Transkript
Dr.med. Ursula Davatz
22.6.2021
Warum fallen Menschen mit AHDS und ADS häufiger in eine
Depression und wie finden Sie wieder heraus?
Audio
[00:00:02.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich möchte Sie alle herzlich begrüssen zu diesem Abend. Das Thema ist: "Warum fallen Menschen mit
ADHS und ADS häufiger in eine Depression und wie finden Sie wieder heraus?"
[00:00:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Zuerst ein paar allgemeine Gedanken. Der Mensch ist ein soziales Wesen, ist eigentlich eine Banalität,
aber das bringt mit sich, dass wir Kontakt brauchen mit unseren Mitmenschen. Wir können nicht alleine
leben. Wir brauchen eine Zugehörigkeit. Das hat man jetzt gerade gemerkt, auch in der Corona Zeit, dass
viele Leute sich isoliert gefühlt haben und unglücklich und zum Teil auch psychisch krank geworden sind.
Wir sind also auf unsere Gruppe, auf ein Kollektiv angewiesen. Wenn Sie mit einer Reisegruppe durch
eine Stadt gelaufen sind und Sie haben sich nicht auskennt in dieser Stadt, oder vielleicht sogar
auskennt, und dann haben Sie den Anschluss zu dieser Gruppe verpasst, dann machen wir zuerst immer
so eine kleine Panikreaktion. "Oh, jetzt finde ich mich nicht mehr zurecht." Man meint, man muss mit
dieser Gruppe gehen. Dabei könnten wir uns schon auch alleine zurechtfinden, aber ja, da kommt eben
der Gruppeninstinkt zum Einsatz. Als erstes gehören wir zur Gruppe der Familie, zum Familiensystem.
Dann in der Pubertät zur Peergruppe. Wenn man Leute aus der Pubertät, aus ihrer Peergruppe
herausreisst, dann machen viele schlechte Entwicklungen.
[00:01:47.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt wie einen Unterbruch in der Entwicklung. Dann fühlen wir uns zugehörig zu einer Volksgruppe, zu
einer ethnischen Gruppe. Zu einer Religion, zu einer politischen Gruppe und schlussendlich zur Nation.
Die verschiedenen Gruppen können grössere Gewichte oder wichtigere Rollen spielen, je nachdem wie
man geartet ist. Es gibt die allgemeine Regel, wenn eine Gruppe in Ruhe ist, wenn wenig Angst um sie
ist, dann hat das Individuum innerhalb dieser Gruppe relativ viel Spielraum. Es kann Kapriolen machen,
es kann rausgehen und es wird doch immer wieder integriert. Wenn aber ein hoher Angstpegel in der Luft
ist in dieser Gruppe, dann wird das Individuum viel schneller zurechtgewiesen, zur Anpassung
gezwungen und bestraft, wenn es gegen die Gruppenregeln verstösst. Man kann das bei den sozialen
Tieren sehen, bei den Sozialen, und man kann es ganz sicher beim Menschen sehen. Also je angstfreier
das Kollektiv ist, umso freier kann sich das einzelne Individuum bewegen.
[00:03:08.380] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Corona Zeit sind zwei Sachen herausgekommen. Einerseits haben sich die natürlichen Gruppen,
Familien, besser organisiert, sind sich näher gerückt, haben mehr Zeit gehabt. In anderen Kollektiven
sind sie einander auf den Wecker gegangen, das heisst unbeachtete oder schlummernde Konflikte sind
auf einmal ans Tageslicht gekommen und haben dann grosse Schwierigkeiten gemacht.
[00:03:40.490] – Dr.med. Ursula Davatz
In unserer individualisierten Gesellschaft, wir leben in einer sehr individualisierten Gesellschaft, stehen
wir immer auf eine Art immer zwischen dem Dilemma, wie viel Selbstverwirklichung, Selbstdarstellung
oder sogar Selbstbehauptung und wie viel wir uns der Gruppe anpassen. Wenn eben wie gesagt Angst
im Kollektiv ist und ein Individuum sticht aus der Gruppe heraus, dann passiert leicht ein Mobbing. Das
heisst, das Individuum, auf das geht man los und probiert es gewaltsam wieder zur Anpassung zu
bringen oder man schmeisst es ganz raus. Es gibt hier Beispiele, ein afrikanisches Volk, wenn die Fische
fangen gehen, die konnten nicht schwimmen und wenn einer über Bord gefallen ist, dann hat man nicht
mehr Mensch gesagt und den auch nicht gerettet, dann ist er ein Fisch gewesen. Wenn ein Individuum
sich von der Gruppe trennt, kann es gefressen werden. So machen es auch die Wölfe. Sie treiben ein
Schaf weg von der Gruppe und dann können sie es reissen. Das sind Sozialverhaltensmechanismen, die
auch bei uns Menschen existieren. Wenn ein Individuum mit seinen Fähigkeiten, mit seinen Genen, mit
seinem angeborenen Temperament in eine Familie geboren wird, die zu der Haltung ähnlich ist, wenn die
gut zusammenpassen, also wenn zwischen dem Individuum und der Gruppe eine gute Passung besteht,
dann muss man sich nicht anpassen.
[00:05:31.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Man passt ja zusammen, man versteht sich. Wenn aber das Individuum ein wenig andere Eigenschaften
hat als in dieser Gruppe, gepflegt, hoch geschätzt werden, dann gibt es Konflikte. Dann hat die Gruppe
die Tendenz zu sagen Du musst dich anpassen oder sonst gehörst Du nicht zu uns. Strafgefangene sind
solche, die sich der Gruppe nicht anpassten, und die werden dann separiert, die werden exkludiert, also
rausgeschmissen aus der Gruppe.
[00:06:07.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir reden heute Abend von ADS und ADHS. Es gibt durchaus ADHS Kinder, die passen gut in ihre
Familie rein, und die Familie kann gut mit ihren Eigenschaften umgehen. Dann werden sie nie zum
Problem. Sie machen vielleicht ihre Berufslaufbahn ein bisschen unterschiedlich als andere Normotypen,
aber die Eltern können mit dieser Andersartigkeit gut umgehen. Wenn aber das ADHS Kind in ein
Kollektiv, in ein Familiensystem hineingeboren wird, wo seine Fähigkeiten, sein Temperament nicht so gut
dazu passen, dann gibt es Probleme. Das Familiensystem hat dann die Tendenz, das Kind immer wieder
zurückzuholen zu den Normen der Familie. Die Methode, das Individuum zur Anpassung zu bringen, ist
ja, man sperrt es in das Badezimmer ein. Oder modern sagt man jetzt, wenn das Kind in einer
Erziehungsanstalt ist, er muss ein Timeout machen. Also man macht Beziehungsabbruch, um das Kind
gehorsam zu machen.
[00:07:22.340] – Dr.med. Ursula Davatz
An sich ist das pädagogisch gesehen schlecht. Das sollte man eigentlich nicht machen. Aber es wird bis
zum heutigen Tag produziert. Im Augenblick, in dem sich das Kind sich dauernd etwas falsch vorkommt,
weil es nicht so gut passt in das Kollektiv, dauernd bestraft wird etc. Dann bekommt es natürlich ein
schlechtes Selbstwertgefühl. Es hat immer das Gefühl, ich bin nicht recht, ich darf nicht so sein, wie ich
bin, ich darf nicht so reden, ich darf mich nicht so verhalten, wie es mein Naturell ist oder wie mir der
Schnabel gewachsen ist. Die Folge davon ist, dass es ein schlechtes Selbstwertgefühl bekommt und sich
dann allenfalls als Erwachsener nicht so gut selbst behaupten kann. Oder es macht genau das Gegenteil,
es sagt, es geht mich nichts an, ich höre auf nichts mehr, ich mache nur noch, was ich will. Das ist auch
eine Möglichkeit. Das sind dann eher die männlichen ADHSler, die dann über Gruppen hinausgehen, ihre
eigenen Banden bilden und wenn es extrem geht, dann kommen sie in die Delinquenz kommen. Wenn
ein Kind sich aber gerne anpassen möchte und die sensiblen Kinder sind oft so, oft auch die Mädchen,
dann setzen sie alles daran, dass sie sich anpassen können. Sie wollen es ihrem Umfeld, ihrem Eltern,
ihrem Lehrer recht machen.
[00:08:57.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gelingt trotzdem nicht. Man will schön schreiben, aber schon hat man wieder einen Tolgen. Es geht
einem immer ein wenig daneben. Dann fühlt sich das Kind natürlich auch nicht richtig. Das gibt auch
wieder ein schlechtes Selbstwertgefühl. Im Erwachsenenalter kann das sehr leicht zu einer Depression
führen. Es will seine Erzieher auch nicht enttäuschen. Man hat ja gerne, wenn man von seinem Umfeld
akzeptiert wird. Wenn man sieht, dass die Mutter einen Lätsch oder Runzeln macht, dann versucht man
sich schnell anzupassen. Die Kinder sind sehr sensibel, man liest die Mimik des Umfeldes und richtet sich
danach. Mädchen können sich besser anpassen, das ist von ihren Genen und Hormonen her. Wir
brauchen das, wir Frauen, wir müssen uns ja auch an die Kinder anpassen. Ich mache immer einen
Vergleich mit den Tieren. Eine Stute lässt sich viel leichter reiten als eine Hengst. Das heisst, die
Mädchen kann man leichter dressieren. Das hat dann zufolge, dass sie sich über alle Massen anpassen.
Sie müssen sich in dem Sinn ausbeuten lassen und dann im Erwachsenenalter nicht recht wissen, wer
sie eigentlich sind und was ihr innerstes Wesen ist. Sie kommen dann nicht zur Talententfaltung ihrer
Persönlichkeit. Im Erwachsenenalter haben sie die Tendenz, sich sowohl im Beruf eher ausbeuten zu
lassen, weil sie ja angepasst sind und folgen, was man ihnen befiehlt.
[00:10:52.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch in der Ehe sieht man, dass sie sich eher anpassen und unterordnen, weil ihnen das einfach leichter
fällt. Das Resultat ist, dass sie sich nicht durchsetzen für sich und irgendwann kommt dann Depression.
