Zentrum menschlicher Gefühle

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Transkript

Dr.med. Ursula Davatz
4.6.2026
Zentrum menschlicher Gefühle
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[00:00:02.100] Dr.med. Ursula Davatz: Ich möchte Sie alle ganz herzlich begrüssen.

Ich habe lange studiert, was soll ich für einen Namen verwenden.

Das gängige Ganglion ist, das welches man an der Hand hat und das entsteht, wenn
man die Gelenke ein bisschen überbeansprucht und dann zu viel Gelenkserum
produziert wird und eine Beule entsteht.

[00:00:32.940] Dr.med. Ursula Davatz: Eine einfache Methode, um es zu behandeln,
das hat mir ein Rheumatologe gesagt, man schlägt mit einem Hammer drauf oder mit
einem Fünffränkler und dann drauf und dann spritzt es.

Ich hatte einmal ein Ganglion, wo ich meine vier Enkelkinder, die relativ gleichzeitig auf
die Welt gekommen sind oder kurz nacheinander, habe ich auch ein Ganglion gehabt
und das ist dann vor allem selber wieder weggegangen.

Wo die Überbeanspruchung weggegangen ist, ist das auch weggegangen.

[00:01:05.820] Dr.med. Ursula Davatz: Mein Untertitel lautet: Zentrum menschlicher
Gefühle.

Ich erlebe, dass unsere westliche Gesellschaft wahnsinnig verkopft ist und dass man
schon sehr verkopft an die Kinder heran tritt, ohne dass man sie beobachtet und
schaut, um was geht es eigentlich, wer sind sie, was erleben sie etc.

Man geht immer gleich mit einer Theorie vor.

[00:01:38.760] Dr.med. Ursula Davatz: Dem wollte ich ausweichen.

Ich gehe jetzt so sogar noch weiter.

In der Ärztezeitung gab es einen Artikel, der über die Geburt des Menschen ging.

Da haben sich die Römer mythologisch vorgestellt, dass ein Kind im Kopf des Mannes
entsteht.

[00:02:09.240] Dr.med. Ursula Davatz: Der Mann tut es dann netterweise der Frau
einpflanzen, damit sie für es schaut.

Das ist die Kopfgeburt.

Die Kopfgeburt, die ist uralt und wird auch heutzutage wahnsinnig, wie soll ich sagen,
hochgehalten.

Die ganze Medizin ist voll von männlichen Beobachtungen und männlichen Ausdrücken.

Es wird jetzt auch immer mehr kritisiert, dass man alle Untersuchungen nur an Männern
gemacht hat und nicht an Frauen.

Jetzt kommt langsam so die Gendermedizin, wo man merkt, bei Frauen sehen teilweise
Krankheiten anders aus, respektive sie entwickeln auch andere Krankheiten.

Das ist auch der Fall beim ADHS.

Wir wollen heute nicht nur von Kopfgeburt reden, sondern ich möchte praktische
Erfahrungen von ihnen, damit wir miteinander lernen können.

[00:03:13.140] Dr.med. Ursula Davatz: Ich habe als erstes so ein bisschen Theorie
vorbereitet und dann bin ich froh, wenn Sie mir Fragen stellen und natürlich auch Fälle
bringen.

Wir haben ja hier auch eine Tafel, das ist super.

Im praktischen Lernen kommt man weiter.

Ich komme absolut aus der Praxis, habe es nie geschafft in die Akademie, also zum
Professor, und ich bin froh, dass ich in der Praxis bleiben konnte.

[00:03:46.380] Dr.med. Ursula Davatz: ADHS, ADS, PDA kann man noch sagen,
Pathological Demand Avoidance.

Psychiater machen immer noch mehr Kategorien.

Ich gehöre eher zu den ganzheitlichen, die versuchen, die Krankheitsentwicklung zu
erklären.

Als erstes möchte ich ein Kompliment an Sie machen, das heisst, ich sage Sie als
Lehrer, ich weiss nicht, hat es auch Kindergärtner wie hier, okay, wunderbar. Sie als
Lehrer, Kindergärtner, als professionelle Erzieher, Sie sind die wichtigsten Personen in
der heutigen Zeit.

Die heutige Zeit ist dermassen aufgeblasen von der künstlichen Intelligenz, Technik, alle
Aktien gehen hoch in dem Bereich.

Die Aktien für den Menschen und Sie, die gibt es nicht.

Sie sind die Zukunftsschmiede.

Sie begleiten die jungen Menschen und helfen ihnen, dass sie einen guten Weg
machen.

Ich bin auch in einer Zeit aufgewachsen, wo man noch so Sprichwörter hatte.

Man sagt ja, man soll das Eisen schmieden, wenn es heiss ist.

Kennen Sie dieses Sprichwort noch? Schon?

Unser Hirn, die Psychiatrie befasst sich mit dem Hirn. Das Hirn ist das Organ, das am
anpassungsfähigsten ist und das am meisten formbar ist.

[00:05:19.440] Dr.med. Ursula Davatz: Das gleiche Hirn kann tausende von Sprachen
lernen, ganz präzise, und dann kommunizieren auf diese Art.

Von dort her, wenn Sie mit jungen Menschen arbeiten, schmieden Sie das Hirn, also
helfen Sie ja dem Hirn, sich zu entwickeln.

Man kann gute Gewohnheiten entwickeln und man kann auch schlechte entwickeln.

Jürg Jegge sagt: Dummheit ist lernbar.

Ich sage immer: Krankheit ist auch lernbar.

[00:05:54.840] Dr.med. Ursula Davatz: Wir Psychiater kommen erst am Schluss, wenn
schon alles schiefgelaufen ist, und dann ist es eigentlich viel zu spät.

Daher sage ich: die Prävention beginnt im Bildungswesen.

Seit ich im Aargau tätig war, ich bin 1980 aus Amerika in den Aargau gekommen, habe
ich mich für Prävention entschieden.

Jetzt setze ich mich sehr stark für das ADHS ein.

Da gibt es ein riesiges Präventionspotenzial, indem man mit dem ADHS korrekt umgeht.

[00:06:30.780] Dr.med. Ursula Davatz: In der Tierwelt sagt man tiergerechte
Tierhaltung, und ich sage menschengerechte, persönlichkeitsgerechter Umgang mit
diesen jungen Menschen, die noch ein flexibles Hirn haben, das alles Mögliche lernen
kann.

Sie haben aber ein Problem, Sie haben eine riesige Konkurrenz der Social Medias.

ADHS heisst ja Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom.

[00:07:06.000] Dr.med. Ursula Davatz: Das heisst, man sagt bei den ADHSler, die
haben keine gute Aufmerksamkeit.

Ich sage, sie haben eine breite Aufmerksamkeit. Das heisst, sie nehmen alles wahr,
wenn sie in einen Raum reinkommen, dann sehen sie gerade alles, sie nehmen die
Stimmung wahr, sie nehmen das Klima wahr, etc.

In der Schule sollten sie natürlich an erster Stelle die Lehrperson wahrnehmen. Wenn
die nicht ganz so spannend ist, dann wird zum Fenster rausgeschaut, oder der Nachbar
wird gestört, oder Kügelchen werden herumgeschossen.

Dann sorgen sie einfach für ein bisschen mehr Action.

Das Internet ist total ausgerichtet auf Aufmerksamkeitshaschung.

Es gibt Medienpsychologie.

Ja, zu meinem Schrecken, aber es ist natürlich auch verständlich, Psychologie wird
verwendet, um die Aufmerksamkeit zu holen.

[00:08:10.320] Dr.med. Ursula Davatz: Das ist raffinierte Psychologie.

Das wird in der Werbung verwendet, im Business wird es verwendet und in der Politik
wird es verwendet.

In der Politik läuft es nicht immer so bewusst. In der Politik hat es so Naturtalente, die
die Aufmerksamkeit, ich sage jetzt auf Englisch, catchen, also in Gefangenschaft
nehmen.

[00:08:40.680] Dr.med. Ursula Davatz: Das dreieinige Gehirn von Paul D. MacLean.

https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_D._MacLean

Ich zeige das mit meiner Hand.

