eines Vaters, von
der konditionalen Liebe, die Erziehungsfunktionen übernehmen will, funktioniert überhaupt nichts.
Schlussendlich haben die leibliche Mutter und der Stiefvater Krach miteinander und es geht hin und her
zwischen: "Ich bin verzweifelt", "nein, du machst es falsch" und "So geht es nicht". Das kann auch bei
geheirateten Paaren passieren, wenn Mütter überfordert sind mit ihren Kindern, dann holen sie den Mann
als Hilfe. Dann macht er es auf seine Art und Weise, dann sagt sie aber nicht so. Bei Patchworkfamilien
passiert das noch sehr viel mehr.

[00:19:12.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann der Partner natürlich nicht unter die Arme greifen. Auf der Partnerebene hat man dann Krach
miteinander, weil es nicht recht läuft. Auf der Beziehung zu den Kindern kommt man nicht durch. Die
leibliche Mutter kommt nicht durch. Ein neuer Partner kann sich auch nicht durchsetzen. Kinder machen
irgendetwas, was sie wollen. Positiv gesehen sagt man, dass Kinder von geschiedenen Eltern eher früher
reif werden. Das wäre ein positives Resultat. Aber wenn es schief läuft, laufen sie aus dem Ruder und
das kann schwierige Probleme bringen. Auch der neue Partner kann beleidigt sein. Also die Partnerin, die
Mutter, die Frau kann beleidigt sein und der neue Partner, der Mann kann beleidigt sein, wenn er mit
seinen gut gemeinten Erziehungsmethoden nicht zum Ziel kommt. Manchmal ist es auch so, dass die
Kinder es akzeptieren und die Mutter froh ist, wenn es gemacht ist. Aber häufig läuft es schief. Beide
Male sagen sie, du bist nicht meine Mutter, du hast mir nichts zu sagen, du gehst mich nicht an, du bist
nicht mein Vater, du hast mir nichts zu sagen, du gehst mich nicht an. Da muss man immer daran
denken, in dem man sich ja hier einbringt, ist man eine Konkurrenz zum leiblichen Elternteil und das
haben Kinder nicht gerne.

[00:21:00.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hat mir ein 26 Jähriger gesagt, nach dem ich ihn gefragt habe, ob er akzeptieren würden, wenn seine
Mutter einen neuen Partner hätte. Er antwortete: nein und meinte sogar: die Mutter gehört mir. 26 Jahre
alt. Hier sieht man, wie stark dieser Anspruch der Kinder auf den leiblichen Elternteil ist. Ich hatte eine
andere Geschichte. Da ist die Mutter gestorben und es ging dann um die Trauerarbeit. Der Vater ging
dann wieder aus und tanzte. Der Sohn sagte, ich bringe mich um. Er drohte mit Suizid, wenn der Vater so
manchmal ausgeht. Dann hatten wir ein Gespräch mit Vater und Sohn. Ich fragte den Sohn, wie oft der
Vater ausgehen dürfte, damit er es aushalten würde. Ich glaube er war 13 Jahre alt. Er sagte, wenn er
einmal ausgehen würde, dann ist es akzeptiert. Okay, dann machten wir ab, dass er nur einmal ausgehen
darf. Dann war es in Ordnung. Der Sohn hat dann den Ausgang des Vaters geregelt. Er hat den so für
seine eigene Sicherheit regeln müssen. Er hat sich zu sehr verunsichert gefühlt wenn der Vater zweimal
ausgegangen ist. Häufiger erlebe ich auch, wenn Väter neue Beziehungen haben, dass sie sich dann
mehr um die Kinder der neuen Frau kümmern, als um ihre leiblichen Kinder.

[00:22:47.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Warum auch immer. Offensichtlich ist bei den Vätern eine Paarbeziehung wichtiger ist als die Beziehung
zu den Kindern. Dann muss man manchmal die Kinder unterstützen, dass die sich Quality Time, also eine
alleinige Zeit, bei den leiblichen Vätern holen und nicht darauf warten, dass der Vater das von sich aus
macht. Da muss man Kinder unterstützen, damit sie sagen, dass sie mit ihrem Vater alleine sein wollen,
auch wenn sie die Partnerin akzeptieren, aber ich will mit Dir alleine sein. Das verstehen die Väter oft
nicht. Sie schleppen oft ihre neue Partnerin, schmuggeln sie mit rein. Mütter sind oft eher bereit alleine
mit den Kindern zu sein. Manchmal sogar zu viel. Es ist ja auch nicht gesund. Mein erwachsener Sohn
der sagt: die Mutter gehört mir, sie darf keinen neuen Partner haben. Sie hat mir auch versprochen, dass
sie keinen neuen Partner haben wird. Das ist natürlich nicht so gesund.

[00:23:59.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Okay, das wäre, was alles schieflaufen könnte. Was für Fehler gemacht werden. Jetzt versuche ich zu
sagen, wie wäre es geschickt, damit es gut läuft. Das geht nicht immer gleich schnell, aber es lohnt sich,
sich an die Regeln zu halten. Da sage ich, wenn der Vater oder die Mutter merkt, irgendeine Beziehung
wird ernsthafter, dann sollte man den Kindern etwas sagen. Da sagen manchmal die Eltern, dass sie
nicht recht wissen, ob es ernsthaft wird, darum wollten sie noch nichts sagen. Aber es wird doch schon
gegenseitig übernachtet und so weiter. Das lässt die Kinder in einer Unruhe, in einer Unsicherheit. Sobald
man merkt, dass es ernsthafter wird, lohnt es sich den Kindern zu sagen: Ich will Dir meine Partnerin oder
Freundin, ich möchte dir diese vorstellen. Dann sagen vielleicht die Kinder "Nein, das will ich nicht,
interessiert mich nicht. Ich will auch niemanden fremdes." Wenn es mehrere Kinder sind, gibt es noch
Kinder, die sagen "Doch, ich möchte das." Die anderen sagen "Nein, ich möchte das nicht." Dann sage
ich, es müssen nicht immer alle gleichzeitig dabei sein. Man kann es auch nur, man kann den neuen
Partner auch nur den Kindern vorstellen, die bereit sind. Das soll nicht am Familientisch sein. Das soll
auch nicht an einem Familienfest sein, wo normalerweise Grosseltern und sonst wer auch immer noch
dabei sind. Sondern es soll an einem neutralen Ort sein. Je nachdem gestaltet man das, so wie es für
einen stimmt. Aber ich denke, es ist wichtig, dass es ein neutraler Ort ist. So würde ich es idealerweise
sagen. Dann arrangiert man etwas. Man kocht etwas, man geht in ein Restaurant, man geht in einen
Park und man trinkt miteinander Kaffee oder man isst zusammen Abendessen.

[00:26:10.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Also wie man das gerne möchte. Vielleicht sind die Kinder nicht so begeistert von dieser Partnerin. Das
macht nichts. Dann sagen wir, du musst meine Partnerin nicht lieben. Du musst sie auch nicht
wahnsinnig toll finden. Aber ich möchte, dass du dich ihr gegenüber höflich benimmst, so wie man sich
jedem Erwachsenen gegenüber höflich vernimmt. Da hatte ich viele Geschichten, wo Teenager Mädchen
sehr ablehnend waren gegenüber der neuen Partnerin. Die Partnerin war sehr verletzt und fand, das geht
doch nicht. Also, man darf sagen, ich möchte dir meine neue Partnerin vorstellen. Man darf sagen, ich
möchte dir meinen neuen Partner vorstellen. Du musst ihn nicht lieben, du musst ihn nicht bewundern.
Aber ich möchte, dass du ihn kennenlernst und ich möchte, dass du glücklich bist.

[00:27:15.000] – Dr.med. Ursula Davatz

Die Rolle des Vaters, der Mann, will ja oft erziehen. Manchmal wollen auch die Mütter den Stiefkindern
gute Manieren beibringen. Hier gilt auch wieder eine Regel. Man kann nicht als Vater oder Mutter
reinkommen. Ich sage prinzipiell, man sollte Stiefkinder nie erziehen wollen. Da gehe zu Jesper Juhl, der
sagt, man sollte überhaupt nie erziehen wollen. Sondern Beziehung pflegen und in der Beziehung eine
klare Position beziehen. Man ist älter, mehr Erfahrung, stärker und das Kind richtet sich dann danach.

[00:28:15.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Gewisse Partner haben dann die Haltung, ich sage einfach gar nichts, ich lasse die Mutter alles machen,
dann sind sie wie gläserne Partner, sie spielen keine Rolle. Das ist auch nicht normal. Man darf sehr
wohl, wenn man sieht, dass das Kind sich auf eine Art und Weise benimmt und stört einen, sagen, in
dieser Situation finde ich, ist die Regel so und so, macht man es so und so, da erwarte ich das und das
von dir. Oder wenn du dich so benimmst mir gegenüber, dann verletzt mich das und das habe ich nicht
gern. Also man darf einem Kind gegenüber als Mensch gegenübertreten, als Frau, als Person, als
Individuum gegenübertreten. Man darf dem Kind gegenübertreten als Mann, als Mensch, als Person
gegenübertreten, aber nie direkt an erster Stelle in der Erziehungsfunktion. Dennoch hat es
Erziehungswirkung, indem eine erwachsene Person etwas sagt und das authentisch sagt, wirkt das auf
das Kind. Wirkt wahrscheinlich sogar mehr als wenn man Vater oder Mutter spielen will. Es ist ganz
wichtig, dass man als erwachsene Person etwas zu dem Kind zeigt. Dass man das Kind ernst nimmt.
Dass man aber nicht Druck aufsetzt und sagt, du musst, du sollst, kannst Du nicht endlich, nichts
erzieherisches. Das ist sehr schwierig. Vor vielen Jahren, jetzt sind es über 40 Jahre, seit ich aus Amerika
zurückgekommen bin, fand ich, dass die Schweizer das Volk von Erziehern sind.

[00:30:02.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben oft die Haltung, dass wir uns gegenüber erziehen müssen. Gerade in der Patchworkfamilie ist
es ganz wichtig, dass man nicht auf das reinfällt, sondern wirklich nur als Mensch, als Person, als
Individuum seine Wertvorstellungen sagt, was einem wichtig ist und was man nicht gerne hat. Ich denke,
dann hat es eine viel grössere Wirkung auf das Kind, als wenn man einen Befehl geben würde, drohen
etc.

[00:30:30.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt komme ich zum Abschluss und nachher dürfen Sie Fragen stellen. Es gibt sicher viele
Patchworkfamilien, bei denen der Übergang ganz natürlich läuft. Wo Kinder sich darüber freuen, dass sie
auf einmal eine grössere Familie haben. Sie haben neue Geschwister, also halbgeschwisterte,
stiefgeschwisterte. Je grösser die Bande, umso lustiger. Gewisse gewöhnen sich natürlich an die neue
Freundin des Vaters, an den neuen Freund der Mutter. Je nachdem, wie es die gemacht haben. In
diesem Sinne haben Patchworkfamilien durchaus auch ihre Vorteile. Es gibt ein grösseres Kollektiv. Wir
sind noch nicht ganz ein afrikanisches Dorf, aber es ist doch ein gewisses Kollektiv. Kollektive haben es
natürlich an sich, dass sie viel mehr ausgleichend wirken können, dass Kinder voneinander lernen
können, dass es verschiedene Erwachsene Bezugspersonen sind, die Ideen geben können. Es gibt eine
breitere Erfahrung für alle Kinder, wenn man über die Hürde hinwegkommt. Gewisse Familien machen
das natürlicherweise. Bei anderen muss man ein wenig nachbessern.

[00:31:55.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es schief gelaufen ist, wenn man die Einführung nicht so gut gemacht hat, wenn man in die Fehler
hineingelaufen ist, heisst das nicht, dass die Fehler nicht korrigierbar sind. Man kann ruhig zu einem Kind
sagen, dass man das nicht so gut gemacht hat, dass man das Kind mit einer neuen Partnerin überfahren
hat. Jetzt beginnen wir nochmals von vorne. Man darf versuchen, die Fehler, die man gemacht hat, zu
korrigieren. Dort sage ich zu den neuen Partner, Frau oder Mann: Die Kinder dürfen dann auch Initiativen
übernehmen, die Kinder kennenlernen. Aber eben nicht als Ersatzmutter, Ersatzvater, Erzieher, helfende
Mutter, sondern nur als Person. Da müssen die neuen Partner auch über den Schatten springen können.
Vielleicht sind sie verletzt oder beleidigt worden von den Kindern. Aber sie sind die Erwachsenen, dass
sie auf die Kinder zugehen und sagen, ich möchte dich kennenlernen, ich bin so und so und so. Also
dass sie den Anfang machen. Kinder können es weniger gut, weil die neue Person eine Konkurrenz zum
leiblichen Elternteil ist. Aber wenn die erwachsenen Personen auf das Kind zugehen, Kinder sind noch
sehr flexibel, sehr lernbereit, denke ich kann man die Kinderherzen durchaus wieder gewinnen. Es kann
gut weitergehen. Die Erwachsenen sollen Bekanntschaft mit dem Kinderteil aktiv angehen. Das wären
schon ein paar Ideen. Und jetzt möchte ich natürlich gerne, dass Sie mir Fragen stellen. Wann darf ich
das Wort geben?

[00:34:00.100] – Bemerkung 1
Wie lange soll man dem Kind Zeit geben, bis man eine Erziehungsrolle übernehmen kann? Ich kenne die
Kinder seit 3 Jahren. Wir sehen uns regelmässig. Wir sind oft miteinander unterwegs. Ich empfinde es
bereits ein Stück weit, eine Ergänzung zu meinen zwei Kindern, dass sie ein Stück weit auch zu mir
gehören. Das hat sich wie entwickelt, dass ich halt auch diese Führungsfunktion von ihnen habe. Also
das fühlt sich jetzt für mich nicht falsch an, was ich von ihnen höre, ist am Anfang genau passiert. Du bist
nicht mit mein Papa. Jetzt fühlt es sich aber schon richtig an, wenn ich sage, dass die Kinder anständig
essen müsst und als Patriarchat die Führungsrolle übernimmt.

[00:35:20.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin natürlich spitzfindig, weil ich so viele Familien behandelt habe. Da würde ich nicht sagen, dass sie
anständig essen müssen. Da würde eher sagen, dass ich mit euch am Tisch sitze. Ich will, dass ihr
anständig essen tut. Aber das sagt Jesper Juhl auch zu den Vätern. Ich will, nicht du musst.
Hochsensible Kinder mögen es gar nicht, wenn man sagt: Du musst. Sondern indem man sagt, ich will,
dass du so isst. Dann bleibt man mit der Energie bei sich. Man ist nicht übergriffig. Sobald man sagt, du
musst, ist das für ein sensibles Kind schon Übergriff. Es gibt Kinder, denen macht das nichts aus, denen
ist das gleich. Das kommt sehr darauf an, wie die Kinder geartet sind.

[00:36:30.000] – Bemerkung 1
Wird das negative Auswirkungen auf das Kind in der Zukunft haben? Muss ich irgendwann mit dieser
Rolle aufhören?

[00:36:44.110] – Dr.med. Ursula Davatz

Nein, sie werden eine Autoritätsfigur im Leben dieses Kindes sein und bleiben. Das ist absolut in
Ordnung. Wenn das Kind nicht so sensibel ist und auch akzeptiert, dass sie sagen, dass sie anständig
essen müssen, dann sage ich da nichts. Es gibt einfach Kinder, die hochsensibel sind und dann hier
einen Unterschied machen und dann haben sie aber absolut das Recht zu sagen, ja, ich bin hier in dieser
Gemeinschaft und ich will das. Für mich ist das wichtig. Denn ich mag es nicht wenn so wüst gegessen
wird. Dann sind sie als Person, als Individuum, als Mann, aber nicht als Befehlshaber. Es ist erstaunlich,
wie bei Kindern das gut wird. Das sage ich ganz allgemein. Das sage ich auch den leiblichen Eltern. Auch
leibliche Eltern haben Mühe. Kinder von leiblichen Eltern haben Mühe, wenn so befohlen wird. Je
sensibler das Kind, je eigenwilliger es ist, umso weniger gut es geht. Ich muss auch mit leiblichen Kindern
so arbeiten, dass ich sie ins Boot hole, dass die Eltern lernen, sie ins Boot zu holen und nicht befehlen.

[00:38:07.260] – Bemerkung 1
Das mit dem "ich will", muss ich eher noch bei meinen eigenen Kindern machen.

[00:38:10.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Absolut.

[00:38:11.280] – Bemerkung 2
Es ist wirklich so, dass die Sensiblen sich sehr schnell beschuldigt fühlen. So etwas ist Gold wert, wenn
man sagt "ich will". Wenn man bewusster beim "Ich" bleibt, dann wirkt man viel mehr. Das Kind fühlt sich
dadurch nicht gleich angegriffen. Ich wünsche mir das, ich möchte gerne. Das hat eine ganz andere
Wirkung.

[00:39:13.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das ist so. Auch bei den eigenen Kindern. Jasper Juul war ja ein sehr bekannter Familientherapeut. Er
hat das Buch geschrieben "Mein kompetentes Kind und die kompetente Familie". Er hat ganz fest auf
dem beharrt. Es stimmt wirklich. Ich will, ich will das. Man vergisst immer wieder, dass man erwachsen
ist, dass man viel stärker ist als das Kind und "Ich will das" wirkt mehr als "Du musst". Üben Sie es bitte!

[00:40:05.640] – Bemerkung 3
Als Eltern lernen wir ein Leben lang.

[00:40:36.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe z.B. eine Familie, da ist der Vater des Kindes total abwesend. Der neue Freund der Mutter hatte
eigentlich die Vaterrolle. Aber er war lange Zeit ein gläsernen Vater. Lange hat er gar nichts gemacht und
alles der Frau überlassen. Der Sohn hat Schwierigkeiten. Jetzt erfüllt der Stiefvater eine ganz wichtige
Funktion. Er war mit diesem Bub zusammen, seit er acht Jahre alt ist. Er muss sich noch etwas
nachholen, damit der junge Mann noch reifen kann. Es ist schon gut, wenn sie präsent sind. Achten Sie
einfach auf die kleinen Details.

[00:41:42.380] – Bemerkung 4
Eine Frage zu den Geschwistern. Wir haben uns über die Kinder kennengelernt. Die Kinder gingen
zusammen in den Kindergarte/Schule. Vorher waren die Kinder befreundet, jetzt sind sie wie
Geschwisterte. Wir leben nicht zusammen. Aber sie leben mit der Mutter in der Nähe von uns und alle
zusammen in der gleichen Schule. Das finde ich auch noch sehr herausfordernd. Mittlerweile streiten sie
wie Geschwisterte, wie normale Geschwister streiten, aber das ist ein bisschen eine Challenge gewesen.

[00:42:30.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein wichtiger Punkt. Es geht über von Freundschaft zu Geschwistertenbeziehung. Kinder haben in
der Regel immer die Erwartung, die böse Stiefmutter. Die Mutter bevorzugt ihre eigenen Kinder und tut
mich schlechter behandeln. Das ist eine Erwartungshaltung. Stiefmütter, um dem entgegen zu wirken
behandeln fremden Kinder, besser als die eigenen, respektive sind strenger mit den eigenen als mit den
fremden. Also man tut überkompensieren. Beides ist natürlich nicht hilfreich. Ich denke, hier geht man
durch eine Phase, in der die Kinder schauen. Das gleiche habe ich natürlich erlebt mit Pflegekinder oder
Adoptivkinder, die immer das Gefühl haben, schlechter als die leiblichen Kinder behandelt zu werden.
Das passiert häufig. Aber es ist nicht immer so. Ich denke, es lohnt sich, das Thema ab und zu
anzusprechen. Dass man sagt, fühlst du dich schlechter behandelt als nicht mein Kind oder umgekehrt?
Aber auch Geschwister, die untereinander sind, sagen ja: immer ich. Die machen das Gleiche. Jedes
findet, dass es am schlechtesten behandelt ist und alle anderen werden besser behandelt. Unter so einer
gemischten Familie passiert das natürlich noch mehr. Apropos Kinder gleich behandeln, ich hatte
natürlich alle Sorten von schwierigen Familien. Da wollten die leiblichen Eltern von zwei Kindern
ausgleichen, damit die Kinder nicht miteinander streiten.

[00:44:30.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben immer die gleich teuren Geschenke geschenkt. Die Kinder haben dann auf den Rappen genau
ausgerechnet, ob das Geschenk wirklich gleich teuer ist. Also so viel zur Gleichheit. Man muss nicht
immer alles gleich behandeln. Das gleiche Problem haben die Lehrer, die gerecht mit allen sein wollen.
Es gibt einen Begriff von einem amerikanisch-ungarischen Psychiater, Ivan Boszormenyi-Nagy, die
ausgleichende Gerechtigkeit. Die Vorstellung der Gerechtigkeit ist sowieso eine künstliche Vorstellung.
Die Natur ist nie gerecht, aber schlussendlich gleicht es sich immer wieder aus. Da haben sie das Recht,
Kinder unterschiedlich zu behandeln. Das Kind braucht das und das braucht das. Man kann gar nicht alle
gleich behandeln. Sie sind ja ganz unterschiedlich in den Bedürfnissen. Sie haben das Recht,
unterschiedlich zu behandeln. Aber ich denke, bei so einer Mischfamilie lohnt es sich ab und zu, dass
man miteinander anzuschauen. Man kann sich untereinander fragen, ob sich da jemand ungerecht
behandelt gefühlt hat. Man kann auch mit den Kindern darüber reden. Wenn sie merken, dass man
aufmerksam ist dem Problem gegenüber, dann gleicht sich das wieder aus. Ist das ein wenig darauf
geantwortet? Aber sie dürfen so genannt ungerecht sein. Ausgleichende Gerechtigkeit. Das andere ist so
stur. Darum bringe ich das andere Beispiel, das alles auf den Rappen ausgerechnet ist. Es hat überhaupt
nicht funktioniert. Ich sage allen Lehrern, sie dürfen Kinder unterschiedlich behandeln. Halt so, wie es das
Kind braucht. Die Kinder sind ja nie alle gleich, auch die Geschwister nicht.