Oft können sie sich in der Mutterrolle noch gut zurechtfinden, denn das ist eine natürliche Naturgegebene
Rolle und man hat eine gewisse Befriedigung, man bekommt auch die Rückmeldung von den Kindern,
man wird geliebt etc. Aber wenn dann die Kinder weg sind, auf einmal hat man den Boden verloren und
dann bricht die Depression aus. In diesem Sinn kann bei Frauen eine Depression durchaus eine
Folgekrankheit sein. Umgekehrt eine andere schlechte Passung Es gibt ADS Kinder, die sehr verträumt
sind, die immer in die eigene Fantasie gehen, nicht recht aufpassen, die Hälfte verpassen in der Schule.
Wenn das Umfeld um sie herum speziell aktiv und zielgerichtet ist, dann findet man, was träumt der
immer, der braucht so lange, was ist mit dem los? Dann hat das Umfeld die Tendenz, den Menschen mit
ADS Verhalten ständig zu drängen, zu einem Resultat, zu einer Effizienz. So kann der Mensch auch
wieder nicht richtig sich selber werden. Solche Menschen, Mädchen oder Jungs, entweichen eher in die
innere Fantasie.
[00:12:42.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie Schriftsteller werden können, ist das wunderbar. Wenn sie Erfinder werden können, ist das
auch gut. Aber wenn man sie ständig stört bei ihrem Nachdenken und ihrem Philosophieren, dann
können sie das auch nicht recht. Dann können sie in dem Sinn ihre Persönlichkeit auch nicht entwickeln.
Also wenn das Kind introvertiert ist und das Umfeld extrovertiert, dann hat das extrovertierte Umfeld die
Tendenz, das introvertierte Kind ständig zu irgendetwas zu drängen. Ich hatte so Jungs, wo die Mütter
extrovertiert waren und immer sagten, dass sie nichts machen, dass sie keinen Kontakt mit anderen
Kollegen haben, er muss doch mehr machen. Ich sage dann, lässt ihn, er braucht seine Zeit, er sucht
sich dann die Kollegen schon, die er brauchen kann und die zu ihm passen. Aber wenn man am Tag
ungeduldig ist, dann verursacht man eher eine Störung. Ein weiterer Faktor ist, dass Kinder das Anrecht
auf starke, verständnisvolle, tolerante, stabile Eltern haben. Das wäre ideal. Aber die Eltern sind natürlich
nicht immer so. Manchmal ist das Umfeld geschwächt. Da wir ja soziale Wesen sind, haben wir als Kinder
die Tendenz, auch schon als Kinder, dass wenn das Umfeld geschwächt ist, dass dann das Kind sich
anpasst.
[00:14:20.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Mädchen, die passen sich an, indem sie dann helfen und vermitteln oder liebe Sachen machen, damit
alle schön zufrieden sind. Die Jungs, ich sage das ein wenig schematisch, damit das Bild herauskommt,
die Jungs übernehmen manchmal das Kommando. Wenn die Eltern bei einem anderen Kind nicht richtig
durchkommen, übernehmen die Jungs das Kommando und sagen, dass sie nicht streng genug sind. Das
Kind setzt sich dann in die Elternposition hinein. Man nennt es ein paternalisiertes Kind. Das Kind
versucht die Lücken, die die Eltern haben, zu lösen. Es ist angewiesen, dass das Familiensystem
funktioniert. Es kann auch sein, dass ein Geschwister spezielle Aufmerksamkeit braucht, handicapiert ist
und dann ist das Umfeld wieder geschwächt und das sensible ADHS/ADS Kind passt sich an, lebt für das
System, funktioniert für das Familiensystem und ist nicht in der Lage, seine eigene Persönlichkeit zu
entwickeln. Das kann alles später zum Ausdruck kommen, dass sich diese Person als Erwachsene nicht
behaupten kann. Denn sie ist gewohnt, sich immer für sein Umfeld einzusetzen. Man kann aus dem
einen Beruf machen. Man kann Arzt werden, Psychologe, Psychiater. Wenn man seine Familienrolle
dann professionalisiert, dann kann man sie wieder verwenden. Dann hindert es einem nicht, sich zu
verwirklichen. Aber nicht alle können die Rolle, die sie in der Familie gelebt haben, professionalisieren.
[00:16:45.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben in der Schweiz sehr viele Migrationsfamilien, in letzter Zeit immer mehr, die von überall
vertrieben werden oder auswandern. Die Schweiz war immer schon ein Einwanderungsland. Wir gelten
als Oase, wir sind ein Ideal auf dieser Welt. So meint man mindestens und so werden wir oft auch wahr
genommen. Wenn wir mit Migrationsfamilien zu tun haben, dann hat das Kind einerseits die Aufgabe, sich
seinen Eltern anzupassen und ihren Traditionen. Die leben das oft weiter, so wie sie es von ihrem
Ursprung her gewohnt sind. Auf der anderen Seite muss es sich der Schweiz und unseren Traditionen
anpassen. Das Kind muss sich zweimal anpassen, dem eigenen Familiensystem und dem
schweizerischen System. Wenn das gut läuft und das Kind anpassungsfähig ist, dann wird es sehr
flexibel, sehr tolerant, sehr vielseitig und kann je nachdem auch zu einem guten Diplomat werden. Aber
wenn es sich nicht so schnell anpassen und einpassen kann, dann kommt es je nachdem darunter. Wir
von der Schweiz her, die ja eigentlich ein Immigrationsland sind, sehen die Unterschiede nicht und dort
passen auch viele Fehler, dass man nicht schaut, wie sich das Kind zu Hause an etwas anpassen muss
und in der Schule und in der Gemeinschaft an etwas anderes. Das Kind hat dann vielleicht noch weniger
Möglichkeiten sich selbst zu verwirklichen.
[00:18:41.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kann aber genau das Gegenteil passieren. Das passiert zum Teil auch in der Schulklasse, dass die
Migrantenkinder auf einmal dominieren und die Schweizer Kinder dann Schweizerdeutsch sprechen wie
die Migranten. Die fremde Kultur dominierte und man hat sich dieser in der Jugendkultur untergeordnet.
Das wäre das geschwächte Familiensystem, das noch mehr Anpassung verlangt, als sonst notwendig
wäre. Im Augenblick, wo die schlechte Anpassung besteht, wird ein ADHS Kind mit zusätzlichen
Lernstörungen geboren, in einer Akademikerfamilie, wo akademische Performance wichtig ist, dann hat
das Kind ein Handicap. Dann will man von diesem Kind, dass es akademische Leistung bringt. Man kann
nicht verstehen, dass es das nicht kann. Es ist intelligent, aber es hat eine Lernstörung. Diese schadet
dem Kind im Schulwesen. Dann kann es den Anforderungen, den Leistungen seiner Eltern nicht
entsprechen und von dort her kommt es sich immer minderwertig vor, nicht genügend wertig. Wenn so
etwas über längere Zeit läuft, kann sich dann auch wieder eine Depression daraus entwickeln kann. Es
entwickelt ein schlechtes Selbstwertgefühl, wenn es sich davon nicht befreien kann. Im Erwachsenenalter
kann es eine Depression entwickeln. Wird ein intellektuell begabtes Kind in einer Bauern- oder
Handwerkerfamilie geboren, hat aber zwei linke Hände, das kommt auch vor. Dann sagt man, dich kann
ich nicht brauchen.
[00:20:57.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin eher in einer ländlichen Gegend aufgewachsen und wenn man dann gesagt hat, man lernt Latein,
hat es geheißen, braucht man doch nicht, für was brauchst du das als Mädchen. Bei den Bauern
natürlich, wenn man dann zwei linke Hände hat, dann kann man einen nicht brauchen. Dann ist all die
intellektuelle Fähigkeit nichts wert. Dann gibt es wieder ein schlechtes Selbstwertgefühl, obwohl gute
Talente da sind. Wenn dann nicht ein Lehrer da ist, der das Kind entdeckt, unterstützt und dem Kind hilft,
von diesen Wertvorstellungen seiner Bauernfamilie sich entfernen, dann kann es je nachdem untergehen
und depressiv werden. Wenn das Kind sich gut entwickelt, ist man stolz darauf. Aber am Anfang natürlich
nicht. Ein begabtes Kind in einer Handwerkerfamilie kann genauso darunter kommen wie ein
handwerklich begabtes Kind in einer Akademikerfamilie. Es sind nicht nur die Akademikerfamilien, die
ihre Kinder zurecht stauchen. Auch im Fall, wo so schlechte Passungen zwischen Fähigkeiten, Talent des
Kindes und seinem erzieherischen Umfeld so schlechte Passungen sind, dann kann sich der junge
Mensch nicht richtig in die erwachsene Position begehen, kann seine Persönlichkeit nicht richtig
entwickeln. Depression ist eine Verliererkranker.
[00:23:01.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man ständig mit Windmühlen kämpft und seinem Umfeld, dem man es ja recht machen will, nicht
recht machen kann, dann kommt man sich als Verlierer vor. In diesem Sinne ist Depression ein
Verliererkrankheit. Das Kämpfen kann gegen die Eltern sein, das kann gegen einen Partner, eine
Partnerin sein, das kann am Arbeitsplatz sein. Wenn man nicht gelernt hat, sich für sich und seine
Fähigkeiten durchzusetzen, dann passiert es einem, dass man sich als Verlierer vorkommt. Darum sage
ich, dass Depression eine Verliererkrankheit ist. Man hat bei Reptilien beobachtet, die miteinander
kämpften, zwei Männchen. Das Männchen, das verloren hat, hat die Farbe verloren und ist in die Ecke
gehockt. Das, was wir Psychiater als Crouch Position benennen, mit Augenfalten runter und einem
Lätsch, also nicht ein Smile, sondern ein Lätsch, hat also physiologisch depressive Zeichen gezeigt, das
Reptilienmännchen das verloren hat. Die Verliererreaktion ist eine physiologische, körperliche Reaktion,
Verhaltensreaktion, die nicht nur bei den Menschen vorkommt, die kommt auch bei den Tieren vor. Man
sagt dann manchmal auch, es gibt verschiedene Definitionen, ich sage jetzt Verliererkrankheit, es gibt
eine Theorie, wo man sagt: arretiertes Kampfverhalten, man steigt in den Kampf ein, aber man kommt mit
seinen Methoden nicht durch. Man verliert dann. Man verliert, weil der andere vielleicht stärker ist, aber
man kann auch verlieren, weil man falsche Methoden anwendet.
[00:24:49.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Methoden, die nicht funktionieren. Klar, wenn man nicht durchkommt mit seinem
Selbstbehauptungsverhalten, dann wird man depressiv. Jetzt auf der Einladung haben Sie eine
Zeichnung, die Sie vielleicht angeschaut haben. Da ist auf der einen Seite das Männchen gezeichnet.
