Die Rolle der Interaktion in der Entwicklung von Jugendlichen

Die Interaktion spielt eine zentrale Rolle in der Entwicklung von Jugendlichen, wie Dr.med. Ursula Davatz in ihren Ausführungen betont. Sie hebt hervor, dass der Mensch ein soziales Wesen ist und immer in Interaktion mit seinem Umfeld steht. Fehlerhafte Interaktionen können zu Problemen in der Entwicklung führen, während positive Interaktionen die Persönlichkeitsbildung und das Wohlbefinden fördern.

Interaktionsfehler als Ursache für Probleme:

Dr.med. Ursula Davatz sieht in gestörten Interaktionen eine der Hauptursachen für die Entstehung von psychischen Problemen bei Jugendlichen. Sie weist darauf hin, dass Jugendliche, die in ihrer Interaktion mit dem Umfeld Schwierigkeiten haben, oft Symptome wie Motivationslosigkeit, Rückzug oder extremes Verhalten zeigen.

Beispiele für Interaktionsfehler:

  • Mangelnde Wahrnehmung und Wertschätzung: Jugendliche, die sich nicht gesehen und wertgeschätzt fühlen, können sich zurückziehen oder rebellieren.
  • Überbehütung und Kontrolle: Helikoptermütter, die ihre Kinder ständig kontrollieren und ihnen keine Freiräume lassen, verhindern, dass die Jugendlichen Selbstständigkeit und Eigenverantwortung entwickeln.
  • Defizitorientierung und Kritik: Ein Fokus auf Fehler und Schwächen demotiviert Jugendliche und kann ihr Selbstwertgefühl schädigen.

Bedeutung positiver Interaktionen:

Positive Interaktionen, die auf Wertschätzung, Empathie und Respekt basieren, sind hingegen entscheidend für eine gesunde Entwicklung. Dr. Davatz betont, dass Jugendliche klare und authentische Bezugspersonen brauchen, die ihnen auf Augenhöhe begegnen und sie in ihrer Individualität respektieren.

Konkrete Handlungsempfehlungen:

Dr.med. Ursula Davatz gibt konkrete Handlungsempfehlungen, wie man die Interaktion mit Jugendlichen verbessern kann:

  • Wahrnehmung und Empathie: Sich Zeit nehmen, den Jugendlichen wirklich kennenzulernen und zu verstehen, was ihn bewegt.
  • Bedürfnisorientierte Kommunikation: Die Bedürfnisse des Jugendlichen erkennen und ernst nehmen.
  • Kooperation statt Gehorsam: Den Jugendlichen in Entscheidungen einbeziehen und ihm die Möglichkeit geben, sich aktiv an der Lösung von Problemen zu beteiligen.
  • Authentizität und Klarheit: Ehrlich und aufrichtig mit dem Jugendlichen kommunizieren und eigene Bedürfnisse klar und respektvoll äußern.
  • Stärkung des Selbstwertgefühls: Den Jugendlichen in seinen Stärken und Ressourcen bestärken.
  • Fokus auf die „Herzensebene“: Eine emotionale Verbindung zum Jugendlichen aufbauen und ihm zeigen, dass man ihn mag und respektiert.

Bedeutung der Gruppendynamik:

Dr.med. Ursula Davatz weist außerdem auf die Bedeutung der Gruppendynamik für die Interaktion von Jugendlichen hin. Sie betont, dass insbesondere in der Schule ein Bewusstsein für die sozialen Prozesse innerhalb der Gruppe geschaffen werden muss, um Mobbing und Ausgrenzung zu verhindern. Eine positive Gruppendynamik, die von Empathie und gleichem Redeanteil geprägt ist, fördert hingegen die Zusammenarbeit und das Wohlbefinden aller.

Fazit:

Die Interaktion mit Bezugspersonen spielt eine entscheidende Rolle in der Entwicklung von Jugendlichen. Positive Interaktionen, die auf Wertschätzung, Empathie und Respekt basieren, stärken das Selbstwertgefühl, fördern die soziale Kompetenz und tragen zu einer gesunden Persönlichkeitsentwicklung bei.

https://ganglion.ch/pdf/Jugend.m4a.pdf

Negative Einflüsse moderner Medien auf Jugendliche

Dr.med. Ursula Davatz beleuchtet in ihren Ausführungen verschiedene negative Einflüsse der heutigen Medien, insbesondere auf junge Menschen in der Pubertät:

  • Ablenkung von der Persönlichkeitsentwicklung: Die ständige Verfügbarkeit von Unterhaltung und Ablenkung im Internet führt dazu, dass sich Jugendliche weniger mit sich selbst auseinandersetzen. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Person ist aber essentiell für die Persönlichkeitsbildung, die in der Pubertät stattfindet.
  • Suchtpotenzial: Dr. Davatz vergleicht die heutige Medienlandschaft mit „Fast Food“. Die Angebote sind darauf ausgelegt, die Aufmerksamkeit zu fesseln und schnelle Belohnung zu versprechen. Das birgt die Gefahr der Internetsucht und kann zu einem Teufelskreis führen, in dem Jugendliche immer mehr Zeit online verbringen und immer weniger Interesse an der realen Welt haben.
  • Verweichlichung und mangelnde Vorbereitung auf die Arbeitswelt: Durch die Überbehütung durch „Helikoptermütter“ und die ständige Verfügbarkeit von Unterhaltung werden Jugendliche „verwöhnt und verweichlicht“. Dr. Davatz sieht darin einen grossen Gegensatz zur kompetitiven Arbeitswelt, auf die viele Jugendliche nur unzureichend vorbereitet sind.
  • Abstumpfung der Reizschwelle: Die ständige Konfrontation mit sensationellen und oft gewaltvollen Inhalten führt zu einer Abstumpfung der Reizschwelle. Jugendliche finden „normale“ Dinge schnell langweilig und suchen immer extremere Reize.
  • Oberflächlichkeit und Konsumorientierung: Die Medienwelt ist stark von Werbung und Konsum geprägt. Jugendliche werden ständig mit Botschaften konfrontiert, die ihnen suggerieren, dass Glück und Erfolg durch Konsum erreicht werden können. Dies kann zu einer oberflächlichen Lebenseinstellung und einem Mangel an tiefergehenden Interessen führen.
  • Schwächung sozialer Kompetenzen: Die intensive Mediennutzung kann zu einer Vernachlässigung sozialer Kontakte und einer Schwächung sozialer Kompetenzen führen. Jugendliche, die viel Zeit online verbringen, haben oft Schwierigkeiten, im realen Leben Beziehungen aufzubauen und zu pflegen.

Dr.med. Ursula Davatz sieht in der Kommerzialisierung der Medien und dem Fokus auf schnelle Reize und Belohnung eine grosse Gefahr für die Entwicklung von Jugendlichen. Sie appelliert an Eltern und Lehrpersonen, den Jugendlichen Alternativen aufzuzeigen und ihnen zu helfen, einen gesunden Umgang mit den Medien zu entwickeln.

Es ist wichtig zu erwähnen, dass Dr.med. Ursula Davatz nicht alle Medien per se verteufelt. Sie räumt ein, dass digitale Medien auch positive Seiten haben können, zum Beispiel im Bereich der Informationsbeschaffung und Kommunikation. Entscheidend ist aus ihrer Sicht, dass Jugendliche lernen, Medien reflektiert und bewusst zu nutzen und sich nicht von ihnen beherrschen zu lassen.

https://ganglion.ch/pdf/Jugend.m4a.pdf

ADHS und ADS bei Jugendlichen und Erwachsenen

ADHS und ADS bei Jugendlichen und Erwachsenen, Stiftung Wendepunkt.

Transkription

Transkript

Dr.med. Ursula Davatz
13.2.2022
"ADHS und ADS bei Jugendlichen und Erwachsenen. Wo sind Gemeinsamkeiten, wo sind
Unterschiede?"
Audio

[00:00:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielen Dank, ich möchte Sie auch alle ganz herzlich begrüssen zum Thema: "ADHS und ADS bei
Jugendlichen und Erwachsenen. Wo sind Gemeinsamkeiten, wo sind Unterschiede?"

[00:00:11.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Als erstes, ich befasse mich schon seit über 40 Jahren mit ADHS und ihren Auswirkungen innerhalb von
Familiensystemen. Ich beobachte das immer und ich sehe mich als Expertin auf diesem Gebiet. Ich sage
ganz klar, ADS und ADHS sind Genotypen, d.h. Genetisch bestimmte Neurotypen, d.h. die Gene
beeinflussen das Hirn, sie haben eine Auswirkung auf das, wie das Hirn funktioniert. Schlussendlich
führen dann die Neurotypen zu Persönlichkeitstypen. Zu einer Entwicklung, zu einer gesunden
Entwicklung oder auch zu Krankheiten. Ich sage dann immer, ADHS ist keine Krankheit, ich sage nicht
noch keine Krankheit. 25% von Menschen mit ADHS nehmen eine normale Entwicklung und das hängt
von ihrem Umfeld ab. 75% entwickeln eine psychische Krankheit. Wenn man ADHS im erwachsenen
Alter untersucht, dann haben 75% eine psychiatrische Krankheit. Die Psychiatrie spricht von
Komorbidität, also von zwei Störungen. Ich sage nein, es ist keine Komorbidität, es sind Folgestörungen.
Aus den Neurotypen des ADHS entwickeln sich Folgekrankheiten. Es entwickeln sich psychiatrische
Folgekrankheiten, aber es können sich auch somatische Folgekrankheiten entwickeln. Auf die gehen wir
heute nicht so ein. Aber ich schaue eher die psychiatrischen Folgekrankheiten an. Damit wir verstehen,
wie sich die Folgekrankheiten daraus entwickeln, sage ich, muss man ein paar wichtige Eigenschaften
von ADHS und ADS im Auge behalten.

[00:02:23.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Hauptmerkmal von ADHS und ADS sind eine breite Aufmerksamkeit. Das A steht für
Aufmerksamkeitsstörung. Ich sage dem nicht Störung, sondern breite Aufmerksamkeit. Das heisst
ADHSler und ADSler nehmen alles mögliche wahr, Sachen die wir nicht wahr nehmen. Die fokussieren
nicht so schnell, vor allen Dingen, wenn es nicht interessant ist, dann haben sie eine breite
Aufmerksamkeit. Wenn etwas Sie interessiert, dann können Sie auch sehr hyperfokussiert sein. Aber da
die Schule oft nicht interessant ist für sie und viele andere Sachen auch nicht interessant sind, dann
schweifen sie quasi immer umher, wo könnte es etwas Interessantes haben? Also in dem Sinn haben sie
einen breiten Sucherinstinkt. Für Jäger ist das an sich gut, denn die schauen dann immer herum, wo das
Tier aus dem Wald kommt. Dort nützt es ja nichts, wenn man nur an einem Ort schaut. Für unser
Durchschnitts-Bildungssystem ist es nicht so interessant. Denn dann passen sie halt nicht auf, wenn der
Lehrer etwas langweiliges erzählt und sie sind überall nur nicht beim Unterricht. Sie schauen zum Fenster
aus oder sie träumen. Sie sind weg. Ich nenne es bewusst positiv. Ich sage eine breite Aufmerksamkeit
und nicht eine Aufmerksamkeitsstörung. Aber wenn man natürlich fokussierte Aufmerksamkeit will, dann

ist es eine Störung. Wenn man es nur als Aufmerksamkeit ansieht, kann man sagen, dass es eine breite
Aufmerksamkeit ist.

[00:04:05.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Des Weiteren haben sie eine hohe Sensitivität, also sie sind empfindlich. Man kann dann auch sagen, sie
sind leicht verletzlich. Also wenn ihnen Sachen widerfahren, die sie verletzen, also die sie nicht gerne
haben, wo sie gekränkt werden, dann reagieren sie stärker. Also eine starke emotionale Reaktivität. Auch
diese hohe Empfindlichkeit kann man wieder in etwas Positives übersetzen. Sie haben eine sehr
differenzierte Wahrnehmung. Wenn Sie etwas anschauen, nehmen sie das sehr differenziert wahr. Das
kann auditiv sein, also in den Ohren sein, das kann visuell sein, das kann tastsinnmässig sein und das
kann natürlich auch emotional sein. Wenn ich Eltern von ADHS Kindern frage, also es gibt noch andere
Geschwisterte, wenn ich frage, wer von ihren Kindern merkt zuerst, wenn es ihnen nicht gut geht, sagen
sie immer das ADHS Kind. Denn die haben diese Empfindlichkeit. Dadurch haben sie auch eine starke
Empathie. Wenn sie zu viele Reize bekommen, dann passiert ein System Overload. Dann machen sie zu
und können nichts mehr aufnehmen. Aus den ADSler entwickeln sich auch autistische Zustandsbilder.
Denen sagt man dann nach, sie merken dann gar nichts mehr. Sie haben keine Empathie, aber das
stimmt nicht. Sie haben eine Hyperempathie, aber die kann überladen oder überfordert werden, sodass
Sie zumachen und dann gar nichts mehr wahrnehmen.

[00:05:58.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben emotional eine starke Reaktivität. Das heisst, weil Sie so empfindlich sind, weil Sie so viel
wahrnehmen, gibt es schnell eine Verletzung, gibt es schnell ein System Overload. Dann reagieren
ADHSler mit aggressiver Abwehr. Die ADSler reagieren mit Rückzug nach innen, also Flucht nach innen.
Die weichen dann aus, lassen den Laden runter und man weiss nicht mehr wo sie sind. Am Augenkontakt
sieht man, jetzt sind sie weg.

[00:06:42.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ADHSler sind motorisch stark, sie reagieren mit Aggression, Dreinschlagen, Schreien, Schimpfen,
Tobsuchtsanfällen, was auch immer. Das ist eine aggressive Abwehr. Sie sind nicht eigentlich aggressiv,
von Natur aus. Sie können die liebsten, empfindsamsten Menschen sein. Aber wenn sie verletzt werden,
dann schützen sie sich aggressiv. In dem Sinne sage ich, Angriff ist die beste Verteidigung. Das sagt man
ja und das ist das, was sie machen.

[00:07:22.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt wenn sie fragen, was ist der Unterschied zwischen Erwachsenen mit ADHS und Kinder,
Jugendlichen mit ADHS. Da es ja genetisch ist, bleibt an sich die Konstellation das ganze Leben lang.
Früher hat man gesagt, ADHS wächst sich aus. Man hat gesagt, das ist eine mangelnde Reifung oder
verspätete Reifung der Isolierschicht der Nerven und des Hirns. Das waren so mechanische
Vorstellungen. Heutzutage weiss man, es wächst sich nicht aus. Es ist ja genetisch bestimmt. Das Hirn
bleibt so, wie es ist. Aber was sich ändert, ein kleines Kind kann seinen Impuls weniger gut steuern als
ein erwachsener Mensch. Bei allen, ob ADHS oder nicht. In diesem Sinne sagt man, ADHSler lernen ihre
Impulse im Erwachsenenalter besser zu steuern. In gängiger Sprache sagt man, sie lernen mit ihrem

Neurotyp, mit ihren speziellen Eigenschaften, besser umgehen. Je besser sie es lernen, umso weniger
stossen sie an. In der Kindheit, wo sie es noch nicht so gut haben, stossen sie überall an, weil sie schnell
dreinschwatzen, dreinschreien, schimpfen, in der Schule den Clown spielen, etc.

[00:08:49.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Erwachsene Menschen, das geht bei allen so, können ihre Impulse und Gefühle besser kontrollieren und
somit können auch ADHSler das besser. Es kostet sie eine relativ grosse Anstrengung. Jetzt, ich sage, es
hängt vom erzieherischen Umfeld ab, ob die 25% sich zu gesunden, zum Teil hervorragenden
Persönlichkeiten entwickeln. Also unter vielen berühmten Persönlichkeiten gibt es ADHSler, Musiker,
Forscher, Politiker, Ärzte usw. Wenn das Umfeld mit diesen Eigenschaften, mit dieser Sensitivität, mit
dieser Aggressivität, mit dieser Impulsivität gut umgehen kann, also gut abfangen kann, also tolerant ist,
aber doch gewisse Strukturen hat, dann können sich diese eben zu interessanten Persönlichkeiten
entwickeln und viel leisten.

