Persönliches Empowerment bei ADHS

Bei Mädchen gelingt der erzieherische Kraftakt zur Anpassung an die gesellschaftlichen Normen meist etwas besser als bei Knaben. Sie können sich von der weiblichen Natur her problemlos an soziale Umstände anpassen. Seitens der Gesellschaft wird Anpassung von ihnen auch vermehrt verlangt und belohnt. Gut bekommt ihnen diese forcierte soziale Harmonisierung dennoch nicht. Sie werden geradezu gezwungen, gegen ihr Naturell, quasi «contre coeur», vorzugehen. Das Resultat dieser Einschränkung ihres Bewegungsfreiraums für eine gesunde Entfaltung ihres Temperaments ist, dass sie im Erwachsenenleben in eine Depression fallen, sich eine Borderline Persönlichkeitsstörung, Essstörungen und Suchtprobleme zulegen, oder mit einer bipolaren Störung und einer schizophrenen Psychose ganz aus den gesellschaftlichen Normen ausbrechen, sich sogenannte «Narrenfreiheit» verschaffen, in der sie dann weder erziehbar noch erreichbar sind.

ADHS20_Empowerment_03_2021

Weiterbildung zum Thema ADHS/ADS für Eltern, Lehrer, Betreuungspersonen der Schule Weinberg-Turner

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Dr.med. Ursula Davatz, Irene Beerli

23.12.2020

Weiterbildung zum Thema ADHS/ADS für Eltern, Lehrer,
Betreuungspersonen der Schule Weinberg-Turner
Audio
[00:00:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich möchte Sie alle ganz herzlich begrüßen. Es geht darum, die Fragen zu beantworten, die Eltern
gestellt haben vom Schulhaus Weinberg Turner.

[00:00:21.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben im Rahmen einer Weiterbildung für die Eltern und Lehrer zwei Videos verschickt.

[00:00:31.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Eines, da ging es darum ADHS und Schulschwänzen, also Schulverweigerung.

[00:00:36.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Im anderen ging es darum schwierige Familiensituationen und Schulverweigerung.

[00:00:44.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben uns vorgenommen, die Fragen auf Video aufzunehmen und sorgfältig zu beantworten.

[00:00:52.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe dazu Frau Irene Beerli gefragt, Handarbeitslehrerin, sie kommt vom Werken, dass sie die
Fragen vorliest und dann auch selbst noch Fragen einbringt oder ihre Erfahrungen im Umgang mit ADHS
Kindern uns mitteilt.

[00:01:15.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Irene Beerli ist von ADHS 20+ und wir arbeiten auch dort miteinander zusammen, haben schon viel
Austausch gehabt und ich übergebe ihr jetzt das Wort, dass sie die Frage stellen kann.

[00:01:30.000] – Irene Beerli
Die erste Frage lautet: Ich bin über den Satz in der Einleitung gestolpert: Ist keine Krankheit. Als Mutter
von zwei Kindern mit Diagnose ADHS und selbst betroffen habe ich gelernt, dass ADHS und ADS eine
Krankheit ist.

[00:02:00.330] – Dr.med. Ursula Davatz

Ich sage ganz bewusst, ADHS ist keine Krankheit. ADHS ist ein genetisch vererbter Genotyp, ein
Persönlichkeitstyp.

[00:02:10.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Man könnte auch sagen, ADHS ist eine Persönlichkeitsdiagnose.

[00:02:14.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Persönlichkeitsdiagnose und nicht eine Krankheitsdiagnose.

[00:02:22.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wird in der medizinischen und psychiatrischen Welt immer mehr davon geredet, dass ADHS und
andere psychiatrische Krankheiten miteinander vorkommen und man redet dann von Komorbidität.

[00:02:37.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Die häufigste Krankheit, wirklich Krankheit, die kombiniert ist mit ADHS, ist die Suchtkrankheit.

[00:02:46.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sagt man, 30% von ADHSlern haben eine Suchtkrankheit.

[00:02:52.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Die zweite Kategorie ist der Autismus. ADHS und Autismus wird zusammen genannt.

[00:03:03.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich persönlich sage, Autismus ist eine extreme Form von ADS, also ohne die Hyperkinese.

[00:03:14.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei Autismus sagt man 25% ADHS ist kombiniert mit Autismus.

[00:03:23.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Borderline Persönlichkeitsstörung, ich selbst treffe auch viele Borderline Persönlichkeitsstörungen an.

[00:03:28.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich dahinter schaue, dann sehe ich, dass es ADHS Persönlichkeitstypen sind, die zu streng, zu eng
erzogen wurden.

[00:03:42.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Angststörung ist mit ADHS zu 15% kombiniert.

[00:03:52.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann man auch wieder erklären.

[00:03:54.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Angststörung tritt auf, wenn das Kind ständig kritisiert wird, immer Angst hat, davor etwas falsch zu
machen.

[00:04:04.220] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS Kinder machen vieles nicht der Norm gerecht.

[00:04:09.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort ziehen sie sich schlussendlich zurück.

[00:04:12.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann es auch eine Angststörung geben.

[00:04:14.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kann auch Zwangsstörungen geben. Das wird noch nicht so gebracht.

[00:04:19.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Depressionen natürlich. ADHS Kinder kommen sich häufig als Verlierer vor.

[00:04:26.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage ja, die Verliererkrankheit. Also Depression ist eine Verliererkrankheit.

[00:04:34.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man ständig das Gefühl hat, man ist nicht recht, endet man irgendwann mal in der Depression.

[00:04:41.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Die bipolare Störung wird auch genannt. Das sind in der Regel auch Menschen, die eine ADHS
Persönlichkeit haben und die auch eher sehr eng erzogen worden sind.

[00:04:58.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie dann genügend von dieser Enge haben oder sie es fast nicht mehr aushalten, dann sprengen
sie alle Grenzen mit einem manischen Schub. Man redet dann von bipolar.

[00:05:15.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Noch eine Statistik: man sagt zwei Drittel der Erwachsenen, bei denen ADHS diagnostiziert wird, haben
eine zusätzliche Diagnose. Da spricht man dann von Komorbidität.

[00:05:32.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage es wieder und ich sage es nochmal, nein, ADHS ist keine Krankheit, ADHS ist nur eine
Persönlichkeitsdiagnose.

[00:05:43.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Persönlichkeitsdiagnose, die genetisch weitergegeben wird.

[00:05:47.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald man von Komorbidität, also zwei Krankheiten, redet, dann sagt man ja, die Menschen mit ADHS,
die müssten das loswerden.

[00:06:00.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eigenschaften, die einhergehen mit einem ADHS, die wird man in dem Sinn nie los.

[00:06:08.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann nur lernen, besser damit umzugehen. Darum geht es.

[00:06:16.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Langsam wird das in der Wissenschaft auch mehr diskutiert, dass man sieht, dass ADHS Diagnose im
Erwachsenenalter auch eben halt kombiniert ist mit anderen Krankheiten.

[00:06:35.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Man fragt sich dann, wie kommt es dazu, dass das zusammengehört?

[00:06:40.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Wissenschaft sagt noch immer, siw weiß nicht, wie das zusammengehört und ich sage da ganz klar,
ja, es gehört zusammen, aber in dem Sinne, dass diese Persönlichkeitsdiagnose, das ADHS oder ADS,
dass diese Menschen sehr viel vulnerabler sind auf Verletzungen und zwar wegen ihrer starken
Sensitivität, wegen ihrer Sensibilität und auf die Verletzungen dann häufig mit Aggression reagieren, die
ADHSler, oder mit Rückzug, mit Ausweichen, mit innerem Fluchtverhalten.

[00:07:27.170] – Dr.med. Ursula Davatz

Wenn man von einer Krankheit redet, bei ADHS und ADS, dann müssen sich Menschen mit dieser
Persönlichkeitsdiagnose, mit diesem Persönlichkeitstyp, müssen ja immer davon ausgehen, ich bin nicht
richtig und ich muss gesund therapiert werden. Das geht nicht.

[00:07:47.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann nicht gesund therapiert werden, man kann nur lernen besser damit umzugehen. Als erstes
muss das Umfeld lernen mit diesen Kindern besser umzugehen und nicht die Kinder schon am Anfang
mit sich selbst. Denn ein Kind ist wie es ist.

[00:08:05.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist spontan, hat seine spontanen Reaktionen.

[00:08:08.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Als erstes ist es das Umfeld, das lernen muss, mit diesen Kindern, mit diesen speziellen
Persönlichkeitstypen umzugehen.

[00:08:17.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Umfeld das lernt, dann hat man eine gute Chance, dass sich aus diesen Kindern interessante
Kinder entwickeln können.

[00:08:28.000] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn habe ich vor ein paar Monaten einen Artikel geschrieben im Magazin "Swiss Archives of
Neurology, Psychiatry and Psychotherapy". Der Titel lautet "Die Gene legen den Grundstein. Das Umfeld
bestimmt die Krankheit".

[00:08:49.340] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn sind die Krankheiten, die bei ADHS Kindern auftreten und dann bei den erwachsenen
Menschen mit ADHS, sind eigentlich alles Folgekrankheiten.

[00:09:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist für mich so wichtig, denn wenn man an das denkt, wenn das Umfeld lernt, mit diesen Kindern
umzugehen, dann braucht es nicht so viele Krankheiten daraus zu geben.

[00:09:16.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hätte eine wichtige präventive Wirkung.

[00:09:21.340] – Dr.med. Ursula Davatz

Ich nehme einen anderen Artikel, der ist aus der Medical Tribune, der Titel heißt "ADHS, zu wichtig, um
ignoriert zu werden".

[00:09:37.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Diesen Titel kann ich nur unterstützen, man sollte es nicht ignorieren.

[00:09:45.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher hat man gesagt, ADHS wächst sich aus, mit 20 ist das alles vorbei. Aber Gene gehen nicht weg
mit 20, die Auswirkungen von den Genen auch nicht. Das ist immer noch da.

[00:09:58.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie gesagt, das Umfeld muss lernen, damit besser umzugehen und die betroffenen Personen müssen
lernen, besser damit umzugehen.

[00:10:08.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Leider spricht man halt immer noch von Komorbidität, aber ich spreche von Folgekrankheiten.

[00:10:15.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich gebe dir wieder das Wort für den nächsten Teil der Frage.

[00:10:22.360] – Irene Beerli
Die zweite Frage wäre, wir hatten große Bedenken, unseren Kindern Medikamente zu verabreichen.
Heute sind wir froh und dankbar für diese Hilfe. Die Einsicht in das Krankheitsbild war ein erster Schritt.
Vielleicht ist es mir darum so wichtig, das klarzustellen.

[00:10:45.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Okay, da geht man auf die Medikamente ein. Ich sage noch mal, Sie nennen das Krankheitsbild die
Mutter oder der Vater und ich sage, es ist ein Persönlichkeitsbild.

[00:11:00.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Persönlichkeitsbild zu erkennen, das ist sehr hilfreich. Das ist hilfreich für die Eltern, ist hilfreich für
die Lehrer, ist hilfreich für einem selbst, also für die betroffene Mutter oder den Vater.

[00:11:14.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Was die Medikamente anbetrifft, ja, es gibt Medikamente, die man den ADHS Kindern gibt und die
korrigieren oder verändern ein wichtiges Hauptsymptom.

[00:11:29.960] – Dr.med. Ursula Davatz

Das ist die, man sagt Aufmerksamkeitsstörung, man könnte an sich auch sagen eine breite
Aufmerksamkeit.