[00:46:15.490] – Bemerkung 5

Es gibt ja den Spruch, Gerechtigkeit heisst nicht jedes Kind gleich zu behandeln, sondern jedes Kind so,
dass es allen gut geht.

[00:46:25.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein guter Satz. Ich würde sagen, dass es allen gut geht. Es sind alles Individuen und alle
brauchen eine andere Behandlung.

[00:46:47.360] – Bemerkung 6
Viele Eltern haben Angst vor dem Streit. Man muss den Mut haben, die Kinder machen zu lassen, denn
die regeln das gut. Schaut her, hier sind die Pflaster und das Desinfektionsmittel, tschüss. Ich erlebe
immer wieder, dass die schwächeren Kinder beginnen sich zu wehren, wenn man sie machen lässt.
Wenn man die beschützt, werden die nicht stärker. Man muss den Mut haben zu sagen: Schaut bitte
selber. Das musste ich auch lernen. Aushalten, streiten und Lösungen finden.

[00:47:55.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man zu Hause ist, läuft der Streit viel heftiger, aggressiver, blutiger. Wenn man weggeht, müssen
sie miteinander verhandeln. Eine Zeit lang hatte ich Vorträge zum Thema: Geschwisternstreit,
Geschwisterliebe. Ich sage immer Streiten unter Kindern ist eine Sozialisierungsübung. Über Streiten
lernen sie, sich durchzusetzen, zu verhandeln etc. Wenn man zu viel eingreift, bleiben die Kinder
unerfahren und ihre Social Skills bleiben etwas hinten dran. Wir muten den Kindern oft zu wenig zu.

[00:48:36.090] – Bemerkung 7
Das kann ich bestätigen. Jetzt, wo ich nicht bei der Mutter bin und nicht bei den Kindern, habe ich gerade
das Telefon bekommen, weil es gerade etwas mühsam ist. Wenn ich mit ihr dort bin, ist es weniger
mühsam, und wenn ich alleine mit den Kindern bin und sie weg ist, dann ist es ganz locker. Wenn die
Mutter alleine ist mit den Kindern, ist es mühsamer.

[00:48:57.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, wir Mütter wollen immer helfen und schlichten und machen.

[00:49:12.840] – Bemerkung 7
Das ist eine Idealvorstellung. Ich sehe den Konflikt als gut. Die Kinder sollen Konflikte haben oder
Probleme haben. Sollen streiten untereinander. Die Kinder sollen sich verbalisieren. Die Probleme
sortieren.

[00:49:20.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Kinderstreit ist Sozialerziehung. Da lernen sie sozial verhandeln und reagieren. Wenn man zuviel
eingreift, lernen sie weniger.

[00:49:21.270] – Bemerkung 8
Was auch passiert, wenn Väter zu viel eingreifen, weil die Mütter es nicht schaffen, dann schwächt man
die Mütter. Dann kommt der Vater und dann ist Ruhe. Dann lernt die Mutter aber nie etwas. Die Väter
sind dann die Rettung aber dann ist man nicht mehr auf gleicher Augenhöhe und die Mutter ist
schwach.irklich dann nicht mehr wichtig als Prinzessin.

[00:50:47.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Sonst müsste man als Mutter am Abend sagen, ich bin fertig, ich habe genug, übernimm du. Dann kann
er übernehmen und sie geht weg. Aber einfach als Bestrafer, als der, der die Ruhe macht, das ist nicht so
gut.

[00:51:10.100] – Bemerkung 7
Ich bin Bad Cop, sie ist Good Cop. Sobald es aber zuviel wird, ist sie der Drachen und ich sage, hey jetzt
müsst ihr aufpassen. Es ist nie ganz konstant.

[00:51:48.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher war es in vielen Familien so, dass die Mutter, wenn sie nicht mehr Meister werden konnte, sagte,
sie warte nur, wenn der Vater nach Hause kommt, dann. Viele Väter haben das sogar gemacht. Sie
haben dann gestraft. Zum Teil nicht einmal gewusst, für was sie strafen. Aber sie haben einfach gestraft.
Das war ihre Funktion. Das ist an sich heute nicht mehr so. Es läuft ein bisschen subtiler ab. Aber ja,
Väter haben oft die Tendenz, die Autoritäten wirken zu lassen. Wie sie sagt, lernen die Mütter nicht, mit
den Kindern in Gang zu kommen. An sich müsste eigentlich immer jeder selber seinen Konflikt lösen.
Oder sonst einfach abgeben. Also, heute gebe ich ab und dann macht es der Vater nach seinem Stil.
Wenn die Kinder klein sind, ist es anders. Dann sagen, die Mütter, ich kann nicht, ich bin überfordert. Und
der Vater sagt, er nehme das Kind, aber die Mütter glauben dann nicht, dass der Vater es auch kann. Er
macht es anders. Dann sage ich immer, hören Sie, es ist sein Kind, er wird das schon recht machen.
Aber da haben die Mütter oft wahnsinnig Mühe, die kleinen Kinder dem Vater zu überlassen.

[00:53:03.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sieht ja heutzutage so viele Väter, die mit Babys auf dem Bauch herumlaufen, also das freut mich.

[00:53:26.710] – Bemerkung 9
Zum Thema Ferien. Wir sind zusammen in die Skiferien gegangen. Das war eine Katastrophe, ich bin in
das Elend gelaufen. Ich war froh, dass ich wieder arbeiten gehen konnte.

[00:54:07.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Also da war dann Ihre Familie noch dabei?

[00:54:12.270] – Bemerkung 9

Wir sind mit vier Kinder in die Skiferien gefahren. Die Frage ist, soll man für die Ferien eine Regel
aufstellen, bevor man in die Ferien geht, und sagt, so und so muss es funktionieren. Oder soll man
schauen, was die Bedürfnisse der Kinder sind? Mit Licht schlafen, ohne Licht schlafen, etc. Wir haben
versucht die Regeln vor Ort aufzustellen. Ich habe mich dem Schauspiel dann gefügt. Soll man in die
Ferien gehen und den Kindern ihren Rhythmus lassen? Soll man das vorher besprechen? Wer geht wann
ins Bett?

[00:55:48.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde vorschlagen, dass sie vorher als Paar miteinander fragen, was sind eure Gebräuchlichkeiten
und was sind meine Gebräuchlichkeiten. Dass sie als Erwachsene schauen, wo sind riesige
Unterschiede. Dass sie dann miteinander übereinkommen, welche Regeln, also was ist der kleinste
gemeinsame Nenner. Dann würde ich sagen, das würde ich dann verkünden. Gerade am Anfang der
Ferien. Denn, Sie haben zwei Familien, die zusammenkommen, verschiedene Kinder, die
zusammenkommen, es hat sich noch nicht alles eingespielt, und wenn Sie einfach alles laufen lassen,
und Sie haben es gerne ein bisschen strukturiert, dann sind Sie natürlich immer hinter der Bewegung. Da
lohnt es sich vorher zu überlegen und dann ein paar einfache Regeln zu machen. Natürlich gibt es auch
andere Eltern, denen ist es egal, wenn alles durcheinander läuft, die finden das spannend und dann
macht man es so. Aber was ich bei ihnen hier höre, würde ich eher raten, wenig absprechen. Wie siehst
du es, wie sehe ich es? Was ist meine Grenze? Dann das am Anfang gerade sagen. Kinder sind hier sehr
flexibel, wenn man sagt, jetzt sind wir hier in der Ferien, ich hätte gerne das und das und das, das ist mir
wichtig.

[00:57:09.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann man hören, was sie sagen. Dann sagen sie vielleicht irgendetwas, dann wird das verhandelt.
Aber sie setzen dann das durch, wie sie es wollen. Sobald sie die Kinder machen lassen, dann müssen
sie sie wieder einsammeln.

[00:57:25.940] – Bemerkung 9
In den Skieferien ist das wieder speziell. Dann müssen sie bereit sein für die Skischule. Vielleicht ist es
besser mit den Sommerferien anzufangen.

[00:58:05.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, da dürfen sie als Autoritätsfigur durchaus auftreten und sagen, ich möchte es gerne so und so.
Dann können sie hören, was sie sagen. Miteinander ein wenig reden. Aber dann können sie sich auch
durchsetzen. Auch wenn es schon gelaufen ist, dann rennen sie den Kindern hinterher.

[00:58:30.600] – Bemerkung 9
Kein Monopoly am Abend, sonst gibt es nur Verlierer.

[00:58:57.420] – Bemerkung 10

Was zum Teil auch gut ist, wenn man eine Kindersitzung macht. Die Kinder einbeziehen in die
Lösungssuche. Die finden das spannend. Das mit dem Licht, da muss man nicht die Lösung bringen, da
kann man auch die Kinder fragen. Das gibt eine Wichtigkeit. Dann kommen die Kinder mit kreativen
Lösungen.

[00:59:36.050] – Bemerkung 11
Das habe ich auch schon erlebt. Ich stelle mich zum Teil extra dumm. Ich kann dir nicht helfen und ich
weiss nicht, wie ich dir helfen kann. Was denkst du? Was denken Deine Geschwister? Es ist dann recht
spannend was die Kinder dann bringen. Sie verwenden das bereits gelernte und mischeln das dann mit
etwas neuem. Dann wird es spannend, wenn die Kinder selber kreative Lösungen suchen.

[01:00:32.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eine generelle, wenn Kinder Streit oder Probleme miteinander haben, dass man nicht gleich die
Lösung sucht, sondern sagt, jetzt haben wir ein Problem. Das, und da kann man es noch ein wenig
wiederholen, du willst das, du willst das, der stört das, der stört das, wir haben ein Problem, wir haben ein
Interessenskonflikt. Was machen wir jetzt? Das wäre, dass man die Kinder einbezieht. Dann kommt jeder
mit etwas anderem, und dann kommen sie oft mit ganz guten Vorschlägen. Also, dass man die Kinder mit
einbezieht, ist die Problemlösung. Aber man muss sagen, wir haben ein Problem. Nicht gerade, du bist
böse, du bist arm, du bist laut, weiss ich was, sondern einfach ein Problem.

[01:01:33.020] – Bemerkung 12
Was würden sie sagen, wenn in diese Konstellation ein gemeinsames neues Kind reinkommt? Von
beiden Seiten kommen bereits die bestehenden Kinder.

[01:01:43.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ein neues Kind geboren wird? Ja, ich habe eine solche Familie. Kinder sind in der Regel sehr
interessiert an Babys. In dieser Familie, die ich gerade begleite, reisen sich dann alle um das Baby? Alle
wollen das Baby. Das Baby hat eine verbindende Funktion. Wenn es dann grösser wird, kann es wieder
schwierig werden. Wie soll ich es sagen? Die Mütter könnten in Konflikte kommen. Die, die das Baby hat,
ist dann im Vorzug. Da kommt eine Rivalität unter den Frauen. Da muss man der Mutter, die kein Baby
hat, wahrscheinlich ein wenig Unterstützung geben, damit sie nicht zu kurz kommt. Aber Kinder haben oft
weniger Mühe mit dem. So habe ich es in der Regel erlebt. Die freuen sich, ein neues Baby, spannend.
Meine Halbschwester, mein Halbbruder. Die machen alles möglich. Die Mädchen noch mehr als die
Buben. Die können dann vielleicht nicht so viel mit dem anfangen. Die fallen dann ein wenig zurück. Die
Mädchen mütterlen. Dann muss man wahrscheinlich dem Bub helfen, dass er nicht nebenher rausfällt.
Dort dann wieder schauen, dass der Vater dem Bub genügend Aufmerksamkeit geben kann, damit der
Junge nicht aggressiv und schwierig sein muss, um Aufmerksamkeit zu holen. Die Mädchen können ihren
Muttertrieb zeigen und die Buben sind dann neben draussen. Darauf muss man schon noch aufpassen.

[01:03:57.500] – Bemerkung 13
In der Pubertät kann es dann kippen, obwohl es bis dann gut gelaufen ist?

[01:04:15.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Pubertät ist es eine Umwandlungsphase. Wenn es vorher gut gelaufen ist, in der Pubertät geht man
alles wieder durch. Zum Beispiel auch Kinder, die als Adoptivkinder aufwachsen, denken in der Pubertät
noch einmal an ihre leibliche Mutter, die sie vielleicht gar nicht gekannt haben oder keine Erinnerung
mehr daran haben. Dann kommt der Bezug zu der leiblichen Mutter oder dem leiblichen Vater, der wird
stärker. Dann muss man noch einmal Rücksicht auf das nehmen. Vielleicht muss das Kind auch eine
gewisse Trauerarbeit machen, dass der leibliche Elternteil nicht da ist. Ja, das stimmt schon. Sie haben
recht, das kann schwieriger werden. Wenn es vorher sehr gut gelaufen ist, auf einmal ist es nicht mehr so
gut. Man stellt sich dann auch immer vor, der ist ja nicht verwandt mit mir und der leibliche Elternteil wäre.
Vielleicht wäre ich dem viel näher und vielleicht würde er mich viel besser verstehen. Ich habe
Adoptivkinder erlebt, die keine Erinnerung an ihre Mutter hatten, als sie dann so alt waren, haben sie
jeden Abend an ihre Mutter gedacht. Man holt sie dann wie rein. Das muss man wahrnehmen und
bearbeiten. Das ist eine Art Trauerarbeit.

[01:05:50.660] – Bemerkung 14
In der Pubertät kann auch die Ablehnung kommen. Es ist wichtig, das aufzunehmen. Was brauchst Du?
Etwas aufholen, damit es dann wieder besser vorwärts geht.

[01:06:05.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss über diese Dinge sprechen, nicht beleidigt sein, sondern das offen ansprechen. Aushalten,
also nicht zu schnell eine Lösung haben wollen, damit das wieder vorbei geht.

[01:06:42.950] – Bemerkung 15
Mein Sohn ist vorpubertär. Das kann einen heftigen Zusammenstoss geben. Er muss sich irgendwie
ablösen. Er geht dann einfach weg und kommt dann wieder und dann ist es wieder besser.

[01:06:43.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann durchaus sein, dass es mit dem eigenen Kind wahnsinnig knallt und dass der Fremde dann
einen einfacheren Zugang hat. Das ist natürlich schön. Da sind wir wieder beim afrikanischen Dorf. Also
es kann durchaus eine tolle Erweiterung sein.

[01:07:46.920] – Bemerkung 16
Gibt es nochmals einen Vortrag in einem Jahr? Damit wir das alles anwenden können?

[01:07:48.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Klar, falls sie das wünschen. Zum schauen ob es etwas genützt hat.

[01:08:03.520] – Bemerkung 17

Bei uns bei der Hota kann man sich nur anmelden wenn man ein schwerwiegendes Problem hat. Es gibt
ja auch das BZB Plus, Beratungszentrum Baden. Das ist auch super! Für erzieherische Sachen. Schnell
und unkompliziert. Es kostet nichts. Einfach den Termin abmachen.

[01:09:12.980] – Bemerkung 18
Ich fand es sehr spannend, lehrreich. Man konnte die eigenen Erfahrungen einbringen. Etwas haben wir
auch richtig gemacht.

[01:09:39.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir dürfen immer wieder Fehler machen. Der Mensch ist ein anpassungsfähiges Wesen. Aus den Fehlern
lernt man. Trial and Error.

[01:09:49.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Ihnen viel Glück, viel Spass und viel Lernfreudigkeit mit ihren Grossfamilien, mit ihren Patchworkfamilien.
Das ist etwas Interessantes. Es ist kein negativer Begriff.

Podcast: Woher kommt die Schizophrenie?

Transkription

Transkript

Dr.med. Ursula Davatz, Prof. Dr.med. Luc Ciompi

24.7.2021
Woher kommt die Schizophrenie?
Audio

[00:00:02.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Lieber Luc Ciompi, es freut mich sehr, dass ich dich begrüßen darf zu einem zweiten gemeinsamen
Gespräch. Wir sind beides Spezialisten auf dem Gebiet der Schizophrenie. Du hast viel geforscht darin
und ich habe viel Therapien gemacht, unter anderem mit Schizophreniefamilien, also habe die
angeschaut. Als Leitsatz nenne ich unser Gespräch "Woher kommt die Schizophrenie?" Ich komme jetzt
aus meinem Erfahrungsbereich. Wenn ich mir all die Schizophreniefamilien, die ich behandelt habe,
begleitet habe, so etwas durchschaue, dann suche ich immer nach Mustern. Da ist mir das Muster
aufgekommen, und ich mache jetzt ein Wortspiel. Eine akute Schizophrenie tritt auf, wenn das System an
sich, also das Familiensystem, etwas verrücken müsste, verändern müsste. Der Patient, der dann die
Psychose bekommt, wird ja dann in der Umgangssprache "verrückt". Also es ist wieder das gleiche Wort.
Auf Schweizerdeutsch sagt man auch "ich bin verrückt", "ich bin wütend". Also sind sehr viele Emotionen
dabei, bei dieser Verrücktheit. Ich habe die Beobachtung gemacht, an sich müsste man etwas im System
verrücken. Das System hat aber Widerstände dagegen. Es ist der Schizophrene, der eigentlich
aufmerksam macht auf etwas. Aber es gelingt natürlich längstens nicht immer, dieses System so zu
verrücken, dass der Indexpatient nicht mehr verrückt sein muss.

[00:02:12.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich arbeite immer daran, versuche das auch und habe letztendlich auch wieder so eine Geschichte
gehabt und habe gedacht, jawohl, ich muss den Eltern sagen, es ist fertig mit dieser, ich sage jetzt mal,
Scheinheiligkeit. Die Wahrheit muss an die Oberfläche kommen. Vorher kann euer Sohn nicht normal
werden. Das sind so Gedanken. Ich frage mich dann, und ich kann dich fragen, du hast ja auch mit der
Schizophreniefamilien zu tun gehabt, was sind die behinderten Momente, die das System fesseln, die
Einschränkungen, dass das System sich nicht verändern kann, nicht sich verrücken kann, moralischer,
gesellschaftlicher, religiöser und auch je nachdem politischer Art. Dann als weiteres sage ich natürlich,
erzähl mir doch bitte deine Hypothese, dein Erklärungsmodell der Schizophrenie. Aber wenn du zuerst
etwas auf das eingehen könntest.

[00:03:23.810] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ja, also was sind die Behinderungen, die bremsen, die machen, dass ein Familiensystem sich nicht
verändern möchte. Ich möchte zunächst einmal unterstreichen, was du gesagt hast, dass da heftige
Emotionen im Spiel sind. Diese eigentlich immer, auch nach meiner Auffassung, namentlich vor dem
Ausbruch einer Psychose sind. Du hast einmal von einem emotionalen Tsunami gesprochen, da ist viel
los in der Familie, da sind heftige Spannungen, da sind Gegensätze, da sind Tabus namentlich auch, da
sind häufige Geheimnisse, über welche man nicht sprechen darf, unangenehme Vorfälle, die Emotionen
wecken und was verhindert, dass man diese Tabus oder auch Traumata, Konflikte, Zwischenfälle aller
Arten, die in einer Familiengeschichte passieren können, angeht, das ist höchst unangenehm, das zu tun.

Ich sehe in dieser Tatsache, dass eine Wunde anrühren tut weh. Deshalb versucht man, diese Wunde
viel lieber zuzudecken und zu tun, als wie wenn gar nichts wäre und zumindest gerade das, worum es
geht, nicht wäre. Ja, das, glaube ich, ist der häufigste und der wichtigste Hemmungsgrund. Man kann
natürlich dann auch noch allerhand gesellschaftliche, soziale, konventionelle bis vielleicht gar zu
politischen, im kleinen Sinn wohl politischen Hemmnissen tatsächlich nennen. Da werden oft
Konventionen verletzt, gesellschaftliche Konventionen. Es steht vielleicht so etwas wie ein Familienruf
oder eine Familienfassade auf dem Spiel, eine gutbürgerliche sagen wir es einmal, aber es kommt in
allen Sorten Familien vor. Es ist ein Beispiel ein schöner Schein, den man natürlich aus sehr vielen
gesellschaftlichen Gründen bis hin vielleicht zu, ja, wenn jemand eine Stellung hat, die er nicht in Gefahr
bringen will, besonders heute, wo sobald irgendetwas irgendwo nicht ganz stimmt, dann ist das in den
Medien, also in den sozialen Medien drin, das ist zentriert. Das sind die Hemmnisse, die ich sehe, in
erster Linie.

[00:06:35.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Doch, ich denke, das klingt bei mir gut an, da kann ich nur zustimmen. Wenn Du deine Theorie oder dein
Erklärungsmodell der Schizophrenie? Wenn du da etwas erläutern könntest, wie du das für dich
angeordnet hast.

[00:06:53.420] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ich will das versuchen in aller Kürze zu tun, das ist aber nicht ganz leicht, weil die Schizophrenie ist eine
hochkomplexe Krankheit. Es sind viele Faktoren, die da einwirken und so dass auf einen einzigen
Nenner, kurzen Nenner zu bringen, droht, doch die Sache über Gebühr zu vereinfachen. Aber ich glaube
von diesem emotionalen Tsunami, von dieser emotionalen Spannungssituation, von der wir gesprochen
haben, auszugehen, das gilt auch für mein Schizophrenieverständnis. Ich habe mich insbesondere mit
den Emotionen beschäftigt und damit, was die Emotionen mit uns machen, vor allem mit unserem
Denken. Sie verändern unser Denken, sie verändern unsere Sichtweisen. In meinem Verständnis spielt
ein Wissenschaftszweig, der sich Synergetik nennt, das Zusammenwirken von Faktoren, aber auch vor
allem dann, dass Zusammenwirken von Emotionen für den Ausflug der Psychose eine wichtige, ich
würde sagen zentrale Rolle. Wir sind auch wieder bei diesem Tsunami. Wenn in einem System wir sind ja
beide systemtheoretisch auch orientiert, wenn in einem beliebigen System, nicht nur in einem
psychischen System, in einem sozialen System, sondern auch sogar in einem chemischen oder
physikalischen System die energetische Spannung auf einen kritischen Punkt steigt, dann schlägt das
Muster des Systems um. Das übergeordnete Muster. Also wenn wir an ein psychisches System denken,
eine Familie, eine Gruppe, ein Betrieb bildet ein System. Wenn wir darin immer mehr Spannung pumpen,
wenn da Dinge vorfallen, die ungeheure Konflikte machen, die die Leute wütend machen, die Leute
traurig machen, verunsichern. Also wenn die Spannung kritisch ansteigt, dann irgendeinmal knallt es
sozusagen. Da passiert etwas. Entweder rastet jemand aus oder es bringt sich jemand um oder es wird
jemand verrückt oder eben das System wird verrückt. Oder das ganze kracht in sich zusammen. Auf
jeden Fall das gewöhnliche Funktionsmuster geht nicht mehr. Unter bestimmten Umständen, die nach
meiner Meinung erst zum Teil geklärt sind und auf bestimmten Verletzlichkeitsfaktoren aufbauen, kann es
eben passieren, dass das System, das ganze System kracht durch die Verrücktheit und vielleicht eines
oder seltener Weise das ganze System, wenn alles durcheinander geht. Das ist ein, das sind wir glaube
ich, auf einem recht gemeinsamen Terrain. Das sind wichtige Elemente meines

Schizophrenieverständnisses. Es kommt dann noch einiges dazu, worüber ich mich jetzt nicht sehr
intensiv ausbreiten will. Aber du hast kürzlich einen Artikel von mir gesehen, wo auch vom sogenannten
Embodiment die Rede ist. Embodiment, das ist ein neuer Wissenschaftszweig für eine eigentlich
altbekannte Sache, nämlich dass namentlich unsere Emotionen, aber in bestimmtem Sinn auch unser
ganzes Denken, also die Psyche in unserem Body, in unserem Körper verankert und verwurzelt ist.