[00:09:57.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Umfeld aber mit ihren Eigenschaften nicht gut umgehen kann, dann kann es verschiedene
Krankheiten daraus ergeben. Ein gesundes Umfeld für ADHSler wäre ein strukturiertes, aber tolerantes
Umfeld, das gewisse Flexibilität hat und auf das Wesen der Kinder eingehen kann.

[00:10:30.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage dann immer man muss persönlichkeitsgerecht die Kinder erziehen. Ich übersetze es immer in
die Tierwelt. Man sagt artgerechte Tierhaltung. Man nennt es artgerechte Dressur. Eine Kuh behandelt
man anders als ein Araberpferd. Es sind beides Säugetiere, aber sie haben eine andere neurologische
Struktur.

[00:10:48.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Umfeld zu rigid, zu streng und bestrafend ist, dann laufen die ADHSler, eher die ADHSler
laufen natürlich ständig in eine Wand hinein. Bei den Jungen gibt es dann Aggressionen,
Tobsuchtsanfälle, Zerstörung, man sagt dann zuleide werken. Aber es geht eigentlich immer darum, dass
sie sich wehren. Sie wehren sich, sie schützen ihre hohe Sensitivität. Wenn das in eine Krankheit
hineinführt, in eine psychiatrische Diagnose, dann gibt es eine dysoziale, antisoziale
Persönlichkeitsstörung. Das heisst, sie landen im Gefängnis, also delinquent. Dort werden sie dann
wieder mit einer Bestrafung erzogen, die aus meiner Sicht überhaupt nicht funktioniert. Das Problem ist,
man schaut bei ihnen nur das Endresultat an, also ihr aggressives Verhalten. Man schaut aber nicht ihre
Verletzung an. In diesem Sinne müsste man eigentlich immer zuerst die Verletzung anschauen und dann
ihnen die Sozialkompetenz beibringen. Wenn man die Verletzung aber nicht anschaut und von ihnen
gleich verlangt, dass sie sich korrekt benehmen und nicht so verletzt sind, dann fühlen sie sich nicht
verstanden, machen nicht mit und es funktioniert alles nicht.

[00:12:39.480] – Dr.med. Ursula Davatz

Man sagt, 30% der Strafgefangenen haben ADHS. Ich würde behaupten, es ist mehr. Aber es gibt, ich
weiss gerade keine anderen Statistiken, aber sicher hat es in den Gefängnissen vermehrt ADHSler,
Männer.

[00:13:02.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie sich zusammennehmen und trotzdem versuchen, ihr Temperament unter Kontrolle zu behalten,
wenn sie sehr streng und gut und brav erzogen sind, dann können sie in Zwangsverhalten hinein gehen.
Sie wollen nicht anecken, sie wollen es ja richtig machen, sie wollen es ihrer Bezugsperson recht
machen. Jungs wie Mädchen können dann Zwangsstörungen entwickeln. Mädchen wahrscheinlich noch
mehr, aber auch Männer können dann Zwangsstörungen entwickeln. Der Mensch ist ein soziales Wesen,
er will ja eigentlich gut zurechtkommen mit seinen sozialen Gefährten, mit seiner Gruppe. Sie müssen
sich viel mehr sich anstrengen, um die Anpassung hinzubringen. Da hört man dann manchmal, dass
Kinder in der Schule sich gut benehmen und zu Hause, wenn sie nach Hause kommen, sind sie so
erschöpft, dass alles explodiert und sie nicht mehr zum haben sind. Es kann aber auch umgekehrt sein,
dass sie zu Hause brav sind, weil sie dort sehr bestrafend und streng erzogen werden. Dann verhalten
sie sich zu Hause vielleicht einigermassen korrekt. Ausserhalb, also in der Schule und auf dem
Pausenplatz, kommt dann die ganze Aggression heraus.

[00:14:32.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich weiss nicht, ob sie das noch miterlebt haben, unter Rebellen oder der Bader Meinhof Gruppe, also die
dann einen gefangen und umgebracht haben, wenn man bei denen in ihren Haushalt hineingeschaut hat,
also in das Familienumfeld, sind sie eher streng erzogen worden. Die Aggression wurde unterdrückt. Zum
Teil sind es Pfarrerkinder, zum Teil Lehrerkinder. Also zu Hause haben sich angepasst und im politischen
Feld haben sie dann agiert. Ich könnte jetzt eine Bemerkung dazu machen oder ich mache sie sogar.
Jetzt zusammen mit dem Covid Virus gibt es ja die, die folgen und sich impfen lassen und auch Masken
anziehen. Sie gehören zu denen, und solche, die dagegen rebellieren. Das sind häufig spät
Pubertierende. Die haben jetzt Chancen, zu rebellieren. Was ja interessant ist, die Kinder, die zu Hause
sehr streng erzogen worden sind, die sich unterordnen, brav sind, anpassen, die rebellieren dann erst,
wenn sie ein Kollektiv um sich herum haben. So entstehen die politischen Rebellierer.

[00:15:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Man spricht auch von dem, der den Präsidenten in Israel umgebracht hat. Er kam aus einem sehr
strengen, orthodoxen Milieu, war ein braver Student, der alles wunderbar gemacht hat. Er hat sich dann
der politischen Gruppe angeschlossen und den Präsidenten umgebracht. Das ist das, was ich beobachte.

[00:16:15.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort her ist es nicht hilfreich, wenn man das Temperament, die leichte Verletzlichkeit und die
aggressive Abwehr in der Erziehung allzu streng behandelt. Man muss ihnen einen gewissen Freiraum
lassen und man muss ihnen eher helfen, ihre Verletzungen zu sagen, die zum Ausdruck bringen und
dann ihre Bedürfnisse sagen. Aber wenn man ihr aggressives Verteidigungsverhalten gerade bestraft,
dann können sie die Persönlichkeit nicht entwickeln.

[00:16:53.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir zu den Frauen gehen. Die Frauen haben kein Testosteron, sondern Östrogen, Ozytozin. Frauen
mit ADHS, die sich nicht ausleben können, die tun sich anpassen, denen fällt es einfacher sich
anzupassen, die sind dann empathisch. Wenn die dann aber in die Pubertät kommen und eigentlich ihre
Persönlichkeit entwickeln sollten, dann entwickeln sieh eher Depressionen oder Zwangsstörungen oder
Persönlichkeitsstörungen, wie Bulimie, also zuerst Anorexie, das heisst Essstörungen, sie gehen ins
Fasten hinein, dann können sie nicht so aggressiv sein. Oder Bulimie, da essen sie aggressiv und dann
erbrechen sie wieder. Sie regulieren ihre Emotionen dann mit einem Suchtverhalten. Sie können auch
Borderline Persönlichkeiten entwickeln, das heisst sie sind mal aggressiv und dann wieder ganz brav. Sie
wechseln hin und her zwischen völlig ausser Rand und Band sein und dann wieder sehr angepasst.

[00:18:18.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Was auch passieren kann bei den Frauen, und das könnte auch bei den Männern passieren, dass sie
sich einigermassen noch angepasst haben als Kinder und Jugendliche. Auf einmal bricht ihre
Emotionalität aus ihnen aus. Dann machen sie eine manische Episode und schlussendlich bipolare
Störungen. Auch Männer können das ebenfalls machen. ADSler, wenn sie sich nicht richtig entwickeln
können, gehen eher in Richtung Autismus, also dass sie sich von der Welt ganz zurückziehen und nur
noch in einer vorgestellten Welt oder auch in einer wissenschaftlichen Welt leben, also dass sie dann an
irgendwelchen Formeln studieren und den Rest interessiert sie nicht mehr. Sie schliessen sich dann ab
von der Welt. Was weiter sein kann, wenn man ein starkes Umfeld hat, das mit den Pubertierenden
umgehen kann, dann gibt es Auseinandersetzungen, es fliegen die Fetzen, aber Vater und Mutter gehen
nicht zu Grunde, die sind standhaft genug. Wenn das Umfeld geschwächt ist, wenn eine Krankheit
vorhanden ist, bei einem Vater oder eine Mutter krank ist, dann haben die Mädchen eher die Tendenz,
sich anzupassen, sich selber zu unterdrücken und ihre Emotionalität nicht auszuleben. Wenn sie dann
aber ins Leben herauskommen und sich nicht mehr so fest anpassen müssen, dann kann es auch wieder
explodieren und dann kann eine bipolare Störung entstehen.

[00:20:00.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Was Frauen oft auch haben, ist, weil sie sich nicht richtig ausleben konnten, aber das kann auch bei
Männern passieren, weil sie ihre Persönlichkeit nicht richtig entwickeln konnten, entwickeln sie
Depressionen, schwere Depressionen.

[00:20:15.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Zum Beweis, also zur Unterstützung meiner Hypothese, dass sich aus ADHS und ADS
Folgenkrankheiten entwickeln können, ziehe ich die Genome Wide Association Studies (GWAS) bei. Das
heisst, man hat grosse Kohortenstudien gemacht, wo man fünf verschiedene Krankheitsbilder genetisch
untersucht hat. Die Krankheitsbilder sind Schizophrenie, bipolare Störung, schwere Depression, Autismus
und ADHS. Diese hat man alle auf ihre Gensätze untersucht und nach Ähnlichkeiten gesucht. Man wollte
herausfinden, ob gewisse Gene bei diesen verschiedenen Krankheiten wichtig sind. Und da hat sich
herausgestellt, dass bei allen diesen fünf Krankheiten der gleiche Genlokus, sagt man da, am gleichen
Ort vom Gen verändert ist. Vielleicht nicht ganz genau gleich, aber doch sehr stark überlappend. Also der
gleiche Gensatz hat zu den verschiedenen Krankheiten geführt. Dann war man sehr erstaunt und hat

gesagt, wie kann das sein, so verschiedene Krankheiten können die gleiche genetische Ursache haben.
Ich habe natürlich gesagt, ist für mich klar, es ist der ADHS Gensatz, der zu all den verschiedenen
Folgenkrankheiten geführt hat, beeinflusst durch das Umfeld. Denn die Umfelder dieser verschiedenen
Menschen waren sehr unterschiedlich. Sie waren die Weichensteller, dass sich die Krankheit, die
Krankheit, die Krankheit oder die Krankheit entwickelt hat.

[00:22:15.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat es nicht weiter erforscht, warum es so ist, aber ich schaue bei allen drei Generationen die
Familienschemas an, wo es Zeichen nach ADHS hat. Ich schaue dann zum Beispiel so Dinge an wie die
Jähzornigkeit eines Vaters, Grossvaters, Ablenkbarkeit in der Schule, Kreativität, weil sie eine breite
Aufmerksamkeit haben, können sie gut über den Tellerrand denken, was nicht immer gefragt ist, aber
wenn man kreativ sein soll oder wenn Kunst gefragt ist oder auch wenn Wissenschaft, also Erfindertum
gefragt ist, dann ist das hilfreich. So schaue ich nach Erfindern. Dann hat es zum Teil Grossväter, die
irgendwelche Patente angemeldet haben, und dann denkst du, ah, die klingen nach ADHS und suche
dann so.

[00:23:12.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Also in dem Sinn, ist der Genotyp von ADHS und ADS hat viele Möglichkeiten, kann in die Gesundheit
gehen, in ausserordentliche Persönlichkeiten und kann natürlich auch in die Krankheit hinein gehen. Die
Behandlung von ADHS ist heutzutage mit Stimulantien, das heisst mit Weckamin, Ritalin ist das
Grundmedikament, aber es gibt viele andere noch. Diese Weckamine, die helfen, eigentlich stressen die
ja das Hirn und die helfen, dass man dann ein bisschen besser fokussieren kann.

[00:24:06.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man mehr gestresst ist, kann man besser fokussieren. ADHSler haben die Tendenz, ihre Sachen
aufzuschieben, weil sie nicht gerne unangenehme Sachen machen. Sie wollen lieber das machen, was
ihnen leicht fällt. Wenn sie dann aber kurz bevor sie ihre Arbeit abliefern müssen, genügend gestresst
sind, dann schütten sie selber Dopamin aus und können dann die Arbeit auch noch in Nachtarbeit
erledigen. Wenn man ihnen Ritalin verschreibt, dann können sie besser lernen und können vielleicht
früher ihre Arbeit fertig stellen.

[00:24:47.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ADHSler einen System Overload haben, dadurch dass Sie so breite Aufmerksamkeit haben, dass
viel um Sie herum läuft, viele Störfaktoren, können sie je nachdem darüber hinaus fallen und dann
können sie psychotisch werden.

[00:25:05.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe ein Buch geschrieben über ADHS und Schizophrenie. Ich habe dort nur Schizophrenie und
ADHS miteinander verbunden. Seitdem, das ist jetzt schon eine Weile her, seit ich das Buch geschrieben
habe, schaue ich natürlich alle anderen psychiatrischen Krankheiten an im Zusammenhang mit ADHS,
nicht nur Schizophrenie. Das ist die extremste Krankheit. In der Schizophrenie gibt man Neuroleptika, das

sind Medikamente, die Dopamin heruntersetzen. In der Zwischenzeit gibt man den Kindern bereits Ritalin
und gleichzeitig Neuroleptika. Die Übererregtheit, die sie haben, geht oft nicht weg mit dem Ritalin. Sie
können zwar besser fokussieren, aber sie sind immer noch sensibel und können leicht übererregt
werden. Dann gibt man Ritalin zum Stimulieren, damit sie besser aufpassen können. Man gibt
Neuroleptika, damit sie nicht ganz so empfindlich sind auf all die Reize, die sie aufnehmen.

[00:26:11.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Diagnose erst im Erwachsenenalter gestellt wird und die sind ohne Ritalin durchgekommen,
dann gebe ich in der Regel nicht einfach Ritalin. Wenn sie aber eine zweite Ausbildung machen und
lernen wollen, dann bin ich durchaus bereit ihnen auch für diese Lernzeit Ritalin oder Ähnliches zu geben.
Damit sie ihre Lernzeit besser durchbringen können.

[00:26:39.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher haben Ärzte auch Ritalin genommen wenn sie auf die Prüfungen lernen mussten, das war damals
noch verboten. Man konnte die ganze Nacht lernen und so seine Prüfungen schreiben. Heutzutage sagt
man in Amerika, dass ein Viertel der Studenten oder mehr, Ritalin nehmen, um die Prüfungen zu
absolvieren. Das ist in der Schweiz noch nicht so.

[00:27:08.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wären so ein paar Gedanken zu ADHs und ADS. Jetzt bräuchte ich Fälle von Ihnen, wo Sie mir
praktische Beispiele bringen, mit denen wir schauen können, wie man damit umgehen kann.

[00:27:45.000] – Bemerkung 1
Können sie mehr zur Bipolaren Störung sagen, die sich daraus entwickeln kann?

[00:28:05.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Bipolare Störung heisst manisch depressiv. Früher hat man NDK, manisch depressive Krankheit gesagt.
Heute sagt man bipolar. In der Pubertät ist man himmelhoch jauchzend zu Tode betrübt. Bei der bipolaren
Störung fällt man in eine manische Phase. Dann ist man distanzlos. Man gibt meistens viel Geld aus,
kauft ein, macht mit allen per Du. Man braucht wenig Schlaf. Man schlaft nur noch vier Stunden oder
weniger und hetzt in der Gegend umher. Irgendwann wird man dann erschöpft, wenn man sich so
verausgabt hat. Dann fängt man an zu sehen, was man alles für Mist gemacht hat. Dann fallen sie in eine
Depression. Dann bereuen sie alles, was sie gemacht haben. Dem sagt man bipolare Störung. An sich
gehört die bipolare Störung auch zu der Psychose wie Schizophrenie, weil sie zum Teil den Grössewahn
haben und meinen, sie seien die grossen Erfinder. Wenn sie dann depressiv werden, haben sie zum Teil
auch Versündigungswahn, Verfolgungswahn. Also, alle schauen mich an, alle wissen, was ich für einen
Mist gebaut habe, etc. Aber sie haben in der Regel nicht so einen gut ausbildeten Wahn wie die
Schizophrenen. Aber ich sage immer, wir haben nur ein Hirn und dieses Hirn kann verschiedene Sachen
machen. Wir Psychiater nennen es dann bipolare Störung, manisch depressiv oder Schizophrenie.

