Temperamentgerechte, innovative Kinderbegleitung

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Dr.med.Ursula Davatz
14.11.2022
Temperamentgerechte, innovative Kinderbegleitung
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Dr.med. Ursula Davatz (00:01)
Also, als Titel habe ich gewählt "Temperamentgerechte, innovative Kinderbegleitung".
Ich frage Sie jetzt, in welchem Bereich sind Sie? Mit welchen Kindern arbeiten Sie?

Bemerkung 1 (00:20)
Ich bin mit Katechetin und begleite Kinder von der 1. bis zur 5. Klasse.

Bemerkung 2 (00:28)
Erster Zyklus Kindergarten. Meine eigenen Kinder möchte ich zu Hause unterrichten.

Dr.med. Ursula Davatz (00:33)
Ah, Homeschooling. Interessant.

Bemerkung 3 (00:35)
Ich bin im therapeutischen Set.

Bemerkung 4 (00:40)
Ich mache die Schule einfach so. Ich habe schon grössere Kinder.

Bemerkung 5 (00:46)
Ich habe drei Kinder, zwei im ersten Zyklus, grosser Kindergarten und in der ersten
Klasse. Homeschooling.

Dr.med. Ursula Davatz (00:53)
Sehr interessant, habe ich nicht realisiert. Zuerst ein paar Gedanken. Ich sage immer,
dass Erziehung ein grosses Gebiet ist. Ich habe letztens einen Affenfilm angeschaut.
Ein Affenkind klettert an einem Baum hoch. Dann zieht die Mutter das Kind wieder
runter am Arm zu sich. Dann geht das Kind zu der Mutter und besänftigt sie. Vermutlich
hat die Mutter einen Angstschrei ausgestossen und dann muss sie die Mutter so küssen
und besänftigen. Das ist unglaublich. Mit dem will ich sagen, dass Mutter und Kind eine
Einheit sind. Die Mutter will das Kind aufs Leben vorbereiten, möglichst gut. Aber Kinder
sind von Natur her sehr explorativ. Gewisse Kinder sind ängstlich, andere Kinder sind
eher explorativ, und die, die sehr explorativ sind, holen dann die Eltern und Mütter der
Erzieher zum Teil wieder zurück. Und die Affenmutter macht das, sie zieht das Kind
oben runter und das Kindchen beruhigt dann die Mutter. Ich arbeite sehr viel mit ADHS
Kinder und ADHS Erwachsenen. Menschen mit ADHS die haben einen anderen, ich
sage jetzt, es wird genetisch vererbt, sie haben einen anderen Neurotyp, einen anderen
Wahrnehmungstyp, einen anderen Explorationstyp und einen anderen Lerntyp. Das
heisst, man muss zuerst wissen, wie sie funktionieren. Erziehung wird immer als
Anpassung an die Gesellschaft gedacht, an unsere Normen, an unsere Gegebenheiten.
Das Kollektiv hält nur zusammen, wenn gewisse Normen von allen eingehalten werden.

Dr.med. Ursula Davatz (03:08)
Heute Morgen kam ein Beispiel von Schweden am Radio. Schweden gilt als eine sehr
fortgeschrittene Gesellschaft. Aber sie haben die höchste Bandenkriminalität in Europa.
Und da denkt man sich, wieso? Und da denke ich, da werden Sachen gemischt. Wir
denken, wenn wir in unserer Gesellschaft leben, alle, die zu uns kommen, würden dann
gleich unsere Normen annehmen. Aber das ist nicht so. Und im Gegenteil, in Schweden
ist es eine sehr weiche Normalität. Man erwartet von jedem, dass er sich gut benimmt.
Er hat ja das gelernt in seinem Elternhaus. Dann kommt auch eine ganz andere Kultur
rein, eine Kultur, die patriarchale Strukturen eher grobe Strukturen hat, eher
autokratisch, männlich dominant. Und die haben dann auf einmal ein riesiges Spielfeld,
wo sie sich verwirklichen können. Und die kommen voraus und die Schweden sind
dann hinten drin und müssen dann mit ihrem Polizeisystem kommen. Also man kann es
vergleichen mit einem Körper, der keine Abwehr hat, weil er zu steril aufwächst und
dann kommt ein Bakterium oder ein Virus rein und übernimmt alles. Also mit dem
möchte ich sagen, es gibt ganz verschiedene Erziehungen, es gibt ganz verschiedene
Sozialisierungen und wir müssen wissen, was unsere Normen sind und unsere
Sozialisierung.

Dr.med. Ursula Davatz (04:56)
Wir müssen aber auch wissen, was das individuelle Temeprament des Kindes ist, das
wir erziehen wollen. Also das wir bei uns sozialisieren wollen. Und wenn das Kind ein
sehr sensibles, feines Kind ist, ein feines, dann passt es sich ihrem Gesichtsausdruck
an. Also wenn sie merkt, sie haben etwas nicht gern, dann geht das Kind gleich auf sie
ein. Wenn das Kind eher ein temperamentvolles, exploratives, wildes Kind ist, geht es
viel weiter. Und dann muss man andere Methoden verwenden, um, ich könnte jetzt
sagen, ihm Grenzen zu setzen oder ihm ein Gegenüber zu sein. Sonst wird man
einfach überrannt. Und in dem Sinn, in unserer westeuropäischen schweizerischen
Erziehung. Wir sind ja auf eine Art ein Erziehungsland. Pestalozzi war einer der
berühmten Erzieher. Ich lebte fünf Jahre in Amerika. Als ich zurückkam, dachte ich, wow
wo bin ich hier gelandet. Ich werde überall erzogen. Es wird mir überall gesagt, dass ich
es so oder so machen muss. Wir legen viel Wert auf Erziehung und Normierung. Aber
wenn wir ein Kind haben, das ein wildes Temperament hat, eine andere Wahrnehmung,
aber gleichzeitig sehr sensibel ist, und das ist bei den ADHS Kindern der Fall, sie sind
sehr sensibel, haben aber auch ein starkes Temperament. Und was passiert dann,
wenn wir sie verletzen in ihrer Sensibilität, dann reagieren sie aggressiv.

Dr.med. Ursula Davatz (06:43)
Und dann haben wir die Tendenz, die Aggressivität zurückzubinden, ohne dass wir
wissen, warum es eigentlich so aggressiv wird. Ohne die Verletzung anzuschauen. Und
darum sage ich, wir müssen es artgerecht erziehen, Wir müssen erst herausfinden, wie
das Kind funktioniert, auf was es sensibel ist. Wenn man dem Kind direkt auf den Fuss
trampelt, wo es sensibel ist, dann kann es sich nicht anders als aggressiv sich wehren,
denn es muss sich verteidigen.

Bemerkung 6 (07:15)

Für das passt doch jetzt gleich mein Kärtchen. Nicht die Aggression weghaben wollen,
an die Verletzlichkeit herankommen und verstehen.

Dr.med. Ursula Davatz (07:28)
Absolut, 100% richtig! Es hat überhaupt keinen Sinn, die Aggression wegzuhaben,
wenn man nicht weiss, was die Verletzung ist. Man kann nur herausfinden, was die
Verletzung ist, wenn man genauer hinschaut. Wenn wir Tiere erziehen, also jeder
Dompteur weiss, er muss auf das Wesen des Tieres eingehen, sonst bringt er gar
nichts hin. Aber wir Menschen denken, wir seien alles Menschen und schon normal.
Dann können wir immer die gleiche Methode verwenden. Und das geht nicht. Da
heutzutage immer alles schnell und erfolgreich sein muss, meint man, man könne
gerade mit seiner verbalen Erziehung kommen. Man kann über Worte erziehen. Die
Worte sind das Letzte, mit dem man erziehen kann. Die unbewusste Erziehung, das
Model Learning, läuft über das Schauen. Und in diesem Sinne müssen wir, wenn wir
Erzieher sind, an erster Stelle gute Vorbilder sein. Wir müssen nicht auf das Kind
einreden, sondern ein Vorbild sein und dann schaut es ab. Denn es wird viel mehr an
Erziehung weitergegeben über das Vorbild als über das Schwatzen. Und da sagt man
ja, auf Englisch sagt man "Do what I say, don't do what I do." Auf Latinisch sagt man:
"Quod licet Iovi, non licet bovi", was dem Jupiter erlaubt ist, ist dem Ochsen nicht
erlaubt.

Dr.med. Ursula Davatz (09:24)
Also ich als Vorbild darf mich anders verhalten als du als Untertan. Und das gilt
heutzutage nicht mehr. Also es wird natürlich immer noch verwendet, das ist ganz klar.
Aber aus meiner Sicht funktioniert es nicht und ist das keine gute Erziehung. Wir
müssen vorleben, wir müssen nicht vorreden.

