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Dr.med. Ursula Davatz
15.10.2021
Wie unsere Herkunftsfamilie uns prägt
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[00:00:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich möchte Sie alle ganz herzlich begrüßen zu diesem Vortrag. Das Thema heißt: "Wie unsere
Herkunftsfamilie uns prägt". Ich sage, einerseits werden wir durch unsere Gene geprägt. Die Gene sind
immer eine Mischung von verschiedenen Eigenschaften etc. Das ist nie linear und speziell die
psychiatrischen Krankheiten werden nie, nie über ein Gen vererbt. In der Somatik, da gibt es
Krankheiten, die über ein einziges Gen oder einen ganz klaren Genlokus, aber wenn wir so konstruiert
werden, würden wir wahrscheinlich nicht überleben. Also einerseits sind es die Gene, die Gene sind
heutzutage hoch im Kurs, seit man das Genom entschlüsseln kann, wird viel Forschung betrieben im
Bereich der Gene. Es wird hauptsächlich im Bereich der Gene und Krebsforschung, also die
Krebsforschung ist hoch im Kurs, und da sucht man dann nach sogenannter personalisierter Medizin. Ich
sage, eigentlich gehört die personalisierte Medizin zu uns Psychiatern, denn wir müssen viel mehr auf die
Person eingehen. Gene sind an sich nichts Persönliches. Aber die haben nun mal diesen Begriff
gekappert und ich habe mal mit Professor Daniel Hell geredet, der hat sich auch darüber geärgert, dass
die dieses Wort "personalisierte Medizin" verwenden. Ich verwende es jetzt auch in der Psychiatrie, aber
ich sage "personalisiert" auf die Person und die Geschichte.

[00:01:48.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Einerseits sind wir durch unsere Gene geprägt, andererseits, und ich nenne das so, durch die soziale
Vererbung. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Unser Hirn ist unser soziales Organ und wir lernen über
unser Gehirn sehr viele Dinge, also wir werden geprägt durch unser Umfeld. Dann sage ich weiter dazu,
wir sind sekundäre Nesthocker. Ich komme immer von der Evolutionstheorie. Primitive Tiere sind primäre
Nesthocker. Die Huftiere zum Beispiel, also Pferde, Kühe und so weiter, die sind keine Nesthocker mehr,
das sind Nestflüchter, die können schon in einer Stunde stehen und trinken gehen, also Milch trinken
gehen. Wir sind wieder zu den Nesthockern zurückgegangen. Wir sind zu den Nesthockern
zurückgegangen, unser Gehirn entwickelt sich sehr stark und wenn wir auf die Welt kommen, sind wir
immer noch abhängig. Unsere Abhängigkeitsphase, die ist sehr lange. Also juristisch wird man mit 18
Jahren volljährig, also erwachsen. Aber heute ist die Erwachsenenphase oder die Pubertätsphase, die
Entwicklungsphase viel länger. Es fängt an mit 13 und geht dann so bis 25. Oder es kann noch länger
gehen, wenn man lange eine Ausbildung macht. Das Gehirn kann sich entwickeln noch bis 25. Also
ändert sich noch in den Synapsen und wie es die Autobahnen im Gehirn macht, das spielt alles noch eine
Rolle.

[00:03:37.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gehirn kann sich auch weiter ändern bis wir sterben. Also das Gehirn hat die plastische Fähigkeit,
dass es immer lernbereit ist. Das kann man auch noch im hohen Alter, nicht mehr gleich, wie wenn man
ein Kind ist, aber es ist immer noch eine gewisse Lernfähigkeit da. In diesem Sinne spielt aus meiner

Sicht die Interaktion mit dem Umfeld eine grössere Rolle als nur die Gene. Die Gene kann ich sowieso
nicht verändern, aber die Interaktion mit dem Umfeld, das ist eine Eingriffsmöglichkeit.

[00:04:12.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich sage, wir werden auch geprägt über unsere soziale Vererbung. Das spielt das Vorbild, das Role
Modelling, spielt eine Rolle. Wir schauen Dinge ab von unseren Eltern. Das ist eine implizite Weitergabe
von Wertvorstellungen etc. Das ist relativ indirekt, man schaut es ab und macht es einfach nach. Merkt
gar nicht, was man eigentlich macht. Dann gibt es noch die explizite Beeinflussung durch die Erziehung.
Da werden die Wertvorstellungen ausgesprochen über Befehle, über Regeln etc.

[00:04:58.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt diese soziale Vererbung, die geht nicht nur von einer Generation zur anderen, sondern über viele
Generationen hinweg. Die kann über vier Generationen oder weiter gehen. Ich nehme immer
Familiendiagramme auf und dann kann ich sehen, wie Themen über vier Generationen auf irgendeine Art
weitergegeben werden und wie das System versucht, die Probleme zu lösen.

[00:05:31.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Also wenn Konfliktsituationen im System auftreten, ganz unterschiedlicher Art, hat das einen Einfluss auf
die nächste Generation, die nächste und die nächste. Das ist hochinteressant, das zu entschlüsseln. Man
hat es nicht immer so schnell, aber es lohnt sich. In dem Sinne, wenn man dann solche
Konfliktsituationen entschlüsseln kann, dann gibt es eine große Möglichkeit, da zu verändern. Man redet
von Wiederholungszwang, also quasi die nächste Generation muss unbedingt wiederholen, was die
vorhergehende sogenannt falsch gemacht hat. Ich sage, es ist nicht einfach nur ein
Wiederholungszwang, sondern es ist immer wieder eine Chance, etwas zu ändern. Es kann in Richtung
schlechter gehen, es kann auch in Richtung besser gehen. Als Therapeutin, als Familientherapeutin
versuche ich natürlich diese Konflikte oder wie ich es immer nennen will, diese Probleme zu verändern.