Unser Gehirn besteht aus einem altmodischen Hirnteil, das wäre das Reptilienhirn, das
wäre hier meine Hand, also mein Gelenk.

Mit einem motorischen Hirn. Das heisst Reptilienhirn, weil das bei den Reptilien schon
sehr gut ausgebildet ist.

Dann bei den Säugetieren wird das Mittelhirn ausgebildet und das ist das emotionale
Hirn.

Das ist jetzt mein Daumen. Das ist in der Mitte von unserem Gehirn.

[00:09:15.720] Dr.med. Ursula Davatz: Meine Finger wären das Grosshirn.

Das ist das Hirn, das bei den Menschen, beim Homo sapiens, am meisten gewachsen
ist.

Es ist am meisten gewachsen, weil das Hirn sich differenziert, auseinandersetzt mit der
Umgebung, eine Bibliothek anlegt, also eine Erinnerung anlegt, die man dann wieder
zurückholen kann.

[00:09:46.680] Dr.med. Ursula Davatz: Wenn man Aufmerksamkeit holen will, dann
macht man das über das emotionale Hirn.

Viele intellektuelle Politiker verpassen, dass es über das Emotionale geht.

Sie meinen, man müsste gut reden oder gute Argumente bringen, aber die Argumente
sind weniger gut als emotionale Bilder.

Sie, die mit jungen Menschen arbeiten, Sie müssen über das emotionale Hirn arbeiten.
Das andere ist eine Zugabe.

[00:10:19.800] Dr.med. Ursula Davatz: Damit Sie ihre Kinder gut instruieren können,
müssen Sie eine Beziehungen haben.

In dem Sinne sagt man, keine Erziehung ohne Beziehung.

Macht das Sinn?

Alle Inputs, alle Stimuli, also alle Inputs, die von aussen reinkommen, werden immer
zuerst vom Mittelhirn, vom emotionalen Hirn prozessiert.

Sie werden prozessiert, ist das angenehm oder nein, das will ich nicht mehr.

[00:10:52.680] Dr.med. Ursula Davatz: Akzeptanz und Neugier erwecken oder oh, ich
habe Angst vor dem und dann löst es den Fluchtreflex aus.

Die Sozialen Medien Medias, die kämpfen um die Aufmerksamkeit der Jugend.

Ich erlebe es auch auf meinem Mobiletelefon, wenn ich irgendwas aufmache und auf
einmal etwas anderes reinkommt, was ich gar nicht will. Ich werde jedes Mal verrückt
und denke, fahr doch ab mit dem Mist. Stör mich nicht.

Die jungen Hirne, die sagen, was könnte das sein, was könnte das sein, was könnte
das sein.

[00:11:27.300] Dr.med. Ursula Davatz: Das ist echt ein Problem.

Der Lehrer und die Lehrperson kann nicht nur immer ein Unterhalter sein.

Sie sind nicht nur Kabarettisten, die können das auch gut, die können auch die
Emotionen gut holen.

Sie können ihre Kinder miteinbeziehen, dass sie helfen, ihre eigene Aufmerksamkeit
reinzubringen.

[00:11:59.220] Dr.med. Ursula Davatz: Kinder sind von Natur her neugierig.

Speziell die Kleineren, die, die motorisch stark sind, die können überall hin und dann
heisst es: nein, nein, nicht.

Ich habe Kinder, die zu mir ins Büro kommen, zusammen mit der Mutter, und die Mütter
sagen immer nein.

Ich sage, das ist mein Büro, ich schaue schon, dass nichts kaputt geht.

Dann lasse ich die Kinder machen, gehe mit, schaue oder erkläre etwas.

Dann werden die ganz ruhig.

Hingegen, wenn die Mutter sagt, nein, nicht, mach nicht, dann ist das Kind völlig verwirrt
und hyperaktiv.

[00:12:37.560] Dr.med. Ursula Davatz: Das sind ein paar Sachen, die ich zum ADHS
sage.

Jetzt versuche ich, noch ein bisschen mehr genaue Sachen dazu zu sagen.

Kinder sind von Natur her neugierig.

ADHS-Kinder sind noch neugieriger, das heisst, sie kontrollieren ihren Impuls nicht, und
wenn sie etwas sehen, dann gehen sie dorthin.

Dann stören sie natürlich je nachdem im Unterricht.

[00:13:13.200] Dr.med. Ursula Davatz: ADHS wird heutzutage in den Medien überall
genannt.

Ich war vor Kurzem im SRF Club, hat es jemand gesehen?

https://www.srf.ch/play/tv/club/video/adhs-superkraft-oder-chaos-im-kopf?
urn=urn:srf:video:a6a4b554-e125-464a-a981-05b743e0d883

Ich konnte fast nicht reden, weil ich so heiser war.

Man merkt es immer noch ein bisschen.

Ich war auch mit dem ADHS-Event im Bundeshaus. Das war sehr interessant.

https://elpos.ch/jugendliche-mit-adhs-im-bundeshaus/

[00:13:46.080] Dr.med. Ursula Davatz: ADHS Kinder von 12 bis 24, alle haben
mitgemacht an Workshops.

Es war hochinteressant.

An dieser Sendung wurde auch die Frage gestellt, ob das eine Modekrankheit ist.

Nein, es ist keine Modekrankheit.

Ich sage ganz klar, es wird genetisch vererbt.

Zu 80%, ich sage es wird zu 100% vererbt, aber ein Teil der ADHSler treten gar nicht in
Erscheinung, weil der Umgang mit ihnen korrekt ist.

[00:14:19.380] Dr.med. Ursula Davatz: Wenn man gut mit dem ADHS umgeht, dann
passiert nichts, dann brauchen sie nie einen Psychiater.

Man hat Untersuchungen gemacht. Man tut das ja heute genetisch, man kann alles
untersuchen, auch die alten Knochen.

So hat man Knochen aus der prähistorischen Zeit, aus der Steinzeit untersucht und hat
dort festgestellt, dass 50% das ADHS-Genom haben.

Es ist nicht ein Gen, es ist ein Paket von Genen.

Wenn Sie sich vorstellen, in der Steinzeit, das waren Jäger und Sammler.

Die haben eine breite Aufmerksamkeit gebraucht.

Das Wild kommt nicht immer durch die gleiche Türe rein.

Das kommt mal hier mal dort.

Man muss immer schauen, dann man es nicht verpasst.

Evolutionstechnisch war das damals sinnvoll.

Wenn man heute eine akademische Laufbahn macht, ist es nicht so sinnvoll überall
rumzuschauen. Man muss einer Lehrperson, einem Professor, einem Thema folgen.

Vor 46 Jahren habe ich mich dafür im Kanton Aargau interessiert. Mediziner haben
POS/ADHS verneint.

Die Kinderärzte habe das als erstes gesehen. Die haben von POS gesprochen.
Psycho-Organisches-Syndrom.

Dann auf einmal hat es geschwankt.

Man hat bildgebende Verfahren machen können.

Da hat man gesehen, das Hirn funktioniert ein bisschen anders.

Jetzt ist es eine grosse, wie man so sagt, Mode.

Gene können nicht Mode sein, die kann man nicht wechseln wie ein Kleid.

Die hat man, oder man hat sie nicht.

Die werden natürlich in einem ganzes Paket verwerbt.

Da gibt es jetzt Studien von Amerika und Australien, glaube ich, wo man das Hirn dann
genauer anschaut.

[00:16:27.480] Dr.med. Ursula Davatz: Bei zwei Typen von ADHS ist das Hirn extrem
anders vernetzt oder stärker vernetzt.

Bei zwei anderen Typen 25%.

Es ist auf jeden Fall ein bisschen ein anderes Hirn.

Das Hirn kommt mit ganz, ganz vielen Möglichkeiten auf die Welt, welche es dann
braucht oder auch nicht braucht.

Wir lernen zum Beispiel unsere Muttersprache.

[00:16:57.540] Dr.med. Ursula Davatz: Wenn die Kinder zweijährig sind und älter
werden, dann fangen sie an, die fremden Töne der Sprache auszuschalten,
auszublenden.

Das Hirn darf nicht immer alles aufnehmen, es muss ausblenden.

