Zweiter Vortrag
Transkript
Dr.med. Ursula Davatz
30.6.2020
Adoleszenz – Heranwachsen
Audio
[00:00:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielen Dank für die Einladung. Ich habe diesen Vortrag schon letzte Woche gehalten. Dort habe ich noch
mehr allgemein über das Wachstum des Gehirns gesprochen.
[00:00:13.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe ihn aufgenommen und werde heute ein anderes Gewicht machen. Dann kann man beide
Vorträge hören und zusammensetzen.
[00:00:21.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Adoleszenz ist die Zeit vom Jugendlichen zum Erwachsenenalter. Von der Abhängigkeit zur
Autonomie.
[00:00:30.420] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Adoleszenz erleben wir zwei wichtige neue Dinge.
[00:00:36.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Eines ist die Berufsfindung und das andere ist die Partnerwahl.
[00:00:43.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht alle Menschen müssen in der Adoleszenz ihren Partner wählen.
[00:00:45.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Manche wählen ihn und das ist dann sogar nicht einmal so gut, weil sie noch sehr jung sind und noch
nicht so gut wählen oder sich gegenseitig nicht entwickeln lassen.
[00:00:57.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Berufswahl passiert häufig in der Adoleszenz, speziell wenn man eine Berufslehre macht.
[00:01:05.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Die, die studieren, gehen noch weiter in die Schule, sind noch länger abhängig.
[00:01:11.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele wollen aber nicht mehr in die Schule gehen, weil sie das langweilig finden oder weil es ihnen nicht
das bringt, was sie brauchen würden.
[00:01:22.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei der Berufswahl, das ist etwas ganz Schwieriges.
[00:01:25.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Da geht man manchmal zum Berufsberater und in der Regel, so hat man mindestens früher gehört, hat
der Berufsberater gesagt: Sänger, nein, das kannst du nicht werden, das ist ein brotloser Job, Künstler
auch nicht, mach doch du KV Lehre oder Schreiner, also irgendetwas, was man brauchen kann.
[00:01:43.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst, man hat die Berufswahl des einzelnen Individuums abgerichtet auf das, was in der Welt
gefragt ist oder wo gerade freie Stellen sind.
[00:01:53.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Berufsberater haben nachgeschaut und gesagt, dort und dort hat es freie Stellen und vielleicht musst
du das machen.
[00:02:01.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat die Berufswahl nicht auf Talent oder Neigungen und Eignungen des jungen Menschen
abgestimmt, sondern auf Bedürfnisse der Gesellschaft.
[00:02:12.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eine Möglichkeit.
[00:02:14.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine andere Möglichkeit war früher, wenn der Vater Bauer war, wurde eines der Kinder auch Bauer. Wenn
er eine Schreinerei hatte, musste einer die Schreinerei übernehmen und so weiter.
[00:02:25.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Bäcker Sohn übernahm die Bäckerei.
[00:02:28.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher stieg man viel mehr in die Fussstapfen seiner eigenen Eltern ein.
[00:02:33.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Das war so wie vorgbahnt. Da konnte man etwas übernehmen. Von dort her war das ein sicherer Weg.
[00:02:43.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man aber nicht so richtig in die Familie passt, also wenn man intellektuell interessiert ist in einer
Bauernfamilie und nur Bücher liest, dann passt man dort nicht recht rein.
[00:03:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man muss trotzdem den Bauernhof übernehmen muss, dann ist man ein bisschen am Haag.
[00:03:04.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es umgekehrt ist, wenn man in einer Akademikerfamilie ist und man eigentlich Schreiner lernen
möchte, dann ist das nicht gut genug. Bei uns haben doch alle studiert und du musst jetzt auch studieren.
[00:03:16.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann ist man als Kind unter Druck, dass man das machen muss, was von aussen erwartet wird.
[00:03:24.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt Kinder oder Jugendliche, die sagen, sie halten sich nicht an das, ich mache was ich will.
[00:03:31.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher, heute kann man es nicht mehr so gut, sind sie sogar nach Amerika ausgewandert, mit 16 Jahren.
[00:03:36.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt Mädchen, die so ausgewandert sind, es sind Jungen, die so ausgewandert sind, Mädchen häufig,
weil sie nicht den heiraten wollten, wo man meinte, sie müssten. Das wäre dann eben die Partnerwahl
und Männer, weil sie etwas ganz anderes wählen wollten.
[00:03:53.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Andere, die sich überreden lassen.
[00:03:57.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte einen Drogensüchtigen, er wusste nicht mehr genau, was er wollte.
[00:04:01.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mutter sagte, das kann man nicht lernen, man muss das und das lernen.
[00:04:07.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat dann das gelernt.
[00:04:08.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Gewisse Jugendliche hören dann auf ihre Eltern. Sie können die ja nicht enttäuschen. Sie machen dann
das, was die Eltern sich vorstellen oder ihnen sagen oder wünschen.
[00:04:22.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal sagen die Eltern nicht einmal etwas, aber sie spüren es doch. Sie wissen von allen Traditionen
her, Sie machen das und sind halbherzig dabei.
[00:04:34.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Irgendwann bewirken sie, dass sie entlassen werden oder sie steigen schon selber wieder aus und
wechseln dann vielleicht mit 40 Jahren den Beruf.
[00:04:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist natürlich schwieriger ist.
[00:04:48.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine andere Möglichkeit, die sie auch machen könnten, sie schlagen den Berufsweg ein, benehmen sich
aber so blöd am Arbeitsplatz, dass man sie rauswerfen muss.
[00:05:01.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie forcieren eine Entlassung. Sie forcieren einen Rauswurf.
[00:05:05.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann haben sie quasi den Eltern gefolgt, haben das gemacht, aber das Umfeld hat sie nicht zugelassen.
Dann sind sie nicht schuldig, dann sind die anderen schuldig, dass es nicht geklappt hat.
[00:05:19.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist natürlich keine günstige Situation.
[00:05:23.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei meinen Psychiatriepatienten habe ich viele, die nicht die richtige Berufswahl gewählt haben, immer
unter dem Druck von den Eltern.
[00:05:33.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Zum Teil nur wahrgenommener Druck, nicht einmal ausgesprochener Druck.
[00:05:40.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt gibt es noch weitere Möglichkeiten, wenn das Umfeld von diesen Jugendlichen sehr belastet ist,
wenn es ein Familienunternehmen ist, das schon seit drei Generationen gelaufen ist, dann ist noch viel
grösserer Druck, dass sie sich anpassen müssen.
[00:05:57.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Umfeld nicht genügend Freiheit zulässt, nicht genügend Spielraum, sondern sie in so etwas
hineindrückt, dann haben sie vielleicht einmal die mit einer misslungenen Berufskarriere.
[00:06:16.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Und jetzt, wie gliedere ich wieder ein?