Bemerkung 7 (09:56)
Ich kann als Erwachsener nicht schräg über den Zebrastreifen oder vor dem
Zebrastreifen und vom Kind verlangen, dass es beim Zebrastreifen durchgeht.

Dr.med. Ursula Davatz (10:02)
Ganz genau. Ich muss vorleben. Denn die Erziehung läuft am besten über das über das
Nachmachen. In Afrika gibt es Beispiele, da sagt der Bauer, Du hast es falsch gemacht,
wenn das Kind falsch Reis gepflanzt hat. Schau genauer. Beobachte, wie ich es mache.
Und dann macht er es wieder und dann muss das Kind es nachmachen. Im Sport läuft
es auch so, da muss man nachmachen muss. Das Imitieren ist viel stärker in uns als
das Hören, was gesagt wird. Das wäre das. Weiter kann man sagen, Kinder wollen von
Natur her lernen. Sie sind eigentlich lernbegehrig. Das ist in unserer Natur. Man hat
Untersuchungen gemacht, man hat den Kindern ein Spielzeug gegeben und hat alles
gesagt, wie das läuft, bis zum Ende. Dann hat es vielleicht 10 Minuten damit gespielt
und es war fertig. Dann gab man das gleiche Spielzeug gegeben und sagte, dass es so
und so weit läuft das so und so und jetzt kannst du selber weitermachen. Dann hat es
20 Minuten damit gespielt. Man gab dem Kind das Spielzeug und sagte ihm, dass es
damit machen könne, was man wolle. Dann hat es 30 Minuten damit gespielt. Sie
spielen länger damit, wenn sie explorieren können. Wenn wir den Kindern

vorwegnehmen, wie alles läuft, ihnen quasi alles vorkauen, dann binden wir ihre
Kreativität, ihre Lernfreudigkeit zurück.

Dr.med. Ursula Davatz (11:51)
Und ich sage dann auch immer, bei den kleinen Vögeln, da verkauen die Mütter das
Futter vor und füttern es dann. Das ist das Recht im Kleinkindalter. Den kleinen Kindern
geben wir Brei. Letztens habe ich zugeschaut, wie eine Mutter schon einem grösseren
Kind das Essen ins Mund stupft. An sich wollen die Kinder dann selber essen, also sich
selber füttern. Wenn wir den Kindern alles vorkäuen, dann geben wir ihnen fast food,
also prefabricated food, also schon verarbeitet.

Bemerkung 8 (12:36)
Es geht natürlich schneller und es gibt weniger Sauerei.

Dr.med. Ursula Davatz (12:40)
Das ist so, aber Lernen muss eine Sauerei geben, sonst lernt man nicht so gut. Sonst
werden alle gleich gestreamt.

Bemerkung 9 (12:52)
Also lernen muss einen Sauerei geben!

Dr.med. Ursula Davatz (13:00)
Lernen gibt immer Abfallprodukte. Da heute alles so schnell gehen muss, nimmt man
sich nicht die Zeit und schränkt die Kinder sehr viel ein und nimmt den Kindern ganz viel
weg. Bei der Erzierung geht es immer auch um die Sozialisierung, das heisst, dass die
Kinder die Normen lernen und sich an das Kollektiv anpassen. Da bringe ich immer das
Beispiel, wenn alle gleich sozialisiert werden, dann haben wir eine sogenannte
homogene Gesellschaft. Homogen geht von den Genen aus. Von der Biologie her sagt
man, wenn man eine homogene Gruppe hat, dann ist das weniger überlebensfähig.
Wenn ein Virus oder ein Störfaktor reinkommt, dann fallen alle um. Wenn wir eine
hetero-, und hetero heisst auch unterschiedlich, genetische Gesellschaft haben, wenn
dann irgendein Virus reinkommt, dann sterben Teile, aber andere überleben. Und ich
übertrage das jetzt auf die Erziehung, wenn unsere ganze Gesellschaft homogen
erzogen ist, dann rennen alle nach dem gleichen Schema und wenn das Schema in
einer gewissen Situation dann nicht hilfreich ist, rennen sie alle in den Abgrund. Und bei
den Lemmingen, die kennen das wahrscheinlich, die rennen ja dann ihrem Führer
hintendrein ins Wasser. Also in die Not, in den Untergang.

Bemerkung 10 (14:45)
Das ist doch genau das, was die Schule macht.

Dr.med. Ursula Davatz (14:52)
Ja, die Schule will viel zu stark homogenisieren. Darum haben wir hier zwei
Homeschoolers. Wenn wir schauen, Deutschland hat die sogenannte preußische
Erziehung. Die preußische Erziehung, also Norddeutschland, hat Soldaten erzogen. Die
Soldaten haben nur einen Befehlshaber, die müssen dem hinterher rennen und alles so

machen, wie es gesagt wird. Und im letzten Weltkrieg ist eine relativ homogene Masse
über die Verführung von Hitler. Und wenn man alte Filme anschaut, wie die Menschen
in Reihe und Glied marschieren und wie die mit Freude begrüsst werden, dann kommt
einem das kalte Schaudern. Wie ist das möglich, dass man Menschen so uniformieren
kann? Etwas Ähnliches läuft jetzt in China. Die haben jetzt grossen Fortschritt gemacht.
Über Produktion und über unsere Wirtschaft konnten sie sich hier gross bereichern.
Jetzt ist der Xi Jinpiong daran die Chinesen zu uniformieren. Jetzt noch mit
elektronischen Mitteln und das ist eine Katastrophe.

Bemerkung 11 (16:02)
Wenn man seine Biografie kennt, kann man es verstehen. Nicht befürworten aber
verstehen. Aber wenn man bei uns das Bargeld abschafft, sind wir auch soweit.

Dr.med. Ursula Davatz (16:26)
Die Schweiz ist ein Land, das Individualismus erlaubt oder sogar fördert. Bei uns ist es
dann Föderalismus. Jeder Kanton hat etwas anderes. Wir haben unglaublich viele
Dialekte. Das ist erstaunlich wie viele. Aber die gehen langsam auch ein bisschen
zurück. Die verwaschen sich ein bisschen. Aber ich denke, in unserer Tradition ist es,
dass man Unterschiede erlaubt, Individualismus erlaubt. An jedem Ort mehr oder
weniger. Aber wir müssen es auch wieder bewusst fördern.

Bemerkung 12 (17:04)
Aber die Migration ist für das eine faire Gefahr, dass man das Individuelle nicht mehr
fördert.

Dr.med. Ursula Davatz (17:13)
Weil so viele Migranten reinkommen?

Bemerkung 12 (17:17)
Ich habe ja jetzt gelesen, dass sie im Aargau in den Pausen nur noch Hochdeutsch
sprechen dürfen.

Dr.med. Ursula Davatz (17:28)
Das ist aber nicht wahr?

Bemerkung 12 (17:30)
Ich verstehe, dass sich Schweizer Kinder nicht ausgrenzt fühlen, weil sie es nicht
verstehen. Aber wenn ich plötzlich nicht mehr in meiner Muttersprache sprechen darf,
das macht das etwas mit mir. Das sagt doch auch mir, dass meine Muttersprache, mein
Mutterland nicht okay ist.

Dr.med. Ursula Davatz (17:56)
Durch die vielen Einwanderungen, müssen sehr erfinderisch sein, im Normieren, im
sozialen Regeln lernen. Wir müssen aktiv sein, immer wieder vorleben, uns bewusst
werden. In unserer Erziehung ist viel zu viel Fokus auf das Intellektuelle. Auf das Reden
und das Lineare. Die soziale Gesellschaft ist interaktiv. Wir haben ein soziales Netzwerk

in unserem Hirn. Dieses soziale Netzwerk muss gut verknüpft werden. Je komplexer
das verknüpft wird, je mehr wir lernen, umso anpassungsfähiger werden wir dann. Wir
haben doch immerhin vier Sprachen in unserem Land. Die meisten Leute kennen zwei,
manchmal sogar drei. Von dort her haben wir eine relativ gute Voraussetzung. Aber auf
tiefer Ebene und mit den Kindern passiert zum Teil eine zu starke Normierung. Also
eben Fast Food Methoden. Das wären schon ein paar Gedanken. Vielleicht noch eins.
Das sind alles Leitsätze auch vom Joachim Bauer. Keine Erziehung ohne Beziehung.
Das ist so. Erziehung geschieht immer in der Beziehung. Ohne Beziehung kann man
nicht erziehen. Das sagt man immer, man lernt nicht für den Lehrer. Aber man lernt
doch für den Lehrer. Die Beziehung muss da sein. Das ist ein Irrtum, dass man nicht für
den Lehrer lernen könnte. In der Schule lernt für den Lehrer. Das ist ganz klar.