[00:29:49.520] – Dr.med. Ursula Davatz

Man nennt es auch schizoaffektiv, das ist wieder näher bei der bipolaren Störung. Das sind alles solche
Varianten. Aber das Hirn macht diese verschiedenen Störungen. Haben Sie irgendjemanden, der diese
Diagnose hat?

[00:30:16.700] – Bemerkung 1
Ich habe jemanden, er ADS ist. Er konnte sich damit sehr viele Privilegien herausholen. Er ist sich dem
bewusst. Er begründet alles mit dem.

[00:30:39.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Was für Privilegien holt er sich dann?

[00:30:47.650] – Bemerkung 1
Er arbeitet in einem anderen Raum. Er kann viele Arbeiten nicht machen. Man muss ihm alle Arbeite zu
tragen. Das Anrufen habe ich weggebracht. Er hat die Diagnose ADS.

[00:31:44.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Okay, das ist interessant. Was ADSler zum Teil auch noch haben, z.T. ADHSler auch, sie haben Mühe
mit neuen Situationen. Sie sind scheu und haben Angst vor neuen Situationen. Wenn sie es noch nicht
kennen, Abstand etc. Darum sagt er, er müsse immer alles wissen. Aber es ist nicht okay, wenn er lauter
Sonderbedingungen hat. Das ist ja nicht gesund. Er muss ja lernen, mit dem Leben umzugehen. Und bei
einem ADSler, das ist dann wie bei einem scheuchenden Pferd, dann dürfen sie sagen, du hast Angst vor
neuen Situationen haben. Du kannst etwas früher kommen, dann kann ich dir zeigen, was auf dich
zukommt. Dann kannst du dich angewöhnen und dann kannst du anfangen. Aber nicht, dass du
bekommst diese Sondersituation, damit du anrufen kannst. Das ist nicht so gesund. Man will es ja
möglichst gut an die Normalität anpassen. Aber diese Anpassung braucht ein wenig Zeit. Sie geht nicht
ganz so schnell. Sie können nicht so gut umstellen.

[00:33:01.980] – Bemerkung 1
Es braucht viel Kraft.

[00:33:04.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie brauchen ein wenig Kraft. Da muss man nicht bei allem nachgehen. Es geht um den Prozess, wie sie
ihn einführen, aber nicht er darf übernehmen. Sie verstehen, er hat Mühe mit neuen Situationen, aber
dann müssen sie es auf eine Art machen, dass man ihn etwas langsamer begleitet. Darum sage ich, er
soll früher kommen, anstatt dass er anruft und ihren ganzen Arbeitsgang blockiert.

[00:33:33.590] – Bemerkung 1
Was noch das Phänomen ist bei ihm, ist, dass er etwas fragt, er braucht Hilfe. Du gibst ihm die
Hilfestellung, erklärst ihm alles, aber es passt nicht in sein Schema und dann ist alles nicht gut, dann ist
er blockiert. Für ihn gibt es nichts kleineres als Millimeter.

[00:34:28.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, da hat er ein sehr rigides Denken. Da blockiert er dann. Da ist wieder die Kunst, dass man sagt, jetzt
kommt etwas Neues, du lernst jetzt etwas Neues. Sie wollen natürlich ihrer Komfortzone verharren in
dem, was sie gelernt haben. Aber der Mensch ist ein lernfähiges Wesen, wenn man nicht bereit ist etwas
neues zu lernen, bleibt man still stehen. Und das wollen wir nicht. Ich will dir das beibringen. Ja, sie
haben die Tendenz, dann sind die anderen falsch und dann muss er nichts lernen. Sie dürfen aber als
Lehrer sagen, ich will, dass du etwas lernst. Es ist eine differenziertere Interaktion zwischen ihnen und
ihm. Er kann nicht befehlen, wie es geht. Sie können verstehen, wie es bei ihm läuft, aber ich möchte,
dass du das jetzt lernst. Du kannst das lernen. Jedes Hirn kann lernen. Wie alt ist er?

[00:35:39.770] – Bemerkung 1
Er ist 40 Jahre alt.

[00:35:43.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Freud hat einmal gesagt, nach 40 würde man nichts mehr lernen. Also man könne sich in nichts mehr
entwickeln. Das stimmt nicht. Heutzutage weiss man, das Hirn ist noch plastisch. Die Neurogenese, sagt
man, noch bis man stirbt. Und auch du kannst noch lernen. Und lernen heisst lebendig bleiben. Und okay,
er hat Angst vor neuen Sachen, er will sich hier festsetzen in seiner Komfortzone. Und jetzt gehen wir
aber ein bisschen raus aus dieser Komfortzone. Also es braucht von ihnen schon ein bisschen ein Zickeln
oder ein Kitzeln oder ein bisschen ein Fordern. Wichtig ist, dass sie nicht verrückt werden. Sobald sie
verrückt werden, haben sie verloren.

[00:36:33.280] – Bemerkung 1
Verrückt werden hat keinen Sinn.

[00:36:34.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, das hat überhaupt keinen Sinn. Aber gibt Ihnen das einen Anhaltspunkt? Ja. Und Sie dürfen sagen,
ich habe den Ehrgeiz, mit dir noch etwas zu lernen.

[00:36:49.000] – Bemerkung 1
Er hat schon viel gelernt. Es braucht einfach viel Energie.

[00:36:50.330] – Dr.med. Ursula Davatz
So gut! Ja, das braucht es. Hier können sie an Sokrates und das sokratische Lernen denken. Wir Lehrer
lernen auch an Hand von unseren Schülern. Man lernt viel an diesen schwierigen Leuten. Vor allen
Dingen Geduld und auch neue Methoden.

[00:37:17.220] – Bemerkung 2

Könnte man sagen, dass ADHS eher bei den Jungs sichtbar wird und ADS eher bei den Mädchen?

[00:37:34.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich weiss immer noch nicht genau, ob die genetisch wirklich unterschiedlich sind. Bei allen Genstudien
hat man es nicht auseinandergenommen. Bei den Jungs kommt eher das ADHS raus, aggressiv, etc, das
sieht man dann. Die Jungs, welche ADS haben, kriegen dann eher die Diagnose Autismus. Die Mädchen,
die ADHS vielleicht hätten, die gehen dann eher ins ADS rein, sie ziehen sich eher zurück. Man trifft das
ADS mehr bei den Mädchen an und das ADHS mehr bei den Jungs. Und wenn man dann das ADHS bei
den Mädchen antrifft, dann hat das Umfeld oft auch riesige Schwierigkeiten, mit denen umzugehen. Die
kommen dann von Heim zu Heim, wild, machen alles mögliche, Verrückte und kein Mensch kann mit
ihnen umgehen.

[00:38:43.250] – Bemerkung 2
Was wäre das Ideale, wenn man ein Umfeld finden müsste, das klare Strukturen hat und gleichzeitig sehr
flexibel ist? Es gibt ja überall gewisse Regeln und Strukturen.

[00:38:55.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Umfeld für ADHSler braucht gewisse klare Strukturen, einen Rahmen und innerhalb davon relativ viel
Beweglichkeit. Es braucht Autoritäten, die konfliktfähig sind, also sich auseinandersetzen können mit
denen, die keine Angst vor Kampf haben. Bei der ADSlern braucht es ein Umfeld, das sehr aufmerksam
ist. Das merkt, oh jetzt ist er abgedriftet ist, oh, jetzt ist er nicht dabei. ADSler gehen in der Schule
verloren. Jungs und Mädchen. Mädchen noch ganz speziell, aber Jungs auch. Da braucht es ein sehr
aufmerksames Umfeld, das sieht, hmm ich glaube ich habe den verloren. Dann braucht es, dass der
Lehrer oder der Chef ihn reinholt. Sonst geht er einfach verloren, geht weg, träumt und ist überhaupt nicht
dabei. Also es braucht mehr Aufmerksamkeit vom Umfeld beim ADSler, gute Beobachtungsfähigkeit.

[00:40:10.840] – Bemerkung 2
Das heisst, man muss in den Kampf einsteigen und in die Konfliktfähigkeit einsteigen und gewisse
Sachen aushandeln, Diskutieren, Stellung beziehen, das würde dem ADHSler helfen?

[00:40:24.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Absolut, wenn ich zum Beispiel ADHSler Jugendliche habe und ihre Eltern, dann frage ich immer zuerst
den Jugendlichen, was ist dein Vorschlag zur Lösung? Wenn er dann sagt, er will sieben Tage in der
Woche für sieben Abende in der Woche ausgehen. Dann sagt man natürlich, das ist zu viel. Das passt
mir nicht, da bin ich nicht zufrieden. Also ich frage in der Regel immer zuerst den Jugendlichen, was für
eine Problemlösungsstrategie. Dann wird ausgehandelt. Dann hin und her, und was meinen sie, und was
du meinst. Dann kommt man zu einem Konsens.

[00:41:12.510] – Bemerkung 2

Das heisst, der zu verhandelnden Spielraum ist sehr sehr wichtig. Es darf nicht alles schwarz-weiss
vorgegeben sein. Es muss die Möglichkeit geben, etwas zusammen zu erarbeiten, diskutieren.

[00:41:21.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Genau so sehe ich das. Wenn Eltern mit ihrem Jugendlichen schon festgefahren sind, und es geht alles
drunter und drüber es gibt dann böse Kämpfe, sie machen ihre Väter und Mütter auch völlig runter, dann
sage ich den Eltern, sie müssen durch eine Phase gehen, wo man ein bisschen loslässt und dann wieder
neu einsteigen. Also nicht sich verkrampfen. Ich sage den Eltern, die verzweifelt sind weil sie sich nicht
mehr durchsetzen können sage ich dann, sie müssen nicht 100% in den Machtkämpfen siegen. Sie
dürfen auch verlieren. Sie dürfen auch zugeben, dass sie verloren haben. Und wenn die Eltern im
Machtkampf mit den Jugendlichen ab und zu verlieren, dann haben sie etwas für das Selbstwertgefühl
des Jugendlichen getan. Aber klar, sie dürfen nicht in 90% immer verlieren, dann haben sie ein
schlechtes Selbstwertgefühl, dass sie ihre Kinder nicht erziehen können. Und der Jugendliche fühlt sich
schuldig, dass er ihnen soviel Mühe macht.

[00:42:38.640] – Bemerkung 2
Siebe Tage Ausgang, da steigt man ein bisschen in die Verhandlung ein, dann trifft man sich in der Mitte.

[00:42:55.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Ganz genau, der Verhandlungsprozess. Es gibt ja das Buch von Diana Rosenstein: "Gewaltfreie
Kommunikation mit Kindern und Jugendlichen in der Pubertät. Mit der Giraffensprache". Gewaltfreie
Kommunikation besteht aus dem Anmelden seiner Bedürfnisse. Man muss die aggressiven ADHSler
dazu bringen, dass sie ihre Bedürfnisse formulieren können, damit sie nicht nur in die aggressive
Verteidigung reinkommen. Dazu braucht es Zeit. Wenn ich solche Jungendliche habe, zusammen mit den
Eltern, muss ich sie immer dazu bringen, dass sie ihre Bedürfnisse formulieren.

[00:43:41.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Verhandeln ist ganz wichtig. Man darf sie nicht zum Gehorsam bringen, man muss sie zur Kooperation
bringen. Kooperation ist etwas anderes als gehorsam. Sie sind sehr empfindlich wenn sie sich
unterordnen müssen, dann werden sie gleich wieder verrückt. Aber kooperieren, das können sie. Darum
sagen auch viele ADHSler, ich kann nicht unter einem Chef arbeiten. Wenn sie dann noch einen Chef
haben, den sie nicht so intelligent finden, oder den sie sonst irgendwie blöd finden, dann lassen sie sich
von dem natürlich gar nichts sagen. Darum wollen alle ein eigenes Geschäft aufmachen. Ja, das geht
durchs Band weg. Aber, wenn sie einen Chef haben, der eben den Spielraum geben kann, der mit ihnen
verhandeln kann, der sie auch hört und ernst nimmt, dann fressen sie einem aus der Hand, wenn man so
sagen will. Dann machen sie mit. Aber sie müssen immer spüren, man nimmt sie ernst, man nimmt sie
wahr, man sieht sie auf Augenhöhe, was nicht heisst, dass man bei allem nachgibt, überhaupt nicht. Es
sind zähe Verhandler. In dem Sinn lernt man auch verhandeln.

[00:45:15.000] – Bemerkung 3

Kann das sein, dass aus ADHS und ADS Gene ein ASS (Autismus, Spektrum, Krankheit) entstehen
kann?

[00:45:39.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Für mich sind Autisten in der Regel ADSler, zum Teil sehr extreme ADSler, die meistens dann noch eine
veränderte Wahrnehmungsstörung haben, eine veränderte Wahrnehmung. Für mich gehören sie in die
gleiche Kategorie. In der Genstudie sind sie ja dabei, sie haben die gleiche Genstruktur. Auf jeden Fall.
Wenn man dort genauer schaut, wenn man das ADS Kind anschaut, das dann autistisch wird, dann
haben sie meistens entweder eine hyperaktive Mutter oder ein Geschwisterkind, das allen Platz
wegnimmt, dass sie nur noch nach innen flüchten können. Man redet für sie, und je mehr man für sie
redet, umso weniger reden sie. Das braucht dann wieder Geduld, dass man warten kann, zuhören kann,
beobachten kann und verlangsamen kann.

[00:46:49.400] – Bemerkung 4
Was kann man machen, wenn man mit den Medikamenten nicht arbeiten kann, wenn diese depressiv
machen? Ritalin, Concheta etc.

[00:47:14.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Medikamente fokussieren mehr und eigentlich will man ja die breite Aufmerksamkeit haben. Dann
kann man versuchen, sich Gewohnheiten zuzulegen. Ich muss den Leuten beibringen, wie sie zum
Beispiel am Morgen aufstehen. Der Wecker läutet, ich mag nicht x Mal und dann erst um 10 Uhr
aufstehen. Da sage ich ganz klar nein, wenn der Wecker klingelt, wird aufgestanden. Nicht immer das
rausschieben. Wenn sie Dinge tun sollten, dann sage ich im Hinterkopf vornehmen und sagen, dann
mache ich das. Wie innerlich sich vorbereiten, dass man dann das macht. Nicht die Haltung, ich sollte
noch, ich sollte noch, ich sollte noch, ich habe aber keine Lust. Also diese Prokrastination, das
Rausschieben ist ja ganz typisch für die ADHSler und ADSler. Die müssen sich eine gewisse Disziplin
zulegen, eine gewisse Struktur. Etwas machen, was man gerne macht. Also ein Hobby, das kann Sport
sein, das kann Tanzen sein, das kann ein Musikinstrument spielen sein, das kann Puzzle sein, also etwas
für sich machen. Dass man sich selber eine Struktur gibt. Ich würde natürlich sagen, vielleicht einen
Coach zuzutun, der so ein wenig Erfahrung hat. Und es gibt jetzt immer mehr ADHS Coaches, die einem
an sich helfen bei diesen Sachen.

[00:49:02.090] – Bemerkung 4
Okay. Und Konzentration?

[00:49:06.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem man etwas macht, also etwas für sich lernt, man kann etwas Handwerkliches noch lernen, das
bringt dann die Fokussierung. Viele machen Yoga, viele machen auch Achtsamkeitstraining, also dass
man sein Hirn in die Mitte holt und sich selber fokussiert. Neurofeedback kann man auch machen, das
heisst, da wird man an eine Maschine gehängt und man sieht einen Film und wenn die Konzentration

weg geht, dann stellt der Film an und dann merkt man, dass man nicht aufgepasst hat. Dann muss man
die wieder zurückholen.