[00:11:27.240] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Wenn ich wütend werde, dann laufe ich rot an, dann geht mein Herz hoch, dann weiten sich meine
Pupillen und noch vieles andere, oder ich schwitze, vieles andere mehr. Also es gibt keine stärkeren
Emotionen ohne entsprechende körperliche Veränderungen. Man hat auch zeigen können, dass eben
auch das Denken irgendwie auf verschiedene Weise im Körper verankert ist. Das Gedächtnis, man redet
von einem Körpergedächtnis neuerdings. Aber es ist etwas Banales. Als Kind habe ich gelernt, Fahrrad
zu fahren, Velo zu fahren. Das kann ich nun. Das ist mein Körper, der das weiß. Ich weiß es nicht mehr.
Wie man das macht. Dieses Embodiment spielt für mich auch eine große Rolle, weil in der Schizophrenie
auch sehr viele körperliche Missempfindungen, namentlich aus der Schule der Phänomenologie gesehen
eine ganz wesentliche Rolle spielen. Es finden gewisse Leute sind der Ansicht, dass die eigentlichen
Wurzeln der Schizophrenie in einem falschen Körper oder veränderten Körperwahrnehmungen liegen
könnte. Und es gibt noch ein anderes Element, das mir in den letzten Zeiten zunehmend interessant
geworden ist. Das ist dieses Free Energy Prinzip, freie Energie von Carl Friesen. Das ist ein englischer
Psychiater und Mathematiker. Der hat mathematisch nachgewiesen, in verschiedener Weise, es komplex
zu lesen, aber trotzdem, dass eigentlich das System, also das körperliche, das psychische System, das
Körpersystem, der Organismus, aber auch jedes einzelne Untersystem, also bis zu den Zellen zum
Gehirn, dass die alle dauernd bestrebt sind, den Energieverlust möglichst gering zu halten.

[00:13:42.100] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Also keine freie Energie, das bedeutet keine Überraschungen. Damit stellt sich, um diese
Überraschungen auszuschliessen oder zu minimisieren, gibt es so etwas wie ein implizites Modell der
Wirklichkeit. Das, was sich der Organismus macht. Also wenn es blitzt, dann donnert es. Das sind so
Dinge, Zusammenhänge. Wenn dies und jenes passiert, oder wenn da ein Loch ist, dann muss ich
aufpassen. Alle diese Dinge, die werden gespeichert in einem impliziten inneren Modell. Der lebende
Organismus versucht, dem auch auszuweichen, also nicht ins Loch zu fallen oder in Panik zu verfallen,
wenn es donnert nach dem Blitz. Manchmal donnert es ganz heftig, dann hat es halt geblitzt, dann
donnert es, dann ist die Welt wieder sozusagen in Ordnung. Alle diese Elemente spielen nach meiner
Meinung zusammen. Das tönt sicher alles schon sehr komplex. Ich glaube, man kann, um das zu
vereinfachen, zurückzukehren zu diesem Tsunamibild. Hohe emotionale Spannungen, die machen
verrückt bestimmte Menschen, was dann auch zeigt, wie man allenfalls therapeutisch vorgehen kann,
nämlich diese Spannungen zu nachhaltig, nicht nur durch eine kleine Spannungsübung zu minimisieren.

[00:15:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich versuche ein paar Gedanken dazu zu sagen, was mir da alles in den Sinn gekommen ist. Ich muss
schauen, dass ich es auf die Reihe bringe, wenn ich bei den Emotionen beginne. Also es stimmt, wenn
eine akute Psychose ausbricht, dann ist die ganze Familie in Aufruhr und alles in Aufruhr und der Patient

natürlich auch. Meine erste Reaktion ist dann immer runterfahren, nichts machen, weniger machen. Also
ich muss eigentlich das System immer beruhigen. Wenn ich selber ruhig bin und nicht nervös, dann kann
ich das. Wenn ich aber auch irgendwie unter Zeitdruck bin und unruhig, dann geht alles auseinander. Da
sage ich ja dann diesen Spruch "You never have a second chance to make a first impression". Wenn eine
Schizophreniefamilie an mich herantritt und die erlebt mich unsicher, kann ich es vergessen. Ich muss
wirklich absolut sicher sein. Also meine Ruhe bewahren können. Wenn wir von den Emotionen reden, die
meisten Schizophrenien treten ja auf im jungen Erwachsenenalter, Pubertät, jungen Erwachsenenalter.
Da redet man ja immer von Emotionskontrolle. Also der junge Mensch muss lernen, seine Emotionen zu
kontrollieren. Das Kind muss das noch nicht. Da muss die Mutter, das Kind oder der Vater beruhigen.
Wenn man erwachsen wird, sollte man die Gefühle einigermaßen in den Griff bekommen. Ich komme
zuerst vielleicht zum Embodiment. In der abendländischen Denkweise hat man Geist, Körper und Seele
getrennt. Für das Verständnis der Schizophrenie überhaupt allgemein, für das medizinische Verständnis
ist das eigentlich keine gute Sache. Gerade bei der Schizophrenie, also der Körper spielt jetzt langsam
immer mehr eine Rolle, man macht Körpertherapie etc. Aber im Denken wird es oft noch getrennt. Ich
habe zwei Jahre lang Weiterbildung gegeben bei Schwestern, die im zweiten Lehrgang, also in der
zweiten Lebenshälfte Krankenschwester geworden sind, Psychosomatik. Dann habe ich mir immer
Gedanken gemacht über die Psychosomatik und habe dann immer nach Sprichwörtern gesucht, also der
Schreck im Nacken, was liegt auf meinem Bauch oder was macht mich krank.

[00:18:14.820] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Es läuft mir kalt über den Rücken.

[00:18:16.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja genau. Und so weiter. Es gibt so viele gute Sprichwörter, die keine Grenze machen zwischen Geist
und Körper. Da ist das noch alles zusammen und da sind ganz viele Weisheiten drin. Von dort her denke
ich, wir müssen auch in der Medizin wieder mehr diese Einheit herstellen und hin und her denken. Unser
Organ, das wir beforschen, ist ja das Gehirn, wenn ich das noch genauer untersuche und anschaue,
dann verwende ich immer das Modell des "Triune Brain" von Paul D. MacLean. In der neuen modernen
Neurowissenschaft ist das vielleicht veraltet. Er hat aufgebaut auf den drei Hirnhälften, das Reptilienbrain,
also das Stammhirn mit dem Kleinhirn, das dazu gehört, das sind die automatisierten Bewegungen, dass
wir Velo fahren können. Dann das mittlere Hirn, das limbische System, das die Emotionen beherrscht
oder beinhaltet, beherbergt. Und dann das Grosshirn. Er sagt extra "Triune Brain", also es ist keine
Hierarchie.

[00:19:37.080] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Die Dreifalt, das dreifältige Gehirn.

[00:19:40.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, kann man sagen. Nicht einfältig, aber dreifältig. Je nach Situation übernimmt ein anderes Gehirn. Der
Tsunami, der entsteht wahrscheinlich im emotionalen Gehirn, und der überflutet dann, der kann das
Großhirn überfluten und der kann auch das Stammhirn überfluten. In den Vorphasen, bevor die
Schizophrenie ausbricht, hat man oft andere Symptome, Depression, Rituale, zwanghaftes Verhalten,

also alles Verhaltensweisen, die etwas mehr ins Stammhirn gehören, also ins Reptilienhirn gehören.
Wenn die Psychose dann ausbricht, dann wird das kognitive Gehirn, also das Großhirn, überflutet und
dann bricht alles zusammen. Jetzt, wenn ich von Flutwelle spreche, In der "Zeit" hat es einen Artikel
gehabt in der letzten Woche über das Bauchgefühl und die Intuition. Der Artikel beginnt mit der
Millenniumwelle, die ein Surfer von Hawaii abgeritten hat. Er hat sich auf eine Art nach üblichem
Surfverhalten völlig falsch verhalten. Er ist nach hinten gelehnt und hat vorne das Bein gestreckt und er
hat die Welle abgeritten. Wie hat er das gekonnt? Er hat es natürlich gekonnt, weil er schon so viele
Wellen abgeritten hat, aber in dem Moment sind die üblichen Gesetze weg. Er musste etwas anderes
verwenden. Sein Körper konnte das. Ich wechsle jetzt von Affektlogik zu Intuition.

[00:21:40.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist die gute Seite der Affektlogik. Über seine schnelle Entscheidungsfähigkeit, über die Intuition, die
geht ja immer schnell, hat er den Moment richtig erfasst und hat überlebt. In dem Sinn, wir in der
westlichen Welt und mit unserer Bildung sind sehr stark geprägt von unseren intellektuellen Fähigkeiten
und wenn diese wegfallen, und beim Schizophrenen fallen die über den Haufen, dann ist der Mensch
weniger wert. Aber das muss nicht unbedingt stimmen. Ich sage ja, die Schizophrenen sind in der Regel
sehr sensibel, und sie merken Dinge, die vielleicht jemand anderes besser unterdrücken kann. In dem
Sinn ist vor der emotionalen Monsterwelle wird viel, wie du gesagt hast, Stress gehortet. Die nehmen alle
möglichen Reize wahr, Situationen wahr, die jemand anders vielleicht nicht wahrnehmen würde. Da hat
Eugen Bleuler sogar gesagt, Schizophrene nehmen Dinge wahr, die der normale Mensch gar nicht
wahrnimmt. Das stimmt. Die nehmen da viel mehr rein und irgendwann mal explodiert es. Dieser
Übersprung, ich denke, das ist ein biologisches Gesetz, dass wenn ein System überfordert wird, an seine
Grenzen kommt, dann springt es um. Eine Zeit lang hat man gesagt "Natura non facit saltus", also die
Natur macht keine Sprünge. Das stimmt aber nicht.

[00:23:26.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Im biologischen System machen die Sprünge. Das Hirn macht die Sprünge. Ein Meer, das verschmutzt
wird, oder ein See, der kann noch lang kompensieren und irgendwann mal kann er nicht mehr und dann
schlägt es um. So läuft es, denke ich, auch im Gehirn. Dann steht das ganze System um. Es ist
überfordert. Also die Menschen, die da dann psychotisch werden, bei denen versagt die
Emotionskontrolle und die Regulation, also die Emotionsregulation. Dann kommen, ich könnte sagen
primitivere, da werte ich schon wieder, aber da kommen andere Verhaltensweisen, emotionale
Ausdrucksweisen zum Zug, zum Ausdruck. Macht das Sinn?

[00:24:25.440] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ja, ja, ich bin mit all dem.

[00:24:28.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Ganz einverstanden. Vielleicht gehe ich sogar jetzt noch zurück zu deiner Familie und deiner Mutter. Du
hast sie in deinem Buch "Ciompi reflektiert", hast du gesagt, die verrückte Mama oder so etwas
ähnliches. In der normalen Welt ist sie verrückt erschienen. Aber sie hat einen Entcheid getroffen damals.
Der war sehr raffiniert. Sie hat dir als Älterer und deiner Schwester verboten, in die Schule zu gehen. Ihr

habt groß davon profitiert. Ihr hattet jegliche Freiheit. Das war eine wunderbare Lebensschule, das kann
ich gut nachvollziehen. Das war die eine Sache. Aber später ist dann herausgekommen, dass Ideen oder
Absichten vorhanden waren, die euch als Kinder entführen wollten. Also die Familie deines Vaters wollte
euch entführen. Denn ihr wart ja Kinder von der Familie des Vaters und Kinder von der Familie der Mutter.
In dem Sinn hat sie in weiser Intuition euch verboten, in die Schule zu gehen, denn wenn ihr in die Schule
gegangen wärt, wäre euer Verhalten voraussehbar gewesen. Man hätte euch abholen können von der
Schule und dann hätte es passieren können. Indem sie euch freigegeben hat und gesagt hat, ihr dürft
nicht in die Schule gehen, war euer Verhalten, wie ihr durch den Wald gegangen seid, überhaupt nicht
voraussehbar. Das war die Rettung. So konnte niemand euch an der Schule abholen. Also
hochintelligent, hochintuitiv, hochgeschickt und situationsgerecht. Also alle Achtung an deine Mutter.

[00:26:34.340] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ja, ja, ich bin auch dieser Meinung, dass man das so sehen kann. Nachdem eben dieses Tabu dann
irgendeinmal herausgekommen ist, dass die ganzen, also man muss vielleicht noch sagen, dass die Ehe
meiner Mutter mit ihrem Mann in Italien, sie war Schweizerin, dass die relativ früh mehr oder weniger in
die Brüche gegangen ist. Meine Mutter mit uns in die Schweiz gegangen ist und dann kam der Krieg und
dann kam alles mögliche und in dieser, es war sogar in der Kriegssituation, wollte die Familie meiner
Mutter oder meines Vaters oder mein Vater, wie dann seine Schwester uns erzählt hat, uns effektiv
entführen und es bestanden ganz klare Pläne, via Jesuiten in der Schweiz, die Betten seien schon
gemacht gewesen, hat unsere Tante, also die Schwester meines Vaters, uns dann später einmal
verraten. Das war sehr konkret die Sache. Da hat sich eben tatsächlich gezeigt, dass dieses verrückte
Verhalten meiner Mutter uns nicht mehr in die Schule zu schicken, wir waren damals zwischen neun und
elf Jahre alt, eigentlich eine gute Sache war. Es wäre nicht gut gekommen, wenn wir in dieses damals
chaotische Italien, wo dann sehr bald nachher die Front zwischen den Alliierten, die von Süden her
kamen, und den Deutschen, die das Italien noch zu verteidigen versuchten, genau dort war, nämlich
entlang dem Arno, wo wir eigentlich gewesen wären.

[00:28:31.790] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Es gab viele Bombardierungen und so weiter, aber das nur so nebenbei. Also in diesem Licht erscheint
effektiv die Verrücktheit meiner Mutter gar nicht so verrückt.

[00:28:44.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, das war überhaupt nicht verrückt. Das war eine super Intuition. Sie hat es durchgesetzt, weg von
der Norm. Man müsste ja eigentlich in die Schule gehen. Aber es war sehr gescheit. Wenn ich noch
weiter etwas sage zur Intuition, und wir gehen ja da hin und her von den lebendigen menschlichen
Systemen zu anderen biologischen Systemen, das war auch in diesem Artikel, da sagt der Gerd
Gigerenzer, die Intuition ist eigentlich eine geniale Errungenschaft der Evolution. Das, was du gesagt hast
mit der freien Energie. Die Natur versucht so wenig wie möglich freie Energie zu lassen, also sie bindet
sie, eigentlich, und die Evolution, die zeigt uns ja auch, die ist sehr effizient. Also es geht immer darum,
um Anpassungen, um Energie zu sparen, etc. Man kann es sich nicht leisten, so viel Energie zu
verwüsten. Da nennt der Gerd Gigerenzer einen lustigen Begriff, den habe ich mir da aufgeschrieben,
"ecological rationality", also ökologische Klugheit.

[00:30:08.920] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ja, das finde ich auch sofort ein sehr guter Begriff.

[00:30:14.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir gehen jetzt so in eine Welle hinein von Öko und so weiter und so weiter. Es ist viel noch nur
Lippenbekenntnis. Das Verständnis ist gerade im medizinischen Bereich das sage ich jetzt, und auch im
psychiatrischen, aus meiner Sicht nicht immer so tiefgehend. Aber ich denke, diesen Begriff, den könnten
wir uns etwas nutzen.

[00:30:39.110] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Das ist sehr gut, ja.

[00:30:43.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Da zitiere ich jetzt noch, das kommt auch aus diesem Artikel von Albert Einstein, der hat offensichtlich
gesagt: "Der intuitive Geist ist ein heiliges Geschenk, der rationale Verstand ein treuer Diener".

[00:31:07.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben die Tendenz heutzutage, uns viel mehr dem rationalen Verstand zuzuwenden und an den zu
glauben und den intuitiven Geist eher etwas zu vernachlässigen. Ich denke, es würde auch der
Wissenschaft gut tun, dass wir da etwas hervorheben. Dann kann ich nochmal ein Beispiel geben von
Johannes Kepler. Also Johannes Kepler hat ja zuerst davon geträumt, dass die Jünger um Jesus herum
sind und dann hat er die Planetenbahnen in elf Jahren errechnet. Also es braucht manchmal so intuitive
Gedanken, die an die Oberfläche kommen und die man erst hinterher errechnet.

[00:32:01.100] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Diesen Traum von Keppler habe ich noch nicht getroffen. Er hat das quasi als Eingangstor zu seinen
Forschungen über die Planetenbahn geträumt. Die Hühner würden um Jesus herum. Sehr lustig, das
wusste ich nicht.

[00:32:19.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gleiche war ja mit dem Benzolring. Das hört man in der Medizin. August Kekulé hat geträumt von der
Schlange, die in den Schwanz weist. Dann hat er gedacht, nein, es ist nicht linear, es muss zirkulär sein.
So kam die biologische Chemie.

[00:32:41.400] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Wenn ich da noch etwas Kleines einwerfen kann. Das Buch von Arthur Koestler, der göttliche Funke heißt
es, da werden genau solche Sachen unter anderem der Benzolring und anderes werden aufgezeigt und
was interessant ist für unser Thema, also Arthur Koestler, hat Kreativität, Künstlerische Kreativität, Humor

und wissenschaftliche Kreativität alle eigentlich auf solche intuitive Vorahnungen zurückgeführt, denn die
Brücke zum Verrücktwerden hat er nicht gemacht in seinem Buch, aber ich habe das dann damals, als
ich die Affektlogik entwickelt habe, aufgegriffen und eine Brücke herzustellen versucht. Also diese
Intuitionssachen, das ist da etwas hochinteressantes.

[00:33:56.970] – Dr.med. Ursula Davatz
In den statistischen Untersuchungen, da kommt jetzt raus, dass in Familien mit Schizophrenie oder
manisch depressiv, dass da auch vermehrt künstlerische Fähigkeiten vorhanden sind.

[00:34:13.100] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Das sind nicht konventionelle Gedankengänge, die zwei Seiten haben. Sie können ausrasten und
verrückt erscheinen oder sein. Oder sie können etwas Neues aufzeigen.

[00:34:32.420] – Dr.med. Ursula Davatz
John Forbes Nash Jr ist ja das berühmte Beispiel in "A Beautiful Mind". Also der war fast 20 Jahre lang,
glaube ich, ist er psychotisch herumgeirrt auf dem Areal von Princeton. Dann irgendwann hat er
beschlossen, wieder normal zu werden. Man sagt, er habe Medikamente bekommen. Er sagt aber nein,
er hat keine genommen. Dann hat er den Nobelpreis bekommen für Spieltheorie.

[00:35:01.620] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ja, das ist Wahnsinn.

[00:35:02.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das ist unglaublich.

[00:35:04.210] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Wahnsinn.

[00:35:04.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, eben. Da sind wir wieder beim Wort. Es ist Wahnsinn. Es sind extreme Dinge.

[00:35:15.000] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Deshalb ist ja die Schizophrenie so faszinierend, weil sie die Grenze zwischen vielen ganz
hochinteressanten psychischen Phänomenen berührt.

[00:35:27.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mir dann noch mehr Gedanken gemacht, wie springt das Hirn um? Wie kommt es zu den
Spannungen? Du hast schon einiges gesagt. Wie springt die Funktion weg von der Ratio hin zum

Verrückten und natürlich auch Hochinteressanten. Ich habe dann auch wieder so ein Wort geprägt. Ich
habe gesagt, die Schizophrenen, die kommunizieren über eine Kryptokommunikation. Sehr schön, ja. Es
ist immer eine verschlüsselte Kommunikation.

[00:36:09.120] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ich bin genau der gleichen Meinung.

[00:36:13.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie kommunizieren eigentlich mit Metaphern. Über die Bibel haben wir zum Teil gelernt, mit Metaphern
umzugehen. Heute ist es nicht mehr so gängig, dass man Metaphern verwendet. Aber wenn mir ein
Schizophrener erzählt, er sehe schwarze Schatten oder er höre die und die Stimmen. Als Studentin habe
ich noch gelernt, das ist alles nicht einsehbar, mit dem kann man nichts anfangen. Aber ich versuche
immer diese Kryptokommunikation zu entschlüssen. Manchen Patienten sage ich das auch direkt so, ich
sage, dieser Schatten ist ihr schlechtes Gewissen. Dann schaue ich, wieso hat er ein schlechtes
Gewissen. Ein intelligenter junger Mann hat die Ausbildung abgebrochen, alle Stellen verloren, hat ein
schlechtes Gewissen. Er hat Haschisch geraucht, ist psychotisch geworden und seinen Eltern gegenüber
hat er ein schlechtes Gewissen, dass er es nicht weitergebracht hat. Manche steigen auch darauf ein. Ich
versuche dann immer eigentlich diese Gefühle, die sie haben und die sie auch verdrängen, die sie nach
außen projizieren und auf jemand anderes projizieren oder auf irgendeine Gestalt projizieren, versuche
ich heimzuholen und wieder in der Gefühlswelt des Menschen zu verorten.

