Ablösungsprobleme aus der Drei-Generationenperspektive
Vortrag SGPP-Kongress
Congress Center Basel, Messplatz 21, 4058 Basel
PS02-0, Raum: Nairobi
Vortrag Anhören:
Transkript
Dr.med. Ursula Davatz
20.03.2007
Ablösungsprobleme aus der Drei-Generationen-Perspektive
Audio
[00:00:00.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich möchte mich ganz schnell zuerst vorstellen zu meiner Person.
[00:00:05.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin Mutter von drei Kindern, Grossmutter von fünf Grosskinder. Ich habe
Familientherapie in Amerika gelernt, bei Murray Bowen. Ich bin eine Bowinian.
[00:00:15.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Als das Tagungsthema herausgekommen ist, habe ich mich natürlich riesig gefreut.
[00:00:24.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Drei-Generationen-Problem, die psychische Krankheit aus dem Drei-Generationen-
Problem oder der Situation zu betrachten, ist mein ständiges Handwerk, mein tägliches
Leben, meine Faszination und meine Berufung.
[00:00:43.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe als Thema die Pubertät oder die Adoleszenz gewählt.
[00:00:47.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe gehört, man unterscheidet: die Pubertät ist körperlich und Adoleszenz ist
mental.
[00:00:53.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich mache es nicht so unterschiedlich, ich verwende die beiden Worte.
[00:00:58.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Pubertät ist eine ganz natürliche Krise.
[00:01:03.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Geburt ist auch eine natürliche Krise.
[00:01:06.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe 20 Jahre lang Mütterberaterinnen supervidiert, um diese natürliche Krise gut
aufzufangen.
[00:01:07.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist ein Übergang vom Kindsein zum Erwachsen werden.
[00:01:26.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute Morgen haben wir einen Vortrag gehört über Autonomie.
[00:01:30.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Während der Pubertät wechselt das Kind langsam natürlich in die Pubertät – die
Pubertät wird auch immer mehr verlängert – vom abhängigen Status, von den Eltern,
zum autonomen Status eines Erwachsenen.
[00:01:45.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir das Video angeschaut haben, da waren die nebeneinander gesessen.
[00:01:50.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind hat irgendetwas zu essen gehabt, die Mutter hat es ihm weggenommen.
[00:01:54.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Da würde ich sagen, sie hat dem Kind die Autonomie eingeschränkt.
[00:01:58.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Das passiert natürlich auch in der Pubertät.
[00:02:00.480] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Pubertät wird das dann noch viel schlimmer.
[00:02:03.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei kleinen Kindern ist das nicht ganz so schlimm.
[00:02:05.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kommt auf das Wesen der Kinder an.
[00:02:11.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Neuropsychologie und die Neurologie ist heute in großer Mode und man weiß
heutzutage, dass das Gehirn während der Pubertät umgebaut wird und eine ganz große
Plastizität in sich hat.
[00:02:28.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heißt, während der Pubertät kann sehr vieles schief laufen.
[00:02:33.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir schauen, wann die psychischen Krankheiten auftreten, ist das auch in der
Pubertät.
[00:02:41.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Sämtliche Krankheiten können dort auftreten: Angst, Essstörungen,
Zwangskrankheiten, Schizophrenie, manisch depressiv etc.
[00:02:54.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle Krankheiten die sie kennen, können in der Pubertät ihren Beginn nehmen und dann
wird es schwierig.
[00:03:03.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kommen wir als Helfer rein.
[00:03:07.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich mache einen Exkurs in die Wissenschaft.
[00:03:13.110] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Wissenschaft wurde immer Nature versus Nature diskutiert.
[00:03:18.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heißt Natur, Genetik versus Umfeld.
[00:03:22.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Zur Zeit der Familientherapie und ich bin eine Schülerin von Murray Bowen, er war
einer der ersten Familientherapeuten.
[00:03:32.097] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Murray_Bowen
[00:03:38.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Seit den 1980er und 1990er Jahren hat das Pendel wieder umgeschlagen zur Seite
Natur.
[00:03:45.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Seit das menschliche Genom entschlüsselt werden konnte, geht die Mode wahnsinnig
in diese Richtung, dort muss Forschung betrieben werden.
[00:03:58.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gehirn wird schon während der Schwangerschaft beeinflusst und natürlich auch in
der frühkindlichen Phase, durch das Umfeld, also durch die Mutter und das übrige
Umfeld.