[00:11:41.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Kinder, die nehmen alles wahr im Raum und wenn das, was der Lehrer erzählt, langweilig ist oder
nicht so packend, dann wird woanders hingeschaut.

[00:11:53.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann diese breite Aufmerksamkeit, die man mit Aufmerksamkeitsstörung bezeichnet, die kann man
einengen und fokussieren.

[00:12:04.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit all den Amphetaminen, also Ritalin, Concerta, Focalin und so weiter, mit all diesen Amphetamin
ähnlichen Stimulantien, Medikamenten, mit denen kann das Kind besser fokussieren.

[00:12:19.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Da in unserem Schulbetrieb und am Arbeitsplatz das verlangt wird, dass wir fokussieren können, dass wir
keine so breite Aufmerksamkeit haben, sondern eben auf das fokussieren, was der Lehrer von uns will,
was der Arbeitsplatz von uns will, dann kann das sehr hilfreich sein.

[00:12:40.560] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn ist das ein gutes Hilfsmittel, Unterstützungsmittel und man muss es nicht einfach verpönen.
Wenn Kinder diese Medikamente nehmen, dann kann es sein, dass ihre Noten stark hochgehen und
dass sie dann vielleicht den Übertritt in die nächste Schule besser schaffen, etc.

[00:13:02.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage aber immer, am Wochenende sollte man es weglassen, wenn es die Eltern ertragen. Wenn es
die Eltern nicht ertragen, dann gibt man es halt auch dann.

[00:13:16.080] – Irene Beerli
Fast in jeder Klasse gibt es mindestens ein Kind mit einer ADHS/ADS Veranlagung. Wie können Lehrer
und Lehrerinnen Kinder mit dieser Charakteristik unterstützen? Ist es möglich, diese Kinder so zu fördern,
dass sowohl sie selbst als auch die Mitschüler etwas davon haben?

[00:13:43.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, das Problem bei ADHS Kindern, also die mit der Hyperkinese, ist, dass sie sehr impulsiv sind
und schnell sind.

[00:13:56.220] – Dr.med. Ursula Davatz

Unser Problem ist, dass wir effizient sein wollen. Man muss möglichst gut lernen. Man hat keine Zeit für
Zwischendinge.

[00:14:07.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, ADHS Kinder sind Problemkinder in der Schule. Sie stören. Sie können auf zwei Arten stören.
Sie stören, wenn es ihnen langweilig ist und sie stören, wenn sie dem Lehrer helfen wollen.

[00:14:22.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind ja auch sehr empathisch. Manchmal kommen sie dann auch rein als Führungsfiguren und wollen
sagen, wie man es machen muss.

[00:14:31.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Da ist wichtig, dass der Lehrer eine gute, natürliche Autorität hat, dass er sich nicht infrage gestellt fühlt
durch das Reinschwatzen das Besserwissen, das nochmal eine Frage stellen und so weiter, sondern
dass er das ruhig entgegen nimmt, entschleunigt, langsamer geht und dann eine Interaktion zulässt.

[00:14:59.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann seinen Unterricht nicht einfach so weiterziehen, wie es auf dem Programm steht. Vielleicht fällt
dann vieles weg. Aber man kann mehr Interaktion zulassen und ich sage vor allen Dingen dann
Konfliktlösungen.

[00:15:18.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss sich verlangsamen und sich Zeit lassen für die Konfliktlösung.

[00:15:23.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei der Konfliktlösung kann es nicht sein, dass nur das ADHS Kind sich der Regelschule anpassen muss.

[00:15:29.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Regelschüler, die Normotypen müssen auch lernen mit der Andersartigkeit des ADHS Kindes
umzugehen. Vielleicht kann das ADHS Kind eine Problemlösung vorschlagen oder umgekehrt und so hin
und her.

[00:15:46.700] – Dr.med. Ursula Davatz
An sich ging es dann um demokratisches Lernen. Also dass man sich miteinander austauscht,
voneinander lernt und lernt, miteinander Probleme zu lösen.

[00:15:57.940] – Dr.med. Ursula Davatz

Der Lehrer bekommt dann die Funktion eines Mediators, eines Coaches, eines Vermittlers und nicht mehr
nur ein Instruktor.

[00:16:07.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, das gleich gilt für die Familie zu Hause, wenn etwas falsch läuft, dass man schaut, was sagt
die Partei? Was sagt die Partei? Ja, ich verstehe das, ich verstehe das. Jetzt, wie suchen wir uns eine
Lösung?

[00:16:23.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, das wäre eine gute politische Erziehung. Wenn wir auf unsere Politiker nicht in der Schweiz,
allgemein schauen, hätten die das gut gebrauchen können.

[00:16:39.830] – Irene Beerli
Kinder mit ADHS/ADS haben ein grosses Potential und können damit unsere Gesellschaft in
wesentlichen Dingen ergänzen. Viele sind sehr kreativ und haben die Fähigkeit, durch unkonventionelles
Denken neue Lösungen zu erarbeiten. Wenn die Motivation stimmt, können Sie sich ausserdem mit
doppelter Intensität einer Aufgabe widmen und saugen alle notwendigen Informationen innert kürzester
Zeit auf. Ausserdem sind Sie oft äusserst hilfsbereit. Warum gelingt es uns selten, diese positiven Seiten
zu sehen und warum tendieren wir dazu, diese Kinder immer wieder abzustempeln? Auf der anderen
Seite gibt viele Kinder ohne ADHS/ADS, welchen es sehr gut gelingt, genau den Anforderungen zu
entsprechen und Arbeiten zu Ende zu bringen. Wäre es nicht möglich, schon in der Schule gute
Seilschaften aus dieser unterschiedlichen Veranlagung zu bilden?

[00:17:47.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Das spricht auch eine ganz wichtige Frage an. Wir reden ja immer von der Multi-Kulti-Gesellschaft. Die
Schweiz ist ein multikulturelles Land. Wir haben vier Landessprachen. An sich haben wir in der Schweiz
Tradition von Verschiedenheiten und dass wir miteinander reden können.

[00:18:11.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe ich am Radio gehört, da hat ein Österreicher gesagt, wir Schweizer switchen ganz schnell von
Hochdeutsch zu Schweizerdeutsch und hin und her. Also wir sind flexibel, wir sind auch relativ begabt im
Sprachen lernen, weil wir schon diese Flexibilität haben.

[00:18:31.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kann die Frage nur, also die Haltung nur unterstützen. Wir sollten dieses unterschiedliche Kollektiv
möglichst nutzen, sodass alle etwas voneinander haben.

[00:18:43.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Da bringe ich dann immer ein biologisches Gesetz, also eine heterogene, also genetisch unterschiedliche
Gesellschaft, Kollektiv, überlebt viel besser als eine homogene.

[00:19:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sagt man von der Biologie her, aber ich denke, das gilt allgemein für uns Menschen. Wir sollten
lernen, die Unterschiede zusammenzusetzen und miteinander zusammen arbeiten zu lassen.

[00:19:15.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann geht es natürlich nicht nur um Kompetition, wer ist besser und schneller und gescheiter und so
weiter, sondern wer kann was einbringen.

[00:19:26.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Da geht es wieder um eine Verlangsamung. Ich denke, wenn der Lehrer das zulassen will, wenn die
Eltern das zulassen wollen, müssen sie auch wieder die Prozesse verlangsamen und dürfen nicht so
schnell zum Ziel kommen.

[00:19:45.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt da auch so Sprüche, man sagt ja auch der Weg ist das Ziel und nur wer vom Weg abkommt,
kommt auf neue Lösungen.

[00:19:54.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kann da noch etwas anderes dazu sagen. Es ist allgemein bekannt und wird statistisch auch erfasst,
Menschen mit bipolaren Störungen, das wäre für mich wieder die Folgekrankheit vom ADHS.

[00:20:13.400] – Dr.med. Ursula Davatz
In Familien, in denen bipolare Störung vorkommt, hat es viel mehr Kreativität.

[00:20:19.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kann man die Brücke schlagen zum ADHS. Menschen mit ADHS haben die Tendenz, Grenzen
überschreiten zu können.

[00:20:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Dadurch können sie eher kreativ sein. Von dort her können wir diese Kreativität von ADHS Kindern nur
allzu gut gebrauchen.

[00:20:40.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sollten sie nicht ersticken, erdrücken, und geradlinig zähmen, da geht uns sehr viel verloren.

[00:20:52.260] – Dr.med. Ursula Davatz

Die Mutter oder der Vater, der die Frage gestellt hat, hat absolut recht. Wir sollten diese Kreativität mehr
nutzen. Das sollte schon in der Schule beginnen, dass die Kreativität mit eingebracht werden kann in den
Unterricht.

[00:21:10.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht kann man sich dann nicht immer ganz an den Lehrplan halten. Vielleicht wird man dann nicht
mit allem fertig.

[00:21:18.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sage ich aber, zur Zeit des Internets, alles was man so an Wissen sich aneignen kann, kann man
heutzutage auch übers Internet holen.

[00:21:31.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Was die Kinder lernen müssen, ist logisch denken, lesen und schreiben, Mathematik, Handarbeit, Praxis,
also umsetzen in die Handlung.

[00:21:45.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort her kann ich nur alle Eltern, alle Lehrer dazu auffordern, nehmen Sie sich die Zeit, gönnen Sie
sich eine Auszeit vom Lehrplan und gehen Sie persönlichkeitsgerecht mit diesen Kindern um und lassen
die anderen Kinder auch davon lernen.

[00:22:06.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, wenn die Normotypen lernen, mit solchen andersartigen Kindern umzugehen, dann kommt
ihnen das sehr zugute später auch am Arbeitsplatz.

[00:22:16.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie werden nicht gerade erschreckt, wenn irgendwann mal etwas anders läuft und ich kann da wieder in
die körperliche Gesundheit gehen. Kinder, die nichts mit Dreck zu tun haben, also die steril aufwachsen,
die haben viel mehr Allergien.

[00:22:32.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Kinder, die mit unterschiedlichen Situationen, unterschiedlichen Persönlichkeitstypen in der Schule
umgehen lernen müssen, die sind flexibler und anpassungsfähiger später im Erwachsenenleben.

[00:22:48.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wären meine Ideen dazu. Jetzt möchte ich dir gerne das Wort geben.

[00:22:56.460] – Irene Beerli

Also ich kann ganz vieles unterstützen, was du gesagt hast. Und zwar in meinem Alltag auch. Und auch,
dass es hin und wieder wirklich nicht ganz einfach ist, diese Balance zu finden von dem, was ich
eigentlich vorhabe, auch eigentlich machen möchte und dann diese Querdenker oder je nachdem,
manchmal sind sie ja dann nicht so angepasst, dass das aufgeht.

[00:23:22.780] – Irene Beerli
Das finde ich nicht immer ganz einfach, weil man ja dann verschiedene Sachen auch überlegt oder
machen möchte. Manchmal ist es einfacher oder schneller beim Erkennen von den hyperaktiven Kindern
und mein Fokus ist manchmal bei den Verträumten, weil da merke ich auch, die finde ich manchmal
wirklich traurig, die kommen etwas zu kurz.