Bemerkung 13 (20:07)
Ich habe mal gehört, vor 16 Jahre kann man das gar nicht einfordern.

Dr.med. Ursula Davatz (20:07)
Das stimmt. Da würde ich hundertprozentig beistimmen.

Bemerkung 13 (20:15)
Dass man nicht für den Lehrer lernt?

Dr.med. Ursula Davatz (20:19)
Erst ab 16 Jahren.

Bemerkung 14 (20:21)
War das andere nicht von Gerhard Häuter?

Dr.med. Ursula Davatz (20:23)
Ja, der sagt auch solche Sachen. Piaget sagt, dass man als Kind nicht dezentrieren
kann. Man schaut die ganze Welt an, mit seinen Augen und seinem Weltbild. Und erst
ab der Pubertät, also 16, kann man lernen zu dezentrieren. Dann kann man sagen: ich
sehe es so, aha Du siehst es anders, das ist auch recht.

Bemerkung 15 (20:53)
Aber das wird schon im Kindergarten und vorher erwartet.

Dr.med. Ursula Davatz (20:56)
Das ist falsch. Das Kind kann es wirklich nur aus seiner Sicht gesehen.

Bemerkung 15 (21:02)
Und dem sagt man dann Empathie. Und wenn das Kind das nicht kann, ist es
empathielos.

Dr.med. Ursula Davatz (21:12)
Das ist unglaublich. Wenn das Kind schon im Kindergarten es wie der andere sehen
muss, und wenn es das nicht gerade kann, ist es empathielos. Da löst man die

Individualität, die Persönlichkeit des Kindes auf. Wir Menschen sind soziale Wesen, wir
haben soziale Gene. Wir leben als Gruppe. Ich habe es auch immer mit Frans De Waal
und dem Buch "Bonobo und/oder der Atheist". Da sieht man ganz klar, wir haben
soziale Gene und wir sind sozial. Und das muss man uns gar nicht beibringen. Und in
dem Sinn ist ein Kind sofort wieder sozial. Es hat Empathie, wenn es nicht verletzt wird.
Aber sobald es gekränkt wird oder verletzt wird, muss es abwehren. In dem Moment
kann es nicht sozial sein. Und die Abwehrreaktion sieht man bei allen Tierarten. Und
letztens habe ich gelesen, dass der Tintenfisch den anderen Schlamm anschmeisst,
wenn er sich wehrt. Das geht bis tief in die Tierarten, dass sie sich wehren, wenn sie
sich bedrängt fühlen. Wenn ein Kind aggressiv ist, fühlt es sich immer bedrängt,
verletzt. Das ist ein Instinkt, den man nicht wegmachen kann. Aber das Sozialverhalten
ist auch ein Instinkt. Wenn das Kind in Ruhe ist, ist es natürlicherweise sozial. Wenn
man schon zwingt zum sozial sein, bevor es sich wieder in die Mitte gebracht hat, dann
geht das gar nicht. Und da sind wir viel zu schnell. Wenn ein Konflikt passiert, heisst es,
man muss sich entschuldigen. Und das "Du musst dich entschuldigen" ist weil man sich
schuldig fühlen muss. Und das ist gar nicht gesund. Sich schuldig fühlen ist eine
Aufweichung des Ichs, eine Aufweichung des Selbsts. Da kommen wir mit unseren
Erwachsenen, moralischen Konzepten daher und unterwandern das Ego vom Kind. Er
wenn man das Ego vom Kind wieder integriert hat, gesund gemittelt haben, dann hat es
natürlicherweise Empathie.

Bemerkung 16 (23:15)
Beim Entschuldigung sagen tut sich das Kind erniedrigen und das andere Kind
erhöhen.

Dr.med. Ursula Davatz (23:37)
Viele sagen, dann ganz schnell "Entschuldigung" und verstehen gar nicht worum es
geht. Ich mag dieses Entschuldigen gar nicht.

Bemerkung 16 (23:38)
Die gewaltfreie Kommunikation sagt ja auch, man soll nicht das Wort "Entschuldigung"
nennen, sondern ich bedauere. Wenn ich etwas bedauere, dann ist etwas in mir
passiert. Ich bedauere mein Verhalten.

Dr.med. Ursula Davatz (23:50)
Ich würde weitergehen, nicht mein Verhalten, sondern die Situation, dass sie so schief
gelaufen ist, also der Prozess. Das Kind weiss es noch nicht so genau, Du hast mich
provoziert, ich habe mich gewehrt und Dich geschlagen, ich bedauere, dass wir es
zusammen nicht besser lösen konnten. Ich würde es so sagen. Ich würde sagen "Es tut
mir leid". Aber es ist das Gleiche. Es tut mir leid, dass es so schief gelaufen ist.
Eigentlich müsste man beiden Kindern helfen und auseinandernehmen, was gelaufen
ist. Beide beruhigen. Dann können sie natürlicherweise wieder spielen.

Bemerkung 17 (24:50)
Ich habe zwei Buben in der Klasse beobachtet, beste Freunde aus der Klasse. Dann
gab es einen Streit. Dann waren sie nicht mehr beste Freunde. Dann sind sie separate

Wege gegangen und danach waren sie wieder beste Freunde. Man muss also gar nicht
so viel machen.

Dr.med. Ursula Davatz (25:28)
Kinder sind viel flexibler als wir. Wir sind nachträgerisch. Kinder sind im Moment
explosiv und danach geht es wieder weiter. Ich habe immer gesagt, meine Kinder
können viel schneller vergessen, wenn etwas schief gelaufen ist und ich studiere noch
lange darüber nach und denke wie und was und wo. Die Agressionen laufen nicht über
Territorialverteidigung oder Geldverteidigung oder Frauenverteidigung. Die
Aggressionen laufen über: Ich bin beleidigt, Du hast mich verletzt. Bei all den
aggressiven Verhaltensweisen von Männern, wenn man wirklich zurückschaut, ist
immer eine Verletzung hintendran.

Bemerkung 18 (26:36)
Dort ist doch die unterschiedlichen Wahrnehmung.

Dr.med. Ursula Davatz (26:38)
Ja, absolut. Wenn wir in dieser Situation helfen wollen, können wir nicht gleich mit
unserer Moral kommen, sondern wir müssen zuerst den anderen wahrnehmen, woher
er kommt, wie er die Welt sieht, was ihn verletzt. Und erst dann können wir schlichten.
Und darum ist auch gewaltfreie Kommunikation eigentlich bedürfnisorientierte
Kommunikation oder bedürfniswahrnehmende Kommunikation. Also der, der aggressiv
wird, bei dem ist das Bedürfnis nicht befriedigt. Und wir müssen wahrnehmen, was ist
das Bedürfnis, das bei dem verletzt wurde, also nicht befriedigt wurde. Und dann sind
wir auch beim Narzissmus. Also man sagt ja heute ganz schnell, oh der ist narzisstisch,
das ist ein Narzisst. Und wir sind alle bis zu einem gewissen Grad narzisstisch. Aber
narzisstisch reagieren heisst immer, ich bin verletzt worden. Und man muss wissen,
was den Menschen, das Kind oder die Person verletzt.

Bemerkung 19 (27:51)
Kann man von einem Erwachsenen nicht erwarten, dass er nicht sofort reagiert, so wie
ein Kind?

Dr.med. Ursula Davatz (27:51)
Könnte man, wenn er bei uns aufgewachsen ist. Aber wenn er in einer Gesellschaft
aufgewachsen ist, in der der Vater das Sagen hatte, in der der Vater immer verrückt
werden konnte, Alle haben gekuscht, alle haben sich untergeordnet, dann hat er das
Vorbild. Ich kann mit meiner Verrücktheit alles regeln. Dann folgen mir alle, weil dann
alle Angst haben. Sie haben das dann toxische Männlichkeit genannt. Und das ist es.

Bemerkung 20 (28:36)
Kann man sagen, ein Erwachsener, kann so sein, wenn sein Bedürfnis nie validiert
wurde?

Dr.med. Ursula Davatz (28:51)

Kann man wahrscheinlich sagen, ausser individueller Entwicklung heraus. Ein
erwachsener Mann, der sich so benimmt, lebt ja nach einem Schema. Und er hat sich
auch immer untergeordnet. Wenn er dann erwachsen ist und oben an der Hierarchie,
dann macht er es auch so. Dann verhält er sich nach einem Schema und gar nicht
persönlich. Und da kann man sagen, ja sein individuelles Bedürfnisse ist nie respektiert
worden. Der Vater von Xi Jinping, wurde schwer gekränkt.