[00:04:15.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Das nennt man Epigenetik.
[00:04:17.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit dieser Beeinflussung in den Schwangerschaftsmonaten und in den ersten drei
Jahren hört die Epigenetik nicht auf.
[00:04:26.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Die geht weiter. In der Pubertät findet ein ganz wichtiger, aus meiner Sicht wichtiger
epigenetische Prozess statt über die Interaktion zwischen Kind und Umfeld.
[00:04:41.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Was das Kind anbetrifft und seine genetischen Veranlagungen, habe ich mich sehr
interessiert, schon seit 30 Jahren für das ADHS/ADS.
[00:04:53.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher nannte man das POS oder NBD.
[00:04:53.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Es hat immer wieder neue Namen bekommen.
[00:04:53.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Man unterteilt in ADHS, mit Hyperkinese, wo die ganze Motorik dabei ist und ADS. Die
ADS Menschen sind impulsiv nach innen.
[00:05:14.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ADHSler sind eher extrovertierte Typen und die ADSler können in Richtung
introvertierte Typen gehen.
[00:05:25.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Muss nicht sein.
[00:05:27.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir die Gen-Umfeld-Interaktion anschauen wollen und wie sie sich auswirken
kann auf die genetische Performance, also dann den Phänotyp, dann kann die
Erziehung der Eltern gut zum Genotyp des Kindes passen oder sie kann schlecht
passen.
[00:05:50.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir zum Beispiel ein überaktives, sehr exploratives Kind haben und die Mutter ist
ängstlich und schränkt es ständig ein, dann holt sie es zurück, dann bindet sie es so
zurück, dass die ganze Aktivität nach innen kommt.
[00:06:05.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Das habe ich in meinem Buch beschrieben: ADHS und Schizophrenie.
[00:06:08.870] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.somedia-buchverlag.ch/gesamtverzeichnis/deadhs-und-schizophrenie/
[00:06:08.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kann zur emotionalen inneren Monsterwelle kommen, die das ganze System, also
das kognitive System, das Gehirn Zusammenbrechen lässt, mindestens auf der
höheren kognitiven Ebene.
[00:06:26.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kann auch eine andere Krankheit entstehen, zum Beispiel Delinquenz.
[00:06:32.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man bei den Gefängnisinsassen nachschaut, dann sieht man, dass da
überdurchschnittlich stark die ADHS Kinder repräsentiert sind.
[00:06:43.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde sagen, bei der Autismus Spektrum Disease oder Asperger, ich habe ein
dickes Buch von einem Journalisten gelesen, da findet man eher die ADS Kinder.
[00:06:54.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Meine Erfahrungen stammen nur aus der Klinik, aus vielen Fällen. Ich sehe sie zum Teil
über 20 Jahre.
[00:07:03.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe manchmal drei Generationen, das ist schon die jüngere Generation wieder
sehen kann, wenn die Kinder bekommen.
[00:07:12.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt die sogenannte Cross Disorder Studie.
[00:07:15.890] – Dr.med. Ursula Davatz
In dieser Studie hat man herausgefunden, dass ADHS/ADS, Schizophrenie. manisch-
depressiv, schwere Depression und Autismus alle den gleichen Genlocus haben,
welcher verändert ist.
[00:07:35.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ADHS/ADS hat die größte Performanz, ca. 30%.
[00:07:40.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Schizophrenie und manisch-depressiv nur 25%.
[00:07:47.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ADHS/ADS ist bis jetzt der einzige genetisch bestimmbare Persönlichkeitstyp, der
sich auswirken kann, der vulnerabel ist und sich als Vulnerabilität in der Interaktion mit
dem Umfeld, wenn das Umfeld nicht dazu passt, dann zu verschiedenen
Krankheitsbildern führen kann.
[00:08:16.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus diesem Grunde, weil so viele Krankheitsbilder während der Pubertät zum Ersten
Mal auftreten, ist es für mich absolut wichtig und essenziell, dass man da die Eltern
unterstützt, wenn sie ins Abseits laufen.
[00:08:31.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann das Kind eine psychische Krankheit entwickeln.
[00:08:38.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt schwenke ich zurück zu unserer Berufswelt.
[00:08:43.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe viele Teenager behandelt, obwohl ich Erwachsenen Psychiaterin bin.
[00:08:49.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Familientherapeutin darf ich das.
[00:08:53.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich wurde zwar zum Teil kritisiert von den Kinderpsychiatern.