[00:06:37.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt noch etwas weiteres, ein Begriff, die Erwartungshaltung. Also wenn wir als Kinder unsere
Bedürfnisse nicht richtig gestillt bekommen haben, wenn die Eltern nicht auf unseren Charakter, dass der
auch genetisch bestimmt ist, eingehen konnten, so wie wir es gebraucht hätten, dann gehen wir durch die
Welt mit einer gewissen Erwartungshaltung. Die Erwartungshaltung ist, ich habe noch Recht auf das zu
bekommen, was mir eigentlich zusteht.

[00:07:12.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sage ich immer, jedes Kind hat das Anrecht, perfekte Eltern zu haben, also die alles genau wissen,
die genau das machen, was das Kind braucht. Aber natürlich stimmt das nicht, also das trifft nicht immer
ein. So werden wir dann ins Leben ins Erwachsenenleben entlassen mit bestimmten
Erwartungshaltungen. Diese Erwartungshaltungen, die geben wir als erstes dann an unseren Partner
weiter und wir können sie auch an unsere Kinder weitergeben.

[00:07:46.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich schaue jetzt zuerst an, wie wir die Erwartungshaltungen an unsere Partner weitergeben. Ich rede
dann von der enttäuschten Erwartungshaltung. Also wenn wir mit einem anderen Menschen
kommunizieren, in der Kommunikation an sich steckt schon eine Erwartungshaltung. Man kann nicht
kommunizieren, ohne nicht etwas vom anderen zu wollen. Also das liegt in der Kommunikation. Wenn wir
da etwas erwarten, dann mobilisieren wir Emotionen. Das heißt, mit Emotionen versuchen wir beim
Gegenüber das auszulösen, was wir brauchen. Das machen die Kinder und das machen auch wir als
Erwachsene. Wenn das dann nicht eintrifft, wenn die Erwartungshaltung nicht erfüllt wird, dann versuchen
wir noch mehr Emotionen zu mobilisieren. Der Partner ist natürlich nicht darauf ausgerichtet, uns diese
Erwartungshaltung zu erfüllen. Vielleicht am Anfang und in der Verliebtheitsphase macht er das noch,
aber wenn der Alltag einkehrt, macht er es nicht mehr, denn er hat noch andere Dinge zu tun.

[00:09:01.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann haben wir die enttäuschte Erwartungshaltung. Ich habe jahrelang für einen ungarisch
amerikanischen Familientherapeuten übersetzt von englisch in Deutsch und Deutsch ins Englisch, den
Iván Böszörményi-Nagy, der hat dann von Entitlement geredet. Das Wort wurde übersetzt in
Erwartungshaltung. Wenn wir eine enttäuschte Erwartungshaltung haben und wenn wir relativ emotional
sind, dann haben wir die Tendenz mit unserer Emotionalität gegen die Wand zu fahren. Also wir wollen
zuerst natürlich auslösen, dass der das macht, was wir wollen. Wenn er es nicht macht, dann passiert es,
dass wir gegen die Wand fahren. Also unsere Emotionen stauen sich auf und es gibt eine Aufregung.
Dann kann es Konflikte geben, es kann auch Krankheiten geben. Also die enttäuschte Erwartungshaltung
ist aus meiner Sicht ein ganz wichtiges Konzept, das bei vielen Menschen auftritt und hinter sowohl
psychischen Krankheiten steht und auch psychosomatischen bis zu körperlichen Krankheiten. Wenn wir
von Vater oder Mutter nicht das bekommen haben, was wir an sich brauchen, sagen wir Zuneigung,
Liebe, Anerkennung, Geborgenheit etc. Dann hegen wir eben diese Erwartungshaltung in uns und wollen
sie einfordern. Wir fordern sie bei unserem Partner ein, wir fordern sie zum Teil auch bei den Ärzten ein.
Die Ärzte sind dann immer sehr überfordert, wenn eine Patientin kommt, die etwas von ihm will.

[00:10:55.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wo wir schon etwas krank sind, wir wollen etwas von einem Helfer, da rede ich dann von
appellativem Jammerverhalten. Also, man jammert, das machen mehr Frauen als Männer, die schimpfen
eher und sagen, wie der Arzt zu nichts fähig ist. Wir Frauen, wir jammern eher. Wir hoffen dann, dass,
wenn wir jammern, dass irgendwann mal diese Erwartungshaltung erfüllt wird. Aber die Ärzte sind dann
meistens überfordert und mit der Zeit wollen sie die Patienten gar nicht mehr sehen. Es geht auf die
Nerven und die Erwartungshaltung wird natürlich nicht erfüllt. Wir erwarten natürlich auch vom Partner,
dass er unsere Bedürfnisse erfüllt, die wir nicht gestillt bekommen haben. Meistens haben beide Partner
irgendwelche Bedürfnisse und dann passiert es, dass der Krieg der Bedürfnisse auftritt. Und jeder sagt,
wer ärmer ist oder wer mehr etwas braucht. Meistens dann auch gleichzeitig. Wenn ich dann diese
Ehepaare in der Therapiestunde habe, dann muss ich immer bremsen. Jetzt höre ich zuerst dem zu und
der andere darf reden und der andere muss ruhig sein. Aber meistens können die beiden Partner nicht
warten und jeder kommt mit seiner Bedürftigkeit. Das ist noch schwierig, man muss den einen
zurückbremsen und der andere darf reden und dann wechselt man.