[00:23:48.160] – Irene Beerli
Ich habe auch Erfahrungen gemacht, die sind extrem lustig, wenn man das auf einer anderen Ebene
betrachtet. Aber sehr schräg. Die machen Sachen, da ist erstaunlich, die sind manchmal auch neben den
Schuhen. Aber können das vielleicht nicht so wie ein hyperaktives Kind schnell präsentieren, da auf
einmal steht man neben einem Kind und versteht nicht, was das jetzt gemacht hat. Wenn man nicht
achtsam ist, könnte man auch ganz schnell mit dem Kind schimpfen. In dem Sinn, was hast du gemacht?
Wenn man dann achtsam ist, kann man das ganz anders begleiten.

[00:24:26.640] – Irene Beerli
Ich glaube, das hat es dann auch sehr, sehr notwendig. Es steht viel an.

[00:24:33.640] – Irene Beerli
Ich denke, das ist dann ja je nachdem der Seelenschmerz, den das Kind hat, wo nicht sichtbar ist. Bei
den hyperaktiven gibt es ganz eine andere Dynamik.

[00:24:45.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, ich denke, das ist sehr wichtig, sowohl wieder für Eltern als auch für Lehrer, dass sie die ADS Kinder,
die Träumer im Auge haben und sich immer wieder mal vornehmen, ich muss dieses Kind mehr
rausholen. Denn die können nicht von nicht von sich aus sich in Szene setzen und präsentieren und die
hängen dann einfach ab.

[00:25:10.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort her sind die darauf angewiesen, dass man sie anspricht. Aber es sind so wie Fundgruben. Die
Lehrerin muss merken, dass da eine Fundgrube ist und dass man das rausholt. Wenn es die Lehrperson
macht, ist sie vielleicht auch mehr ein Vorbild für die anderen Kinder, dass nicht nur immer die Lauten das
Sagen haben, sondern auch die Leisen.

[00:25:40.780] – Irene Beerli
Ja, das kann ich nur unterstützen, das tut den Kindern wirklich gut.

[00:25:46.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber man muss sich das immer wieder sagen.

[00:25:48.720] – Irene Beerli
Ja, das ist wirklich im Alltag dann auch gar nicht so einfach. Das muss dann ganz schnell in diese Muster
gehen, wie man es sich denkt, müsste es sein, oder?

[00:25:58.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Wahrscheinlich muss man da auch mal ein lautes Kind abbremsen und sagen, du hast viele gute Ideen,
aber du hast jetzt schon viel mal was gesagt, jetzt muss ich mal das Kind fragen. Oder man könnte sogar
das aktive Kind dazu bringen, dass es das Stille fragt. Wäre doch eine Möglichkeit, dass es gar nicht
immer der Lehrer ist.

[00:26:19.760] – Irene Beerli
Das wirkt manchmal sowieso sehr gut, wenn sie sich gegenseitig helfen können. Das ist wirklich eine
Herausforderung im Alltag. Ich denke, da habe ich manchmal noch gute Möglichkeiten, weil ich das
besser steuern kann und auch den Lehrplan anders dann deute.

[00:26:41.060] – Irene Beerli
Von dem her sind Fächer wie Handarbeit etwas sehr Wichtiges, weil wir als Handarbeitslehrerinnen auch
einen anderen Blick haben und diese Kinder auch sehr gut erkennen können. Wenn wir wissen, worum
es geht, dann ist das ein sehr guter Prozess auch für diese Kinder.

[00:27:00.000] – Irene Beerli
Es ist eine Herausforderung für die Lehrperson, je nach Gruppe. Aber es kann für die Kinder nochmals
eine ganz neue Erfolgsgeschichte sein, je nachdem.

[00:27:09.750] – Irene Beerli
Sie können sich einmal anders darstellen oder man kann sie anders begleiten. Ich finde mehr Freiheit,
ohne auch dem Lehrplan abtrünnig zu werden. Ich habe mehr Spielraum. Das finde ich schön.

[00:27:23.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Du bist viel mehr bei der Praxis. Bei der Praxis auch vom Leben. Ich begegne manchmal Erwachsenen
Patienten, die voll im Kopf sind und die ich dann runterholen muss in die Praxis und sagen, werden Sie
praktisch, handeln Sie und nicht nur immer das Karussell im Kopf. Ich denke, das ist gerade bei ADHS
Menschen auch sehr wichtig.

[00:27:49.640] – Irene Beerli

Ich denke auch, beim Handeln kommt ja dann ein anderer Geist im Kopf, man kann andere Prioritäten
beginnen zu setzen. Ich denke auch, dass wird leider wieder etwas zu oft in Vergessenheit geraten, wie
wichtig das ist, dass man das auch eingeübt hat. Man kann nicht im Erwachsenenalter beginnen mit
Handlungen, wenn man das nie getan hat. Es braucht eine gewisse Übung, wo man wieder anknüpfen
kann. Das sehe ich auch in die Richtung.

[00:28:18.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir legen da viel zu viel Gewicht auf das rein Intellektuelle.

[00:28:24.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Das geht so schnell im Kopf.

[00:28:27.340] – Irene Beerli
Man muss sich viel mehr bewusst werden, wie wichtig die Kombination ist. Das eine lernt dann vom
anderen. Dann kommt man in andere Ebenen hinauf.

[00:28:39.570] – Irene Beerli
Dazu habe ich noch zwei Fragen. Das eine wäre, wie kann einem Kind geholfen werden, das eben
verträumt und vergesslich unterwegs ist, das dadurch auch dauernde Ermahnungen erhält? Wie kann ich
das als Mutter fördern und sein Selbstwertgefühl vor allem? Wie kann ich da umgehen?

[00:29:06.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sagt ja, Menschen mit ADHS entwickeln häufig im Erwachsenenalter auch ein Messie Syndrom. Das
beginnt schon in der Pubertät, respektive vorher.

[00:29:20.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Weil sie so viele Ideen haben, weil sie so schnell im Geist sind, wird alles Mögliche angefangen. Von dort
her ist es wichtig, das fängt eigentlich vor der Pubertät an, dass man ihnen Rituale beibringt, die sie dann
übernehmen können.

[00:29:38.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Die meisten Mütter machen den Fehler, sie sind immer hinter dem Kind hinterher und sagen, du musst
noch das, du musst noch das, hast du das nicht vergessen, denk dann dran. Also sie sind so das, wie soll
ich sagen, das Überich vom Kind.

[00:29:55.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist nicht gut. Man muss klare Abläufe mit den Kindern einüben und eher schon früh.

[00:30:05.280] – Dr.med. Ursula Davatz

Die Kinder können dann diese klaren Abläufe, diese Strukturen übernehmen. Es darf nicht zu viel sein, es
darf nicht zu pedantisch sein, lieber weniger, aber das dafür als Struktur beibehalten.

[00:30:23.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss natürlich das auch vorleben, wenn man selber chaotisch in dem Zeug herum weibelt, ist es
schwierig für das Kind, das zu lernen.

[00:30:33.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich erlebe auch immer wieder, wenn die Mutter chaotisch ist, manche Kinder werden dann fast zwanghaft
ordnungsliebend. Also sie korrigieren.

[00:30:44.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, die Mütter, die Väter müssen den Kindern lernen, Struktur zu setzen und dass die Kinder diese
Struktur dann im Gehirn einpflanzen können als Gewohnheit.

[00:30:58.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sagt, sie lernen nicht so schnell, denn sie haben immer wieder andere Dinge. Aber wenn man es
lang genug macht, dann bleibt das schon.

[00:31:08.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, Struktur. Alles, was die Kinder natürlich gerne machen, also ein Instrument spielen, einen
Sport machen, eine Handarbeit, irgendetwas, was ganz persönlich wichtig ist für das Kind.

[00:31:23.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Kinder solche Hobbys haben, hilft ihnen das, sich immer wieder zu fokussieren und zu sich zu
kommen.

[00:31:33.300] – Irene Beerli
Das denke ich auch und ich erlebe das auch manchmal. Die Kinder, welche viele Freizeitbeschäftigungen
haben, die werden auch abgelenkt mit positiven Erfahrungen. Das ist fast besser, als wenn man
runterfährt, weil sie nicht so gut in der Schule sind.

[00:31:56.120] – Irene Beerli
Ich glaube das Gegenteil für die Kinder. Das bringt ihnen unglaublich viel, auch Selbstwertgefühl.

[00:32:01.710] – Irene Beerli

Sie gehen in einen Töpferkurs, Sport machen, gehen vielleicht noch in den Musikunterricht. Ich glaube,
es bringt fast mehr, als wenn man runterfährt, und die haben dann nichts, sie fallen dann fast mehr in
eine Leere, oder? Das tut Ihnen nicht gut.

[00:32:19.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Da bin ich absolut mit Dir einverstanden. Manchmal sagen die Eltern, du bist nicht gut im Französisch
oder in der Mathematik, du kannst jetzt nicht Fussball spielen gehen. Erst wenn du die Note 5 hast, dann
kannst du wieder gehen. Falsch! Absolut falsch!

[00:32:35.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Gegenteil, die sollen diese Freizeitbeschäftigung haben. Die zieht die Note eher hoch. Klar, was die
Struktur anbetrifft, man muss klare Zeiten haben, wann sie die Aufgaben machen, dass sie sich auch an
diese Struktur gewöhnen.

[00:32:53.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Hobby wegnehmen, damit sie besser in der Schule werden, funktioniert überhaupt nicht. Viele Eltern
machen das.

[00:33:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat sogar auch wieder Untersuchungen gemacht. Nach dem Turnen sind viele aufmerksamer,
besser dabei. Denn dann stimulieren sie ihr eigenes Dopamin. Dann brauchen sie kein Ritalin. Dann ist
es durch die Aktivität schon gemacht.

[00:33:15.000] – Irene Beerli
Das ist wunderbar.

[00:33:18.100] – Irene Beerli
Wie gehe ich damit um, wenn ich als Mutter Strukturen geben muss, weil ich ein Kind habe, das
chaotisch ist? Selber bemerke ich, dass ich ja ebenfalls ein ADS/ADHS habe und ebenfalls chaotisch bin.

[00:33:37.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Da treffe ich unterschiedliche Familien an, manche Mütter oft, aber auch Väter, wenn ihr Kind die
Diagnose ADHS bekommt, dann beginnen die sich selber zu hinterfragen, reflektieren und sagen relativ
schnell, ich glaube, ich habe auch ein ADHS.

[00:34:00.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit denen lässt sich dann gut arbeiten. Die sagen dann auch, jetzt verstehe ich mich viel besser, weil ich
es jetzt einordnen kann. Nicht in die Krankheitsdiagnose, sondern eben in die Persönlichkeitsdiagnose.
Die haben dann auch Verständnis.

[00:34:20.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal passiert auch, ich habe ja auch ein ADHS, sagt die Mutter, und da muss das Kind quasi
Rücksicht nehmen auf sie. Das geht natürlich nicht.

[00:34:29.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Eltern müssen zuerst mit unseren Problemen zurechtkommen und nicht einfach das Kind kritisieren.
Also es gilt nicht "quod licet jovis non licet bovis". Die Eltern dürfen sich nicht erlauben, etwas ganz falsch
zu machen, aber das Kind muss dann gehorchen.

[00:34:52.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Gegenteil, ich sage den Eltern, wenn sie sich nicht im Griff haben, dann das Kind erziehen wollen,
lieber gar nichts sagen und alles einfach laufen lassen. Denn wenn man sich nicht selbst im Griff hat, ist
man kein guter Erzieher oder Erzieherin. Dann kann sich das Kind besser selber wieder beruhigen oder
seinen Weg finden.