Man sagt, ab der Pubertät kann man eine Fremdsprache nicht mehr akzentfrei lernen.

Es gibt sehr talentierte Leute, die behalten das Hirn noch offen und die können es
immer noch lernen.

Der Durchschnitt kann eine Fremdsprache nicht mehr akzentfrei lernen.

Das ist, weil das Gehirn die anderen Töne nicht mehr hört, die nicht produzieren kann
mit seinem Kehlkopf, denn das ist ja verbunden.

Man studiert auch immer mehr.

Man sagt jetzt, 100 bis 500 Gene spielen eine Rolle.

Es ist ja einfach immer ein Genpaket.

Es wird nicht ein Gen einzeln vererbt, sondern in einer Familie wird der ganze Gensatz
weitergegeben. Zwischen Mann und Frau natürlich neu aufgeschaukelt.

[00:18:06.660] Dr.med. Ursula Davatz: Die Frau wählt eins, also passiert natürlich per
Zufall.

Der Mann wählt eins, das ist dann eine Kombination.

So wird es dann vererbt.

Ich kann ADHS in der Familie vorfinden.

Ich nehme immer einen drei Generationen Familienstammbaum auf.

[00:18:37.620] Dr.med. Ursula Davatz: Da hat es alle Zeichen von ADHS, auch wenn
man es noch gar nicht so genannt hat.

Etwas Weiteres, ich habe jetzt gesagt, die breite Aufmerksamkeit, die da ist, wenn es
langweilig wird, dann wendet sich das Kind ab und sucht etwas Neues.

Eine andere Eigenschaft, und zum Teil geht das natürlich ineinander, ist die emotionale
Verletzlichkeit.

[00:19:12.180] Dr.med. Ursula Davatz: Man sagt dann immer: du bist so sensibel,
kannst Du nicht ein bisschen, eine dickere Haut entwickeln?

Sie sind sensibel, auch die ADHSler, die hyperaktiv sind, sind in der Regel auch
sensibel.

Die Sensibilität bewirkt, dass sie schnell verletzt werden.

Die bringt auch mit sich, dass sie Ungerechtigkeiten, und zwar nicht nur
Ungerechtigkeiten sich selber gegenüber, auch Ungerechtigkeiten den anderen Kindern
gegenüber.

Ich hatte ein ADHS-Kind, das nicht mehr in die Schule ging, hat verweigert, weil es
gefunden hat, die Lehrerin geht ungerecht mit den Kindern um.

[00:19:52.260] Dr.med. Ursula Davatz: Die tut einen hyperstarken, lauten Jungen, die
tut den nicht in die Schranken weisen und die anderen müssen dann darunter leiden.

Das kann ich nicht mit anschauen.

Die hat so die Schule verweigert.

Sie selber hatte gar nicht Probleme, sie ist gut mitgekommen, aber sie hat es nicht
ertragen.

Manchmal sind mit ADHS auch noch Lernstörungen kombiniert, muss aber nicht sein,
also sogenannte LRS, Legasthenie, oder Dyskalkulie.

[00:20:23.460] Dr.med. Ursula Davatz: Dann bringt es natürlich mit sich, dass, wenn ein
Kind eigentlich sehr intelligent ist, aber eine Lernstörung hat, dann fällt es dort unten
raus.

Dann kann es seine Potenzen nicht entwickeln.

Das ist natürlich schade. Das gibt dann Frust und Fehlentwicklungen.

Heutzutage kann man einen Nachteilsausgleich holen.

[00:20:53.520] Dr.med. Ursula Davatz: Die ETH, die sich an sich mit ADHS befasst, die
verlangt, dass man nach zwei Jahren wieder eine neue Prüfung machen muss, also
einen neuen Test machen muss, ob er immer noch ADHS hat.

Sie haben in dem Sinne noch nicht begriffen, dass ADHS vererbt ist, dass das bleibt.

Das ist vom ersten Tag an, dass es bleibt.

Im Erwachsenenalter, kann man lernen, mit seinem eigenen ADHS besser umzugehen.

Dann hat man keine Problem mehr.

Man muss es an sich lernen.

[00:21:24.540] Dr.med. Ursula Davatz: Wenn man ständig gestört wird von den
Erziehungspersonen, dann lernt man nur, ich bin falsch, ich bin schlecht, ich passe nicht
in die Gesellschaft, ich gehöre nicht dazu und so weiter.

Das hört man dann von den frustrierten ADHSlern.

Die kommen natürlich zu mir in die Behandlung.

Dort habe ich viele solche Geschichten, und zum Teil sehr tragische, also eben bis zum
Selbstmord, und viele andere Krankheiten.

[00:21:58.860] Dr.med. Ursula Davatz: Im Augenblick, wo ein ADHS gestresst wird,
dann kommen Stressreflexe in Gang.

Ich sage vier Stressreflexe.

Ich sage sie gerne auf Englisch, weil es sich dort so schön reimt.

Fight: ist der Kampf.

Flight: ist die Flucht.

Freeze: ist der Totstellreflex.

Tease: ist der Spielreflex.

Den Spielreflex haben ADHS-Kinder oft länger bis zum hohen Alter, also die behalten
den mehr.

[00:22:33.120] Dr.med. Ursula Davatz: Der Spielreflex kommt in der Stunde zum
Ausdruck, dass, wenn der Lehrer selber unter Druck kommt, dann übernimmt das
ADHS-Kind und ist der Clown, unterhält dann alle.

Wenn es findet, der Lehrer ist ungerecht, dann schwatzt er drein.

Sie kompensieren, sie nehmen ihr Umfeld wahr und greifen dann ein.

[00:23:04.020] Dr.med. Ursula Davatz: ADHSler sind auch Führungsfiguren.

Überall dort, wo es schief läuft, gehen sie rein und machen irgendetwas.

Nicht immer zur Freude der Lehrperson.

Dann nehmen sie der Lehrperson das Zepter aus der Hand., die Führung aus der Hand.

Wenn dann die Lehrperson findet, du hast keinen Respekt, Respekt gibt es hier nicht,
dann heisst das überhaupt nichts.

[00:23:34.140] Dr.med. Ursula Davatz: Die ADHSler folgen nicht aus Respekt.

Sie folgen ohnehin nicht so gerne.

Sie bestimmen lieber die Situation selber.

Wenn sie aber eine gute Beziehung zum Lehrer hat, und ich weiss nicht, ob ich das
Respekt nenne, ich sage wahrscheinlich eher eine Beziehung, wenn sie eine gute
Beziehung haben, dann kann die Lehrperson als erwachsene Person das ADHS-Kind
durchaus führen.

Wenn man aber den Vater verliert, also eben keine Erziehung ohne Beziehung, wenn
man keine Beziehung hat, dann kann man es gerade vergessen.

[00:24:09.780] Dr.med. Ursula Davatz: Die ADHSler neigen eher zum Kampfreflex, also:
sei ruhig, du spinnst, hör auf, haue dir einen in die Fresse.

Die ADSler, und ich weiss nicht, ob die genetisch stark unterschiedlich sind, aber im
Verhalten gibt es ADSler, und man trifft das, da fällt die Hyperaktivität weg.

[00:24:40.800] Dr.med. Ursula Davatz: Die neigen zu Flucht, Ausweichverhalten,
Rückzug in eine Fantasie.

Die gehen dann in die innere Welt, träumen, sind abgehängt, sie stören dadurch aber
nicht, aber sie verpassen die Schule.

So habe ich eine gehabt, die ist nicht drausgekommen, weil sie abgelenkt war, ist sie
heimgegangen, hat alles nochmal angeschaut und hat dann gemerkt, ah, ich verstehe
es schon.

Es kann passieren, dass, wenn sie es nicht mehr anschauen, dass sie dann denken, ich
bin dumm.

[00:25:12.240] Dr.med. Ursula Davatz: Das stimmt natürlich nicht.

Die Expressiven, also ADHSler, die neigen eher zu Kampf und Auseinandersetzung und
Konflikt.

Sie wollen auch etwas über ASS hören. Autismus-Spektrums-Störung.

Das ist an sich eine Beschreibung eines Verhaltens, das man bei den Schizophrenen
erlebt.