[00:12:30.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Das braucht eine gewisse Geduld. Also der Krieg der Bedürfnisse ist auch etwas, das man häufig antrifft
in Ehen. Je nachdem gibt einer der beiden auf und sucht einen neuen Partner und versucht dort wieder
seine Erwartungen erfüllt zu bekommen. Häufig geht es nicht, manchmal hat man Glück, aber häufig
kommt man wieder mit der gleichen Erwartungshaltung und so kann man wiederholen und wiederholen
und wiederholen. Das bringt es natürlich nicht. Wurden wir von unseren Eltern eher überversorgt? Also
ich sehe das manchmal bei Frauen, sie waren Vater und Töchter und der Vater hat sie sehr gestützt und
gelobt und alles für sie gemacht. Dann erwartet man wieder das Gleiche. Also da ist dann nicht eine
Lücke, sondern man will, dass es so weitergeht, wie es immer war. Natürlich, am Anfang kann der Partner
das vielleicht, und dann hat er genug und dann kommt wieder die enttäuschte Erwartungshaltung. Wenn
ich vom Mann her schaue, erwartet er vielleicht, dass die Frau alles gleich erfüllt, wie seine Mutter das
gemacht hat. Aber wenn sie dann auf die kritische Seite geht und irgendetwas kritisiert, dann fällt man in
die negative Erwartungshaltung. Also in dem Sinne kann man positive Erwartungshaltungen haben, dass
alles mögliche erfüllt wird, dass man alles möglich bekommt und man kann auch negative
Erwartungshaltungen haben.

[00:14:11.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Also wurde man ständig kritisiert von der Mutter oder auch vom Vater, wenn dann der Mann nur ein
bisschen kritisch ist oder die Frau irgendwie kritisch ist, dann läuft das Bild, dann läuft das Schema ab,
dann fällt der Partner in diese Schiene rein, dann hört man schon beim ersten: Ach, der will mich
kritisieren, der akzeptiert mich nicht, der gibt mir keine Anerkennung und so weiter und so weiter. Dann ist
natürlich der Partner, der falsch angeschaut wird oder falsch interpretiert wird, der ist dann enttäuscht.
Denn man unterschiebt ihm etwas, das er gar nicht so meint. Dann sagt der Partner, aber ich habe es ja
gar nicht so gemeint, du verstehst das falsch. Das ist nicht intellektuell, das läuft emotional ab. Man kann
das nicht bremsen. Es gibt einen kleinen Auslöser, einen Trigger und schon läuft das Ganze ab. Da ist es
dann immer schwierig, das alles aufzudröseln, aufzulösen und die verschiedenen Muster auf beiden
Seiten anzuschauen.

[00:15:26.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt eine weitere Prägung passiert über die Geschwisterrolle. Sind wir Älteste, erwarten wir, dass wir das
Sagen haben. Denn die Ältesten müssen Vorbilder sein. Das kann der älteste Sohn von Schwestern oder
die älteste Schwester von Brüdern oder auch die älteste Schwester von Schwestern. Da gibt es
verschiedene Konstellationen. Es hat einen Forscher gegeben, der hat ungefähr acht
Geschwisterpositionen angeschaut. Dann immer aufgelistet, wie die dann geprägt sind. Ich schaue jetzt
nur drei an. Also Älteste wollen immer das Sagen haben. Wenn dann zwei Älteste zusammenkommen,
dann streiten sie um die Führung. Wenn zwei Jüngste zusammenkommen, dann entscheiden beide nicht
und wollen immer auf den anderen eingehen. Wie möchtest du es gerne, denn die Jüngsten sind
gewohnt, emotionale Verantwortung zu übernehmen und zu schauen, dass das Klima in der Familie gut
ist. Ich sage, die Ältesten übernehmen eher strukturelle Verantwortung, die Jüngsten eher emotionale
Verantwortung. Wenn ein jüngstes Kind emotionale Verantwortung übernimmt und die Mutter ist
unglücklich, dann bleibt dieses Kind immer in diesem Auftrag, ich muss die Mutter glücklich machen.
Wenn die aber nicht glücklich wird, dann kann sich das jüngste Kind unglaublich anstrengen, und das
passiert immer noch nicht. Da müsste man dann lernen, sich von diesem Auftrag zu lösen. Die Ältesten

übernehmen immer alle Verantwortung und kommen dann ins Burnout, weil sie auch Verantwortung für
andere übernehmen, wo sie gar nicht müssten. Also die Geschwisterposition prägt auch. Die mittlere
Position ist relativ flexibel. Man kann sich mit den Oberen zusammentun und mit den Untern, aber man
redet ja auch von Sandwichkind, dass man von beiden Seiten verdrückt wird.

[00:17:34.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Da können Sie sich alle selber so etwas Überlegungen machen, wo Sie stecken und wie Sie geprägt
wurden. Es gibt es natürlich noch viele weitere Prägungen. Wenn man ein gesundes Kind ist, neben
einem handicapierten Geschwister, da redet man von Schattenkindern. Das heißt, das Schattenkind
muss dann immer sich zurückstellen und zuerst dem handicapierten Kind zur Verfügung stellen, der
Mutter zur Verfügung stehen, damit sie mit dem handicapierten Kind zurecht kommt. Ist ein Elternteil
krank, dann reagiert man auf all das und so weiter. Also da kann man viele Konstellationen anschauen,
wie man geprägt wird über seine Familie.