[00:49:46.360] – Dr.med. Ursula Davatz
So kann man sein Hirn trainieren, sich besser zu fokussieren. Ist das eine Antwort darauf? Sie sind nicht
ganz zufrieden. Was möchten sie noch?

[00:50:03.000] – Bemerkung 4
Wie ist es denn beim theoretisch etwas lernen? Wörtchen lernen? Aufgaben machen? Eine Pause
machen?

[00:50:03.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt Kinder, die brauchen absolute Ruhe, um sich konzentrieren zu können. Andere doodeln in der
Schule, dann können sie besser aufpassen. Dann findet der Lehrer hör auf mit dem. Aber nein, die
brauchen das, um sich über die Handbewegung zu stimulieren. Malen ist eine gute Sache. Gewisse
gehen ins grosse, also die gehen dort an den Küchentisch oder an den Esstisch lernen, wo alle drum
herum sprechen. Also die können sich besser konzentrieren können, wenn ein Lärmpegel hintendran ist.
Auch Musik hören. Beim Lernen schauen, wie lange man mag. Dann eine Unterbrechung machen, ein
wenig Seilspringen oder etwas motorisches und dann wieder dran gehen. Also nicht so lange
Lernperioden, mehr unterbrechen. Aber nicht dann etwas ganz anderes machen. Nicht auf einmal
aufräumen oder so. Das machen dann die meisten. Das geht nicht. Es muss dann immer das Gleiche.

[00:51:50.820] – Bemerkung 5
Ich habe eine Frage zur Kooperation. Das, was sie angesteuert haben. Ist es dann auch so, dass man
mit der Kooperationsbereitschaft rechnen kann? Ab und zu ist er oder sie nicht kooperationsbereit. Ist das
so, weil man die Strukturen zu eng gesetzt hat?

[00:52:26.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man die Strukturen zu eng gesetzt hat dann gibt es einfach Widerstand, Widerstand, Widerstand
und in dem Moment bringt man keine gute Kooperation hin. Aber zur Kooperation muss man sie
hinführen. Jeder gute Leader kann begeistern. Wenn Sie etwas beibringen wollen und selber Freude
daran haben, dann macht der andere auch besser mit. Sie können ihn zur Kooperation bringen mit ihrer
eigenen Faszination, mit ihrer eigenen Begeisterung. Wenn sie Freude haben, jemandem etwas
beizubringen, also das was ich vorhin gesagt habe. Ich will dir noch beibringen, dass du auch mit 40 noch
lernfähig bist, und ich glaube auch, dass du das kannst, dann will man etwas und denkt, man bringt das
auch hin. Oft sagen sie dann, das hat keinen Sinn und nichts, aber wenn man selber ein wenig begeistert
ist, kann man den anderen auch anstecken.

[00:53:36.490] – Dr.med. Ursula Davatz

Wenn ich Mütter habe, die ein Kind zu irgendetwas bringen wollen, und dann gebe ich eine Idee, und
dann sagt die Mutter, ich kann es ja mal probieren, aber wahrscheinlich geht es nicht. Dann sage ich, Sie
müssen gar nicht anfangen. So geht es nicht. Sie müssen voll dahinter stehen, sonst geht gar nichts.
Dann lieber gar nichts machen. Also man muss wirklich dabei sein.

[00:54:01.120] – Dr.med. Ursula Davatz
So kann man schon Kinder, die irgendetwas nicht wollen, die tut man auch so, zum mitmachen bringen:
nicht "du musst jetzt", sondern "oh, jetzt machen wir das". Also die Aufmerksamkeit wecken durch die
eigene Begeisterung.

[00:54:40.000] – Bemerkung 6
Ist ADS/ADHS eine Krankheit?

[00:54:56.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sagt vielleicht die Psychiatrie, dass es eine Diagnose ist.

[00:54:58.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Meine Erfahrung ist, dass es keine Krankheit ist. 25% derjenigen, die ADHS haben, sind nicht krank, also
müssen nie einen Psychiater aufsuchen. Wie kann es dann einen Krankheit sein? 75% haben noch eine
zusätzliche Diagnose. Die Psychiatrie ist da nicht einig mit mir. Ich bin da noch ein wenig alleine auf
weiter Flur. Spass beiseite, es gibt einige Psychiater, die das auch so sehen. Es ist keine Krankheit, es ist
eine gewisse Vulnerabilität. Aber nicht auf eine spezifische Krankheit, sondern einfach eine Vulnerabilität.
Je nach Umfeld und Interaktion mit dem Umfeld gibt es das, das, das oder das. ADHSler selber, die
haben das auch nicht gern, wenn man ihnen sagt, du bist krank. Man muss einfach lernen, mit seiner
Persönlichkeit umzugehen. Mit seinem Neurotyp umgehen. Man sagt ja, man lernt besser damit
umzugehen. Es wächst sich nicht aus, kann sich gar nicht auswachsen. Das Hirn ist ein bisschen anders
konstruiert. Von dort her kann man auch sagen, es ist eine Normvariante. Bei der Gaussschen
Glockenkurve ist es irgendwo mehr am Rand, es ist nicht gerade in der Mitte. Von den Genen her, zuerst
hat man gesagt ein paar Gene, jetzt sagen wir über 20, zum Teil über 100 Gene.

[00:56:30.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Zwischen den verschiedenen Genen läuft ja auch noch Interaktion. Je nachdem, was man da noch für
andere Kombinationen hat, kommt es auch wieder ein bisschen anders raus. Die Hauptmerkmale sind
immer ein wenig ähnlich.

[00:56:53.280] – Bemerkung 7
Ich kann das und das und das nicht wegen ADHS. Können die ADHS Charaktere unterschiedlich sein?

[00:57:20.140] – Dr.med. Ursula Davatz

Ganz allgemein, wenn mir jemand sagt, ich habe eine Depression, dann sage ich, das interessiert mich
nicht. Ich frage dann: wo sind die Schwierigkeiten? Wenn die sagen, ich habe ein ADHS. Ok, ich weiss
ungefähr was das ist. Wo hast du Schwierigkeiten? Also ganz konkret werden, wo die Person anstösst,
was ihr ihr Mühe macht, auf was sie sehr empfindlich ist, also viel konkreter in die Interaktion
hineingehen. Das andere ist so wie ein Feigenblatt oder ein Schild, ich muss gar nichts machen, ich habe
ja die Diagnose. Nein, das würde ich überhaupt nicht akzeptieren. Man weiss dann vielleicht, es geht ein
bisschen in diese Richtung, aber die Leute müssen viel genauer sagen, was ihnen Schwierigkeiten
macht. Dann können sie sagen, ok, ja, ich glaube es, aber jetzt lernen wir. Es gibt ja die Geschichte von
dem griechischen Philosophen, Redner, Demosthenes, der einen Sprachfehler hatte und der hat dann mit
Kieselsteinen im Mund trainiert und schlussendlich ist er Redner geworden. Joe Biden hat ja auch einen
Stotterer, also hat gestottert und hat dann eine Sommerferien lang trainiert, bis er reden konnte. Also sie
können sagen, okay, du hast da Schwierigkeiten, aber weisst du, die werden dann zu besseren Rednern,
denn die müssen üben. Die, die es einfach können, die werden schlampig und geben sich gar keine
Mühe.

[00:58:49.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt üben wir. Also sie können eigentlich die Lernbereitschaft bei solchen Leuten aktivieren. Dann ist es
für sie spannend und für ihre Mitarbeiter interessant. Da müssen Sie sich begeistern.

Vernetzungsanlass für Betreuerinnen Vorstand und Interessierte

Dachverband Tagesstrukturen Mittagstisch Aargau

Vernetzungsanlass für Betreuerinnen, Vorstand und Interessierte

Datum: Donnerstag, 11. Mai 2017

Zeit: 19.00 – 21.00h

Ort: Roter Turm Saal, Baden

PDF Vortrag zum Runterladen: dtma Vortrag 11.05.2017

Projekt Früherkennung und Frühförderung bei Kindern und Jugendlichen

Wie können wir von Seiten Betreuungsinstitutionen frühzeitig erkennen, ob ein Kind gefährdet ist und wie handeln wir richtig?

Frau Dr. U. Davatz setzt sich für die Früherkennung und Frühintervention bei gefährdeten Kindern und Jugendlichen ein und unterstützt unter anderem Gemeinden und Institutionen.

An diesem Workshop erstellt Frau Davatz zusammen mit den Teilnehmerinnen ein Gesamtbild der Fallsituation und hinterfragt Strukturen. Sie zeigt auf, wer als Helfer in Frage

kommt, wer eventuell bei der Betrachtung vergessen wurde und wo angesetzt werden kann.

Falls Sie in Ihrer Gemeinde oder in Ihrer Betreuungsinstitution ein Fallsbeispiel kennen, welches Sie gerne anonym einbringen würden, so können Sie dieses direkt an info@dtma.ch einreichen.

Zur Anmeldung: DTMA 2017-05-11 Einladung Vernetzungsanlass

Umgang mit Abwertungen, Verletzungen, Ohnmachtsgefühlen bei ADHS Betroffenen Kindern und Jugendlichen

Viele Eltern mit ADHS-betroffenen Kindern und Jugendlichen sind oft  verunsichert und gleichzeitig hin und her gerissen, wenn es um das Thema Umgang mit Abwertungen geht. Einerseits haben Eltern und andere Bezugspersonen Verständnis für das Verhalten betroffener Kinder, da sie sich bereits ein grosses Wissen angeeignet haben. Andererseits wollen sie diese Ausbrüche nicht einfach tolerieren. Die Referentin geht der Frage nach, wie Erwachsene auf psychische und körperliche Gewalt dieser Kinder reagieren sollen. Im Weiteren zeigt sie auf, wie sich Eltern und Bezugspersonen auf gute Art mit den Kindern auseinandersetzen können, ohne in einen zerstörerischen Teufelskreis zu geraten oder die Persönlichkeit der Kinder abzuwerten als böse. Es steht  genügend Zeit für Fragen und Austausch zur Verfügung.

21.3.2014 – Lenzburg, Walkenweg 19. Der Vortrag zum Anhören: –

Transkription

VORTRAG – Wie sag ich’s meinem pubertierenden Jugendlichen NICHT

Freizeit- und Jugendzentrum, 8610 Uster
02. Februar 2012

Einleitung

Die Kommunikation während der Pubertät ist eine delikate Sache,
denn der Jugendliche ist während dieser Entwicklungsphase
besonders empfindlich auf Kritik, Verletzungen, Ungerechtigkeit,
Schuldzuweisung, Befehlston und vieles mehr. Die Persönlichkeit
ist noch wie ein “rohes Ei“, d.h. noch gar nicht gefestigt. Sie ist in
Entwicklung begriffen und deshalb sehr störanfällig. Aus diesem
Grunde lohnt es sich als Eltern, bei der Kommunikation mit ihrem
Jugendlichen besonders achtsam zu sein.
Was sind die Hauptfehler, die gemacht werden?

Der Vortrag wird von der Referentin Frau Dr. med. Ursual Davatz aus Baden gehalten. Sie ist Psychiaterin, Psychotherapeutin und Familientherapeutin.

http://goo.gl/i5FKY

Zu allen Vorträgen, bitte hier klicken.

Jugendliche mit ADHS – Unterstützung im Übergang von der Schule ins Berufsleben

Unterstützung im Übergang von der Schule ins Berufsleben wurde am 23.10.2010 um 13.50 Uhr in Luzern gehalten.

Der Veranstalter war die elpos: Schweizerischer Elternverein for POS / ADHS-Betroffene Regionalverein Zentralschweiz.

Die Vortragsnotizen Jugendliche mit ADHS_23.10.2010 (PDF)

Vortrag anhören:

Transkription

Transkript

Dr.med. Ursula Davatz

23.10.2010
Jugendliche mit ADHS/ADS, ihre Bedürfnisse und
Unterstützungsmöglichkeiten durch Psychotherapie und Coaching.
Audio

[00:00:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt kommt der Vortrag vom 23. Oktober 2010 zum Thema: Jugendliche mit ADHS/
ADS, ihre Bedürfnisse und Unterstützungsmöglichkeiten durch Psychotherapie und
Coaching.

[00:00:15.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Veranstaltung ist von der ELPOS organisiert und findet in Luzern statt.

[00:00:24.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Thema lautet: Jugendliche mit ADHS/ADS, ihre Bedürfnisse und
Unterstützungsmöglichkeiten durch Psychotherapie und Coaching.

[00:00:35.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe das erst jetzt so genau gelesen. Ich werde mich versuchen, an den Titel zu
halten.

[00:00:41.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Idee ist, dass ich Ihnen ein paar Gedanken mitgebe.

[00:00:45.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Verständnisfragen vorhanden sind, kann man nach meinem Vortrag noch ein
paar Fragen stellen. Ich werde bis zum Schluss hierbleiben, sodass sie sich die Fragen
notieren können.

[00:01:13.510] – Dr.med. Ursula Davatz

Ich beschäftige mich seit 40 Jahren mit dem ADHS/ADS, mit Unterschieden, mit
Unterbrüchen.

[00:01:32.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher wurde es nicht ADHS/ADS nicht genannt, sondern POS, also
psychoorganisches Syndrom, frühkindliches, psychoorganisches Syndrom.

[00:01:41.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute wird es unter dem Begriff vom ADHS/ADS zusammengefasst, das heisst
Aufmerksamkeitsdefizitstörung.

[00:01:46.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Während früher die Ärzte, also Psychiater, das noch abgelehnt haben, viele
Psychologen, viele Ärzte haben gesagt: das gibt es gar nicht. Ein Psychiater hat mal
gesagt, Psychopathologie ohne Signifikanz.

[00:01:58.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Das stimmt natürlich nicht. Man kann es heute nachweisen. Von dort ist die ganze
Medizin jetzt darauf aufgesprungen.

[00:02:05.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Problem der Mediziner ist, dass sie immer die Pathologie findet.

[00:02:12.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin zwar auch Medizinerin und Psychiaterin, aber ADHS/ADS ist an sich eine
Normvariante.

[00:02:18.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst, es ist ein Mensch, der ein bisschen aus der Norm herausfällt, der nicht
genau in der Mitte der gaussischen Glockenkurve liegt, aber deswegen muss man ihn
noch nicht krank machen.

[00:02:29.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Und deswegen muss man auch nicht immer gleich mit Medikamenten einfahren. Man
kann unterstützen, man muss aber nicht.

[00:02:36.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Was schlussendlich die Krankheit ausmacht, ist Interaktion zwischen Umfeld und dem
Menschen.

[00:02:44.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Interaktion zwischen Umfeld und Mensch nicht gut läuft, dann gibt es eine
Krankheit daraus.

[00:02:52.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher hat man gesagt, das ADHS/ADS wächst sich einfach aus in der Pubertät und
dann ist der Mensch gesund und normal.

[00:03:00.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute weiss man, dass das nicht stimmt. Der Mensch behält immer gewisse spezielle
Eigenschaften.

[00:03:06.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Heutzutage redet man auch vom ADHS/ADS bei Erwachsenen.

[00:03:10.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man wieder von der Pathologie ausgeht, sagen Psychiater, 75% der
erwachsenen ADHS/ADS Patienten haben eine zweite Krankheit.

[00:03:22.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine zweite psychiatrische Krankheit. Das ist absolut erschreckend.

[00:03:28.140] – Dr.med. Ursula Davatz

Ich sage dem, das müsste nicht sein. Nur 25% werden normal.

[00:03:35.180] – Dr.med. Ursula Davatz
75% entwickeln eine sekundäre Krankheit. Diese sind manisch-depressiv,
Schizophrenie, Drogenkrankheit, Delinquenz gibt es viele und des vielen mehr.