[00:25:42.780] Dr.med. Ursula Davatz: Autismus, das ist eigentlich die Totenstarren.

Da zieht sich die Person zurück und sie kommuniziert nicht mehr.

Wir sind natürlich sehr angewiesen auf eine Kommunikation.

Wenn dann das Gegenüber nicht mehr kommuniziert, werden wir verrückt, frustriert und
wollen eine Kommunikation.

[00:26:14.220] Dr.med. Ursula Davatz: Je mehr man auf so ein autistisch sich
zurückziehendes Kind versucht einzuwirken, umso mehr setzt man es unter Stress.

Dann kann es passieren, dass es auch ausrastet.

Das ist dann der sogenannte Meltdown, oder wir sagen im Psychiatrischen "einen
Raptus haben".

Hat jemand diese Sendung gesehen: Familien am Limit?

https://www.srf.ch/play/tv/dok/video/familien-am-limit—wenn-kinder-alle-grenzen-sprengen?urn=urn:srf:video:05fa55a5-dbbf-40a2-9029-4b8f5b81f2b8

[00:26:44.640] Dr.med. Ursula Davatz: Das passiert erst, wenn man zu fest auf sie
einredet.

Ich sage dem dann, wenn man auf diese Sorte Kinder, also die sehr sensibel sind,
wenn man auf die zu fest einwirkt, dann stresst man sie.

Wenn der Rückzug nicht mehr funktioniert, dann platzen sie.

In der Autismussprache spricht man dann von Meltdown.

Dann bricht die ganze Koordination zusammen.

[00:27:16.740] Dr.med. Ursula Davatz: Man müsste sie einfach beruhigen.

Autismus wird jetzt immer mehr gestellt.

Da könnte man auch sagen: Modekrankheit.

Bis jetzt sind sie noch nicht ganz so weit.

Vor dem Autismus hat man noch ein bisschen mehr Angst.

Viele diagnostizieren ihren Partner, ihre Kinder selber mit Autismus.

Ich behaupte, die Autismusreaktion ist eine Reaktion eines sensiblen Menschen auf
eine Überbelastung, also Überreizung.

[00:27:48.840] Dr.med. Ursula Davatz: Man muss Runterfahren mit einem Reiz und
zuerst einmal schauen.

Das sind Regeln, Verhaltensregeln, die man allgemein den ADHS-Kindern gegenüber
an den Tag legen muss.

[00:28:19.080] Dr.med. Ursula Davatz: Im Aargau wollen sie eine bessere Versorgung
für autistische Kinder.

Man will ein gutes Angebot.

Da bin ich jetzt auch gefragt worden vom BKS, dass ich ein Interview mit ihnen mache.

Dass ich ein bisschen meine Erfahrungen herausgebe.

[00:28:49.140] Bemerkung 1: Die Grundlage ist eine ähnliche bei ADS und Autismus,
also ASS, nämlich eine Hypersensibilität.

Der Umgang vom Kind, wie es damit umgeht in Stresssituationen, in Fight, in Freeze
oder in Flucht?

Es gibt dann diese Aufteilung.

Die Basis ist die gleiche?

[00:29:19.740] Dr.med. Ursula Davatz: Ja, die genetische Basis ist ähnlich.

Da gibt es sogar genetische Studien, die hat es schon gegeben im 2014.

GWAS.

https://de.wikipedia.org/wiki/Genomweite_Assoziationsstudie

Genome-wide Association Studies, man hat fünf psychiatrische Krankheitsbilder
genommen und hat die genetisch untersucht.

Das ist Schizophrenie, manisch-depressiv, bipolare Störung, schwere Depression,
Autismus und ADHS.

[00:29:52.560] Dr.med. Ursula Davatz: Die haben alle den gleichen veränderten Gen-
Lokus.

Dann haben die Psychiater gesagt, hm, komisch, so viele verschiedene
Krankheitsbilder, welche die gleiche genetische Konstellation haben.

Ich habe gesagt, nein, das ist genau das, was ich sage.

Die genetische Grundkonstellation ist bei allen gleich.

Je nachdem, es hat natürlich immer noch andere Eigenschaften dazu.

Je nachdem, wie man mit dem Kind dann umgeht, gibt es dann das oder das oder das.

[00:30:33.960] Bemerkung 2: Vor dem Autismus hat man am meisten Angst, sagen sie.

Wenn ein Kind total zumacht, eigentlich der schwierigste ist.

[00:31:03.960] Dr.med. Ursula Davatz: Ganz genau.

Wenn ein Kind total zumacht, hat man so keine Möglichkeiten.

Wenn der Patient nicht mehr reagiert, kann der Therapeut sadistisch werden.

https://www.tagesanzeiger.ch/pdag-koenigsfelden-tod-nach-methadon-therapie-im-aargau-920659249815

Wenn ein Kind nicht mehr reagiert, dann muss man selber runterfahren, sich selber
beruhigen und ich sage in Anwesenheit von diesem Kind meditieren, ohne die
Beziehung abzubrechen.

Das Kind spürt, man ist noch da, man will es aber nicht beeinflussen.

Wir wollen beeinflussen.

Wir machen es über das emotionale Hirn.

[00:31:34.620] Dr.med. Ursula Davatz: Emotion kommt vom Wort emovere, bewegen.

[00:31:37.452] Bemerkung 3: Man hält eigentlich die Ohnmacht nicht aus, oder?

[00:31:40.900] Dr.med. Ursula Davatz: Man hält die eigene Ohnmacht nicht aus. Ganz,
ganz genau. Sie sagen es ja. Man hält seine eigene Ohnmacht nicht aus.

Das ist etwas vom Schwierigsten, ist auch etwas vom Schwierigsten für uns
professionelle Helfer, also Ärzte, Psychiater.

Wir sind in einer Ohnmachtsposition, können sogenannt nichts machen, ausser einfach
da sein.

[00:32:04.980] Dr.med. Ursula Davatz: So etwas Banales wie Beziehung pflegen, das
ist das Wichtige.

Wenn ich Mütter habe von schizophrenen Kindern, die in der Pubertät entgleisen, die
wollen dann immer noch etwas machen und das kann ich nicht machen und das muss
ich machen und so.

Ich muss dann denen stundenweise beibringen, die Beziehung zu halten, aber nichts
bewirken wollen.

[00:32:34.980] Dr.med. Ursula Davatz: Das ist noch schwierig.

Die Beziehung an sich wirkt, man gibt dem Kind einen Raum und dann kann es selber
wachsen.

Sie sagen es absolut richtig. Das ist gut.

Für uns ist etwas vom Schwierigsten einfach da sein, bereit sein, in Beziehung zu
bleiben und nicht wissen, was zu machen.

Mit der Zeit kommt dann vielleicht etwas.

[00:33:06.720] Dr.med. Ursula Davatz: Man darf nicht gerade schon meinen, man
wüsste, was zu machen ist.

In meinem neuen Buch, sage ich ja, ADHS-Folgekrankheiten.

Psychiatrie im Offside.

https://www.somedia-buchverlag.ch/gesamtverzeichnis/deadhsads-folgekrankheiten/

Wir Psychiater, wir Ärzte, wollen handeln, wir sind Handlungstypen.

Wenn wir nicht handeln können, dann denken wir irgendetwas aus und denken, das
wäre vielleicht das Beste.

Da überfahren wir so schwierige psychiatrische Patienten und da überfahren wir das
ASS-Kind und wir müssen da wieder uns zurücknehmen und ruhig sein und beobachten
und schauen, aber nicht die Beziehung abbrechen.

[00:33:37.140] Dr.med. Ursula Davatz: Denn Beziehung abbrechen heisst ja,
Liebesentzug.

Das darf man genau nicht, auch wenn man nicht weiss, was zu machen.

[00:33:50.439] Bemerkung 4: Was ist, wenn das Kind das als Machtinstrument nimmt?

Zwei Jahre lang nicht mehr zum Psychologen, kein Wort.

Wie kann man dann weitermachen?

[00:34:11.040] Dr.med. Ursula Davatz: Dann hat der Psychologe nicht den richtigen
Zugang zu ihm.

Dann muss man bankrott erklären.

[00:34:35.002] Bemerkung 5: Das ist nicht einfach für den Psychologen.