[00:18:25.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Eltern erwartet man von seinem Partner. Wenn der Partner da gewisse Dinge nicht erfüllt, dann kann
es auch weitergehen an die Kinder. Auch wenn der Partner vielleicht sogar gewisse Dinge erfüllt hat, man
hat als Eltern immer auch Erwartungshaltung an die Kinder.

[00:19:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe lange im Drogenbereich gearbeitet. Die Definition der Gesundheit, der WHO, die sagt, man ist
gesund, wenn man emotional zufrieden ist. Körperlich zufrieden und sozial zufrieden. Man kann dann
auch sagen glücklich. Wenn die Mutter sagt, ich will nur, dass mein Kind glücklich ist, das kann die
schlimmste Erwartungshaltung sein, die man haben kann. Denn dann könnte ja das Kind einfach Drogen
nehmen und dann ist es immer glücklich.

[00:19:34.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Also die Droge, die macht, also Heroin, macht seelisch zufrieden, ein Wohlgefühl. Sozial braucht man
nichts mehr und körperlich nimmt es alle Schmerzen weg. Gerade als ich hierher gefahren bin, hat man
von Medikamenten geredet und wie die Leute heutzutage Pillen essen, damit sie keine Schmerzen
haben, damit sie glücklich sind, damit sie alles mögliche machen können. Wenn eine Mutter will, dass ihr
Kind glücklich ist, wenn es dann durch die Pubertät hindurch geht und halt unglücklich ist und unzufrieden
und schimpft und weiß ich nicht was; und sie will, dass es glücklich ist, da lässt sie dem Kind gar keine
Möglichkeit, auch etwas anderes zu sein, sich auseinanderzusetzen. Man denkt natürlich, man wünscht
dem Kind etwas Schönes, aber wenn das Kind der Mutter zu Liebe glücklich sein muss, dann hat es gar
kein Experimentierfeld. Also wir haben als Eltern alle Erwartungshaltung an unsere Kinder. Oft sagen wir,
nein, nein, mein Kind darf machen, was es will. Ich rede da gar nicht mit. Aber die Kinder sind sehr
sensibel, sehr wahrnehmend und man muss gar nichts sagen. Die spüren, was man will. Die
interpretieren natürlich auch auch nach dem, was geredet wird, was sie dann da erfüllen sollten. Früher
war es klar, dass man einfach als Sohn das Geschäft des Vaters übernommen hat oder den
Bauernbetrieb, der älteste oder der jüngste.

[00:21:16.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Heutzutage ist das nicht mehr so. Man darf selbst etwas wählen, aber die Erwartungshaltungen sind doch
immer noch da. Und da gibt es dann Kinder, die wollen ihre Eltern glücklich machen und die entscheiden
dann nach den Eltern. Wenn man nach den Eltern entscheidet und nicht nach sich, dann kommt später
bei dieser Person in der nächsten Generation wieder ein Problem hervor. Dann muss diese Person, die
ihre Wünsche, ihre Träume nicht erfüllen durfte, muss dann die übertragen an die nächste Generation
und so weiter und weiter. Also wir müssen ja nicht denken, die Kinder merken nicht, was wir denken und
was wir uns wünschen. Es ist gar nicht so einfach, keine Wünsche für seine Kinder zu haben. Ich würde
vielleicht so sagen, es ist wichtig, dass man sich mit seinen Kindern auseinandersetzt. Nicht, dass man
einfach nichts sagt. Aber es ist wichtig, dass man seine Erwartungshaltung erkennt. Es gibt Kinder, die
können klar sagen, nein, das will ich nicht, das mache ich nicht, ich mache, was ich will. Aber es gibt sehr
sensible Kinder, die sind dann wie gezwungen, diese Erwartung zu erfüllen.

[00:22:37.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man als Kind, Jugendlicher, Jugendliche nicht das lernen durfte, was man gern gehabt hätte, wenn
man als Mädchen vielleicht gerne studiert hätte, aber früher durften die Mädchen nicht, die haben ja
heiraten müssen und da braucht man kein Studium, dann hat man immer noch den Wunsch in sich, dass
die Kinder dann das erfüllen und das kann zu den Enkelkindern gehen, das muss nicht mal nur in der
nächsten Generation, das kann weitergehen.

[00:23:11.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wird eben dann wahrgenommen und dann müssen die Kinder diese Erwartungshaltung erfüllen. Sie
wollen ja die Eltern glücklich machen. Solange Kinder Kinder sind, richten sie sich nach den Eltern und
wenn die Eltern nicht sehr gut funktionieren, dann müssen sie das auch. Also sie müssen quasi die
Lücken der Eltern auffüllen. Wenn man dann erwachsen ist, müsste man eigentlich nicht mehr den Eltern
gefallen. Dann dürfte man sein eigenes Ding verfolgen. Aber meistens wird man das gar nicht so leicht
los und man bleibt im gleichen Muster. Man ist geprägt und man bleibt in diesem Muster. Jetzt, wenn man
von den Kindern erwartet, dass sie den Beruf lernen, den man gerne gelernt hätte, aber nicht durfte und
das Kind hat diese Begabung, die man hat oder gehabt hätte, dann funktioniert das. Wenn das Kind aber
ganz andere Begabungen hat, dann funktioniert es nicht und dann kommt das Kind in den Klinsch. Dann
passiert beim Kind, dass es ambivalent ist zwischen was die Eltern wollen und was es selbst will. Je mehr
es das macht, was die Eltern wollen, umso weniger kann es seine Persönlichkeit entwickeln. Das läuft
alles ab während der Pubertät. Eine ganz wichtige Phase der Persönlichkeitsbildung.