[00:35:18.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss man halt an sich arbeiten oder sonst, wenn man sich nicht mehr im Griff hat oder Angst hat,
man hat sich nicht mehr im Griff, dann darf man auch sagen, jetzt ertrage ich nichts mehr, jetzt muss ich
aufpassen, jetzt könnte jetzt durchdrehen.

[00:35:32.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage dann immer, man darf an die Decke schießen, ich werde verrückt, aber nicht du bist so
unmöglich. Nicht auf das Kind losgehen und das Kind runter machen. Wir sind doch immerhin
erwachsene Personen und wir sollten uns etwas besser im Griff haben als die Kinder.

[00:35:55.440] – Irene Beerli
Das verstehe ich gut.

[00:35:55.640] – Irene Beerli
Es gibt oft auch Situationen, in denen Kinder dauernd hören müssen, wenn das Kind sich mehr
anstrengen würde, würde es besser gehen. Oder es sitzt einfach da und träumt vor sich hin, es ist etwas
faul.

[00:36:14.320] – Irene Beerli
Ich denke, das ist ja auch etwas ganz Schmerzhaftes für Kinder. Was kann man da Eltern raten? Wie
sollen sie umgehen, ihr Kind zu stützen?

[00:36:24.100] – Irene Beerli

Wie sollen sie auch den Lehrern entgegentreten? Die sehen das manchmal einfach nicht. Die sehen
einfach das Kind, das da sitzt und nichts macht und merken ja, dass das Kind je nachdem eine sehr hohe
Intelligenz hat, stellen aber fest in der Schule, das macht so unterschiedliche Leistungskurven, also
muss es faul sein? Hat es da nicht gelernt und so? Ich glaube, das stimmt eben nicht. Wie kann man
umgehen, dem Kind gerecht zu werden in diesen Fällen? Wie kann man Lehren entgegentreten, ihnen
einen anderen Blick dafür zu geben?

[00:37:00.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein typischer Spruch von Eltern und von Lehrern. "Es könnte schon, es will aber nicht." Oder "Es
könnte schon, es ist nur zu faul." Stimmt nicht.

[00:37:13.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sagt man dann, nein, es kann nicht wollen. Die ADHS/ADS Kinder sind sehr sensibel, an sich auch
sehr empathisch. Die sind sehr abhängig vom Klima, was um sie herum ist. Sie müssen das richtige
Klima haben und die richtige Führung, dass sie da wieder einhängen können.

[00:37:36.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, in der Klassensituation muss man schauen, wo sitzt das Kind, neben wem sitzt es, nicht am
Fenster, sondern an der Wand.

[00:37:47.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man es kann, dass man auch dem Kind die Möglichkeit geben kann, dass es vielleicht in ein
Nebenzimmer gehen darf, um sich besser konzentrieren zu können. Manche konzentrieren sich besser in
der Stille, aber manche brauchen auch den Lärm.

[00:38:05.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Die gehen am liebsten an den Küchentisch, an den Familientisch, machen ihre Aufgaben während das
Gespräch läuft. Und dann denkt man "Hm, geht das?" Aber die brauchen diese ständige leichte
Stimulation. Die brauchen auch Musik oder irgendetwas. Wenn die in einem stillen Raum sind, dann geht
der Geist so weit weg und die Wahrnehmung, dass sie weit weg von ihrem Heft sind.

[00:38:32.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Das muss man auch wieder herausfinden.

[00:38:35.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, es ist ganz wichtig, dass die Eltern halt die Erkenntnis haben. Ich verwende dann immer
wieder so Sätze von Tieren. Ich sage, man kann dem Hund das Bellen nicht verbieten. Ich könnte
vielleicht sagen, man kann dem Siebenschläfer den Winterschlaf nicht verbieten oder dem Bären den
Winterschlaf nicht.

[00:38:59.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss auf die Persönlichkeit dieser Kinder eingehen und sonst schadet man ihnen. Je besser ihr
Umfeld auf ihre Persönlichkeit eingeht, sie aber doch, also nicht nur einfach schont und in Watte packt,
sondern sie auch liebevoll mit andersartigen Dingen konfrontiert, umso besser lernen sie dann mit ihrer
Eigenart umzugehen.

[00:39:23.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie lernen sich besser handhaben. Das ist schlussendlich das Ziel, dass wir alle lernen, mit unseren
Anlagen möglichst gut umzugehen und diese möglichst gut umzusetzen.

[00:39:37.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sage ich vielleicht nochmal etwas zum Schluss. Man redet immer, also in der Therapie sagt man: Der
muss sein Selbstwertgefühl stärken. Ich muss dem helfen, das Selbstwertgefühl zu stärken. Das ist so ein
abstrakter Begriff.

[00:39:54.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Gefühle kann man nicht stärken mit Vitamin D oder irgendetwas. Das Selbstwertgefühl dieser Menschen,
dieser Kinder und dieser Menschen als Erwachsenen wird gestärkt, wenn man sie so annimmt, wie sie
sind, mit all ihren Eigenschaften, wenn man sich auch auseinandersetzt mit ihren auch schwierigen
Eigenschaften, aber sie unterstützt in ihrer eigenen Art und nicht sie zu Normotypen machen will.

[00:40:24.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sie eben zu Normotypen machen will, dann werden sie geschädigt in ihrem Selbstwertgefühl.

[00:40:30.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum ist mir so wichtig, dass ich sage, ADHS ist keine Krankheit. ADHS ist eine
Persönlichkeitsdiagnose, da kann man das Wort Diagnose verwenden, die für diese Menschen zum Teil
das Leben etwas schwieriger macht, die für das Umfeld und die Erzieher die Arbeit etwas schwieriger
macht. Aber ich sage auch interessanter.

[00:40:54.620] – Irene Beerli
Ja, das kann ich nur unterstützen. Vielen Dank.

[00:40:58.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Danke fürs Gespräch.

[00:41:02.200] – Dr.med. Ursula Davatz

Ich hoffe, sie als Eltern haben etwas davon und können das verwenden. Sie dürfen auch wieder im
Rahmen des Elternrats vom Schulhaus Weinberg/Turner, dürfen sie auch weitere Fragen stellen unten in
den Kommentaren auf Youtube.

Warum fallen Menschen mit ADHS häufiger in eine Depression und wie kommen sie wieder raus?

Warum fallen Menschen mit ADHS häufiger in eine Depression und wie kommen sie wieder raus?
Warum fallen Menschen mit ADHS häufiger in eine Depression und wie kommen sie wieder raus?

Flyer: Warum fallen Menschen mit ADHS häufiger in eine Depression und wie kommen sie wieder raus?

Transkript (OCR)

Eine Veranstaltung von adhs20+

„Warum fallen Menschen mit ADHS häufiger in eine Depression – und wie kommen sie wieder raus?“

Einladung
adhs20+ startet ihre Veranstaltungsreihe im Jahr 2021, auf Grund der grossen Nachfrage, zum Thema „ADHS und Depression“. Niedergeschlagenheit bis hin zur Depression gilt als weit verbreitete Begleiterscheinung unter ADHS-Betroffenen. Gerne laden wir Sie zu einem spannenden Referatsabend ein. Erfahren Sie mehr und diskutieren Sie mit!

Thematik
Menschen mit ADHS und ADS weichen mit ihren Persönlichkeitszügen schon von Kindheit an mehr oder weniger stark von den gesellschaftlichen Normen ab.

Geht ihr Umfeld, sei dies Familie oder Schule, nicht persönlichkeitsgerecht mit ihnen um, sondern versucht sie dauernd durch korrigieren zur Norm zu erziehen, kommen sie sich bald einmal als „Verlierer“ vor. Sie machen in den Augen ihres Umfeldes fast alles falsch. Sie dürfen nicht so sein wie sie sind.

Die Depression ist eine Reaktion darauf, quasi eine „Verlierer“-Reaktion, die zur „Verlierer“-Krankheit wird. Auch in der Tierwelt kann man solche „Verlierer“-Reaktionen beobachten, wenn sich ein Tier im Dominanzkampf nicht durchsetzen kann.

Dieses von aussen bestimmte, sich mit der Zeit einschleichende negative Selbstbild kann sich in der menschlichen Psyche niederschlagen und zu vielen negativen Konsequenzen führen.

Um aus dem Tief der Depression wieder herauszukommen gibt es nur eines: Nämlich seine ganz eigenem, verschüttete Persönlichkeit auszugraben, sich selbst entdecken und akzeptieren – und dann vor allem lernen, mit seinen ganz spezifischen Eigenschaften möglichst geschickt umzugehen.

Programm
Teil 1 | Referat – Dr. med. Ursula Davatz, Vizepräsidentin adhs20+
Teil 2 | Diskussion zum Thema

Infos
Datum: Dienstag, 12. Januar 2021
Zeit: 19:30 – 21:30 Uhr
Lokalität: Zentrum Karl der Grosse, Kirchgasse 14, 8001 Zürich
Eintritt: Mitglieder Fr. 15.– / Nichtmitglieder Fr. 20.– (mit Voranmeldung)

AD(H)S als Hintergrund psychischer und körperlicher Krankheiten, Ideen für Prävention

Audio:

Transkription

Transkript

Dr.med. Ursula Davatz, Dr.med. Karl Studer

28.11.2020
AD(H)S als Hintergrund psychischer und körperlicher Krankheiten, Ideen für Prävention
Audio

[00:00:04.590] – Dr.med. Karl Studer
Ursula, du bist eine Pionierin der modernen Psychiatrie. Du hast jahrelang den Sozialpsychiatrischen
Dienst im Kanton Aargau geleitet und bist eine begnadete Ausbilderin in System- und Familientherapie.

[00:00:20.390] – Dr.med. Karl Studer
Du schreibst Bücher und machst Vorträge um die Situation psychisch kranker Patienten, den Kollegen,
den Angehörigen und einer breiten Bevölkerung nahe zu bringen. Du bist eine kreative Querdenkerin in
der Aargauer und der Zürcher Psychiatrie und blickst auf 40 Jahre Erfahrung zurück mit
Familiensystemen, bei schweren psychischen Krankheitsbildern wie Psychosen, Sucht und Delinquenz.

[00:00:54.760] – Dr.med. Karl Studer
Woher hast du alle diese Kraft und den Mut, dich über Jahrzehnte unermüdlich mit diesen
Krankheitsbildern und ihre Behandlung zu beschäftigen?

[00:01:08.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, ich bin neugierig. Ich löse gerne Probleme. Ich beschäftige mich gerne mit komplizierten
Dingen. Ich bin die Tochter eines Ingenieurs und Ingenieure sind auch Problemlöser.

[00:01:23.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe Familientherapie gelernt, Systemtherapie und wenn man als Familientherapeut mit Patienten
arbeitet, hat man viel mehr Möglichkeiten zu intervenieren, viel mehr Ressourcen, viel mehr
Interventionspunkte.

[00:01:41.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist für mich absolut faszinierend. Ich kann ständig dazulernen, mit jedem neuen System und somit
liebe ich meinen Job.

[00:01:52.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage manchmal auch, ich bin wie der Wein, ich werde besser, je älter ich werde.

[00:01:59.520] – Dr.med. Karl Studer
Du hast mit deinem Buch "ADHS und Schizophrenie" – eine neue Arbeitshypothese aufgestellt, wobei
das ADHS als genetische Vulnerabilität die Ursache für psychische Krankheiten darstellt. Besonders die
Schizophrenie. Wie bist du zu dieser Überzeugung gekommen?

[00:02:22.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe beobachtet.