Das ist das Individuum, das sich aufmacht auf den Weg. Wir haben es schon von den ADHSler und
ADSler, die haben oft Visionen. Sie sind sehr impulsiv und sehr schnell. Manchmal oder häufig sind sie
mit ihren Ideen schneller als mit ihrer Handlung. Denken kann man viel schneller als Handeln. Man kann
sich x Visionen ausdenken, wie toll das wäre, davon träumen, etc. Aber dann geht es noch um die
Realisierung. Wenn man die Geduld zur Realisierung nicht hat, dann fällt man hier einfach runter. Dann
auf den Kopf und dann wird man depressiv. Wenn man Geduld hat, aber ADHSler haben das häufig nicht,
wenn man Geduld hat, wenn einem vielleicht jemand hilft, in kleinen Schritten, um seine Visionen zu
verwirklichen. Dann kommt man auf die andere Seite. Dann hat man eine gewisse Anpassung, also man
passt sich an die Realität an und man verliert seine Visionen nicht. Man kann sie teilweise verwirklichen,
zum Teil vielleicht mit Hilfe und dann kommt Erfolg und es geht weiter.
[00:26:36.450] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne ist das Individuum zwischen Visionen, runterfallen aus diesen Visionen, depressiv
werden und Realisation. Hier muss ich den ADHler immer wieder sagen: Geduld. Ich sage jeweils, die
Eigernordwand wird nicht in einem Sprung erklommen. Man muss Griff für Griff, Schritt für Schritt. So ist
es auch im Leben. Man muss sich verlangsamen. Ich muss viele von den ADHSlern verlangsamen, dass
sie nicht enttäuscht werden, dass sie ihre Visionen, ihre Ideen sich selber nicht verwirklichen können. Da
sind wir jetzt schon, wie kommt man dann wieder raus aus diesem Loch? Also, wenn man sich ständig
als Verlierer vorkommt, alles nicht recht macht, niemand zufrieden ist, die Ziele nicht so schnell erreicht,
wenn man gerne hätte, dann fällt man ins Tief, dann fällt man in ein Loch in die Depression. Offiziell in der
Psychiatrie holt man diese Leute aus der Depression heraus mit Antidepressiva. Antidepressiva sind alles
stimulierende Medikamente, ähnlich wie Ritalin. Man kann den Menschen künstlich wieder zufrieden
machen, respektive im künstlich wieder Energie über Medikamente geben. Ich will nicht, dass der
Mensch über die Medikamente den Menschen aus seinem Loch oder aus seiner Talsohle herausholen,
sondern ich will der Sache ein bisschen mehr auf den Grund gehen.
[00:28:19.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst, ich will die Problematik bei den Wurzeln packen. Da sage ich, wenn ich depressive ADHSler,
Erwachsene habe, muss ich sie zur Verlangsamung bringen. Ich muss sie immer zur Verlangsamung
bringen und mit ihnen schauen, wo ihre Ressourcen sind, wo sie verschüttet wurden, wie man sie
ausgraben kann, wo sind Talente und Eigenschaften. Dann muss man schauen, wie sie sich vom
erzieherischen Umfeld, später vom Arbeitsumfeld und allenfalls auch von der Beziehung, Partnerschaft,
wie sie sich "contre coeur" immer wieder angepasst haben und wie sie über das eigentlich verkümmert
sind. Ich muss dann auch Geduld haben, um sie vorzuholen. Ich muss mich mit ihnen fragen, wann sie
Dinge machen, die sie eigentlich gar nicht wollen. Wann machen sie Dinge, nur zum einfach gut
durchkommen, um es den anderen recht zu machen, um keine Probleme zu haben. Dem anderen
zuliebe, aber eigentlich nicht für sich. Also im anderen zuliebe wegen unserer sozialen Zugehörigkeit.
Man hat ja immer Angst, man könnte von der Liebe ausgeschlossen werden, vom Kollektiv
ausgeschlossen werden. Oje, so kann ich ja dann gar nicht überleben. Vor lauter Anpassung haben sie in
diesem Sinn ihren Selbstwert verloren. Findet man ein Verhaltensmuster, die der erwachsene Mensch
pflegt, nur um es den Wertvorstellungen der Eltern recht zu machen. Also nur aus Loyalität zu den
eigenen Eltern.
[00:30:19.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sind auch als erwachsene Personen oft mehr loyal zu unseren Eltern, als wir denken. Wenn die
Eltern noch leben, dann sage ich, und das ist Systemtherapie, ich versuche das herauszuarbeiten, dann
sage ich den Erwachsenen, dass sie sich nochmals als Erwachsene mit dem Vater einzeln und mit der
Mutter einzeln auseinandersetzen sollen. In dieser Auseinandersetzung ihre eigene Position beziehen.
Nicht einfach sich anpassen dem Frieden zuliebe, sondern wagen in eine Opposition zu gehen. Wichtig
ist dabei, nicht, dass man die Eltern von der eigenen Überzeugung belehrt, um miteinander zu
verschmelzen, sondern dass man alleine für seine Haltung steht, den Eltern ihre Haltung lässt, sich nicht
mehr von den Eltern missionieren lässt, aber auch die Eltern nicht missioniert. Wenn ich Eltern solche
Aufgaben gebe, merke ich, dass sie häufig, wenn sie nach Hause gehen zu den Eltern, ihre Position
beziehen, dass sie die Erwartungshaltung haben, dass die Mutter oder der Vater zustimmen müsste.
Daran sieht man, dass man immer noch abhängig ist, eigentlich nicht eigenständig, sondern man will
immer noch die Anerkennung des Vaters oder der Mutter. Hier muss ich sie unterstützen, dass sie es
aushalten, dass der Vater oder die Mutter eine andere Meinung haben.
[00:32:00.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man selber eine andere Meinung hat, dass man beide stehen und beide leben lässt. So im Sinne
von Leben, selber leben und den anderen leben lassen. Man denkt, das sei einfach, aber das ist gar nicht
so einfach. Denn wir sind viel mehr an die Loyalität an unsere Eltern gebunden. Wenn man dann mal in
der Lage ist, sich zu positionieren, vor seinen wichtigen Bezugspersonen, seien das Eltern oder ältere
Geschwister, wenn man in der Lage ist, das auszuhalten und nicht zu vergispeln oder einfach wieder in
die Anpassung zu gehen, dann ist man quasi gestärkt, dass man auch sonst im Leben, sei das am
Arbeitsplatz, bei den Kollegen, in der Partnerschaft, auch besser zu sich selber stehen kann. Denn die
Eltern sind doch immer noch sehr wichtige Bezugspersonen. Die wie Marksteine, Messsteine für einem
sind. Also gelingt einem diese Verhaltensänderung den eigenen Autoritäten und Erziehungspersonen
gegenüber, es könnten auch Lehrer sein oder irgendwelche Vorgesetzten, dann hat man eine
Verhaltensveränderung gemacht, dann muss man nicht mehr in ein Loch fallen, wenn die andere Person
nicht mit einem einig ist, muss man nicht mehr depressiv werden. Dann ist man eigentlich genügend
stark, um sich selbst durchzusetzen. Dann hat man genügend emotionale Energie, um sich selbst zu sein
und auch genügend emotionale Energie, um sich anzupassen.
[00:33:47.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht nicht darum, dass man sich nur selbst behauptet, sondern wir müssen immer zwischen
Anpassung und Selbstverwirklichung ein Gleichgewicht finden. In diesem Sinne möchte ich sagen,
Depressionen treten immer dann auf, wenn ein Mensch mit falschen Mitteln gegen Windmühlen kämpft.
Die Windmühlen sind die vorgestellten anderen Meinungen und dann die falschen Mittel. Wenn man als
Untergebenen gegen seine Vorgesetzten kämpft, indem man sie belehrt und sagt, was sie alles falsch
machen, dann kommt man wahrscheinlich nicht so weit. Da sage ich dann immer, man muss wissen, was
oben und unten ist und dann den rechten Ton finden. Also Depression tritt dann auf, wenn man mit
falschen Mitteln in einer verkehrten Situation gegen Windmühlen kämpft, etwas erreichen will, was nicht
zu erreichen ist. Wenn man aussen etwas verändern will, anstatt dass man sieht, welche Mittel man
verwendet und welche nicht funktionieren. Wenn man nicht das Umfeld verändern will, sondern eher
einen Einblick in seine eigene Geschichte hat, dann kann man sich selbst verändern. In der
Partnerschaft, in den Paarbeziehungen gibt es ja immer Kampfsituationen. Da hat man immer die
Tendenz, den anderen zu verändern, damit es bequemer wird. Ich muss dann immer sagen, man kann
sich nur selbst verändern, sich besser verstehen, den anderen besser verstehen und dann mit der
Realität besser umgehen.
[00:35:45.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man das kann, muss man nicht mehr in eine Depression fallen. Wenn man mit falschen Mitteln
gegen Windmühlen kämpft, ist Depression eine Verliererkrankung. Wenn man erkennt, wie man falsche
Mittel verwendet und wie man es anders machen könnte, ist Depression nicht mehr nur eine
Verliererkrankung. Depression ist nur der Anfang zur Selbstfindung. Die Depression sagt einem rein
körperlich, man ist dann schwach und mag nicht recht, man hat falsch investiert. Man muss über Bücher
gehen und neu investieren in sich, in seine Selbstbehauptung, vielleicht sogar in seine Selbstdarstellung.
Man kann nur sich verändern. Wenn einem die Depression dazu bringt, dass man nachdenklich wird und
schaut, was man verändern könnte, dann zeigt die Depression den Weg auf, dass man etwas verändern
kann. In diesem Sinne sage ich dann, ein wenig extrem formuliert, Depression ist der Anfang zur
Selbstfindung. Man muss nicht die Depression mit Mitteln bekämpfen, sondern man muss seine falschen
Strategien erkennen und dann Strategien entsprechend verändern. Das heisst natürlich nicht, dass man
als Individuum, wir sind ja eben eine soziale Spezies, dass das Individuum von diesem Moment an nur
noch Selbstbehautpung, nur noch Durchsetzung, rücksichtslose Durchsetzungskraft, man sagt dann
Egoist, man sagt auch Narzissten, die nur noch für sich schauen, aber eigentlich sind Narzissten alles
Menschen, die gekränkt worden sind und nicht genügend zur eigenen Selbstfindung gekommen sind. Sie
sind eigentlich immer noch auf dem Weg.