[00:06:20.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus dem Grund, dass Eltern einen wichtigen Einfluss haben können, mache ich bei allen Anamnesen,
frage ich immer meine misslungenen Berufsabsolventen: was hat dein Vater sich für dich vorgestellt?
[00:06:34.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Was wollte der Vater gerne und hat es nicht verwirklicht?
[00:06:40.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich notiere dann: Berufswunsch, den geheimen Berufswunsch.
[00:06:41.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei der Mutter dasselbe. Das kommt auch immer durch.
[00:06:52.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Beispiel: die Mutter wollte eigentlich Fotografin lernen. Aber das lag nicht drin, das ist ja kein
Brotverdiener Beruf und sie hat dann das KV gemacht. Sie hat jetzt eine Tochter, die jetzt Fotografin
lernen will und hat auch eine entsprechende Lehre gefunden.
[00:07:13.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Kind etwas übernimmt, was die Eltern hätten wollen und ihm entspricht, dann ist das
wunderbar.
[00:07:22.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Kind aber etwas übernimmt, das ihm nicht entspricht, und das Kind etwas übernimmt von den
Eltern, was sie nicht realisieren konnten.
[00:07:32.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Sagen wir jetzt, ein Bauer wollte immer studieren, dann muss dieser Sohn unbedingt studieren gehen,
um die Wünsche der Eltern zu erfüllen.
[00:07:40.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Kinder sind oft in der Delegation, die unerfüllten Wünsche ihrer Eltern nachzuholen. Wenn das im
Interessensgebiet liegt, ist das gut für das Kind, wenn es quer zum Interessensgebiet des Kindes liegt,
dann kommt es nicht gut raus. Dann muss das Kinder scheitern oder müssen mit 40 Jahren nochmals
pubertieren und aussteigen und etwas ganz anderes machen.
[00:08:09.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Unsere Schule ist immer noch sehr auf Anpassung ausgerichtet. Kinder, welche gute Interessen und
Fähigkeiten haben werden nicht beachtet.
[00:08:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte einen Patienten, der eine schwere Legasthenie hatte.
[00:08:45.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Er war handwerklich sehr, sehr geschickt.
[00:08:48.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Er wurde in der Schule aber so blamiert, weil er so viele Fehler im Diktat gemacht hat. Er wurde vor die
Klasse gestellt. Man lachte ihn aus und er musste seine Fehler zeigen, dass er nie mehr in die Schule
gegangen.
[00:09:02.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hätte eigentlich eine Berufslehre bei Implenia machen können, aber in die Schule ging er ging nicht.
[00:09:08.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben mit aller Gewalt versucht, ihn in die Schule zu bringen. Die Lehrerin hat ihn am Morgen noch
abgeholt, er war ihm immer schlecht, er musste sich übergeben. Er weigerte sich, mit Hand und Fuss in
die Schule zu gehen.
[00:09:21.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber bei der dramatischen Erfahrung, die er in der Schule hatte, ist es eigentlich nicht so unverständlich.
[00:09:30.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich weiss nicht, wo er jetzt ist. Die Arbeitserzeugnisse waren immer gut. Er hat natürlich noch Drogen
dazu genommen.
[00:09:36.560] – Dr.med. Ursula Davatz
In die Schule brachten wir ihn nicht mehr. Nicht mit zehn Pferden.
[00:09:38.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ein Kind eine schlechte Erfahrung in der Schule gemacht hat und es will einen Beruf lernen und
sollte den lernen und dann kommt die Berufsschule dazu.
[00:09:55.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann er zwar handwerklich diese Sachen machen, aber die Schule ist ein Obligatorium und dann ist
er wieder gescheitert.
[00:10:06.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sage ich dann häufig, lieber ein Praktikum machen, lieber praktisch arbeiten, eine gute Beziehung zu
einem Chef bekommen und die Schule einmal links liegen lassen, dass man nicht gerade wieder in diese
negativen Berufserfahrungen, also in die Schulerfahrung einsteigt.
[00:10:25.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn diese Person dann mal genügend Selbstsicherheit im Praktischen hat, in dem was produziert wird,
vielleicht kann man dann das Schultrauma noch einmal überwinden.
[00:10:39.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man aber gerade von Anfang an drückt, dann ist da keine Chance.
[00:10:45.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Man stösst immer auf Widerstand.
[00:10:51.780] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn, wenn die Berufslehre schief gelaufen ist, dann braucht es oft eine lange, es gibt natürlich
dann Traumatas, negative Erfahrungen in der Berufslehre, dann hat das eine langfristige Auswirkung auf
die Person und man muss oft lange warten, bis sich beruhigt hat und bis man wieder neu anfangen kann.
[00:11:15.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe es mit den ADHS Menschen, ADS Kinder, Jugendliche, die auf Traumatas reagieren mit
Rückzug und ich will nichts mehr und einigeln, bei denen müssen wir sehr lange Geduld haben, um
herauszufinden, was sie eigentlich wollen und was zu ihnen passt, und dann dort langsam anfangen.
[00:11:45.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir kommen dann oft unter Druck der IV.
[00:11:48.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Die will ja auch rentieren, also es muss funktionieren. Jetzt hat man ein halbes Jahr Eingliederung
gemacht und es hat alles nicht funktioniert.
[00:11:57.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle die IV geschützten Arbeitsplätze, sie haben andere, also sie sind näher bei der Wirtschaft, aber die
IV geschützten Arbeitsplätze, die sind oft nicht auf das Talent von diesen Menschen ausgerichtet oder sie
laufen nach einem gewissen Schema ab.
[00:12:18.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen sich zuerst anpassen, sie müssen zeigen, dass sie arbeiten können.
[00:12:23.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Man macht quasi Trockenübungen, Schwimmübungen, vielleicht in einem ganz anderen Gebiet.
[00:12:28.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie zur rechten Zeit kommen und wenn sie durchhalten, dann kann man eine Berufliche
Eingliederung machen.
[00:12:37.090] – Bemerkung 1
Wir haben einen grossen Teil von der IV.
[00:12:41.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man mit diesen Leuten nicht das findet, was ihnen entspricht, dann geht einfach nichts.
[00:12:58.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Menschen mit ADHS kann man zu Tode prügeln und sie machen immer noch nicht das, was man von
ihnen will. Man muss herausfinden, was ihr Ding ist, was ihre Passion ist, was ihre Leidenschaft ist.
[00:13:14.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man das herausfindet, kann man auf einmal Leistung haben.
[00:13:18.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sie zwingt, etwas anzupassen, etwas zu machen, was ihnen nicht entspricht, kann man ein
Leben lang mit ihnen kämpfen und es kommt null raus. Es kommt einfach nichts raus.
[00:13:32.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Man arbeitet gegeneinander.
[00:13:34.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich vergleiche sie mit Maultieren oder Eseln.