[00:08:56.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe immer Familien mit Kinder. Die Kinder sind mir nicht egal.
[00:09:01.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn der elterliche Erziehungsstil ganz schlecht zum Genotyp, zum Persönlichkeitstyp
des Kindes passt, dann muss ich da Korrekturen anbringen, denn sonst läuft das Kind
während der Pubertät ins Offside.
[00:09:26.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir Psychiater mit unseren Diagnosen dann dazu kommen, dann höre ich immer
wieder den Spruch: der Jugendliche hat noch keine Krankheitseinsicht.
[00:09:41.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Da stehen mir alle Haare zu Berge.
[00:09:43.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Was verlange ich von diesem Jugendlichen?
[00:09:46.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich verlange von ihm, dass er sich meinen Krankheitsbildern anpasst, meiner
Vorstellung der Krankheit.
[00:09:54.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben gestern die Filme von der Pro Mente Sana gesehen. Früher habe ich viel mit
der Pro Mente Sana zusammengearbeitet.
[00:09:58.430] – Dr.med. Ursula Davatz
https://promentesana.ch/
[00:10:04.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Die 20-jährige hat gesagt: die Diagnose hat mir gar nichts gebracht. Ich hätte viel lieber
gehabt, dass man mich genauer gefragt hätte: was war denn da? Was ist da passiert?
[00:10:05.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist die narrative Rekonstruktion.
[00:10:20.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Das mache ich täglich.
[00:10:21.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Das würde denen besser helfen.
[00:10:26.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Einer hat gefragt: welche Interaktionen zwischen Umfeld und meiner Krankheit spielen
eine Rolle?
[00:10:41.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich lege mein Hauptgewicht auf die Interaktion mit dem Umfeld: das elterliche Umfeld,
das familiäre Umfeld, das Schulumfeld.
[00:10:58.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe sehr viel mit Schulen zu tun, mit Lehrern, die überhaupt nicht umgehen
können, mit unseren "schwierigen" ADHS/ADS Kinder.
[00:11:07.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Es braucht oft viel Arbeit, um das Ganze wieder auf eine gute Bahn zu bringen.
[00:11:18.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe keine Videos, aber ich habe ein paar kurze Geschichten.
[00:11:25.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich vom Zusammenhang zwischen ADHS/ADS und der psychischen
Folgekrankheit spreche, dann rede ich jetzt nur von ein paar Familien.
[00:11:35.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte einen Schizophrenie Patienten, der unterdessen an MS gestorben ist.
[00:11:42.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Zwei Geschwister von dem hatten noch eine Schizophrenie.
[00:11:46.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Älteste, weleche immer für die ganze Familie gesorgt hat, es acht Kinder, die ist
jetzt zu mir in Therapie gekommen.
[00:11:53.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie ist ganz klar eine Erwachsene mit ADHS/ADS.
[00:11:58.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Etwas aus der Biografie.
[00:12:00.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Vater war ein uneheliches Kind, ein Verdingkind, sicher nicht sehr stark. Die Mutter
war ständig depressiv.
[00:12:09.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Mein Patient wollte nicht in die Schule gehen, weil er für die Mutter schauen musste, die
konnte er nicht alleine zu Hause lassen.
[00:12:21.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Da bin ich natürlich zu spät gekommen.
[00:12:24.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Patient war schon voll mit der Diagnose Schizophrenie behaftet. Ich konnte nicht
mehr viel anrichten.
[00:12:24.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist interessant. Ich begleite immer noch die ältere Schwester. Die bringt mir auch
andere schwierige Familien in die Therapie. Ich kann lernen aus dieser Familie.
[00:12:35.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine andere Familie aus dem Kosovo. Die Frau ist auch eine Schizophrenie-Patientin.
Ihr Bruder hat auch eine Schizophrenie, lebt in Schweden. Die sind nach Hause
gegangen, vor kurzem in den Sommerferien.
[00:13:08.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Vom Vater sagen sie, dass er jähzornig ist.
[00:13:12.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn immer ich Jähzorn höre in der Biographie, dann denke das klingt nach
männlichem ADHS/ADS.
[00:13:13.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Männer leben ihr ADHS/ADS mehr aus, die Mädchen leben ihr ADHS/ADS mehr
nach innen.
[00:13:19.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Hormone spielen eine Rolle, das männliche und das weibliche Gehirn spielen eine
Rolle.