[00:37:51.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst nicht, wenn ich das Individuum unterstützen möchte, dass es ein asoziales Individuum wird.
Jeder Mensch muss selber herausfinden, wie viel Selbstbehauptung er/sie ertragen kann. Er bekommt ja
dann auch eine Art Echo von aussen. Wie viel Anpassung braucht er/sie, um sich wohlzufühlen. Gewisse
sind mehr auf der Seite des Individualismus, andere mehr auf der Seite des Kollektivismus, wo sie sich
der Gruppe anpassen. Gewisse sind mehr in der Herde drin und andere stehen mehr heraus. Im
Augenblick, wo ein Mensch in der Lage ist, sein Individuum, seine persönlichen Talente, seine
Fähigkeiten zu realisieren, kann er dann auch ein gutes Gruppenmitglied werden. Das Ganze, also das
ganze Kollektiv ist mehr als die Summe von jedem Einzelnen. Es gibt mehr daraus. Über unser
Zusammenarbeiten als Individuen innerhalb eines Kollektivs können wir erfolgreicher sein, als wenn wir
nur einzeln durch die Welt gehen oder nur als Massenmenschen durch die Welt gehen. Also es braucht
immer diese Spannung zwischen Individuum und Anpassung. Wenn ich von diesem Gleichgewicht
spreche, Anpassung, Selbstbehauptung, Selbstverwirklichung. Heutzutage mit den modernen Medien hat
eigentlich jeder die Möglichkeit das Kollektiv zu beeinflussen. Da spricht man jetzt von Influencern, also
Leuten, die irgendeine Idee aufs Internet stellen, die dann zieht, eine Wellenbewegung macht, respektive
eine Herde ansammelt.
[00:39:57.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sind dann die sogenannten Influencer. Also wenn man Anpassung, Selbstbehauptung,
Selbstverwirklichung und Selbstdarstellung betrachtet, sind die Künstler, die mit der Selbstdarstellung
arbeiten. Das ist ihre Aufgabe. Wenn sie etwas finden, was beim Kollektiv ankommt, dann werden sie zu
Influencer oder Trendsetter. Wenn sie aber nicht so beim Kollektiv einschlagen, sind sie vielleicht
trotzdem interessante Persönlichkeiten, aber dann brauchen sie mehr Eigenständigkeit. Das heisst, an
sich ist es nicht unbedingt so wichtig, wie toll man gefunden wird oder wie grosse Einschaltquoten man
vom Kollektiv bekommt. Man sollte auch etwas verwirklichen, das primär nicht so viel Echo hat. Ich
denke, es ist wichtig, dass man seine Talente realisiert. Da bringe ich dann immer die Theorie, oder nein,
es ist eine wissenschaftliche Erkenntnis, man soll an dem, was man macht, Freude haben und nicht an
erster Stelle das machen, damit die anderen Freude daran haben. Das ist schön, wenn die auch Freude
daran haben. Da hat man herausgefunden, und das zählt jetzt auch wieder in der Covid Zeit, wenn man
etwas macht, wo man Freude daran hat, und man hat schon Freude einfach über das Machen, und es ist
einem eigentlich egal, wie viel Erfolg man hat. Dem sagt man auch eudaimonic happiness, also man ist
glücklich über das, was man macht.
[00:41:38.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hat eine positive Auswirkung auf das Immunsystem, und das können wir alle brauchen. Hingegen,
wenn man etwas macht nur um den anderen zu gefallen, das hat überhaupt keine positive Auswirkung
auf das Immunsystem. In diesem Sinne ist unser Körper und unser Immunsystem ein Lügendetektor. Also
ich kann sagen, der Körper kann nicht lügen. Der Körper sagt einem, wenn etwas gut ist für einem. Es ist
natürlich dann etwas gut für einem, wenn man sich treu bleibt oder wird und wirklich das macht, von dem
man überzeugt ist. Nicht nur etwas macht, um die Masse zu bewegen etc.
[00:42:23.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine letzte Bemerkung. Ich habe mich viel auch mit psychosomatischen Krankheiten befasst. Ich merkte,
dass psychosomatische Krankheiten immer dann auftreten, wenn der Mensch den Eltern loyal bleiben
will und eigentlich hätte den Eltern dysloyal werden müssen. Man schädigt lieber seinen eigenen Körper,
als den Eltern dysloyal werden. Nicht alle, aber… Dort kommt der Körper rein. In diesem Sinne lohnt sich,
auf den Körper zu hören, was er sagt. Der Körper kann nicht lügen. Mit dem Intellekt kann man alles
schön reden, weg argumentieren. Aber der Körper fällt nicht auf das rein. Also sage ich, je mehr man zu
sich selber kommt, sich selber ist, umso gesünder wird man oder bleibt man.
[00:43:28.740] – Dr.med. Ursula Davatz
So möchte ich alle, die mit ADHS zu tun haben, dazu auffordern, dass sie versuchen, zu sich selber zu
kommen und das auch zu verwirklichen. Das gibt die grösste Befriedigung und auch die beste
Gesundheit. Das wären meine Worte.
[00:43:57.850] – Bemerkung 1
Sich in Geduld üben, das ist ein sehr guter Ansatz. Bei Schulen oder Universitäten kann man die
Abgabefristen nicht ins Unendliche strecken. Man ist an diese Rahmen gebunden. Ein langsamer,
vertiefter Prozess ist nicht möglich. Wie soll man sich da verhalten?
[00:44:34.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Sie in einem festen Programm sind, können Sie nicht langsamer machen. Klar, Sie können
nochmals ein Semester anhängen. Dann müssen Sie mit Ihrem Zug gehen. Wenn ich sage man soll
langsamer machen, meine ich in einem Augenblick, in dem man über Bücher gehen muss. Wenn man
einen falschen Beruf gewählt hat oder ist am falschen Arbeitsplatz. Ich habe schon jemandem gesagt, er
müsse kündigen. Das ist nichts für sie. Er fand dann, das könne nicht sein, die kennt mich doch gar nicht.
Je länger man im Beruf ist, desto mehr kann man aus dem Buch heraus, intuitiv handeln. Er hat dann
gekündigt, er hat eine Matur gemacht, studiert und hat jetzt einen Beruf, in dem er sehr zufrieden ist.
Wenn Sie im Zug sind, können Sie nicht langsamer. Sie müssen schauen, wie Sie die Erholungsphase
haben, damit Sie wieder zu sich kommen können. Wenn Sie grundsätzlich herausfinden müssen, ob das
überhaupt der Beruf ist, den Sie haben wollen, dann muss man sich langsam überlegen und sich Zeit
lassen. Viele Antworten mir dann, ich habe keine Ahnung, ich weiss es nicht. Dann sage ich, halt
langsam, zuerst einmal zu sich kommen. Ich zitiere den Antoine de Saint-Exupéry: on ne voit bien
qu'avec le coeur, il faut consulter votre coeur. Im Zug da muss man schauen, wie man sich Erholungszeit
holt.
[00:46:02.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte jetzt jemanden, der Ritalin genommen hat. Es läuft ihm alles besser, er kann seine Potenzen
besser verwirklichen. Die Partnerin sagt dann: Du hast gar keine Zeit mehr für uns. Man sagt ja von den
ADHSlern, dass sie überhaupt nicht fokussiert sind, wenn es sie nicht interessiert. Wenn sie interessiert
sind, sind sie hyperfokussiert. Da muss man lernen, als hyperfokussierter ADHSler, jetzt arbeite ich und
jetzt mache ich frei. Sie müssen sich Struktur setzen und zur Struktur gehört auch Erholungsstruktur und
nicht nur Leistung.
[00:46:52.200] – Bemerkung 2
Wie soll man vorgehen wenn man etwas nicht angehen kann, nicht vermeiden kann? Zum Beispiel im
Schulunterricht hat man einfach Mathe, man hat einfach Bio. Wie kann man den Fokus setzen, wie kann
man seine Konzentration erarbeiten, in einem Bereich, in dem es einem überhaupt nicht zusagt, aber
zum gesamten Paket gehört. Auch wenn das gesamte Paket stimmt.
[00:47:23.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, schwierig. Dort braucht es Disziplin. Manchmal braucht es auch etwas Selbstdisziplin. Oder man kann
an diesem Fach, oder an dem, was man hier lernen sollte, vielleicht noch etwas zusätzlich dranhängen,
sodass es interessanter wird. Wie beim Kochen, man kann es beim Kochen würzen, sodass es auf
einmal wieder spannend wird. In diesem Sinne kann man eigentlich alles interessant finden, wenn man
noch etwas mehr hineingeht. Ich würde sagen, dass man es noch tiefer hineingeht und auf einmal wird es
interessant. Sodass man nicht in der Abwehrhaltung bleibt, dass es einem stinkt, wenn ich nur nicht
müsste. Man muss aus der Abwehrhaltung herauskommen und auf die Zugehenshaltung kommen. Jeder
hat einen anderen Trick. Man kann sich danach belohnen. Ich mache das und dann mache ich das. Das
kann je nachdem auch helfen. Aber es braucht auch ein bisschen Disziplin. Selbstdisziplin. Darum sage
ich den Müttern, sie sollen aufhören ihre Kinder zu stossen. Das Kind muss ab einem gewissen Alter
selber lernen sich zu motivieren und zu disziplinieren. Habe ich es jetzt ein bisschen beantwortet? Okay,
viel Spass. Sie können ja vorher Chili Pfeffer essen, dass es so richtig brennt, dass sie dann brennen
nach Neugier.
[00:49:20.000] – Bemerkung 3
Wieviel grösser ist das Risiko, dass ein ADHSler oder ADSler in eine Depression gerät, wenn man das
mit Leuten vergleicht, die das nicht haben?
[00:49:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin kein numerischer Typ, und ich kann es nicht in Zahlen sagen, ich zitiere dann immer Einstein, und
der sagt "Not everything that counts is countable, and not everything that is countable counts." Also man
kann nicht alles zählen, was wichtig ist, und ich gehöre natürlich nicht zu den Statistikern, die zählen. Es
kommt ganz darauf an, was der ADHSler noch für andere Dinge um sich herum hat, wo er sich
befriedigen kann, zufrieden ist, wie viel er immer über die Klippe gestoßen wird von der
Normierungspresse, sag ich jetzt, und auch wie robust er ist. Wie viel er schon als Kind vielleicht gelernt
hat, das auszuhalten, oder gar nicht gelernt hat. Ich muss das ganze Muster anschauen. Bei jedem
Menschen, es gibt schon so allgemeine Muster, aber ich muss genauer, wie soll ich sagen, genauer
hinschauen. Ich schaue immer drei Generationen an und sehe dann, was da für Themen runterkommen
über die Großeltern, Eltern und dann Kind.