[00:13:40.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Da habe ich eine ganz schöne Geschichte. Eine Mutter von einem von diesen ADHSlern, sie kann reiten
und Pferde gut bewegen.
[00:13:48.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hat im Jura einen Maultierpfad gemacht. Dann ist sie mit dem Maultier zum Zaun gehen, doch das
Maultier wollte einfach nicht folgen.
[00:14:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sagte, das blöde Tier, ein Pferd hätte jetzt gefolgt, so ein blödes Tier, ich bin verrückt, jetzt gebe ich
es auf.
[00:14:09.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat sie eine kleine Pause gemacht und merkte, so geht es nicht. Sie überlegte wieder. Sie ging
über die Bücher gegangen und dachte, vielleicht weiss ja das Maultier, wie man es macht.
[00:14:20.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat sie dem Maultier frei die Zügel gegeben, das Maultier ging hin, machte mit der Schnauze den
Hebel hoch und sie konnte öffnen und sie ist durchgekommen.
[00:14:30.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie musste mit dem Instinkt des Maultiers gehen.
[00:14:35.900] – Dr.med. Ursula Davatz
So geht es oft bei den Jugendlichen.
[00:14:41.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man nicht herausfindet, wo ihre Leidenschaft ist, wo sie zu Hause sind, wo sie sich einsetzen
wollen, dann kann man das Leben lang gegeneinander arbeiten und es kommt gar nichts raus.
[00:14:56.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Sie nur Gamen wollen, es könnten nicht alle Spielerfinder werden.
[00:15:06.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Das geht nicht, da muss man schon ein anderes Interesse herausfinden.
[00:15:10.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist ganz, ganz wichtig, dass man wirklich herausfindet, was ihr Interesse ist.
[00:15:18.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Klar, wenn Sie selber einen Beruf haben, wenn Sie von Ihrem Beruf begeistert sind und der Jugendliche
irgendwo in der Nähe ist, also vielleicht auch sich für so etwas interessiert, was Sie machen, wenn Sie
ihm das mit Begeisterung vorzeigen, dann können Sie ihn je nachdem auch mitreisen.
[00:15:41.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Denn wenn man Menschen fragt, wie sie zu ihrem Beruf gekommen sind, dann erzählen einige, sie
hätten einen tollen Lehrer oder einen Meister gehabt, der sie mitgerissen hat.
[00:15:55.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man zu einer Führungsperson von diesen jungen Menschen wird, dann können sie auch auf
diesen Weg gehen.
[00:16:02.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn dieser Weg natürlich total irgendwo anders ist, als dort wo sie ihre Begabungen haben, dann geht
es nicht.
[00:16:10.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe bei der Schule angefangen. Ich habe gesagt, in der Schule wird doch noch sehr viel Anpassung
verlangt, man lernt alles Mögliche. Man muss schreiben und rechnen lernen, das ist sicher wichtig.
[00:16:23.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Was man dann alles noch lernt, Aargauer Geografie oder Weltgeografie oder Pflanzen, je nachdem
interessiert es jemand oder halt auch nicht.
[00:16:31.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Schweizer gehen eher lang in die Schule.
[00:16:34.800] – Dr.med. Ursula Davatz
In England fädeln sie schon mit 16 Jahren ihre Berufsrichtung ein, die, die studieren. Während wir, die
studieren wollen, bis 20 oder 19 in die Schule müssen.
[00:16:46.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, bei schwierigen Menschen und dickköpfigen ADHSlern muss man schon eher früher
einspuren. Denn sie machen überhaupt nicht mit bei etwas, was sie nicht interessiert.
[00:17:00.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn dann der Lehrer nicht ein unglaublich guter Unterhalter ist oder der Chef den Jugendlichen ganz
gut nehmen kann, dann scheren sie aus. In diesem Sinne ist es wichtig, dass man ihre Ressourcen findet
und dort anhängt.
[00:17:18.040] – Dr.med. Ursula Davatz
So frage ich oft in der Therapie, was sie gerne in der Schule hatten. Rechnen, Deutsch, Fremdsprachen
oder Geografie oder Biologie. Ich suche nach der Neigung.
[00:17:33.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Wo waren sie schlecht? Im Rechnen oder Schreiben? Legasthenie?
[00:17:37.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann suche ich natürlich nichts auf diesem Gebiet.
[00:17:42.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann versuche ich langsam an den Interessen anzuhängen.
[00:17:47.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich frage natürlich immer auch, was der Vater oder die Mutter gemacht hat und höre dann, wie toll sie
diese Berufe finden oder ob sie die Berufe blöd finden.
[00:17:57.740] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne läuft während der Pubertät die Berufswahl und die Berufswahl gehört zur
Persönlichkeitsbildung.
[00:18:09.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Persönlichkeitsbildung läuft am besten, wenn man Zeit hat, seine Neigungen und Eignungen
herauszufinden.
[00:18:18.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man zu fest in irgendeine Richtung gedrückt wird, dann wird man so wie abgedrängt von seinem
eigenen Weg und dann kann man nicht zu sich finden.
[00:18:28.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Eltern zu ungeduldig sind, also er liegt im Bett und macht nichts und zur Pubertät gehört das,
man schliesst die Türe ab, man hört Musik, man träumt, die Mädchen schreiben ihr Tagebuch, die Jungs
und Mädchen spielen wahrscheinlich eher Games
[00:18:44.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Man braucht Zeit für sich, wo es einem vielleicht sogar langweilig ist, dass man auf eigene Ideen kommt.
[00:18:56.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man da ständig gestört wird, mach jetzt das und hilf das, du hilfst nicht im Haushalt, dann kann der
junge Mensch nicht richtig zu sich selber finden.
[00:19:09.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist ganz wichtig, dass man in dieser Zeit seine Persönlichkeit entwickelt.
[00:19:13.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man zu viel gestört wird, entwickelt man eine Persönlichkeitsstörung.
[00:19:20.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Da spiele ich mit den Wörtern. Das ist eine der Diagnosen der Psychiatrie, Persönlichkeitsstörungen.
[00:19:26.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage immer, ja, die haben eine Persönlichkeitsstörung, weil sie gestört wurden während ihrer
Persönlichkeitsentwicklung.
[00:19:36.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn zum Beispiel, ich sage jetzt ein Mädchen, das sehr temperamentvoll ist, die rausgehen muss und
Sachen machen muss, wenn das Mädchen zu eng gehalten wird und nicht die Welt explorieren darf, nicht
ihr Temperament ausleben darf, dann kann sich die Borderline Persönlichkeitsstörung und eine
Essstörung entwickeln.
[00:20:02.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Während der Pubertät muss man die eigene Emotionsregulation lernen.
[00:20:08.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist nicht mehr die Mutter, die einem tröstet. Man muss sich selber trösten, man muss selber einen Weg
finden, um seine Emotionen zu regulieren.
