Transkript
Dr.med. Ursula Davatz
6.9.2021
Patchworkfamilien und die häufigsten Fehler
Audio
[00:00:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich begrüsse Sie alle herzlich an diesem Abend zum Thema: Patchworkfamilien und die häufigsten
Fehler.
[00:00:16.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Als erstes ein paar einleitende Gedanken. Ich bin immer ein wenig Richtung Biologie interessiert. Der
Mensch ist ein Säugetier. Unter den Säugetieren ist der Mensch ein sekundärer Nesthocker. Im
Gegensatz zu den Huftieren, die weiterentwickelt sind. Die kommen auf die Welt und in der ersten Stunde
können sie schon aufstehen und trinken. Also sich selber versorgen. Der Mensch ist ein Nesthocker. Das
heisst, das Baby muss lange unterstützt werden. Wir haben hier einen kleinen Nesthocker. Die Mutter
kann nicht gleichzeitig für das Kind sorgen und Nahrung einbringen. Sie ist darauf angewiesen, dass
noch jemand anderes hilft. Wenn man in einer Kleinfamilie lebt, muss das der Vater sein. Wenn man in
einer Grossfamilie lebt, kann es die ganze Grossfamilie sein. Das bringt natürlich gewisse Dinge mit sich.
Das Kind ist auf mütterliche Hilfe angewiesen, damit es gut gedeihen kann. Sie kann nicht gleichzeitig
Geld verdienen und Nahrung heimbringen etc. Früher wuchs man eher in Grossfamilien auf, also in
Bauernfamilien. Da waren immer noch die Grosseltern auf dem Hof, manchmal noch ledige Tanten und
Onkel. Alle haben ein wenig mitgeholfen. In Indien wächst man auch eher in Grossfamilien auf.
[00:01:47.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich war ein paar Mal in Indien und da sagten sie, wenn es mir bei den Eltern nicht passte, dann gehe ich
zur Tante oder zum Onkel. Man hat ein ganzes Familiensystem zur Verfügung. Damit können wir
Emotionen ausgleichen oder verschiedene Ratschläge holen. Früher war es bei uns auch so. Heutzutage
wachsen Menschen in der Regel in Kleinfamilien auf. Das kam mit der Industrialisierung. In diesem Sinne
hat das kleine Kind nur noch Vater und Mutter. Das Umfeld der aufwachsenden Kinder wurde
eingeschränkt. Die die Mütterberaterinnen kennen, ich habe lange mit den Mütterberaterinnen
zusammengearbeitet. Da gibt es das afrikanische Sprichwort: Eigentlich braucht es ein ganzes Dorf, um
ein Kind aufzuziehen." Das ist natürlich längstens nicht mehr so. Wir machen künstliche Dörfer, das
heisst es hat zusätzliche Institutionen, die den Familien, die Hilfe brauchen, Unterstützung geben. Das,
was sie dann brauchen. Die HOTA ist eine der Institutionen. Mütterberatung und Väterberatung ist auch
eine solche Institution, die im Familiensystem Unterstützung gibt. Jetzt frage ich mich, wie kommt es
überhaupt zu Patchworkfamilien? Ich bin nicht so gut in den Statistiken, aber ungefähr jede vierte Ehe
wird geschieden. Oder vielleicht jede fünfte. Es wird heutzutage viel mehr auseinandergegangen. Dann
entstehen Patchworkfamilien. Das war früher nicht gang und gäbe.
[00:03:34.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist nichts Schlimmes. Aber man muss sich an gewisse Regeln halten. Zu diesen komme ich dann
noch. Innerhalb der Kleinfamilien gibt es zwei Sorten von Beziehungen. Eines ist die Vater/Mutter/Kind
Beziehung. Dort ist die Beziehung darauf ausgerichtet, dass das Kind möglichst gut geschützt wird, warm
gehalten wird, ernährt wird, gut erzogen wird, etc. Da haben Vater und Mutter unterschiedliche Rollen.
Man spricht bei den Müttern oft von "unconditional love". Das heisst, dass Mütter unterstützen, auch
wenn das Kind sich nicht korrekt verhält. Das ist unsere Mutternatur. Wir müssen das. Das sieht man
auch oft, wenn es schief läuft. Zum Beispiel, wenn Kinder Drogensüchtig werden, unterstützen die Mütter
trotzdem. Die Väter haben eher eine konditionale Liebe. Das heisst, sie verlangen ein gewisses
Verhalten. Sie binden ihre Zuwendung, ihre Unterstützung an gewisse Forderungen. Es ist nicht das eine
schlechter und das andere besser. Die Väter streiten darum, was der andere falsch macht. Es ist
unterschiedlich. Das ist tief in unserer Natur, dass wir Frauen nie irgendwie einem Kind die Liebe
entziehen können und das Kind bestrafen können, wenn es sich nicht verhält nach unserem Stil. Die
Väter können das besser. In diesem Sinne haben die Väter mehr Auftrag im Bereich von Erziehung,
Führung, Weg zeigen etc.
[00:05:22.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist ganz schlimm, wenn sich die beiden gegenseitig bekämpfen. Wenn der Vater der Muttern
beibringen will, dass sie nicht immer unterstützen darf. Wenn die Mutter dem Vater beibringen will, dass
er nicht so hart sein soll. Ich erlebe dann viele Familien, wo die Mütter finden, der Vater muss eine
weitere Mutter sein. Wenn sie nicht mehr mag, soll er eine weitere Mutter sein. Oder er sollte die rechte
Hand sein. Das kann er natürlich nicht. Er ist ein Mann, ein Vater und er lebt nach anderen Gesetzen. Die
Vorstellung, wie sich ein Vater in einer Kleinfamilie verhalten sollte, oder wie sich eine Mutter verhalten
sollte, die Vorstellung, die Erwartungshaltung an seinen Partner, die wird relativ stark von der eigenen
Herkunftsfamilie geprägt. Das heisst, von dem, wie man aufgewachsen ist, was man in der eigenen
Herkunftsfamilie gelernt hat in der eigenen Herkunftsfamilie, wie der eigene Vater sich benahm, wie die
eigene Mutter sich benahm. Entweder erwartet man das Gleiche, was man gewohnt ist, oder man hat es
falsch gefunden und erwartet eine Kompensation. Das ist das Thema, das ich im nächsten Vortrag
angehen werde. Wie prägt uns unsere Herkunftsfamilie? Ich erwähne es nur kurz, denn ich will ja bei der
Patchworkfamilie bleiben.