[00:51:04.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Wo passt jetzt der Mensch rein, wo ist er in die Grube gefallen und wie muss man ihn wieder rausholen.
Ich kann es nicht zahlenmäßig sagen, ist ganz unterschiedlich, auch nicht zeitmäßig. Manchmal reicht
schon ein einzelnes Ereignis, das so demütigend ist, weil es in alte Kerben reinhaut. Manchmal sind es
viele kleine Demütigungen, die schlussendlich zur Depression führen. Ich müsste die Geschichte genauer
haben. Ich weiss nicht, ob Sie so befriedigt sind.
[00:52:16.100] – Bemerkung 4
Zu dem Punkt, dass man das machen muss, was zu einem passt, was sich richtig anfühlt, das ist zum
Teil auch schwierig und redet sich auch Sachen ein. Wenn ich z.B. einen gewissen Beruf erlernen
möchte, steht dahinter teilweise Jahre Ausbildungszeit, die teilweise auch sehr theoretisch sein können,
z.B. an einer Uni. Dann merkt man oft, dass das, was man in der Vorlesung lernt, nicht unbedingt das
Gleiche ist wie das, was man nachher macht. Dann geht es vielleicht 5 Jahre, bis man das macht, was
man überlegt hat, das könnte zu mir passen. Dann merkt man vielleicht sogar, dass das, was man in der
Vorlesung hat, das macht mir überhaupt keinen Spass. Liegt das daran, dass das in der Vorlesung zum
Abhärtungsprozess gehört? Zum Selektionsprozess? Um mich zu testen? Zum Disziplin erlernen? Oder
wird das wirklich so schlecht sein, wie das, was man in der Vorlesung macht? So oft im Leben ist man an
dem Punkt, wo man einfach nicht genau weiss, jetzt schaffe ich das, jetzt grabe ich das Loch, aber ich
weiss nicht wo ich nachher rauskomme. Man weiss einfach nie genau, wird das jetzt so etwas oder wird
das jetzt nicht. Viele Leute brechen dann mitten drin ab und sagen, nein, das wäre jetzt nichts für mich,
aus diesem Grund, aber eigentlich reden sie es sich ein. Irgendwie kann man diese Frage fast nicht
wirklich beantworten. Was meinen Sie dazu?
[00:53:43.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, Sie sprechen da etwas ganz Wichtiges an. Also so viel zur Passung zwischen theoretischem Studium
und praktischem Leben. Diese Passung ist nicht immer so gut. Da könnte man sagen, die Universität
oder die ETH, die Hochschulen forschen am Leben vorbei oder sind am Leben vorbei. Ich sage das in
der Psychiatrie, ich rege mich immer auf, was hier alles geforscht wird. Ich denke, Sie können alles
vergessen. Man müsste es eigentlich anders machen. Aber ja, die Welt ist so, wie sie ist und die
Hochschulen sind halt so, wie sie sind. Dann muss man herausfinden, wo man seinen Weg findet. Wenn
man hinterher nach all dem harten studieren, als Medizinerin hat man früher noch sieben Jahre studiert,
dann kommen noch fünf Jahre Psychiatrie hinzu. Man ist ewig am Studieren, man ist immer der Lehrling.
Hier erzähle ich jetzt einen Witz aus der Medizinerwelt. Man sagt, Chirurgen können alles und wissen
nichts. Mediziner wissen alles und können nichts machen, die Krankheit ist schon so weit entwickelt, dass
sie nichts mehr machen können. Vom Psychiater sagt man, dass sie nichts können und nichts wissen.
Sie kommen gar nicht draus, wie das läuft. Dann sage ich, dass wir ständig am Lernen sind. Das ist
interessant.
[00:55:12.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Jeder Patient ist anders. Wir haben ihn ausgelernt. Man muss bei jedem Patienten von vorne anfangen.
Er hat eine andere Lebensgeschichte etc. Wenn Sie ein bisschen die Neugier behalten können, auch
wenn Sie zudeckt werden mit Theorien, die Sie nie brauchen können. Man muss die lange Spannkraft
behalten für hinten dran. Ich habe Medizin studiert mit dem Wunsch Psychiatrie zu machen. Die meisten
wollen nicht Psychiater werden, sie gehen in dieses Gebiet, weil sie nirgendwo anders durchkommen.
Wir haben das tiefste Ansehen. Prof. Dr. Dr. Ambros Uchtenhagen in Zürich hat mal einen Umfrag
gemacht. Die Psychiater sind nach dem Magnetopath gekommen. Der Pfarrer hatte noch mehr Ansehen.
Aber ich finde es für mich trotzdem der tollste Beruf. Man darf seinen Fokus nicht verlieren und muss halt
durch das Zeugs durchgehen. Ich habe mich im Medizinstudium auch aufgeregt, dass sich alle mit ihren
Eigennamen profiliert haben. Die musste man alle auswendig lernen. Ich bin nicht so gut im Namen
behalten. Ich muss immer eine Geschichte haben. Ich wollte, dass sie die Funktion beschreiben und nicht
ihren Namen dran hängen. Aber ich habe es dann auch überlebt. Also probieren Sie, den langen,
gespannten Bogen nicht zu verlieren.
[00:56:58.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht auch etwas in der Freizeit machen, dass sie wieder aufstellt. Mit Kollegen austauschen, die ein
wenig ähnlich gesinnt sind, wo eine Passung da ist. Dann bringt man es auch besser durch. Aber es ist
nicht einfach. Ein harter Weg. Aber nicht so schnell die Flinte ins Korn schmeissen. Habe ich Sie etwas
aufgemuntert?
[00:57:24.950] – Bemerkung 4
Muss sagen, ich habe auch schon mit solchen Kollegen rumgehangen, aber sie sind dann immer
durchgefallen.
[00:57:33.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sind früher auch nach Paris gefahren, anstatt in die Vorlesung. Das kann man heute nicht mehr so
gut.
[00:57:42.960] – Bemerkung 6
Ist ADHS überhaupt kompatibel mit einem Studium?
[00:57:56.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf jeden Fall. Unter den Medizinern gibt es ganz viele ADHSler, unter den Lehrern gibt es viele. Einstein
war ein ADS. Viele Forscher haben ADS, weil sie so viel studieren und so gerne beobachten und im Kopf
die Theorie machen. Es ist schon kompatibel. Aber, wie soll ich sagen, vielleicht braucht man auch ein
Umfeld, das einem unterstützt. Manchmal sind es Frauen, die dem Mann den Weg freimachen. Nicht
immer machen die Männer den Frauen den Weg frei. Ich kann es auch geben. Also man muss sich halt
ein wenig einrichten. Doch doch, ich habe einige durch das Studium begleitet. Viele sind ja gerade wegen
der Schnelligkeit, viele haben eine schnelle Auffassungsgabe, aber nicht Geduld, um lange bei etwas zu
bleiben. Aber wenn Sie etwas finden, was Sie interessiert, dann können Sie schon dranbleiben. Wenn
man dann die Befriedigung hat von dem, was man hier macht, dann kann man das andere noch ein
bisschen dranhängen. Ich würde es schon sagen.
[00:59:34.360] – Bemerkung 7
Ich habe mal den Spruch gehört, dass ADHS mit der Zeit sich auswächst. Ich wollte wissen, ob sich im
Laufe der Jahre die Symptome verändern oder ob die bestehen bleiben.
[00:59:46.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher hat man gesagt, dass sich das auswächst. Dann hat man die Theorie gehabt, dass die
Nervenzellen nicht richtig isoliert sind. So wie beim Elektriker. Die Isolation sei nicht richtig. Das sagt man
bei der MS. Es reift verspätet. Ja, die Hirne tun verspätet reifen, puncto fixe Struktur, also die
Autobahnen, die sie bilden. Auswachsen tut es sich nicht. Man weiss heutzutage, es ist genetisch vererbt.
Gewisse sagen, es sei eine Modekrankheit, das stimmt überhaupt nicht. Es ist genetisch weitergegeben.
Es läuft in Familien und häufig ziehen sich auch ADHSler und ADSler an. Da gibt es den Satz "They find
each other, they bind with each other, they reproduce with each other". Sie finden sich, binden sich und
sie machen Kinder miteinander. Es wächst sich nicht aus. Aber wenn man ein günstiges Umfeld hat, das
einen versteht, das einen leben lässt, das einen Hörner abstossen lässt, das einen entwickeln lässt, dann
lernt man mit der Zeit immer besser mit sich umzugehen. Die Behandlung von ADHS ist nicht in dem
Sinne eine Therapie, wo man ein Symptom wegmachen muss. Es ist mehr ein Coaching. Sie müssen
lernen, mit sich umzugehen. Sie müssen sich Struktur setzen können. Sie müssen sich nicht nur
anpassen an die fremde Struktur, sondern sie müssen sich auch selbst Struktur setzen können.
[01:01:29.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann lernen Sie immer besser, mit sich umzugehen. Sie müssen wissen, wann sie Auszeit machen
müssen, wann sie sich erholen müssen, dass sie sich nicht übertun. Manchmal sind sie so begeistert von
etwas, dass sie vergessen zu schlafen, zu essen usw. Das hat man vom Einstein auch gesagt. Dann
wirkt es so, dass sie besser damit umgehen können und es fällt gar nicht mehr auf und stört sie auch
nicht. Diejenigen, die die Diagnose nicht erhalten haben, oder erst mit 50, wenn die dann die Diagnose
bekommen, dann sagen sie, dass sie endlich eine Erklärung haben, jetzt verstehe sie ich mich besser.
Ich denke, als erstes muss man seine eigene Persönlichkeit akzeptieren. Man muss akzeptieren, wie
man funktioniert und nicht immer gegen sich arbeiten. Gewisse arbeiten gegen sich, weil sie dann so
normal sein wollen. Weil das Umfeld das von ihnen verlangt hat. Das ist gar nicht hilfreich. Da sagt man
ganz allgemein, man muss mit seinem Wesen Freundschaft schliessen. Wenn es schon um etwas
Krankes geht, muss man mit seinem Symptom Freundschaft schliessen. Erst dann kann man etwas
ändern. Viele gehen gegen sich vor. Ich muss dann immer sagen, sie sind recht, so wie sie sind. Das ist
okay. Wir müssen lernen, damit umzugehen. Wenn man gegen sich arbeitet, kann man nicht mit sich
umgehen. Sich verleugnen ist die schlechteste Therapie.