[00:20:16.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man seine Emotionen nicht leben darf, wie sie zu einem gehören, gehen die Emotionen nach innen
und gegen sich.
[00:20:24.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann wirken sich die Emotionen selbstzerstörerisch aus, in dem Sinne, dass man sich so abgemagert,
dass man gar keine Kraft mehr hat, um verrückt zu sein, keine Kraft mehr hat, um pubertieren. Man wird
dann ganz pazifistisch. Viele werden dann auch noch Vegetarier oder Veganer und dann hat man
überhaupt keine Energie mehr um verrückt zu sein.
[00:20:50.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man doch noch verrückt ist, dann frisst man es rein und spuckt es wieder raus, denn es kotzt
einem ja alles an und dann haben wir die Bulimie.
[00:21:00.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sind alles Frauen, die sehr temperamentvoll sind, die keinen Platz hatten, um ihr Temperament
auszuleben.
[00:21:08.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das auch nicht reicht mit Fasten und Brechen, kann man sich noch schneiden. Dann gehen alle
Emotionen in die Selbstverletzung.
[00:21:19.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, in dem man sich körperlichen Schmerzen zufügt, ist der seelische Schmerz weniger stark.
[00:21:27.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Man leitet wie den seelischen Schmerz in die körperlichen Schmerzen ab.
[00:21:33.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Es können auch viele psychosomatische Dinge entstehen. Unser Hirn ist ja vernetzt. Unsere Nerven sind
mit dem ganzen Körper vernetzt.
[00:21:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kann man alle möglichen körperlichen Störungen entwickeln.
[00:21:49.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Magen- und Darmprobleme etc.
[00:21:55.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist natürlich nicht gut.
[00:21:56.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Personen werden gestört bei ihrer Persönlichkeitsentwicklung.
[00:22:02.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie kommen entsprechend gestört raus.
[00:22:05.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Psychiatrie, die sie aufnimmt, will sie wieder normieren und dann wird man mit Medikamenten
normiert.
[00:22:12.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Das starke Temperament wird mit Medikamenten runter gedämpft.
[00:22:16.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man eher depressiv ist, wird man mit Medikamenten aufgehellt.
[00:22:23.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier sage ich den jungen Menschen, die schon sehr früh in die Psychiatrie kommen, das werden
Medikamente in die Persönlichkeit eingebaut.
[00:22:34.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben das Gefühl, ich kann nur funktionieren kann, wenn ich eine chemische Substanz nehme, sonst
funktioniere ich nicht.
[00:22:43.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gibt dann wie eine Krücke im Hirn.
[00:22:48.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Was auch sehr viel verwendet wird, wenn man nicht den Platz hat, um seine Persönlichkeit zu leben,
dass man sich mit Gassendrogen runterholt, um genügend angepasst zu sein oder um mit diesen Drogen
das wohlige Gefühl zu haben.
[00:23:08.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Gerade heute hatte ich eine Frau, die 100%ige ADHSlerin ist. Ich fragte mich, wie sie als Kind war. Sind
sie ein wildes Kind gewesen? Ja. Wie war ihre Mutter? Sehr ängstlich. Die Mutter hat sie total eingeengt.
Sie hatte überall Angst, was sie machen wollte. Dabei wollte sie ein Tomboy sein.
[00:23:28.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hatte eine Pflegemutter, die sie machen liess. Aber die hatte sie nur kurz. Danach hat die Mutter sie
wieder eingeengt und jetzt haben wir eine Drogensüchtige.
[00:23:45.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie ist begabt, sie ist künstlerisch begabt. Sie war wahrscheinlich nicht so gut in der Sprache oder der
Mathematik.
[00:23:53.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin immer noch dran, diese Talente herauszuholen und zu verwirklichen.
[00:23:59.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe sie gefragt, was die Drogen ihr eigentlich geben. Was hat sie gesagt? Ein angenehmes Gefühl,
ein Muttergefühl.
[00:24:11.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier fühle ich mich aufgehoben, hier fühle ich mich zu Hause. Ich fühle mich geborgen. Das, was ihr die
Mutter nicht geben konnte.
[00:24:19.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine anderer Jugendlicher hat mir mal gesagt, wissen sie, der Alkohol ist meine Mutter.
[00:24:27.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, wenn solche Dinge gesagt werden, dann passt der Erziehungsstil der Eltern und das
Temperament des Kindes passt gar nicht zusammen, sodass das Kind sich überhaupt nicht entwickeln
kann.
[00:24:40.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Diesen Schaden haben sie dann. Sie müssen dann die Leute eingliedern und sie müssen eigentlich dann
so wie Lotsen sein, die den Menschen helfen durch diese Unwasser, durch diese Turbulenzen zu
navigieren, so dass sie ihren Weg finden.
[00:25:05.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist nicht immer einfach. Sie können natürlich nicht alles anbieten. Sie haben auch ein gewisses
Beschränkungsangebot. Aber wenn Sie ihren Klienten helfen, ein Interesse an etwas zu entwickeln, dann
haben sie viel gemacht.
[00:25:24.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie sie nicht einfach in etwas reinstossen, was gar nicht zu Ihnen passt.
[00:25:29.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Falls es nicht zu ihnen passt, dann können sie vielleicht trotzdem ihre eigene Begeisterung für diesen
Beruf, für dieses Handwerk, rüberspringen lassen, dass sie es doch mindestens in der Zeit, in der sie bei
Ihnen sind, ausüben können.
[00:25:46.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt möchte ich ihnen die Möglichkeit geben, dass sie mir Fragen stellen können, damit wir einzelne eine
konkrete Situation anschauen können.
[00:26:22.190] – Bemerkung 2
Heute ist ein 15-jähriger in das Vorstellungsgespräch gekommen. Er sieht wie 10 Jahre alt. Er hat Terror
erlebt in München und die Mutter sagt, dass es seit dann wie einen Wachstumsstopp gegeben hat. Das
ist auch ein Trauma.
[00:26:53.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein Trauma.
[00:26:54.920] – Bemerkung 2
Die Berufswahl ist jetzt völlig unklar. Keine Ahnung.
[00:26:59.770] – Bemerkung 2
Das erleben wir noch oft, dass sie aus der Schule kommen und Logistiker hören, sie haben aber keine
Ahnung vom Logistiker Beruf. Sie haben keine Vorstellung, was sie aus ihrem Leben machen sollen oder
aus ihrem Leben machen wollen. Wie fangen sie mit der Berufswahl an?
[00:27:22.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, sie können das gleiche machen wie ich. Sie können fragen, was man in der Schule gerne
gehabt hat.
[00:27:32.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Was hat dir gefallen, was gar nicht? Dann kann man schon etwas aussortieren.
[00:27:37.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann man auch nach den Eltern fragen, was dein Vater, deine Mutter und deine Kollegen machen.
[00:27:44.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Hat er einen Kollegen, der etwas macht, das er bewundert?