[00:06:53.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn diese Vorstellungen sehr konträr laufen, von Mann an Frau und von Frau an Mann, dann gibt es
natürlich Streit, dann wird kritisiert, dann wird gestritten, wer hat die bessere Erziehung, wer hat die
richtige Erziehung und irgendwann sind beide müde, man steigt aus und man sucht einen neuen Partner
und dann hat man die Patchworkfamilie. Das wäre so ein bisschen wie es dazu kommt. Jetzt hat es
natürlich noch eine weitere Beziehung. Die erste Beziehung wäre die beschützende Beziehung von Vater
zum Kind, von Mutter zum Kind. Das ist immer hierarchisch. Wir sind älter, wir haben mehr Erfahrung und
wir sind verantwortlich für das Kind. Die andere Beziehung, die in den Familien ist, ist die
Partnerbeziehung. In der Partnerbeziehung kommen auch wieder die Erwartungen, die man in der
eigenen Herkunftsfamilie erlebt hat. Man erwartet vom Partner gewisse Dinge. Wenn diese Erwartungen
nicht erfüllt werden, kommt man in eine enttäuschte Erwartungshaltung. Da gibt es zwei verschiedene
Muster. Die Frau hat oft eine starke Erwartungshaltung und denkt, wenn sie nett ist und alle möglichen
Dienstleistungen macht, irgendwann kommt der Mann schon darauf, was sie braucht. Frauen merken
untereinander, was man braucht. Aber ein Mann ist keine Frau.
[00:08:33.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Von daher sind die Frauen oft enttäuscht. Ich habe schon viele Frauen in Partnerschaftsproblemen
behandelt. Sie gehen oft zu Methoden, die nicht funktionieren. Sie sagen nicht, was sie wollen. Oder
wenn sie sagen, was sie wollen, kommt das immer schon mit einem Vorwurf. Sie sagen, du hilfst mir
nicht, du machst das nicht und du machst das nicht. Dann werden sie zu kritisierenden Müttern, also
Mutter ähnliche Figuren. Das erträgt der Mann nicht sehr gut. Der Mann, je nachdem wie er geartet ist.
Früher hat man gesagt, die Frau sei dem Mann in den Untertanen. Das ist nicht mehr modern. Heute
sollten Mann und Frau auf der gleichen Ebene sein. Partnerschaftlich, auf Augenhöhe. Wir haben doch
2000 Jahre ein Patriarchat gehabt. Das wurde von der Kirche zementiert. Das wird in den Institutionen
immer noch zementiert. Ich habe gerade letztens einen Artikel gelesen. Heutzutage studieren über 50%
Frauen Medizin. Aber in den oberen Etagen hat es nur 13% oder so. Frauen haben mehr Mühe für sich
einzustehen, sich durchzusetzen. Es kommt natürlich dann auch immer noch die Familie dazu. Das ist
nicht das einzige. Sie gehen anders um im Rivalitätskampf. Männer haben es viel einfacher, dominant zu
sein und zu sagen, ich will jetzt das.
[00:10:10.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Frauen erwarten oft, dass der andere merkt, was man will. In dieser Partnerbeziehung, wie ich schon
gesagt habe, kommen dann auch wieder die Erwartungshaltungen zum Vorschein. Entweder korrigiert
man das, was man zu Hause erlebt hat bei seinen Eltern, oder man erwartet das Gleiche. Im Augenblick,
in dem man an seinen Partner etwas erwartet, das er gar nicht bringen kann, wo er vielleicht gar nicht
versteht, was man eigentlich erwartet, gibt es natürlich viele Frustrationen, Enttäuschungen etc. Dann
geht man auseinander. Man kann also miteinander kämpfen um Partnerschaften, in denen man nicht
wohl ist. Man kann auch miteinander kämpfen, wie man die Kinder erziehen sollte. Früher hat man die
Kindererziehung nur den Müttern überlassen und die Väter haben gesagt, sie bringen das Geld nach
Hause, den Rest interessiert mich nicht, oder nicht so viel, vielleicht nur am Sonntag. Die Väter haben
früher nicht so viel reingeredet. Die Mütter haben die Väter erst eingeholt, wenn sie nicht mehr
weitergewusst haben. Da mussten die Väter meistens als Bestrafungsinstanz funktionieren. Das war
natürlich auch nicht sehr ideal. Heutzutage erwartet man, dass beide ihr Recht haben und man
gleichzeitig auf seine Rechnung kommt in der Partnerschaft. Das ist ein schwieriger Balanceakt.
[00:11:40.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Der gelingt nicht allen. Ich mache niemandem einen Vorwurf, dass es nicht gelingt. Denn es ist wirklich
nicht einfach. Im Augenblick, wo der nicht gelingt, dann sagt man, ich gehe jetzt auseinander. Ich suche
mir etwas Neues, oder ich kann es besser alleine. Die Mutter sagt, ich kann meine Kinder besser alleine
erzielen, da redet mir niemand rein. Wenn etwas schief läuft, bin ich natürlich auch selber verantwortlich.
Anstatt, dass ich ständig streiten muss, mit meinem Partner mache ich es jetzt alleine. Aber man will ja
nicht nur Mutter sein und nicht nur Vater sein. Dann läuft man leer auf der Beziehungsebene. Es ist auch
nicht so gut, wenn die Beziehungsebene nur über das Kind befriedigt werden muss. Dann muss das Kind
alles abdecken und das ist eigentlich nicht ideal.
[00:12:46.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt komme ich schon zu den häufigsten Fehlern. Ich habe viele Patchworkfamilien begleitet. Solche, die
erst gerade neu geworden sind, solche, die schon gelaufen sind. Auch wenn vielleicht die Mutter
gestorben ist und dann jemand Neues reinkam. Ich konnte schon sehen, was die häufigsten Fehler sind.
Hier läuft ein Denkfehler. Als Frau, die einen neuen Partner hat, Beziehung zu den Kindern und zum
neuen Partner. Man hat zum Partner und zu den Kindern eine nahe Beziehung. Irgendwie macht man
dann den Denkfehler, dass man denkt, weil ich zu beiden eine gute Beziehung habe, müssen die
zueinander auch automatisch eine gute Beziehung haben. Es ist der Wunsch, dass sie gut miteinander
auskommen. Ich habe viele Familien erlebt, wo dann der Vater oder die Mutter den neuen Partner oder
die neue Partnerin unter der Hand eingeschlichen hat. Also irgendwann war der am Morgen im Zimmer
oder im Badezimmer und kam raus und die Kinder haben nichts gewusst. Die Kinder sind erschrocken.
Dann beginnen die Kinder ihre Mutter oder Vater zu verteidigen. Sie empfinden den neuen Partner immer
als Fremdkörper. Je kleiner die Kinder sind, umso weniger reagieren sie. Wenn sie grösser sind, aber
schon vor der Pubertät und in der Pubertät ganz speziell, reagieren sie ablehnend dem Partner
gegenüber. Der leibliche Vater oder Mutter ist enttäuscht, dass sie die neue Beziehung nicht gut einführen
können, denn auf der Partnerebene ist ja die Beziehung gut. Sie wollen, dass alles klappt. Wenn das
passiert ist, braucht es eine ganze Zeit, bis sich das wieder beruhigen kann. Man kann den Partner
einfach reinnehmen und per Zufall davon sprechen und die Kinder fangen an zu überlegen, sie wollen
herausfinden was jetzt da ist.