[00:34:43.860] Dr.med. Ursula Davatz: Nein, ich weiss.

Schweigen als Machtinstrument.

Wenn man therapeutische Gruppen hat und gewisse Mitglieder nie reden und die
anderen reden alle, dann wird sich auf einmal der Hass der übrigen Gruppenmitglieder
auf das schweigende Individuum projizieren.

Es ist Sache des Gruppenleiters, gute Therapeuten, die können dann den
Schweigenden hineinholen.

Nicht mit Zwang. Nicht, du musst jetzt auch reden.

[00:35:13.980] Dr.med. Ursula Davatz: Da braucht es Verführungstaktiken.

Das können nicht alle.

Es gab einen in der Klinik Schützen, der Walter Heuberger, der konnte das sehr gut.

Es können es lange nicht alle.

Das Teasing ist der Spielreflex, necken.

Man sagt ja: was sich neckt, das liebt sich.

Necken ist eigentlich ein Annäherungsverhalten, wo man nicht genau weiss, wie der
andere ist, man probiert ein bisschen und schaut wie der reagiert.

[00:35:51.420] Dr.med. Ursula Davatz: Bei den Hündchen, die kenne ich am besten, die
Welpen, die spielen und beissen einem mit ihren Milchzähnen.

Sie wollen nicht beissen, sie wollen spielen mit einem.

Da muss man dann das verwenden können, dass man auflockert.

Das ist hohe Kunst.

Klar, ich kann es als Machtinstrument verwenden.

[00:36:14.946] Bemerkung 6: Das Gleiche ist auch in einer Klasse, wenn das Kind im
Kreis nicht spricht. Manchmal gelingt es, manchmal nicht.

[00:36:24.240] Dr.med. Ursula Davatz: Da müssen sie von ihren Gespür ausgehen.

Kann ich es jetzt rauslocken oder muss ich es einfach lassen?

Da kann man dann zu den anderen Kindern sagen, nein, das kann jetzt noch nicht
reden oder will nicht reden.

Wir lassen ihm die Zeit.

[00:36:58.320] Dr.med. Ursula Davatz: Wenn man zu verschiedenen Tierarten geht,
man kann einem Elefanten das Klettern nicht beibringen.

Es ist alles die gleiche Spezie, aber es gibt verschiedene Menschen.

Wenn man ein Kind zwingen will, zu reden, wenn es noch nicht kann, noch nicht will,
noch Angst hat, dann macht man es nur kaputt.

[00:37:28.380] Dr.med. Ursula Davatz: Eine Frau, ein Kind von einem Heimleiter, die hat
nicht geredet, das war auch scheu.

Die musst aufstehen, als Bestrafung. Die musste die ganze Schulzeit stehen, als
Bestrafung.

Das ist keine gute Pädagogik.

[00:38:00.360] Bemerkung 7: Die Beziehung ist das wichtigste.

Ich bin neu ein einen Kindergarten gekommen, mit einem autistischen Kind.

Die Mutter hat gesagt: das Kind mag sie. Das Kind ist so.

Wenn es jemanden nicht mag, dann geht es nicht.

[00:38:33.240] Dr.med. Ursula Davatz: In der Schizophreniebehandlung sagen wir: you
never have a second chance to make a first impression.

Wenn wir Ärzte auf einen Schizophrenen zugehen und etwas falsch machen, haben wir
verloren.

Das ist das gleiche bei den autistischen Kindern.

Das Kind nimmt natürlich irgendetwas wahr in ihnen.

[00:39:04.620] Dr.med. Ursula Davatz: Eine gewisse Akzeptanz, nicht eine Dominanz,
sie wollen irgendetwas machen, sondern sie lassen das Kind so sein, wie es ist.

Irgendetwas Tolerantes hat es in ihnen wahrgenommen.

Wenn man jetzt Pech gehabt hat, dass es einen ablehnt, dann kommt man schon auf
eine höhere Stufe.

Dann müsste jemand anders vielleicht helfen.

[00:39:38.580] Dr.med. Ursula Davatz: Was passt dir nicht an dieser Frau?

Was siehst du in ihr?

Was für Eigenschaften attribuierst du ihr?

Es müsste jemand anders reinkommen und ein bisschen fragen.

Dann beginnt schon die menschliche Interaktion.

Mein Sohn hat mir immer Fotos gezeigt von Politikern, bekannten Leuten..

Was findest du zu dem?

Ich habe nicht gewusst, wer es ist. Ich musste einfach eine Analyse machen.

[00:40:10.920] Dr.med. Ursula Davatz: Man analysiert natürlich visuell, was ist das für
ein Mensch.

Man drückt in seinem Gesicht auch etwas aus.

Ich könnte jetzt nicht genau sagen, das ist das und das ist das.

Es ist immer das Ganze, das es ausmacht.

Ist jemand flexibel, ist jemand ehrgeizig, ist jemand ängstlich, ist jemand weiss ich nicht
was.

Das ist Gesicht lesen.

Die die Mutter hat gesagt, sie haben Glück gehabt.

Ich würde sagen, nein, sie haben etwas recht gemacht.

[00:40:45.900] Dr.med. Ursula Davatz: Das ist nicht einfach nur Glück.

Das ist immer schon eine feine Interaktion.

Wenn das nicht geht, muss jemand anders reinkommen.

Wenn man die Beziehung nicht hinbringt, dann muss jemand anders reinkommen.

Dann kann man miteinander austauschen, wie erlebst du das Kind, auf was reagiert es.

Dann kann man das Wissen voneinander holen.

Macht das Sinn?

Man kann sagen: bei mir hat das funktioniert, bei mir das.

[00:41:20.940] Dr.med. Ursula Davatz: So lernt man das Kind dann immer besser
kennen.

Wichtig ist, dass, wenn das Kind einen ablehnt, dass man nichts forciert.

Ja, nicht!

Man sagt ganz allgemein, man sollte mit ADHS-Kindern mit low arousal umgehen.

Man muss immer einen ruhigen Zustand erreichen, sonst geht alles schief.

Sonst löst man sofort den Abstossreflex aus. Kampf oder Rückzug.

[00:41:54.960] Dr.med. Ursula Davatz: Sie müssen sich immer zuerst in einen ruhigen
Zustand versetzen und dann die Beziehung aufnehmen.

Nicht schon irgendetwas wollen von den Kindern.

Das erzählen alle Mütter von ADHS-Kindern, wenn man von einer Situation in die
andere wechselt, muss das sorgfältig und langsam passieren.

Nicht, oh, jetzt pressiert es, jetzt müssen wir gehen.

Das geht überhaupt nicht. Dann wird gesperrt, gesperrt, und dann braucht es eine
Stunde oder geht gar nicht.

[00:42:25.080] Dr.med. Ursula Davatz: Nicht dieses nervöse Gehabe.

[00:42:26.978] Bemerkung 8: Ich finde es einfach sehr schön, wie Sie es jetzt gesagt
haben.

Wir unterstellen den ASS-Kindern heute, dass sie keinen Blickkontakt machen, dass sie
das Gegenüber nicht wahrnehmen.

Sie haben es eigentlich so schön gesagt, Sie nehmen sehr genau wahr und sehr viel.

Ich finde das einfach noch wichtig, um das zu unterstreichen.

Der Blickkontakt kann auch eine Bedrohung sein. Wie lange kann man dem anderen in
die Augen schauen.

[00:43:07.800] Dr.med. Ursula Davatz: Eine Künstlerin, die hat ja im Museum of Modern
Art in New York, ist sie auf einem Stuhl gesessen, man hat ihr gegenüber sitzen
können, und sie hat einfach geschaut und geschaut und geschaut.

In der Ausstellung in Zürich haben sie dann gezeigt, wie lange die verschiedenen Leute
schauen konnten.

Dem anderen in die Augen schauen, ist ein Dominanzkampf.

Wer weicht zuerst aus? Das ADS-Kind weicht schon am Anfang aus. Es will nicht in
diesen Kampf hinein.

[00:43:39.180] Dr.med. Ursula Davatz: Das ist nicht Mangel an Respekt, das ist
Schüchternheit.