[00:03:51.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Da funktioniert der Umgang mit diesen ADHS/ADS Kindern nicht gut.

[00:03:57.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt dann die anderen extremen Formen, die sehr berühmt werden, also Künstler
werden, Politiker werden, Ärzte werden, berühmte Leute werden.

[00:04:09.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Bill Gates, Mozart, Churchill, und so weiter.

[00:04:16.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Man könnte viele aufzählen.

[00:04:18.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort haben die Eltern irgendetwas richtig gemacht und das Erziehungssystem hat es
recht gemacht, dass sie so gut raus gekommen sind.

[00:04:24.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sollte bei diesen gesunden Verläufen schauen, was man machen müsste, damit es
gut rauskommt.

[00:04:30.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Das als Einleitung.

[00:04:32.880] – Dr.med. Ursula Davatz

Zur Pubertät. Jugendliche sind in der Pubertät. Die Pubertät wird heutzutage immer
etwas länger. Sie fängt früher an, sie hört später auf.

[00:04:41.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern mögen es fast nicht mehr, weil sie so lange dauern.

[00:04:47.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Pubertät ist die Phase des Erwachsenwerdens, der Persönlichkeitsentwicklung.

[00:04:52.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man in der Pubertät mit dem ADHS/ADS nicht artgerecht umgeht, dann
entwickelt man mit Sicherheit sekundäre Störungen.

[00:05:07.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Respektive, dann kann es auch eine Persönlichkeitsstörung geben.

[00:05:11.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist auch eine der Diagnosen, Persönlichkeitsstörungen, die sich aus dem ADHS/
ADS heraus entwickeln können, wenn man denen nicht gerecht wird.

[00:05:21.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie ein Pferd oder einen Hund nicht artgerecht halten, dann wird der zu einem
Krüppel. Wenn man einen Menschen nicht artgerecht oder persönlichkeitsgerecht mit
dem interagiert, den stützt, sich nicht persönlichkeitsgerecht mit dem Menschen
auseinandersetzt, dann kann er eine Fehlentwicklung machen.

[00:05:44.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wollen wir natürlich um alles in der Welt verhindern und darum sind wir ja heute so
miteinander zusammen.

[00:05:51.620] – Dr.med. Ursula Davatz

Ich gehe jetzt kurz durch, was ganz wichtig ist in der Pubertät. Das ist natürlich
überhaupt nicht erschöpfend.

[00:05:57.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich fange bei den Emotionen an.

[00:05:59.960] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Pubertät muss der Mensch lernen, mit seinen eigenen Emotionen umzugehen.

[00:06:07.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eine der wichtigsten Aufgaben.

[00:06:09.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Pubertätsliteratur sagt ja: Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt.

[00:06:12.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Deutsch liest man: die Leiden des jungen Werthers.

[00:06:18.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei gewissen Kindern eskaliert es und es kommt zum Selbstmord. Dann ist es nicht gut
gelaufen im Umgang mit diesen Emotionen.

[00:06:31.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Der eigene Umgang mit den Emotionen ist etwas Wichtiges und das braucht einen
Lernprozess und das braucht auch eine Auslaufmöglichkeit.

[00:06:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Schweizer sind in Bezug auf Emotionen eher zurückhaltend, im Vergleich zu
Griechen, Italienern, Franzosen, Spanier. Alle Mittelmeerländer tolerieren mehr
Emotionen.

[00:06:58.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Schweizer und Deutsche wahrscheinlich auch nicht, tolerieren nicht so viele
Emotionen. Es sei denn, in einem Kontext.

[00:07:07.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Autorität, die darf die Emotionen negativ verwenden, aber das Kind darf sie nicht
verwenden, obwohl dem Kind die Emotionen viel mehr zustehen.

[00:07:18.330] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne sind ADHS/ADS Kinder ganz speziell emotional. Man sagt, sie seien
impulsiv. Sie können ihre Emotionen nicht so gut steuern. Sie haben sehr stark
überschiessende Emotionen.

[00:07:34.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie verfügen über eine schnelle, starke, emotionale Reaktionsbereitschaft.

[00:07:40.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Das macht sie sehr herzlich, liebevoll, wenn es positiv ist.

[00:07:42.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie verrückt werden, dann macht es es ein bisschen schwieriger. Dann können
sie stark reinfahren, böse Dinge sagen. Gegenstände zerstören. Das Zimmer
zusammen schlagen, die Türe schletzen, sodass der Türrahmen rausfällt. Lauter
solcher Dinge.

[00:07:52.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern haben dann die Tendenz zu sagen: das geht doch nicht, das kann ich nicht
zulassen, das darf ich ihm nicht erlauben, sonst meint er, er/sie könne das immer
machen.

[00:08:17.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt sehr emotionale Mädchen, die da auch sehr wild sein können.

[00:08:24.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wo die Emotionen so hoch schlagen, wo die Emotionen riesigen Wellen
machen, können sie nicht erziehen. Dann müssen sie aufhören zu erziehen. Wenn sie
dann dem Kind eine erzieherische Barriere setzen, dann gibt es nur eine Springflut.

[00:08:46.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bringe das Beispiel aus der Chaostheorie.

[00:08:48.840] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Chaostheorie schaut man Wellen an.

[00:08:53.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es zum Beispiel eine Welle hat auf dem Meer, die keine hohe Amplitude hat, aber
eine lange Wellenlänge, dann schiebt sich die über das Meer, und wenn sie an den
Rand kommt, also an das Ende des Meeres, an das Ufer kommt, und wenn dort eine
Mauer ist, dann peitscht sich die auf und es gibt eine Springflut.

[00:09:12.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie ihrem erregten ADHS/ADS Kind eine Mauer vor die Nase stellen, dann gibt es
einen Springflut.

[00:09:17.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann wehrt sich das Kind so stark dagegen, dass sie überrollt werden, dass das Kind
zerstörerisch wird. Das ist nicht gut.

[00:09:17.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick des emotionalen Ausbruchs, dürfen sie nicht erziehen, sondern sie
dürfen nur beruhigen. Sie dürfen dort nicht mit den Regeln kommen. Sie dürfen auch
nicht sagen: das geht doch nicht. Alle diese Sätze können sie weg lassen. Sie müssen
nur sich selber beruhigen und ruhig mit dem Kind Kontakt haben.

[00:09:49.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht sagen: geh weg, das toleriere ich nicht. Das ist Beziehungsabbruch und das
macht auch wieder Angst.

[00:09:56.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Liebesentzug macht Angst. Die Kinder sind angewiesen auf Beziehung zu uns Eltern
oder Erziehern. Darum sollte man eigentlich keinen Beziehungsabbruch machen,
sondern an erster Stelle sich selber beruhigen und ruhig im Kontakt bleiben.

[00:10:12.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Emotionen kann man nicht erziehen. Emotionen kann man nur beruhigen.

[00:10:12.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Dieses Wissen, müssen wir auch in der Psychiatrie verwenden. Wenn ein Patient
absolut ungepflegt und emotional aus dem Häuschen herein stürmt, kann man nicht
sagen: das geht nicht. Man muss selber ruhig mit ihm Kontakt aufnehmen.

[00:10:32.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Emotionen sind in dem Moment, wo sie so stark Wellen schlagen, nicht mehr der
Kognition unterstellt. Dann kann man auch nicht argumentieren. Dann muss man
aufhören mit argumentieren.

[00:10:47.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ein Pferd wild tut, kann man auch nicht sagen: das geht nicht, das erlaube ich dir
nicht. Man muss sie eher ein bisschen laufen lassen und dann wieder zu sich nehmen.

[00:10:59.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man ein Kind, einen Jugendlichen, im Augenblick, wo er emotional aufgewühlt ist,
erziehen möchte, dann gießt man Öl aufs Feuer, bläst ins Feuer hinein und erhöht das
Feuer.

[00:11:14.840] – Dr.med. Ursula Davatz

Im Extremfall sage ich, sie bringen in dem Moment ihr Kind nicht zum Folgen. Sie
können es nicht führen. Sie müssen es zuerst beruhigen, bevor sie es wieder führen
können.

[00:11:26.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie rigid, also zu streng dahinter gehen, können sie ihr Kind tot schlagen und es
folgt trotzdem nicht.

[00:11:38.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht dann auch um Leben und Tod.

[00:11:40.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Man wird ja selber je nachdem so verrückt, dass man es fast nicht mehr aushaltet.

[00:11:45.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss man sich an die Regeln halten, halt, jetzt, stopp, nichts mehr erziehen, nur
noch sich selber beruhigen und dadurch dann auch das Kind beruhigen.

[00:11:57.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn dann der emotionale Sturm mal vorbei ist, wenn sich beide wieder beruhigt
haben, dann macht man eine sogenannte Nachbesprechung.

[00:12:10.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Das soll nicht eine Stunde später sein, es soll aber auch nicht zwei Wochen später sein.
Dann ist alles wieder vergessen. Es kann ein oder zwei Tage später sein. Es kommt
darauf an, wie es einem selber geht.

[00:12:10.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann man sagen: ich möchte gerne nochmals auf diesen Vorfall zurück kommen.

[00:12:24.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Das soll nicht am Mittagstisch sein. Nicht zwischen Tür und Angel.

[00:12:29.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Machen sie eine Sitzung mit ihrem Kind.

[00:12:34.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Gehen sie in ein Zimmer, machen sie die Türe zu. Der Partner dar nicht zuhören. Der
mischt sich sonst ein. Die anderen Geschwister dürfen auch nicht zuhören. Es ist eine
private Sitzung, zwischen ihnen und ihrem Kind.

[00:12:52.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Probleme werden nur in der Dual Beziehung gelöst, nicht wenn es noch Spektatoren
hat, Voyeure, die sich dann sogenannt vermeintlich hilfreich, reinmischen.

[00:13:02.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht abgeschlossen, aber Türe zu. Nicht gestört von irgendetwas. Auch nicht vor dem
Computer, du kannst sprechen und ich mache hier weiter. Das geht auch nicht.

[00:13:02.880] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Augenblick können sie sagen: ich möchte gerne nochmals zurück kommen auf
die Situation. Dann nochmals die Situation schildern.

[00:13:28.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Du bist dann und dann nach Hause gekommen. Nicht: du bist zu spät nach Hause
gekommen. Das ist schon eine Wertung.

[00:13:28.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen die Situation absolut wertfrei schildern.

[00:13:28.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Du bist um halb vier morgens nach Hause gekommen, ich habe die ganze Nacht
gewartet. Oder ich habe geschlafen, ich bin aufgewacht. Ich bin aufgestanden, es ist

mir das und das durch den Kopf gegangen. Ich habe das und das gesagt, du hast das
und das gemacht. Ich habe das und das, ich habe so reagiert und so weiter.

[00:13:48.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Einfach nur die Abfolge, wie das passiert ist.

[00:13:53.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann man auch eigene Fehler eingestehen. Ich glaube, das nächste Mal bleibe
ich nicht mehr auf.

[00:13:58.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich aufwache, dann warte ich bis am nächsten Morgen. Dann reden wir
miteinander. Das und das war von mir her ein Fehler.

[00:14:07.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann man die Regeln durchgeben.

[00:14:10.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich möchte, dass wenn du später nach Hause kommst, wie du mir gesagt hast, dass du
mir ein SMS schickst oder was auch immer.

[00:14:19.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann halt einfach seine Regeln durchgeben.

[00:14:22.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Kannst du das noch vollziehen?

[00:14:26.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Hast du einen Vorschlag für eine andere Regel? Also man handelt dann aus, was für
eine Regel.

[00:14:32.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Man schildert die Situation, man sagt dann seinen Wunsch.

[00:14:37.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht: du musst. Sondern: ich möchte.

[00:14:40.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf keinen Befehl mehr durchgeben, denn es sollte ja ein Erwachsener werden.
Er sollte lernen, mit sich selber umzugehen. Man sagt seine Regel und dann fragt man,
was seine Problemlösung ist.

[00:14:54.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Man könnte sogar sagen, dass das nicht so gut war, was man da gemacht hat.

[00:14:58.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Was ist deine Problemlösung?

[00:15:00.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Zuerst den Jugendlichen einen Vorschlag machen lassen und erst dann die eigenen
Regel durchgeben.

[00:15:08.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich als Therapeutin frage häufig zuerst den Jugendlichen, das und das Problem haben
wir. Wie siehst du es und was ist dein Lösungsvorschlag.

[00:15:12.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist gut, wenn man den Jugendlichen zuerst fragt, dann muss er mitdenken. Dann
kann er nicht einfach "Nein" sagen. Dann muss er selber einen Vorschlag machen.
Dann können sie antworten: das genügt mir nicht ganz, ich möchte noch ein bisschen
mehr. Meine Vorstellung ist so und so.

[00:15:28.600] – Dr.med. Ursula Davatz

Dann kann man aushandeln.

[00:15:28.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann landet man irgendwo, wo beide zufrieden sind.

[00:15:35.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht einfach nur befehlen: ich will das nie mehr, das geht nicht und sonst geschieht
das. Nicht mit befehlen, bedrohen und Bestrafung erziehen, sondern sie wirklich als
herangehende Erwachsene anschauen.

[00:15:57.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht noch ein weiterer Punkt, das haben sie schon bei ADHS/ADS Kindern
gemerkt als sie klein waren.

[00:16:07.720] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADS Kinder sind sehr stark von innen her gesteuert. Sie haben einen eigenen
Pilot, wenn sie etwas im Kopf haben, muss das durchgesetzt werden. Sie haben einen
Starrkopf oder sind eigensinnig.

[00:16:18.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick wo sie als Eltern sagen: nein, das geht nicht, bauen sie eine Mauer auf
und dann macht er seine Springflut.

[00:16:18.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus diesem Grund sollte man den ADHS/ADS Kindern nie sagen: nein, das geht nicht.
Das Nein kann man gleich weglassen. Das "Nein" unterbricht sie in ihrer Zielstrebigkeit.

[00:16:39.610] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADS Kinder und Jugendliche sind hyper motiviert, wenn sie etwas gefunden
haben, das ihnen gefällt.

[00:16:43.640] – Dr.med. Ursula Davatz

Wenn man von Ihnen etwas verlangt, das sie nicht mögen, sind sie überhaupt nicht
motiviert.

[00:16:48.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie etwas gefunden haben, das ihnen gefällt, und das finden sie, denn sie haben
immer Dinge, welche sie interessieren. Dann bremst man sie ab, dann löst das einen
Wutanfall aus.

[00:16:57.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Deshalb nicht "nein" sagen, sondern sie dort abholen, wo sie sind. Aha, ich sehe du
machst das und das gerne.

[00:16:57.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann sagen: mir ist wichtig, dass du das und das machst. Ich hätte es gerne so.

[00:17:11.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Das "Nein" überspringen, um die riesige emotionale Auflehnung zu verhindern. Es gibt
trotzdem noch eine Reaktion.

[00:17:23.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Sofort sagen, wie man es möchte. Man muss gar nicht sagen, wie man es nicht möchte,
sonder man muss sagen, wie man es gerne hätte. Im Augenblick, wo man sagt, wie
man es gerne hätte, dann versteht einem das Kind auch besser.

[00:17:37.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Häufig haben wir Regeln von unseren Eltern übernommen und wir wissen das gar nicht.

[00:17:41.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir merken erst, wenn das Kind irgendwelche Regeln überschreitet, dass wir das nicht
wollen.

[00:17:50.380] – Dr.med. Ursula Davatz

Im Augenblick, wo wir sagen müssen, wie wir es gerne hätten, müssen wir uns unseren
Regeln bewusst werden und müssen die ausdrücken.

[00:17:57.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, das ist eine sehr heilsame Angelegenheit. Das tut einem gut, wenn man sich
selber bewusst werden muss, was will man eigentlich? Nicht nur: was will man nicht.

[00:18:11.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man den Beruf ausgewählt hat, wusste man immer besser, dass will man nicht,
das will man nicht. Was man wollte, wusste man nicht richtig.