[00:15:10.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Kinder sind natürlich immer noch ihren leiblichen Eltern gegenüber loyal. Die neue Partnerin ist
immer eine Konkurrenz zum leiblichem Vater und leiblichen Mutter. Das ganz natürliche Reinnehmen
geht in der Regel nicht, speziell nicht, wenn die Kinder schon so schulreif sind. Die neue Partnerin,
häufiger die Frauen, sind enttäuscht. Sie wollen ja gerade eine gute Beziehung zu den Kindern haben.
Oft machen die Frauen über grosse Anstrengungen, um eine Beziehung herzustellen. Die Kinder
empfinden das häufig als künstlich. Die geht mir auf die Nerven. Die soll nicht so blöd tun. Mit der habe
ich nichts zu tun. Das ist schliesslich nicht meine Mutter. Die Stiefmütter, die neuen Partnerinnen, fühlen
sich dann unfreundlich behandelt, negiert, zurückgewiesen und sind ihrerseits beleidigt. Auf beiden
Seiten läuft dann Kritik ab, Gefühlsempörung, eine Beleidigtheit und dann ist es natürlich schwierig, eine
Beziehung herzuerstellen.
[00:16:42.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir hatten 2000 Jahre lang eine patriarchale Gesellschaft. Die ist von den Religionen unterstützt worden.
Die Väter kommen oft als patriarchale Helfer rein. Die alleinerziehenden Mütter sind oft überfordert, weil
sie alleine sind. Wenn es mehrere Kinder sind, sind sie vielleicht noch mehr überfordert. Dann sind sie
hilflos, das nimmt der Mann wahr. Dann denkt er, er hilft der Frau, wenn er als Autorität reinkommt und
seine Partnerin unterstützt, damit sie nicht so schlecht behandelt wird von ihren eigenen Kindern. Das
passiert manchmal auch bei normalen Familie. Also bei verheirateten Eltern, bei denen Vater und Mutter
die leiblichen Eltern sind.
[00:17:43.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wo ein Stiefvater, die Kinder patriarchal erziehen möchte, sagen die natürlich, dass der
nichts zu sagen hat. "Du bist nicht mein Vater." "Du gehst mich nichts an." "Fahr ab, lass mich in Ruhe."
Die Mütter stehen dann dazwischen. Eigentlich sind sie überfordert und vielleicht möchten sie gerne Hilfe.
Aber der neue Partner kann nicht Vater spielen. Man kann nie Ersatzvater spielen, man kann nie
Ersatzmutter spielen. In diesem Augenblick, wo der neue Partner quasi nach der Rolle eines Vaters, von
der konditionalen Liebe, die Erziehungsfunktionen übernehmen will, funktioniert überhaupt nichts.
Schlussendlich haben die leibliche Mutter und der Stiefvater Krach miteinander und es geht hin und her
zwischen: "Ich bin verzweifelt", "nein, du machst es falsch" und "So geht es nicht". Das kann auch bei
geheirateten Paaren passieren, wenn Mütter überfordert sind mit ihren Kindern, dann holen sie den Mann
als Hilfe. Dann macht er es auf seine Art und Weise, dann sagt sie aber nicht so. Bei Patchworkfamilien
passiert das noch sehr viel mehr.
[00:19:12.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann der Partner natürlich nicht unter die Arme greifen. Auf der Partnerebene hat man dann Krach
miteinander, weil es nicht recht läuft. Auf der Beziehung zu den Kindern kommt man nicht durch. Die
leibliche Mutter kommt nicht durch. Ein neuer Partner kann sich auch nicht durchsetzen. Kinder machen
irgendetwas, was sie wollen. Positiv gesehen sagt man, dass Kinder von geschiedenen Eltern eher früher
reif werden. Das wäre ein positives Resultat. Aber wenn es schief läuft, laufen sie aus dem Ruder und
das kann schwierige Probleme bringen. Auch der neue Partner kann beleidigt sein. Also die Partnerin, die
Mutter, die Frau kann beleidigt sein und der neue Partner, der Mann kann beleidigt sein, wenn er mit
seinen gut gemeinten Erziehungsmethoden nicht zum Ziel kommt. Manchmal ist es auch so, dass die
Kinder es akzeptieren und die Mutter froh ist, wenn es gemacht ist. Aber häufig läuft es schief. Beide
Male sagen sie, du bist nicht meine Mutter, du hast mir nichts zu sagen, du gehst mich nicht an, du bist
nicht mein Vater, du hast mir nichts zu sagen, du gehst mich nicht an. Da muss man immer daran
denken, in dem man sich ja hier einbringt, ist man eine Konkurrenz zum leiblichen Elternteil und das
haben Kinder nicht gerne.
[00:21:00.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hat mir ein 26 Jähriger gesagt, nach dem ich ihn gefragt habe, ob er akzeptieren würden, wenn seine
Mutter einen neuen Partner hätte. Er antwortete: nein und meinte sogar: die Mutter gehört mir. 26 Jahre
alt. Hier sieht man, wie stark dieser Anspruch der Kinder auf den leiblichen Elternteil ist. Ich hatte eine
andere Geschichte. Da ist die Mutter gestorben und es ging dann um die Trauerarbeit. Der Vater ging
dann wieder aus und tanzte. Der Sohn sagte, ich bringe mich um. Er drohte mit Suizid, wenn der Vater so
manchmal ausgeht. Dann hatten wir ein Gespräch mit Vater und Sohn. Ich fragte den Sohn, wie oft der
Vater ausgehen dürfte, damit er es aushalten würde. Ich glaube er war 13 Jahre alt. Er sagte, wenn er
einmal ausgehen würde, dann ist es akzeptiert. Okay, dann machten wir ab, dass er nur einmal ausgehen
darf. Dann war es in Ordnung. Der Sohn hat dann den Ausgang des Vaters geregelt. Er hat den so für
seine eigene Sicherheit regeln müssen. Er hat sich zu sehr verunsichert gefühlt wenn der Vater zweimal
ausgegangen ist. Häufiger erlebe ich auch, wenn Väter neue Beziehungen haben, dass sie sich dann
mehr um die Kinder der neuen Frau kümmern, als um ihre leiblichen Kinder.