Wir erlauben fast keine Schüchternheit mehr.

Es müssen alle so Performance zeigen.

[00:44:09.960] Bemerkung 9: Schlussendlich hat das mit Achtung zu tun mit einem
Menschen, beim Begriff nicht in die Augen schauen. Man muss das dem Kind
antrainieren.

[00:44:37.994] Dr.med. Ursula Davatz: Wenn sie sagen antrainieren, sind wir schon auf
der belehrenden Seite.

ADHS/ADS Kinder, die müssen intrinsisch motiviert sein.

Wenn die Atmosphäre ihnen genug Sicherheit gibt, dann machen sie es. Wenn man sie
trainieren möchte, dann überfordert man sie.

Das ist schon forcieren.

Man muss akzeptieren, so lange sie das nicht können.

[00:45:14.520] Bemerkung 9: Machen die das selber irgendwann?

[00:45:16.747] Dr.med. Ursula Davatz: Ja, wenn sie genügend vertraut sind.

Die Chinesen geben einem auch nicht die Hand, die Engländer auch nicht. Die Japaner
auch nicht. Die machen nur so, die verbeugen sich.

Es gibt ganz verschiedene Begrüssungsrituale.

Bei den ADHS oder ADS oder ASS-Kindern, die gehen oft nicht mit diesen
Begrüssungsritualen.

[00:45:46.620] Dr.med. Ursula Davatz: Akzeptieren, nicht zwingen.

Ich höre dann Erwachsene, die sagen, ich musste die Hand gegeben.

Dann hasst man alle Leute, weil man allen Leuten in die Augen schauen muss.

[00:45:56.117] Bemerkung 10: Wenn die Kinder sich verabschieden, müssen sie mir in
die Augen schauen. Das stresst die Kinder nicht.

[00:46:39.840] Dr.med. Ursula Davatz: Wenn man sich entschuldigt, schüttelt man
schnell die Hand.

Das bringt nichts.

Ich mag lieber: Es tut mir leid.

Man kann beim Hand geben auch die Füsse anschauen.

[00:47:11.880] Dr.med. Ursula Davatz: Sie dürfen das als Regel sagen.

Das ist unsere Regel.

Das Kind übernimmt diese Regel dann, wenn es bereit ist.

Wenn man zu fest drückt, löst man immer Widerstand aus.

Ich vertraue ihrem Gespür, dass sie es schon im rechten Moment machen.

[00:47:48.120] Dr.med. Ursula Davatz: Beim Schizophrenen, wenn die einen akuten
Schub haben, darf ich denen nicht in die Augen schauen.

Die fühlen sich sofort bedroht.

Ich muss so ein bisschen neben durch, schon gerichtet oder ein bisschen runter oder
ein bisschen denkend, aber ja, nicht in die Augen.

In Zürich, an der Psychologischen Fakultät, haben sie Weißbüscheläffchen gezüchtet.

Wenn man ihnen in die Augen geschaut hat, dann haben die verlegen gelächelt.

[00:48:20.040] Dr.med. Ursula Davatz: Es kann eine Bedrohung sein.

Da muss man aufpassen, dass man nicht in die Bedrohung einsteigt.

Menschen, Kinder mit ADHS müssen intrinsisch motiviert sein.

Sie müssen ihren Fokus finden, speziell wenn es dann um das Adoleszentenalter geht.

Schon bei den kleinen Kindern, die haben Eigenschaften.

Wenn man immer gegen die vorgeht, dann schadet man ihnen.

[00:48:54.600] Dr.med. Ursula Davatz: Wenn sie den intrinsischen Fokus haben, dann
sind sie hyperfokussiert.

Das sind alle die Wissenschaftler, die berühmt geworden sind.

Albert Einstein, der war hyperfokussiert, der hat dann Tag und Nacht gerechnet an
seinen Theorien.

Seine Frau musste sagen, jetzt musst du aufstehen, jetzt musst du essen gehen, jetzt
musst du trinken, jetzt musst du schlafen gehen.

Das ist dann in der High-Performer-Kategorie.

[00:49:25.080] Dr.med. Ursula Davatz: Denen muss man sagen: wir müssen Pause
machen.

Sie müssen ein intrinsisches, eigenes Ziel finden.

[00:49:57.120] Bemerkung 11: Bei uns an der Schule sind wir sehr gefordert.

Die intrinsische Motivation das zu machen ist nicht vorhanden.

Was machen wir dann?

Die Kinder arbeiten nicht vorwärts.

Da sind wir sehr gefordert.

Wie sollen wir dann reagieren?

[00:50:29.460] Dr.med. Ursula Davatz: Ok, du hast jetzt keine Lust, das interessiert dich
nicht, was interessiert dich dann?

Nichts?

Das kann es nicht sein.

Ich habe jetzt gerade ein Schulverweigerungskind.

Das ist schon im Kindergarten sehr schwierig gewesen, sicher ein ADS Kind.

Das interessiert sich für Steckenpferde.

[00:51:01.020] Dr.med. Ursula Davatz: Es hat selber Steckenpferde gekauft.

Ich habe heute Morgen eine Sendung gehört: Hobbyhorsing.

Das fand ich sehr interessant!

Reiten können nur die Vornehmen. Upper Class.

Pferde halten ist teuer.

Leute die kein Pferd halten können, haben ein Steckenpferd gemacht.

[00:51:32.340] Dr.med. Ursula Davatz: Hobbyhorse, so ist das Wort Hobby entstanden.

Jemand der kein Hobby hat, ist nicht interessant.

[00:52:06.060] Dr.med. Ursula Davatz: Bei einer Bewerbung wird man immer gefragt:
was sind Ihre Hobbys?

Lesen, Sport, ich weiss nicht was.

Heute gehört es zur Persönlichkeit, dass man ein Hobby hat.

Hobbyhorse hat sich zu einem positiven Begriff entwickelt. Es ist toll, wenn man ein
Hobby hat, dann ist man eine Persönlichkeit.

Der Schulverweigererin sage ich, dass sie recherchieren soll über Hobby Horse.

[00:52:39.060] Dr.med. Ursula Davatz: Es muss einem immer wieder irgendetwas
einfallen.

[00:52:43.597] Bemerkung 12: Ja, das ist klar.

Ich habe ein Bild jetzt gerade von einem Jungen.

Er braucht Begabungsförderung, aber wir haben keine Ressourcen.

[00:53:09.180] Dr.med. Ursula Davatz: Wenn es mit dem Kind nicht klappt, den ganzen
Lehrplan vergessen. Der bringt nichts, man kann alles nachholen, dann nur auf
Persönlichkeitsförderung gehen.

Es gibt Beispiele von Afrikanern, die nicht lesen und schreiben können, die als Bauern
gearbeitet haben, die dann mit 16 oder so nach Paris gegangen sind, alles nachgeholt.

Im Zweifelsfalle Lehrplan vergessen, ich sage jetzt sogar spülen, und mit dem Kind
etwas eigenes machen. Ich sehe die Kinder dann in der Psychiatrie, völlig kaputt
gemacht, und was braucht das für einen Aufwand, um die wieder herauszuholen?

Da sage ich, lieber Lehrplan spülen, gehen lassen, nicht erfüllen, aber das Kind nicht
kaputt machen.

Das ist für mich dann ein höheres Prinzip.

Ich habe ein paar Schulverweigerer, und ich musste sagen, es geht nicht, ich bringe sie
nicht zurück in die Schule, also gut, wir hören auf.

[00:54:41.100] Dr.med. Ursula Davatz: Heute kann man auch Homeschooling machen
und weiss ich nicht was alles.

Ich weiss, der Druck kommt von oben runter, aber ich mache kein Kind kaputt, wenn ich
merke, ich mache es wirklich schlecht.

Da sage ich dann: nicht über meine Leiche.

[00:54:55.456] Bemerkung 14: Es bringt dem Kind nichts, wenn es das 1×1 kann und
sonst nichts.

[00:54:59.014] Dr.med. Ursula Davatz: Es bringt dem Kind gar nichts!

Da gehe ich völlig weg von den regulierten Lehrplänen.

[00:55:21.420] Bemerkung 15: Die Kinder brauchen mich häufig zum regulieren.