[01:03:15.000] – Bemerkung 7
Die Frage ist beantwortet, Danke.
[01:03:19.160] – Bemerkung 8
Sie haben davon gesprochen, dass man in der Tendenz, um negative Auswirkungen im Leben zu
vermeiden, seine Talente oder Interessen lebt, was wahre Ich. Zu wissen, was das überhaupt ist? Das
muss man ja auch noch einmal merken.
[01:03:39.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist so, ja. Man muss merken, was Talente sind. Manchmal findet man das besser aus im
Zwiegespräch. In dem man sich mit einer Materie auseinandersetzt und findet, das mache ich noch
gerne. So findet man sich langsam. Am Samstag haben wir Collagen gemacht. Da haben alle Leute
haben an ihren Collagen gearbeitet und sehr konzentriert. Da haben einige gesagt, ich habe gemerkt,
dass ich hier viel kreativer bin, als ich dachte. Man muss sich mit etwas intensiv befassen. Da muss man
noch wissen, was man zu tun hat. Therapeuten, Coaches können einem helfen, dass man sich mit sich
befasst und seine Talente versucht auszugraben. Wenn es um junge Erwachsene geht, frage ich die
Eltern, was sie finden, dass zu diesem jungen Menschen passt, was passt zu ihrem Sohn, was hat er
gerne gemacht als Kind. Ich frage dann manchmal auch im Umfeld, was da das Talent hinten dran sein
könnte. Ich denke, wenn man es nicht recht weiss, aber findet, man ist doch irgendwie stecken geblieben,
lohnt es sich, zu jemandem zu gehen, um in einem Zwiegespräch zu sein und so vielleicht
herauszufinden. Macht das Sinn?
[01:05:16.700] – Bemerkung 8
Ja, das ist interessant.
[01:05:18.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sind soziale Wesen, wir brauchen Austausch, wir erkennen uns besser über den Dialog. Die
Auseinandersetzung hilft uns oft uns zu finden.
[01:05:35.170] – Bemerkung 9
Ich arbeite als Neuropsychologin. Wir haben in der Praxis häufig Erwachsene mit ADHS. Oft kommen die
Patienten aufgrund einer Depression zu uns. Dann kommt oft heraus, dass ein ADHS oder ADS dahinter
ist. Die Patienten haben meistens Antidepressiva. Ich habe herausgehört, dass Antidepressiva
stimulierend wirkt. Ist das schlecht für den Prozess dieser Selbstfindung, wenn die Patienten länger
Antidepressiva haben, um nicht immer wieder in eine Krise zu fallen?
[01:06:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich will nicht sagen schlecht. Die Antidepressiva werden viel diskutiert. Es gibt zwei Sorten. Eine Sorte
stimuliert eher und die andere, das sind die sogenannten Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer. Die
machen einem eher weniger sensibel, damit man nicht so leicht verletzt wird und dann nicht in der
Verletzung in das Loch fällt. Oft gibt man beides. Es gibt auch Kombinationsreparate. Ich sage einfach
immer, und das ist meine Überzeugung. Ich finde, man sollte nie Antidepressiva alleine geben. Man sollte
immer auch noch begleiten. Antidepressiva können einem aus einem Loch rausholen, sodass man dann
die Kraft hat, über die Bücher zu gehen, etwas zu verändern im Leben, neue Strategien zu lernen usw.
Sie können durchaus hilfreich sein. Aber wenn man nur Antidepressiva nimmt und sonst nichts macht,
dann beseitigt man natürlich die anderen Sachen nicht. Die falschen Strategien, die Anpassung, die
eigentlich nicht sein sollte. Macht das Sinn?
[01:07:38.140] – Bemerkung 9
Ja, das ist gut. Danke.
[01:07:39.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Doch, doch, man kann sie sehr wohl verwenden. Ich verschreibe auch, wenn die Leute wollen, sowieso.
Ich komme nicht als erstes mit den Antidepressiven. Aber ich enthalte sie nicht vor. Es kann manchmal
aus der Trägheit, der Verzweiflung, aus dem Tief heraushelfen, sodass man etwas verändern kann.
[01:08:02.890] – Bemerkung 9
Sie finden nicht, dass es längerfristig eine Lösung sein kann?
[01:08:08.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus meiner Sicht nicht, nein. Ich finde immer, dass man auch bei sich über die Bücher gehen kann und
schauen muss, was man verändern kann. Sonst ist es nur ein frisieren.
[01:08:12.390] – Bemerkung 10
Wir arbeiten zusammen und ich habe eine Anschlussfrage zu den Medikamenten. Das Beste ist, wenn
man einen Patienten mit ADHS, ADS hat, er nimmt Ritalin und es ist alles viel besser und es geht ihm
gut. Aber es gibt ja häufig auch die, die Ritalin oder Methylfenidat nehmen und es passiert nichts. Das ist
ein Frust. Was empfehlen sie dort, neben der Psychotherapie?
[01:08:45.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie gesagt, auch bei den ADHSlern und ADSlern schaue ich immer ihre Geschichte an. Je nachdem, wie
sie biologisch oder biochemisch, also wie sie abbauen usw. Teile reagieren nicht gut auf Stimulanzien, auf
Ritalin etc. Die sehr hyprigen werden oft zu hyprig, dass es sie fast verjagt. Dann sage ich Nein, nicht
nehmen. Die reagieren auch so auf die Antidepressive die stimulieren. Ich werde so. Bei ihnen sage ich
Nein, abstellen, nicht nehmen. Dann arbeite ich an ihrer Lebensgestaltung, Strukturierung, Umgang mit
den Eltern, Partner usw. Ich versuche saubere Arbeit im Beziehungssystem zu machen. Ich muss sie
immer dazu bringen, dass sie achtsam gegenüber sich selber sind. Dass sie sich nicht negieren und
unterdrücken. Ich muss ihnen das Recht geben, die Legitimation, dass sie für sich sorgen dürfen. Aus
ihrer Empathie und Sensibilität heraus haben sie ganz schnell die Tendenz sich anzupassen. Das raubt
Energie. Es geht bis zu einem gewissen Grad, aber macht sie nicht glücklich. Sie finden sich selber nicht.
Ich könnte sagen, ich habe eine Rolle von wohlwollenden Eltern. Ich hole die Pubertät mit ihnen nach.
Sie müssen sich mit mir auseinandersetzen können. Manchmal auch verrückt werden. Sie verstehen
überhaupt nichts. So wie man es mit einem Teenager hat. Aber wenn man das aushält und nicht von
ihnen geliebt werden muss, dann kommen sie weiter.
[01:10:57.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Das funktioniert nicht bei allen. Andere sagen auch, dass sie es nicht wollen, dass sie es alleine können
wollen. Dann sage ich, dass es okay ist. Ich zwinge niemandem ein Medikament auf, wenn er nicht will.
[01:11:21.780] – Bemerkung 11
Ich habe noch eine Folgenfrage zur Selbstfindung. Was kann ich gut, was macht mir Spass? Ich
beobachte bei mir häufig, dass ich mich sehr schnell für etwas begeistern kann. Meine Frage wäre, wie
kann ich herausfinden, was längerfristig etwas ist, was mir Freude macht und mich nicht nur kurzfristig
begeistert?
[01:12:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass es nicht nur ein Strohfeuer ist. Ich denke, da müssen sie sich immer wieder ein bisschen
zurückziehen, alleine sein, vielleicht ein bisschen träumen. Vielleicht hilft es auch, aufzuschreiben und
dann durchzuschauen, wofür man begeistert war und schauen ob man einen roten Faden findet. Man
lässt sich schnell in etwas reinziehen, wenn von aussen etwas kommt. Man kann sich für vieles
begeistern. Man muss sich immer wieder ein wenig zurücknehmen, um zu schauen, was ist eigentlich
mein Weg. Hier muss man sich immer wieder ein wenig zurücknehmen. Die einen machen Sport, andere
wandern, andere spielen ein Instrument. Man muss sich genügend Zeit nehmen, um sich selbst zu finden
um sich zu mitteln. Das wäre dann eben: Consulter votre Coeur. Da interpretiere ich Antoine de Saint-
Exupéry. Die Zeit muss man sich nehmen. Die gibt einem niemand. Es zwingt einem auch niemand dazu.
Die muss man sich immer wieder nehmen. Manchmal wird man krank. Wenn man etwas über die Schnur
gehauen hat. Dann wird man gezwungen zum Zeit haben. Da kann man sich dagegen wehren, dass man
nicht aktiv sein kann. Oder sagen, vielleicht brauche ich das jetzt. Dann diese Zeit, diese Muuse sich
nehmen. Macht das Sinn? Okay. Es ist keine verlorene Zeit, es ist gut investierte Zeit. In sich selbst Zeit
investieren ist sehr gut investierte Zeit. Nicht nur immer funktionieren, wie die anderen.
[01:13:47.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Weitere Fragen? Man braucht noch ein wenig Interaktion.
[01:14:00.000] – Bemerkung 12
Ich bin über den Begriff "Verliererkrankheit" gestolpert. Depression gleich Verliererkrankheit. Ich war der
Meinung wenn jemand depressiv ist, dann ist das eine Krankheit und dann kann er nichts dafür. Jetzt
kriege ich noch das Prädikat Verlierer.
[01:14:19.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Also Sie sagen, man ist an der Krankheit schuld. Früher hat man gesagt, man wird dann krank, wenn
man gesündigt hat. Gesündigt war gegen die Religion. Es ist ein religiöser, moralischer Begriff. Wir
Psychiater müssen amoralisch, nicht unmoralisch, amoralisch, also weg von jeder Moral beurteilen.
Darum verwende ich das Wort Schuld nicht. Aber ich weiss, man kann es so verstehen. Ich möchte
sagen, wenn ich sehe, dass meine Krankheit, meine Depression über dieses Muster entsteht, dann
bekomme ich eine Handhabung, um gegen meine Depression selbst etwas zu machen. Wenn ich gar
nicht weiss, wo sie her kommt, dann gehe ich zum Arzt und sage, dass ich depressiv bin und ein
Medikament brauche. Dann geht man in die Autowerkstatt und der Mechaniker soll etwas machen und
dann fährt das Auto wieder. Ich will die Leute eigentlich autorisieren, dass sie ihr Leben selbst verändern
können, sodass sie zufriedener sind und nicht einfach fremd verändern. Wenn ich einen Beinbruch habe
und ich brauche einen Schraube in meinen Knochen, das kann ich das nicht selbst machen. Dann muss
ich zur Chirurg. Aber bei psychiatrischen Leiden, wir Psychiater können eigentlich nichts nachhaltig
verändern bei einem Menschen, wenn nicht der Mensch auch selber mit sich, an sich mit uns arbeitet.