[00:22:47.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Warum auch immer. Offensichtlich ist bei den Vätern eine Paarbeziehung wichtiger ist als die Beziehung
zu den Kindern. Dann muss man manchmal die Kinder unterstützen, dass die sich Quality Time, also eine
alleinige Zeit, bei den leiblichen Vätern holen und nicht darauf warten, dass der Vater das von sich aus
macht. Da muss man Kinder unterstützen, damit sie sagen, dass sie mit ihrem Vater alleine sein wollen,
auch wenn sie die Partnerin akzeptieren, aber ich will mit Dir alleine sein. Das verstehen die Väter oft
nicht. Sie schleppen oft ihre neue Partnerin, schmuggeln sie mit rein. Mütter sind oft eher bereit alleine
mit den Kindern zu sein. Manchmal sogar zu viel. Es ist ja auch nicht gesund. Mein erwachsener Sohn
der sagt: die Mutter gehört mir, sie darf keinen neuen Partner haben. Sie hat mir auch versprochen, dass
sie keinen neuen Partner haben wird. Das ist natürlich nicht so gesund.
[00:23:59.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Okay, das wäre, was alles schieflaufen könnte. Was für Fehler gemacht werden. Jetzt versuche ich zu
sagen, wie wäre es geschickt, damit es gut läuft. Das geht nicht immer gleich schnell, aber es lohnt sich,
sich an die Regeln zu halten. Da sage ich, wenn der Vater oder die Mutter merkt, irgendeine Beziehung
wird ernsthafter, dann sollte man den Kindern etwas sagen. Da sagen manchmal die Eltern, dass sie
nicht recht wissen, ob es ernsthaft wird, darum wollten sie noch nichts sagen. Aber es wird doch schon
gegenseitig übernachtet und so weiter. Das lässt die Kinder in einer Unruhe, in einer Unsicherheit. Sobald
man merkt, dass es ernsthafter wird, lohnt es sich den Kindern zu sagen: Ich will Dir meine Partnerin oder
Freundin, ich möchte dir diese vorstellen. Dann sagen vielleicht die Kinder "Nein, das will ich nicht,
interessiert mich nicht. Ich will auch niemanden fremdes." Wenn es mehrere Kinder sind, gibt es noch
Kinder, die sagen "Doch, ich möchte das." Die anderen sagen "Nein, ich möchte das nicht." Dann sage
ich, es müssen nicht immer alle gleichzeitig dabei sein. Man kann es auch nur, man kann den neuen
Partner auch nur den Kindern vorstellen, die bereit sind. Das soll nicht am Familientisch sein. Das soll
auch nicht an einem Familienfest sein, wo normalerweise Grosseltern und sonst wer auch immer noch
dabei sind. Sondern es soll an einem neutralen Ort sein. Je nachdem gestaltet man das, so wie es für
einen stimmt. Aber ich denke, es ist wichtig, dass es ein neutraler Ort ist. So würde ich es idealerweise
sagen. Dann arrangiert man etwas. Man kocht etwas, man geht in ein Restaurant, man geht in einen
Park und man trinkt miteinander Kaffee oder man isst zusammen Abendessen.
[00:26:10.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Also wie man das gerne möchte. Vielleicht sind die Kinder nicht so begeistert von dieser Partnerin. Das
macht nichts. Dann sagen wir, du musst meine Partnerin nicht lieben. Du musst sie auch nicht
wahnsinnig toll finden. Aber ich möchte, dass du dich ihr gegenüber höflich benimmst, so wie man sich
jedem Erwachsenen gegenüber höflich vernimmt. Da hatte ich viele Geschichten, wo Teenager Mädchen
sehr ablehnend waren gegenüber der neuen Partnerin. Die Partnerin war sehr verletzt und fand, das geht
doch nicht. Also, man darf sagen, ich möchte dir meine neue Partnerin vorstellen. Man darf sagen, ich
möchte dir meinen neuen Partner vorstellen. Du musst ihn nicht lieben, du musst ihn nicht bewundern.
Aber ich möchte, dass du ihn kennenlernst und ich möchte, dass du glücklich bist.
[00:27:15.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Rolle des Vaters, der Mann, will ja oft erziehen. Manchmal wollen auch die Mütter den Stiefkindern
gute Manieren beibringen. Hier gilt auch wieder eine Regel. Man kann nicht als Vater oder Mutter
reinkommen. Ich sage prinzipiell, man sollte Stiefkinder nie erziehen wollen. Da gehe zu Jesper Juhl, der
sagt, man sollte überhaupt nie erziehen wollen. Sondern Beziehung pflegen und in der Beziehung eine
klare Position beziehen. Man ist älter, mehr Erfahrung, stärker und das Kind richtet sich dann danach.
[00:28:15.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Gewisse Partner haben dann die Haltung, ich sage einfach gar nichts, ich lasse die Mutter alles machen,
dann sind sie wie gläserne Partner, sie spielen keine Rolle. Das ist auch nicht normal. Man darf sehr
wohl, wenn man sieht, dass das Kind sich auf eine Art und Weise benimmt und stört einen, sagen, in
dieser Situation finde ich, ist die Regel so und so, macht man es so und so, da erwarte ich das und das
von dir. Oder wenn du dich so benimmst mir gegenüber, dann verletzt mich das und das habe ich nicht
gern. Also man darf einem Kind gegenüber als Mensch gegenübertreten, als Frau, als Person, als
Individuum gegenübertreten. Man darf dem Kind gegenübertreten als Mann, als Mensch, als Person
gegenübertreten, aber nie direkt an erster Stelle in der Erziehungsfunktion. Dennoch hat es
Erziehungswirkung, indem eine erwachsene Person etwas sagt und das authentisch sagt, wirkt das auf
das Kind. Wirkt wahrscheinlich sogar mehr als wenn man Vater oder Mutter spielen will. Es ist ganz
wichtig, dass man als erwachsene Person etwas zu dem Kind zeigt. Dass man das Kind ernst nimmt.
Dass man aber nicht Druck aufsetzt und sagt, du musst, du sollst, kannst Du nicht endlich, nichts
erzieherisches. Das ist sehr schwierig. Vor vielen Jahren, jetzt sind es über 40 Jahre, seit ich aus Amerika
zurückgekommen bin, fand ich, dass die Schweizer das Volk von Erziehern sind.
[00:30:02.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben oft die Haltung, dass wir uns gegenüber erziehen müssen. Gerade in der Patchworkfamilie ist
es ganz wichtig, dass man nicht auf das reinfällt, sondern wirklich nur als Mensch, als Person, als
Individuum seine Wertvorstellungen sagt, was einem wichtig ist und was man nicht gerne hat. Ich denke,
dann hat es eine viel grössere Wirkung auf das Kind, als wenn man einen Befehl geben würde, drohen
etc.