[00:18:19.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist schwieriger zu sagen, was man will, als was man nicht will.

[00:18:22.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Umgang mit ADHS/ADS Kinder das Nein weg lassen und sagen, was man will.
Sofort das Positive sagen.

[00:18:35.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man man die Regeln sagt, wie man es gerne hätte, das sagen mir die Eltern
immer: ich habe es ihm schon gesagt, aber er hört nicht auf mich.

[00:18:43.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann frage ich: wie haben sie es gesagt?

[00:18:43.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kommt meistens ein Beispiel, dass sie mit emotionalem Nachdruck etwas sagen.

[00:18:58.550] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADS Kinder sind sehr sensibel. C'est le ton qui fait la musique, sie hören, was
hinten dran an Emotionalität läuft. Wenn man zu viel Druck aufsetzt, dann machen sie
nur Gegendruck und hören gar nichts.

[00:19:13.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage den Eltern: sie müssen selber überzeugt sein von dem was sie sagen, von der
Regel, welche sie sagen. Nicht das Kind überzeugen wollen.

[00:19:16.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Je weniger man überzeugt ist, umso mehr will man es Gegenüber überzeugen.

[00:19:27.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Man will das Gegenüber zu einer Kooperation zwingen, das geht nicht.

[00:19:42.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss selber überzeugt sein. Das mit einem überzeugten Standpunkt sagen. Dann
ein bisschen warten können. Dann ist es oft erstaunlich, wie gut das Kind übernimmt.

[00:19:42.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie dem Kind ihre Regeln den Hals runter stopfen wollen, nimm hier, friss endlich,
dann gibt es nur Abwehr und dann haben sie gar nichts.

[00:20:07.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist etwas sehr schwieriges für Eltern, dass sie lernen eine eigene Überzeugung zu
haben. Die Eltern müssen eine mentale Kraft entwickeln. Bevor sie zum Kind hingehen
müssen sie wirklich überlegen: kann ich das, möchte ich das, will ich das, setzte ich
mich durch und das dann mit der notwendigen Überzeugung sagen.

[00:20:21.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie zögern und sagen: es geht sowieso nicht, ich erreiche das nicht, dann
müssen sie gar nichts sagen.

[00:20:26.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Das den Eltern beizubringen, ist manchmal ein bisschen schwierig.

[00:20:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich den Eltern versuche, Rückenstütze zu geben und zu sagen, was ihre Regeln
sind, dann sagen sie, dass ich es schon kann, aber es geht sowieso nicht.

[00:20:39.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich dann sage, dass sie es so oder so machen können, dann sagen sie: ja, ja
schon versucht, das geht aber nicht.

[00:20:43.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man die Haltung hat, dass es nicht geht, dann geht es nicht. Dann müssen auch
gar nicht erst damit beginnen. Man muss wirklich überzeugt sein.

[00:20:59.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich komme wieder mit einem Beispiel aus der Tierwelt. Wenn man reitet und man denkt:
ich kriege das Pferd nicht dorthin wo ich möchte oder nicht über das Hindernis, dann
geht es sicher nicht. Das Pferd spürt über den Körperkontakt der Beine: die ist unsicher.
Die weiss nicht was sie möchte, dann macht das Pferd was es möchte.

[00:21:11.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss eine gewisse innere Kraft entwickeln und dann die Regeln sagen.

[00:21:15.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich die Eltern frage: was geht nicht, dann sagen die: alles. Dann antworte ich: das
geht nicht. Sie müssen etwas heraus wählen.

[00:21:21.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Lieber nur ein paar wenige Dinge dran nehmen und die eine nach der anderen
durchsetzen, also 100'000 Dinge und alle gehen nicht. Sie müssen sich reduzieren auf
ein paar wenige Dinge und dann langsam an den Feinheiten schleifen.

[00:21:38.490] – Dr.med. Ursula Davatz

Ich frage die Eltern: was sind für sie die drei wichtigsten Dinge? Dann müssen die
Eltern wählen.

[00:21:38.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann schaut man und arbeitet daran.

[00:21:48.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann Kinder auf verschiedene Arten erziehen. Mit Befehlen, mit Bestrafung oder
mit Emotionalität und Schuldgefühlen.

[00:22:16.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Erziehung durch Schuldgefühle, da bin ich ganz scharf drauf, ist keine gute Sache.

[00:22:16.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe natürlich viele Patienten, die unter ihren Schuldgefühlen leiden, wo es dann
wirklich einen Krankheit daraus gibt. Das ist nicht gut.

[00:22:26.700] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Pubertät ist man sehr impulsiv und emotional aufgewühlt. Man hat aber auch ein
sehr großes soziales Gefühl. Eein riesiges Gerechtigkeitsgefühl.

[00:22:39.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch wenn ein Kind noch so aggressiv ist, noch so impulsiv ist, hinten dran sind
trotzdem riesige Schuldgefühle.

[00:22:47.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte eine Patientin, die ist wie verrückt über ihre Mutter hergefallen. Hinterher,
wenn sie die Mutter so schlecht behandelt hatte, hatte sie riesige Schuldgefühle. Die
Mutter dachte, es sei ihr völlig egal, der macht das gar nichts.

[00:23:02.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Operieren sie nicht mit ihrem eigenen Leiden.

[00:23:09.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn du so böse bist, dann geht es mir schlecht.

[00:23:11.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn du so böse bist, dann macht der Vater einen Herzinfarkt.

[00:23:12.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Der kleine Bruder hat keinen Platz mehr.

[00:23:17.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Holen sie nicht die Krankheiten rein, nicht die eigenen, nicht die von einem
Geschwister, nicht die vom Partner um das Kind zum Gehorsam zu bringen.

[00:23:24.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist keine gute Methode.

[00:23:35.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist wichtig, dass sie selber hinstehen und sagen, was sie wollen.

[00:23:40.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist erstaunlich, wenn sie hinstehen und sagen, was sie wollen.

[00:23:43.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch wenn das Kind nicht sofort gefolgt. Ein paar Jahre später hat es alle ihre Regeln
doch sehr gut aufgenommen.

[00:23:51.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte mal eine jüdische Mutter mit einem ADHS/ADS Jungen.

[00:23:53.900] – Dr.med. Ursula Davatz

Die Mutter hat gesagt, ihr Sohn mache nichts von dem, was sie will.

[00:23:59.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe gesagt: glauben sie mir, er wird wahrscheinlich mehr von ihren Regeln
aufnehmen. In fünf Jahren werden sie es sehen. Fünf Jahre später ist sie gekommen
und hat gesagt: sie hatten recht.

[00:24:09.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat die Regeln besser aufgenommen als seine Geschwister, obwohl er sich zuerst
fürchterlich dagegen gewehrt hat.

[00:24:19.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich verlange viel von den Eltern. Selbstverständlich dürfen sie auch mal menschlich
sein und ausrasten und auch alles falsch machen.

[00:24:26.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist nicht so schlimm. Kinder sind auch Menschen und die können das auch sehen.

[00:24:28.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal ist das sogar notwendig, dass sie sehen, meine Mutter, mein Vater ist nur ein
Mensch, auch er verliert manchmal die Pedale.

[00:24:41.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Nich auf das Kind zu schiessen, wenn man emotional wird, sondern in die Luft zu
schiessen. Ich bin so verrückt, ich halte es nicht mehr aus. Ich weiss nicht mehr, was.
Nicht: du bist der Hinterletzte und Unmögliche. Also nicht auf die Person losgehen.

[00:24:57.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Denken sie immer daran: es geht um die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes. Wir
wollen die stärken, nicht schwächen.

[00:25:06.900] – Dr.med. Ursula Davatz

Sie dürfen schon schwach sein, aber mit dieser Schwäche nicht ihr Gegenüber
erdonnern, sondern die Schwäche einfach zeigen, ein hysterischer Anfall haben, das
macht alles nichts.

[00:25:17.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Davonlaufen in der Wut und für sich selbst schauen.

[00:25:24.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Generell, das sage ich natürlich den Eltern: versuchen sie den Fels in der Brandung zu
sein.

[00:25:31.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind älter, sie sind erfahrener, sie haben ihren Job, sie haben ihre Position. Seien
sie daher nachsichtig, wenn das Kind ein bisschen daneben schlägt.

[00:25:32.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Das drücke ich wiederum mit einem Satz aus: Sie müssen dem Kind Welpenschutz
geben.

[00:25:33.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen nicht gleich zurück schiessen, wie das Kind gegen sie schiesst.

[00:25:48.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie in die Versuchung kommen, dann schiessen sie bitte in die Luft.

[00:25:52.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Das macht auch Eindruck und ist weniger zerstörerisch.

[00:25:56.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht ganz schnell ein Beispiel.

[00:26:02.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei einem ADHS/ADS Kind wurde die Diagnose erst mit 15/16 Jahren gestellt. Die
Kinderärztin hat mir die Familie geschickt. Der Sohn hatte noch keine Lehrstelle, hat
sich in der Schule daneben benommen, gefehlt, die Noten nicht erreicht, usw. Er hat
dann eine Lehrstelle gefunden. Ich habe ein einziges Mal mit dem Lehrmeister
telefoniert. Der Lehrmeister hat gesagt. doch es ist alles in Ordnung, ich nehme ihn
gerne, aber irgendetwas ist komisch mit ihm. Ich antwortete: ja, sie haben Recht, der
hat ein ADHS/ADS.

[00:26:49.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe gesagt: nehmen sie den ganz nahe an sich ran, dass sie ihn führen, er
akzeptiert nur den Chef. Wenn jemand anderes ihm Befehle gibt, dann geht das nicht
so gut. Ok, verstanden.

[00:27:00.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Chef hat ihn zu sich genommen, der Junge war sehr stolz, dass er immer für den
Chef arbeiten darf. Er war sehr motiviert.

[00:27:00.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern sind vor seinem Stellenantritt zusammen in die Ferien gefahren. An der
Grenze zu Italien erhalte ich eine Telefon von den Eltern. Grosse Verzweiflung. Der
Junge ist davon gelaufen, das Auto ist zusammen gebrochen. Der Junge ging nach
Hause.

[00:27:14.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Er wollte an ein Konzert gehen. Er ist nur wegen der Mutter mitgekommen, eigentlich
wollte er nach Hause. Diskussion am Telefon, hin und her, Krisenintervention,
schlussendlich sind sie mit ihm nach Hause gegangen und er durfte sein Konzert
besuchen. Es war ein grosses Durcheinander.

[00:28:00.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat die Lehre angefangen. Vor einem Monat habe ich mit der Mutter gesprochen. Sie
hatte grosse Freude an ihrem Sohn, er hat sich sehr gut entwickelt. Ich habe die Mutter

noch ein paar Mal beraten, wie sie mit ihrem Sohn umgehen soll. Sie hat es gelernt. Der
Vater hat es noch nicht ganz so gut gelernt. Die Mutter hat es gelernt. Der Sohn hat
sich sehr gut entwickelt. Er hat aufgehört mit Haschisch rauchen und sucht jetzt einen
anderen Lehrmeister, weil es zu Ende gelaufen ist.

[00:28:15.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit dem möchte ich sagen: auch wenn etwas ganz schreckliches gelaufen ist, nach
fürchterlicher Eskalation ausgesehen hat die Mutter hat wirklich gelernt mit dem
umzugehen und sagt jetzt, dass er ein gefreuter junger Mann ist, sie sei so stolz auf ihn.
Davor sagte sie: ich könnte ihn auf den Mond schiessen.

[00:29:01.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Soviel zum Umgang mit den Emotionen.

[00:29:08.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt zum Thema: Umgang mit dem Lernverhalten, der Schule und der beruflichen
Laufbahn.

[00:29:13.270] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Pubertät, sollte man wenn man nicht weiter in den Schule geht, z.B. ins
Gymnasium, entscheiden, was man werden möchte, was man lernen möchte.

[00:29:24.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt ADHS/ADS Kinder, die sehr intelligent sind, eine schnelle Auffassungsgabe
haben und dann einfach wieder in die Schule gehen. Das ist einfach für die. Dort
kommen die Probleme erst später. Es gibt Kinder, die eher praktisch begabt sind, die
vielleicht noch eine Lernstörung dazu haben, die gehen dann eher in eine Lehre.

[00:29:24.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Kanton Luzern kenne ich das System nicht. Ich komme aus dem Kanton Aargau.
Dort haben wir Realschule, Sekundarschule oder Bezirksschule.

[00:29:37.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Beim Übertritt von der Primarschule oder Sekundarschule in die Bezirksschule oder
Lehre, da haben die Eltern wahnsinnig Angst, der ist nicht gut in dem Fach und in dem
Fach, dann findet er keine Lehrstelle, er hat eine schlechte Note im Betragen, was
mache ich jetzt, oh Schreck.

[00:30:07.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern machen Panik, wenn die Kinder abgehängt werden.

[00:30:11.550] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Pubertät interessieren sich die Kinder oft für andere Dinge, mit dem anderen
Geschlecht, mit sozialen Dingen. Die Schule kann dann langweilig und sekundär sein.

[00:30:31.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt Lehrer, denen es gelingt, die Schule attraktiv und interessant zu behalten. Dann
gehen die Kinder gerne in die Schule. Falls das nicht gelingt, lassen sie das einfach
hängen.

[00:30:36.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Falls die Kinder noch eine Lernstörung haben, sieht man immer wieder die Eltern,
welche mit den Kindern lernen.

[00:30:39.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Dazu sage ich prinzipiell: tun sie das nicht.

[00:30:46.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sollten Mutter und Vater sein. Sie sollten kein Lerncoach sein.

[00:30:46.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es ganz gut geht, dann sicher nicht aufhören. In der Regel klappt das nicht so
gut. Man verliert die Geduld, das Kind möchte von der Mutter oder vom Vater sich nichts
sagen lassen.

[00:30:53.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Machen sie sich ihre Beziehung nicht kaputt durch das Lernen mit dem Kind, bis Nachts
um 12 Uhr, beide sind müde, am Morgen müde, etc.

[00:31:31.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Verantwortung für das Lernverhalten dem Kind abgeben, auf eine ruhige Art, als
Ritual. Nicht im Sinne von: du regst mich auf, blas mir in die Schuhe, ich tue jetzt nichts
mehr, du musst selber schauen.

[00:31:39.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss einen guten Moment finden, vielleicht in der Sommerferien oder in den
Frühlingsferien oder in den Weihnachtsferien, jetzt beginnt die Schule wieder, ich habe
mir das überlegt. Wir hatten immer Streit zusammen, ich finde jetzt, dass du alt genug
bist, ich übergebe dir deine Lernverantwortung.

[00:31:47.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage den Eltern man soll die Lernverantwortung mit einem kleinen Talismann
übergeben. Mit einem Schlüsselring, mit einer Halskette oder sonst einem Gegenstand,
einem schönen Stein, irgendetwas mit einer symbolischen Kraft, im Sinne von der
Selbstverantwortungsübergabe.

[00:32:19.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht um die Verantwortungsübergabe.

[00:32:23.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann man sagen: wenn du Hilfe von mir möchtest, dann stehe ich dir gerne zur
Verfügung aber nicht mehr nach der 22 Uhr Abends und du musst es einen Tag vorher
anmelden. Sonst kann ich nicht.

[00:32:35.320] – Dr.med. Ursula Davatz

Ich muss es in meinem Kopf auch einplanen, sonst bin ich nicht geduldig und habe
vielleicht noch andere Dinge im Kopf und dann geht es nicht. Das Kind muss lernen zu
planen.

[00:32:42.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mutter oder der Vater stehen nicht mehr jederzeit zur Verfügung, auch Nachts um
12 Uhr, einfach damit es eine gute Note gibt.

[00:32:52.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern sagen dann: er verpasst den Übertritt, dann hat er keine Chance.

[00:32:52.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann sage ich: dann muss er es halt verpassen, er oder sie lernt so besser, als wenn
sie ständig hinten dran stehen. Das geht nicht.