[00:37:44.060] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ich bin derselben Meinung. Aus meiner Sicht oder in meiner Gewohnheit erkläre ich genau dasselbe, wie
du jetzt gesagt hast, mit dem Traum. Wir wissen seit Freud unter anderem, dass der Traum ja nicht
sinnlos ist, auch wenn er verrückt scheint, was man nur nächtlich manchmal daher träumt. Sondern man
weiss, dass das Sinn hat. Das hat Beziehungen zu Erlebnissen, zu Hoffnungen, zu Befürchtungen und so
weiter. Genau dasselbe ist es mit der schizophrenischen Symptomatik, mit den merkwürdigen
Verhaltensweisen, mit den Halluzinationen, mit den Wahnvorstellungen. Die machen Sinn, aber
versteckten Kryptosinn.

[00:38:42.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie machen alle Sinn. Man findet es nicht immer raus, aber ich versuche immer zu suchen und wenn
man es rausfindet…

[00:38:50.780] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Dann kann man damit was anfangen. Kann eine Kommunikation herstellen.

[00:39:05.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein weitere Frage: Du kennst ja meine Hypothese und meine Überzeugung. Man hat ja immer bei der
Schizophrenie nach den Genen und nach dem Umfeld gesucht. Auf Englisch sagt man da "nature versus

nurture". Sind es die Gene oder ist es das Umfeld? Ich glaube, da sind wir uns einig, es ist eigentlich
immer beides. Ich habe natürlich dann bei den Genen gesucht. Meine feste Überzeugung ist, dass das
ADHS und das ADS eine genetische Konstellation ist, die vulnerabel ist, um Schizophrenie zu entwickeln.
Aber nicht nur Schizophrenie, auch bipolare Störungen, schwere Depressionen, Delinquenz, also
Fehlverhalten im Sozialbereich. Wenn ich zwei Charakteristika dieser Menschen heraushole, man kann
natürlich noch vieles anders sagen, dann ist eines die hohe Sensibilität, sehr leicht verletzlich, zum Teil
auch hohe sensible Wahrnehmung, also wieder das, was Eugen Bleuler gesagt hat, die sehen mehr als
wir normalen Menschen sehen, und andererseits die Impulsivität. Die Impulsivität, die kann dann eben zu
dieser Monsterwelle führen, also zu diesem emotionalen Tsunami. In diesem Sinne sind die Kinder viel
schwieriger erziehbar. Also sie sind schnell verletzt, wenn sie sich emotional verteidigen, werden sie dann
aggressiv, dann muss man sie disziplinieren, dann fühlen sie sich nicht verstanden und dann passiert ein
Teufelskreis. Sie können auch, wenn sie sich verletzt fühlen, mehr die ADS Kinder dann einfach
zurückziehen, dann kommt man nicht mehr an sie ran und dann passiert wieder ein Teufelskreis.

[00:41:10.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Also je mehr sie sich zurückziehen, umso mehr redet das Umfeld für sie und das gibt dann diese
Autisten, die nur noch in der Innenwelt leben. In dem Sinne verursachen solche Kinder viel mehr mehr
Unruhe in einem System, mehr Erziehungsschwierigkeiten und mehr Verwerfungen. Wenn das System
schon geschwächt ist aus verschiedenen Gründen, kann Krankheit sein, finanzielle Probleme etc. Wenn
das System schon geschwächt ist, ist es nicht in der Lage, auf all diese Bedürfnisse dieser Kinder
einzugehen. Dann sehe ich, wie sich eine Krankheit entwickelt. Nicht nur psychische, auch körperliche.
Ich habe erwachsene Patienten, die aus einer ADHS Familie kommen und die dann mit 50 zum Teil
schon oder noch etwas älter ein körperliches Frack sind. Ich denke an einen Mann, der war als Junge,
wurde der als POS Kind diagnostiziert. Ich sage, das ist für mich das Gleiche. Heute würde man sagen
ADHS Kind. Die Mutter ist aus einer nicht intakten Familie gekommen, hat deshalb alles daran gesetzt,
aus diesem Jungen einen perfekten Jungen zu machen. Der war wild und Lausbub und so weiter. Hat
sich im Beruf gut integriert. Menschlich, privat, nichts und jetzt ist er in körperliches Frack, also x
Krankheiten.

[00:43:03.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Da denke ich, ja, da ist das sein Gehirn, sein Körper, sein vegetatives System ist viel zu stark
runtergezähmt worden, als dass er sich hätte entfalten können. Ich frage dich jetzt, was ist deine
Überlegung zu meiner Hypothese? Ich weiß nicht, wie du dich mit ADHS auseinandergesetzt hast.

[00:43:32.040] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ich kenne diese Hypothese ja schon lange.

[00:43:33.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Klar, ich weiß.

[00:43:34.660] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi

Wir kennen uns schon lange und du hast auch ein Buch geschrieben und ich habe dort sogar ein Vorwort
dazu geschrieben, die diese These vertritt. Also ich sage jetzt meine heutige Meinung dazu. Ich denke, da
ist sicher etwas dran. Ich denke, da ist etwas dran. Insofern vielleicht noch einschieben, dieses ADHS,
Attention Deficit Hyperactivity Syndrom, also Aufmerksamkeitsstörung und Hyperaktivität im
Wesentlichen, ist ja nicht so neu, wie man meint. Seit den 90er Jahren ist das plötzlich ungeheuer quasi
Mode geworden, vor allem auch wegen dem Ritalin. Man hat gemerkt, dass das Medikament Ritalin,
eigentlich ein Aufpeitschungsmittel, da manchmal quasi Wunder wirkt. Dann hat die Pharmaindustrie sich
dafür sehr zu interessieren begonnen. Aber die ganze Sache, also schon in den 60er Jahren, in den 70er
Jahren, hat man vom sogenannten POS, psychoorganisches Syndrom, oder Minimal Brain Syndrome,
geredet. Das waren solche Aufmerksamkeitsstörungen, Kognitionsstörungen, zum Teil
Verhaltensstörungen. Man hat schon damals die Vermutung aufgestellt und zum Teil auch ein Stück weit
nachgewiesen, dass das manchmal, nicht immer, im Vorfeld von Psychosen, dass solche POS Kinder
bevorzugt, sagen wir jetzt einmal, psychotisch werden können unter bestimmten Belastungsbedingungen.
Das hat man eigentlich schon damals gesagt. Was Du sagst ist im Wesentlichen dasselbe. Du sagst
dieses ADHS Syndrom kann zu allem möglichen führen. Es ist keineswegs Obligat, dass da eine
Schizophrenie daraus wird.

[00:46:05.240] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Man spricht auch in der Schizophrenie Theorie und Wissenschaft seit spätestens den 70er Jahren von
Vulnerabilität, sogenannten Vulnerabilitätskonzepten, die J. Zubin und B. Spring, das sind zwei
amerikanische Forscher, die ich kennengelernt habe. Sie haben diese Hypothese erstmals so formuliert,
dass sie dann quasi Allgemeingut wurde. Vulnerabilitäts-Stress-Hypothese, Vulnerabilität, also da ist ein
verletzliches Terrain und darauf, wenn da bestimmte Stresssituationen kommen, dann kann es eben zur
Verrückung kommen, zur Verrücktheit kommen. Also insofern, was du vertrittst, ich sage, da ist sicher
etwas dran, da ist etwas dran. Du vertrittst das auch mit viel Überzeugung und Nachdruck, regst
manchmal ein wenig Anstoß, so viel ich wahrgenommen habe. Es wird dir manchmal vorgeworfen, du
seist zu einseitig. Wenn man dir aber genau zuhört, bist du nicht einseitig, sondern du sagst, das ist kein
obligater Weg. Es kann auch verschiedenstes daraus werden. Es kann eine Schizophrenie, es kann eine
Depression, es kann ein aggressives Verhalten, es kann alles mögliche. Auf diesem verletzlichen Terrain
entstehen und insofern finde ich, das ist eine nützliche Hypothese. So viel ich weiß, und was ich weiß, ist,
heutzutage bin ich ein alter Mann und lange nicht mehr auf dem Laufenden, was man alles weiß.

[00:48:11.960] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ich bin sogar überzeugt, niemand kann alles wissen. Sogar zu einem so umschriebenen Problem wie die
Schizophrenie. So viel ich weiß, das wollte ich sagen, ist diese Hypothese erst ungenügend empirisch
nachgewiesen. Das sind begründete Vermutungen. Es gibt Studien, die durchaus dafür sprechen, aber
man kann, glaube ich, also mit Vorbehalt, aufgrund meines Wissens, glaube ich, man kann da noch nicht
von einer gesicherten Tatsache reden. So sehe ich das.

[00:48:59.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Wer waren die Forscher, die POS und Schizophrenie miteinander verlinkt haben?

[00:49:09.620] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Reinhart Lempp war ein sehr bekannter deutscher Kinderpsychiater in Tübingen. Er hat in mehreren
Büchern diesen Link hergestellt zwischen dem POS, also dem Minimal Brain Syndrome, diesen
Störungen, wo auch ein erblicher Faktor darin bekannt ist. Es gab sicher noch mehr Studien, die ich jetzt
aber nicht zitieren kann.

[00:49:59.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Der war Kinderpsychiater?

[00:49:59.830] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Der war Kinderpsychiater, Professor für Kinderpsychiatrie in Tübingen.

[00:50:04.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber wurde die Theorie von Reinhart Lempp je von der Erwachsenen Psychiatrie aufgenommen?

[00:50:11.930] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Reinhart Lempp war sehr bekannt und sehr angesehen in Deutschland, aber wie… Er war sicher nicht der
Einzige, der diese These vertreten hat, aber heutzutage, was auf Deutsch basiert, ist Provinz, nicht so
viel ich weiß hat Reinhart Lempp kaum auf Englisch publiziert, war also im englischen Sprachraum kaum
groß bekannt. Das ist das Handicap der Leute, die nicht Englisch publizieren? Heutzutage publiziert
jedermann auf Englisch, weil er sonst gar nicht wahrgenommen wird. Das war in den 60er, 70er, 80er
Jahren.

[00:51:06.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn du sagst, es gibt noch keinen empirischen Beweis, ich verwende dann immer diese GWAS, also
die Genome Wide Association Studies, wo man versucht hat, den Gensatz anzuschauen und dann in
Bezug auf verschiedene Krankheiten analysiert hat. Da kam ja raus, dass Schizophrenie, bipolare
Störung, schwere Depression, Autismus und ADHS, also den gleichen oder stark überlappenden
Genlocus.

[00:51:42.460] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Das wäre ein guter empirischer Beleg.

[00:51:51.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Man war dann wirklich sehr erstaunt, und es wurde noch mal wiederholt, aber jetzt sehe ich nichts mehr
davon. Also irgendwie wurde es nicht aufgegriffen von der Psychiatern. Warum, weiß ich auch nicht.

[00:52:05.180] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Diese Studie, die du zitierst, ist von wann, weißt du das?

[00:52:10.280] – Dr.med. Ursula Davatz
In meiner Bibliografie habe ich vergessen es zu erwähnen. Das wurde mir dann übel genommen oder
kritisiert. 2019.

[00:52:25.700] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Meine Erfahrung ist, dass die Thesen, die nicht ganz so gängig sind, die brauchen sehr viel Zeit in der
Wissenschaft, vor allem in der Psychiatrie, weil sehr oft sind es mehr Indizienbeweise als in der Physik
quasi harte Beweise. Bis sich da ein neues Paradigma durchgesetzt hat, braucht es Jahrzehnte in der
Schizophrenielehre.

[00:53:01.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Da zitiere ich immer die Barbara McClintock. Mit 40 hat sie die Translokation, etwas im genetischen
Bereich hat sie bewiesen oder festgestellt. 40 Jahre später, mit 80, hat sie den Nobelpreis bekommen.
Weil das einfach nicht gepasst hat zur gängigen Theorie.

[00:53:29.800] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Es gibt viele solche Beispiele.

[00:53:39.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Das frage ich jetzt trotzdem, aus Deiner Sicht wo sollte man – jedem Tierchen sein Pläsierchen – jeder soll
das machen was er gut kann und gerne macht. Wo sollte man heutzutage im Bereich der
Schizophrenieforschung mehr vordringen? Das wäre dein Schwerpunkt?

[00:54:09.200] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Da muss ich wieder Vorbehalt machen. In meinem Alter übersehe ich lange nicht mehr alles, was
passiert. Ich kann nicht wirklich gültig sagen, da ist eine Lücke und dort ist zu viel gemacht usw. Das sind
Eindrücke aufgrund der mir zur Verfügung stehenden Informationen. Diesen Vorbehalt gemacht finde ich,
es gibit für mich zwei Gebiete, in denen ein gewaltiges Forschungsdefizit besteht und die ich als sehr
wichtig anschaue für die Schizophrenie. Das erste berührt erheblich deine Sichtweise, deine Hypothesen.
Es geht um die Verletzlichkeit. Was ist diese schizophrenogene Verletzlichkeit? Wieso kommt es, dass
verletzliche Menschen, zum Beispiel mit einem ADHS, aber auch mit anderen Verletzlichkeitsfaktoren,
Traumata oder anderen, die einen werden schizophren, die anderen werden depressiv, die dritten werden
aggressiv oder haben ein aggressives und persönlichkeitsgestörtes, wie man heute sagt, früher sagte
man psychopathisches Verhaltensweisen und die fünften, denen tut das nichts. Das ist für mich eines der
wichtigen, großen, ungeklärten Rätsel, wo nach meiner Meinung noch sehr viel mehr Forschung nötig ist
als die, die ich noch jetzt etwa wahrnehmen kann, dass sie passiert. Das andere, ebenfalls ganz nach
meiner Meinung hochwichtige, Gebiet ist, wieso heilen gewisse Schizophrenien aus? Was sind denn die
Faktoren, die es ausmachen? Ich selber habe große Langzeituntersuchungen durchgeführt in den 60er,
70er Jahren, wo wir hunderte von unter anderem auch Schizophrenen, aber auch andere Krankheiten,

aber wir reden jetzt von Schizophrenie, Schizophrene nachuntersucht haben, 30, 40, 50 bis 60 Jahre, es
war im Durchschnitt 37 Jahre, nach ihrer Ersthospitalisation.

[00:56:52.960] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Es hat sich gezeigt und mit der Frage, was ist aus denen geworden, es hat sich gezeigt, dass etwa ein
Viertel geheilt war. Dass noch ein anderer Viertel gebessert war und dass die restlichen 50 Prozent
entweder schlecht oder sogar sehr schlecht, dass es denen schlecht ging. Aber was die Faktoren sind,
sind nicht medikamentöse Faktoren, es sind nicht andere therapeutische Faktoren, zumindest soweit wir
das herausfinden konnten. Es sind ein Stück weit wahrscheinlich gewisse Persönlichkeit-Struktur-
Faktoren. Das Einzige, was wir mit einiger Wahrscheinlichkeit herausfinden konnten, sind die
Lebensumstände. Einige Leute finden gewisse Nischen, günstige Nischen, und plötzlich geht es wieder.
Auch ohne Therapie. Wir sind ja bei weitem nicht die Einzigen, die solche Langzeituntersuchungen
gemacht haben. In der Schweiz war unter anderem Manfred Bleuler hat solche gemacht. In Deutschland
hat die Forschungsequipe von G. Huber und R. Schüttler haben fast zu ähnlicher Zeit Untersuchungen
gemacht. Wir haben alle etwa dasselbe herausgefunden über die Langzeitverläufe. Es ist sicher, dass ein
Teil, eher eine Minderheit, aber immerhin ein Viertel bis ein Drittel von Schizophrenen ausheilt. Schon das
allein war ein gewaltiges Resultat. Noch heute glauben das manche Leute nicht. Obwohl wir das vor 50
Jahren herausgefunden haben und zwar es gibt in der Welt mindestens 20 bis 30 Untersuchungen, die
das bestätigen, weil ich das weiß, weil ich denen natürlich etwas nach… Die habe ich gesammelt. Dieses
Wissen ist noch lange nicht wirklich in die Medizin und in die Psychiatrie als klare, sicheres Faktum
eingedrungen, aber es ist es. Deshalb meine, finde ich, das müsste erstens voll zur Kenntnis genommen
werden und zweitens beforscht werden. Da ist ein Defizit.

[00:59:34.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, da bin ich mit dir einverstanden. Im Volksmund denkt man immer noch, die Schizophrenie ist nicht
heilbar. Auch die Mediziner haben die haben Haltung, oh je, abgeschrieben. Dabei ist der andere Beweis
da.

[00:59:51.250] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Um dieses noch zu ergänzen, in unseren Untersuchungen gab es Leute, die 15, 20 Jahre verrückt waren,
schizophren waren und dann spät noch sich wieder erholt haben. Andere haben sich nach ein, zwei
psychotischen Episoden sehr rasch erholt. Wir haben da Statistiken aufgestellt. Ich will damit bloß sagen,
selbst wenn jemand die längste Zeit krank ist, heisst das noch lange nicht, dass er nicht in den 10, 20
folgenden Jahren sich umentwickeln könnte, unter günstigen Umständen.

[01:00:36.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Da müsste man das psychosoziale Umfeld viel genauer untersuchen können. Das ist natürlich sehr
aufwendig.

[01:00:45.640] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Das ist auch schwierig.

[01:00:48.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Schwierig zu kategorisieren. Darum wird es wahrscheinlich nicht gemacht.

[01:00:56.000] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ja, um da einen kleinen provokativen Pfeil zu schießen. Wenn man eine neurobiologische IRM
Untersuchung macht von so und so vielen Leuten und dann die Hirnbefunde und dann schaut, was
passiert über ein Jahr oder zwei. Dann kann man eine Publikation machen. Wenn man nicht publiziert,
und zwar vorwiegend gerade auch in diesem Bereich, im neurobiologischen Bereich mit den modernen
technischen Mitteln, dann kommt man nicht vorwärts in der heutigen Universitäts Psychiatrie Landschaft,
vorwiegend. Das ist eine bisschen grobe Vereinfachung. Aber es ist eine Spitze gegen die
Kurzzeitperspektiven und die rein neurobiologischen Perspektiven. Die sind beide interessant und recht,
aber es gibt Langzeitperspektiven, es gibt psychosoziale Gegebenheiten, es gibt soziale,
gesellschaftliche Gegebenheiten, zum Beispiel der Urbanismus ist ein offener Risikofaktor. Wieso gibt es
jetzt eine Lausanner Equipe, die daran forscht, interessanterweise. Es gibt eben nicht nur gerade das
Gehirn und die Synapsenmechanik.

[01:02:25.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, da sage ich ja immer, das Gehirn ist ein soziales Organ und es wird beeinflusst, von sozialen Umfeld
und verändert sich auch. Dem müsste man Rechnung tragen.

[01:02:35.920] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Das sind aber, um da noch etwas gerechter zu sein, sind natürlich hochkomplexe Zusammenhänge.
Deshalb ist es vielleicht auch kein Wunder, dass man die nicht einfach jetzt schon so durchschaut.

[01:02:54.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe ja auch viel mit Suchtpatienten gearbeitet. Da hat man dann auch geschaut, wer kommt wieder
raus aus der Sucht und wer nicht. Ein ganz einfacher Faktor war, ich weiß jetzt auch nicht alle Details,
dass die Suchtpatienten immer eine Bezugsperson gehabt haben, die an sie geglaubt hat, das konnte ein
Elternteil, ein Geschwister, ein Lehrer, ein Freund sein. Ein Beziehungsaspekt.

[01:03:24.880] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Sehr interessant. Wir haben ähnliches für die Rehabilitationschancen gefunden.

[01:03:30.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Das glaube ich. Irgendjemand auf dieser Welt, der nicht aufgibt. In dem Sinn, wenn ich Schizophrenie
begleite oder schwierige Situationen, versuche ich das aufrecht zu erhalten, auch weiterzugeben. Ich
glaube, da liegt noch eine Entwicklung drin.

[01:03:56.840] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Das ist ganz wichtig, dass die Familien, die Angehörigen nicht einfach sagen, ja, jetzt ist die Diagnose da,
verloren und folglich kann man nichts mehr machen.

[01:04:06.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Unbehandelbar. Das ist nicht immer einfach, also die Leute gehen durch schwierige Situationen durch.
Ich habe noch einen letzten Gedanken. Ich interessiere mich ja sehr für Evolution und schaue auch alle
Dinge immer an, was hat das für einen evolutiven Wert? In dem Sinn bin ich dann auch zu den
Soziobiologen oder Ethologen gekommen, wie Edward O. Wilson. Er hat so eine große Bibel über
Soziobiologie geschrieben. Ein interessanter Primatenforscher ist Franz de Waal. Er hat mehrere Bücher
geschrieben und es ist leichter, die Tiere zu beobachten und wie die sich sozial verhalten, weil da keine
Vorurteile, oder man hat die jetzt abgelegt, man schaut sie nicht mehr mit anthropozentristischen, also
menschlich zentrierten Sichtweisen an, sondern man versucht einfach zu beobachten. Hast du da mal
reingeschaut? Ich frage mich, warum verwendet die Psychiatrie nicht mehr aus diesem Gebiet? Es gab
eine berühmte Forschung von Michael Meaney. Er ist spezialisiert auf biologische Psychiatrie, Neurologie
und Neurochirurgie, also nicht Mediziner mit den "High Licking Mothers" und "Low Licking Mothers". Das
heißt, die Ratten, die ihre kleinen viel schlecken. Diese Ratten, oder sind es Mäuse? Ich glaube, es sind
Mäuse. Die sind dann viel resistenter gegen Stress. Also die halten mehr aus.