[00:02:22.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Als ich ihn Amerika war zwischen 1975 und 1980, habe ich mit Delinquenten gearbeitet.

[00:02:32.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Zeit lang habe ich als Konsiliarärztin im Gefängnis gearbeitet und habe dann da den Link zwischen
ADHS und Delinquenz mal prozessiert.

[00:02:43.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin dann im 1980 nach Königsfelden gekommen.

[00:02:48.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hatte ich einen Patienten, der hatte Delinquenz, der hatte eine Lernstörung, der war diagnostiziert als
damals noch POS Kind und hatte eine Schizophrenie.

[00:03:02.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann habe ich auf einmal gedacht, das hängt zusammen.

[00:03:06.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann habe ich begonnen in all meinen Behandlungen zu schauen, wie hängt das zusammen.

[00:03:13.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Schlussendlich habe ich dann eine kleine Studie gemacht, in der ich 75 Personen mit Schizophrenie und
ihren Familien interviewt habe in Bezug auf ihren Erziehungsstil, die Zusammenarbeit unter den Eltern
und dann die Entwicklung der Schizophrenie.

[00:03:39.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte 70 Vergleichsfamilien und da kamen einige Dinge heraus.

[00:03:45.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Die waren alle nicht als ADHS diagnostiziert.

[00:03:49.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Anhand der Befragung und der Anamnese habe ich sie quasi retrospektiv als ADHS Kinder angeschaut.

[00:04:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
So hat sich dann meine Theorie, dass ADHS und Schizophrenie verlinkt ist, gefestigt.

[00:04:09.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe dann 17 Jahre lang an meinem Buch geschrieben. Ich habe natürlich immer alle Familien
angeschaut, ich habe immer geschaut, was ist da alles im System.

[00:04:18.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Je länger ich da bin und das anschaue, umso mehr sehe ich, dort ist der impulsive, jähzornige Vater.

[00:04:31.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Da ist die Tochter, die sich dann angepasst hat und dann das Enkelkind bekommt dann die Diagnose
ADHS.

[00:04:41.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Heutzutage verwendet man ja POS nicht mehr, nur noch ADHS.

[00:04:47.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe natürlich weiter geschaut und gelesen über ADHS.

[00:04:52.150] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS ist für mich die, ich darf jetzt nicht sagen Krankheitsbild, also das Erscheinungsbild in der
Psychiatrie das am stärksten genetisch vererbt wird und als genetisch vererbt angeschaut wird.

[00:05:08.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei Autismus sagt man noch höher, also 80 Prozent, bei ADHS 75 Prozent.

[00:05:16.720] – Dr.med. Ursula Davatz
So bin ich dann darauf gekommen, das muss genetisch sein und je nachdem wie dann diese Genetik im
Umfeld behandelt wird, entstehen verschiedene Krankheiten.

[00:05:31.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe an erster Stelle die Schizophrenie angeschaut, jetzt schaue ich auch alle anderen Krankheiten
an.

[00:05:37.940] – Dr.med. Karl Studer

Du sprichst ja von ADHS als einem Persönlichkeitstyp, nicht von einer Krankheit, hast Du da ein Beispiel
dazu?

[00:05:56.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe viele ADHS Kinder angeschaut.

[00:06:03.520] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS Menschen zeichnen sich aus durch viele verschiedene Eigenschaften, aber eines ist die
Sensibilität, hochsensibel, dann redet man auch von Hochsensibilität.

[00:06:16.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Das zweite ist die Reaktivität oder Impulsivität.

[00:06:19.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie verletzt werden, reagieren sie impulsiv.

[00:06:25.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann haben sie zum Teil auch eine andere Wahrnehmung.

[00:06:28.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Das geht dann schon bald in die Lernstörung oder Wahrnehmungsverarbeitung.

[00:06:34.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt viele Beispiele von Menschen mit ADHS oder ADS, die nie mit der Psychiatrie zu tun hatten.

[00:06:49.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Zum Beispiel Richard Branson ist einer, der ist aus allen Schulen rausgeflogen und die Eltern haben ihn
aber nie im Stich gelassen. Er hat dann zuerst eine CD Firma gegründet, dann Virgin Cola, Virgin Airlines
und so weiter. Er ist ein erfolgreicher Geschäftsmann.

[00:07:13.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Warum sage ich, es ist keine Krankheit? Es gibt durchaus Menschen mit ADHS, die können problemlos
oder vielleicht mit Problemen, aber die können funktionieren, die können erfolgreich sein.

[00:07:29.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Die brauchen die Psychiatrie nicht und es muss auch nicht weg therapiert werden.

[00:07:36.320] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS ist eine Eigenschaft, oder besteht aus vielen Eigenschaften, Charaktereigenschaften,
Persönlichkeitstyp.

[00:07:44.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Persönlichkeitstyp ist keine Krankheit.

[00:07:48.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Am ehesten kann man dann noch vergleichen mit den Persönlichkeitstypen.

[00:07:52.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Der ADHSler wäre der extrovertierte Persönlichkeitstyp und der ADSler wäre der introvertierte
Persönlichkeitstyp.

[00:08:05.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Von Bill Gates sagt man auch, dass er ein ADHS hat.

[00:08:09.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Albert Einstein, damals hat man noch POS gesagt, der hat bis zum fünften Altersjahr nicht geredet, es
wäre eigentlich Autismus gewesen und ist dann sehr erfolgreich geworden.

[00:08:20.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kommt sehr auf das Umfeld darauf an, dass man mit diesen Kindern umgeht, ob die zu erfolgreichen
oder normalen Personen heranwachsen oder ob sie krank werden.

[00:08:36.040] – Dr.med. Karl Studer
Gibt es auch eine doppelte Vererbung? Oder hast du hier auch Beispiele?

[00:08:43.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man von doppelter Vererbung redet, dann meint man zwei Diagnosen, also Doppeldiagnose.

[00:08:55.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage nein. Aus meiner Sicht ist die Grundkonstellation immer das ADHS.

[00:09:03.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt natürlich ganz viele verschiedene. Heutzutage sagt man, das ADHS wird bestimmt durch viele
verschiedene Gene bis zu 100 verschiedenen Genen, also Lokus auf den Genen.

[00:09:24.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus meiner Sicht und meiner Erfahrung entstehen die Krankheiten immer aus diesem ADHS/ADS Typ
oder Varianten von diesen.

[00:09:37.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Vor Jahren hatte ich Kontakt mit dem Genetiker Professor Schmid in Zürich.

[00:09:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Da haben die immer bei den manisch Depressiven nach den Genen gesucht, die zum manisch-
depressiven führen.

[00:09:54.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat er gesagt, die manisch Depressive Krankheit ist eine Kombination von an sich normalen
Genen. Eine unglückliche Kombination von an sich normalen Genen.

[00:10:07.790] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS ist natürlich auch eine Kombination.

[00:10:13.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Bis dann die psychische Krankheit entsteht, die entsteht nicht in den Genen. Die entsteht über die
Interaktion, über die Entwicklung des Gehirns, über die Lebenserfahrung etc. Das ist viel komplizierter.

[00:10:28.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt kein Gen, das zu einer psychischen Krankheit führt.

[00:10:32.380] – Dr.med. Karl Studer
Was spielt dabei das familiäre Umfeld, die Kommunikation und der Interaktionsstil für eine Rolle?

[00:10:40.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine grosse Rolle.

[00:10:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich schaue in den Familien, in denen aus dem ADHS eine Schizophrenie sich entwickelt: diese
Familien und die ADHSler allgemein, kommunizieren in der Regel hoch emotional. Mit starker emotionaler
Belastung.

[00:11:10.140] – Dr.med. Ursula Davatz

Wenn im Familiensystem dann Konflikte vorhanden sind, so wie dauernder Ehekonflikt, das kam auch
raus.

[00:11:20.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schizophreniefamilien haben viel mehr Konflikte.

[00:11:23.700] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHSler haben mehr Konflikte, weil sie einerseits so sensibel sind, andererseits impulsiv, und dann
eskaliert es sehr schnell.

[00:11:35.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ein Kind in einer ständig überheizten, emotional überlasteten Umgebung aufwächst, dann ist es
ständig überreizt, und dann kann es leicht zu einer emotionalen Systemüberlastung kommen, und da
entgleitet es dann in die Schizophrenie.

[00:12:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Schule, da kann ein Kind ständig bestraft werden, weil es sich nicht an die Regeln hält, weil es sich
nicht so leicht einpassen lässt, also die haben mehr Mühe mit Regeln lernen, die lassen sich mehr von
sich her steuern und nicht so gut fremd steuern, dann werden sie immer kritisiert, dann ziehen sie sich
vielleicht zurück oder sie schlagen zurück.

[00:12:28.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wären die ADHSler. Dann läuft natürlich eine schiefe Bahn los.

[00:12:33.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Carlos/Brian, der da in allen Zeitungen gehandelt wurde, der ist sicher ein ADHS Kind.

[00:12:42.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Er wurde als Kind eingesperrt. Er wurde, glaube ich, sogar auch angebunden.

[00:12:48.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Also für sein Naturell wurde er viel zu eng eingeengt und schlussendlich ist er über die Grenze
gesprungen, wurde delinquent.

[00:12:57.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt macht man Sicherheitstrakt und alles mögliche, was genau das Gegenteil von dem ist, was diese
eigentlich brauchen.

[00:13:06.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Kinder können dann zu Monstern werden.

[00:13:09.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern sagen auch, ich habe Angst vor meinem Kind, es ist wie ein Monster.

[00:13:15.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann muss ich mit den Eltern immer anschauen, wie sie das Kind anders behandeln müssen.

[00:13:20.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann muss ich immer zurückgehen, was haben sie vorher gemacht, wie haben sie das Kind verletzt und
dann diese Verletzung weglassen.

[00:13:29.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Meistens schaut man nur, jetzt im Fall der Delinquenz, das Endresultat an, aber nicht vorher die
Verletzung.

[00:13:39.960] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn muss ich immer sehr sorgfältige Analysen machen zwischen Patient und Umfeld, Eltern,
Mutter, Vater, Geschwister.

[00:13:49.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich dort eine Veränderung hinbringen kann, dann beruhigt sich das Ganze.

[00:13:57.310] – Dr.med. Karl Studer
Was spielt die Lernstörung hier für eine Rolle?

[00:14:06.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Lernstörungen wie Legasthenie, Dyskalkulie, das ist relativ häufig kombiniert mit einem ADHS oder ADS.

[00:14:25.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn noch eine Lernstörung dazu kommt, dann haben diese Kinder natürlich mehr Mühe in der Schule.

[00:14:33.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn dann die Eltern ehrgeizig sind, akademisch ehrgeizig sind, und mit dem Kind stundenlang lernen
und immer wieder emotionale Aufheizung, dann ist die ganze Lernatmosphäre weg, und es lernt nicht,
und es hat nur emotionale Aufheizung.

[00:14:53.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man vom Kind etwas verlangt, was es noch nicht kann, dann läuft man immer, quasi schon fast
amok, also gegeneinander, und dann wird das Kind in seinem Selbstwert massiv gestört.

[00:15:07.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte ein ADHS Kind, ein Junge, und der hatte auch eine Legasthenie.

[00:15:15.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Er wurde von der Lehrerin in der Klasse bloßgestellt, er hatte 44 Fehler im Diktat gehabt, und wurde vor
die Klasse gestellt und musste da seine Fehler zeigen. Er wurde beschämt von der Lehrerin.