[00:13:27.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie ist den Vater besuchen gegangen. Der Vater ist schon so alt, dass er mit seinem
Jähzorn keine grosse Wirkung mehr hat. Er ist immer noch schwierig. Seine Tochter hat
immer noch Angst vor ihm. Etwas weniger, weil er jetzt so alt ist.
[00:13:46.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sagt: eigentlich habe ich auch das Temperament von meinem Vater, aber ich
behalte es nach innen. Wir sind so streng erzogen worden vom Vater so
eingeschüchtert worden, dass wir das gar nicht ausleben durften.
[00:14:04.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier sehe ich mich in meiner Theorie bestätigt.
[00:14:05.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine dritte Geschichte. Das war ein eine Gymnasiastin im zweitletzten Jahr vor der
Matur. Sie Familie hat mir gesagt: wir sind alles ADHS/ADSler, wir haben ein ganz
anderes Programm, wir sind Nachtmenschen.
[00:14:20.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mutter ist mit dieser Tochter gekommen und hat um Hilfe gebeten, weil das Kind
während zwei Wochen nicht mehr in die Schule gegangen ist.
[00:14:40.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie war hochintelligent und hat Schulverweigerung gemacht.
[00:14:50.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte eine türkische Tochter, die hat auch Schulverweigerung gemacht.
[00:14:58.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei Schulverweigerung verwende ich einen Elternteil, in der Regel den Vater, damit er
mit dem Kind zwei Wochen lang in die Schule geht, jeden Morgen, aufstehen und in die
Schule bringen.
[00:14:58.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind darf wieder nach Hause gehen, wenn es genug davon hat.
[00:15:17.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal war der Unterricht langweilig und sie hat es nicht ausgehalten.
[00:15:26.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Lehrer waren sehr erstaunt und entsetzt, absolut unpädagogisch, das macht man
doch nicht. Ich habe es trotzdem durchgezogen.
[00:15:31.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Jugendliche ist wieder in die Schule gegangen. Sie hat ab und zu noch gefehlt oder
ist nach Hause gegangen, wenn sie es nicht ausgehalten hat.
[00:15:39.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie ist zum Teil fast verzappelt, so unruhig war sie.
[00:16:06.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Lager gab es noch eine Krise. Sie fand, dass sie Lehrerin ungerecht war mit den
anderen Kolleginnen. Dort hat sie sich wieder zur Wehr gesetzt.
[00:16:06.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hat die Matur gemacht. Sie hat begonnen Mathematik zu studieren. Jetzt doktoriert
sie. Das hätte auch anders gehen können.
[00:16:17.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hätte sie auch hospitalisieren können, solche habe ich auch.
[00:16:28.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann wäre dieses Schicksal ganz anders gelaufen.
[00:16:28.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben auch über Prävention gesprochen.
[00:16:35.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt noch viele Möglichkeiten, präventiv anzusetzen, ressourcenorientiert das Umfeld
stärken, dem Umfeld etwas beibringen, dass es besser umgehen kann mit den
Teenagern.
[00:16:43.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Teenager sind sehr schwierig, auch für uns Therapeuten.
[00:16:47.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Teenagern gilt so wie fast bei niemand anderem: You never have a second
chance to make a first impression.
[00:16:55.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kommt nicht an sie ran, wenn man es nicht von Anfang an gut macht mit ihnen.
[00:17:00.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht nicht um Diagnose und wie geht es dir?
[00:17:02.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss irgendwie den Kontakt zu ihnen finden. Dann kann man sie handhaben.
[00:17:02.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Solche Teenager besuchen einem dann auch, stellen einem ihre Braut vor, oder was
auch immer.
[00:17:07.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann sie gut begleiten.
[00:17:12.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie als Kliniker und Forscher müssen viel mehr Fokus auf Persönlichkeits-Umfeld-
Interaktion legen.
[00:17:34.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht nur im Uterus und nicht nur in den ersten drei Jahren, sondern während der
ganzen Entwicklungsphase und danach.
[00:17:49.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Pubertät ist die Schwelle zum erwachsenen, autonomen Leben.
[00:17:59.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben alle etwas an uns, das noch nicht ganz erwachsen ist. Murray Bowen nannte
das: unresolved attachment.
[00:18:12.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Die erwachsenen Patienten erleben und agieren Teile ihrer Pubertät häufig noch an
ihren erwachsenen Therapeuten aus. Da müssen wir stark genau sein, das
auszuhalten.