[00:33:25.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist oft schwierig aber ich behaupte, die Kindern lernen besser, wenn die Eltern das
so übergeben.

[00:33:30.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Selbst wenn die Kinder einmal repetieren müssen oder provisorisch werden, die Eltern
sind die schlechtesten Lerncoaches.

[00:33:30.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern müssen Eltern bleiben.

[00:33:30.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Falls es nicht reicht, kann man jemanden externes organisieren, der speziell für das
ausgebildet ist. Das kostet natürlich Geld, wenn es nicht innerhalb von der Schule ist.

[00:33:41.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist gut investiertes Geld und sie schonen dadurch ihre Nerven.

[00:33:45.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ihre Nerven kaputt gehen, zahlt das zwar die Krankenkasse, aber alles in allem
angeschaut, ist es gut investiertes Geld, wenn sie jemanden Professionelles reinholen.

[00:34:02.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Verantwortung für das Lernen dem Kind übergeben, aber nicht durch ein
Hinschmeissen in der Wut, aus Verzweiflung und Ohnmacht, sondern eine ganz klare
Stab Übergabe, so wie bei der Stafette, als Ritual.

[00:34:20.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Der nächste Punkt ist Umgang mit Lernen. Das braucht zum Teil sehr lange. Manchmal
glauben es die Eltern nicht und sie können es nicht lassen, sie sind halt ehrgeizig mit
ihrem Kind. Dann sage ich immer wieder das Gleiche, an dieser Stelle muss ich dann
die Geduld haben, bis die Eltern verstehen, dass es besser geht.

[00:34:49.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein weiterer Punkt ist der Umgang mit Geld.

[00:34:49.760] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADS Kinder sind Kinder, die impulsiv sind und viele davon geben ihr Geld auch
impulsiv aus. Es wird impulsiv gekauft, es wird vielleicht impulsiv verschenkt, es wird
impulsiv eingeladen, man kauft sich zum Teil auch Gunst bei den Kollegen oder solche
Dinge. Das Geld fliesst einfach davon.

[00:35:07.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann sagen die Eltern: er/sie kann noch nicht mit dem Geld umgehen, ich muss das
Geld für die Kinder verwalten.

[00:35:17.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann sage ich falsch: damit das Kind lernt, mit dem Geld umzugehen, muss es Geld
verwalten dürfen.

[00:35:31.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin eine Vertreterin von Taschengeld ab 12 Jahren oder früher. Eltern sagen dann:
ich gebe das Taschengeld lieber jeden Tag, er kann mich ganz schlecht fragen.

[00:35:44.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Beim kleinen Kind kann man das Taschengeld pro Woche geben. Ab 12 Jahren würde
ich das Taschengeld pro Monat geben, damit das Kind lernt, sein Geld selber zu
verwalten. Dann sieht das Kind, wenn das Geld weg ist. Wenn am ersten Tag schon
alles ausgegeben ist, dann hat das Kind kein Geld mehr.

[00:36:01.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann wird häufig gesagt: dann fährt das Kind schwarz, dann hat das Kind nichts zu
essen, dann gebe ich dem Kind einfach wieder Geld.

[00:36:13.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt ganz klar eine Summe pro Monat. Es wird kein Vorbezug gemacht. Die Kinder
dürfen nicht zu Mutter oder Vater das Geld ausleihen gehen. Ich muss auf den Zug,
gibst du mir fünf oder zehn Franken. Ich gebe es dir dann wieder zurück. Solche Dinge
nicht tun. Am Schluss hat man so keine Übersicht mehr.

[00:36:34.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein festes Taschengeld, nicht pumpen, nicht Vorschuss geben.

[00:36:37.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Das fällt den Müttern meistens schwer, manchmal auch den Vätern. Sie schieben
immer Geld hinterher.

[00:36:47.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Man gibt Geld, man schiebt Geld hinterher, man lässt das Kind Übergriffe auf einem
machen und man macht Übergriffe auf das Kind. Dann sagt man: du musst dann, du

solltest dann, du musst sparen, hast du schon wieder, was hast du schon wieder
gemacht?

[00:37:04.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Das bringt alles nichts.

[00:37:04.300] – Dr.med. Ursula Davatz
All das Gerede der Eltern dem Kind gegenüber bringt gar nichts. Nur die Handlung
bringt etwas.

[00:37:18.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann sagen die Eltern: er fährt schwarz und wird erwischt. Das wird notiert.

[00:37:22.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort sagen die Eltern: ich möchte nicht, dass er einen Eintrag im Strafregister bekommt,
als chronischer Schwarzfahrer. Wenn es weiter geht, kommt die Juga, die
Jugendanwaltschaft.

[00:37:45.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Jugendanwaltschaft ist auch noch keine Gefahr. Mit denen kann man
zusammenarbeiten und die können einem dann eine juristische Hilfe geben, sodass
man ein bisschen stärker ist als Eltern.

[00:38:00.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Muss man nicht Angst haben vor der Strafe und der Jugendanwaltschaft. Die sind
eigentlich eine Hilfe für einem.

[00:38:08.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man das Kind freikauft, damit es nicht mit dem Gesetz in Kontakt kommt oder
Gesetze übertritt, dann tut man dem Kind einen schlechten Dienst und man macht eher
weiter.

[00:38:12.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Fixes Taschengeld, kein Vorschuss und nicht Nachzahlen. Verhungern muss das Kind
nie. Das Kind wohnt zu Hause, hat ein kostenloses Bett. Wenn es zum Mittag nichts zu
essen hat, kann das Kind ein Brötchen mitnehmen. Dann verhungert das Kind auch
nicht. Man muss nicht Angst haben, das Kind wird nicht existentiell bedroht.

[00:38:24.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Das mit dem Schwarzfahren lösen dann viele, indem sie ein Abonnement kaufen. Das
ist auch eine Möglichkeit. Die Kinder vergessen das immer, lassen es irgendwo liegen.
Dann macht man am besten ein Doppel.

[00:38:46.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Keine Schulden bezahlen. Sie beginnen Geld auszuleihen bei ihren Freunden. Der
bedroht mich, der macht das. Dann kann man immer noch sagen: dann kann er zu mir
kommen, dann spreche ich mit ihm, nicht bezahlen.

[00:39:04.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Keine Schulden bezahlen und keinen Vorschuss geben. Keine Löcher stopfen.

[00:39:23.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein weiterer Punkt ist der Umgang mit der eigenen Sexualität. Je nachdem wie man
selber aufgewachsen ist, was man für eine Moral hat, ist man zugeknöpfter oder
offener.

[00:39:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Umgang mit der eigenen Sexualität ist natürlich etwas ganz, ganz Wichtiges, auch
für ADHS/ADS Kinder.

[00:39:50.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist sehr gut wenn sie eine Freundin oder einen Freund haben. Anhand von einer
Freundin oder einem Freund, lernt man auch wieder seine Hörner abstoßen.

[00:40:01.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Oft sind sie dann dort auf einmal sehr zuvorkommend, nett und freundlich, im
Gegensatz zur Mutter oder zum Vater.

[00:40:08.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist auch toll.

[00:40:09.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann sehen wir, die können ja das. Es ist ja gar nicht so, dass sie so rüppelhaft sind.

[00:40:15.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Was die Sexualität anbetrifft, ist auch wieder wichtig, dass man nicht die Sexualität
kontrollieren will, sondern dass man auch dort wieder seine Wertvorstellungen sagt,
ohne dass man befiehlt.

[00:40:37.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Wertvorstellungen sagt, lebt, wenn man selber eine Affäre hat und dem Kind sagt, das
gehört sich nicht, dann kommt das natürlich nicht so gut rüber.

[00:40:49.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt viele Kinder, die dann selber herausfinden, dass ihre Eltern eine Affäre haben.
Dann ist es mit dieser moralischen Erziehung ein bisschen schwierig.

[00:40:57.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Kinder hören dann auch nicht richtig hin.

[00:41:02.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Wichtig ist, dass sie ihre eigene Moralvorstellung präsentieren, mit Überzeugung
darlegen, ohne dass sie überzeugen wollen.

[00:41:08.240] – Dr.med. Ursula Davatz

Die kann unterschiedlich sein. Die kann auch zwischen Mann und Frau unterschiedlich
sein. Das macht nichts.

[00:41:20.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Anhand der Wertvorstellungen, können sich die Kinder orientieren. Das tut den Kindern
gut. Auch dort wieder dem Kind Eigenverantwortung übergeben, so wie für das
Lernverhalten, auch für die Sexualität Eigenverantwortung übergeben.

[00:41:31.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Zuletzt noch der Umgang mit Drogen. Drogen sind heute allgegenwärtig. Ich habe vor
Jahren an der Kantonsschule Luzern einen Vortrag gehalten über Drogenprävention:
Viel Wissen über Krankheit, macht noch nicht gesund.

[00:41:30.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Wissen, dass Drogen schädlich sein können, hindert nicht daran, dass man sie
nimmt.

[00:42:04.720] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADS Kinder nehmen eher häufiger Drogen.

[00:42:07.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie nehmen häufig Drogen als Selbstmedikation.

[00:42:10.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe an einer ELPOS Weiterbildung gehört wo die Mutter gesagt hat: ich bin froh,
wenn er Haschisch raucht, dann ist er besser zu haben.

[00:42:17.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Es stimmt natürlich, das hyperaktive Verhalten der ADHS/ADS Kinder kommt ein wenig
herunter, wenn sie Haschisch rauchen. Im Cannabis hat es einen Stoff, der beruhigt.
Das macht sie ein wenig ruhiger. Dann sind sie ein bisschen angenehmer. Sie sind ein
bisschen zu und es ist ihnen alles ein bisschen egal. Das ist natürlich nicht so gesund.

[00:42:42.410] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Pubertät sollte man lernen, sich mit dem Umfeld auseinandersetzen.

[00:43:02.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Die psychosoziale Entwicklung läuft über die Auseinandersetzung mit dem Umfeld.

[00:43:08.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem man Drogen nimmt, setzt man sich nicht mehr so gut auseinander.

[00:43:12.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem man Haschisch nimmt, ist einem alles ein bisschen wurscht und dann setzt man
sich nicht mehr auseinander und dann lernt man nicht. Man bleibt ein Kindskopf.

[00:43:20.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kommt noch dazu, und das weiss man heute, ich habe am Anfang gesagt: die
genetische Veranlagung und das Umfeld, das zusammen ergibt die Krankheit.

[00:43:25.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Dazu gibt es auch Untersuchungen, wo man das beweisen kann.

[00:43:25.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt Kinder, die bei Haschisch Konsum eine Psychose machen, also einen
schizophrenen Schub machen.

[00:43:34.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Das weiss man vorher nicht.

[00:43:38.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke sogar, dass ADHS/ADS Kinder ein wenig mehr gefährdet sind mit Cannabis
einen psychotischen Schub zu machen, als andere die kein ADHS/ADS haben.

[00:43:51.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich will ihnen damit nicht Angst machen.

[00:44:01.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich muss trotzdem mein Wissen irgendwie weiter geben. Deshalb ist es wichtig, dass
man in Bezug auf Drogen auch wieder eine klare Haltung hat.

[00:44:09.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Es läuft in Kalifornien, Luxemburg, Zürich, wo sie sagen, dass Haschisch gar nicht
gefährlich ist. Bei gewissen Kinder macht es nichts ausser, dass man sich psychosozial
nicht entwickelt, man bleibt ein Kindskopf.

[00:44:18.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Leute aus den 1968er Jahre, welche ständig Haschisch geraucht haben, sind zum
Teil sehr kindlich zurück geblieben.

[00:44:28.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich komme auch aus den 1968er Jahren, aber ich kann nicht rauchen.

[00:44:41.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Man beraubt sich seiner psychosozialen Entwicklung.

[00:44:49.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man eine gewisse genetische Prädisposition hat, wo man noch nicht genau
weiss, was das ist, aber es gibt eine, wenn man Cannabis raucht, kann es zu einer
Schizophrenie führen.

[00:45:02.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir in der Psychiatrie haben viele erlebt und die Psychose hat zugenommen mit dem
vermehrten Cannabis Konsum.

[00:45:13.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist jammerschade.

[00:45:14.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man dann sagt, Cannabis macht einfach nichts, ist das falsch.

[00:45:20.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch bei den Drogen dürfen sie als Eltern kein Verbot aussprechen: du darfst das nicht.

[00:45:25.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich finde es schädlich, ich finde es nicht gut für dich, ich möchte das nicht.

[00:45:34.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können es nicht verbieten.

[00:45:35.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich verbiete dir das, das geht nicht.

[00:45:38.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind muss Eigenverantwortung übernehmen und selber schlussendlich
beschließen, das es nicht geht.

[00:45:45.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte solche, die Cannabis geraucht haben, die psychotisch wurden.

[00:45:49.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Fast alle, mit ganz wenigen Ausnahmen, die ich nicht von Anfang an hatte, haben
gelernt, innerhalb von zwei Jahren damit umzugehen. Das heisst, zu sagen: nein, das
ist für mich kein Thema mehr. Ich will es nicht mehr, ich mache es nicht mehr.

[00:46:05.380] – Dr.med. Ursula Davatz

Die lernen schlussendlich, keinen Cannabis mehr zu rauchen.

[00:46:09.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen es nicht verbieten.

[00:46:10.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht müssen sie noch ein paar Mal reinfallen, aber sie müssen es nicht verbieten.

[00:46:15.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht einfach nicht.

[00:46:16.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch bei den Drogen gilt die gleiche Haltung, die gleiche Regelung. Eine klare Haltung
haben. Diese klar zum Ausdruck bringen. Nicht überzeugen wollen, sondern selber
überzeugt sein.

[00:46:30.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe Vorträge gehalten über Drogen und so weiter. Meine Teenager Tochter hat
immer zu mir gesagt: du bist hinter dem Mond zu Hause, du verstehst nichts.

[00:46:32.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Die haben alle Haschisch versucht.

[00:46:39.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe gesagt, es sei mir egal, wenn du findest, ich sei hinter dem Mond zuhause.
Das ist meine Haltung. Ich finde, Haschisch muss man nicht unbedingt konsumieren.

[00:46:51.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Man bleibt ein Kindskopf.

[00:46:51.360] – Dr.med. Ursula Davatz

Ich habe ein Buch heraus gegeben: wie bewahren wir unsere Kinder vor der
Drogensucht.

[00:46:51.376] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.buchfix.ch/contents/de-ch/p15497_Wie-bewahren-wir-unsere-Kinder-vor-der-Drogensucht.html

[00:46:51.430] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Buch sage ich: es macht Jugendalzheimer.

[00:47:04.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Man verblödet früh.

[00:47:08.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Irgendwann verblöden wir alle einmal vielleicht, weil das Gehirn mit der Zeit abbaut.

[00:47:08.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist Jammerschade, wenn ein Jugendlicher sein Gehirn schon mit 16 Jahren abbaut.

[00:47:23.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Es Untersuchungen, wenn chronische Cannabis Konsumenten, in Nordafrika heisst es
"Quads", es ist die gleiche Wirkstoffsubstanz.

[00:47:34.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn chronische Quads Konsumenten Autounfälle gemacht haben, man hat ihre
Gehirne angeschaut, dann war das Gehirn geschrumpft.

[00:47:38.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man bei den Schizophrenen eine Hirnanalyse macht, da hat man nicht operieren
müssen, man kann ja das heute so darstellen, die Schizophrenen hatten dann auch ein
geschrumpftes Hirn. Das hat verschiedene Ursachen, weil die meistens sehr isoliert
leben und keine Stimulierung mehr haben.

[00:48:00.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Diejenigen, welche schizophren waren und Cannabis geraucht haben, deren Hirn ist am
meisten geschrumpft.

[00:48:04.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Das zeigt klar: Cannabis zusammen mit Schizophrenie ist schädlich für die Entwicklung
eines Menschen.