[00:27:47.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Also dass man so ein wenig eingrenzt.
[00:27:51.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann man natürlich auch durch ihre Werkstätten durchführen.
[00:27:57.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht sogar nur ein bisschen schnuppern lassen. Ich weiss nicht, ob das für ihn möglich ist. Schauen,
wo er einhängt. Wäre das eine Möglichkeit oder gar nicht?
[00:28:11.230] – Bemerkung 2
Im Grundsatz schon. Früher hat man das noch mehr gemacht, in dem Sinne, dass man das immer wieder
wechselt. Vielleicht müsste man das auch wieder mehr ins Feld führen.
[00:28:22.050] – Bemerkung 2
Man muss die Gelegenheit finden, dass man für zwei Monate etwas anschauen kann und dann wieder
wechseln kann. Das ist schon immer wieder ein Gedanke.
[00:28:32.340] – Bemerkung 2
Wo hat er Interesse? Gamen, IT oder KV, aber das geht nicht mit diesem Schulabschluss.
[00:29:04.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Heutzutage braucht man den Computer überall. Es ist ja nicht so, dass man ihn nur in der IT Welt
braucht. Es ist gut, wenn man das kann.
[00:29:22.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Man könnte dann auch sagen, etwas Handwerkliches zu machen ist ganzheitlicher und hilft ihm vielleicht
besser über das Trauma hinweg zu kommen.
[00:29:34.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man mit den Händen etwas schafft, muss man dabei sein und sich konzentrieren. Man kann nicht
im Zeug umher studieren.
[00:29:43.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist das, was ich ihnen auch schon gezeigt habe. Das mit dem EMDR, das Eye Movement
Desensitization Reprogramming.
[00:29:52.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich koordinieren muss, kann ich zwar sprechen, aber nicht denken. Man muss aufpassen, dass
man nicht an dem Trauma hängen bleibt, sonst nimmt er das als Ausrede, dass er gar nichts anderes
machen muss.
[00:30:08.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er immer noch an diesem Trauma ist, müsste er zu einem Therapeut gehen und die Trauma
Bearbeitung machen.
[00:30:18.140] – Bemerkung 2
Er ist sehr klein, er kommt wie ein 10-jähriger daher. Er ist zu klein für die Berufswelt. Er ist wie
eingefroren, ein Wachstumsstopp.
[00:31:34.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Den Wachstumstopp können sie nicht beeinflussen, aber in dem Sinne, in etwas Handwerkliches
investieren, in etwas, was man brauchen kann, kann er sich von dem anderen ablenken und das Leben
geht weiter.
[00:31:58.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss nicht das ganze Leben auf dieses Trauma ausrichten, sondern es geht weiter. Wenn Sie ihm
das vermitteln können. Dass er so klein ist, da kommt er natürlich darunter in der Berufswelt.
[00:32:14.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier kann man zu ihm sagen, dass er bei ihnen üben kann. Alle unsere grossen Feldherren waren auch
klein. Napoleon war klein und Caesar war auch klein. Silvio Berlusconi war klein.
[00:32:23.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt auch Kleine, die es zu etwas gebracht haben. Im Gegenteil, sogar noch mehr.
[00:32:36.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier hat er einen Schutzraum, dass er über das Kleinsein mental herauswachsen kann.
[00:32:48.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht wächst der Körper dann hintendrein. Wer weiss? Ich weiss nicht, ob die Ärzte ihm noch
Wachstumshormone geben. Sind seine Symphysen schon geschlossen? Weiss er das?
[00:33:01.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann sehen, man kann Röntgenbilder machen und wenn hier schon zu ist, wächst er nicht mehr.
Aber wenn die Symphysen noch offen sind, dann kann er noch wachsen, dann könnte man ihm auch
noch Hormone geben.
[00:33:14.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist natürlich medizinisch. Sie können sagen, du kannst hier bei uns über dich hinaus wachsen, indem
du Sachen lernst. Dann sind dann alle Leute beeindruckt, wenn du als so Kleiner so und so viele Dinge
kannst. Dass man eher das mentale Wachstum und das handwerkliche Wachstum fördert. Ist er
geschickt oder ungeschickt?
[00:33:40.680] – Bemerkung 2
Das werden wir dann sehen.
[00:33:45.580] – Bemerkung 3
Ich möchte auf das eingehen, was Sie gesagt haben. Früher war die Berufswahl klar, die Eltern haben
eine grosse Rolle gespielt. Heute hat man den Supermarkt der Möglichkeiten, so viele Optionen, dass die
Jugendlichen gar nicht mehr wissen, was für sie passt. Was spielen die Eltern in der heutigen Zeit für
eine Rolle bei der Berufswahl?
[00:34:15.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, die Eltern haben immer noch Wunschvorstellungen für ihre Kinder. Diese
Wunschvorstellungen haben eine Auswirkung auf das Kind.
[00:34:26.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Häufig sind diese Wunschvorstellungen natürlich auch, ich möchte, dass mein Kind weiterkommt, als ich
es erreicht habe. Oder mindestens so weit.
[00:34:35.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Und was heisst schon weiter? Das ist immer auf einer geraden Linie. An sich kommt man am weitesten,
wenn man seine Talente verwenden kann. Wenn man seine Persönlichkeit verwirklichen kann, kommt
man am weitesten.
[00:34:50.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Was in der heutigen Zeit läuft, ist, dass sehr viel angeboten wird und es wird sehr viel, ja mit dem Gamen
gemacht. Es wird sehr viel Verführung angeboten.
[00:35:03.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir mit der reellen Welt müssen sie dann wieder in die Realität reinholen. Da muss man sagen, in der
reellen Welt etwas zu erreichen, bringt eigentlich viel mehr mehr Befriedigung, als im Gamen etwas zu
erreichen.
[00:35:18.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kannte auch einen, das war ein Scheuer, der Angst vor allen Veränderungen hatte und der hat sich
dann in den Kopf gesetzt, ich werde Trader. Ich tue an der Börse handeln. Da kann man zu Hause sitzen
und am Computer traden. Man muss ihm einfach Geld geben, damit er das machen kann. Die Eltern
wollten das Geld nicht geben.
[00:35:41.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Solange mir meine Eltern kein Geld geben, gehe ich nicht raus und alles andere Handwerkliche, auf das
hat er herunter geschaut. Aber eigentlich hat er darauf herunter geschaut, weil er Angst davor hatte.
[00:35:51.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, es wird so viel verführerische Welt vorgegaukelt und die wird immer reller gemacht. Die
virtuelle Welt wird so gemacht, dass sie wirklich ist, mit Brillen und Zeug und Sachen, dass wir wirklich
gegen die ankämpfen müssen.
[00:36:07.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist die ganze Unterhaltung, die hier läuft. Aber da müssen sie ein gewisses Selbstbewusstsein
haben, wo sie sagen können, dass sie es wollen.