[00:24:43.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Persönlichkeitsbildung kann behindert werden, dadurch dass man zu sehr sich auf die Eltern
ausrichtet. Wenn ich solche Leute dann in Therapie habe, dann muss ich sie wie befreien von diesem
Zwang, die Eltern glücklich zu machen. Das ist gar nicht so einfach.

[00:25:18.260] – Dr.med. Ursula Davatz

Erziehungskonflikte. Vater und Mutter haben ihre Erwartungshaltung an das Kind und die Erwartung, was
die richtige Erziehung ist. Wenn man eine Erziehung erlebt hat, die man gut gefunden hat, man ist gut
rausgekommen, dann übt man diese Erziehung einfach weiter, ohne zu merken. Man reflektiert gar nicht
groß, man macht es einfach so, wie man es gewohnt ist. Wenn man eine Beziehung genossen hat, die
einen gestört hat, die einen zu sehr eingeengt hat, etc, dann hat man die Tendenz zu korrigieren. Häufig,
tut man Überkorrigieren. Also, wenn der Vater zu streng war, dann will man als Frau, als Mutter, dann viel
mehr Freiheit lassen. Oft geht man dann ins andere Extrem, dass man vielleicht zu nachgiebig wird, zu
wenig klar und überlässt dem Kind alles. Das war die Sommerhill Bewegung. Man hat die auch oft falsch
verstanden. Aber ja, dass man dem Kind alles übergibt. Wenn man dem Kind natürlich alles übergibt,
dann ist das überfordert, dann muss das selbst Strukturen setzen, das macht Unsicherheit und ist gar
nicht immer so gut.

[00:26:44.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man zu eng macht, dann kann es auch nicht leben. Es kommt immer auf die Balance an. Da
kommt dann häufig auch der Konflikt zwischen Mann und Frau, zwischen Vater und Mutter. Allgemein
sagt man, die Mutter gibt unkonditionale Liebe, das heißt sie gibt, sie gibt, sie gibt, sie stellt keine
Bedingungen. Das stimmt für uns Mütter. Wir können aber trotzdem Grenzen haben, wenn das Kind uns
übernimmt und über uns bestimmt. Das ist natürlich nicht okay, das ist auch nicht unkonditionale Liebe.
Da lassen wir uns einfach überrennen. Die Väter sagen dann immer, du bist viel zu weich, das geht doch
nicht, du erziehst das Kind nicht richtig. Jetzt kommt es darauf an, was für ein Kind man hat. Es gibt
hochsensible Kinder und wenn man die zu eng erzieht und zu viel von ihnen verlangt, und das sind häufig
ADS und ADHS Kinder, dann sage ich ja, die kann man totschlagen und sie gehorchen immer noch nicht.
Also da funktioniert dann die patriarchale Erziehung, du musst, du solltest und jetzt wird es so gemacht
und ich sage es, die funktioniert nicht. Das spüren dann Mütter, nein, das geht nicht und sie versuchen,
wie soll ich sagen, mehr auf das Kind einzugehen. Das ist an sich auch richtig.

[00:28:08.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Kind in die Pubertät kommt, dann braucht es Auseinandersetzung. Wenn die Mutter dann
immer nur nachgibt und immer nur dem Kind Wohlbefinden ermöglichen will, dann hat das Kind auch
wieder keine Orientierung. Man redet immer davon, die Eltern müssen am gleichen Strick ziehen, das
höre ich nicht so gerne. Erstens ist es gar nicht so gut möglich, so leicht. Ich stelle mir dann immer vor,
man zieht den Strick enger und erwürgt das Kind. Erwachsene Menschen erzählen dann alles von ihrer
Erziehung und die sagen dann, Vater und Mutter haben immer so "they ganged up", also die haben sich
immer zusammengetan, ich habe immer gegen zwei kämpfen müssen. Das ist gar nicht so gut. Da habe
ich eher die Haltung, der Vater darf seine Richtlinien haben und sagen, wie er es will. Die Mutter darf
nach ihrem Stil erziehen. Was sie nicht sollen, ist, dass sie sich gegenseitig ins Handwerk pfuschen. Also
wenn man als Elternteil, sagen wir jetzt als Mutter, etwas abgemacht hat mit dem Kind, der Vater findet
das ganz falsch, dann darf er sich da nicht reinmischen. Er kann aber auch nicht der Mutter helfen, wenn
sie dann in Schwierigkeiten kommt.

[00:29:31.970] – Dr.med. Ursula Davatz

Das passiert oft auch. Früher war das so, die Mutter hat gesagt, warte nur bis der Vater heimkommt, der
sagt dir dann schon, was durchgeht. Das geht heute nicht mehr, aber ich habe noch viele Familien, wo
ich das höre. Wenn die Mutter überfordert ist, hat sie die Tendenz, den Vater reinzuholen, aber sie will
dann, dass er es genauso macht wie sie, also dass der Vater der verlängerte Arm der Mutter ist, was
natürlich auch nicht geht. Dann ist man enttäuscht, dass der Mann nicht so funktioniert, wie man es gerne
hätte. Aber das geht nicht. Man muss sich alleine mit dem Kind auseinandersetzen und man darf den
anderen nicht reinpfuschen. Also eine Auseinandersetzung, eine Abhandlung muss bis zum Abschluss
abgeschlossen werden. Dann kann man schon miteinander reden. Wie hast du das gefunden? Was
meinst du dazu? Man kann sich austauschen, man kann je nachdem auch etwas verändern. Aber man
sollte sich nicht ins Handwerk pfuschen. Denn wenn man sich ins Handwerk pfuscht, dann streiten
schlussendlich die Eltern immer, was die richtige Erziehung ist. Das Kind hat überhaupt keine Direktive
mehr. Oder das Kind macht halt dann, was es will, also es optimiert. Dann sagt man, das Kind
manipuliert, aber wir sind die Verantwortlichen, die da versagt haben. Das Kind, ja, es optimiert seine
Situation, was ja eigentlich verständlich ist.