[00:30:30.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt komme ich zum Abschluss und nachher dürfen Sie Fragen stellen. Es gibt sicher viele
Patchworkfamilien, bei denen der Übergang ganz natürlich läuft. Wo Kinder sich darüber freuen, dass sie
auf einmal eine grössere Familie haben. Sie haben neue Geschwister, also halbgeschwisterte,
stiefgeschwisterte. Je grösser die Bande, umso lustiger. Gewisse gewöhnen sich natürlich an die neue
Freundin des Vaters, an den neuen Freund der Mutter. Je nachdem, wie es die gemacht haben. In
diesem Sinne haben Patchworkfamilien durchaus auch ihre Vorteile. Es gibt ein grösseres Kollektiv. Wir
sind noch nicht ganz ein afrikanisches Dorf, aber es ist doch ein gewisses Kollektiv. Kollektive haben es
natürlich an sich, dass sie viel mehr ausgleichend wirken können, dass Kinder voneinander lernen
können, dass es verschiedene Erwachsene Bezugspersonen sind, die Ideen geben können. Es gibt eine
breitere Erfahrung für alle Kinder, wenn man über die Hürde hinwegkommt. Gewisse Familien machen
das natürlicherweise. Bei anderen muss man ein wenig nachbessern.
[00:31:55.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es schief gelaufen ist, wenn man die Einführung nicht so gut gemacht hat, wenn man in die Fehler
hineingelaufen ist, heisst das nicht, dass die Fehler nicht korrigierbar sind. Man kann ruhig zu einem Kind
sagen, dass man das nicht so gut gemacht hat, dass man das Kind mit einer neuen Partnerin überfahren
hat. Jetzt beginnen wir nochmals von vorne. Man darf versuchen, die Fehler, die man gemacht hat, zu
korrigieren. Dort sage ich zu den neuen Partner, Frau oder Mann: Die Kinder dürfen dann auch Initiativen
übernehmen, die Kinder kennenlernen. Aber eben nicht als Ersatzmutter, Ersatzvater, Erzieher, helfende
Mutter, sondern nur als Person. Da müssen die neuen Partner auch über den Schatten springen können.
Vielleicht sind sie verletzt oder beleidigt worden von den Kindern. Aber sie sind die Erwachsenen, dass
sie auf die Kinder zugehen und sagen, ich möchte dich kennenlernen, ich bin so und so und so. Also
dass sie den Anfang machen. Kinder können es weniger gut, weil die neue Person eine Konkurrenz zum
leiblichen Elternteil ist. Aber wenn die erwachsenen Personen auf das Kind zugehen, Kinder sind noch
sehr flexibel, sehr lernbereit, denke ich kann man die Kinderherzen durchaus wieder gewinnen. Es kann
gut weitergehen. Die Erwachsenen sollen Bekanntschaft mit dem Kinderteil aktiv angehen. Das wären
schon ein paar Ideen. Und jetzt möchte ich natürlich gerne, dass Sie mir Fragen stellen. Wann darf ich
das Wort geben?
[00:34:00.100] – Bemerkung 1
Wie lange soll man dem Kind Zeit geben, bis man eine Erziehungsrolle übernehmen kann? Ich kenne die
Kinder seit 3 Jahren. Wir sehen uns regelmässig. Wir sind oft miteinander unterwegs. Ich empfinde es
bereits ein Stück weit, eine Ergänzung zu meinen zwei Kindern, dass sie ein Stück weit auch zu mir
gehören. Das hat sich wie entwickelt, dass ich halt auch diese Führungsfunktion von ihnen habe. Also
das fühlt sich jetzt für mich nicht falsch an, was ich von ihnen höre, ist am Anfang genau passiert. Du bist
nicht mit mein Papa. Jetzt fühlt es sich aber schon richtig an, wenn ich sage, dass die Kinder anständig
essen müsst und als Patriarchat die Führungsrolle übernimmt.
[00:35:20.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin natürlich spitzfindig, weil ich so viele Familien behandelt habe. Da würde ich nicht sagen, dass sie
anständig essen müssen. Da würde eher sagen, dass ich mit euch am Tisch sitze. Ich will, dass ihr
anständig essen tut. Aber das sagt Jesper Juhl auch zu den Vätern. Ich will, nicht du musst.
Hochsensible Kinder mögen es gar nicht, wenn man sagt: Du musst. Sondern indem man sagt, ich will,
dass du so isst. Dann bleibt man mit der Energie bei sich. Man ist nicht übergriffig. Sobald man sagt, du
musst, ist das für ein sensibles Kind schon Übergriff. Es gibt Kinder, denen macht das nichts aus, denen
ist das gleich. Das kommt sehr darauf an, wie die Kinder geartet sind.
[00:36:30.000] – Bemerkung 1
Wird das negative Auswirkungen auf das Kind in der Zukunft haben? Muss ich irgendwann mit dieser
Rolle aufhören?
[00:36:44.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, sie werden eine Autoritätsfigur im Leben dieses Kindes sein und bleiben. Das ist absolut in
Ordnung. Wenn das Kind nicht so sensibel ist und auch akzeptiert, dass sie sagen, dass sie anständig
essen müssen, dann sage ich da nichts. Es gibt einfach Kinder, die hochsensibel sind und dann hier
einen Unterschied machen und dann haben sie aber absolut das Recht zu sagen, ja, ich bin hier in dieser
Gemeinschaft und ich will das. Für mich ist das wichtig. Denn ich mag es nicht wenn so wüst gegessen
wird. Dann sind sie als Person, als Individuum, als Mann, aber nicht als Befehlshaber. Es ist erstaunlich,
wie bei Kindern das gut wird. Das sage ich ganz allgemein. Das sage ich auch den leiblichen Eltern. Auch
leibliche Eltern haben Mühe. Kinder von leiblichen Eltern haben Mühe, wenn so befohlen wird. Je
sensibler das Kind, je eigenwilliger es ist, umso weniger gut es geht. Ich muss auch mit leiblichen Kindern
so arbeiten, dass ich sie ins Boot hole, dass die Eltern lernen, sie ins Boot zu holen und nicht befehlen.
[00:38:07.260] – Bemerkung 1
Das mit dem "ich will", muss ich eher noch bei meinen eigenen Kindern machen.
[00:38:10.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Absolut.
[00:38:11.280] – Bemerkung 2
Es ist wirklich so, dass die Sensiblen sich sehr schnell beschuldigt fühlen. So etwas ist Gold wert, wenn
man sagt "ich will". Wenn man bewusster beim "Ich" bleibt, dann wirkt man viel mehr. Das Kind fühlt sich
dadurch nicht gleich angegriffen. Ich wünsche mir das, ich möchte gerne. Das hat eine ganz andere
Wirkung.
[00:39:13.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das ist so. Auch bei den eigenen Kindern. Jasper Juul war ja ein sehr bekannter Familientherapeut. Er
hat das Buch geschrieben "Mein kompetentes Kind und die kompetente Familie". Er hat ganz fest auf
dem beharrt. Es stimmt wirklich. Ich will, ich will das. Man vergisst immer wieder, dass man erwachsen
ist, dass man viel stärker ist als das Kind und "Ich will das" wirkt mehr als "Du musst". Üben Sie es bitte!
[00:40:05.640] – Bemerkung 3
Als Eltern lernen wir ein Leben lang.
[00:40:36.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe z.B. eine Familie, da ist der Vater des Kindes total abwesend. Der neue Freund der Mutter hatte
eigentlich die Vaterrolle. Aber er war lange Zeit ein gläsernen Vater. Lange hat er gar nichts gemacht und
alles der Frau überlassen. Der Sohn hat Schwierigkeiten. Jetzt erfüllt der Stiefvater eine ganz wichtige
Funktion. Er war mit diesem Bub zusammen, seit er acht Jahre alt ist. Er muss sich noch etwas
nachholen, damit der junge Mann noch reifen kann. Es ist schon gut, wenn sie präsent sind. Achten Sie
einfach auf die kleinen Details.
[00:41:42.380] – Bemerkung 4
Eine Frage zu den Geschwistern. Wir haben uns über die Kinder kennengelernt. Die Kinder gingen
zusammen in den Kindergarte/Schule. Vorher waren die Kinder befreundet, jetzt sind sie wie
Geschwisterte. Wir leben nicht zusammen. Aber sie leben mit der Mutter in der Nähe von uns und alle
zusammen in der gleichen Schule. Das finde ich auch noch sehr herausfordernd. Mittlerweile streiten sie
wie Geschwisterte, wie normale Geschwister streiten, aber das ist ein bisschen eine Challenge gewesen.
[00:42:30.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein wichtiger Punkt. Es geht über von Freundschaft zu Geschwistertenbeziehung. Kinder haben in
der Regel immer die Erwartung, die böse Stiefmutter. Die Mutter bevorzugt ihre eigenen Kinder und tut
mich schlechter behandeln. Das ist eine Erwartungshaltung. Stiefmütter, um dem entgegen zu wirken
behandeln fremden Kinder, besser als die eigenen, respektive sind strenger mit den eigenen als mit den
fremden. Also man tut überkompensieren. Beides ist natürlich nicht hilfreich. Ich denke, hier geht man
durch eine Phase, in der die Kinder schauen. Das gleiche habe ich natürlich erlebt mit Pflegekinder oder
Adoptivkinder, die immer das Gefühl haben, schlechter als die leiblichen Kinder behandelt zu werden.
Das passiert häufig. Aber es ist nicht immer so. Ich denke, es lohnt sich, das Thema ab und zu
anzusprechen. Dass man sagt, fühlst du dich schlechter behandelt als nicht mein Kind oder umgekehrt?
Aber auch Geschwister, die untereinander sind, sagen ja: immer ich. Die machen das Gleiche. Jedes
findet, dass es am schlechtesten behandelt ist und alle anderen werden besser behandelt. Unter so einer
gemischten Familie passiert das natürlich noch mehr. Apropos Kinder gleich behandeln, ich hatte
natürlich alle Sorten von schwierigen Familien. Da wollten die leiblichen Eltern von zwei Kindern
ausgleichen, damit die Kinder nicht miteinander streiten.
[00:44:30.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben immer die gleich teuren Geschenke geschenkt. Die Kinder haben dann auf den Rappen genau
ausgerechnet, ob das Geschenk wirklich gleich teuer ist. Also so viel zur Gleichheit. Man muss nicht
immer alles gleich behandeln. Das gleiche Problem haben die Lehrer, die gerecht mit allen sein wollen.
Es gibt einen Begriff von einem amerikanisch-ungarischen Psychiater, Ivan Boszormenyi-Nagy, die
ausgleichende Gerechtigkeit. Die Vorstellung der Gerechtigkeit ist sowieso eine künstliche Vorstellung.
Die Natur ist nie gerecht, aber schlussendlich gleicht es sich immer wieder aus. Da haben sie das Recht,
Kinder unterschiedlich zu behandeln. Das Kind braucht das und das braucht das. Man kann gar nicht alle
gleich behandeln. Sie sind ja ganz unterschiedlich in den Bedürfnissen. Sie haben das Recht,
unterschiedlich zu behandeln. Aber ich denke, bei so einer Mischfamilie lohnt es sich ab und zu, dass
man miteinander anzuschauen. Man kann sich untereinander fragen, ob sich da jemand ungerecht
behandelt gefühlt hat. Man kann auch mit den Kindern darüber reden. Wenn sie merken, dass man
aufmerksam ist dem Problem gegenüber, dann gleicht sich das wieder aus. Ist das ein wenig darauf
geantwortet? Aber sie dürfen so genannt ungerecht sein. Ausgleichende Gerechtigkeit. Das andere ist so
stur. Darum bringe ich das andere Beispiel, das alles auf den Rappen ausgerechnet ist. Es hat überhaupt
nicht funktioniert. Ich sage allen Lehrern, sie dürfen Kinder unterschiedlich behandeln. Halt so, wie es das
Kind braucht. Die Kinder sind ja nie alle gleich, auch die Geschwister nicht.
[00:46:15.490] – Bemerkung 5
Es gibt ja den Spruch, Gerechtigkeit heisst nicht jedes Kind gleich zu behandeln, sondern jedes Kind so,
dass es allen gut geht.
[00:46:25.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein guter Satz. Ich würde sagen, dass es allen gut geht. Es sind alles Individuen und alle
brauchen eine andere Behandlung.
[00:46:47.360] – Bemerkung 6
Viele Eltern haben Angst vor dem Streit. Man muss den Mut haben, die Kinder machen zu lassen, denn
die regeln das gut. Schaut her, hier sind die Pflaster und das Desinfektionsmittel, tschüss. Ich erlebe
immer wieder, dass die schwächeren Kinder beginnen sich zu wehren, wenn man sie machen lässt.
Wenn man die beschützt, werden die nicht stärker. Man muss den Mut haben zu sagen: Schaut bitte
selber. Das musste ich auch lernen. Aushalten, streiten und Lösungen finden.
[00:47:55.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man zu Hause ist, läuft der Streit viel heftiger, aggressiver, blutiger. Wenn man weggeht, müssen
sie miteinander verhandeln. Eine Zeit lang hatte ich Vorträge zum Thema: Geschwisternstreit,
Geschwisterliebe. Ich sage immer Streiten unter Kindern ist eine Sozialisierungsübung. Über Streiten
lernen sie, sich durchzusetzen, zu verhandeln etc. Wenn man zu viel eingreift, bleiben die Kinder
unerfahren und ihre Social Skills bleiben etwas hinten dran. Wir muten den Kindern oft zu wenig zu.
[00:48:36.090] – Bemerkung 7
Das kann ich bestätigen. Jetzt, wo ich nicht bei der Mutter bin und nicht bei den Kindern, habe ich gerade
das Telefon bekommen, weil es gerade etwas mühsam ist. Wenn ich mit ihr dort bin, ist es weniger
mühsam, und wenn ich alleine mit den Kindern bin und sie weg ist, dann ist es ganz locker. Wenn die
Mutter alleine ist mit den Kindern, ist es mühsamer.
[00:48:57.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, wir Mütter wollen immer helfen und schlichten und machen.
[00:49:12.840] – Bemerkung 7
Das ist eine Idealvorstellung. Ich sehe den Konflikt als gut. Die Kinder sollen Konflikte haben oder
Probleme haben. Sollen streiten untereinander. Die Kinder sollen sich verbalisieren. Die Probleme
sortieren.
[00:49:20.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Kinderstreit ist Sozialerziehung. Da lernen sie sozial verhandeln und reagieren. Wenn man zuviel
eingreift, lernen sie weniger.
[00:49:21.270] – Bemerkung 8
Was auch passiert, wenn Väter zu viel eingreifen, weil die Mütter es nicht schaffen, dann schwächt man
die Mütter. Dann kommt der Vater und dann ist Ruhe. Dann lernt die Mutter aber nie etwas. Die Väter
sind dann die Rettung aber dann ist man nicht mehr auf gleicher Augenhöhe und die Mutter ist
schwach.irklich dann nicht mehr wichtig als Prinzessin.
[00:50:47.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Sonst müsste man als Mutter am Abend sagen, ich bin fertig, ich habe genug, übernimm du. Dann kann
er übernehmen und sie geht weg. Aber einfach als Bestrafer, als der, der die Ruhe macht, das ist nicht so
gut.
[00:51:10.100] – Bemerkung 7
Ich bin Bad Cop, sie ist Good Cop. Sobald es aber zuviel wird, ist sie der Drachen und ich sage, hey jetzt
müsst ihr aufpassen. Es ist nie ganz konstant.
[00:51:48.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher war es in vielen Familien so, dass die Mutter, wenn sie nicht mehr Meister werden konnte, sagte,
sie warte nur, wenn der Vater nach Hause kommt, dann. Viele Väter haben das sogar gemacht. Sie
haben dann gestraft. Zum Teil nicht einmal gewusst, für was sie strafen. Aber sie haben einfach gestraft.
Das war ihre Funktion. Das ist an sich heute nicht mehr so. Es läuft ein bisschen subtiler ab. Aber ja,
Väter haben oft die Tendenz, die Autoritäten wirken zu lassen. Wie sie sagt, lernen die Mütter nicht, mit
den Kindern in Gang zu kommen. An sich müsste eigentlich immer jeder selber seinen Konflikt lösen.
Oder sonst einfach abgeben. Also, heute gebe ich ab und dann macht es der Vater nach seinem Stil.
Wenn die Kinder klein sind, ist es anders. Dann sagen, die Mütter, ich kann nicht, ich bin überfordert. Und
der Vater sagt, er nehme das Kind, aber die Mütter glauben dann nicht, dass der Vater es auch kann. Er
macht es anders. Dann sage ich immer, hören Sie, es ist sein Kind, er wird das schon recht machen.
Aber da haben die Mütter oft wahnsinnig Mühe, die kleinen Kinder dem Vater zu überlassen.
[00:53:03.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sieht ja heutzutage so viele Väter, die mit Babys auf dem Bauch herumlaufen, also das freut mich.
[00:53:26.710] – Bemerkung 9
Zum Thema Ferien. Wir sind zusammen in die Skiferien gegangen. Das war eine Katastrophe, ich bin in
das Elend gelaufen. Ich war froh, dass ich wieder arbeiten gehen konnte.
[00:54:07.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Also da war dann Ihre Familie noch dabei?
[00:54:12.270] – Bemerkung 9
Wir sind mit vier Kinder in die Skiferien gefahren. Die Frage ist, soll man für die Ferien eine Regel
aufstellen, bevor man in die Ferien geht, und sagt, so und so muss es funktionieren. Oder soll man
schauen, was die Bedürfnisse der Kinder sind? Mit Licht schlafen, ohne Licht schlafen, etc. Wir haben
versucht die Regeln vor Ort aufzustellen. Ich habe mich dem Schauspiel dann gefügt. Soll man in die
Ferien gehen und den Kindern ihren Rhythmus lassen? Soll man das vorher besprechen? Wer geht wann
ins Bett?
[00:55:48.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde vorschlagen, dass sie vorher als Paar miteinander fragen, was sind eure Gebräuchlichkeiten
und was sind meine Gebräuchlichkeiten. Dass sie als Erwachsene schauen, wo sind riesige
Unterschiede. Dass sie dann miteinander übereinkommen, welche Regeln, also was ist der kleinste
gemeinsame Nenner. Dann würde ich sagen, das würde ich dann verkünden. Gerade am Anfang der
Ferien. Denn, Sie haben zwei Familien, die zusammenkommen, verschiedene Kinder, die
zusammenkommen, es hat sich noch nicht alles eingespielt, und wenn Sie einfach alles laufen lassen,
und Sie haben es gerne ein bisschen strukturiert, dann sind Sie natürlich immer hinter der Bewegung. Da
lohnt es sich vorher zu überlegen und dann ein paar einfache Regeln zu machen. Natürlich gibt es auch
andere Eltern, denen ist es egal, wenn alles durcheinander läuft, die finden das spannend und dann
macht man es so. Aber was ich bei ihnen hier höre, würde ich eher raten, wenig absprechen. Wie siehst
du es, wie sehe ich es? Was ist meine Grenze? Dann das am Anfang gerade sagen. Kinder sind hier sehr
flexibel, wenn man sagt, jetzt sind wir hier in der Ferien, ich hätte gerne das und das und das, das ist mir
wichtig.
[00:57:09.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann man hören, was sie sagen. Dann sagen sie vielleicht irgendetwas, dann wird das verhandelt.
Aber sie setzen dann das durch, wie sie es wollen. Sobald sie die Kinder machen lassen, dann müssen
sie sie wieder einsammeln.
[00:57:25.940] – Bemerkung 9
In den Skieferien ist das wieder speziell. Dann müssen sie bereit sein für die Skischule. Vielleicht ist es
besser mit den Sommerferien anzufangen.
[00:58:05.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, da dürfen sie als Autoritätsfigur durchaus auftreten und sagen, ich möchte es gerne so und so.
Dann können sie hören, was sie sagen. Miteinander ein wenig reden. Aber dann können sie sich auch
durchsetzen. Auch wenn es schon gelaufen ist, dann rennen sie den Kindern hinterher.
[00:58:30.600] – Bemerkung 9
Kein Monopoly am Abend, sonst gibt es nur Verlierer.
[00:58:57.420] – Bemerkung 10
Was zum Teil auch gut ist, wenn man eine Kindersitzung macht. Die Kinder einbeziehen in die
Lösungssuche. Die finden das spannend. Das mit dem Licht, da muss man nicht die Lösung bringen, da
kann man auch die Kinder fragen. Das gibt eine Wichtigkeit. Dann kommen die Kinder mit kreativen
Lösungen.