[00:48:04.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Mir tut es immer unglaublich leid, wenn ich Jugendliche sehe, die in eine chronische
Laufbahn laufen, über Cannabis konsumieren und dann eine Psychose haben.

[00:48:27.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber wie gesagt, nicht kontrollieren, nicht nachspionieren, eine klare Haltung und mit
jemandem zusammenarbeiten, der ihnen dann vielleicht hilft und Unterstützung gibt.
Dann lernen die Jugendlichen innerhalb von einem halben Jahr, spätestens nach zwei
Jahren, von dem wieder abzusehen. Mit ganz wenigen Ausnahmen.

[00:48:50.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt komme ich zur Schlussbemerkung.

[00:48:52.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich parodiere einen Satz, den ich in meiner medizinischen Laufbahn gehört habe, mal
von einem Chef von mir. Man sagt: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

[00:49:07.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich nein. Im Umgang mit dem ADHS/ADS Kind sage ich genau das Gegenteil. Kontrolle
ist schlecht, Selbstkontrolle ist besser.

[00:49:18.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Dem ADHS/ADS Kind früh Selbstkontrolle zu übergeben ist besser.

[00:49:26.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Oft weiß das ADHS/ADS Kind selber besser, was gut für es ist. Lernt es auch besser,
als wenn man ständig rein redet.

[00:49:33.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf sich und man soll sich mit einem ADHS/ADS Kind auseinandersetzen, aber
nach Möglichkeit auf eine ruhige gute Art, wo man gut bei sich selber bleibt und sich
nicht immer wieder in einen emotionalen Sturm begeben.

[00:49:54.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine authentische, ehrliche, standhafte Auseinandersetzung ohne rigide dabei zu sein.

[00:50:03.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hilft dem ADHS/ADS Kind besser sich zu einer gesunden, interessanten
Persönlichkeit zu entwickeln als ständig an ihm rum zu machen.

[00:50:13.930] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADS Kinder muss man früher loslassen, im Sinne von, sie wissen besser, was
für sie gut ist, als wir.

[00:50:26.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bringe zum Abschluss nochmal so ein Beispiel aus der Chaostheorie von den
Turbulenzen.

[00:50:32.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich musste mal anstehen für einen Abflug. Da habe ich zwei Piloten miteinander reden
gehört und die haben gesagt: im Notfall, wenn das Flugzeug in Turbulenzen kommt, das
Steuer dem Flugzeug übergeben. Das Flugzeug weiss es besser als wir Piloten.

[00:50:51.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Flugzeug passt sich den Strömungen an und schaukelt so durch.

[00:50:58.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir eingreifen, haben wir die Tendenz zu Übersteuern. Dann übersteuern wir
auch das ADHS/ADS Kind. Dann gibt es eine Schleuderbewegung. Dann schleudert es
uns und das Kind raus. Das ist nicht so gut.

[00:51:13.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gleiche lernt man beim Fahren auf Eis. Ich habe noch nie einen Schleuderkurs
gemacht. Aber ich bin manchmal ein wenig zu schnell gefahren auf dem Schnee.

[00:51:21.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man einen Schleuderkurs macht, sollte man das Steuerrad mit einem Finger
halten können, damit man nicht übersteuert.

[00:51:29.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Also sanft halten, denn auf rutschigen Flächen, wenn man dort übersteuert, dann
versperrt es sich und dann schleudert man viel mehr.

[00:51:39.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sind so ein paar Bilder, die man für die ADHS/ADS Kinder verwenden kann.

[00:51:43.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Erzieher haben häufig die Tendenz ADHS/ADS Kinder zu übersteuern und das
kommt nicht gut.

[00:51:49.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Lieber ihnen das Steuer früher übergeben mit Haltungen und Regeln. Das ist der
Gartenzaun.

[00:51:59.000] – Dr.med. Ursula Davatz

ADHS/ADS Kinder muss man die Feinsteuerung selber machen lassen, als sie
übersteuern und dann Persönlichkeitsstörungen oder psychische Krankheiten daraus
zu machen.

[00:52:08.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Gibt es eine brennende Verständnisfrage?

[00:52:18.340] – Bemerkung 1
Können sie noch etwas zum Schlaf sagen?

[00:52:25.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Schlaf steht im Zusammenhang mit Aktivphase und Ruhephase.

[00:52:41.820] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADS Kinder sind natürlich sehr aktiv. Es gibt solche, die dann ein bisschen
weniger Schlaf brauchen als andere.

[00:52:49.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sie am Tag dann zu fest übersteuert und zu weit hoch treibt, dann können
sie auch nicht mehr schlafen.

[00:52:57.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Schlaf kann man nicht befehlen.

[00:53:01.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Du musst jetzt schlafen.

[00:53:03.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie das beim Kind probieren, geht es nicht.

[00:53:04.800] – Dr.med. Ursula Davatz

Bei ADHS/ADS Kinder ist es wichitig, bevor man ins Bett geht, oben runter fahren.

[00:53:14.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Einen Computer muss man auch runter fahren. Man macht Fenster um Fenster zu.

[00:53:16.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern müssen den Kindern Rituale beibringen, welche das Kind runterfahren.

[00:53:25.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann verschieden sein.

[00:53:30.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Eines, das ein Musikinstrument spielt, geht immer noch Klavier spielen.

[00:53:36.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Unser Sohn hat immer Tagebuch geschrieben. Das macht er heute noch, seine Sachen
aufschreiben.

[00:53:42.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Irgendein Ritual herausfinden, das gut ist.

[00:53:54.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Sicher nicht am Abend noch irgendwelche riesigen Diskussionen haben.

[00:53:58.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht mehr so. Keine Bestrafung, kein Theater. Runterfahren, beruhigen.

[00:54:03.130] – Bemerkung 2
Wie sieht es beim Ausgang aus?

[00:54:15.440] – Dr.med. Ursula Davatz

Das ist die Handhabung des eigenen Schlafs.

[00:54:15.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin eher liberal. Ich habe immer gefragt: wann bist du zu Hause?

[00:54:15.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich übergebe dem Kind die Verantwortung für den Ausgang. Wenn das Kind sagt: ich
bin um "halb" zu Hause. Um halb wieviel?

[00:54:25.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht findet man dann einen Kompromiss.

[00:54:41.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin in der Nacht nie wach geblieben. Andere Eltern haben mir das nicht geglaubt.
Die anderen Kinder, habe das auch nicht geglaubt. Was bringt es mir? Ich ändere
nichts. Ich beginne sicher keinen Krach in der Nacht. Ich frage am nächsten Morgen:
wann bist du nach Hause gekommen? Aha. Was ist gewesen? Dann kann ich wieder
sagen: ich möchte, dass du dann und dann zu Hause bist.

[00:55:01.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich mahne immer wieder die Regeln an. Ich übergebe eher früh die Verantwortung.

[00:55:27.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn alles schief läuft, das Kind jede Nacht weg ist, dann greife ich auch ein und sage:
jetzt möchte ich das nicht, du hattest die Freiheit, du konntest deine Freiheit nicht
handhaben. Dann stehe ich selber vor die Türe.

[00:55:30.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kann natürlich nicht selber in den Ausgang gehen und sagen: du musst zu Hause
bleiben.

[00:55:38.760] – Dr.med. Ursula Davatz

Dann muss ich physisch vor der Tür stehen, damit sie nicht rausgehen.

[00:55:43.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man wach ist, gehen die Kinder zum Fenster raus und solche Dinge.

[00:55:43.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss präsent sein.

[00:55:50.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Kinder sind erfinderisch, das ist natürlich eine Mühe.

[00:55:51.260] – Bemerkung 3
Was sagen sie zu Medikamenten?

[00:55:58.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Das viel gelobte Ritalin.

[00:56:10.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich zeige das Hirn Modell anhand meiner Hand.

[00:56:10.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Mein Daumen ist das emotionale System vom Gehirn. Das emotionale System vom
Gehirn schaukelt sich einfach auf, insbesondere bei den ADHS/ADS Kindern.

[00:56:26.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Bahnen des Grosshirns sind nicht so richtig aktiviert.

[00:56:26.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Dopamin ist eine Übertragungssubstanz.

[00:56:37.020] – Dr.med. Ursula Davatz

Ritalin ist ein Amphetamin, ist an sich eine Droge, auch der Gasse, ein Upper, ein
Stimulans.

[00:56:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit dem Ritalin aktivieren wir die Bahnen und dann können sie besser aufpassen.

[00:56:53.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Durch das Ritalin werden die Noten in der Schule besser.

[00:57:00.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Es hat natürlich auch immer Nebenwirkungen.

[00:57:03.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Appetit geht weg. Man verwendet Ritalin auch als Appetitzügler.

[00:57:07.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit Ritalin sind die ADHS/ADS Kinder eingeschränkter. Sie sind nicht mehr so lebendig
und so spontan und so gefühlsmäßig.

[00:57:16.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Gewisse Kinder sagen dann, ich bin ein Zombie, ich bin nicht mich selber, ich will das
nicht.

[00:57:21.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt Kinder, die es verweigern und es gibt Eltern, die es verweigern.

[00:57:24.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich verweigere es nicht, aber ich schlage es nicht als erstes vor.

[00:57:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute weiß ja jeder, was Ritalin ist.

[00:57:32.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es die Eltern wollen, dann verschreibe ich es auch.

[00:57:36.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Heutzutage wird es auch den Erwachsenen verschrieben. Da bin ich eher vorsichtig.

[00:57:40.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich finde, man sollte lernen, mit seinem ADHS/ADS umzugehen.

[00:57:44.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Erwachsenenalter sollte man es können und sich dann nicht noch mit Ritalin
nachhelfen müssen.

[00:57:51.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wird heutzutage auch viel bei den Erwachsenen verschrieben.

[00:57:54.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Zum Teil können die dann ihren Job behalten oder machen sonst bessere Leistungen.

[00:57:56.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Aufmerksamkeitsstörung kann sehr stark mit dem Ritalin verbessert werden.

[00:58:12.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist heute eines der meisten verschriebenen Medikamente.

[00:58:15.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Es hat riesig zugenommen.

[00:58:19.740] – Dr.med. Ursula Davatz

Man sagt glaube ich, 20% bis 40% der Studenten gehen nicht mehr an die Prüfung
ohne Ritalin.

[00:58:26.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist natürlich verrückt.

[00:58:28.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Als wir als Medizinstudenten die Prüfungen gemacht haben als Medizinstudenten, ist
man durchgefallen, wenn man ein Medikament genommen hat. Heute gehen sie alle mit
Medikamenten.

[00:58:39.770] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Pubertät muss man lernen, mit seinen Emotionen umzugehen.

[00:58:43.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt einen riesigen Trend, wenn man die Emotionen nicht im Griff hat, man nimmt ein
Medikament.

[00:58:48.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Medikament zum Runterfahren.

[00:58:49.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Medikament zum Aufputschen.

[00:58:50.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Medikament zum Aufpassen, ein Medi zum Schlafen.

[00:58:53.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist fürchterlich. Da bin ich sehr kritisch.

[00:58:57.640] – Dr.med. Ursula Davatz

Die Jugendliche haben zum Teil schon viele Medikamente: Ritalin, Antidepressiva
(SSRI), ein Neuroleptikum, eine ganze Batterie von Medikamenten.

[00:59:11.600] – Dr.med. Ursula Davatz
So lernen die Jungendlichen nicht selber mit den Emotionen umgehen, sondern die
Chemie macht es.

[00:59:13.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Was gibt denn das für einen Persönlichkeit?

[00:59:20.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Daher gebe ich den Teenagern oft ungern Medikamente.

[00:59:26.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Jugenlichen kriegen vom Hausarzt, vom Psychiater Medikamente.

[00:59:32.060] – Bemerkung 4
Die Lehrpersonen verlange das auch zum Teil

[00:59:32.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Dazu sage ich: wenn die Eltern das nicht wollen, die haben das Recht.

[00:59:45.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Kind rausfällt, dann muss man eine neue Schullösung finden.

[00:59:48.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir hören das im nächsten Referat.

[00:59:52.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Was hilft diesen Kindern auch noch?

[00:59:53.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Alles, was ritualisiert.

[00:59:54.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Etwas Regelmässiges tun.

[01:00:00.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Regelmäßig Sport, regelmäßig ein Instrument, regelmäßig schreiben.

[01:00:05.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss gute Rituale haben.

[01:00:07.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Rhythmen, man muss sie rhythmisieren.

[01:00:10.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gibt Halt, Stabilität und das holt die Jungendlichen auch runter.

[01:00:13.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Was heute auch gemacht wird, ist Neurofeedback.

[01:00:18.440] – Dr.med. Ursula Davatz
So lernen die Jugendlichen sich selber zu beruhigen.

[01:00:22.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Jonglieren kann einen beruhigen.

[01:00:27.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Irgendein Geduldsspiel.

[01:00:30.680] – Dr.med. Ursula Davatz

Gewisse Personen machen Sudoku um sich zu beruhigen.

[01:00:30.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Irgendetwas das die Aufmerksamkeit fasziniert.

[01:00:38.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist natürlich nicht bei jedem Kind gleich.

[01:00:42.960] – Bemerkung 5
Die Jugendlichen sollen selber entscheiden, ob sie Ritalin nehmen wollen oder nicht.

[01:00:43.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Kind sagt, nein, das will ich nicht, dann akzeptiere ich das, dann machen wir
es anders. Es hat niemand das Recht, dem Kind Ritalin aufzuzwingen.

[01:01:56.720] – Bemerkung 6
Sie haben von Welpenschutz gesprochen?

[01:01:56.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Welpen sind die kleinen Hunde. Alle Jungtiere haben einen komischen Pelz.

[01:01:57.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf nicht gleich zurück schiessen, wie das Kind gegen einem schiesst.

[01:02:07.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Gewisse Eltern sagen: der ist so frech, dann darf ich auch.

[01:02:07.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Väter machen das häufig.

[01:02:11.940] – Dr.med. Ursula Davatz

Das ist nicht gut.

[01:02:13.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Kinder sind viel schwächer als wir.

[01:02:17.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Kinder blasen sich mit Imponiergehabe auf. Man darf nicht gleich zurück schlagen.

[01:02:17.580] – Bemerkung 7
Kann Ritalin abhängig machen?

[01:02:21.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, Ritalin kann abhängig machen.

[01:02:34.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Man steigert es dann immer mehr, um den Aufmerksamkeitseffekt zu haben.

[01:02:42.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann ist es eine Droge.

[01:02:45.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit der gleichen Dosierung, wenn mann einfach ein bisschen mehr wach ist, besser
funktioniert, dann nicht.

[01:02:53.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele Erwachsene oder so Jugendliche steigern es.

[01:02:56.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann ist man in der Sucht drinnen.

[01:02:56.720] – Bemerkung 8

Wie merkt man das?

[01:02:56.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass es der Körper dann braucht, um wach bleiben zu können.

[01:03:25.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat ein Verlangen danach, dass man immer mehr davon nehmen möchte.

[01:03:25.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Rennen uns zum Teil die Bude ein, weil sie es einfach wollen. Sie machen Panik,
wenn sie es nicht haben.

[01:03:42.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt Sucht, es gibt Entzugserscheinungen.

[01:03:48.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Ob das psychologisch oder körperlich ist, das ist schwierig zum auseinandernehmen.

[01:03:52.430] – Bemerkung 9
Kann Ritalin zu Muskelzuckungen führen?

[01:03:52.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre eine Hyperinnervation der Muskeln, die dann wie unter Strom sind.

[01:04:19.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist nicht so gut. Das kenne ich nicht. Das muss ich mir genauer anschauen.

[01:04:19.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich halte die Dosis immer tief. 20, 40. Gewisse geben 80 und 100. Das getraue ich mich
nicht. Das finde ich zu hoch.

[01:04:52.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich wünsche eine schöne Pause und einen schönen Nachmittag.