[00:31:03.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist wichtig, dass jeder seinen Stil vertreten darf und den auch durchziehen darf und dass man nicht
wertet, der ist besser und der ist schlechter. Alle Erziehungsstile haben ihre Vor- und Nachteile und
wichtig ist, dass der Erziehungsstil, den man verwendet, dass man authentisch ist. Ich habe solche
Familien gehabt, da hat der Vater der Mutter gesagt, du musst dann so und so und so machen. Er ging
zur Arbeit, da hat es die Mutter nicht so gemacht, weil sie nicht dahinterstehen konnte. Am Abend kam
der Vater nach Hause und hat gesagt, warum hast du es nicht so gemacht? Ja, ich konnte nicht. Das geht
nicht. Man kann die Erziehung nicht delegieren an den anderen Partner. Man muss es selbst
durchführen. Aber früher wurde das noch viel so gemacht. Das wären die Erziehungsstile.

[00:32:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, das ist ganz wichtig, wenn man sieht, man hat unterschiedliche Stile, unterschiedliche
Wertvorstellungen. Dann ist es wichtig, dass man etwas reflektiert und schaut, wie war es denn bei mir,
was ist für mich wichtig ist, für was stehe ich ein und dann vergleicht und sieht, aha, der andere sieht so,
ja, ist okay.

[00:32:25.750] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn muss man sich nicht einig sein und genau den gleichen Stil haben. Es ist eine große Kunst
in guter Beziehung zu sein, aber unterschiedliche Situationen, Meinungen bestehen zu lassen. Ich denke,
das gehört zum Erwachsen werden, dass man das lernt und auch kann. Kinder können sehr gut
unterschiedliche Meinungen und Stile; mit denen umgehen. Im Gegenteil, wenn nicht immer alles gleich
ist, sie werden eher flexibler. Sie sehen, beim Vater läuft es so, bei der Mutter läuft es so. Es ist gar nicht
so, dass die Kinder immer einen Monotyp von einer Erziehung bekommen müssen. Jetzt sage ich noch
etwas weiteres. Ich gehe wieder zurück zu unserer Erwachsenenbeziehung, zu unserem Elternhaus. Also
wir wurden geprägt vom Verhalten unserer Eltern. Wir wurden geprägt von den Wertvorstellungen
unserer Eltern, von den Regeln unserer Eltern. Wenn aber diese Regeln dann nicht mehr so gut in die
Zeit passen, dann müssten wir diese Regeln ja loswerden. Also okay, in Kriegszeiten hat man gelernt, du

musst deinen Teller ausessen. Jetzt in Überflusszeiten, wenn man so einen riesigen Teller bekommt und
man muss den ausessen, man bleibt bei der Regel, die man gelernt hat, dann wird man so dick. Also
man muss dagegen die Regeln der Eltern verstoßen.

[00:34:10.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Man ist so loyal zu seinen Eltern, es ist gar nicht so einfach, sich von dieser Loyalität zu trennen. Im
Augenblick, wo man seinen Eltern disloyal werden muss, ist nicht alles so einfach mit Essen, es können
andere Regeln sein, im Augenblick, wo man seinen Eltern disloyal werden muss, kommt man unter
Bedrängnis. Man denkt jetzt erschlägt mich der Blitz oder die Welt geht unter. Also es ist wirklich eine
Aufruhr innerlich. Von dort her, wenn zum Beispiel der Partner eine Verhaltensweise hat, die ihm gar nicht
passt, aber die zeigt die Loyalität zu den Eltern des Partners und man verlangt da, dass er sich ändert,
muss man wissen, dass das nicht so einfach ist und dass das Zeit braucht.

[00:35:03.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Beim letzten Vortrag hat jemand gesagt, ich musste 40 werden, bis ich mich getraut habe, die Wäsche
draußen aufzuhängen. Denn sie hatte gelernt, Wäsche hängt man draussen nicht auf. Also man redet ja
auch von dreckiger Wäsche. Also bei der Wäsche könnte man irgendetwas, da könnte man in die Familie
hinein sehen. Das darf ja nicht sein. Die Fassade der Familie muss gewahrt werden. Das ist gar nicht so
ungewöhnlich, dass man große Mühe hat, gegen diese Loyalität, gegen diese Regeln, gegen diese
Dogmen, die man bestens gelernt hat, zu verstoßen.

[00:35:45.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Da, im Augenblick, wo man gegen Dogmen der eigenen Herkunftsfamilie verstößt, da können sogar
Krankheiten auftreten. Häufig treten psychosomatische Krankheiten auf. Also körperliche. Ich sag dann
immer, mit den Im Kopf, mit dem Intellekt können wir lügen, der Körper kann es nicht so gut. Der Körper
sagt einem da, jetzt bist du an eine Grenze gestoßen, du müsstest an sich etwas verändern, du machst
es nicht. Ja, da muss man in sich gehen und schauen, wie man die Veränderung machen könnte.

[00:36:23.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ein erwachsener Mensch an diese Loyalitätsgrenzen stösst, müsste er seine Loyalität zu seinen
Eltern durchbrechen, sogenannt "dysloyal" werden. Das heisst nicht, dass man die Eltern verurteilt oder
schlecht findet oder böse auf sie ist. Man trennt sich nur. Es ist an sich eine Ablösung von den Eltern. Wir
sind alle nicht so ganz abgelöst und haben da noch Dinge, die für uns nicht ganz so gelöst sind.
Theoretisch müsste man in dem Augenblick, wo man an sich etwas verändern sollte bei sich, wo es
notwendig wäre, auch zeitgemäß wäre, wenn die Eltern noch leben, müsste man sich mit den Eltern über
dieses Thema noch mal auseinandersetzen, aber nicht indem man die Eltern missioniert und denen
beibringen will, dass die ganz falsch sind, sondern in dem man den Eltern die eigene Meinung sagen
kann, ihre Meinung bestehen lassen kann.

[00:37:36.020] – Dr.med. Ursula Davatz

Das wäre wieder das, was ich vorher gesagt habe, zwischen den Partnern. Also man weiß, was die Eltern
wollen, aber man sagt, ich will so. Ich habe schon Situationen gehabt, die Mutter hat bei der Tochter
gefunden, es steht ihr nur blau, sage ich jetzt mal. Dann habe ich gesagt, gehen Sie mal mit einem roten
Kleid zur Mutter. Wenn die dann sagt, "Das steht dir doch gar nicht, du hast doch nie rot getragen, dann
darf sie sagen, doch, jetzt gefällt mir das, ich finde es schön, ich stehe dazu. Also dass man zur eigenen
Meinung stehen kann, in Anwesenheit der Eltern sich nicht schlecht fühlt und auch nicht die Eltern
missionieren will. Häufig, wenn ich Leute dazu anhalte, dass sie mit ihren Eltern reden sollen und sich
positionieren, dann ist im Hintergrund immer die Erwartung, die Mutter oder der Vater muss das
akzeptieren. Die müssen mehr Wertschätzung geben. Ich sage, nein, das ist die falsche Haltung. Sie
müssen sich Wertschätzung geben. Also sie müssen zu sich stehen. Nicht das Gegenüber, nicht die
Mutter oder der Vater muss verstehen, worum es geht, sondern ich muss für mich einstehen. Wieder, das
ist gar nicht so einfach, man muss manchmal üben.

[00:38:55.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man aber geübt hat bei seinen leiblichen Eltern, es kann auch bei den Geschwistern sein, denn da
hat man ja auch so feste Muster. Wenn man das dort dann kann, dann wird es mit allen anderen Leuten
leichter. Dann sagen viele, ja wieso soll ich da bei meinen Eltern, das ist doch nicht wichtig, ich will es ja
im Leben, aber ich sage, das ist der Königsweg, wenn man es dort kann, kann man es überall besser.
Überall wo man mit anderen Leuten übt, ist nie das gleiche wie bei den eigenen Eltern. Wenn die Eltern
nicht mehr leben, dann kann man sogar über Briefe schreiben, also dass man im Brief, den man an die
Mutter oder an den Vater wendet, schreibt, für sich einsteht, die Situation schildert und sagt, ich will dir
das halt jetzt noch sagen. Aber man darf die Eltern nicht anklagen, nicht verurteilen, man muss eigentlich
nur für sich einstehen. Ich habe das schon vielen Leuten aufgetragen und wenn die das gemacht haben,
hat es ihnen oft große Erleichterungen gegeben und ein besseres Selbstbewusstsein. Also man muss
sich das Selbstbewusstsein nicht holen, indem man endlich mal die Anerkennung von den Eltern
bekommt, sondern indem man sich die selbst gibt.

[00:40:21.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre so das Theoretische. Jetzt komme ich zur Unterstützung. Viele Familien funktionieren nicht
ideal, sie hatten schwierige Situationen, müssen mit dem fertig werden. Es wird über Generationen
weitergegeben. Heutzutage kann man viel eher Hilfe holen. Früher hat man eher in Großfamilien gelebt,
heutzutage lebt man in Kleinfamilien. Aber heutzutage gibt es professionelle Unterstützung. Die HOTA ist
so eine Einrichtung, die nach Hause geht, die den Eltern hilft, wenn sie schwierige Kinder haben, mit
denen umzugehen, vielleicht herauszufinden, was der gute, richtige Erziehungsstil für dieses Kind wäre.
Da sage ich, ADHS Kinder, sind häufig recht schwierige Kinder. Wenn man da nicht lernt, mit ihnen
umzugehen, hat man lebenslänglich Probleme. Sie haben nachher auch lebenslängliche Probleme.
Wenn man andere Menschen aus ihnen machen will, als dass sie sind, wenn man ihre Persönlichkeit
nicht erfasst und die Persönlichkeit, die wird da relativ stark genetisch weitergegeben, also das ADHS,
und ADS ist aus meiner Sicht ein Neurotyp, ein Persönlichkeitstyp, der genetisch vererbt wird. Wenn man
da gegen den Strich von diesen Kindern geht, also gegen ihre Persönlichkeit, dann läuft nichts. Man
muss sie wirklich kennenlernen und lernen, mit ihnen umzugehen.

[00:42:08.080] – Dr.med. Ursula Davatz

Ich sage dann, ich gehe dann immer in die Tierwelt. In der Tierwelt redet man von artgerechter
Tierhaltung oder von artgerechter Dressur. Also man kann mit einem Araberpferd nicht genau gleich
umgehen wie mit einer Kuh. Das sind andere Wesen. Die sind anders von der Sensibilität her. So sage
ich dann, man muss persönlichkeitsgerecht mit seinen Kindern umgehen und man muss herausfinden,
was für jedes Kind das Beste ist. In dem Sinn muss man auch nicht alle genau gleich erziehen, sondern
jedes nach seinen Bedürfnissen. Die Gleichmacherei, die funktioniert gar nicht so gut. Ich denke, man hat
das Recht, nein, man hat sogar die Pflicht, mit den Kindern persönlichkeitsgerecht umzugehen. Man
stößt dann vielleicht, also die Temperamente passen dann nicht immer so gut zusammen. Wenn man da
zu viel zusammenstößt, vielleicht kann es der Vater dann besser mit dem Kind. Aber man ist als Mutter
mehr mit dem Kind zusammen und es lohnt sich da Hilfe zu holen. Hota hat da die Aufgabe, dass sie
nach Hause kommt, dass sie schaut, wo sind überall die Probleme und wie könnte man das ändern, wie
könnte man es verbessern. Natürlich auch wenn die Eltern im Kampf sind miteinander, punkto Erziehung,
dann kann auch da die Hota vermitteln, sie kann objektiv schauen, der Vater will so, die Mutter so, wo
müsste man Anpassungen machen.

[00:43:49.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage, es lohnt sich unbedingt solche Hilfe zu holen, denn die Kinder sind noch sehr flexibel, die
können viel lernen, wir Erwachsene sollten auch noch lernen. Da rede ich vom sokratischen Lernen. Also
der hat ja gesagt, wir lernen über unsere Schüler und so können wir auch über unsere Kinder lernen.
Wenn ich Familien in Therapie hatte mit schwierigen Kindern jeglichen Alters, dann sagen die Eltern
häufig, am Anfang war es schwierig und ich war verzweifelt, aber jetzt muss ich sagen, Ich habe von
diesem Kind sehr viel gelernt. Ich habe dank dieses Kindes sehr viel gelernt. Also ich musste mich noch
entwickeln. Das ist natürlich schön.

[00:44:43.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Schlussbemerkung sage ich, wir machen alle Fehler, wir Eltern, das ist normal. Wir meinen es stets
gut. Da hat mal ein Jugendlicher zu mir gesagt, das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Ich musste lachen.
Es stimmt, wir meinen es immer gut. Aber das heißt nicht immer, dass es gut ankommt und dass es
passend ist für die Situation und dieses Kind. Jetzt, wenn es schiefläuft, dann lassen sich die Eltern
häufig, und speziell die Mütter, dann ergehen sich die in Schuldgefühlen und Sorgen. Oh, jetzt habe ich
wieder falsch gemacht. Ich habe alles falsch gemacht. Wird das Kind jetzt gestört sein auf Lebzeiten?"
Und so weiter und so weiter. Da sage ich, nein, die Kinder sind viel robuster als wir denken. Wenn wir
über Jahre hinweg die gleichen Fehler machen, wird es etwas schwierig. Aber wir dürfen Fehler machen.
Wenn wir uns zu sehr hintersinnen, was wir jetzt alles falsch gemacht haben, von Schuldgefühlen geplagt
werden, verpassen wir häufig die nächste Chance, es besser zu machen.

[00:45:55.660] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn sage ich, man darf Fehler machen, man kann aus Fehlern lernen. Aber ich denke à la
Sokrates, man sollte stets lernbereit sein, dass man wirklich aus der Situation lernen kann. Was nicht
heisst, dass man ständig seine Parameter ändert und heute so und morgen so. Es braucht schon eine
gewisse Linie, die zu einem passt und hinter der man stehen kann. In dem Sinn möchte ich schliessen.
Also, Sie dürfen Fehler machen, Sie dürfen aus den Fehlern lernen. Es lohnt sich zu lernen. Holen Sie

sich Hilfe oder sagen Sie anderen, sich Hilfe zu holen. Es ist keine Schande, wenn man sich Hilfe holt,
um in der Familie etwas zu korrigieren.

[00:46:49.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Man holt sich ja sonst für alles Hilfe. Man hat einen Farbberater oder einen Interieurberater,
Steuerberater, weiß ich nicht was. Wieso nicht auch eine Beratung entgegennehmen für das Interne in
der Familie. Man muss sich überhaupt nicht schämen. Also man darf die dreckige Wäsche dem Helfer
zeigen, dass er beraten kann, wie man es vielleicht verbessern kann. Da bringe ich ein Beispiel zum
Schluss, das uns vielleicht positiv stimmt. Also ich hatte einen Patienten, der hatte mit ungefähr 21, hat er
eine psychotische Krise gemacht und ist dann aus seiner Arbeitsstelle herausgefallen. Er hat nie mehr an
einem Arbeitsplatz arbeiten können. Mein Oberarzt hat ihn begleitet, ich habe ihn schlussendlich
übernommen und begleitet. Wir haben die Familie über Jahre hinweg begleitet. Es hat viele
Schwierigkeiten gegeben zwischen Mann und Frau usw. Aber die Kinder, es war eine Ausländerfamilie,
die Kinder haben alle eine Lehre gemacht, sind alle verheiratet, haben Enkelkinder und es funktioniert
gut. Also das ist für mich ein sehr schönes Erlebnis, wie man durchaus ein Familiensystem unterstützen
kann und wie dann die nächste Generation sehr gut rauskommen kann, auch wenn ein Elternteil
lebenslänglich krank bleibt, immer wieder in die Klinik gehen muss etc.

[00:48:32.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Also man kann viel ausrichten, indem man sich Unterstützung holt, wenn das System etwas im
Schwanken oder Schwierigkeiten hat. Es lohnt sich. Es lohnt sich.