[00:59:36.050] – Bemerkung 11
Das habe ich auch schon erlebt. Ich stelle mich zum Teil extra dumm. Ich kann dir nicht helfen und ich
weiss nicht, wie ich dir helfen kann. Was denkst du? Was denken Deine Geschwister? Es ist dann recht
spannend was die Kinder dann bringen. Sie verwenden das bereits gelernte und mischeln das dann mit
etwas neuem. Dann wird es spannend, wenn die Kinder selber kreative Lösungen suchen.
[01:00:32.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eine generelle, wenn Kinder Streit oder Probleme miteinander haben, dass man nicht gleich die
Lösung sucht, sondern sagt, jetzt haben wir ein Problem. Das, und da kann man es noch ein wenig
wiederholen, du willst das, du willst das, der stört das, der stört das, wir haben ein Problem, wir haben ein
Interessenskonflikt. Was machen wir jetzt? Das wäre, dass man die Kinder einbezieht. Dann kommt jeder
mit etwas anderem, und dann kommen sie oft mit ganz guten Vorschlägen. Also, dass man die Kinder mit
einbezieht, ist die Problemlösung. Aber man muss sagen, wir haben ein Problem. Nicht gerade, du bist
böse, du bist arm, du bist laut, weiss ich was, sondern einfach ein Problem.
[01:01:33.020] – Bemerkung 12
Was würden sie sagen, wenn in diese Konstellation ein gemeinsames neues Kind reinkommt? Von
beiden Seiten kommen bereits die bestehenden Kinder.
[01:01:43.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ein neues Kind geboren wird? Ja, ich habe eine solche Familie. Kinder sind in der Regel sehr
interessiert an Babys. In dieser Familie, die ich gerade begleite, reisen sich dann alle um das Baby? Alle
wollen das Baby. Das Baby hat eine verbindende Funktion. Wenn es dann grösser wird, kann es wieder
schwierig werden. Wie soll ich es sagen? Die Mütter könnten in Konflikte kommen. Die, die das Baby hat,
ist dann im Vorzug. Da kommt eine Rivalität unter den Frauen. Da muss man der Mutter, die kein Baby
hat, wahrscheinlich ein wenig Unterstützung geben, damit sie nicht zu kurz kommt. Aber Kinder haben oft
weniger Mühe mit dem. So habe ich es in der Regel erlebt. Die freuen sich, ein neues Baby, spannend.
Meine Halbschwester, mein Halbbruder. Die machen alles möglich. Die Mädchen noch mehr als die
Buben. Die können dann vielleicht nicht so viel mit dem anfangen. Die fallen dann ein wenig zurück. Die
Mädchen mütterlen. Dann muss man wahrscheinlich dem Bub helfen, dass er nicht nebenher rausfällt.
Dort dann wieder schauen, dass der Vater dem Bub genügend Aufmerksamkeit geben kann, damit der
Junge nicht aggressiv und schwierig sein muss, um Aufmerksamkeit zu holen. Die Mädchen können ihren
Muttertrieb zeigen und die Buben sind dann neben draussen. Darauf muss man schon noch aufpassen.
[01:03:57.500] – Bemerkung 13
In der Pubertät kann es dann kippen, obwohl es bis dann gut gelaufen ist?
[01:04:15.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Pubertät ist es eine Umwandlungsphase. Wenn es vorher gut gelaufen ist, in der Pubertät geht man
alles wieder durch. Zum Beispiel auch Kinder, die als Adoptivkinder aufwachsen, denken in der Pubertät
noch einmal an ihre leibliche Mutter, die sie vielleicht gar nicht gekannt haben oder keine Erinnerung
mehr daran haben. Dann kommt der Bezug zu der leiblichen Mutter oder dem leiblichen Vater, der wird
stärker. Dann muss man noch einmal Rücksicht auf das nehmen. Vielleicht muss das Kind auch eine
gewisse Trauerarbeit machen, dass der leibliche Elternteil nicht da ist. Ja, das stimmt schon. Sie haben
recht, das kann schwieriger werden. Wenn es vorher sehr gut gelaufen ist, auf einmal ist es nicht mehr so
gut. Man stellt sich dann auch immer vor, der ist ja nicht verwandt mit mir und der leibliche Elternteil wäre.
Vielleicht wäre ich dem viel näher und vielleicht würde er mich viel besser verstehen. Ich habe
Adoptivkinder erlebt, die keine Erinnerung an ihre Mutter hatten, als sie dann so alt waren, haben sie
jeden Abend an ihre Mutter gedacht. Man holt sie dann wie rein. Das muss man wahrnehmen und
bearbeiten. Das ist eine Art Trauerarbeit.
[01:05:50.660] – Bemerkung 14
In der Pubertät kann auch die Ablehnung kommen. Es ist wichtig, das aufzunehmen. Was brauchst Du?
Etwas aufholen, damit es dann wieder besser vorwärts geht.
[01:06:05.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss über diese Dinge sprechen, nicht beleidigt sein, sondern das offen ansprechen. Aushalten,
also nicht zu schnell eine Lösung haben wollen, damit das wieder vorbei geht.
[01:06:42.950] – Bemerkung 15
Mein Sohn ist vorpubertär. Das kann einen heftigen Zusammenstoss geben. Er muss sich irgendwie
ablösen. Er geht dann einfach weg und kommt dann wieder und dann ist es wieder besser.
[01:06:43.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann durchaus sein, dass es mit dem eigenen Kind wahnsinnig knallt und dass der Fremde dann
einen einfacheren Zugang hat. Das ist natürlich schön. Da sind wir wieder beim afrikanischen Dorf. Also
es kann durchaus eine tolle Erweiterung sein.
[01:07:46.920] – Bemerkung 16
Gibt es nochmals einen Vortrag in einem Jahr? Damit wir das alles anwenden können?
[01:07:48.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Klar, falls sie das wünschen. Zum schauen ob es etwas genützt hat.
[01:08:03.520] – Bemerkung 17
Bei uns bei der Hota kann man sich nur anmelden wenn man ein schwerwiegendes Problem hat. Es gibt
ja auch das BZB Plus, Beratungszentrum Baden. Das ist auch super! Für erzieherische Sachen. Schnell
und unkompliziert. Es kostet nichts. Einfach den Termin abmachen.
[01:09:12.980] – Bemerkung 18
Ich fand es sehr spannend, lehrreich. Man konnte die eigenen Erfahrungen einbringen. Etwas haben wir
auch richtig gemacht.
[01:09:39.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir dürfen immer wieder Fehler machen. Der Mensch ist ein anpassungsfähiges Wesen. Aus den Fehlern
lernt man. Trial and Error.
[01:09:49.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Ihnen viel Glück, viel Spass und viel Lernfreudigkeit mit ihren Grossfamilien, mit ihren Patchworkfamilien.
Das ist etwas Interessantes. Es ist kein negativer Begriff.
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