[01:06:00.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann gibt es lowlicking mothers und diese Kleinen, wenn die erwachsen werden, sind die weniger
resistent gegen Stress. Dann hat man aber Adoptionsversuche gemacht. Man hat die Kinder von
lowlicking mothers, den highlicking mothers, untergeschoben. Da haben diese Mütter diese auch viel
geschleckt. Dann waren die auch resilient, also resistent. Also das soziale Umfeld spielt eine große Rolle.
In den Untersuchungen von Pekka Tienari ist das ja auch herausgekommen, wenn die Familie gestört
war, dann haben die vulnerablen Gene durchgeschlagen. Wenn das Umfeld normal war, haben die
vulnerablen Gene nicht in einer Schizophrenie durchgeschlagen. Das zeigt eigentlich alles, wie das
Umfeld ja so ausschlaggebend ist. Ich denke, ja, wir müssten mehr zu den Soziobiologen oder Ethologen
gehen und schauen, was die da alles an Erfahrung haben.

[01:07:09.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Hast du dich damit befasst?

[01:07:11.140] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ja, ich habe mich nicht vertieft mit der Soziobiologie.

[01:07:19.320] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Du zitierst, E. O. Wilson, Frans de Waal, ich weiß einiges darüber. Ich bin nach meiner Emeritierung, das
ist jetzt schon urlange her, 1994, etwa anderthalb Jahre als Gastprofessor im Konrad Lorenz Institut in
Wien gewesen. Dort war natürlich, da geht es um Evolution und das ganze Forschungsinstitut war
eigentlich im Gefolge von Konrad Lorenz Forschungen war darauf angelegt, die Verhaltensweisen von

Tieren in ihren evolutionären Prozessen, wie sich das herausgebildet hat, zu erforschen und die
Beziehungen zum Menschen herzustellen. Ein Ziel von Konrad Lorenz war es ja eigentlich, den
menschlichen Geist zu verstehen, aufgrund des Tierverhaltens. Wenn ich recht verstehe, ist das praktisch
identisch mit dem Interessensfeld der Soziobiologie. Weniger von diesen von dir zitierten Soziobiologen
als von meiner Tätigkeit im Konrad Lorenz Institut, habe ich die Überzeugung mitgenommen, dass
zwischen dem tierischen und menschlichen Verhalten, Fühlen und Denken eine große Kontinuität
besteht. Man kann es auch anders sagen, man kann sagen, dass das menschliche Verhalten, Fühlen,
Denken nicht einfach so eines Tages aufgetreten ist und dann war der Mensch da und hat so funktioniert,
wie wir jetzt funktionieren, sondern dass das Millionen, also mehrere Millionen zu allermindesten
Prozesse sind, von denen, also man kann 80 Millionen Jahre zurück bis zum Beginn der Primaten.

[01:09:49.960] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Dem Menschen ähnliche Wesen sind ja etwa vor drei Millionen Jahren, drei bis vier Millionen Jahren
nachgewiesen und haben sich dann auch mit der Hirnentwicklung und offensichtlich mit dem Verhalten
immer weiterentwickelt. Kurz, ich will damit bloß sagen, ich glaube, ich bin sehr interessiert an der
Soziobiologie und finde es eine ganz wichtige, wie du auch, eine wichtige Wissenschaft, weil sie erstens
eine gewisse Kontinuität zwischen dem, wie sich die Tiere verhalten und wie sich der Mensch verhält,
zeigen. Vor allem im Gebiet der Emotionen ist ganz sicher, dass die Tiere ganz ähnliche, dass unsere
Emotionen in den Emotionen der Tiere wurzeln eigentlich und sich weiterentwickelt haben, weiter
differenziert haben. Was du was du eben auch sehr betont hast, zu dieser Soziobiologie gehört eben
auch die Umweltwirkungen und auch da bin ich eigentlich durchaus aus meiner Sicht ganz deiner
Meinung.

[01:11:14.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Schön. Ich war eine Verehrerin von Konrad Lorenz, so mit 18 Jahren. Ich habe das Buch gelesen 'So
kam der Mensch auf den Hund'. Ich habe eine Zeit lang, also Norbert Bischof, der Psychologe hier in
Zürich, der hat immer Gastvorlesungen angeboten am Freitag. Da bin ich eine Zeit lang an diese
gegangen und habe dann auch den Primark erlebt, wie er da erzählt hat, wie er den Affen reden gelernt
hat. Vielleicht noch eines, Jörg Hess, ein Primatologe in Basel, da haben wir mal eine Führung von ihm
besucht und er hat gesagt, die Gorillas können die Mimik besser lesen als wir und er hat nur so 50% von
dem was die können gelernt in seiner langen Forschungsphase. Weil wir halt auf die Worte gehen und
den Sinn, hören wir mehr auf das und sind dann nicht mehr so gewohnt die Mimik zu lesen. Wenn wir als
Familientherapeuten irgendwie stecken geblieben sind in einer Sitzung, dann hat man den Ton abgestellt,
dann mussten wir die ganze Gestik, und da kommt dann wieder das Verhalten, die Mimik, die Gestik
musste man anschauen und dann kann man tiefer rein. Also hat man auf einmal besser verstanden, was
eigentlich abläuft.

[01:12:49.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe auch erlebt, wenn ich in Länder gereist bin, von denen ich die Sprache nicht konnte, musste ich
viel aufmerksamer sein, was denkt jetzt der, was läuft jetzt da. Beobachten. Ich erlebe das gleiche bei
geistig Behinderten. Ich habe nicht so viel in Behandlung, aber da gehe ich dann wieder wie zurück auf
die Tierforschung. Ich muss die Leute dazu bringen, dass die beobachten. Was war denn da? Was war

da? Erst wenn die besser beobachten, dann lernen sie mit diesen Menschen umzugehen. Da treffen wir
uns wieder.

[01:13:36.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Okay, Luc Ciompi, ich danke dir ganz herzlich für dein Kommen. Es war für mich sehr interessant. Ich
hoffe, für dich war es auch nicht so anstrengend.

[01:13:47.250] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ja, ich danke dir natürlich auch für die Einladung zu diesem Gespräch. Wir haben sehr viele gemeinsame
Interessen und auch sehr viele gemeinsame Orientierungen, würde ich mal sagen, in unserem
Verständnis, namentlich dieses faszinierenden Phänomens und schwierigen Phänomens der Psychose.

[01:14:07.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Schön. Ganz herzlichen Dank.

Warum fallen Menschen mit ADS und ADHS schneller in eine Depression, wie kommen sie wieder heraus?

Transkription

Transkript

Dr.med. Ursula Davatz

22.6.2021

Warum fallen Menschen mit AHDS und ADS häufiger in eine
Depression und wie finden Sie wieder heraus?
Audio

[00:00:02.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich möchte Sie alle herzlich begrüssen zu diesem Abend. Das Thema ist: "Warum fallen Menschen mit
ADHS und ADS häufiger in eine Depression und wie finden Sie wieder heraus?"

[00:00:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Zuerst ein paar allgemeine Gedanken. Der Mensch ist ein soziales Wesen, ist eigentlich eine Banalität,
aber das bringt mit sich, dass wir Kontakt brauchen mit unseren Mitmenschen. Wir können nicht alleine
leben. Wir brauchen eine Zugehörigkeit. Das hat man jetzt gerade gemerkt, auch in der Corona Zeit, dass
viele Leute sich isoliert gefühlt haben und unglücklich und zum Teil auch psychisch krank geworden sind.
Wir sind also auf unsere Gruppe, auf ein Kollektiv angewiesen. Wenn Sie mit einer Reisegruppe durch
eine Stadt gelaufen sind und Sie haben sich nicht auskennt in dieser Stadt, oder vielleicht sogar
auskennt, und dann haben Sie den Anschluss zu dieser Gruppe verpasst, dann machen wir zuerst immer
so eine kleine Panikreaktion. "Oh, jetzt finde ich mich nicht mehr zurecht." Man meint, man muss mit
dieser Gruppe gehen. Dabei könnten wir uns schon auch alleine zurechtfinden, aber ja, da kommt eben
der Gruppeninstinkt zum Einsatz. Als erstes gehören wir zur Gruppe der Familie, zum Familiensystem.
Dann in der Pubertät zur Peergruppe. Wenn man Leute aus der Pubertät, aus ihrer Peergruppe
herausreisst, dann machen viele schlechte Entwicklungen.

[00:01:47.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt wie einen Unterbruch in der Entwicklung. Dann fühlen wir uns zugehörig zu einer Volksgruppe, zu
einer ethnischen Gruppe. Zu einer Religion, zu einer politischen Gruppe und schlussendlich zur Nation.
Die verschiedenen Gruppen können grössere Gewichte oder wichtigere Rollen spielen, je nachdem wie
man geartet ist. Es gibt die allgemeine Regel, wenn eine Gruppe in Ruhe ist, wenn wenig Angst um sie
ist, dann hat das Individuum innerhalb dieser Gruppe relativ viel Spielraum. Es kann Kapriolen machen,
es kann rausgehen und es wird doch immer wieder integriert. Wenn aber ein hoher Angstpegel in der Luft
ist in dieser Gruppe, dann wird das Individuum viel schneller zurechtgewiesen, zur Anpassung
gezwungen und bestraft, wenn es gegen die Gruppenregeln verstösst. Man kann das bei den sozialen
Tieren sehen, bei den Sozialen, und man kann es ganz sicher beim Menschen sehen. Also je angstfreier
das Kollektiv ist, umso freier kann sich das einzelne Individuum bewegen.

[00:03:08.380] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Corona Zeit sind zwei Sachen herausgekommen. Einerseits haben sich die natürlichen Gruppen,
Familien, besser organisiert, sind sich näher gerückt, haben mehr Zeit gehabt. In anderen Kollektiven
sind sie einander auf den Wecker gegangen, das heisst unbeachtete oder schlummernde Konflikte sind
auf einmal ans Tageslicht gekommen und haben dann grosse Schwierigkeiten gemacht.

[00:03:40.490] – Dr.med. Ursula Davatz
In unserer individualisierten Gesellschaft, wir leben in einer sehr individualisierten Gesellschaft, stehen
wir immer auf eine Art immer zwischen dem Dilemma, wie viel Selbstverwirklichung, Selbstdarstellung
oder sogar Selbstbehauptung und wie viel wir uns der Gruppe anpassen. Wenn eben wie gesagt Angst
im Kollektiv ist und ein Individuum sticht aus der Gruppe heraus, dann passiert leicht ein Mobbing. Das
heisst, das Individuum, auf das geht man los und probiert es gewaltsam wieder zur Anpassung zu
bringen oder man schmeisst es ganz raus. Es gibt hier Beispiele, ein afrikanisches Volk, wenn die Fische
fangen gehen, die konnten nicht schwimmen und wenn einer über Bord gefallen ist, dann hat man nicht
mehr Mensch gesagt und den auch nicht gerettet, dann ist er ein Fisch gewesen. Wenn ein Individuum
sich von der Gruppe trennt, kann es gefressen werden. So machen es auch die Wölfe. Sie treiben ein
Schaf weg von der Gruppe und dann können sie es reissen. Das sind Sozialverhaltensmechanismen, die
auch bei uns Menschen existieren. Wenn ein Individuum mit seinen Fähigkeiten, mit seinen Genen, mit
seinem angeborenen Temperament in eine Familie geboren wird, die zu der Haltung ähnlich ist, wenn die
gut zusammenpassen, also wenn zwischen dem Individuum und der Gruppe eine gute Passung besteht,
dann muss man sich nicht anpassen.

[00:05:31.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Man passt ja zusammen, man versteht sich. Wenn aber das Individuum ein wenig andere Eigenschaften
hat als in dieser Gruppe, gepflegt, hoch geschätzt werden, dann gibt es Konflikte. Dann hat die Gruppe
die Tendenz zu sagen Du musst dich anpassen oder sonst gehörst Du nicht zu uns. Strafgefangene sind
solche, die sich der Gruppe nicht anpassten, und die werden dann separiert, die werden exkludiert, also
rausgeschmissen aus der Gruppe.

[00:06:07.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir reden heute Abend von ADS und ADHS. Es gibt durchaus ADHS Kinder, die passen gut in ihre
Familie rein, und die Familie kann gut mit ihren Eigenschaften umgehen. Dann werden sie nie zum
Problem. Sie machen vielleicht ihre Berufslaufbahn ein bisschen unterschiedlich als andere Normotypen,
aber die Eltern können mit dieser Andersartigkeit gut umgehen. Wenn aber das ADHS Kind in ein
Kollektiv, in ein Familiensystem hineingeboren wird, wo seine Fähigkeiten, sein Temperament nicht so gut
dazu passen, dann gibt es Probleme. Das Familiensystem hat dann die Tendenz, das Kind immer wieder
zurückzuholen zu den Normen der Familie. Die Methode, das Individuum zur Anpassung zu bringen, ist
ja, man sperrt es in das Badezimmer ein. Oder modern sagt man jetzt, wenn das Kind in einer
Erziehungsanstalt ist, er muss ein Timeout machen. Also man macht Beziehungsabbruch, um das Kind
gehorsam zu machen.

[00:07:22.340] – Dr.med. Ursula Davatz
An sich ist das pädagogisch gesehen schlecht. Das sollte man eigentlich nicht machen. Aber es wird bis
zum heutigen Tag produziert. Im Augenblick, in dem sich das Kind sich dauernd etwas falsch vorkommt,
weil es nicht so gut passt in das Kollektiv, dauernd bestraft wird etc. Dann bekommt es natürlich ein
schlechtes Selbstwertgefühl. Es hat immer das Gefühl, ich bin nicht recht, ich darf nicht so sein, wie ich
bin, ich darf nicht so reden, ich darf mich nicht so verhalten, wie es mein Naturell ist oder wie mir der

Schnabel gewachsen ist. Die Folge davon ist, dass es ein schlechtes Selbstwertgefühl bekommt und sich
dann allenfalls als Erwachsener nicht so gut selbst behaupten kann. Oder es macht genau das Gegenteil,
es sagt, es geht mich nichts an, ich höre auf nichts mehr, ich mache nur noch, was ich will. Das ist auch
eine Möglichkeit. Das sind dann eher die männlichen ADHSler, die dann über Gruppen hinausgehen, ihre
eigenen Banden bilden und wenn es extrem geht, dann kommen sie in die Delinquenz kommen. Wenn
ein Kind sich aber gerne anpassen möchte und die sensiblen Kinder sind oft so, oft auch die Mädchen,
dann setzen sie alles daran, dass sie sich anpassen können. Sie wollen es ihrem Umfeld, ihrem Eltern,
ihrem Lehrer recht machen.

[00:08:57.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gelingt trotzdem nicht. Man will schön schreiben, aber schon hat man wieder einen Tolgen. Es geht
einem immer ein wenig daneben. Dann fühlt sich das Kind natürlich auch nicht richtig. Das gibt auch
wieder ein schlechtes Selbstwertgefühl. Im Erwachsenenalter kann das sehr leicht zu einer Depression
führen. Es will seine Erzieher auch nicht enttäuschen. Man hat ja gerne, wenn man von seinem Umfeld
akzeptiert wird. Wenn man sieht, dass die Mutter einen Lätsch oder Runzeln macht, dann versucht man
sich schnell anzupassen. Die Kinder sind sehr sensibel, man liest die Mimik des Umfeldes und richtet sich
danach. Mädchen können sich besser anpassen, das ist von ihren Genen und Hormonen her. Wir
brauchen das, wir Frauen, wir müssen uns ja auch an die Kinder anpassen. Ich mache immer einen
Vergleich mit den Tieren. Eine Stute lässt sich viel leichter reiten als eine Hengst. Das heisst, die
Mädchen kann man leichter dressieren. Das hat dann zufolge, dass sie sich über alle Massen anpassen.
Sie müssen sich in dem Sinn ausbeuten lassen und dann im Erwachsenenalter nicht recht wissen, wer
sie eigentlich sind und was ihr innerstes Wesen ist. Sie kommen dann nicht zur Talententfaltung ihrer
Persönlichkeit. Im Erwachsenenalter haben sie die Tendenz, sich sowohl im Beruf eher ausbeuten zu
lassen, weil sie ja angepasst sind und folgen, was man ihnen befiehlt.

[00:10:52.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch in der Ehe sieht man, dass sie sich eher anpassen und unterordnen, weil ihnen das einfach leichter
fällt. Das Resultat ist, dass sie sich nicht durchsetzen für sich und irgendwann kommt dann Depression.
Oft können sie sich in der Mutterrolle noch gut zurechtfinden, denn das ist eine natürliche Naturgegebene
Rolle und man hat eine gewisse Befriedigung, man bekommt auch die Rückmeldung von den Kindern,
man wird geliebt etc. Aber wenn dann die Kinder weg sind, auf einmal hat man den Boden verloren und
dann bricht die Depression aus. In diesem Sinn kann bei Frauen eine Depression durchaus eine
Folgekrankheit sein. Umgekehrt eine andere schlechte Passung Es gibt ADS Kinder, die sehr verträumt
sind, die immer in die eigene Fantasie gehen, nicht recht aufpassen, die Hälfte verpassen in der Schule.
Wenn das Umfeld um sie herum speziell aktiv und zielgerichtet ist, dann findet man, was träumt der
immer, der braucht so lange, was ist mit dem los? Dann hat das Umfeld die Tendenz, den Menschen mit
ADS Verhalten ständig zu drängen, zu einem Resultat, zu einer Effizienz. So kann der Mensch auch
wieder nicht richtig sich selber werden. Solche Menschen, Mädchen oder Jungs, entweichen eher in die
innere Fantasie.

[00:12:42.160] – Dr.med. Ursula Davatz

Wenn sie Schriftsteller werden können, ist das wunderbar. Wenn sie Erfinder werden können, ist das
auch gut. Aber wenn man sie ständig stört bei ihrem Nachdenken und ihrem Philosophieren, dann
können sie das auch nicht recht. Dann können sie in dem Sinn ihre Persönlichkeit auch nicht entwickeln.
Also wenn das Kind introvertiert ist und das Umfeld extrovertiert, dann hat das extrovertierte Umfeld die
Tendenz, das introvertierte Kind ständig zu irgendetwas zu drängen. Ich hatte so Jungs, wo die Mütter
extrovertiert waren und immer sagten, dass sie nichts machen, dass sie keinen Kontakt mit anderen
Kollegen haben, er muss doch mehr machen. Ich sage dann, lässt ihn, er braucht seine Zeit, er sucht
sich dann die Kollegen schon, die er brauchen kann und die zu ihm passen. Aber wenn man am Tag
ungeduldig ist, dann verursacht man eher eine Störung. Ein weiterer Faktor ist, dass Kinder das Anrecht
auf starke, verständnisvolle, tolerante, stabile Eltern haben. Das wäre ideal. Aber die Eltern sind natürlich
nicht immer so. Manchmal ist das Umfeld geschwächt. Da wir ja soziale Wesen sind, haben wir als Kinder
die Tendenz, auch schon als Kinder, dass wenn das Umfeld geschwächt ist, dass dann das Kind sich
anpasst.

[00:14:20.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Mädchen, die passen sich an, indem sie dann helfen und vermitteln oder liebe Sachen machen, damit
alle schön zufrieden sind. Die Jungs, ich sage das ein wenig schematisch, damit das Bild herauskommt,
die Jungs übernehmen manchmal das Kommando. Wenn die Eltern bei einem anderen Kind nicht richtig
durchkommen, übernehmen die Jungs das Kommando und sagen, dass sie nicht streng genug sind. Das
Kind setzt sich dann in die Elternposition hinein. Man nennt es ein paternalisiertes Kind. Das Kind
versucht die Lücken, die die Eltern haben, zu lösen. Es ist angewiesen, dass das Familiensystem
funktioniert. Es kann auch sein, dass ein Geschwister spezielle Aufmerksamkeit braucht, handicapiert ist
und dann ist das Umfeld wieder geschwächt und das sensible ADHS/ADS Kind passt sich an, lebt für das
System, funktioniert für das Familiensystem und ist nicht in der Lage, seine eigene Persönlichkeit zu
entwickeln. Das kann alles später zum Ausdruck kommen, dass sich diese Person als Erwachsene nicht
behaupten kann. Denn sie ist gewohnt, sich immer für sein Umfeld einzusetzen. Man kann aus dem
einen Beruf machen. Man kann Arzt werden, Psychologe, Psychiater. Wenn man seine Familienrolle
dann professionalisiert, dann kann man sie wieder verwenden. Dann hindert es einem nicht, sich zu
verwirklichen. Aber nicht alle können die Rolle, die sie in der Familie gelebt haben, professionalisieren.

[00:16:45.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben in der Schweiz sehr viele Migrationsfamilien, in letzter Zeit immer mehr, die von überall
vertrieben werden oder auswandern. Die Schweiz war immer schon ein Einwanderungsland. Wir gelten
als Oase, wir sind ein Ideal auf dieser Welt. So meint man mindestens und so werden wir oft auch wahr
genommen. Wenn wir mit Migrationsfamilien zu tun haben, dann hat das Kind einerseits die Aufgabe, sich
seinen Eltern anzupassen und ihren Traditionen. Die leben das oft weiter, so wie sie es von ihrem
Ursprung her gewohnt sind. Auf der anderen Seite muss es sich der Schweiz und unseren Traditionen
anpassen. Das Kind muss sich zweimal anpassen, dem eigenen Familiensystem und dem
schweizerischen System. Wenn das gut läuft und das Kind anpassungsfähig ist, dann wird es sehr
flexibel, sehr tolerant, sehr vielseitig und kann je nachdem auch zu einem guten Diplomat werden. Aber
wenn es sich nicht so schnell anpassen und einpassen kann, dann kommt es je nachdem darunter. Wir
von der Schweiz her, die ja eigentlich ein Immigrationsland sind, sehen die Unterschiede nicht und dort
passen auch viele Fehler, dass man nicht schaut, wie sich das Kind zu Hause an etwas anpassen muss

und in der Schule und in der Gemeinschaft an etwas anderes. Das Kind hat dann vielleicht noch weniger
Möglichkeiten sich selbst zu verwirklichen.