[00:36:17.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hat man jetzt auch gemerkt. Es ist Schule gegeben worden über Zoom. Ja, all diese schönen
Sachen. Aber vielen hat doch der direkte Kontakt gefehlt.
[00:36:28.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Der direkte Kontakt ist viel wert. Viele bleiben bei dem virtuellen Kontakt, weil sie Angst voreinander
haben.
[00:36:40.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Computer kann zwar den Augenabstand lesen, aber die Emotionen kann er nicht lesen.
[00:36:47.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Begeisterten, die sagen, dass der Computer auch einmal die Emotionen lesen können wird. Ich
behaupte, nein, das ist nicht möglich.
[00:36:53.600] – Bemerkung 4
Wir mussten die Jugendlichen digital begleiten in der Corona Krise. Viele sind vom Wagen runtergefallen.
Das Gegenüber, die Beziehung hat gefehlt.
[00:37:19.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss man den Wert des Menschen wieder in den Vordergrund stellen und nicht nur den Wert der
Maschine.
[00:37:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Wert des Menschen geht ein wenig verloren. Man bewundert alle Technik und technischen
Errungenschaften. Der Mensch ist immer noch die grösste Errungenschaft. Aus meiner Sicht.
[00:38:26.980] – Bemerkung 5
Die Jugendlichen sind wegen der Corona Krise wie abgetaucht. Man musste wie ein halbes Jahr
anhängen.
[00:38:29.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das glaube ich gerne.
[00:38:35.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle die, die zu Ihnen kommen, haben ja kein so gutes Zuhause.
[00:38:48.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort ist es zu Hause schon abgebrochen und misslungen.
[00:38:52.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen hier viel mehr liefern, respektive die Jugendlichen brauchen viel mehr von Ihnen. Wenn das
wegfällt, ist wieder alles weg und die Jugendlichen sind dann wie im freien Fall.
[00:39:06.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Es braucht Zeit, um dei wieder aufzubauen.
[00:39:09.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe nicht per Internet, sondern per Telefon gearbeitet. Ich habe viele langfristige Kunden, wo bereits
eine Beziehung vorhanden ist. Dann ist das gut gegangen. Aber neu ist schwierig. Wenn man sie noch
nicht lange hat, ist es sehr schwierig.
[00:39:26.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Es lohnt sich, dass sie dranbleiben und der IV dann auch sagen, hier braucht es länger.
[00:39:30.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf sich nicht drücken lassen, bei diesem Beziehungsaufbau zu schneller Rentabilität. Das geht
einfach nicht.
[00:39:42.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bringe immer den Spruch, das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.
[00:39:50.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Gesellschaft will oft daran ziehen und dann geht es noch länger, dann reisst es.
[00:40:10.580] – Bemerkung 6
Wir haben einen Klienten, der weder arbeiten möchte, noch in die Schule gehen möchte. Er möchte nur
cool sein um die Jungen herum.
[00:40:10.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Was hatte der bisher für Schulerfahrungen?
[00:40:10.710] – Bemerkung 6
Er hat die Schule geschwänzt, nicht fertig gemacht, er wurde gemobbt.
[00:41:04.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Mobbing wird heute auch viel verwendet. Das ist ein Allgemeinwort. Man weiss nicht genau, an was es
gelegen ist.
[00:41:16.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Mobbing in einer Gruppe geschieht immer, wenn jemand heraussticht.
[00:41:16.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn einer extrem anders ist als die anderen, also aus dem Durchschnitt raussteht. Von dort her muss
man dann immer schauen, was war die Interaktion, warum wurde er gemobbt, was hat die anderen
gestört.
[00:41:33.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus dem "Ich werde gemobbt" tut er jetzt sie ärgern oder provozieren, kann man sagen.
[00:41:43.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wo so Jugendliche einem provozieren, muss man wahnsinnig aufpassen, dass man nicht
in einen Machtkampf einsteigt.
[00:41:54.420] – Dr.med. Ursula Davatz
"Du musst, du solltest", Druck aufsetzten, etc. sondern man muss eher in eine Interaktion reinkommen.
[00:42:01.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier kommt mir gerade in Sinn, gibt es irgendetwas auf dieser Welt, das dich interessiert? Wenn er dann
Gamen sagt, ja, das fällt weg. Das ist eigentlich langweilig. Da ist er nur Sklave von denen, die das Game
verkaufen und die am Umsatz verdienen, wenn viel gegamed wird.
[00:42:25.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss ihn wahrscheinlich eher mit einer Frage rausholen oder auch mit einer Provokation.
[00:42:32.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Afrikanern, die sagen, sie erklären einem nicht intellektuell, wie man das macht, es ist keine
Gebrauchsanweisung auf der Packung. Es gibt gar keine Verpackungen, sondern die sagen, ich pflanze
Reis, schaue gut zu und mache es nach.
[00:42:53.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann wenn der Sohn etwas macht, aber etwas falsch ist, wird wieder rausgerissen.
[00:42:59.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie könnten ja mal sagen, dass er genau zuschauen soll und dass er es dann nachmachen muss.
[00:43:09.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er es dann falsch macht, sagen dass er nicht gut geschaut hat.
[00:43:11.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss also in irgendeine Interaktion reinkommen.
[00:43:16.340] – Bemerkung 7
Das habe ich schon probiert, was sie gesagt haben. Es geht dann zwei Wochen und dann geht es wieder
von vorne los.
[00:43:20.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, er strapaziert ihre Geduld sehr. Es braucht viel Geduld, mit solchen Jugendlichen umzugehen. Wenn
man die Geduld verloren hat, dann hat man verloren.
[00:43:54.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage den Eltern, man muss länger Geduld haben, als die Jungen einen nerven können. Man muss
auch fantasievoll sein und etwas machen, das überrascht. Etwas, dass er gar nicht erwartet.
[00:44:07.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mir von einem ADHSler aufschreiben lassen, was er uns Erwachsenen sagt, oder was er den
Lehrern sagt, was er der Schule sagen möchte.
[00:44:22.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat er gesagt, wir würden gerne provozieren. Dann hat er auch gesagt, Langweile haben wir
eigentlich nicht gerne. Darum ist die grösste Bestrafung, wenn wir zur Langeweile verurteilt werden.
[00:44:39.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann könnte man sagen, du musst heute eine ganze Stunde zuschauen, du darfst nicht arbeiten, du
darfst aber keinen Mucks machen.
[00:44:47.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen nicht ins Theater mit ihm einsteigen, wo er sie wieder zum Springen bringt.
[00:44:58.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Irgendetwas sich einfallen lassen, das anders ist, das nicht die Routine ist von ihm. Man darf nicht in
seine Routine einsteigen. Er sagt, er habe keine Lust. Okay, du musst heute Wolken zählen. Irgendetwas
Absurdes.
[00:45:17.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann ist er bestraft mit dem Wolken zählen. Vielleicht kommt er dann gerne wieder zuhören und etwas
machen. Das muss ihm so richtig langweilig sein. Das mögen die nicht so gerne.
[00:45:28.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er sich unterhalten kann, mit sie verrückt machen, dann ist wunderbar.
[00:45:36.680] – Bemerkung 8
Also im Moment muss er WC Papier stapeln.
[00:45:39.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Okay, das geht ein wenig in diese Richtung. Wichtig ist, dass Sie wachsam bleiben und immer wieder
eine überraschende Idee haben. Nicht, dass er sie überrascht oder in eine Ecke hinein drückt, in ein altes
Schema, sondern sie behalten die Führung.
[00:46:09.020] – Bemerkung 9
Gewisse Kinder sind praktisch gut und schulisch schlecht. Schulisch kommen die nicht auf einen grünen
Zweig.
[00:47:03.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss irgendwie ihren Ehrgeiz packen. Praktisch sind sie gut, da könnten sie weit kommen aber es
ist halt die Regel, dass man auch diese Schule noch hat.
[00:47:26.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er nur beim Praktischen bleibt, hat er keine Aufstiegsmöglichkeiten.
[00:47:34.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Man könnte ihn fragen, was er für Visionen, was er für Ziele hat oder ob er immer Hilfsarbeiter bleiben
möchte.
[00:47:42.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man ihm vielleicht ein bisschen zeigt, dass er dann findet, dass er das eigentlich will.
[00:47:48.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie eigenmotiviert werden, nicht nur weil wir sagen, dass man es muss, wenn sie eigenmotiviert
werden, dann können sie sich auch wieder klemmen.
[00:47:56.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss so ein bisschen schauen, was bei ihnen geht.
[00:48:01.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Eigentlich wollen alle Menschen vorwärts kommen, aufsteigen, weiterkommen.
[00:48:05.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man irgendeine Karotte hinhalten könnte, die ihn interessiert.
[00:48:15.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt auch solche, die studiert haben, die an der Uni waren, die sich schlecht motivieren konnten.
[00:48:22.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Die mit der Aufmerksamkeitsstörung müssen sich innerlich vornehmen, wann sie es machen und nicht die
Haltung, ich mache es dann irgendwann, ja ich sollte noch lernen, ich sollte noch das machen. Dann sind
sie die ganze Zeit belastet mit ich sollte noch, ich sollte noch und sie schieben es vor sich hin.
[00:48:58.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Damit sie zum machen kommen, müssen sie sich vornehmen, dann mache ich es, genau dann machen
und genau an diesem Tisch und genau mit diesem Stuhl. Also relativ exakt das Bild machen, wie man
das angehen will.
[00:49:13.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie Mühe haben in der Schule, also mit den Lehrern. Man hat nicht immer die besten Lehrer oder
man hat nicht immer jemanden, der einen interessiert.
[00:49:25.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Da müssen wir schauen, wie sie sich am Fach interessieren können und vielleicht sich selber etwas
erarbeiten können.
[00:49:33.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Alles, was selber erarbeitet ist, motiviert mehr und hält auch besser.
[00:49:38.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich müsste den Schülern ein bisschen kennen.
[00:49:41.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch Erwachsenen, Studierten, muss ich helfen, dass sie sich hinsetzen.
[00:49:53.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss es sich wirklich im Hinterkopf vornehmen.
[00:49:56.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sagt ja, man macht so neuropsychologische Tests, wenn man mit dem linken oder rechten Daumen
drückt.
[00:50:03.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann vom Hirn ableiten, wenn sich diese Person vornimmt, jetzt drücke ich mit dem linken Daumen
diesen Knopf. Dann kann man die Ableitung schon im Hirn ein paar Sekunden vorher sehen.
[00:50:21.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese müssen Sie aktivieren.
[00:50:23.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese sind oft so geartet, wenn ich dann hier bin, dann motiviere ich mich. Das ist zu spät.
[00:50:32.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sagt zum Beispiel auch, ein Sänger, der einen Einsatz machen muss, muss vorher bereit sein,
seinen Einsatz zu machen. Sonst kommt er zu spät.
[00:50:44.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Die kommen immer zu spät. Die kommen immer hinter sich. Sie motivieren ihr Hirn auch nicht. Sie
bescheissen sich, die sprechen irgendwas, aber dahinter ist nichts motiviert.
[00:50:57.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann er nur selbst. Wir können hier vorne sprechen, aber wenn er sich nicht motiviert, dann mache
ich das an diesem Tag, an diesem Ort, dann geht nichts.
[00:51:11.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hinken Sie immer hinter sich her.
[00:51:14.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können mit neuropsychologischem Wissen ein bisschen brillieren? Das macht ihm vielleicht Eindruck.
[00:51:31.540] – Bemerkung 10
Was ist mit Menschen aus einer anderen Kultur, die gar nicht gelernt haben, überhaupt einen Beruf zu
lernen oder sich dafür zu entscheiden, überhaupt viele Entscheidungen zu treffen und dann kommen sie
vor die Wahlmöglichkeiten und müssen plötzlich einen Beruf identifizieren.
[00:52:15.000] – Dr.med. Ursula Davatz
An welche Kultur denken sie?
[00:52:15.140] – Bemerkung 10
Eritrea.
[00:52:15.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, man muss den Unterschied aufzeigen. In deiner Kultur zu Hause bei deinen Eltern gab es gar
nichts anderes. Die haben entweder in der Fabrik gearbeitet oder auf dem Land oder in einer Mine.
[00:52:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Deine Eltern sind extra hierher gekommen, damit du mehr Möglichkeiten hast. Jetzt hast du hier so viele
Möglichkeiten, dass du gar nicht weisst, was du wählen sollst. Dann muss man ihnen helfen.
[00:52:43.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss vergleichen. Zu Hause gab es diese Möglichkeit nicht. Dein Vater und deine Mutter hatten sie
nicht. Sie sind hierher gekommen, um dir die Möglichkeit zu geben und jetzt nutzen wir die Möglichkeit.
[00:52:56.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man die Wanderbewegung mit ihnen durch macht.
[00:53:03.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Die nehmen es gar nicht bewusst wahr, warum sie jetzt eigentlich hier sind. Sie sind irgendwie
überwältigt. Da muss man sie wahrscheinlich ein bisschen an der Hand nehmen.
[00:53:12.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage, wir Schweizer machen es oft nicht so gut mit der Integration der fremden Kulturen. Wir zeigen
die Unterschiede nicht auf. Wir müssen die Unterschiede aufzeigen. Wir müssen auch die Herkunftskultur
ein bisschen wertschätzen und sagen, ja, das war dort so, dass es diese und diese Vorteile hat und hier
ist es so, das hat die Vorteile.
[00:53:30.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern sind ja immer hierher gekommen, um ihren Kindern gute Möglichkeiten zu geben.
[00:53:38.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man so ein bisschen eine Geschichte macht, eine Narrative, in die sie sich dann hinein begeben
können.
[00:53:45.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe auch Patienten, die ja sagen, ich weiss es nicht und dann einfach IV Rente.
[00:53:54.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich schränke es dann ein, eher das oder eher das?
[00:53:58.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich mache ein Art Multiple Choice System und schränke es immer ein bisschen mehr ein.
[00:54:10.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind da so wie ein bisschen Berufsberater.
[00:54:14.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie es dann treffen, dann ist es natürlich toll. Ja, dann hat man Freude.
[00:54:21.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe einmal jemandem gesagt, sie müsse ein Buch schreiben. Die war schon erwachsen. Ich weiss
nicht mehr genau, wie die Geschichte war. Auf jeden Fall, ein Jahr später ist dann mit dem Buch
gekommen.
[00:54:34.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe es gerade getroffen. Man trifft es nicht immer so gut. Wenn man so ein bisschen Erfahrung hat,
dann kann man es immer ein bisschen besser treffen.
[00:54:47.660] – Bemerkung 11
Wir hatten auch mit Eritreern zu in den letzten Monaten. Von der Sprache her ist es unmöglich. Sie
kommen nach Lust und Laune. Sie haben fast keine Chance hier Fuss zu fassen. Keine Ausbildung. Was
können denn die machen?
[00:55:22.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Sind die als Erwachsene hierher gekommen? Oder Kinder, die mit den Eltern hierher gekommen sind?
[00:55:35.010] – Bemerkung 11
Erwachsene Flüchtlinge, 20 Jahre alt oder so.
[00:55:38.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Zeit lang habe ich Vorträge über Migrationspsychiatrie gemacht.
[00:55:38.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier würde ich immer fragen, was die Motivation war, dass du weg gewandert bist von deinem Land? Von
was bist du weggewandert? Und auf was bist du in deiner Vorstellung zugewandert? Also was hast du
erwartet vom Einwanderungsland?
[00:56:06.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hatte das auch im 1956, als viele Ungaren gekommen sind.
[00:56:10.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Man wandert immer von etwas Schlechtem weg. Sie wandern auf etwas Tolles zu und hat dort zu hohe
Vorstellungen, was dort alles ist.
[00:56:21.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen diese Vorstellungen zuerst zerstören, aber die Vorstellungen müssen zuerst gesagt werden.
[00:56:26.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Als du ausgewandert bist, was hast du dir von Europa vorgestellt? Was hast du dir von der Schweiz
vorgestellt? Welches Bild hattest du von der Schweiz, was hier passiert?
[00:56:36.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich wandere in das Paradies. Hier fliesst Milch und Honig. Ich kann alles pflücken von den Bäumen, von
der Kasse oder vom Bankautomat. Das ist einfach hier.
[00:56:50.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann, erst wenn sie ihre übersteigerte, überzwerche Vorstellung von unserem Einwanderungsland
darlegen mussten, dann kann man sagen, «Ja, okay, ich sehe.» Und jetzt? Wie ist es? Es ist eben nicht
so.
[00:57:06.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Gerade die Schweiz hat nicht ein wahnsinnig tolles Klima, sie hat keine Bodenschätze, sie hat nichts. In
der Schweiz ist unser Gold unsere Arbeit. Was wir uns erschaffen. Willst du an diesem Reichtum
teilhaben oder willst du einfach nur, ich sage es mal, Schmarotzer bleiben? Oder IV Bezüger oder
Sozialhilfe Bezüger.
[00:57:32.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier kann man auch ein wenig an den Stolz appellieren. Das ist eigentlich nicht etwas, das einem sehr
stolz macht.
[00:57:41.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, man muss durch das durchgehen. Man kann nicht einfach gleich sagen, komm jetzt und
mach. Man muss sie abholen. Dem sage ich immer, validieren. Man muss sie abholen, wo sie sind. Man
muss sie bei ihren falschen Vorstellungen abholen.
[00:57:55.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich nenne das die enttäuschte Erwartungshaltung.
[00:57:58.560] – Dr.med. Ursula Davatz
An die Schweiz hat man eine überzwerche Erwartungshaltung. Da ist einfach alles da, da muss man
nichts dafür tun.
[00:58:05.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Dabei kann man sagen, nein, wir sind ganz bünzlig, wir müssen viel arbeiten, um zu all dem zu kommen.
[00:58:13.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Klar, es gibt auch Ausländer, die ihr Geld hier deponieren aber das ist nicht jedermanns Reichtum.
[00:58:20.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Falsche Vorstellung, falsche Erwartungen und dann sagen, was willst du jetzt? Willst du ewig abhängig
bleiben oder willst du es zu etwas bringen?
[00:58:30.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Also, dass man dann auch wieder die beiden Extreme vorlegt.
[00:58:38.300] – Bemerkung 11
Das ist dann auch von der Sprache her schwierig.
[00:58:38.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können auch einfach reden, langsam reden und ihre Mimik und ihren Tonfall, sie können es auch ein
wenig zeichnen, wenn sie zeichnen können. Nicht jeder kann Comics zeichnen.
[00:59:03.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können auch irgendwelche Bilder hervor nehmen und sagen, willst du das oder das?
[00:59:09.510] – Bemerkung 12
Wir haben jemanden, der hat jetzt zwei Wochen Sommerferien eingegeben, er hat eigentlich noch 2 1/2
Tage Ferien zugut. Er will seine fünf Kindern die Schweiz zeigen. Er will nicht mehr arbeiten und mit der
Frau zusammen sich um die Kinder kümmern.
[00:59:23.158] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier ist die Erwartungshaltung, dass in der Schweiz das Geld auf den Bäumen wächst. Man kann es
einfach pflücken. Da müssen sie vielleicht einen Baum zeichnen und lauter Tausender Noten dran und
fragen: Hast Du das von der Schweiz erwartet?
[00:59:56.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss das Ganze ad Absurdum führen, damit es ihm bewusst wird.
[01:00:03.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Erwartungshaltungen sind oft unbewusst. Die sind gar nicht bewusst.
[01:00:08.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Die müssen die Erwartungshaltung ein wenig sichtbar machen und sagen, nein, das wäre schön.
Schlaraffenland, das gibt es nur in Märchen, 1001 Nacht. Nein, dort müssen sie auch Sachen machen.
[01:00:22.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen auf eine Art einen Schritt zurück gehen und das Ganze anschauen und dann wieder
einsteigen.
[01:00:29.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht einfach vorwärts schürgen, dann sind sie verloren.
[01:00:33.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Viel Spass bei 1001 Nacht.
[01:00:40.090] – Bemerkung 13
Vielen Dank für Ihre Ermutigung.
[01:00:51.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Gern geschehen.
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