Also wir sind immer auf Kooperation des Gegenübers angewiesen. Von dort her sage ich, nein, man ist
nicht schuld, aber ich will den Menschen eine Handhabung geben, etwas in die Hand geben, dass sie
selber etwas verändern können und nicht einfach passiv als Opfer ihrem Leben und ihrem Partner und
der Gesellschaft und dem Vorgesetzten ausgeliefert sind.
[01:16:59.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eine unangenehme Situation. Ich weiss nicht, ob ich so ein wenig geantwortet habe. Ich sage
sogar bei der Schizophrenie, also ich bin auch spezialisiert auf Schizophrenie. Das ist die schwierigste
Krankheit in der Psychiatrie. Da sagen wir immer, wenn wir Ärzte nicht wissen, woher irgendetwas
kommt, sagen wir, dass es Endogen ist. Ich sage, nein, das kommt nicht einfach aus sich heraus. Das hat
auch immer eine lange Geschichte. Wenn ich den Patienten dann, wie soll ich sagen, Taktiken in die
Hand gebe, mit denen sie etwas verändern können, dann sind sie nicht so ausgeliefert. Auch bei den
Schizophrenen sage ich, wenn sie lernen, sich für sich selbst besser einzusetzen, sich auszudrücken und
nicht nur einfach gedanklich nach innen zu gehen, sondern aktiv ins Leben gehen, nach ihrem Stil, dann
brauchen sie weniger Medikamente. Das ist so. Sie brauchen noch immer Medikamente, um nicht zum
Dach raus zu fliegen, sie haben durchgedreht. Sie drehen durch, weil sie nur im Kopf immer drehen und
nichts in ihrem privaten Leben umsetzen. Ich will den Menschen autorisieren, dass er selbst etwas
ändern kann bei sich.
[01:18:30.000] – Bemerkung 13
Ich habe nur noch eine Ergänzung zu dieser Frage. Ich war am Samstag an diesem Workshop. Dort
haben Sie noch ein bisschen mehr über die Verliererkrankheit gesprochen. Dort habe ich es so
verstanden, dass wir einfach… Es heisst darum Verliererkrankheit, weil wir ständig in diesem Kampf, so
zu sein, wie die anderen uns haben wollen. Oder so zu sein, dass wir perfekt sind. Diesen Kampf
verlieren wir immer. Darum ist es die Verliererkrankheit.
[01:19:14.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist gut gesagt. Wenn wir uns immer anpassen wollen, so sein wollen wie die anderen sind,
Normotyp, oder ein anderer Typ, dann sind wir ständig Verlierer. Wenn wir uns aber erkennen und den
Mut haben zu uns zu stehen, dann sind wir keine Verlierer mehr. Dann sind wir am Anfang zum eigenen
Weg. Ja, Sie sagen das richtig. Das muss man zuerst erkennen. Man hat oft die Vorstellung, wie man
sein sollte, zu sehr internalisiert, dass man denkt, das sei man selber. Bis man sieht, dass man das gar
nicht ist, ich bin ja jemand anderes, das braucht eine gewisse Zeit. Eine gewisse Erkenntnis. Wie soll ich
sagen, da ist wieder das anhalten, eine gewisse Ruhe, dass man ein wenig schaut. Eine Reflexion.
[01:20:16.070] – Bemerkung 14
Also ich habe eigentlich mehr eine Ergänzung. Bei mir war es ganz anders. Also ich hatte ein Burnout auf
Grund von ADHS. Aber nicht, weil ich nicht zu mir selber gestanden bin, sondern weil ich daraus einen
Beruf gemacht habe, dass ich eben anders bin. Das so angekommen ist, dass man mich gepusht hat und
dass es immer weitergegangen ist. Also ich bin eigentlich in dem Sinn nicht zu mir selber gestanden bin,
im Sinn von Pause machen. Das hat jetzt, also ja, ich habe immer das Gefühl, das ist etwas, was man
auch nicht vergessen darf. Es kann auch in diese Richtung gehen. Man hat eine schnelle
Auffassungsgabe. Ich musste lernen, dass ich mich als Sprinter trainieren muss. Ich habe ein anderes
Training, wie jemand, der Marathon läuft. Ich habe das Gefühl, vielleicht war es schon die Gesellschaft,
aber man mich auf der Geschwindigkeit eines Sprinters zu einem Marathonläufer machen wollen. Oder
ich mich selbst. Es hat die ganze Zeit geheissen, man muss zu sich selber stehen und zu seiner
Individualität. Ich glaube, das ist sehr wichtig. Ich wurde in meiner Kindheit sicher unterstützt. Bei mir ging
es auf die andere Seite los. Man hat es gesehen, man konnte es machen und hat es weitergemacht.
[01:21:55.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sagen sie seien eigentlich ein Sprinter und man wollten aus ihnen einen Marathonläufer machen?
[01:22:02.880] – Bemerkung 14
Ich glaube, in der Gesellschaft ist man eher ein Marathonlaufer, weil man die Konstanz, die Disziplin hat.
Aber die ausserordentliche Leistung die man ab und zu bringen muss. Sprinter rennen Sekunden und
dann machen sie zwei Monate eine Pause. Der Marathon läuft der rennt und rennt und rennt in einer
ganz anderen Geschwindigkeit.
[01:22:26.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist so.
[01:22:26.740] – Bemerkung 14
Ich habe das Gefühl, dass die Gesellschaft das Gefühl hat, die Disziplin, das Durchhaltevermögen muss
man auch als Sprinter haben, im Training. Man darf nicht einen Marathon Trainer haben für den Sprinter,
denn das gibt dann ein Burnout.
[01:22:48.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist etwas ganz Wichtiges. Ich sage ADHSler haben oft viele und bestimmte Fähigkeiten und sie
lassen sich dann ausbeuten. Es ist nicht so, dass es gegen ihre Natur ist, aber es entspricht doch nicht
genau dem, was ihnen entsprochen hat. Das stimmt, man will aus einem Menschen Roboter machen,
die, die Tag und Nacht laufen. Wenn man jemanden ist, der über kurze Zeit eine Hochleistung bringen
kann, dann braucht er wieder Ruhe. Dann darf man nicht dauernd laufen lassen
[01:23:25.470] – Bemerkung 14
Ich glaube, das wird von der Gesellschaft oft, die Hochleistung wird dann für normal angeschaut. Ist es
eben nicht. Auch für einen Sprinter nicht. Normal ist es 10 Sekunden und danach macht er es nicht mehr.
Für mich war das eine Challenge. Ich musste lernen, dass ich ein Sprinter bin und dann zwei Monate
nichts machen darf. Sonst kommt es nicht gut.
[01:23:54.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, man muss seinen Typ, und ich sage auch seine Grenzen kennenlernen. Man wurde nicht unbedingt
zu dem anderen gedrückt, aber es hat einem so mitgezogen. Der Trainer hat einen, wie Sie gesagt
haben, falsch trainiert. Da muss man auch wieder seinen Typen erkennen und zu dem stehen und sagen,
nein, das kann ich nicht oder das ist nicht gut für mich. Ich muss das machen.
[01:24:23.340] – Bemerkung 14
Aber ich glaube, der Trainer kann man auch selbst sein.
[01:24:25.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, klar. Sie haben recht. Ich denke, es gibt noch viele ADHSler, die dann mit einem Burnout kommen.
Sie haben an sich eine Arbeit gemacht, die sie gerne machen, haben dort viel geleistet und immer noch
etwas dazu, und auf einmal haben sie ein Burnout. Da müssen sie auch wieder lernen sich zu
strukturieren, Grenzen setzen, sagen "Nein, jetzt reicht es, so ist es genug für mich". So wie man sich
nicht überessen darf. Man muss sein Mass finden und das ist nicht immer so einfach. Manchmal erst über
ein Burnout.
[01:25:09.770] – Bemerkung 15
Eigentlich ein sprintender Marathonläufer. Ein Marathonräufer, der 40 Kilometer sprintet.
[01:25:19.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Das geht nicht. Das führt zu einer Ausbeutung.
[01:25:26.750] – Bemerkung 16
Das ist ein interessanter Aspekt, den sie eingebracht haben. Meine Ärztin hat mir erst kürzlich gesagt, in
den 30 Jahren, in denen sie als Psychiaterin arbeitet, wir sagen zwar in der Theorie, dass grundsätzlich
jeder ein Burnout haben kann, aber jeder, der sie in ihrer 40jährigen Karriere getroffen hat, sie hat sich
spezialisiert auf Autismus und ADHS, jeder, der zu ihr gekommen ist und ein Burnout hatte, ist ein
ADHSler. Ist es dann nicht vielleicht auch so, dass man sagen kann, ganz viele ADHSler haben gar nicht
eine Depression, sondern vielmehr ein Burnout. Einfach aus der Überforderung vom ständig neu
begeistert zu sein, die fehlende Spannung, die man halten kann, dass dann alles zu viel ist und man in
sich zusammenbricht, wie implodiert und einfach nur noch da ist und eigentlich von Morgen bis abends
im Bett liegt und keine Ahnung hat, wer und was genau ist und was man macht.
[01:26:20.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, die ADHDsler unterliegen eher der Gefahr, in ein Burnout hineinzulaufen. Für mich ist Burnout
und Depression das Gleiche. Vom Hirn her ist es derselbe Zustand. Man hat einfach wieder einen neuen
Namen gefunden. Beim Burnout bringt man es in den Zusammenhang mit "Ich habe zu viel gearbeitet, zu
viel gemacht, ich habe keine Pause mehr gemacht." Man bringt es mit der Arbeit oder seiner
Lebenssituation in den Zusammenhang. Wenn man Depression sagt, bringt man es oft mit nichts in den
Zusammenhang. Aber bei allen Depressiven sehe ich vorne dran, wie sie sich ausgebeutet haben.
[01:27:04.480] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHSler mit der Empathie, mit der Leistungsfähigkeit, mit der Sensitivität laufen eher die Gefahr, in ein
Burnout zu kommen. Es gibt Studien, bei denen man verschiedene psychiatrische Diagnosen untersucht
hat und Genloki angeschaut hat und dann ist das ADHS dabei. ADHS, Schizophrenie, bipolare Störung,
schwere Depression haben alle einen ähnlichen veränderten Genlokus. Ich sage es ist immer das ADHS.