Bemerkung 21 (29:33)
Er musste doch noch wegen seinem Vater auch Stellung beziehen.

Dr.med. Ursula Davatz (29:35)
Ja, dort ist eine riesige Kränkung drin. Diese Kränkung wird jetzt mit dem Westen
wettgemacht.

Bemerkung 22 (29:51)
Sind die Banden in Schweden auch so eine homogene Masse?

Dr.med. Ursula Davatz (30:00)
Ich habe natürlich nicht alle Fälle angeschaut, aber ich denke, die kommen alle aus
Familiensystemen, wo eigentlich die familiäre Führung zum Teil verloren gegangen ist,
aber als Beispiel ist sie schon noch vorgelebt worden, also das Aggressive und das
leicht kränkbare ist vorgelebt worden. Und so sind einfach Männer. Und dann greifen
sie zurück auf das relativ primitive, aus meiner Sicht primitive Männerbild. Ich habe
jahrelang in der Strafvollzugskommission gearbeitet und die ganzen Geschichten der
Täter gelesen. Und da waren natürlich immer Verletzungen, Vater nicht richtig
vorhanden. Also die Kinder sind oft nicht in einem Schutzraum aufgewachsen. Und
wenn es darum ging, wieder Ordnung zu machen, dann meistens mit brutalen
Methoden. In meinem Medizinstudium habe ich auch noch erlebt, wie sich Chefärzte
relativ aggressiv benommen haben. Wir mussten das einfach hinnehmen, sonst wären
wir nicht weitergekommen. Da hat man auch einfach gekuscht. Man will ja seine
Karriere machen. Ja, was sind noch viele Fragen. Auf was können wir uns noch
fokussieren?

HotA als Erziehungsmediation zwischen Kind, Eltern und Schule

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Dr.med Ursula Davatz

21.10.2022

Hota als Erziehungsmediation zwischen Kind, Eltern und Schule.

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Dr.med. Ursula Davatz (00:01)
Ich möchte Sie alle ganz herzlich begrüssen zu diesem heutigen Abend. Ich habe mir
selber den Titel gegeben und ich könnte sagen "Hota als Erziehungsmediation zwischen
Kind, Eltern und Schule." Aber ich fange beim Kleinkind an. Ich sage, Erziehung zur
Gesundheit fängt schon beim Kleinkind an und zur Gesundheit kann man eigentlich nicht
erziehen. Erziehung ist immer Beziehungsarbeit. Und in diesem Sinne fängt Beziehung
natürlich schon, wenn das Kind geboren wird, nein, es fängt sogar schon in Utero, also
wenn das Kind noch im Bauch ist, läuft schon eine Interaktion zwischen Mutter und Kind
und natürlich auch zum Umfeld. Ich als Familientherapeutin bin sehr darauf ausgerichtet
Beziehungen anzuschauen und wie sie schon gesagt hat, HOTA hilft dann die
Beziehungen zu verbessern. In der Medizin sind die Gene sehr hoch gewertet, aber und
das als Gegensatz zum medizinischen Verständnis von Krankheiten und Gesundheit, und
es geht ja heutzutage um den Gesundheitstag heutzutage. Im Rahmen des
Gesundheitstages ist das organisiert. Der Mensch ist ein soziales Wesen und er überlebt
nur im Sozialverband. Das hat man schon untersucht mit dem berühmten Experiment von
René A. Spitz, wo man Kinder genährt, gefüttert, gewärmt hat und so weiter, gewickelt,
aber keine Beziehung hergestellt hat. Und die Kinder wären alle gestorben, wenn man
nicht aufgehört hätte damit, wenn man nicht mit denen wieder eine Beziehung hergestellt
hätte.

Dr.med. Ursula Davatz (01:53)
Jetzt, man kann denken, Beziehung ist an sich etwas Einfaches, das kann jeder, aber es
kommt immer darauf an, ob die beiden Personen zueinander passen. Und es gibt gute
Passungen zwischen Mutter, Vater und Kindern und später dann Lehrer und Kinder. Und
es gibt auch nicht so gute Passungen. Und im Augenblick, wo die Passung nicht so gut ist
zwischen Kind und Eltern, ich sage jetzt mal Mutter, dann kann es Schwierigkeiten geben.
Und als Eltern hat man den Auftrag an sich selber, dass das, was man macht, immer gut
sein muss. Und wenn es nicht klappt und das Kind nicht richtig funktioniert, dann kommt
man unter Stress. Je mehr Eltern unter Stress kommen, umso mehr kommt das Kind auch
unter Stress. Im Augenblick, wo man unter Stress kommt und nicht mit dem Kind in Gang
kommt, dann ist das in der Regel mit Scham besetzt, also dass die Eltern sich nicht
trauen, Hilfe zu holen, denn sie müssten ja das können. Das müsste man ja von Natur her
können. Aber da sage ich, für alles holt man sich Hilfe, für Innenarchitektur, Berater, für
das Auto Auto, für alle möglichen Sachen holt man sich Hilfe. Aber zum Kinder erfolgreich
erziehen, da ist oft eine lange Leidensperiode, bis Eltern sich Hilfe holen gehen.

Dr.med. Ursula Davatz (03:28)
Ich habe gerade bei der letzten Veranstaltung mit einer der Ärztinnen gesprochen, mit
Frau Dr. Grobauer. Sie hat gesagt, wenn Kinder noch… Sie hat es mit der Säuglinge, also
sie hat die kleinen Kinder sehr gerne, sie ist Kinderärztin, also ja, Kinderpsychiatrin. Und
sie hat gesagt, wenn man mit den Eltern arbeitet, schon wenn das Kind ganz klein ist und
sieht, was nicht gut läuft und dann den Eltern einen Tipp gibt, wie sie es vielleicht ein
bisschen anders machen könnten. Nicht weil sie es falsch machen, aber es passt halt
nicht so gut zusammen. Dann kann man oft mit kleinen Korrekturen ganz schnell etwas

hinbekommen. Und von dort her sage ich, es ist wichtig, dass man sich so früh wie
möglich Hilfe holt und nicht stolz ist und denkt, ich müsste doch das alles können. Ich bin
eine schlechte Mutter oder ein schlechter Vater, wenn ich es mit meinem Kind nicht auf die
Reihe bringe. Jetzt bin ich ein bisschen kritisch mit dem Gesundheitssystem. Das
Gesundheitssystem ist relativ stark oder ausschliesslich auf das Individuum ausgerichtet,
auf das Kind. Und wenn das Kind Probleme hat, dann macht man an dem Kind etwas
herum. Und als Familientherapeut, als Systemtherapeut, und so ist die HOTA ausgerichtet,
schaut man immer Beziehungen und Interaktionen an.

Dr.med. Ursula Davatz (04:55)
Und in dem Sinn geht man ja in die Familie und schaut, wo funktioniert es nicht und kann
dann helfen, Veränderungen zu machen. Sie hat vorhin gesagt, es ist nicht top down oder
patriarchal, wird befohlen so und so wird es gemacht, sondern es ist immer Consent
Decision Making. Das kommt jetzt langsam auch in der Medizin. Man findet mit den Eltern
zusammen heraus, was gut für das Kind ist. Es ist also nicht ein patriarchaler
Erziehungsstil, der sagt, das ist richtig und das ist falsch, sondern man erarbeitet es
miteinander. Und das ist etwas ganz, ganz Wichtiges. Eigentlich wollen ja die Eltern
Experten sein von ihrem Kind und sie mögen es nicht so, wenn man ihnen dreinredet.
Aber wenn man es eben partnerschaftlich macht, dann sind sie sehr wohl froh um einen
Tipp. Und wenn sie dann noch merken, dass es gut geht, dann lassen sie sich natürlich
mehr sagen. Sie hat auch das Wort Prävention genannt. Seit ich seit 1980 im Kanton
Aargau tätig bin, habe ich immer für Prävention plädiert. Und Prävention läuft eben nicht
über Wissen. Ich habe dann so den Spruch kreiert: "viel Wissen um Gesundheit macht
noch nicht gesund". Sonst wären wir Ärzte speziell gesund, aber das stimmt überhaupt
nicht. Wir sind eher eine Risikogruppe. Viel Wissen und Krankheit macht noch nicht
gesund. Wir wissen sehr viel um Krankheit, aber wissen nicht so viel wie Gesundheit
entsteht. Da lege ich den grössten Wert auf die Interaktion, auf die Beziehung. Eine gute
Beziehung hilft stark bei der Gesundheit. Es gibt immer mehr Forschungen. Es gibt ein
Buch von Joachim Bauer, das sagt klar, eine gute Beziehung zwischen Kind und Eltern
und eine gute Beziehung zwischen Mann und Frau, allgemein eine gute Beziehung,
fördert Resilienz, fördert das Immunsystem, fördert Gesundheit. Und aus diesem Grund
legen wir am meisten Wert auf Beziehungsarbeit.