[00:18:41.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kann aber genau das Gegenteil passieren. Das passiert zum Teil auch in der Schulklasse, dass die
Migrantenkinder auf einmal dominieren und die Schweizer Kinder dann Schweizerdeutsch sprechen wie
die Migranten. Die fremde Kultur dominierte und man hat sich dieser in der Jugendkultur untergeordnet.
Das wäre das geschwächte Familiensystem, das noch mehr Anpassung verlangt, als sonst notwendig
wäre. Im Augenblick, wo die schlechte Anpassung besteht, wird ein ADHS Kind mit zusätzlichen
Lernstörungen geboren, in einer Akademikerfamilie, wo akademische Performance wichtig ist, dann hat
das Kind ein Handicap. Dann will man von diesem Kind, dass es akademische Leistung bringt. Man kann
nicht verstehen, dass es das nicht kann. Es ist intelligent, aber es hat eine Lernstörung. Diese schadet
dem Kind im Schulwesen. Dann kann es den Anforderungen, den Leistungen seiner Eltern nicht
entsprechen und von dort her kommt es sich immer minderwertig vor, nicht genügend wertig. Wenn so
etwas über längere Zeit läuft, kann sich dann auch wieder eine Depression daraus entwickeln kann. Es
entwickelt ein schlechtes Selbstwertgefühl, wenn es sich davon nicht befreien kann. Im Erwachsenenalter
kann es eine Depression entwickeln. Wird ein intellektuell begabtes Kind in einer Bauern- oder
Handwerkerfamilie geboren, hat aber zwei linke Hände, das kommt auch vor. Dann sagt man, dich kann
ich nicht brauchen.

[00:20:57.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin eher in einer ländlichen Gegend aufgewachsen und wenn man dann gesagt hat, man lernt Latein,
hat es geheißen, braucht man doch nicht, für was brauchst du das als Mädchen. Bei den Bauern
natürlich, wenn man dann zwei linke Hände hat, dann kann man einen nicht brauchen. Dann ist all die
intellektuelle Fähigkeit nichts wert. Dann gibt es wieder ein schlechtes Selbstwertgefühl, obwohl gute
Talente da sind. Wenn dann nicht ein Lehrer da ist, der das Kind entdeckt, unterstützt und dem Kind hilft,
von diesen Wertvorstellungen seiner Bauernfamilie sich entfernen, dann kann es je nachdem untergehen
und depressiv werden. Wenn das Kind sich gut entwickelt, ist man stolz darauf. Aber am Anfang natürlich
nicht. Ein begabtes Kind in einer Handwerkerfamilie kann genauso darunter kommen wie ein
handwerklich begabtes Kind in einer Akademikerfamilie. Es sind nicht nur die Akademikerfamilien, die
ihre Kinder zurecht stauchen. Auch im Fall, wo so schlechte Passungen zwischen Fähigkeiten, Talent des
Kindes und seinem erzieherischen Umfeld so schlechte Passungen sind, dann kann sich der junge
Mensch nicht richtig in die erwachsene Position begehen, kann seine Persönlichkeit nicht richtig
entwickeln. Depression ist eine Verliererkranker.

[00:23:01.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man ständig mit Windmühlen kämpft und seinem Umfeld, dem man es ja recht machen will, nicht
recht machen kann, dann kommt man sich als Verlierer vor. In diesem Sinne ist Depression ein
Verliererkrankheit. Das Kämpfen kann gegen die Eltern sein, das kann gegen einen Partner, eine
Partnerin sein, das kann am Arbeitsplatz sein. Wenn man nicht gelernt hat, sich für sich und seine
Fähigkeiten durchzusetzen, dann passiert es einem, dass man sich als Verlierer vorkommt. Darum sage
ich, dass Depression eine Verliererkrankheit ist. Man hat bei Reptilien beobachtet, die miteinander

kämpften, zwei Männchen. Das Männchen, das verloren hat, hat die Farbe verloren und ist in die Ecke
gehockt. Das, was wir Psychiater als Crouch Position benennen, mit Augenfalten runter und einem
Lätsch, also nicht ein Smile, sondern ein Lätsch, hat also physiologisch depressive Zeichen gezeigt, das
Reptilienmännchen das verloren hat. Die Verliererreaktion ist eine physiologische, körperliche Reaktion,
Verhaltensreaktion, die nicht nur bei den Menschen vorkommt, die kommt auch bei den Tieren vor. Man
sagt dann manchmal auch, es gibt verschiedene Definitionen, ich sage jetzt Verliererkrankheit, es gibt
eine Theorie, wo man sagt: arretiertes Kampfverhalten, man steigt in den Kampf ein, aber man kommt mit
seinen Methoden nicht durch. Man verliert dann. Man verliert, weil der andere vielleicht stärker ist, aber
man kann auch verlieren, weil man falsche Methoden anwendet.

[00:24:49.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Methoden, die nicht funktionieren. Klar, wenn man nicht durchkommt mit seinem
Selbstbehauptungsverhalten, dann wird man depressiv. Jetzt auf der Einladung haben Sie eine
Zeichnung, die Sie vielleicht angeschaut haben. Da ist auf der einen Seite das Männchen gezeichnet.
Das ist das Individuum, das sich aufmacht auf den Weg. Wir haben es schon von den ADHSler und
ADSler, die haben oft Visionen. Sie sind sehr impulsiv und sehr schnell. Manchmal oder häufig sind sie
mit ihren Ideen schneller als mit ihrer Handlung. Denken kann man viel schneller als Handeln. Man kann
sich x Visionen ausdenken, wie toll das wäre, davon träumen, etc. Aber dann geht es noch um die
Realisierung. Wenn man die Geduld zur Realisierung nicht hat, dann fällt man hier einfach runter. Dann
auf den Kopf und dann wird man depressiv. Wenn man Geduld hat, aber ADHSler haben das häufig nicht,
wenn man Geduld hat, wenn einem vielleicht jemand hilft, in kleinen Schritten, um seine Visionen zu
verwirklichen. Dann kommt man auf die andere Seite. Dann hat man eine gewisse Anpassung, also man
passt sich an die Realität an und man verliert seine Visionen nicht. Man kann sie teilweise verwirklichen,
zum Teil vielleicht mit Hilfe und dann kommt Erfolg und es geht weiter.

[00:26:36.450] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne ist das Individuum zwischen Visionen, runterfallen aus diesen Visionen, depressiv
werden und Realisation. Hier muss ich den ADHler immer wieder sagen: Geduld. Ich sage jeweils, die
Eigernordwand wird nicht in einem Sprung erklommen. Man muss Griff für Griff, Schritt für Schritt. So ist
es auch im Leben. Man muss sich verlangsamen. Ich muss viele von den ADHSlern verlangsamen, dass
sie nicht enttäuscht werden, dass sie ihre Visionen, ihre Ideen sich selber nicht verwirklichen können. Da
sind wir jetzt schon, wie kommt man dann wieder raus aus diesem Loch? Also, wenn man sich ständig
als Verlierer vorkommt, alles nicht recht macht, niemand zufrieden ist, die Ziele nicht so schnell erreicht,
wenn man gerne hätte, dann fällt man ins Tief, dann fällt man in ein Loch in die Depression. Offiziell in der
Psychiatrie holt man diese Leute aus der Depression heraus mit Antidepressiva. Antidepressiva sind alles
stimulierende Medikamente, ähnlich wie Ritalin. Man kann den Menschen künstlich wieder zufrieden
machen, respektive im künstlich wieder Energie über Medikamente geben. Ich will nicht, dass der
Mensch über die Medikamente den Menschen aus seinem Loch oder aus seiner Talsohle herausholen,
sondern ich will der Sache ein bisschen mehr auf den Grund gehen.

[00:28:19.540] – Dr.med. Ursula Davatz

Das heisst, ich will die Problematik bei den Wurzeln packen. Da sage ich, wenn ich depressive ADHSler,
Erwachsene habe, muss ich sie zur Verlangsamung bringen. Ich muss sie immer zur Verlangsamung
bringen und mit ihnen schauen, wo ihre Ressourcen sind, wo sie verschüttet wurden, wie man sie
ausgraben kann, wo sind Talente und Eigenschaften. Dann muss man schauen, wie sie sich vom
erzieherischen Umfeld, später vom Arbeitsumfeld und allenfalls auch von der Beziehung, Partnerschaft,
wie sie sich "contre coeur" immer wieder angepasst haben und wie sie über das eigentlich verkümmert
sind. Ich muss dann auch Geduld haben, um sie vorzuholen. Ich muss mich mit ihnen fragen, wann sie
Dinge machen, die sie eigentlich gar nicht wollen. Wann machen sie Dinge, nur zum einfach gut
durchkommen, um es den anderen recht zu machen, um keine Probleme zu haben. Dem anderen
zuliebe, aber eigentlich nicht für sich. Also im anderen zuliebe wegen unserer sozialen Zugehörigkeit.
Man hat ja immer Angst, man könnte von der Liebe ausgeschlossen werden, vom Kollektiv
ausgeschlossen werden. Oje, so kann ich ja dann gar nicht überleben. Vor lauter Anpassung haben sie in
diesem Sinn ihren Selbstwert verloren. Findet man ein Verhaltensmuster, die der erwachsene Mensch
pflegt, nur um es den Wertvorstellungen der Eltern recht zu machen. Also nur aus Loyalität zu den
eigenen Eltern.

[00:30:19.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sind auch als erwachsene Personen oft mehr loyal zu unseren Eltern, als wir denken. Wenn die
Eltern noch leben, dann sage ich, und das ist Systemtherapie, ich versuche das herauszuarbeiten, dann
sage ich den Erwachsenen, dass sie sich nochmals als Erwachsene mit dem Vater einzeln und mit der
Mutter einzeln auseinandersetzen sollen. In dieser Auseinandersetzung ihre eigene Position beziehen.
Nicht einfach sich anpassen dem Frieden zuliebe, sondern wagen in eine Opposition zu gehen. Wichtig
ist dabei, nicht, dass man die Eltern von der eigenen Überzeugung belehrt, um miteinander zu
verschmelzen, sondern dass man alleine für seine Haltung steht, den Eltern ihre Haltung lässt, sich nicht
mehr von den Eltern missionieren lässt, aber auch die Eltern nicht missioniert. Wenn ich Eltern solche
Aufgaben gebe, merke ich, dass sie häufig, wenn sie nach Hause gehen zu den Eltern, ihre Position
beziehen, dass sie die Erwartungshaltung haben, dass die Mutter oder der Vater zustimmen müsste.
Daran sieht man, dass man immer noch abhängig ist, eigentlich nicht eigenständig, sondern man will
immer noch die Anerkennung des Vaters oder der Mutter. Hier muss ich sie unterstützen, dass sie es
aushalten, dass der Vater oder die Mutter eine andere Meinung haben.

[00:32:00.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man selber eine andere Meinung hat, dass man beide stehen und beide leben lässt. So im Sinne
von Leben, selber leben und den anderen leben lassen. Man denkt, das sei einfach, aber das ist gar nicht
so einfach. Denn wir sind viel mehr an die Loyalität an unsere Eltern gebunden. Wenn man dann mal in
der Lage ist, sich zu positionieren, vor seinen wichtigen Bezugspersonen, seien das Eltern oder ältere
Geschwister, wenn man in der Lage ist, das auszuhalten und nicht zu vergispeln oder einfach wieder in
die Anpassung zu gehen, dann ist man quasi gestärkt, dass man auch sonst im Leben, sei das am
Arbeitsplatz, bei den Kollegen, in der Partnerschaft, auch besser zu sich selber stehen kann. Denn die
Eltern sind doch immer noch sehr wichtige Bezugspersonen. Die wie Marksteine, Messsteine für einem
sind. Also gelingt einem diese Verhaltensänderung den eigenen Autoritäten und Erziehungspersonen
gegenüber, es könnten auch Lehrer sein oder irgendwelche Vorgesetzten, dann hat man eine
Verhaltensveränderung gemacht, dann muss man nicht mehr in ein Loch fallen, wenn die andere Person

nicht mit einem einig ist, muss man nicht mehr depressiv werden. Dann ist man eigentlich genügend
stark, um sich selbst durchzusetzen. Dann hat man genügend emotionale Energie, um sich selbst zu sein
und auch genügend emotionale Energie, um sich anzupassen.

[00:33:47.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht nicht darum, dass man sich nur selbst behauptet, sondern wir müssen immer zwischen
Anpassung und Selbstverwirklichung ein Gleichgewicht finden. In diesem Sinne möchte ich sagen,
Depressionen treten immer dann auf, wenn ein Mensch mit falschen Mitteln gegen Windmühlen kämpft.
Die Windmühlen sind die vorgestellten anderen Meinungen und dann die falschen Mittel. Wenn man als
Untergebenen gegen seine Vorgesetzten kämpft, indem man sie belehrt und sagt, was sie alles falsch
machen, dann kommt man wahrscheinlich nicht so weit. Da sage ich dann immer, man muss wissen, was
oben und unten ist und dann den rechten Ton finden. Also Depression tritt dann auf, wenn man mit
falschen Mitteln in einer verkehrten Situation gegen Windmühlen kämpft, etwas erreichen will, was nicht
zu erreichen ist. Wenn man aussen etwas verändern will, anstatt dass man sieht, welche Mittel man
verwendet und welche nicht funktionieren. Wenn man nicht das Umfeld verändern will, sondern eher
einen Einblick in seine eigene Geschichte hat, dann kann man sich selbst verändern. In der
Partnerschaft, in den Paarbeziehungen gibt es ja immer Kampfsituationen. Da hat man immer die
Tendenz, den anderen zu verändern, damit es bequemer wird. Ich muss dann immer sagen, man kann
sich nur selbst verändern, sich besser verstehen, den anderen besser verstehen und dann mit der
Realität besser umgehen.

[00:35:45.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man das kann, muss man nicht mehr in eine Depression fallen. Wenn man mit falschen Mitteln
gegen Windmühlen kämpft, ist Depression eine Verliererkrankung. Wenn man erkennt, wie man falsche
Mittel verwendet und wie man es anders machen könnte, ist Depression nicht mehr nur eine
Verliererkrankung. Depression ist nur der Anfang zur Selbstfindung. Die Depression sagt einem rein
körperlich, man ist dann schwach und mag nicht recht, man hat falsch investiert. Man muss über Bücher
gehen und neu investieren in sich, in seine Selbstbehauptung, vielleicht sogar in seine Selbstdarstellung.
Man kann nur sich verändern. Wenn einem die Depression dazu bringt, dass man nachdenklich wird und
schaut, was man verändern könnte, dann zeigt die Depression den Weg auf, dass man etwas verändern
kann. In diesem Sinne sage ich dann, ein wenig extrem formuliert, Depression ist der Anfang zur
Selbstfindung. Man muss nicht die Depression mit Mitteln bekämpfen, sondern man muss seine falschen
Strategien erkennen und dann Strategien entsprechend verändern. Das heisst natürlich nicht, dass man
als Individuum, wir sind ja eben eine soziale Spezies, dass das Individuum von diesem Moment an nur
noch Selbstbehautpung, nur noch Durchsetzung, rücksichtslose Durchsetzungskraft, man sagt dann
Egoist, man sagt auch Narzissten, die nur noch für sich schauen, aber eigentlich sind Narzissten alles
Menschen, die gekränkt worden sind und nicht genügend zur eigenen Selbstfindung gekommen sind. Sie
sind eigentlich immer noch auf dem Weg.

[00:37:51.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst nicht, wenn ich das Individuum unterstützen möchte, dass es ein asoziales Individuum wird.
Jeder Mensch muss selber herausfinden, wie viel Selbstbehauptung er/sie ertragen kann. Er bekommt ja

dann auch eine Art Echo von aussen. Wie viel Anpassung braucht er/sie, um sich wohlzufühlen. Gewisse
sind mehr auf der Seite des Individualismus, andere mehr auf der Seite des Kollektivismus, wo sie sich
der Gruppe anpassen. Gewisse sind mehr in der Herde drin und andere stehen mehr heraus. Im
Augenblick, wo ein Mensch in der Lage ist, sein Individuum, seine persönlichen Talente, seine
Fähigkeiten zu realisieren, kann er dann auch ein gutes Gruppenmitglied werden. Das Ganze, also das
ganze Kollektiv ist mehr als die Summe von jedem Einzelnen. Es gibt mehr daraus. Über unser
Zusammenarbeiten als Individuen innerhalb eines Kollektivs können wir erfolgreicher sein, als wenn wir
nur einzeln durch die Welt gehen oder nur als Massenmenschen durch die Welt gehen. Also es braucht
immer diese Spannung zwischen Individuum und Anpassung. Wenn ich von diesem Gleichgewicht
spreche, Anpassung, Selbstbehauptung, Selbstverwirklichung. Heutzutage mit den modernen Medien hat
eigentlich jeder die Möglichkeit das Kollektiv zu beeinflussen. Da spricht man jetzt von Influencern, also
Leuten, die irgendeine Idee aufs Internet stellen, die dann zieht, eine Wellenbewegung macht, respektive
eine Herde ansammelt.

[00:39:57.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sind dann die sogenannten Influencer. Also wenn man Anpassung, Selbstbehauptung,
Selbstverwirklichung und Selbstdarstellung betrachtet, sind die Künstler, die mit der Selbstdarstellung
arbeiten. Das ist ihre Aufgabe. Wenn sie etwas finden, was beim Kollektiv ankommt, dann werden sie zu
Influencer oder Trendsetter. Wenn sie aber nicht so beim Kollektiv einschlagen, sind sie vielleicht
trotzdem interessante Persönlichkeiten, aber dann brauchen sie mehr Eigenständigkeit. Das heisst, an
sich ist es nicht unbedingt so wichtig, wie toll man gefunden wird oder wie grosse Einschaltquoten man
vom Kollektiv bekommt. Man sollte auch etwas verwirklichen, das primär nicht so viel Echo hat. Ich
denke, es ist wichtig, dass man seine Talente realisiert. Da bringe ich dann immer die Theorie, oder nein,
es ist eine wissenschaftliche Erkenntnis, man soll an dem, was man macht, Freude haben und nicht an
erster Stelle das machen, damit die anderen Freude daran haben. Das ist schön, wenn die auch Freude
daran haben. Da hat man herausgefunden, und das zählt jetzt auch wieder in der Covid Zeit, wenn man
etwas macht, wo man Freude daran hat, und man hat schon Freude einfach über das Machen, und es ist
einem eigentlich egal, wie viel Erfolg man hat. Dem sagt man auch eudaimonic happiness, also man ist
glücklich über das, was man macht.

[00:41:38.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hat eine positive Auswirkung auf das Immunsystem, und das können wir alle brauchen. Hingegen,
wenn man etwas macht nur um den anderen zu gefallen, das hat überhaupt keine positive Auswirkung
auf das Immunsystem. In diesem Sinne ist unser Körper und unser Immunsystem ein Lügendetektor. Also
ich kann sagen, der Körper kann nicht lügen. Der Körper sagt einem, wenn etwas gut ist für einem. Es ist
natürlich dann etwas gut für einem, wenn man sich treu bleibt oder wird und wirklich das macht, von dem
man überzeugt ist. Nicht nur etwas macht, um die Masse zu bewegen etc.

[00:42:23.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine letzte Bemerkung. Ich habe mich viel auch mit psychosomatischen Krankheiten befasst. Ich merkte,
dass psychosomatische Krankheiten immer dann auftreten, wenn der Mensch den Eltern loyal bleiben
will und eigentlich hätte den Eltern dysloyal werden müssen. Man schädigt lieber seinen eigenen Körper,

als den Eltern dysloyal werden. Nicht alle, aber… Dort kommt der Körper rein. In diesem Sinne lohnt sich,
auf den Körper zu hören, was er sagt. Der Körper kann nicht lügen. Mit dem Intellekt kann man alles
schön reden, weg argumentieren. Aber der Körper fällt nicht auf das rein. Also sage ich, je mehr man zu
sich selber kommt, sich selber ist, umso gesünder wird man oder bleibt man.

[00:43:28.740] – Dr.med. Ursula Davatz
So möchte ich alle, die mit ADHS zu tun haben, dazu auffordern, dass sie versuchen, zu sich selber zu
kommen und das auch zu verwirklichen. Das gibt die grösste Befriedigung und auch die beste
Gesundheit. Das wären meine Worte.

[00:43:57.850] – Bemerkung 1
Sich in Geduld üben, das ist ein sehr guter Ansatz. Bei Schulen oder Universitäten kann man die
Abgabefristen nicht ins Unendliche strecken. Man ist an diese Rahmen gebunden. Ein langsamer,
vertiefter Prozess ist nicht möglich. Wie soll man sich da verhalten?

[00:44:34.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Sie in einem festen Programm sind, können Sie nicht langsamer machen. Klar, Sie können
nochmals ein Semester anhängen. Dann müssen Sie mit Ihrem Zug gehen. Wenn ich sage man soll
langsamer machen, meine ich in einem Augenblick, in dem man über Bücher gehen muss. Wenn man
einen falschen Beruf gewählt hat oder ist am falschen Arbeitsplatz. Ich habe schon jemandem gesagt, er
müsse kündigen. Das ist nichts für sie. Er fand dann, das könne nicht sein, die kennt mich doch gar nicht.
Je länger man im Beruf ist, desto mehr kann man aus dem Buch heraus, intuitiv handeln. Er hat dann
gekündigt, er hat eine Matur gemacht, studiert und hat jetzt einen Beruf, in dem er sehr zufrieden ist.
Wenn Sie im Zug sind, können Sie nicht langsamer. Sie müssen schauen, wie Sie die Erholungsphase
haben, damit Sie wieder zu sich kommen können. Wenn Sie grundsätzlich herausfinden müssen, ob das
überhaupt der Beruf ist, den Sie haben wollen, dann muss man sich langsam überlegen und sich Zeit
lassen. Viele Antworten mir dann, ich habe keine Ahnung, ich weiss es nicht. Dann sage ich, halt
langsam, zuerst einmal zu sich kommen. Ich zitiere den Antoine de Saint-Exupéry: on ne voit bien
qu'avec le coeur, il faut consulter votre coeur. Im Zug da muss man schauen, wie man sich Erholungszeit
holt.

[00:46:02.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte jetzt jemanden, der Ritalin genommen hat. Es läuft ihm alles besser, er kann seine Potenzen
besser verwirklichen. Die Partnerin sagt dann: Du hast gar keine Zeit mehr für uns. Man sagt ja von den
ADHSlern, dass sie überhaupt nicht fokussiert sind, wenn es sie nicht interessiert. Wenn sie interessiert
sind, sind sie hyperfokussiert. Da muss man lernen, als hyperfokussierter ADHSler, jetzt arbeite ich und
jetzt mache ich frei. Sie müssen sich Struktur setzen und zur Struktur gehört auch Erholungsstruktur und
nicht nur Leistung.