Gleichzeitig möchte ich ihnen auch den Ball zurückgeben.

Das ist sehr streng.

[00:56:10.740] Dr.med. Ursula Davatz: Ein Beispiel von einer Handarbeitslehrerin.

Ich rede jetzt von geteilter Aufmerksamkeit.

Man kann nicht sich ständig nur auf das Kind konzentrieren, sie haben immer auch ein
Kollektiv.

Sie sind dem Kollektiv gegenüber verantwortlich und sie sind im Kind gegenüber
verantwortlich.

Da hat mir eine Lehrerin das Beispiel gebracht, der hat einfach immer gestört, gestört,
gestört.

Sie hat aber mit ihrer Arbeit weiterfahren wollen.

Dann hat sie gesagt, ich sehe, du kannst das jetzt nicht, du darfst, nicht du musst, du
darfst vor die Tür gehen und wenn ich der Klasse alles erklärt habe, komme ich dann zu
dir.

Das ist geteilte Aufmerksamkeit.

Sie müssen zuerst das Kollektiv bedienen und dann das Kind.

Nicht vor der ganzen Klasse.

Denn dann, muss immer die ganze Klasse zuschauen, fühlt sich benachteiligt, das Kind
ist bevorteilt.

Da muss man einen Weg herausfinden, wie man es macht.

Früher hat man Kinder, die nicht mitgespielt haben, hat man einfach vor die Tür
geschickt.

Das war eine Bestrafung.

[00:56:48.060] Dr.med. Ursula Davatz: Letztens hat mir auch eine Lehrerin gesagt, ich
sage, ich sehe, deine Aufmerksamkeit ist jetzt nicht mehr da, du darfst jetzt fünfmal die
Treppe rauf und runter rennen oder um das Schulhaus herumrennen.

Du darfst eine physikalische Aktivität machen.

Nicht als Strafe, sondern weil du das brauchst.

[00:57:18.240] Bemerkung 16: Manchmal geht das.

Manchmal habe ich dazu die Kraft nicht mehr.

Beim dritten Mal um das Schulhaus rennen, will das Kind immer noch mehr, es wurde
langweilig.

[00:57:21.482] Dr.med. Ursula Davatz: Wenn sie keine Idee mehr haben, könnten sie
zum Kind sagen: hast du eine Idee, was du jetzt machen könntest?

Sie können sogar die Klasse fragen, hat einer von euch eine Idee, was der jetzt machen
könnte?

Der mag jetzt hier nicht mehr aufpassen, der stört euch ständig, weil er einfach nicht
anders kann.

[00:57:51.300] Dr.med. Ursula Davatz: Da würde ich das Kind fragen und die Klasse als
Ressource.

[00:58:09.326] Bemerkung 16: Ich merke wie ich dabei an meine Grenze komme.

Ich beginne von vorne.

[00:58:23.880] Dr.med. Ursula Davatz: Das glaube ich.

Sie dürfen auch sagen: jetzt weiss ich nichts, jetzt muss ich studieren.

Sie dürfen ihre Ohnmacht offen zugeben.

Das ist besser als so zu tun als ob sie alles im Griff haben.

[00:58:55.860] Bemerkung 16: Ich habe das Gefühl, ich habe so viel schon probiert,
eben und es kommt immer wieder Neues.

[00:59:02.992] Dr.med. Ursula Davatz: Das ist einfach der Zustand der ist.

Sie können sagen: jetzt bin ich am Anschlag, wer hilft?

Sie dürfen die Ressource von der Klasse verwenden.

Es gibt immer Alphatiere mit einer Idee.

[00:59:27.060] Bemerkung 17: Das habe ich auch schon erlebt.

Wenn man ein Kind hat, das spezielle Bedürfnisse hat, wie jetzt du gerade eingebracht
hast, und daneben hat man auch noch Schwache und die Starken.

Es reisst wirklich und das erschöpft.

Dann verliere ich die Geduld mit mir selber.

[01:00:15.540] Dr.med. Ursula Davatz: Da sage ich jetzt, wenn sie all die individuellen
Bedürfnisse sehen, und sie können die alle nicht gleichzeitig befriedigen, da können sie
wieder wechseln zum absolut autoritären Schulgeben.

[01:00:47.700] Dr.med. Ursula Davatz: Früher waren die Lehrer viel autoritärer.

Der Lehrer, der Pfarrer und der Arzt waren Autoritäten vom Dorf.

Das ist einfach so gemacht worden.

Da haben sich auch die ADHS-Kinder halt einfach angepasst.

Wenn alles ein bisschen zu fest auseinandergeht und sie müssen es früh genug
merken, dann dürfen sie autoritärer reinkommen und sagen, jetzt ist da so ein, was
wollen wir sagen, ein Flohhaufen, jetzt muss ich durchgreifen.

[01:01:18.840] Dr.med. Ursula Davatz: Heutzutage ist Schulgeben viel, viel schwieriger.

Man tut einerseits sehr individuell, was gut ist, Schulgeben, aber wenn es dann darauf
ankommt und alles durcheinandergeht, müssen sie wieder autoritär werden.

Sie müssen wechseln zwischen sehr individualistisch und hochautoritär.

[01:01:52.260] Bemerkung 18: Gewissen Kindern tut das sehr gut!

[01:02:23.040] Dr.med. Ursula Davatz: Ein Gong, denn erschrecken alle.

Hochautoritär und hochindividualistisch.

Das ist eine hohe Anforderung.

[01:02:28.375] Bemerkung 18: Ich merke dann auch, wenn ich die Autorität habe und
sie können runterfahren, kann ich auch wieder auf das einzelne Kind zugehen und
fragen: und was brauchst du jetzt, damit du weitermachen kannst?

Für die, die spezielle Aufmerksamkeit brauchen.

Wenn ich alle gleichzeitig bedienen möchte, das geht nicht.

Ich muss alle auf einen Punkt zurückholen, wo ich wieder anfangen kann.

[01:02:53.700] Dr.med. Ursula Davatz: Verwenden sie den Gong.

Dann wirklich autoritär, dann reden nur noch sie, sonst niemand.

[01:03:24.360] Bemerkung 19: Wenn man so einen Fall hat: Lehrplan über den Haufen
schmeissen, was braucht es, damit man den Schritt machen kann?

[01:03:56.460] Dr.med. Ursula Davatz: Ich sage als Ärztin wie man es machen soll.

Es kommt auf den Ort an.

Das KESB sagt dann, das Kind muss in die Psychiatrie.

Ich habe Leute aus der Kinderpsychiatrie, das ist ein Durcheinander, eine
Überforderung, sicher keine günstige Atmosphäre, dass sich ein autistisches Kind gut
entwickeln kann.

Alles andere als in die Psychiatrie.

Wir müssen zusammen einen Weg finden.

[01:04:32.460] Bemerkung 20: Wir haben einen Bildungsauftrag.

Ich wäre absolut bereit, so etwas zu machen, das weiss ich.

Es gibt so einen gewissen Hemmschuh, weil man Angst vor den Konsequenzen hat,
dass der Lehrplan über den Haufen geschmissen wurde.

[01:05:05.760] Dr.med. Ursula Davatz: Man muss mit den Eltern zusammenarbeiten.

Ich hatte ein traumatisiertes Kind. Das wurde am ersten Kindergartentag von der Mutter
weggerissen und eingesperrt.

Das Kind hat ein Schultrauma entwickelt.

Das kann nicht mehr in die Schule gehen ohne Begleitung.

Die Begleitung machen jetzt die Grosseltern.

[01:05:39.480] Dr.med. Ursula Davatz: Man muss mit den Eltern zusammen kämpfen,
da habe ich jetzt als Ärztin noch geholfen und es hat noch einen Kinderpsychiater
drinnen und wir haben es jetzt hingebracht.

Der ist ganz sicher ein ADHS-Kind, er ist jetzt, in der dritten Klasse oder in der vierten
Klasse.

Wir konnten ihn beruhigen. Wenn wir den in ein Heim gesteckt hätten oder in die
Psychiatrie, wir hätten ihn nur kaputt gemacht.