Dr.med. Ursula Davatz (07:24)
Wenn eine schlechte Passung ist, braucht man ein wenig Unterstützung und dazu ist die
Hota hier, dass sie einem hilft, einen anderen Stil herauszufinden. Im Titel heisst es
"Erziehungsmediation". Ich gehe jetzt weg von den kleinen Kinder und gehe zu
öffentlichen Erziehungssystemen. Heutzutage sind viele Kinder schon von klein auf in
einer Krippe, in einer Kita, im Kindergarten und dann in der Schule. Gestern war gerade
eine Veranstaltung des Dachvereins "Mittagstisch" oder "Begleitete Familien". Es sind alle
Mitarbeiterinnen gekommen, die die Kinder stellvertretend für die Eltern begleiten und
erziehen und mit ihnen zusammenkommen mussten. Da mussten wir viele Möglichkeiten
erarbeiten, sobald man Kinder in einem Haufen hat, also in einem Kollektiv, wird alles
etwas schwieriger.

Dr.med. Ursula Davatz (08:38)
Man kann es nicht genau gleich machen, wie wenn das Kind als Einzelkind oder mit zwei
Geschwistern zu Hause ist. In diesem Sinne braucht es immer mehr Wissen um
geschickte Erziehungsarbeit auch bei den Ersatzeltern, bei den Stellvertreter-Erzieher. Die
Eltern können nicht alles machen, viele sind auch berufstätig. Dann muss man auf das
zurückgreifen. Dann sind zum Teil die Erziehungsvorstellungen der Eltern und der
professionellen Erzieher nicht immer gleich. Dort kommt die Mediation rein, wo die HOTA

vermitteln helfen könnte, weil sie Erfahrung mit vielen unterschiedlichen
Erziehungssystemen hat. Wenn ich schaue, was das Herzensanliegen der Eltern ist, sie
wollen sicher das Wohl des Kindes, das emotionale Wohl, die emotionale Entwicklung, ein
gutes Sozialverhalten. Viele Eltern sind auch sehr am intellektuellen Wohl der Kinder
interessiert. In unserer westlichen Gesellschaft, sind wir eine sehr stark intellektualisierte
Gesellschaft. Man kommt nur weiter, wenn man eine gute Ausbildung hat. Je nachdem fällt
das einem Kind leicht, je nachdem halt nicht so. Und wenn dann die Eltern etwas vom
Kind wollen, das nicht geht, dann passt es nicht mehr. Dann ist diese Passung nicht so
gut. Und von dort her ist es auch wieder wichtig, dass man als Eltern lernt, auf das Kind
einzugehen und nicht nur das Kind als Verwirklichung der eigenen Sachen zu sehen.
Entweder verpasste Dinge, die man nicht erreichen konnte, oder dass es mindestens so
gut herauskommen muss wie wir selber, oder ein bisschen besser.

Dr.med. Ursula Davatz (10:36)
Wir Menschen wollen ja immer vorwärts kommen, es muss immer ein bisschen besser
werden, und das kann je nachdem dann zur Überforderung kommen. Wenn das Kind dann
in die Schule geht, dann haben wir hier das Schulsystem, und unser Schweizer
Schulsystem, oder mindestens deutschschweizer Schulsystem ist zum Teil ziemlich im
Argen. Man hat riesigen Lehrermangel. Ich weiss das vom Kanton Zürich, ich denke, im
Aargau ist auch Lehrermangel. Man holt jetzt irgendwelche Fachkräfte rein, die nicht
einmal ausgebildet sind. Und da frage ich mich, warum kommen nicht genügend
Menschen, Erwachsene in den Lehrerberuf? Und ich denke, es ist nicht nur Geld, sondern
es ist auch weil man offensichtlich nicht so gut weiss, wie man mit den Kindern heutzutage
umgeht. Früher war die Erziehung autoritär, alle mussten einfach folgen. Man hat
eingeschüchtert, wenn das Kind nicht gefolgt hat. Heute geht das nicht mehr. Heute will
man eigentlich individuelle Erziehung und dann hat man noch ein integriertes
Schulsystem. Dann sollten alle Kinder gut bedient sein. Das kann schwierig werden. Dann
haben die Eltern noch Erwartungen an die Lehrer und die Lehrer haben Erwartungen an
die Eltern. Da kann es dann leicht passieren, dass Eltern und Lehrer hintereinander
kommen, anstatt dass sie ja zum Wohl des Kindes also am gleichen Strick ziehen, also
das gleiche Interesse haben.

Dr.med. Ursula Davatz (12:31)
Eigentlich haben beide die gleiche Absicht, sie wollen beide das Kind gut erziehen, sodass
es eine verantwortungsvolle, erwachsene Person wird, dass es möglichst viel lernt. Aber
sie wollen mit verschiedenen Methoden vorgehen. Im Augenblick wo Eltern und Schule
und Eltern miteinander kämpfen, geht es dem Kind nicht so gut. Ich erlebe das viel. Ich
berate viele Eltern, die klagen einem, wie sie nicht verstanden werden im Schulsystem.
Und wenn ich mit den Lehrern spreche, dann sagen sie, die Eltern haben viel zu viele
Ansprüche, die sind grenzenlos und ich habe 24 Kinder und nicht nur eins. Und die Eltern
haben zu Hause nur eins. Und das wäre ein Moment, in dem man dann die Mediation
machen müsste. Und sich quasi auf den kleinsten gemeinsamen Nenner treffen. Denn
beiden wollen wirklich nur das Beste für das Kind. Und das wäre ein Moment, in dem die
Hota reinkommen kann. Und in dem ich dann eben sage, da können sie Mediation
machen. Die Präsidentin des Schweizer Lehrverbandes hatte mal einen Artikel in der
Zeitung. Ich glaube, es war sogar die "NZZ am Sonntag", in dem sie sagte, die Eltern
kämen rein wie Kampfschiffe oder Flaggschiffe. Ich weiss nicht, ob es jemand gelesen hat.
Haben Sie es gelesen?

Dr.med. Ursula Davatz (14:03)
Und dann habe ich gedacht, hoppla, das ist auch nicht so eine gute Beziehung. Und ich
habe sie dann interviewt und habe das auch auf meiner Webseite publiziert. Und sie hatte

dann auf eine Art die Haltung, das läuft alles gut laufe und ich sei von gestern, es sei jetzt
alles wunderbar. Leider treffe ich immer wieder, und nicht wenig, Eltern, die verzweifelt
sind. Und wo man das Kind dann sogar rausnehmen muss. Ich hatte ein Kind, das ein
ganzes Jahr zu Hause war. Die Mutter war fast verzweifelt. Die Schulpflege auch. Aber ich
habe immer die Hand über das Kind gehalten und gesagt, nein, wir probieren, wir
schauen. Wir haben immer wieder neue Pläne entwickelt. Und schlussendlich konnten wir
das Kind in eine andere Schule wechseln. Und jetzt läuft es bestens. Also eben, nicht
jedes Kind passt zu seinen Eltern, nicht jedes Kind passt zu jeder Schule. Respektiv, nicht
jede Schule passt zu jedem Kind. Und ich denke, da ist es wichtig, dass wir lernen, diese
Passungen zu verbessern. Und ja, da sehe ich eine potenzielle Rolle für die HOTA. Wir
sind am Anfang davon, aber ich denke, da gibt es noch sehr viel zu machen. Eine meiner
Spezialitäten ist der Umgang mit ADHS.

Dr.med. Ursula Davatz (15:38)
ADHS Kinder sind schwierigere Kinder. Man sagt, sie seien vulnerabler. Sie haben zwei
Eigenschaften, die die Erziehungsaufgabe schwierig machen. Sie sind einerseits
hochsensibel, sie merken alles gerade. Und andererseits hochreaktiv, und impulsiv reaktiv.
ADHS Kinder, wenn man denen querkommt, wenn man von denen etwas verlangt, was sie
nicht wollen, dann werden sie aggressiv oder sie laufen davon, sie rufen aus, sie zerstören
etwas. ADS Kinder, die ziehen sich eher zurück. Und dann bis zum Punkt, dass man dann
sagt, das ist ein autistisches Kind oder das ist Asperger. Und Mediziner kommen dann
immer wieder mit neuen Begriffen, aber aus meiner Sicht ist es eigentlich immer das
Gleiche. Es ist ein hochsensibles Kind, das sich dann stark zurückzieht. Bis zum Punkt,
wo es nicht mehr kommuniziert. Und das ist der Moment, wo man dann schauen muss,
wenn das sich zurückziehende Kind eine Mutter oder ein Geschwister hat, das sehr
kommunikativ ist und immer den Platz einnimmt, dann muss man die zurücknehmen,
damit das sensible Kind, das sich zurückzieht, wieder Platz hat. Aber häufig hat man ja
keine Zeit und man will, dass das doch endlich vorwärts geht. Und je mehr man an dem
Kind herummacht, umso kränker wird es. Es geht quasi in einen Teufelskreis hinein.