[00:46:52.200] – Bemerkung 2

Wie soll man vorgehen wenn man etwas nicht angehen kann, nicht vermeiden kann? Zum Beispiel im
Schulunterricht hat man einfach Mathe, man hat einfach Bio. Wie kann man den Fokus setzen, wie kann
man seine Konzentration erarbeiten, in einem Bereich, in dem es einem überhaupt nicht zusagt, aber
zum gesamten Paket gehört. Auch wenn das gesamte Paket stimmt.

[00:47:23.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, schwierig. Dort braucht es Disziplin. Manchmal braucht es auch etwas Selbstdisziplin. Oder man kann
an diesem Fach, oder an dem, was man hier lernen sollte, vielleicht noch etwas zusätzlich dranhängen,
sodass es interessanter wird. Wie beim Kochen, man kann es beim Kochen würzen, sodass es auf
einmal wieder spannend wird. In diesem Sinne kann man eigentlich alles interessant finden, wenn man
noch etwas mehr hineingeht. Ich würde sagen, dass man es noch tiefer hineingeht und auf einmal wird es
interessant. Sodass man nicht in der Abwehrhaltung bleibt, dass es einem stinkt, wenn ich nur nicht
müsste. Man muss aus der Abwehrhaltung herauskommen und auf die Zugehenshaltung kommen. Jeder
hat einen anderen Trick. Man kann sich danach belohnen. Ich mache das und dann mache ich das. Das
kann je nachdem auch helfen. Aber es braucht auch ein bisschen Disziplin. Selbstdisziplin. Darum sage
ich den Müttern, sie sollen aufhören ihre Kinder zu stossen. Das Kind muss ab einem gewissen Alter
selber lernen sich zu motivieren und zu disziplinieren. Habe ich es jetzt ein bisschen beantwortet? Okay,
viel Spass. Sie können ja vorher Chili Pfeffer essen, dass es so richtig brennt, dass sie dann brennen
nach Neugier.

[00:49:20.000] – Bemerkung 3
Wieviel grösser ist das Risiko, dass ein ADHSler oder ADSler in eine Depression gerät, wenn man das
mit Leuten vergleicht, die das nicht haben?

[00:49:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin kein numerischer Typ, und ich kann es nicht in Zahlen sagen, ich zitiere dann immer Einstein, und
der sagt "Not everything that counts is countable, and not everything that is countable counts." Also man
kann nicht alles zählen, was wichtig ist, und ich gehöre natürlich nicht zu den Statistikern, die zählen. Es
kommt ganz darauf an, was der ADHSler noch für andere Dinge um sich herum hat, wo er sich
befriedigen kann, zufrieden ist, wie viel er immer über die Klippe gestoßen wird von der
Normierungspresse, sag ich jetzt, und auch wie robust er ist. Wie viel er schon als Kind vielleicht gelernt
hat, das auszuhalten, oder gar nicht gelernt hat. Ich muss das ganze Muster anschauen. Bei jedem
Menschen, es gibt schon so allgemeine Muster, aber ich muss genauer, wie soll ich sagen, genauer
hinschauen. Ich schaue immer drei Generationen an und sehe dann, was da für Themen runterkommen
über die Großeltern, Eltern und dann Kind.

[00:51:04.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Wo passt jetzt der Mensch rein, wo ist er in die Grube gefallen und wie muss man ihn wieder rausholen.
Ich kann es nicht zahlenmäßig sagen, ist ganz unterschiedlich, auch nicht zeitmäßig. Manchmal reicht
schon ein einzelnes Ereignis, das so demütigend ist, weil es in alte Kerben reinhaut. Manchmal sind es
viele kleine Demütigungen, die schlussendlich zur Depression führen. Ich müsste die Geschichte genauer
haben. Ich weiss nicht, ob Sie so befriedigt sind.

[00:52:16.100] – Bemerkung 4
Zu dem Punkt, dass man das machen muss, was zu einem passt, was sich richtig anfühlt, das ist zum
Teil auch schwierig und redet sich auch Sachen ein. Wenn ich z.B. einen gewissen Beruf erlernen
möchte, steht dahinter teilweise Jahre Ausbildungszeit, die teilweise auch sehr theoretisch sein können,
z.B. an einer Uni. Dann merkt man oft, dass das, was man in der Vorlesung lernt, nicht unbedingt das
Gleiche ist wie das, was man nachher macht. Dann geht es vielleicht 5 Jahre, bis man das macht, was
man überlegt hat, das könnte zu mir passen. Dann merkt man vielleicht sogar, dass das, was man in der
Vorlesung hat, das macht mir überhaupt keinen Spass. Liegt das daran, dass das in der Vorlesung zum
Abhärtungsprozess gehört? Zum Selektionsprozess? Um mich zu testen? Zum Disziplin erlernen? Oder
wird das wirklich so schlecht sein, wie das, was man in der Vorlesung macht? So oft im Leben ist man an
dem Punkt, wo man einfach nicht genau weiss, jetzt schaffe ich das, jetzt grabe ich das Loch, aber ich
weiss nicht wo ich nachher rauskomme. Man weiss einfach nie genau, wird das jetzt so etwas oder wird
das jetzt nicht. Viele Leute brechen dann mitten drin ab und sagen, nein, das wäre jetzt nichts für mich,
aus diesem Grund, aber eigentlich reden sie es sich ein. Irgendwie kann man diese Frage fast nicht
wirklich beantworten. Was meinen Sie dazu?

[00:53:43.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, Sie sprechen da etwas ganz Wichtiges an. Also so viel zur Passung zwischen theoretischem Studium
und praktischem Leben. Diese Passung ist nicht immer so gut. Da könnte man sagen, die Universität
oder die ETH, die Hochschulen forschen am Leben vorbei oder sind am Leben vorbei. Ich sage das in
der Psychiatrie, ich rege mich immer auf, was hier alles geforscht wird. Ich denke, Sie können alles
vergessen. Man müsste es eigentlich anders machen. Aber ja, die Welt ist so, wie sie ist und die
Hochschulen sind halt so, wie sie sind. Dann muss man herausfinden, wo man seinen Weg findet. Wenn
man hinterher nach all dem harten studieren, als Medizinerin hat man früher noch sieben Jahre studiert,
dann kommen noch fünf Jahre Psychiatrie hinzu. Man ist ewig am Studieren, man ist immer der Lehrling.
Hier erzähle ich jetzt einen Witz aus der Medizinerwelt. Man sagt, Chirurgen können alles und wissen
nichts. Mediziner wissen alles und können nichts machen, die Krankheit ist schon so weit entwickelt, dass
sie nichts mehr machen können. Vom Psychiater sagt man, dass sie nichts können und nichts wissen.
Sie kommen gar nicht draus, wie das läuft. Dann sage ich, dass wir ständig am Lernen sind. Das ist
interessant.

[00:55:12.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Jeder Patient ist anders. Wir haben ihn ausgelernt. Man muss bei jedem Patienten von vorne anfangen.
Er hat eine andere Lebensgeschichte etc. Wenn Sie ein bisschen die Neugier behalten können, auch
wenn Sie zudeckt werden mit Theorien, die Sie nie brauchen können. Man muss die lange Spannkraft
behalten für hinten dran. Ich habe Medizin studiert mit dem Wunsch Psychiatrie zu machen. Die meisten
wollen nicht Psychiater werden, sie gehen in dieses Gebiet, weil sie nirgendwo anders durchkommen.
Wir haben das tiefste Ansehen. Prof. Dr. Dr. Ambros Uchtenhagen in Zürich hat mal einen Umfrag
gemacht. Die Psychiater sind nach dem Magnetopath gekommen. Der Pfarrer hatte noch mehr Ansehen.
Aber ich finde es für mich trotzdem der tollste Beruf. Man darf seinen Fokus nicht verlieren und muss halt
durch das Zeugs durchgehen. Ich habe mich im Medizinstudium auch aufgeregt, dass sich alle mit ihren

Eigennamen profiliert haben. Die musste man alle auswendig lernen. Ich bin nicht so gut im Namen
behalten. Ich muss immer eine Geschichte haben. Ich wollte, dass sie die Funktion beschreiben und nicht
ihren Namen dran hängen. Aber ich habe es dann auch überlebt. Also probieren Sie, den langen,
gespannten Bogen nicht zu verlieren.

[00:56:58.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht auch etwas in der Freizeit machen, dass sie wieder aufstellt. Mit Kollegen austauschen, die ein
wenig ähnlich gesinnt sind, wo eine Passung da ist. Dann bringt man es auch besser durch. Aber es ist
nicht einfach. Ein harter Weg. Aber nicht so schnell die Flinte ins Korn schmeissen. Habe ich Sie etwas
aufgemuntert?

[00:57:24.950] – Bemerkung 4
Muss sagen, ich habe auch schon mit solchen Kollegen rumgehangen, aber sie sind dann immer
durchgefallen.

[00:57:33.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sind früher auch nach Paris gefahren, anstatt in die Vorlesung. Das kann man heute nicht mehr so
gut.

[00:57:42.960] – Bemerkung 6
Ist ADHS überhaupt kompatibel mit einem Studium?

[00:57:56.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf jeden Fall. Unter den Medizinern gibt es ganz viele ADHSler, unter den Lehrern gibt es viele. Einstein
war ein ADS. Viele Forscher haben ADS, weil sie so viel studieren und so gerne beobachten und im Kopf
die Theorie machen. Es ist schon kompatibel. Aber, wie soll ich sagen, vielleicht braucht man auch ein
Umfeld, das einem unterstützt. Manchmal sind es Frauen, die dem Mann den Weg freimachen. Nicht
immer machen die Männer den Frauen den Weg frei. Ich kann es auch geben. Also man muss sich halt
ein wenig einrichten. Doch doch, ich habe einige durch das Studium begleitet. Viele sind ja gerade wegen
der Schnelligkeit, viele haben eine schnelle Auffassungsgabe, aber nicht Geduld, um lange bei etwas zu
bleiben. Aber wenn Sie etwas finden, was Sie interessiert, dann können Sie schon dranbleiben. Wenn
man dann die Befriedigung hat von dem, was man hier macht, dann kann man das andere noch ein
bisschen dranhängen. Ich würde es schon sagen.

[00:59:34.360] – Bemerkung 7
Ich habe mal den Spruch gehört, dass ADHS mit der Zeit sich auswächst. Ich wollte wissen, ob sich im
Laufe der Jahre die Symptome verändern oder ob die bestehen bleiben.

[00:59:46.300] – Dr.med. Ursula Davatz

Früher hat man gesagt, dass sich das auswächst. Dann hat man die Theorie gehabt, dass die
Nervenzellen nicht richtig isoliert sind. So wie beim Elektriker. Die Isolation sei nicht richtig. Das sagt man
bei der MS. Es reift verspätet. Ja, die Hirne tun verspätet reifen, puncto fixe Struktur, also die
Autobahnen, die sie bilden. Auswachsen tut es sich nicht. Man weiss heutzutage, es ist genetisch vererbt.
Gewisse sagen, es sei eine Modekrankheit, das stimmt überhaupt nicht. Es ist genetisch weitergegeben.
Es läuft in Familien und häufig ziehen sich auch ADHSler und ADSler an. Da gibt es den Satz "They find
each other, they bind with each other, they reproduce with each other". Sie finden sich, binden sich und
sie machen Kinder miteinander. Es wächst sich nicht aus. Aber wenn man ein günstiges Umfeld hat, das
einen versteht, das einen leben lässt, das einen Hörner abstossen lässt, das einen entwickeln lässt, dann
lernt man mit der Zeit immer besser mit sich umzugehen. Die Behandlung von ADHS ist nicht in dem
Sinne eine Therapie, wo man ein Symptom wegmachen muss. Es ist mehr ein Coaching. Sie müssen
lernen, mit sich umzugehen. Sie müssen sich Struktur setzen können. Sie müssen sich nicht nur
anpassen an die fremde Struktur, sondern sie müssen sich auch selbst Struktur setzen können.

[01:01:29.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann lernen Sie immer besser, mit sich umzugehen. Sie müssen wissen, wann sie Auszeit machen
müssen, wann sie sich erholen müssen, dass sie sich nicht übertun. Manchmal sind sie so begeistert von
etwas, dass sie vergessen zu schlafen, zu essen usw. Das hat man vom Einstein auch gesagt. Dann
wirkt es so, dass sie besser damit umgehen können und es fällt gar nicht mehr auf und stört sie auch
nicht. Diejenigen, die die Diagnose nicht erhalten haben, oder erst mit 50, wenn die dann die Diagnose
bekommen, dann sagen sie, dass sie endlich eine Erklärung haben, jetzt verstehe sie ich mich besser.
Ich denke, als erstes muss man seine eigene Persönlichkeit akzeptieren. Man muss akzeptieren, wie
man funktioniert und nicht immer gegen sich arbeiten. Gewisse arbeiten gegen sich, weil sie dann so
normal sein wollen. Weil das Umfeld das von ihnen verlangt hat. Das ist gar nicht hilfreich. Da sagt man
ganz allgemein, man muss mit seinem Wesen Freundschaft schliessen. Wenn es schon um etwas
Krankes geht, muss man mit seinem Symptom Freundschaft schliessen. Erst dann kann man etwas
ändern. Viele gehen gegen sich vor. Ich muss dann immer sagen, sie sind recht, so wie sie sind. Das ist
okay. Wir müssen lernen, damit umzugehen. Wenn man gegen sich arbeitet, kann man nicht mit sich
umgehen. Sich verleugnen ist die schlechteste Therapie.

[01:03:15.000] – Bemerkung 7
Die Frage ist beantwortet, Danke.

[01:03:19.160] – Bemerkung 8
Sie haben davon gesprochen, dass man in der Tendenz, um negative Auswirkungen im Leben zu
vermeiden, seine Talente oder Interessen lebt, was wahre Ich. Zu wissen, was das überhaupt ist? Das
muss man ja auch noch einmal merken.

[01:03:39.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist so, ja. Man muss merken, was Talente sind. Manchmal findet man das besser aus im
Zwiegespräch. In dem man sich mit einer Materie auseinandersetzt und findet, das mache ich noch
gerne. So findet man sich langsam. Am Samstag haben wir Collagen gemacht. Da haben alle Leute

haben an ihren Collagen gearbeitet und sehr konzentriert. Da haben einige gesagt, ich habe gemerkt,
dass ich hier viel kreativer bin, als ich dachte. Man muss sich mit etwas intensiv befassen. Da muss man
noch wissen, was man zu tun hat. Therapeuten, Coaches können einem helfen, dass man sich mit sich
befasst und seine Talente versucht auszugraben. Wenn es um junge Erwachsene geht, frage ich die
Eltern, was sie finden, dass zu diesem jungen Menschen passt, was passt zu ihrem Sohn, was hat er
gerne gemacht als Kind. Ich frage dann manchmal auch im Umfeld, was da das Talent hinten dran sein
könnte. Ich denke, wenn man es nicht recht weiss, aber findet, man ist doch irgendwie stecken geblieben,
lohnt es sich, zu jemandem zu gehen, um in einem Zwiegespräch zu sein und so vielleicht
herauszufinden. Macht das Sinn?

[01:05:16.700] – Bemerkung 8
Ja, das ist interessant.

[01:05:18.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sind soziale Wesen, wir brauchen Austausch, wir erkennen uns besser über den Dialog. Die
Auseinandersetzung hilft uns oft uns zu finden.

[01:05:35.170] – Bemerkung 9
Ich arbeite als Neuropsychologin. Wir haben in der Praxis häufig Erwachsene mit ADHS. Oft kommen die
Patienten aufgrund einer Depression zu uns. Dann kommt oft heraus, dass ein ADHS oder ADS dahinter
ist. Die Patienten haben meistens Antidepressiva. Ich habe herausgehört, dass Antidepressiva
stimulierend wirkt. Ist das schlecht für den Prozess dieser Selbstfindung, wenn die Patienten länger
Antidepressiva haben, um nicht immer wieder in eine Krise zu fallen?

[01:06:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich will nicht sagen schlecht. Die Antidepressiva werden viel diskutiert. Es gibt zwei Sorten. Eine Sorte
stimuliert eher und die andere, das sind die sogenannten Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer. Die
machen einem eher weniger sensibel, damit man nicht so leicht verletzt wird und dann nicht in der
Verletzung in das Loch fällt. Oft gibt man beides. Es gibt auch Kombinationsreparate. Ich sage einfach
immer, und das ist meine Überzeugung. Ich finde, man sollte nie Antidepressiva alleine geben. Man sollte
immer auch noch begleiten. Antidepressiva können einem aus einem Loch rausholen, sodass man dann
die Kraft hat, über die Bücher zu gehen, etwas zu verändern im Leben, neue Strategien zu lernen usw.
Sie können durchaus hilfreich sein. Aber wenn man nur Antidepressiva nimmt und sonst nichts macht,
dann beseitigt man natürlich die anderen Sachen nicht. Die falschen Strategien, die Anpassung, die
eigentlich nicht sein sollte. Macht das Sinn?

[01:07:38.140] – Bemerkung 9
Ja, das ist gut. Danke.

[01:07:39.700] – Dr.med. Ursula Davatz

Doch, doch, man kann sie sehr wohl verwenden. Ich verschreibe auch, wenn die Leute wollen, sowieso.
Ich komme nicht als erstes mit den Antidepressiven. Aber ich enthalte sie nicht vor. Es kann manchmal
aus der Trägheit, der Verzweiflung, aus dem Tief heraushelfen, sodass man etwas verändern kann.

[01:08:02.890] – Bemerkung 9
Sie finden nicht, dass es längerfristig eine Lösung sein kann?

[01:08:08.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus meiner Sicht nicht, nein. Ich finde immer, dass man auch bei sich über die Bücher gehen kann und
schauen muss, was man verändern kann. Sonst ist es nur ein frisieren.

[01:08:12.390] – Bemerkung 10
Wir arbeiten zusammen und ich habe eine Anschlussfrage zu den Medikamenten. Das Beste ist, wenn
man einen Patienten mit ADHS, ADS hat, er nimmt Ritalin und es ist alles viel besser und es geht ihm
gut. Aber es gibt ja häufig auch die, die Ritalin oder Methylfenidat nehmen und es passiert nichts. Das ist
ein Frust. Was empfehlen sie dort, neben der Psychotherapie?

[01:08:45.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie gesagt, auch bei den ADHSlern und ADSlern schaue ich immer ihre Geschichte an. Je nachdem, wie
sie biologisch oder biochemisch, also wie sie abbauen usw. Teile reagieren nicht gut auf Stimulanzien, auf
Ritalin etc. Die sehr hyprigen werden oft zu hyprig, dass es sie fast verjagt. Dann sage ich Nein, nicht
nehmen. Die reagieren auch so auf die Antidepressive die stimulieren. Ich werde so. Bei ihnen sage ich
Nein, abstellen, nicht nehmen. Dann arbeite ich an ihrer Lebensgestaltung, Strukturierung, Umgang mit
den Eltern, Partner usw. Ich versuche saubere Arbeit im Beziehungssystem zu machen. Ich muss sie
immer dazu bringen, dass sie achtsam gegenüber sich selber sind. Dass sie sich nicht negieren und
unterdrücken. Ich muss ihnen das Recht geben, die Legitimation, dass sie für sich sorgen dürfen. Aus
ihrer Empathie und Sensibilität heraus haben sie ganz schnell die Tendenz sich anzupassen. Das raubt
Energie. Es geht bis zu einem gewissen Grad, aber macht sie nicht glücklich. Sie finden sich selber nicht.
Ich könnte sagen, ich habe eine Rolle von wohlwollenden Eltern. Ich hole die Pubertät mit ihnen nach.
Sie müssen sich mit mir auseinandersetzen können. Manchmal auch verrückt werden. Sie verstehen
überhaupt nichts. So wie man es mit einem Teenager hat. Aber wenn man das aushält und nicht von
ihnen geliebt werden muss, dann kommen sie weiter.

[01:10:57.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Das funktioniert nicht bei allen. Andere sagen auch, dass sie es nicht wollen, dass sie es alleine können
wollen. Dann sage ich, dass es okay ist. Ich zwinge niemandem ein Medikament auf, wenn er nicht will.

[01:11:21.780] – Bemerkung 11
Ich habe noch eine Folgenfrage zur Selbstfindung. Was kann ich gut, was macht mir Spass? Ich
beobachte bei mir häufig, dass ich mich sehr schnell für etwas begeistern kann. Meine Frage wäre, wie

kann ich herausfinden, was längerfristig etwas ist, was mir Freude macht und mich nicht nur kurzfristig
begeistert?

[01:12:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass es nicht nur ein Strohfeuer ist. Ich denke, da müssen sie sich immer wieder ein bisschen
zurückziehen, alleine sein, vielleicht ein bisschen träumen. Vielleicht hilft es auch, aufzuschreiben und
dann durchzuschauen, wofür man begeistert war und schauen ob man einen roten Faden findet. Man
lässt sich schnell in etwas reinziehen, wenn von aussen etwas kommt. Man kann sich für vieles
begeistern. Man muss sich immer wieder ein wenig zurücknehmen, um zu schauen, was ist eigentlich
mein Weg. Hier muss man sich immer wieder ein wenig zurücknehmen. Die einen machen Sport, andere
wandern, andere spielen ein Instrument. Man muss sich genügend Zeit nehmen, um sich selbst zu finden
um sich zu mitteln. Das wäre dann eben: Consulter votre Coeur. Da interpretiere ich Antoine de Saint-
Exupéry. Die Zeit muss man sich nehmen. Die gibt einem niemand. Es zwingt einem auch niemand dazu.
Die muss man sich immer wieder nehmen. Manchmal wird man krank. Wenn man etwas über die Schnur
gehauen hat. Dann wird man gezwungen zum Zeit haben. Da kann man sich dagegen wehren, dass man
nicht aktiv sein kann. Oder sagen, vielleicht brauche ich das jetzt. Dann diese Zeit, diese Muuse sich
nehmen. Macht das Sinn? Okay. Es ist keine verlorene Zeit, es ist gut investierte Zeit. In sich selbst Zeit
investieren ist sehr gut investierte Zeit. Nicht nur immer funktionieren, wie die anderen.