[00:15:29.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Der war handwerklich sehr geschickt und man hat ihn gerne gehabt am Arbeitsplatz. Wir wollten ihn in
eine Lehre bringen. Aber der ist nicht in die Schule gegangen. Jeden Morgen war es dem schlecht. Er hat
erbrochen. Er hat sich gewehrt, er wurde drogensüchtig und wir haben den nie mehr in die Schule
gebracht.

[00:15:52.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Lernstörung wurde ihm zum Stolperstein, weil die Schule schlecht mit ihm umgegangen ist.

[00:16:01.760] – Dr.med. Karl Studer
Wenn wir an die Schizophrenie denken, da passiert ja nach einer gewissen Latenz, du sagst dem ein
Tsunami, die akute Psychose. Was sind denn die Konfliktsituationen, besonders bei Jugendlichen?
Welche Rolle spielt denn die Pubertät dabei?

[00:16:22.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Die meisten psychischen Krankheiten entwickeln sich in der Pubertät. Dann ist der erste Ausbruch.

[00:16:33.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Pubertät ist eine ganz wichtige Phase. Es ist die Phase der Persönlichkeitsbildung.

[00:16:33.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Mein Bild ist wie folgt: Die Eltern halten dann oft noch an ihrem Beschützerinstinkt fest und das Kind hat
den Autonomieinstinkt.

[00:16:53.660] – Dr.med. Ursula Davatz

Wenn die Eltern nicht richtig loslassen können, dann muss sich das Kind wehren gegen die Eltern oder
über alle Maßen, über die Zeit hinaus anpassen an das Bedürfnis der Eltern, kann seine Persönlichkeit
dann nicht richtig entwickeln und dann läuft sie schief.

[00:17:14.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn dann, und das ist meistens so, kommt dazu, dass die Eltern noch miteinander streiten, wie man mit
dem Kind umgehen sollte, dann ist da noch mehr emotionale Belastung.

[00:17:25.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn dann noch eine Liebesgeschichte dazu kommt, die schief läuft, oder wenn in der Schule noch
etwas schief läuft, dann ist auf allen Ebenen Emotionalität vorhanden, die nicht gelöst wird.

[00:17:38.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Es sind viele verschiedene Bauplätze.

[00:17:41.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat dieses Kind, dieser pubertierende Mensch nicht die genügende Ruhe, nicht den genügenden
Freiraum, um seine Persönlichkeit zu entwickeln.

[00:17:56.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Schizophrene, die implodieren dann nach innen. Das ist dann dieser Tsunami, diese emotionale
Monsterwelle, die dann das kognitive System zum Zusammenbruch bringt und die Schizophrenie auslöst.

[00:18:13.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Ursache der Schizophrenie ist nicht kognitiv, die Ursache ist emotional.

[00:18:22.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hat auch Prof. Dr.med. Luc Ciompi in seiner Theorie mit der Affektlogik festgehalten.

[00:18:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Ursprung ist emotional. Es ist eine emotionale Überlastung dieses Menschen, eine Überflutung, die
dann die Kognition zum Zusammenbruch bringt.

[00:18:42.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Messen tun wir dann die Kognition. Wir sehen, dass die Kognition nicht mehr funktioniert.

[00:18:49.130] – Dr.med. Ursula Davatz

Wir haben in Amerika gelernt, wir können feststellen, ob einer schon in einem schizophrenischen Schub
drin ist, wenn man einem intelligenten Menschen ein Sprichwort zur Interpretation zur Verfügung stellt,
zum Beispiel: "Wer in einem Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen". Dann sagt er, das Glashaus
geht kaputt. Er kann es nicht mehr übertragen. Also die höhere Funktion der Kognition funktioniert nicht
mehr. Sie sind deswegen aber nicht dumm. Wenn die wieder runterkommen, die Emotionalität sich
beruhigt hat, ist die Kognition wieder da.

[00:19:24.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher hat man ja gesagt, Dementia Präcox, also die verblöden, aber die sind von einem schizophrenen
Schub nicht verblödet.

[00:19:33.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sie dann lange in Kliniken ohne soziale Interaktion aufbewahrt, dann verblöden sie wirklich mit
der Zeit.

[00:19:45.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann nimmt sogar das Gehirnvolumen ab.

[00:19:49.760] – Dr.med. Karl Studer
Was ist nach deiner Meinung wichtig am Anfang der Behandlung von Schizophrenie Patienten?

[00:19:57.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke es ist wichtig, dass man sofort mit dem Familiensystem Kontakt aufnimmt. Dass man als erstes
die Eltern versucht zu beruhigen.

[00:20:08.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht auf den Patienten losgehen, sondern zuerst das ganze System versucht zu beruhigen.

[00:20:17.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann man schon mit der ruhigen Kontaktaufnahme.

[00:20:19.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Eltern merken, da ist jemand kompetent im Umgang mit dieser schwierigen, angstauslösenden
Krankheit, werden die schon ruhiger.

[00:20:30.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Oft weichen die Patienten aus, die flüchten, mit der Zeit, wenn es gut läuft, will der Patient dann sogar
selber in die Behandlung kommen.

[00:20:43.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Wichtig ist, dass man das System beruhigt.

[00:20:48.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wird natürlich allgemein nicht gemacht, also man will die Symptombehandlung machen beim
Patienten, die ist auch wichtig, aber wenn man nur Symptombehandlung macht und das System nicht
beruhigt, bringt es gar nichts.

[00:21:04.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hat ja Murray Bowen, also mein Lehrer in Amerika, die haben an der Menninger Klinik, haben die
Schizophrenie Patienten eine Adoleszentenabteilung geführt mit Schizophrenie Patienten.

[00:21:19.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Die haben die Patienten übers Wochenende nach Hause geschickt. Dann kam die Patientin völlig verstört
wieder zurück auf die Abteilung.

[00:21:27.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat er gemerkt, ah, da läuft etwas. Ich muss anschauen, was da läuft.

[00:21:32.720] – Dr.med. Ursula Davatz
So ist er eigentlich auf die Familientherapie gekommen und hat dann ja sein berühmtes Projekt am NIMH
aufgezogen, wo er Vater, Mutter und Schizophrenie Patienten ein halbes Jahr, ja zum Teil anderthalb
Jahre hospitalisiert hat.

[00:21:55.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat täglich Familiensitzungen gemacht.

[00:22:00.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Personal war instruiert, da war Virginia Satir auch darunter, die mussten nur beobachten und ganz
normal beschreiben, was sie sehen. Keine psychiatrische Nomenklatur, keine Diagnose, nichts, nur
saubere Beschreibung.

[00:22:17.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, in der Psychiatrie haben wir das Problem, dass wir an unseren Diagnosestellungen festhalten
und die Diagnosen wie feste Einheiten anschauen.

[00:22:33.140] – Dr.med. Ursula Davatz

Unser Gehirn ist ein anpassungsfähiges, ein plastisches, ein lernfähiges Organ, das bleibt nie gleich.

[00:22:43.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle psychiatrischen Krankheiten sind eigentlich funktionelle, also dysfunktionelle momentane Zustände,
die mit der Zeit, wenn man sie aufrechterhält, in eine Chronifizierung übergehen können und dann quasi
erstarren.

[00:23:02.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist nicht das Gehirn. Das Gehirn bleibt an sich lernfähig, wenn wir im Umfeld lernfähig bleiben.

[00:23:12.360] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn, indem ich immer wieder neue Leute sehe, lerne ich ständig dazu, ständig neue Situationen.

[00:23:20.020] – Dr.med. Karl Studer
Welche Bedeutung haben dann die Medikamente und die Hospitalisation für den Verlauf der
Psychosenpatienten?

[00:23:27.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Medikamente sind gute Instrumente, um diese emotionale Übererregung, die zur Dysfunktion des
kognitiven Systems, des Hirns führen, runterzufahren.

[00:23:44.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle Medikamente funktionieren auf der Dopamin-Theorie. Sie können direkt gegen die Dopamine wirken,
also antidopaminerg oder indirekt, wie die Neuen das tun.

[00:23:57.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht immer darum, dass das Dopamin runtergefahren wird.

[00:23:59.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht also immer darum, dass die hohe Emotionalität reduziert wird.

[00:24:09.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist manchmal notwendig, denn anders bringt man das System nicht zur Ruhe.

[00:24:15.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort her haben die Medikamente eine wichtige Rolle in der Beruhigung des Patienten.

[00:24:21.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber, wie gesagt, wenn das System sich nicht verändern lässt und lernt weniger Emotionalität, weniger
emotionalen Nachschub zu machen, dann bringt es nichts, dann kann sich alles immer wieder
hochschaukeln.

[00:24:39.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hat man auch so Untersuchungen gemacht, wenn man das System verändert hat, dann hat das
nachhaltigere Wirkung gehabt, als wenn man Medikamente gegeben hat.

[00:24:49.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald die Medikamente abgesetzt werden, wirken die nicht mehr.

[00:24:53.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich mit den Patienten arbeite, sage ich dem, er muss lernen, mit Konflikten besser umzugehen.

[00:25:08.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Menschen sind sehr leicht erregbar, sehr schnell emotionalisierbar, sie regen sich auf und dann
kommt da der Tsunami und dann geht alles durcheinander.

[00:25:22.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich muss immer schauen, was hat sie geärgert, was hat sie aufgeregt, und dann versuche ich ihnen
beizubringen, eine bessere Problemlösungsstrategie anzuwenden, als sich aufzuregen über etwas, das
man nicht ändern kann.

[00:25:39.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist natürlich in jeder Situation anders und mit jedem Menschen anders.

[00:25:43.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Den Eltern muss ich beibringen, dass sie weniger emotional auf ihr Kind einwirken.

[00:25:54.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Medikamente können vorübergehend beruhigen, aber ich muss dem Patienten immer auch bessere
Problemlösungsstrategien beibringen.

[00:26:05.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Zum Beispiel, wenn die dann Symptome haben, wie Stimmen hören und solche Dinge, dann versuche ich
das immer zu interpretieren.

[00:26:14.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mich lange gefragt, was ist denn das, dieses Stimmen hören? Was läuft da ab?

[00:26:20.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt ist mein Modell, mein Interpretationsmodell, wenn jemand zum Beispiel kritische Stimmen hört, dann
sage ich, das ist ihre eigene Kritik an sich selber.

[00:26:34.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Häufig geht es zurück, sie wurden früher als Kind viel kritisiert und sie haben das internalisiert und
kritisieren sich selber und projizieren diese Kritik aber wieder hinaus aufs Umfeld.

[00:26:47.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie gehen davon aus, dass jeder sieht, dass sie in der psychiatrischen Klinik waren und dass man sie als
Minderwertigkeit anschaut.

[00:27:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das merken die Leute gar nicht, sie sind gar nicht so wichtig.

[00:27:04.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Was wichtig ist, ist ihre Kritik mit sich selbst.

[00:27:09.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Oder ein schlechtes Gewissen. Das schlechte Gewissen wird nach außen projiziert und die Selbstkritik
wird nach außen projiziert.

[00:27:21.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann versuche ich das wieder zu integrieren und manche Patienten nehmen das sehr gut auf und lernen
dann auch anders mit sich umzugehen.

[00:27:31.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal ist auch ein Klinikaufenthalt absolut notwendig.

[00:27:36.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte eine Patientin, die hat sich selbst angewiesen als Schutz vor ihren Eltern.