Dr.med. Ursula Davatz (17:14)
Das das wäre der Moment, wo man verlangsamen muss, beobachten und dann vielleicht
wieder neu einsteigen. Und die, die den Film "Horse Whisperer" gesehen haben, dort hat
man gesehen, wie man nicht so viel sprechen darf. Die Mutter hat viel zu viel gesprochen
und der Horse Whisperer hat gesagt, jetzt seid mal ruhig. So kann sich das Pferd nicht
beruhigen, wenn du so viel sprichst. Anhand der Tiere kann man oft besser lernen, weil
man dort besser beobachten kann. Wenn es um den Menschen geht, meint man immer
schon, man weiss wie es sein muss, man kommt mit seinen Prinzipien rein, man hat mehr
Mühe objektiv zu sein. Bei der Erziehung, wir kommen alle aus einem Elternhaus, wir
haben gewisse Erziehungen erlebt, und da ist natürlich die Erziehung, die der Vater erlebt
hat, die Erziehung, die die Mutter erlebt hat, die Wertvorstellungen, die der Vater hatte und
die Mutter gelernt hat, nicht immer gleich. In einer multikulturellen Gesellschaft ist es
nochmals schwieriger. Als Liebespaar geht alles wunderbar. Und wenn dann die Kinder
kommen und man kommt aus einer albanischen Familie, sagen wir mal, der Vater kommt
aus einer albanischen Familie, die Mutter aus einer Schweizer Familie, dann sind die
Vorstellungen, wie man umgehen soll mit dem Kind, mit der Partnerschaft etc, sind recht
unterschiedlich.

Dr.med. Ursula Davatz (18:55)
Ich denke, dort müssen wir Systemtherapeuten, also auch wieder die HOTA, müssen wir
dann auch Kulturübersetzung machen. Und keine Kultur ist besser als die andere. Auch
wenn wir hier sind, können wir nicht sagen, unsere Kultur ist besser ist als die andere. So

funktioniert es, dann wird nur gekämpft. Man muss die Kulturen, die Unterschiede
zusammenführen und den Leuten helfen, dass sich gegenseitig wertschätzen. Das Kind
kann an sich beide Stile lernen, wenn die unterschiedlichen Stile nicht einander
reinsprechen. Es ist nicht immer möglich, dass man einen Konsensus heranbringt.
Manchmal muss ich den Eltern auch sagen, an dem Tag, an dem die Mutter zuständig ist,
hat sie die Führung und der Vater darf nur helfen, wenn die Mutter ihn reinholt. Und
umgekehrt, wenn der Vater zuständig ist, darf die Mutter nicht reinreden, dann darf der
Vater nur helfen, wenn die Mutter ihn holt. Und ich habe bei Ehepaaren, wo einer von
ihnen ADHS ist und das Kind ist auch ADHS, hat das wie ein Wunder gewirkt. Also indem
sie sich gegenseitig respektiert haben, wer die Zuständigkeit hat, hat sich das
Familienklima beruhigt und das Kind hat sich auch beruhigt. Also ADHS Kinder sind von
dort her Kinder, die kleine Probleme zum Eskalieren bringen.

Dr.med. Ursula Davatz (20:33)
Sie verlangen eine höhere Selbstkontrolle und eine bessere Kommunikation, eine bessere
Zusammenarbeit. Das Gleiche dann auch, wenn das Kind in der Schule ist, verlangt das
ADHS Kind auch eine bessere Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrern. Und häufig
erzählen die Kinder nicht, was in der Schule läuft. Aber sie leiden zum Teil, weil sie Angst
haben, wenn sie zu Hause etwas erzählen, dann würde die Mutter oder der Vater in die
Schule gehen und dann würde das Kind nachher bestraft dafür, weil die Mutter in die
Schule gegangen ist. Da sieht man, wie da schon eine gewisse Feindschaft ist oder eine
Angst voreinander zwischen Eltern und Lehrer. Und das Kind merkt die. Und das Kind
steckt dann seine Bedürfnisse zurück, damit die zwei Parteien ja nicht Krach miteinander
bekommen. Und stellt sich vor, es wird dafür bestraft, wenn Eltern und Lehrer dann Krach
miteinander haben. Und das ist natürlich keine gute Voraussetzung. Also in dem Sinn ist
das ganz eine wichtige Sache, dass die beiden Erwachsenen Erziehungsbeauftragten,
Erziehungsverantwortlichen, dass sie eine gute Beziehung miteinander haben können. Da
gibt es heute auch schon Elternräte und alle möglichen Sachen. Ich habe zum Teil auch
Supervision gemacht bei solchen, aber irgendwo trennt sich das immer wieder.

Dr.med. Ursula Davatz (22:16)
Die Situation ist anders, wenn man ein oder drei Kinder zu Hause hat, als wenn man 24
Kinder hat. Es gelten ein wenig andere Regeln. Aber die unterschiedlichen Regeln kann
man durchaus anschauen und vertreten. Man muss die beiden Parteien nicht
gegeneinander aufhetzen, die Situation streitig machen sonder sie müssen Respekt
füreinander haben und das ist manchmal nicht so einfach. Eltern können Lehrer
aufmerksam machen auf Bedürfnisse der Kinder. Manchmal haben die Eltern viel Wissen
über ADHS. Aber die Lehrer lassen es sich oft nicht so gerne sagen, denn sie gehen
davon aus, dass die Eltern sich nur für das Kind einsetzen wollen.

Dr.med. Ursula Davatz (23:16)
Wenn aber eine fremde Fachperson, wie die Vertreterin der HOTA, etwas sagt, können es
die Eltern besser entgegennehmen. Darum sage ich eben, dass Mediation zwischen
Eltern, Schule und Kind. Wichtig ist, dass man das Kind als erstes gut erkennen lernt, das
Kind gut verstehen lernt, in seinen Reaktionsmustern, speziell jetzt beim ADHS Kind, und
nicht gleich von Anfang an das Kind der Norm anpassen will. ADHS Kinder lassen sich
schlecht erziehen. Man kann sie nicht gut der Norm anpassen. Man kann sie gar nicht der
Norm anpassen. Und ich gehe sogar so weit, dass ich sage, ADHS Kinder darf man gar
nicht erziehen. Mit ADHS Kindern darf man nur Beziehung pflegen, ein gutes Vorbild sein
und führen.

Dr.med. Ursula Davatz (24:19)

Und führen ist etwas anderes als erziehen. Wenn man erzieht, dann sagt man, du musst
das machen und ich will das und dies und jenes. Hingegen, wenn nur eine Beziehung
pflegt und führt, dann sagt man, mir ist es wichtig in dieser Situation, dass man das so und
so macht. Und ich mache das so und so. Man ist ein Vorbild. Oder man spricht gar nicht
so viel, man macht es. Ich unterscheide, man darf nicht das Kind stossen, man darf es
ziehen. Man kann es führen und es folgt dann. Wenn man mit dem Kind rausgehen soll,
dann muss man ein bisschen vorher sagen, jetzt ist die Zeit zum Anlegen, wir wollen dann
und dann rausgehen. Und wenn man selber noch etwas macht und sagt, mach dich schon
bereit, ich komme dann, dann geht das meistens nicht. Man muss sagen, ich mache mich
schon bereit, ich bin bereit, ich gehe schon mal zur Tür. Das wäre dann die Führung.
Eigentlich will das Kind die Beziehung behalten und es kommt dann gerne mit. Vielleicht
braucht es ein wenig Zeit, bis es selber entschieden hat und dann läuft es mit. Hingegen
wenn man sagt, mach jetzt bereit, du musst, dann macht es Widerstand und hat man eine
riesigen Krach.