[00:18:28.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Es hilft ihnen weitere Schritte zum Erwachsen werden zu machen.
[00:18:29.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Da dürfen wir nicht mit Erziehung im Sinne von "falsch" und "richtig" rein kommen.
[00:18:35.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Den Leitspruch von Jesper Juul in der Pubertät lautet: Man darf nicht mehr erziehen.
Man muss nur noch Beziehung pflegen und man muss sich auseinandersetzen und
zwar authentisch auseinandersetzen mit den Jugendlichen und mit unseren
Erwachsenen, die sich zum Teil wie pubertierende Jugendliche benehmen.
[00:19:01.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe einige davon.
[00:19:02.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit denen muss man sich authentisch auseinandersetzen.
[00:19:06.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf Augenhöhe ohne jegliche kritische, beurteilende, eingliedernde, ordnende,
kritisierende, von oben herab Haltung.
[00:19:31.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir dürfen keine autoritäre Haltung haben, es muss auf Augenhöhe sein.
[00:19:35.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre so mein Anliegen. Ich hoffe, Sie können etwas davon mitnehmen.
[00:19:58.740] – Bemerkung 1
Sie haben eine introvertierte Mutter und ein extrovertiertes Kind. Die können sich
gegenseitig die Spitzen nehmen. Sie Veränderung der auch pubertierenden Mutter ist
nicht so einfach. Es gibt auch einen Moment in dieser Nichtpassung, die ganz gesund
ist, gerade bei einem ADHS/ADS Kind.
[00:20:33.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, die ergänzen sich gut. Das kann sehr hilfreich sein. Das passt aber dann wieder für
mich.
[00:20:42.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Passung heißt nicht gleich sein.
[00:20:45.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Passung heißt es kann gut miteinander kommunizieren.
[00:20:49.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir zwei ADHSler haben, der Vater ist eines, die Mutter auch und der Sohn, dann
gibt es Krieg und dann geht alles auseinander.
[00:20:59.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Solche habe ich natürlich auch, da fliegt dann alles auseinander.
[00:21:02.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Da wäre es sehr hilfreich, wenn man so jemand introvertiertes hätte, der langsamer ist,
ruhig überlegt, das wäre Ergänzung.
Ablösung vom Elternhaus
Volljährig aber finanziell abhängig
Dr. med. Ursula Davatz
Einleitung
Es gibt das Sprichwort: «Wer zahlt befiehlt!»
Dies bedeutet, dass die Eltern auf den von ihnen finanziell abhängigen
Jugendlichen zwar erzieherischen Druck ausüben können, politisch aber
ist er volljährig und verfügt über das gleiche Stimmrecht und die gleiche
Verantwortung wie seine Eltern. Er kann das politische Geschehen in
gleichem Masse mitbestimmen. Politisch wird er als mündig angesehen,
in seinen privaten Entscheidungen wird er jedoch bevormundet, solange
ihn die Eltern unterstützen. Ein soziales Paradoxon.
Ablösung vom Elternhaus
– Die Ablösung vom Elternhaus ist die wichtigste Entwicklungsphase
eines Menschen für seine Persönlichkeitsbildung.
– Sie verläuft niemals ohne Ablösungskonflikt zwischen Eltern und
Jugendlichem.
– Die Aufgabe des Jugendlichen ist es, sein Autonomiestreben, sein
Autonomiebedürfnis durchzusetzen, damit er den grossen Sprung
in die Unabhängigkeit und Selbständigkeit schaffen und sich im
täglichen Leben durchzusetzen vermag.
– Die Aufgabe der Eltern ist es, von ihrer Machtposition zurückzu-
treten und loszulassen, ihren Mutter- und Vaterinstinkt zurückzu-
nehmen.
– Die Interaktion im Familiensystem muss von der Erziehung zur So-
zialisierung wechseln.
– Dies bedeutet, dass die Eltern nicht mehr einfach befehlen können
und die Kinder zu gehorchen haben.
– Die Eltern müssen viel mehr lernen, einen klaren Standpunkt ein-
zunehmen und Ihre Wertvorstellungen als Regeln weiterzugeben,
damit sich der junge Erwachsene daran orientieren und damit aus-
einandersetzen kann.
– Das Kind, beziehungsweise der Jugendliche, muss sich seine ei-
genen Wertvorstellungen und Überzeugungen erarbeiten, die frei-
lich nicht immer deckungsgleich mit denjenigen der Eltern sind.