[00:27:43.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Und die hat gesagt, ich gehe jetzt in die Klinik, ich halte es nicht mehr aus. Die reden viel zu viel auf mich
ein, die wirken auf mich ein. Ich muss mich schützen gehen in die Klinik.

[00:27:52.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Das war auch eine Psychotikerin.

[00:27:55.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal kann man sie nicht genügend beruhigen. Man muss sie trennen. So wie zwei streitende
Hunde. Die muss man trennen und beide Seiten beruhigen. Dann kann man sie wieder zusammenführen.
Aber nur unter der Bedingung, dass sie einen Coach haben, dass die Eltern lernen.

[00:28:16.370] – Dr.med. Karl Studer
Es ist ja heute üblich, dass solche Patienten direkt in die Klinik eingewiesen werden. Ist denn das erstens
nötig und zweitens, wie muss denn die Hospitalisation organisiert sein, dass sie auch wirksam ist?

[00:28:47.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Hospitalisation kann ein riesiges Trauma sein.

[00:28:47.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Eltern oder ein Arzt eine Hospitalisierung veranlassen dann sagen die Eltern indirekt zum Kind:
Ich kann dich nicht mehr handhaben, Du bist mir zuviel oder sogar Du schadest mir.

[00:28:47.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie machen an sich dann dem Kind Schuldgefühle.

[00:29:04.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie stellen sich dar als schwach, inkompetent, und eigentlich will das Kind kompetente Eltern haben, ich
kann es nicht, jemand anderes muss es machen.

[00:29:18.780] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Klinik kommt es darauf an, wie dieser junge Psychotiker aufgenommen wird, ob er oder sie gut,
liebevoll, human oder militärisch aufgenommen werden.

[00:29:35.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Da können neue Traumata passieren.

[00:29:43.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Die erste Hospitalisation ist meistens ein Trauma. Es ist sehr schwierig, jungen Schizophrenen so zu
begegnen, dass das kein Trauma ist.

[00:29:55.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage nicht, es ist nie möglich.

[00:29:58.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kenne solche, die wurden mehrmals hospitalisiert und die haben dann beim letzten Mal gesagt,
diesmal war es okay, sogar gut.

[00:30:09.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Die haben sich schon an die Klinik Atmosphäre gewöhnt, die kennen das etwas und wehren sich nicht
mehr so dagegen.

[00:30:15.380] – Dr.med. Ursula Davatz
So junge Teenager, die wehren sich häufig stark dagegen und die betrachten die Klinik als verlängerten
Arm der Eltern und die haben sich vorher schon mit ihrem Autonomieinstinkt gegen die Eltern gewehrt
und wehren sich jetzt halt noch gegen die Klinik.

[00:30:34.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Die brauchen manchmal lang, bis die sich beruhigen können.

[00:30:39.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann probiert man Medikamente aus und nichts wirkt und erhöht und so weiter und so weiter und alles
bringt nichts.

[00:30:49.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Erst wenn die nachgeben und sagen, okay, ich akzeptiere es jetzt halt, dass ich da bin, dann können die
Medikamente wirklich zu wirken beginnen.

[00:31:01.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist ein Trauma. In dem Sinne versuche ich immer, wenn es geht, ambulant zu behandeln.

[00:31:09.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht nicht immer.

[00:31:11.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Gerade bei der 1. Psychose, ich habe einige durchgezogen, und ich habe eigentlich in letzter Zeit, ich
selber habe nie mehr einen Psychotiker hospitalisieren müssen.

[00:31:23.490] – Dr.med. Ursula Davatz

Jetzt sind wir dran bei einer, wo es vielleicht notwendig ist.

[00:31:28.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich versuche es eigentlich immer ambulant.

[00:31:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte auch eine Situation, da habe ich den Eltern das Medikament mitgegeben. Der Vater hat es dem
Sohn dann gegeben. Der hat gesagt, ja, das kann ich. Es hat funktioniert.

[00:31:42.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Zwei Wochen später kam er in die Praxis und war wieder ruhig.

[00:31:47.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich versuche es, wenn es irgendwie geht, ambulant.

[00:31:50.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Jugendlichen stationär gehen müssen, versuche ich natürlich die Eltern zu unterstützen, sie
dahin zu begleiten, dass sie lernen, mit ihrem Sohn oder ihrer Tochter umzugehen.

[00:32:10.220] – Dr.med. Karl Studer
Wir haben ja jetzt von der Schizophrenie gesprochen und vom ADHS. Gibt es auch andere psychische
Krankheiten, die vom ADHS ihren Ausgang haben?

[00:32:21.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke ja. Ich sehe immer mehr in diesen GWAS, den Genome Wide Association Cross Disorder
Studies.

[00:32:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hat man ja den Genschatz von verschiedenen psychiatrischen Krankheiten untersucht.

[00:32:42.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Schizophrenie, mannisch-depressiv, schwere Depression, Autismus und ADHS.

[00:32:52.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat dann festgestellt, dass die einen stark überlappenden Genlokus haben, miteinander verwandt
sind genetisch.

[00:33:04.180] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Fachwelt war man sehr erstaunt, wie können so verschiedene Krankheitsbilder einen so stark
überlappenden Genlokus haben?

[00:33:15.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Für mich war es klar, für mich war es das ADHS, das diesen Genlokus hat und die anderen entstehen
dann raus.

[00:33:25.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe natürlich viele ADHSler, die dann in eine manische Episode reinfallen, wenn sie zu eng erzogen
werden.

[00:33:36.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Die befreien sich dann von der rigiden Erziehung mit einer manischen Episode. So sprengen sie alle
Fesseln und alle Grenzen.

[00:33:46.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe Mädchen, also Frauen, und ich habe Männer.

[00:33:53.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann redet man von Komorbidität.

[00:33:55.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage, nein, es ist eine Folgekrankheit.

[00:33:57.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese starke Emotionalität, das ist das ADS/ADHS. Die ist natürlich dann bei manisch Depressiven, bei
der bipolaren Krankheit, die kommt dann immer wieder raus.

[00:34:09.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Die therapeutische Aufgabe wäre dann, diesen Menschen zu helfen, dass sie persönlichkeitsgetreuer,
also ihrer Emotionalität entsprechend leben dürfen, leben können, sich getrauen, so zu leben, sodass sie
nicht mehr manisch ausbrechen müssen.

[00:34:30.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gelingt nicht immer. Wenn man das hinkriegt, dann braucht es keine kranke Episode mehr.

[00:34:39.080] – Dr.med. Karl Studer

Kommen wir zurück auf unser zentrales Nervensystem, das Gehirn. Das ist ein lernfähiges soziales
Organ. Das ist der Ausgangspunkt für viele psychische Krankheiten. Jetzt kennen wir ja seit einiger Zeit
den Begriff der Epigenetik. 1. Was ist das aus deiner Sicht? 2. Was spielt das für eine Rolle für den
Verlauf von psychischen Krankheiten?

[00:35:15.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine riesige Rolle. Ich bin gerade dran, ein Buch zu lesen über Epigenetik. Ich mache mich schlauer. Die
Epigenetik ist ein hochkomplexes Feld. Als man die DNA, also die Chromosomen, entschlüsselt hat, hat
man gedacht, jetzt weiß man alles. Wie wir halt geartet sind, haben wir linear gedacht, jetzt kann man
direkt vom Gen auf die Krankheit schliessen.

[00:35:42.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sind so viele Regulationsmechanismen zwischen den Genen und der psychischen Krankheit, die
dann in Funktion treten.

[00:35:54.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Da spielt das Umfeld natürlich eine riesige Rolle.

[00:35:58.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Epigenetik ist erst in ihren Kinderschuhen.

[00:36:02.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Die sind dran, ganz viele komplexe Regulationsmechanismen kennenzulernen, mit Tests und so weiter.

[00:36:14.890] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Psychiatrie spielt die Epigenetik sicher die allergrösste Rolle, würde ich jetzt sagen, weil das Hirn
so stark regulierbar ist, lernfähig ist.

[00:36:27.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist nicht alles epigenetisch, manches ist dann auch einfach, wie soll ich sagen, organmäßig.

[00:36:37.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt verschiedene Dinge, die man epigenetisch erklären kann und andere dann wieder nicht. Man hat
noch längst nicht alle epigenetischen Prozesse erkundet.

[00:36:50.720] – Dr.med. Ursula Davatz

Ein bekanntes Beispiel ist da der Psychologe, der das macht, der Michael Meany, und der schreibt da,
also die zitieren ihn darin, und er sagt auch, das Umfeld spielt eine riesige Rolle bei der Epigenetik und
dann auch bei Krankheiten.

[00:37:11.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt diese Studie mit den High Licking Mothers, also die Ratten, die ihre Kinder viel fürsorglich
behandeln, viel schlecken, die werden stärker, resistenter und die sind explorativer und Stress resistenter.

[00:37:31.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man aber die Kinder von diesen Ratten den anderen, den vernachlässigenden Ratten unterschiebt,
dann werden sie auch viel geschleckt und dann werden sie auch resistent.

[00:37:47.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist nicht in der Genetik, es ist in der Epigenetik, über das Umfeld, über das Verhalten des Umfeldes.

[00:37:55.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie gesagt, das ist so kompliziert und da muss man noch viel erforschen, aber als Systemtherapeutin bin
ich natürlich ständig dran, das Umfeld zu erforschen.

[00:38:07.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Was dann auf Genebene passiert, weiß ich nicht genau und kann ich auch nicht immer anschauen.

[00:38:13.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Sicher kann ich das Umfeld anschauen und kann schauen, wie das Umfeld sich dann niederschlägt.

[00:38:21.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Du hast mich vorher gefragt, gibt es noch andere Krankheiten?

[00:38:25.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, manisch-depressiv, Delinquenz, Essstörungen, viele der Essgestörten Patientinnen sind ADHSler,
Borderline Persönlichkeitsstörungen.

[00:38:42.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sage ich ja, diese Kinder wurden gestört während der Pubertät, während der
Persönlichkeitsentwicklung und dann hat man eine gestörte Persönlichkeit.

[00:38:51.980] – Dr.med. Ursula Davatz

Also die wurden, ich nenne das jetzt konkret, die wurden gestört in ihrer Persönlichkeitsentwicklung in der
Pubertät.

[00:39:00.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann gibt es die Weiblichen, die machen Essstörungen und sich selber wehtun, also sich selber
verletzen, ritzen, die verursachen sich Schmerz, um ihre Emotionen, die sie nicht mehr aushalten in den
körperlichen Schmerz hineinzuholen.

[00:39:17.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Die männlichen ADHSler, die werden delinquent, die findet man dann im Gefängnis.

[00:39:24.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Was man aber auch findet, sind körperliche Störungen, also Krankheiten.

[00:39:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben nur ein Gehirn und das Gehirn steuert unser Verhalten, es steuert aber auch unsere Organe.

[00:39:41.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Über das Mittelhirn, den Hypothalamus, die Hypophyse, die Nebennierenrinde, Stressachse, also HHNA
Stressachse, werden die Hormone dann gesteuert und dann gibt es natürlich auch körperliche
Krankheiten.

[00:40:00.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe eine Patientin, ganz klar eine ADHS Patientin, Scheidungsehe ihrer Eltern, die hat sich physisch
so runter gearbeitet, dass sie jetzt ein Erschöpfungssyndrom von der Nebennierenrinde hat.