Dr.med. Ursula Davatz (25:53)
Das wäre so ein ganz kleines Beispiel. In diesem Sinne ist es wichtig, dass man weiss,
wie das Kind funktioniert. Und wenn ich sage, ADHS Kinder darf man gar nicht erziehen,
man kann sie nur führen, man kann nur Beziehungen mit ihnen aufbauen und aus der
Beziehung heraus folgen sie einem dann. Wenn man eine gute Beziehung hat, sind sie
fast wie Lämmchen. Sie fressen einem aus der Hand, könnte ich sagen. Wenn man eine
schlechte hat, machen sie nur Widerstand. Und das kann auch bei den Lehrern passieren,
das kann auch bei den Krippen passieren. Ich versuche den professionellen Erziehern
immer wieder Methoden beizubringen, wie sie das Kind führen können, wie sie in eine
Interaktion mit dem Kind kommen können und wie sie ihr Selbstvertrauen auch behalten
können. Man ist stärker. Je nachdem muss man sich auch durchsetzen. Aber durchsetzen
heisst nicht, du musst mir jetzt folgen, du musst das machen, sondern man setzt sich
durch. Also vielleicht müssen wir anhand von einem Beispiel das anschauen. In diesem
Sinne sage ich, ADHS Kinder müssen intrinsisch, also von sich aus motiviert sein und man
muss ihnen immer ein bisschen Zeit lassen, dass sie selber zu dieser Situation kommen
können, dass sie sagen, okay, ich mache das so.

Dr.med. Ursula Davatz (27:17)
Wenn man sie sofort drängt, dann hat man Widerstand. Das wären so ein paar Gedanken.
Und was ich vorher versucht habe zu sagen, wenn man Konflikte zwischen Eltern und
Lehrern hat, dann ist das Kind wie zwischen einem streitenden Ehepaar und dann
übernimmt das Kind die Verantwortung für das Wohlbefinden, sowohl von den Eltern als
auch des Lehrers. Viele Eltern, die miteinander Erziehungskonflikte haben, sagen, sie
hätten keinen Streit, sie hätte nur wegen dem Kind Streit. Das ist überhaupt nicht gültig.
Und dasselbe passiert dann zwischen Eltern und Lehrer. Ab und zu höre ich dann von
Eltern, wenn das Kind schon erwachsen ist, dann sagen die Eltern, das Kind habe mir gar
nie etwas gesagt. Und es hat eben nichts gesagt, weil es Angst hatte vor einem
potenziellen Konflikt. Und Kinder sind so wahrnehmend, also die nehmen emotionale
Gewitter oder potenzielle Gewitter besser wahr, respektive tun sie vorher schauen besser
als wir Erwachsene. Wir können uns immer so ein bisschen auf die Sprache zurückziehen.
Und argumentieren und intellektualisieren. Die Kinder können das noch nicht so gut. Aber
die merken sehr gut, was für ein Glitter in der Luft ist. Und ADHS Kinder ganz speziell.
Und wenn ich z.B. Mütter frage, welches Kind am ehesten merkt, wenn es ihnen nicht gut
geht, dann sagt sie immer, das ADHS Kind.

Dr.med. Ursula Davatz (29:05)
Die haben feine Antennen, die spüren alles. Ich komme wieder zur Kritik von unserem

Gesundheitssystem. Wie gesagt, unser Gesundheitssystem und auch das psychiatrische
Gesundheitssystem ist hauptsächlich medizinisch orientiert, individuell orientiert. Und
wenn man dann mit dem Kind nicht mehr zu Gang kommt, wenn man völlig verzweifelt ist,
dann gibt man es der Psychiatrie ab. Und die Psychiatrie sollte dann das Kind zu einem
Normkind zu einem gesunden, normalen Kind bringen. Und das ist natürlich schwierig.
Erstens mal ist es dort ein Haufen von gestörten, psychisch kranken Kindern, und dann
kommt man dort häufig auch mit irgendeinem Erziehungsstil. Und wie gesagt, man kann
eigentlich nicht zur Gesundheit erziehen, sondern die Gesundheit kann sich nur
entwickeln. Und aus diesem Grund läuft ja heute der Slogan "Ambulanz vor Stationär" und
die HOTA vertritt das. Wir versuchen eigentlich, indem wir nach Hause ins System gehen,
indem wir die Eltern beraten, indem wir sie möglichst früh beraten, versuchen wir zu
verhindern, dass das Kind ausgegliedert werden muss und ins Krankensystem reinkommt.
Frau Aljana hat vorhin gesagt, dass wir eine Diagnose stellen müssen. Offiziell läuft ADHS
unter der Diagnose. Ich bin so frech und sage, für mich ist es keine Diagnose. Es ist ein
Genotyp, also ein genetisch vererbter Neurotyp, Hirntyp, Persönlichkeitstyp, der etwas
schwieriger und vulnerabler ist.

Dr.med. Ursula Davatz (31:03)
In meiner Erfahrung sehe ich dann immer mehr, wie so vulnerable ADHS Kinder in eine
Krankheit schlittern. Sie können in eine psychische oder somatische Krankheit schlittern.
Sie sind ein Gesundheitsrisiko. Da hat man heute immer mehr Statistiken. Darum liegt es
mir am Herzen, dass man bei ADHS Kindern möglichst früh präventiv und hilfreich eingreift
und das System unterstützt, damit es lernt, mit den Kindern umzugehen. Und wenn man
lernt, mit den Kindern umzugehen, Lehrer wie auch Eltern, dann ist es ein Gewinn. Also
dann hat man einen Vorteil. Und wenn man Familientherapie macht mit einer Familie, mit
den Eltern, und wenn es gut verläuft, dann sagen sie immer, dank dem Kind habe ich so
viel gelernt. Also dann wird der Störfaktor wieder zu einem Lernfaktor. Das chinesische
Zeichen heisst "Krise" und bedeutet einerseits "Gefahr" und "Chance für Entwicklung". In
diesem Sinne werden ADHS Kinder zum Teil, auch in Büchern, sogar hausiert, also
verkauft, als "Das sind unsere grossen Entwickler". ADHS Kinder können über Grenzen
hinausdenken, sie halten sich nicht so gut an Regeln. Sie können nicht so gut fokussieren,
aber sie haben eine ganz breite Aufmerksamkeit. Und dadurch können sie Out of the Box,
also können sie über Grenzen hinausdenken und dadurch sind sie kreativ. Und viele
gehen auch in kreative Jobs oder machen ihr eigenes Business auf.

Dr.med. Ursula Davatz (33:22)
Und es ist schade, wenn man diese Kreativität zerstört, nur weil der Erziehungsstil nicht
passt zu dem Kind. In diesem Sinne sollte sich nicht nur das Kind der Gesellschaft
anpassen, sondern das Erziehungssystem sollte sich auch dem Bedürfnis des Kindes
anpassen. Das heisst nicht, dass das ADHS Kind dann später völlig quer drinnen liegt,
sich über alles hinwegsetzt, im Gegenteil. Wenn man, solange das Kind noch in
Entwicklung ist, wenn man auf das Kind Eingehen kann, ihm entsprechend entgegnen
kann, seinem Temperament entsprechend erziehen kann, ist es nachher viel besser in der
Lage, sozial zu sein und sich den Situationen anzupassen. Denn die starke Sensibilität
und die Fühler, die sie alle draussen haben, befähigen das ADHS Kind sehr gut auf die
Situation einzugehen. Aber wenn man ihre Bedürfnisse übergeht, dann sind Sie nur noch
auf Abwehr und das Leben lang auf Abwehr. Und das wollen wir sicher nicht. Und der
Carlos, der in allen Medien gehandelt worden ist, war ein hundertprozentiges ADHS Kind,
auf seine Bedürfnisse ist man nicht eingegangen und entsprechend schlecht ist es
herausgekommen. Und solche Fälle möchte ich natürlich nicht provozieren. Man weiss
heute auch, dass auch ungefähr 30 bis 40 Prozent in den Gefängnissen ADHS sind. Damit
will ich Ihnen nicht Angst machen, sondern damit will ich Ihnen Mut machen, dass Sie sich

getrauen, falls Sie ein ADHS Kind haben oder von einem hören, getrauen sie sich, auf die
speziellen Bedürfnisse dieses Kindes einzugehen.

Dr.med. Ursula Davatz (35:15)
Wenn Lehrer und Eltern auf diese speziellen Bedürfnisse des Kindes eingehen, haben sie
einen Profit. Ich lande hier auch wieder beim sokratischen Lernen. Sokrates sagte, er
lerne von seinem Schülern am meisten. Und wenn ich nicht von meinem Schüler lerne, bin
ich kein guter Lehrer. In diesem Sinne sind wir soziale Wesen, die immer wieder etwas
lernen können. Die Auseinandersetzung mit schwierigen Kindern bringt uns weiter. Das
wären ein paar Ideen. Jetzt möchte ich Ihnen die Möglichkeit geben, Fragen zu stellen,
Ergänzungen zu machen, zu kritisieren, die Dinge einbringen.

ADHS bei Erwachsenen: «Wer ADHS hat, kann Berge versetzen»

Die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) galt lange als «Kinderkrankheit». Aber auch etliche Erwachsene leiden unter Unaufmerksamkeit, Unruhe und Impulsivität. Wir haben mit Ärztin, Psychiaterin, Buchautorin und ADHS-Expertin Frau Dr. Ursula Davatz über Diagnosen, Herausforderungen und Tipps für Betroffene gesprochen. 

PDF: 20min.ch-ADHS bei Erwachsenen Wer ADHS hat kann Berge versetzen

Transkript

ADHS bei Erwachsenen: «Wer ADHS hat, kann Berge
versetzen»
20min.ch/story/wer-adhs-hat-kann-berge-versetzen-462319848699

12. November 2022

1/8

2/8

Die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) galt lange als «Kinderkrankheit».
Aber auch etliche Erwachsene leiden unter Unaufmerksamkeit, Unruhe und Impulsivität. Wir
haben mit Ärztin, Psychiaterin, Buchautorin und ADHS-Expertin Frau Dr. Ursula Davatz über
Diagnosen, Herausforderungen und Tipps für Betroffene gesprochen.

Frau Dr. Davatz, man hat den Eindruck, dass ADHS in der Bevölkerung zugenommen hat.
Stimmt das?

Nein. Mehr Betroffene gibt es nicht – nur genauere Diagnosen und mehr verfügbare Information.

Kennst du jemanden mit ADHS?

9285 Abstimmungen

Heute erwähnen Erwachsene auch mal locker auf Social Media, ADHS zu haben. Es gibt
Tausende Tiktoks zum Thema. Was ist passiert?

ADHS hat nicht mehr diese stigmatisierende Wirkung von früher. Berühmte Persönlichkeiten wie
Richard Branson stehen zu ihren Diagnosen und zeigen, wie gut sie gelernt haben, mit ihren
Persönlichkeitsmerkmalen umzugehen.

ADHS bei Erwachsenen und Kindern – die Unterschiede

Ist ADHS denn eine Krankheit?

Nein! Es ist ein Persönlichkeitstyp. Wenn Menschen mit ADS oder ADHS ein gutes Umfeld haben
und sich mit ein paar Tools besser kennen lernen, können sie zu sehr erfolgreichen
Persönlichkeiten werden. Wenn sie kein gutes Umfeld haben, entwickeln sie allerdings später oft
psychische Krankheiten wie schwere Depressionen oder werden bipolar.

Über Dr. Ursula Davatz

Gibt es erste Hinweise, an denen Sie bemerken, ob ein Patient oder eine Patientin
möglicherweise ADHS hat?

ADHS-Menschen reden schnell, haben eine stärkere Intonation, wechseln sehr rasch das Thema
und sind oft ein bisschen grenzüberschreitend, was zwischenmenschliche Beziehungen angeht.
Auch im Strassenverkehr können sie impulsiv sein.

ADHS-Menschen denken alles hundertfach durch.

Dr. Ursula Davatz, Psychiaterin und ADHS-Expertin

Und bei ADS?

Bei ADS fehlt bekanntlich die Hyperaktivität (H) im Namen. ADS-Menschen haben diese aber
auch, nur dreht sie sich nach innen. Diese Menschen denken alles hundertfach durch und
schweifen in Gesprächen gerne in ihre eigene Welt ab, dieses «Wegdriften» sieht man ihnen an

3/8

den Augen sofort an.

ADHS oder ADS?

Wo ist die Grenze zwischen etwas hyperaktiv oder abgelenkt sein und einer ernsthaften
Störung?

Eine klare Grenze gibt es nicht. Es kommt auf den Leidensdruck an. Nur weil es mich langweilt,
Wäsche zusammenzulegen, und ich lieber fernsehen würde oder Mühe habe, die Steuererklärung
auszufüllen, habe ich noch kein ADHS. Wenn ich mich hinsetze, die Steuererklärung ausfüllen will
und es einfach nicht kann, sieht das anders aus.

Nur weil ich Mühe habe, die Steuererklärung auszufüllen, habe ich noch keine ADHS.

Dr. Ursula Davatz, Psychiaterin und ADHS-Expertin

Wie unterscheiden sich die ADHS-Symptome bei Frauen und Männern?

Männer werden schnell aggressiv und impulsiv. Frauen nehmen sich eher zurück und
unterdrücken die Impulsivität. Sie sind sehr empathisch, spüren sofort, was im Umfeld läuft, und
werden zu Helfertypen. Deshalb entwickeln sie später eher eine Depression – weil sie sich
aufgeben für alle.

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Männer mit ADHS zeigen oft eine ausgeprägte Impulsivität.
Pexels / Rachel Claire

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Welche Schwierigkeiten haben Betroffene im Beruf?

Sie sind sehr gerne ihr eigener Chef und sind intrinsisch gesteuert. Pseudo-Autoritäten werden
sofort erkannt und sie haben keine Hemmung zu kritisieren. Wenn Führungskräfte allerdings
fachlich wirklich überlegen sind, lassen sich ADHS-Angestellte gerne von ihnen leiten.

Und im Privatleben?

Menschen mit ADHS können schnell eine Verbindung aufbauen und andere begeistern, genauso
schnell aber anecken. Konflikte eskalieren rasch und heftig und Beziehungen werden impulsiv
abgebrochen. Zudem stressen sich Betroffene an allem – diese Hyperreaktivität ist wiederum eine
Belastung für das Umfeld von ADHS-Menschen. Auch auf den Körper hat es Auswirkungen: Der
«Dauerstress» kann zu Folgeerkrankungen und Entzündungen führen.

Menschen mit ADHS können andere begeistern, ecken aber auch schnell an.

Dr. Ursula Davatz, Psychiaterin und ADHS-Expertin

Haben Sie Tipps für Partnerinnen oder Partner von Betroffenen?
Klare Kommunikationsregeln: Während eines Ausbruchs soll gar nicht erst versucht werden,
einen Konflikt zu lösen. Es lohnt sich, abzuwarten und dann den Streit Revue passieren zu lassen
– gegenseitiges Zuhören und Aussprechenlassen ist hierfür Pflicht.

Manche Betroffene nennen ihr ADHS eine Superpower. Gibt es tatsächlich Vorteile?

Klar! Ein superschnelles Denken, das über den eigenen Tellerrand hinausgeht, und innovative
Ideen sind typisch. Kein Wunder, haben viele Unternehmerinnen und Erfinder diese Diagnose
erhalten. Wer mit ADHS hyperfokussiert ist, kann Berge versetzen.

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Flexibilität und kreative Lösungsansätze: Die Diagnose ADHS bietet laut Expertin auch Vorteile.
Pexels / Tamara Vela

Wie sieht es mit der Behandlung von ADHS aus?

Oftmals werden Stimulanzien wie Ritalin verschrieben. Das kann sich natürlich lohnen, um klarer
zu sehen oder Prüfungen und andere Herausforderungen konzentriert zu bewältigen. Ich bin eher
zurückhaltend, was Medikamente angeht. Natürlich verschreibe ich diese auch, aber noch
wichtiger finde ich, dass Menschen mit AD(H)S sich und ihre Eigenarten besser kennen lernen.

7/8

Wie gelingt das?

Mit Besuchen bei einem ADHS-Coach, der nicht nur das medizinische Modell verwendet, sondern
auch Ratschläge gibt und den Menschen aufzeigt, wie sie besser mit den Symptomen umgehen,
sodass man nicht überall aneckt.

ADHS ist genetisch vererbbar. Wie gehe ich damit um, wenn ich Elternteil von einem
betroffenen Kind bin?

Mit Empathie und voller Unterstützung. Sätze wie «Ich schätze dich und dein Naturell und stehe
voll und ganz zu dir» helfen dem Kind enorm, genau wie das Erarbeiten von Taktiken, um die
Schule besser zu überstehen. Medikamente alleine regeln das Problem nicht.

Dr. Ursula Davatz ist für die Schweizerische Info- und Beratungsstelle für Erwachsene mit ADHS
tätig. Dort finden sich Online-Tests und weiterführende Infos.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, eine psychische Erkrankung?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Kinderseele Schweiz, Beratung für psychisch belastete Eltern und ihre Angehörigen

Verein Postpartale Depression, Tel. 044 720 25 55

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

VASK, regionale Vereine für Angehörige

Selbsthilfegruppen

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Angst- und Panikhilfe Schweiz, Tel. 0848 801 109

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