Das zeigt schon, dass ADHSler eher in eine Depression hineinlaufen können. Eben wegen ihren
Eigenschaften. Darum müssen sie lernen, Grenzen zu ziehen, für sich zu sorgen, Anspannund und
Entspannung und nicht nur in der Spannung bleiben.
[01:28:09.110] – Bemerkung 17
Meine Frage basiert auf der Lebensfindung. Ich habe gestern eine Dokumentation geschaut, zur grossen
Depression, zur Finanzkrise der 1920er Jahre. In dieser Szene zeigte sie die Geschichte eines
Schulpolierers, der die Schuhe der Banker an der Börse polierte. Er hat im Gespräch so viel von diesen
Bankern gelernt, dass er letztendlich auch ein sehr erfolgreicher Börsenbanker wurde. ad dachte ich mir,
wow, das war ja früher so möglich, unglaublich, dass es früher so viele Möglichkeiten gab, so queere
Wege zu machen, die man heute eigentlich gar nicht mehr so machen kann. Nach solchen Sachen
suchen wir ja auch sehr oft. Ich merke, wenn man die heutige Welt anschaut im Vergleich zur Welt von
100 Jahren oder was auch immer, es ist alles viel mehr strukturiert. Die Wege sind schon vorgegeben, sie
sind einbetoniert. Es gibt zwar viel, viel mehr Wege, weil irgendwie hat man das Gefühl hat, für alle
müsste man einen speziellen Weg finden. Aber der ist immer vorgegeben. Es hat gar keine Spannweite,
um selbst etwas zu entdecken, um sich selbst etwas zusammen zu basteln. Man braucht immer ein
Papier für alles Mögliche. Jetzt sieht es so aus, als ob wir zwar so viele Informationen haben, alles ist
klar, wir haben das Internet, wir können alles Mögliche sehen, wir können praktisch alle möglichen Wege
anschauen. Aber das nimmt eben unseren Entdeckungsdrang weg, uns selber etwas zu basteln. Das ist
wie nicht mehr so wirklich möglich. Meine Frage ist, wie geht man damit um? Ist das so ein grosses
Problem?
[01:29:54.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir wieder den ADHSler anschauen, er/sie hat eine fehlende Filterfunktion. Von dort her ist die
heutige Welt noch gefährlich, also schwierig für den ADHSler. Man kann alles reinnehmen und überall
gibt es Wege. Man ist dann so verwirrt, dass man gar nicht mehr weiss, wo man durchgehen soll. Sie
sagen, alle Wege seien vorgebahnt. Es gibt aber immer noch Möglichkeiten, etwas Neues zu machen.
Einen kreativen, neuen Weg gehen. Da muss man sich zurücknehmen und sich selbst versässigen.
Philosophieren, reinschauen und dann kommen ja immer wieder neue Sachen heraus. Scham heisst ja,
man grenzt sich etwas ab und versucht sich innerhalb dieses Bereiches zu verändern. Es ist schwieriger,
man ist so leicht abgelenkt von all dem. Es ist nicht so, dass schon alles erfunden ist. Man kann sicher
noch viel Neues erfinden. Es ist schon viel da. Aber man kann sich auf etwas fokussieren und dann dort
noch mehr herausfinden. Aber man darf sich nicht dauernd ablenken lassen. In diesem Sinne sage ich
dann auch immer, man kann nicht alles. Man muss sich fokussieren. Es gibt viele Dinge, die einen am
meisten anziehen. Aber es ist viel Ablenkung da. Man meint, es sei schon alles da. Gerade mit dem
Internet. Wenn die Leute ins Internet gehen, wird rumgesurft und am Schluss landet man irgendwo. Da
muss man auch wieder einmal weg und schauen, an was ich eigentlich arbeiten möchte. Was interessiert
mich?
[01:32:00.340] – Bemerkung 17
Ich meine nicht, dass es nicht mehr so viele Dinge zum Erfinden gibt. Das Problem ist, dass es nicht so
viele Wege gibt, wo man sein Leben selbst erfinden kann. Das ist eben die Herausforderung. Es ist viel
schwieriger heutzutage, einen queeren Weg zu nehmen. Ganz viele queere Wege sind heute verboten.
Man lernt die und die Person in der Geschichte hat das so und so gemacht. Heute geht das überhaupt
nicht. Das geht ja gar nicht, der hat ja gar nicht das Richtige studiert. Wieso wird jetzt der Ingenieur zum
Manager und bla bla bla. Das macht es schwierig. Das ist der Hauptpunkt.
[01:32:35.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum sagen viele ADHSler, ich will ein eigenes Geschäft. Ich will meinen eigenen Betrieb. Dann kann
ich den Weg gehen, der für mich stimmt. Wenn man in eine grosse Firma geht, ist vieles vorgespurt. Das
ist so. Da muss wissen, verdient man vielleicht eher ein bisschen weniger, bastelt etwas selber. Wenn
man Glück hat, wird man noch reicher als die anderen. Wenn nicht, dann ist man vielleicht nur zufrieden,
aber nicht so reich. Also in diesen grossen Firmen ist man schon sehr eingespurt. Aber auch dort gibt es
wieder Momente, wo man sagen kann: Nein, ich will es nicht so.
[01:33:17.960] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Medizin ist es auch so, man muss immer weitergehen und rauf und weiss ich nicht was. Dann
muss man den Ärzten auch sagen, dass sie auch noch für sich selber und für ihre Familie schauen. Dass
man sagt, nein, das kann ich nicht verantworten. Die Firma geht nicht bankrott, wenn sie nicht noch das
Bisschen mehr verdient oder mehr vorwärtskommt. Da muss man sich dann auch wieder behaupten. Ich
gehe so weit, dass ich sage, nicht über meine Leiche. Ich kann es nicht verantworten, jetzt das noch zu
machen. Das ist verantwortungslos vom menschlichen Standpunkt her. Ich wünsche Ihnen nur Mut, zum
Mut raten und zu Zivilcourage. Wenn man es anständig sagt, korrekt, ohne dass man seinen Chef oben
runterholt, dann wird man in der Regel auch gehört.
[01:34:32.270] – Bemerkung 18
Ich habe noch eine Frage zu dem, worüber wir gerade gesprochen haben. Es ist schwierig. Wir ADHSler
kommen manchmal nicht so klar mit dieser Struktur einer grösseren Firma und finden, dass wir etwas
eigenes machen müssen. Ich bin zum Beispiel jemand, der immer wieder eine Idee hat und manchmal
das Gefühl hat, ob man dem nachgehen soll oder nicht. Ich finde es manchmal schwierig, weil man dann
so schwenkt zwischen etwas eigenes zu machen und sich zu verwirklichen, aber gleichzeitig auch man
möchte ja eine gewisse Sicherheit haben. Die Wohnung muss gezahlt sein und in welche Richtung man
gehen soll, wie findet man irgendwie heraus, welche Richtung man einschlagen soll, auch das Risiko
einzuschätzen, finde ich schwierig.
[01:35:38.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das ist schwierig. Ich denke, das ist immer wieder ein Abwägen. Es kommt darauf an, was für eine
Vorgesetzte sie haben. Was verträgt diese an Eigenständigkeit von ihnen, wenn sie Untergebene sind?
Was verträgt die Firma, was geht in diesem System? Da sind sie dann zwischen sich durchsetzen als
Individuum in dieser Firma und sich der Kultur anzupassen. Wenn die Kultur dieser Firma ihnen total
gegen den Strich geht, dann ist es zum Überlegen, muss ich eine Kultur finden, die mir mehr entspricht,
gibt es die überhaupt? Das weiss ich auch nicht. Gewisse machen dann selber etwas. Es ist immer ein
Abwägen. Es ist nicht einfach. Man muss das immer analysieren. Dann sage ich dann auch meine
Meinung. Ich sehe es jetzt so, aber die betreffende Person muss immer noch selber entscheiden und
dann natürlich auch die Verantwortung tragen. Das ist ein Abwägen. Schwierig. Balanceakt.
[01:36:50.320] – Bemerkung 19
Als Tipp von jemandem der ein paar Jahre Berufserfahrung hat. Es ist nicht so, dass die Wege
vorgegeben sind. Man kann als ADHSler auch mit einem Querdenken oder mit gewissen Qualitäten, die
man hat, durchaus beitragen. Es wird auch geschätzt, wenn man out of the box denkt. Es ist nicht so,
dass man sich von der Herde abtrennen muss und völlig individualistisch sein und etwas eigene machen
oder sich an einer grossen Firma unterzuordnen. In grösseren Kontexten kann man vieles "out of the box"
denken. das ist eine Qualität, die sehr typisch ist. Darum will ich zum Mut machen, dass diese Qualitäten
durchaus geschätzt werden können. Wenn man es, wie sie schon gesagt haben, lernt mit ihnen
umzugehen und sie auch als Stärke einzusetzen. Ich bezweifle, dass es vor 100 Jahren einfacher
gewesen ist, plötzlich an der Börse zu sein. Ich glaube, die Welt ist immer noch recht komplex. Im
Gegenteil, wir haben grosse Umwälzungen. Es braucht neue Ideen, wie man Dinge löst. Wir stehen vor
grossen Problemen und Forderungen. Ich glaube Kreativität braucht es immer noch. Das zu anerkennen
und Menschen mit mit ADHS, Querdenken können vieles beitragen. Einfach auch zum Mut machen.
[01:38:55.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Das finde ich ein sehr schönes Plädoyer zum Schluss. Das können wir nur unterstützen. Sie haben
absolut recht. Es gibt genügend Platz für das Querdenken. Man muss es einfach gut einbringen, nicht
verzagen und immer wieder einbringen. Es gibt einen, der ist jetzt verstorben. Edward de Bono, “Six
Thinking Hats”. Er hat das Denken der verschiedenen Hüte. Da gehört das Querdenken, das kreative
Denken dazu. Die Menschheit braucht das, es bringt die Menschheit weiter. Von dort her ist es toll, dass
sie für das eintreten. Okay, ich hoffe, Sie können etwas davon mitnehmen. Ich wünsche Ihnen viel Mut,
viel Geduld mit sich selber und auch mit Ihrem Umfeld, dass Sie da sich weiterentwickeln, lernen können
und die anderen auch von Ihnen lernen.