– Die Eltern haben sich deshalb über die Wertvorstellungen ihres
Kindes zu informieren und den Meinungsaustausch zu fördern.
– Die Eltern werden in dieser entscheidenden Phase vom Jugendli-
chen auf ihre Belastbarkeit getestet und immer wieder auf die Zer-
reissprobe gestellt, ob sie auch tatsächlich standhaft sind in ihren
Werten. Diesen Test müssen sie wiederholt bestehen.
– Umgekehrt dürfen sie diese Anforderungen aber nicht im gleichen
Masse an den Jugendlichen stellen und heftig zurückschlagen,
wenn er ihnen nicht standhalten kann. Vielmehr sind sie dazu auf-
gefordert, ihrem Jugendlichen «Welpenschutz» zuzugestehen.
– Das Familienkollektiv soll vor allem über Rahmenbedingungen und
Regeln gesteuert werden, die für alle gelten und nicht Unterwer-
fungsverhalten durch Befehl und Gehorsam vom Jugendlichen
einfordern.
– Regelübertretungen gehören zu diesem Alter, sollen aber nicht
gleich mit Strafe geahndet werden. Es ist wichtig, dass man Re-
geln mit mentaler innerer Kraft und in Abständen Nachdruck ver-
schafft und ohne emotionale Erregung in Erinnerung ruft.
– Manchmal müssen Regeln auch neu ausgehandelt werden. Dies
soll immer in Zusammenarbeit mit dem Jugendlichen geschehen,
der dabei mitdenken muss, damit er befähigt wird, seine Ansprü-
che zu vertreten. Er lernt dadurch, für die Verhaltensregeln Ver-
antwortung zu übernehmen.
– Regeln sind keine Gesetze. Regeln verhalten sich nach dem
Sprichwort: «Keine Regel ohne Ausnahme». Wird die Ausnahme
aber zur Regel, so muss die Regel neu festgelegt werden.
– So ist z.B. das monatliche Taschengeld, das selbständige Verfü-
gen über das eigene Budget eine wichtige Regel. «Geld nach Ver-
langen» soll nicht zur Regel werden.
Störfaktoren in der Ablösungsphase
– Ein chronischer Ehekonflikt und ein dauerndes sich gegenseitiges
Disqualifizieren der Eltern erschöpft das Konfliktpotential in der
Familie und stört dadurch den Ablösungskonflikt des Jugendlichen.
– Eine schwere Krankheit oder Schwäche bei einem Elternteil ist e-
benfalls hinderlich für die Ablösung, weil der Jugendliche glaubt,
Rücksicht auf den schwächeren Elternteil nehmen zu müssen und
deshalb seine Persönlichkeitsentwicklung entsprechend zurück-
stellt, indem er den Ablösungskonflikt mit den Eltern unterdrückt.
– Eine zu starke Machtausübung über das Geld und die finanzielle
Abhängigkeit des Jugendlichen verhindert ebenfalls seine Persön-
lichkeitsentwicklung und damit den Gang in die Selbständigkeit.
– Die Verwendung von Schuldgefühlen als «Hirtenhund» verhindert
ebenfalls die Entwicklung zur Selbständigkeit und fördert eine ab-
hängige Persönlichkeitsstruktur.
– Eine starke emotionale Bedürftigkeit eines Elternteils drängt den
Autonomieinstinkt des Jugendlichen zurück und behindert somit
seine Entwicklung zur Selbständigkeit.
– Eine zu starke Hilfsbereitschaft der Eltern dem Jugendlichen ge-
genüber – das «Hotel Mama» – verhindert ebenfalls die Entwick-
lung zur Selbständigkeit.
Schlussfolgerung:
Die Tatsache, dass volljährige Kinder während ihrer Ausbildung noch für
Jahre finanziell von den Eltern abhängig sind, sollte niemals als Machtin-
strument dazu verwendet werden, um ihnen nach dem Motto: «Wer zahlt
befiehlt» den Werdegang vorzuschreiben.
Die finanzielle Abhängigkeit soll aber auch nicht dazu verwendet werden,
die Kinder durch ein Überangebot von Leistungen und Unterstützungen
abhängig zu behalten.
Sie soll dazu da sein, den Jugendlichen in seiner berufsmässigen Wei-
terentwicklung zu unterstützen im Sinne einer nachhaltigen, langfristigen
Investition für die zukünftige Generation.
Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.