[01:13:47.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Weitere Fragen? Man braucht noch ein wenig Interaktion.

[01:14:00.000] – Bemerkung 12
Ich bin über den Begriff "Verliererkrankheit" gestolpert. Depression gleich Verliererkrankheit. Ich war der
Meinung wenn jemand depressiv ist, dann ist das eine Krankheit und dann kann er nichts dafür. Jetzt
kriege ich noch das Prädikat Verlierer.

[01:14:19.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Also Sie sagen, man ist an der Krankheit schuld. Früher hat man gesagt, man wird dann krank, wenn
man gesündigt hat. Gesündigt war gegen die Religion. Es ist ein religiöser, moralischer Begriff. Wir
Psychiater müssen amoralisch, nicht unmoralisch, amoralisch, also weg von jeder Moral beurteilen.
Darum verwende ich das Wort Schuld nicht. Aber ich weiss, man kann es so verstehen. Ich möchte
sagen, wenn ich sehe, dass meine Krankheit, meine Depression über dieses Muster entsteht, dann
bekomme ich eine Handhabung, um gegen meine Depression selbst etwas zu machen. Wenn ich gar
nicht weiss, wo sie her kommt, dann gehe ich zum Arzt und sage, dass ich depressiv bin und ein
Medikament brauche. Dann geht man in die Autowerkstatt und der Mechaniker soll etwas machen und
dann fährt das Auto wieder. Ich will die Leute eigentlich autorisieren, dass sie ihr Leben selbst verändern
können, sodass sie zufriedener sind und nicht einfach fremd verändern. Wenn ich einen Beinbruch habe
und ich brauche einen Schraube in meinen Knochen, das kann ich das nicht selbst machen. Dann muss
ich zur Chirurg. Aber bei psychiatrischen Leiden, wir Psychiater können eigentlich nichts nachhaltig
verändern bei einem Menschen, wenn nicht der Mensch auch selber mit sich, an sich mit uns arbeitet.
Also wir sind immer auf Kooperation des Gegenübers angewiesen. Von dort her sage ich, nein, man ist

nicht schuld, aber ich will den Menschen eine Handhabung geben, etwas in die Hand geben, dass sie
selber etwas verändern können und nicht einfach passiv als Opfer ihrem Leben und ihrem Partner und
der Gesellschaft und dem Vorgesetzten ausgeliefert sind.

[01:16:59.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eine unangenehme Situation. Ich weiss nicht, ob ich so ein wenig geantwortet habe. Ich sage
sogar bei der Schizophrenie, also ich bin auch spezialisiert auf Schizophrenie. Das ist die schwierigste
Krankheit in der Psychiatrie. Da sagen wir immer, wenn wir Ärzte nicht wissen, woher irgendetwas
kommt, sagen wir, dass es Endogen ist. Ich sage, nein, das kommt nicht einfach aus sich heraus. Das hat
auch immer eine lange Geschichte. Wenn ich den Patienten dann, wie soll ich sagen, Taktiken in die
Hand gebe, mit denen sie etwas verändern können, dann sind sie nicht so ausgeliefert. Auch bei den
Schizophrenen sage ich, wenn sie lernen, sich für sich selbst besser einzusetzen, sich auszudrücken und
nicht nur einfach gedanklich nach innen zu gehen, sondern aktiv ins Leben gehen, nach ihrem Stil, dann
brauchen sie weniger Medikamente. Das ist so. Sie brauchen noch immer Medikamente, um nicht zum
Dach raus zu fliegen, sie haben durchgedreht. Sie drehen durch, weil sie nur im Kopf immer drehen und
nichts in ihrem privaten Leben umsetzen. Ich will den Menschen autorisieren, dass er selbst etwas
ändern kann bei sich.

[01:18:30.000] – Bemerkung 13
Ich habe nur noch eine Ergänzung zu dieser Frage. Ich war am Samstag an diesem Workshop. Dort
haben Sie noch ein bisschen mehr über die Verliererkrankheit gesprochen. Dort habe ich es so
verstanden, dass wir einfach… Es heisst darum Verliererkrankheit, weil wir ständig in diesem Kampf, so
zu sein, wie die anderen uns haben wollen. Oder so zu sein, dass wir perfekt sind. Diesen Kampf
verlieren wir immer. Darum ist es die Verliererkrankheit.

[01:19:14.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist gut gesagt. Wenn wir uns immer anpassen wollen, so sein wollen wie die anderen sind,
Normotyp, oder ein anderer Typ, dann sind wir ständig Verlierer. Wenn wir uns aber erkennen und den
Mut haben zu uns zu stehen, dann sind wir keine Verlierer mehr. Dann sind wir am Anfang zum eigenen
Weg. Ja, Sie sagen das richtig. Das muss man zuerst erkennen. Man hat oft die Vorstellung, wie man
sein sollte, zu sehr internalisiert, dass man denkt, das sei man selber. Bis man sieht, dass man das gar
nicht ist, ich bin ja jemand anderes, das braucht eine gewisse Zeit. Eine gewisse Erkenntnis. Wie soll ich
sagen, da ist wieder das anhalten, eine gewisse Ruhe, dass man ein wenig schaut. Eine Reflexion.

[01:20:16.070] – Bemerkung 14
Also ich habe eigentlich mehr eine Ergänzung. Bei mir war es ganz anders. Also ich hatte ein Burnout auf
Grund von ADHS. Aber nicht, weil ich nicht zu mir selber gestanden bin, sondern weil ich daraus einen
Beruf gemacht habe, dass ich eben anders bin. Das so angekommen ist, dass man mich gepusht hat und
dass es immer weitergegangen ist. Also ich bin eigentlich in dem Sinn nicht zu mir selber gestanden bin,
im Sinn von Pause machen. Das hat jetzt, also ja, ich habe immer das Gefühl, das ist etwas, was man
auch nicht vergessen darf. Es kann auch in diese Richtung gehen. Man hat eine schnelle
Auffassungsgabe. Ich musste lernen, dass ich mich als Sprinter trainieren muss. Ich habe ein anderes

Training, wie jemand, der Marathon läuft. Ich habe das Gefühl, vielleicht war es schon die Gesellschaft,
aber man mich auf der Geschwindigkeit eines Sprinters zu einem Marathonläufer machen wollen. Oder
ich mich selbst. Es hat die ganze Zeit geheissen, man muss zu sich selber stehen und zu seiner
Individualität. Ich glaube, das ist sehr wichtig. Ich wurde in meiner Kindheit sicher unterstützt. Bei mir ging
es auf die andere Seite los. Man hat es gesehen, man konnte es machen und hat es weitergemacht.

[01:21:55.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sagen sie seien eigentlich ein Sprinter und man wollten aus ihnen einen Marathonläufer machen?

[01:22:02.880] – Bemerkung 14
Ich glaube, in der Gesellschaft ist man eher ein Marathonlaufer, weil man die Konstanz, die Disziplin hat.
Aber die ausserordentliche Leistung die man ab und zu bringen muss. Sprinter rennen Sekunden und
dann machen sie zwei Monate eine Pause. Der Marathon läuft der rennt und rennt und rennt in einer
ganz anderen Geschwindigkeit.

[01:22:26.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist so.

[01:22:26.740] – Bemerkung 14
Ich habe das Gefühl, dass die Gesellschaft das Gefühl hat, die Disziplin, das Durchhaltevermögen muss
man auch als Sprinter haben, im Training. Man darf nicht einen Marathon Trainer haben für den Sprinter,
denn das gibt dann ein Burnout.

[01:22:48.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist etwas ganz Wichtiges. Ich sage ADHSler haben oft viele und bestimmte Fähigkeiten und sie
lassen sich dann ausbeuten. Es ist nicht so, dass es gegen ihre Natur ist, aber es entspricht doch nicht
genau dem, was ihnen entsprochen hat. Das stimmt, man will aus einem Menschen Roboter machen,
die, die Tag und Nacht laufen. Wenn man jemanden ist, der über kurze Zeit eine Hochleistung bringen
kann, dann braucht er wieder Ruhe. Dann darf man nicht dauernd laufen lassen

[01:23:25.470] – Bemerkung 14
Ich glaube, das wird von der Gesellschaft oft, die Hochleistung wird dann für normal angeschaut. Ist es
eben nicht. Auch für einen Sprinter nicht. Normal ist es 10 Sekunden und danach macht er es nicht mehr.
Für mich war das eine Challenge. Ich musste lernen, dass ich ein Sprinter bin und dann zwei Monate
nichts machen darf. Sonst kommt es nicht gut.

[01:23:54.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, man muss seinen Typ, und ich sage auch seine Grenzen kennenlernen. Man wurde nicht unbedingt
zu dem anderen gedrückt, aber es hat einem so mitgezogen. Der Trainer hat einen, wie Sie gesagt

haben, falsch trainiert. Da muss man auch wieder seinen Typen erkennen und zu dem stehen und sagen,
nein, das kann ich nicht oder das ist nicht gut für mich. Ich muss das machen.

[01:24:23.340] – Bemerkung 14
Aber ich glaube, der Trainer kann man auch selbst sein.

[01:24:25.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, klar. Sie haben recht. Ich denke, es gibt noch viele ADHSler, die dann mit einem Burnout kommen.
Sie haben an sich eine Arbeit gemacht, die sie gerne machen, haben dort viel geleistet und immer noch
etwas dazu, und auf einmal haben sie ein Burnout. Da müssen sie auch wieder lernen sich zu
strukturieren, Grenzen setzen, sagen "Nein, jetzt reicht es, so ist es genug für mich". So wie man sich
nicht überessen darf. Man muss sein Mass finden und das ist nicht immer so einfach. Manchmal erst über
ein Burnout.

[01:25:09.770] – Bemerkung 15
Eigentlich ein sprintender Marathonläufer. Ein Marathonräufer, der 40 Kilometer sprintet.

[01:25:19.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Das geht nicht. Das führt zu einer Ausbeutung.

[01:25:26.750] – Bemerkung 16
Das ist ein interessanter Aspekt, den sie eingebracht haben. Meine Ärztin hat mir erst kürzlich gesagt, in
den 30 Jahren, in denen sie als Psychiaterin arbeitet, wir sagen zwar in der Theorie, dass grundsätzlich
jeder ein Burnout haben kann, aber jeder, der sie in ihrer 40jährigen Karriere getroffen hat, sie hat sich
spezialisiert auf Autismus und ADHS, jeder, der zu ihr gekommen ist und ein Burnout hatte, ist ein
ADHSler. Ist es dann nicht vielleicht auch so, dass man sagen kann, ganz viele ADHSler haben gar nicht
eine Depression, sondern vielmehr ein Burnout. Einfach aus der Überforderung vom ständig neu
begeistert zu sein, die fehlende Spannung, die man halten kann, dass dann alles zu viel ist und man in
sich zusammenbricht, wie implodiert und einfach nur noch da ist und eigentlich von Morgen bis abends
im Bett liegt und keine Ahnung hat, wer und was genau ist und was man macht.

[01:26:20.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, die ADHDsler unterliegen eher der Gefahr, in ein Burnout hineinzulaufen. Für mich ist Burnout
und Depression das Gleiche. Vom Hirn her ist es derselbe Zustand. Man hat einfach wieder einen neuen
Namen gefunden. Beim Burnout bringt man es in den Zusammenhang mit "Ich habe zu viel gearbeitet, zu
viel gemacht, ich habe keine Pause mehr gemacht." Man bringt es mit der Arbeit oder seiner
Lebenssituation in den Zusammenhang. Wenn man Depression sagt, bringt man es oft mit nichts in den
Zusammenhang. Aber bei allen Depressiven sehe ich vorne dran, wie sie sich ausgebeutet haben.

[01:27:04.480] – Dr.med. Ursula Davatz

ADHSler mit der Empathie, mit der Leistungsfähigkeit, mit der Sensitivität laufen eher die Gefahr, in ein
Burnout zu kommen. Es gibt Studien, bei denen man verschiedene psychiatrische Diagnosen untersucht
hat und Genloki angeschaut hat und dann ist das ADHS dabei. ADHS, Schizophrenie, bipolare Störung,
schwere Depression haben alle einen ähnlichen veränderten Genlokus. Ich sage es ist immer das ADHS.
Das zeigt schon, dass ADHSler eher in eine Depression hineinlaufen können. Eben wegen ihren
Eigenschaften. Darum müssen sie lernen, Grenzen zu ziehen, für sich zu sorgen, Anspannund und
Entspannung und nicht nur in der Spannung bleiben.

[01:28:09.110] – Bemerkung 17
Meine Frage basiert auf der Lebensfindung. Ich habe gestern eine Dokumentation geschaut, zur grossen
Depression, zur Finanzkrise der 1920er Jahre. In dieser Szene zeigte sie die Geschichte eines
Schulpolierers, der die Schuhe der Banker an der Börse polierte. Er hat im Gespräch so viel von diesen
Bankern gelernt, dass er letztendlich auch ein sehr erfolgreicher Börsenbanker wurde. ad dachte ich mir,
wow, das war ja früher so möglich, unglaublich, dass es früher so viele Möglichkeiten gab, so queere
Wege zu machen, die man heute eigentlich gar nicht mehr so machen kann. Nach solchen Sachen
suchen wir ja auch sehr oft. Ich merke, wenn man die heutige Welt anschaut im Vergleich zur Welt von
100 Jahren oder was auch immer, es ist alles viel mehr strukturiert. Die Wege sind schon vorgegeben, sie
sind einbetoniert. Es gibt zwar viel, viel mehr Wege, weil irgendwie hat man das Gefühl hat, für alle
müsste man einen speziellen Weg finden. Aber der ist immer vorgegeben. Es hat gar keine Spannweite,
um selbst etwas zu entdecken, um sich selbst etwas zusammen zu basteln. Man braucht immer ein
Papier für alles Mögliche. Jetzt sieht es so aus, als ob wir zwar so viele Informationen haben, alles ist
klar, wir haben das Internet, wir können alles Mögliche sehen, wir können praktisch alle möglichen Wege
anschauen. Aber das nimmt eben unseren Entdeckungsdrang weg, uns selber etwas zu basteln. Das ist
wie nicht mehr so wirklich möglich. Meine Frage ist, wie geht man damit um? Ist das so ein grosses
Problem?

[01:29:54.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir wieder den ADHSler anschauen, er/sie hat eine fehlende Filterfunktion. Von dort her ist die
heutige Welt noch gefährlich, also schwierig für den ADHSler. Man kann alles reinnehmen und überall
gibt es Wege. Man ist dann so verwirrt, dass man gar nicht mehr weiss, wo man durchgehen soll. Sie
sagen, alle Wege seien vorgebahnt. Es gibt aber immer noch Möglichkeiten, etwas Neues zu machen.
Einen kreativen, neuen Weg gehen. Da muss man sich zurücknehmen und sich selbst versässigen.
Philosophieren, reinschauen und dann kommen ja immer wieder neue Sachen heraus. Scham heisst ja,
man grenzt sich etwas ab und versucht sich innerhalb dieses Bereiches zu verändern. Es ist schwieriger,
man ist so leicht abgelenkt von all dem. Es ist nicht so, dass schon alles erfunden ist. Man kann sicher
noch viel Neues erfinden. Es ist schon viel da. Aber man kann sich auf etwas fokussieren und dann dort
noch mehr herausfinden. Aber man darf sich nicht dauernd ablenken lassen. In diesem Sinne sage ich
dann auch immer, man kann nicht alles. Man muss sich fokussieren. Es gibt viele Dinge, die einen am
meisten anziehen. Aber es ist viel Ablenkung da. Man meint, es sei schon alles da. Gerade mit dem
Internet. Wenn die Leute ins Internet gehen, wird rumgesurft und am Schluss landet man irgendwo. Da
muss man auch wieder einmal weg und schauen, an was ich eigentlich arbeiten möchte. Was interessiert
mich?

[01:32:00.340] – Bemerkung 17
Ich meine nicht, dass es nicht mehr so viele Dinge zum Erfinden gibt. Das Problem ist, dass es nicht so
viele Wege gibt, wo man sein Leben selbst erfinden kann. Das ist eben die Herausforderung. Es ist viel
schwieriger heutzutage, einen queeren Weg zu nehmen. Ganz viele queere Wege sind heute verboten.
Man lernt die und die Person in der Geschichte hat das so und so gemacht. Heute geht das überhaupt
nicht. Das geht ja gar nicht, der hat ja gar nicht das Richtige studiert. Wieso wird jetzt der Ingenieur zum
Manager und bla bla bla. Das macht es schwierig. Das ist der Hauptpunkt.

[01:32:35.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum sagen viele ADHSler, ich will ein eigenes Geschäft. Ich will meinen eigenen Betrieb. Dann kann
ich den Weg gehen, der für mich stimmt. Wenn man in eine grosse Firma geht, ist vieles vorgespurt. Das
ist so. Da muss wissen, verdient man vielleicht eher ein bisschen weniger, bastelt etwas selber. Wenn
man Glück hat, wird man noch reicher als die anderen. Wenn nicht, dann ist man vielleicht nur zufrieden,
aber nicht so reich. Also in diesen grossen Firmen ist man schon sehr eingespurt. Aber auch dort gibt es
wieder Momente, wo man sagen kann: Nein, ich will es nicht so.

[01:33:17.960] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Medizin ist es auch so, man muss immer weitergehen und rauf und weiss ich nicht was. Dann
muss man den Ärzten auch sagen, dass sie auch noch für sich selber und für ihre Familie schauen. Dass
man sagt, nein, das kann ich nicht verantworten. Die Firma geht nicht bankrott, wenn sie nicht noch das
Bisschen mehr verdient oder mehr vorwärtskommt. Da muss man sich dann auch wieder behaupten. Ich
gehe so weit, dass ich sage, nicht über meine Leiche. Ich kann es nicht verantworten, jetzt das noch zu
machen. Das ist verantwortungslos vom menschlichen Standpunkt her. Ich wünsche Ihnen nur Mut, zum
Mut raten und zu Zivilcourage. Wenn man es anständig sagt, korrekt, ohne dass man seinen Chef oben
runterholt, dann wird man in der Regel auch gehört.

[01:34:32.270] – Bemerkung 18
Ich habe noch eine Frage zu dem, worüber wir gerade gesprochen haben. Es ist schwierig. Wir ADHSler
kommen manchmal nicht so klar mit dieser Struktur einer grösseren Firma und finden, dass wir etwas
eigenes machen müssen. Ich bin zum Beispiel jemand, der immer wieder eine Idee hat und manchmal
das Gefühl hat, ob man dem nachgehen soll oder nicht. Ich finde es manchmal schwierig, weil man dann
so schwenkt zwischen etwas eigenes zu machen und sich zu verwirklichen, aber gleichzeitig auch man
möchte ja eine gewisse Sicherheit haben. Die Wohnung muss gezahlt sein und in welche Richtung man
gehen soll, wie findet man irgendwie heraus, welche Richtung man einschlagen soll, auch das Risiko
einzuschätzen, finde ich schwierig.

[01:35:38.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das ist schwierig. Ich denke, das ist immer wieder ein Abwägen. Es kommt darauf an, was für eine
Vorgesetzte sie haben. Was verträgt diese an Eigenständigkeit von ihnen, wenn sie Untergebene sind?
Was verträgt die Firma, was geht in diesem System? Da sind sie dann zwischen sich durchsetzen als
Individuum in dieser Firma und sich der Kultur anzupassen. Wenn die Kultur dieser Firma ihnen total

gegen den Strich geht, dann ist es zum Überlegen, muss ich eine Kultur finden, die mir mehr entspricht,
gibt es die überhaupt? Das weiss ich auch nicht. Gewisse machen dann selber etwas. Es ist immer ein
Abwägen. Es ist nicht einfach. Man muss das immer analysieren. Dann sage ich dann auch meine
Meinung. Ich sehe es jetzt so, aber die betreffende Person muss immer noch selber entscheiden und
dann natürlich auch die Verantwortung tragen. Das ist ein Abwägen. Schwierig. Balanceakt.

[01:36:50.320] – Bemerkung 19
Als Tipp von jemandem der ein paar Jahre Berufserfahrung hat. Es ist nicht so, dass die Wege
vorgegeben sind. Man kann als ADHSler auch mit einem Querdenken oder mit gewissen Qualitäten, die
man hat, durchaus beitragen. Es wird auch geschätzt, wenn man out of the box denkt. Es ist nicht so,
dass man sich von der Herde abtrennen muss und völlig individualistisch sein und etwas eigene machen
oder sich an einer grossen Firma unterzuordnen. In grösseren Kontexten kann man vieles "out of the box"
denken. das ist eine Qualität, die sehr typisch ist. Darum will ich zum Mut machen, dass diese Qualitäten
durchaus geschätzt werden können. Wenn man es, wie sie schon gesagt haben, lernt mit ihnen
umzugehen und sie auch als Stärke einzusetzen. Ich bezweifle, dass es vor 100 Jahren einfacher
gewesen ist, plötzlich an der Börse zu sein. Ich glaube, die Welt ist immer noch recht komplex. Im
Gegenteil, wir haben grosse Umwälzungen. Es braucht neue Ideen, wie man Dinge löst. Wir stehen vor
grossen Problemen und Forderungen. Ich glaube Kreativität braucht es immer noch. Das zu anerkennen
und Menschen mit mit ADHS, Querdenken können vieles beitragen. Einfach auch zum Mut machen.

[01:38:55.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Das finde ich ein sehr schönes Plädoyer zum Schluss. Das können wir nur unterstützen. Sie haben
absolut recht. Es gibt genügend Platz für das Querdenken. Man muss es einfach gut einbringen, nicht
verzagen und immer wieder einbringen. Es gibt einen, der ist jetzt verstorben. Edward de Bono, “Six
Thinking Hats”. Er hat das Denken der verschiedenen Hüte. Da gehört das Querdenken, das kreative
Denken dazu. Die Menschheit braucht das, es bringt die Menschheit weiter. Von dort her ist es toll, dass
sie für das eintreten. Okay, ich hoffe, Sie können etwas davon mitnehmen. Ich wünsche Ihnen viel Mut,
viel Geduld mit sich selber und auch mit Ihrem Umfeld, dass Sie da sich weiterentwickeln, lernen können
und die anderen auch von Ihnen lernen.