Da hat die Psychiatrie keine Antwort. Das sind dann lauter schwierige Kinder. Was
macht man? Medikamente und sonst nichts.

[01:06:17.580] Bemerkung 21: Man könnte den Ball viel flacher behalten, wenn man
niederschwelliger intervenieren kann.

Ohne KESB etc.

[01:06:51.120] Dr.med. Ursula Davatz: Das stimmt.

Jede Situation ist anders.

Die haben nicht mit den Eltern zusammengearbeitet, die Mutter war nicht einfach.

Das ist dann so.

Mit dem Aufwand der Grosseltern haben wir erreicht, dass das Kind wieder in die
Schule gehen kann.

[01:07:22.200] Bemerkung 22: Wenn das Kind als Beispiel nur Hobbyhorsing macht.
Wenn es eine Lehre macht, dann müssen die Arbeitgeber das respektieren.

[01:07:53.700] Dr.med. Ursula Davatz: Das muss nicht so sein.

Es geht mir um die Persönlichkeitsentwicklung vom Kind.

Und es geht um die Integration in der Gruppe.

Die Integration in der Gruppe ist auch immer ein Thema, gerade von einem Lehrer.

[01:08:24.240] Dr.med. Ursula Davatz: Der Sha von Persien war für fünf Jahre in einer
Schweizer Schule.

Er hat viel gelernt über Integration.

Er ist dann wieder in den autoritären Führungsstil zurück gefallen und wurde verjagt.

[01:08:58.980] Dr.med. Ursula Davatz: Der Lehrer hat die Aufgabe, das Individuum zu
fördern.

Immer auch in der Gruppe.

Das muss man auch so sagen. Man kann nicht nur den Individualismus fördern.

Es geht immer auch um die integration.

Die Kinder können das nicht unter sich lösen.

Die Lehrperson ist eine ganz wichtige Figur die hilft beim sozialisieren.

[01:09:29.820] Dr.med. Ursula Davatz: Das dürfen sie einfordern von beiden Seiten.

Vom Individualist und von den Braven.

Wie können wir dem Kind erleichtern, dass es in der Gruppe mitmachen kann.

[01:10:01.020] Dr.med. Ursula Davatz: In der BEZ in Turgi sind immer drei
Lehrpersonen zu mir gekommen, wenn sie Probleme hatten.

Ein Junge ist immer abgehauen.

Mit der Klassenlehrperson, dem Schulleiter und den Eltern hatten wir eine Sitzung. Das
Kind war nicht dabei.

Jedes Kind von der Klasse musste den Jungen eine Woche lang begleiten.

Neben ihm sitzen, ihn einerseits beschützen, aber auch sagen, du musst jetzt
mitmachen.

Von den eigenen Kollegen wird das eher akzeptiert.

Das haben wir gemacht und die Mädchen haben angefangen, die Jungen haben dann
weitergemacht und jedes Kind hat ihn eine Woche begleiten dürfen.

Der ist davor immer abgehauen, Fluchtreflex.

Einmal ist er wieder abgehauen. Es war Turnunterricht und ein Mädchen hätte ihn
begleiten sollen.

Sie konnte nicht mitgehen, weil sie dort nicht dazugehört hat.

Dann ist er wieder abgehauen.

[01:10:33.480] Dr.med. Ursula Davatz: Der hat die Schule fertig macht.

Er kam ab und zu zurück in die Schule und hat gesagt wie es ihm geht.

Man muss immer wieder eine neue Lösung finden.

Es geht darum, das Individuum zu fördern und die Gruppenintegration.

Es geht nicht, dass einer alle tyrannisiert, so wie wir es jetzt in der Politik haben.

[01:11:04.200] Dr.med. Ursula Davatz: Da kommen dann die anderen Länder und
sagen, also da kommt dann der Osten und sagt, dass wir degeneriert sind.

Das stimmt.

[01:11:35.820] Dr.med. Ursula Davatz: Wenn wir zuviel nur auf den Individualismus
gehen, bleibt die Sozialkompetenz auf der Strecke.

[01:12:08.340] Bemerkung 23: Die Kinder finden so ihren Weg?

Ich muss sie nicht davor schützen?

Der muss es doch können, sonst steht er mit 13 irgendwo anders an.

[01:12:11.849] Dr.med. Ursula Davatz: Nein, nicht schützen.

In der Schule haben wir individuelles Lernen und Gruppenlernen.

Ich will, dass ihr den Umgang untereinander lernt.

Das braucht eine Klassenstunde.

Die Expertise von den anderen Schülern herausholen.

Was würdet ihr jetzt mit dem machen? Was würdet ihr ihm vorschreiben?

Sie müssen nicht alles selber machen.

Sie müssen sagen, ich will, dass ihr lernt, miteinander umzugehen.

Macht das Sinn?

Das ist sehr wichtig.

In der ganze Politik sehen wir nur Einzelkämpfer.

[01:12:38.880] Bemerkung 24: Ich habe die Rolle an dieser Schule als School-Coach.

Entsprechend wenn Kinder zu mir kommen, versuche ich sie zu unterstützen.

Es gibt ADHS/ADS Kinder, die kommen mit einem grossen Gefühlschaos.

Ich versuche die durch den Prozess zu führen.

Zum Teil können sie sich für das Thema nicht entscheiden.

Dann wollen sie nur erzählen.

Ich komme dann in einen Rollenkonflikt.

War das jetzt sinnvoll?

[01:13:44.460] Dr.med. Ursula Davatz: Ja, das ist ein ganz wichtiger Moment.

Sie können nur mit sich und Ihrem Gefühl, wenn Sie merken, da kann ich mich jetzt
durchsetzen und das will ich jetzt von dir, dann können Sie Ihre Autorität verwenden und
sagen, ich will jetzt, dass du das lernst.

Nicht, dass du das machst, sondern, dass du das lernst.

[01:14:25.080] Dr.med. Ursula Davatz: Sie müssen aus dem Gefühlschaos rauslesen.

Wenn ich mit erwachsenen ADHS-Personen arbeite, die kommen auch mit
hunderttausend Sachen oder ich weiss nicht.

Dann sage ich: was sind die drei zur Zeit am wichtigsten?

Eins ist ganz wichtig, das andere ist wichtig und das dritte nur, wenn man noch Zeit hat.

Runterbremsen, weg von diesem Kampf.

Dann müssen Sie wählen.

Wenn Sie dann sagen, nein, ich weiss es nicht, gilt nicht, nochmal überlegen, mach
deine Augen zu.

[01:15:03.240] Dr.med. Ursula Davatz: Spüren.

So müssen Sie da natürlich mit den Kindern zusammen, was ist jetzt möglich und was
ist nicht möglich.

Wenn Sie merken, heute geht gar nichts, dann dürfen Sie auch sagen, ich habe das
Gefühl, heute geht gar nichts, wir brechen jetzt früher ab oder wir machen einfach
Spiele miteinander oder was auch immer.

Das muss ich Ihrer Intuition überlassen.

Sie müssen spüren, kann ich mich durchsetzen oder nicht.

Nur das Kind einfach immer machen lassen, was es will, das geht gar nicht.

[01:15:35.280] Dr.med. Ursula Davatz: Sie wollen es schon führen, aber Sie dürfen es
nur führen, wenn Sie spüren, ich kann es.

Ich kann mich durchsetzen.

Da wird dann oft gesagt, das Kind folgt es nicht.

Das Kind muss nicht folgen.

Folgen wäre eigentlich nur gut, es muss einem hinter her laufen.

Ich sage dann dort, man muss sich durchsetzen.

Sie müssen spüren, kann ich mich durchsetzen oder nicht.

Wenn ich einer Mutter beibringen will, wenn das Kind mit 16 noch im gleichen Bett
schläft, und ich sage, das müssen Sie ändern.

[01:16:07.680] Dr.med. Ursula Davatz: Die Mutter muss sich dann vornehmen: wann
wird das geändert und wie setzt sie es durch.

Wenn die Mutter sagt: ja, das geht sowieso nicht.

Dann sage ich: ja, dann müssen Sie gar nicht anfangen.

Sie müssen eine innere Haltung haben, ich setze mich jetzt durch.

Das können nur Sie spüren in der Situation.