[00:40:24.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kenne einen Bruder einer Patientin, der wurde als Kind als ADHS diagnostiziert. Der hat im Beruf
immer funktioniert, hat aber nie eine lange Beziehung haben können und jetzt ist er ein körperliches
Wrack. Er wird somatisch behandelt mit allem möglichen, Immunsystem kaputt, alles kaputt und der
Ursprung ist sicher die Erziehung.

[00:40:57.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Er war als ADHS Kind noch ein Schlingel, hat alle möglichen Streiche gemacht aber die Mutter hat ihn
sehr eng, sehr streng erzogen, weil sie sich geschämt hat für ihre Mutter, die Lebefau war.

[00:41:13.320] – Dr.med. Ursula Davatz

Dem seine körperliche Gesundheit ist kaputt, mit jetzt 60. Es gibt auch solche, die schon früher kaputt
sind.

[00:41:22.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ADHS kann sich auch körperlich auswirken, denn das Gehirn steuert auch unsere körperlichen
Organe. Die ganze Medizin ist darin enthalten.

[00:41:35.540] – Dr.med. Karl Studer
Du hast jetzt jahrzehntelang Psychiatrie gemacht. Wohin geht die Reise? Hörst du irgendwann mal auf?
Deine Neugier ist ja sprichwörtlich, sage ich einmal, das wird ja nie enden, sondern mit deinem Leben
wird das enden.

[00:41:51.320] – Dr.med. Karl Studer
Was ist das nächste Gebiet, das du dir ausgesucht hast?

[00:41:57.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mir sehr viel Erfahrung gesammelt im direkten Umgang mit Patienten und Familiensystemen.

[00:42:07.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist immer sehr spannend, aber auch sehr anstrengend. Ich will etwas aus dieser direkten
Behandlungsschiene rausgehen und ich will eigentlich mein Wissen mehr verbreiten, an Fachleute
weitergeben, die das Wissen wollen.

[00:42:27.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich war immer schon sehr engagiert in der Prävention. Ich will mehr investieren in die Prävention.

[00:42:31.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe früher auch Vorträge über Prävention gehalten und dann war so ein Leitsatz von mir: Viel
Wissen über Krankheit macht noch nicht gesund, sonst wären wir Ärzte sehr gesund. Sind wir nicht. Wir
sind eine Risikogruppe.

[00:42:55.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Präveniere, heisst ja zuvorkommen. Bis jetzt läuft die Prävention immer so: ich will der Krankheit
zuvorkommen. Das heißt, ich muss die Krankheit zuerst sehen und dann will ich sie auslöschen. Das
geht nicht.

[00:43:17.480] – Dr.med. Ursula Davatz

In dem Sinne müssen wir vom medizinischen Modell weg, vom Krankheitsmodell weg und hin zu einem
Funktionsmodell.

[00:43:27.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe dann einen Leitsatz geprägt, nicht die Krankheit verhindern, sondern die Prävention ist richtig
handeln im kritischen Augenblick.

[00:43:38.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Pubertät ist ein kritischer Augenblick, die Heirat ist ein kritischer Augenblick, die Geburt eines Kindes,
eines neuen Geschwisters ist ein kritischer Augenblick. Alles belastende Momente im normalen
Lebenszyklus eines Menschen.

[00:43:57.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Scheidung ist natürlich ein kritischer Augenblick, der Tod eines Geschwisters, eines Elternteils etc.

[00:44:05.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort her will ich Systeme unterstützen in kritischen Augenblicken. Ich will Sozialsysteme
sensibilisieren auf solche kritischen Augenblicke, dass sie sich Hilfe holen.

[00:44:19.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich begleite jetzt einige Schulkinder, die von der Schule her gezwungen werden mit Strafpädagogik oder
Wegsperrpädagogik, damit sie dann erfolgreich werden sollen im Leben.

[00:44:39.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sage ich halt, nein, mit dem Kind darf man das nicht machen. Ich versuche dann, individuelle
Programme für diese Kinder zu machen. Ich versuche natürlich, das Umfeld zu stärken, dass sie das
aushalten, denn die kommen dann immer mit Gesetzen, das Kind muss doch in die Schule.

[00:44:55.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich erlebe natürlich, ein Kind einer Kosovarin wurde von der Polizei abgeholt, weil es nicht mehr in die
Schule ging. Wenn man nachgefragt hat, warum ist es nicht in die Schule gegangen, die Lehrerin hat zu
laut geredet.

[00:45:10.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hat Angst gehabt vor dieser Lehrerin. Er hat gesagt, ich habe nicht gerne wenn die so laut redet. Er
war sicher auch noch ein Schlingel. Aber er hat es nicht ausgehalten, er ist einfach weggeblieben. Was
hat man gemacht? Mit Polizei abgeholt, KESB natürlich, hat das arrangiert und in ein Internat gesteckt.

[00:45:33.500] – Dr.med. Ursula Davatz

Da suche ich nach anderen Lösungen.

[00:45:36.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mehrmals versucht, an den pädagogischen Hochschulen im Aargau mein Wissen
weiterzugeben, an der Lehrerbildung mein Wissen weiterzugeben.

[00:45:53.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich will ja denen nur mein Wissen weitergeben.

[00:45:56.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat mich immer abgeblockt, wir haben schon alles.

[00:45:59.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich natürlich dann mit Eltern Rede, die verzweifelt zu mir kommen und sagen, meinem Kind geht es
nicht gut in der Schule. Ich muss es in eine Privatschule tun.

[00:46:13.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Manche haben kein Geld für die Privatschule. Die, die das Geld haben, die machen dann das.

[00:46:19.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Da versuche ich dann Unterstützung zu geben, den Lehrern, den Eltern, der Schulpflege, dem Hausarzt
usw.

[00:46:27.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich versuche das ganze System zu unterstützen, aber gleichzeitig das Kind dabei zu schützen, dass es
nicht kaputt gemacht wird.

[00:46:35.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass dieser vulnerable Gentyp, dieser Persönlichkeitstyp, dieses ADHS oder ADS jetzt gerade habe ich
ein schweres ADS Kind, und das ist seit der dritten Klasse nicht mehr richtig in die Schule gegangen.

[00:46:52.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sind jetzt dran, ein individuelles Programm für dieses Kind zu machen, sodass es reifen kann,
wachsen kann und dann alles noch nachlernen kann und nicht vom offiziellen Schulsystem, vom
Rechtssystem kaputt gemacht wird. Sind schwierige Aufgaben, aber es ist interessant.

[00:47:14.070] – Dr.med. Karl Studer
Warum ist Deine Begeisterung nicht so ansteckend wie sie sein sollte?

[00:47:14.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Das weiß ich nicht.

[00:47:18.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Wahrscheinlich, weil ich zu sehr querdenkend bin.

[00:47:26.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe von Silvano Arieti, Hirnforscher, gelernt, wir bleiben gerne in dem, was wir gewohnt sind. Wir
werden nicht gerne gestört.

[00:47:43.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Mediziner sind auch so, Psychiater auch. Man hält am Gewohnten fest.

[00:47:48.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich störe sie natürlich. Ich komme mit einem anderen Bild, ich komme mit einer anderen Erklärung.

[00:47:55.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht alle Menschen haben gerne, gestört zu werden.

[00:48:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt keinen Fortschritt, wenn man nicht die Dinge anders anschaut.

[00:48:06.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte mal an einer Tagung in Griechenland. Da war auch Grieche, der war ein Businessberater, und
da habe ich den gefragt, wann ist ein Businesssystem, also eine Industrie, am empfänglichsten für eine
Veränderung? Wann lernt es am ehesten? Und dann hat er gesagt, "in a slight unrest", also leichte
Störung.

[00:48:38.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es sehr gestört ist, will es nichts mehr lernen. Wenn alles gut läuft, hat es überhaupt keinen Grund,
irgendetwas zu lernen. Wenn es leicht gestört ist, dann ist es bereit zu lernen.

[00:48:52.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat das System dann etwas gestört und dann waren die aufnahmefähig.

[00:48:57.760] – Dr.med. Ursula Davatz

Das ist so, wie man die Haut aufritzt um dann das Transplantat drauf zu tun.

[00:49:03.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht habe ich die Leute manchmal zu fest gestört, dass sie dann so gemacht haben.

[00:49:09.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Manche lassen sich stören. Die Laien besser als die Fachleute.

[00:49:16.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat mich gefragt, für wen ist das Buch "ADHS und Schizophrenie"?

[00:49:23.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Da habe ich gesagt, für alles, für beide.

[00:49:25.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, geht nicht.

[00:49:26.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann habe ich gesagt, okay, dann mache ich es für Laien.

[00:49:29.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Laien sind wahrscheinlich empfänglicher auf neue Dinge als die Fachleute. Die Fachleute wollen
nicht gestört werden.

[00:49:37.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt eine Studie von "The Nature", ein renommiertes Magazin im englischen Sprachbereich.

[00:49:46.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hat man festgestellt, dass Wissenschaftler mehr voreingenommen sind als die normale
Durchschnittsbevölkerung.

[00:49:55.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Also "more biased". Wahrscheinlich hält man halt da fest, an seinen Krücken.

[00:50:04.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Als das Genom analysiert wurde, und Craig Venter hat es ja privat gemacht und die Staatsbetriebe haben
auch gemacht, und die haben quasi gleichzeitig dann das entschlüsselt.

[00:50:23.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat man gejubelt, jetzt weiß man alles, und heute sagen die, wir genieren uns dafür, wie wir simpel
gedacht haben, wie das Ganze sei. Die Epigenetik mischelt alles auf.

[00:50:36.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht kann ich zum Abschluss sagen, die Covid 19 Pandemie hat uns ja alle etwas aufgerüttelt.

[00:50:47.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir wurden alle gestört.

[00:50:50.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht kann ich darauf hoffen, dass jetzt die Menschen etwas offener für neue Ideen sind.

[00:50:57.520] – Dr.med. Karl Studer
Okay, ich wünsche dir viel Erfolg dabei. Es ist spannend, dir zuzuhören.

[00:51:03.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Danke. Mir hat es auch Spaß gemacht.

Takeda Event „ADHD is not an illness“ with Dr.med. Ursula Davatz

[00:01:46.290] – Dr.med. Ursula Davatz
The school system has the task to norm, to normalize, to socialize kids, and they go, according to a certain model.

[00:02:01.700] – Dr.med. Ursula Davatz
The Swiss school, especially straightforward, trying to normalize because we think these kids cannot survive in society.

[00:02:13.390] – Dr.med. Ursula Davatz
But as she said, in society, in business, one wants these kids because they’re creative. Now, why are they creative?

Audio:

Transkription

Sichere Bindungen zu Kindern wie macht man dies als Betreuungsperson?

Zoom Meeting Vortrag vom 12.11.2020

Tagesfamilien sind immer Stellvertreterfamilien, d. h. sie müssen Lücken füllen, da wo die leibliche Familie die Betreuung nicht leisten kann. Sie stehen also stets in einer Konkurrenzsituation zu den leiblichen Eltern. Es ist deshalb ganz wichtig, dass die Stellvertreterfamilie eine positive Beziehung zu den leiblichen Eltern aufbaut, damit das Kind nicht in einen Loyalitätskonflikt kommt. Viele dieser Kinder kommen aus AD(H)S-Familien.

Dachverband Tagesstrukturen Vortrag 12.11.20

Audio:

Transkription

Autismus und ADHS

Weiterbildung der Hota zum Thema Autismus und ADHS

Teil 1:

Teil 2:

Teil 3:

Teil 4: