Berufliche Integration

Die Ausführungen von Dr.med. Werner Saameli und Dr.med. Ursula Davatz in der Aufzeichnung zum 30-jährigen Jubiläum des Zentrums für Psychiatrie und Psychotherapie ambulant (ZPPA) geben Einblicke in die Entwicklung der Sozialpsychiatrie in Königsfelden.

Dr. Saameli betont, dass es keine Zukunft ohne Herkunft gibt. Er selbst wurde 1975 von Prof. Dr. med. F. Gnirss, dem damaligen Chefarzt der Klinik Königsfelden, mit der Leitung des Sozialpsychiatrischen Dienstes (SPD) beauftragt, dessen Aufbau bereits 1971 in der Spitalkonzeption des Kantons Aargau unter dem freisinnigen Gesundheitsdirektor Bruno Hunziker vorgesehen war.

Die Psychiatrie war in der Folge der 68er-Bewegung und der demokratischen Psychiatriereform in Italien politisiert. Der Begriff „sozial“ im SPD wurde dabei auch im Sinne von „sozialistisch“ missverstanden. Der SPD wurde nach der Ambulanz-KF (1973) im Jahr 1974 mit einem Wohnheim (später Nachtklinik genannt) und geschützten Werkstätten eröffnet, um die damals 800 Betten zählende Klinik von Langzeitpatienten mit chronischer Psychose zu entlassen. Ziel war eine verantwortbare Entlassung und Rückfallprophylaxe durch ambulante Nachbetreuung. Bei seinem Stellenantritt am 1. Juni 1976 bestand der Dienst aus Pflegefachkräften, Werkstattleitern, einer Sekretärin, einer Sozialarbeiterin und zwei Assistenzen der ärztlichen Leitung. Später kamen eine Drogenberatungsstelle „Kontakt“ in Brugg und eine Tagesklinik hinzu. Der SPD hatte auch explizit die Aufgabe, ein Suchtambulatorium zu führen. Bereits 1976 führte der SPD in Zusammenarbeit mit dem Kantonshaus und in Anlehnung an Prof. Dr. Dr. Ambros Uchtenhagen vom SPD Zürich Substitutionsbehandlungen mit Methadon bei Heroinabhängigen durch. Die Zusammenarbeit mit Institutionen des Jugendstrafvollzugs wie Aaburg und Birr sowie der Arbeitskolonie Murimoos wurde als sehr hilfreich erlebt. Der SPD war auch in der psychosomatischen Abteilung der Klinik Barmerwaid tätig. Die 1980 eröffnete Tagesklinik im alten Spital Königsfelden war laut Dr. Saameli die erste an einer nichtuniversitären psychiatrischen Institution in der Schweiz. Die Arbeitsmethoden orientierten sich an der milieu- und modellwerktherapeutischen Gemeinschaft nach Professor Edgar Heim. Ambulant wurde systemisch orientierte Therapie in Verbindung mit dem Institut für Ehe und Familie in Zürich eingeführt.

Dr. Saameli betont, dass der SPD im Wesentlichen eine Übergangseinrichtung war, die eine Nahtstelle zwischen stationär und ambulant bildete. Die netzwerkartige Unterstützung in nicht-psychiatrischen Institutionen trug zur Früherfassung und Verhinderung von vollstationären Hospitalisationen bei. Eine Studie von Dr. Saamelis damaligem Oberarzt Alfred Ruhoff zeigte, dass von 85 im Mittel 50 Jahre alten Patienten, die durchschnittlich 14 Jahre in der Klinik hospitalisiert waren, zum Zeitpunkt der Nachuntersuchung 72 außerhalb der Klinik lebten, mehrheitlich selbstständig und ambulant vom SPD betreut wurden. Drei Fünftel dieser Langzeitpatienten benötigten seit der Entlassung aus der Nachtklinik keine Rehospitalisation mehr, 50 gingen einer entschädigten Arbeit nach, und 46 empfanden ihre Lebensqualität außerhalb der Klinik als besser.

Dr. Saameli erinnert sich an Fälle, in denen die Klinik die Entlassung stabilisierter Patienten verhinderte. Er fragt selbstkritisch, ob der „Furor Rehabilitativus“ manchmal zu forsch gewesen sei, insbesondere bei Patienten, die in Königsfelden eine neue Heimat gefunden hatten. In solchen Fällen wäre eine Betreuung in der früheren Herkunftsgegend wichtig gewesen. Dies führt zum Thema der Dezentralisierung ambulanter Einrichtungen, die 1981 noch schwierig war. Öffentliche Vorbehalte gegen die Dezentralisierung wurden im Zusammenhang mit der Gründung des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes (KJPD) geäußert. Trotz dieser Vorbehalte war der Wunsch nach Dezentralisierung aus Sicht des SPD vorhanden, da die konsiliarischen Dienstleistungen über den ganzen Kanton verstreut waren und die Teilnahme an der Tagesklinik für Patienten außerhalb der näheren Umgebung illusorisch war.

Dank der Initiative von Herrn Siemers, einem Sozialarbeiter, konnte mit Unterstützung der Sozialarbeiterinnen des Ambulatoriums KF bei der Firma Möbel Pfister ein berufliches Integrationsprogramm in der freien Wirtschaft lanciert werden. Langzeitpatienten konnten in „beschützende“ Arbeitsplätze eingegliedert werden. Dr. Saameli betont, dass dies zeigte, dass berufliche Rehabilitation nicht nur in klinikinternen Werkstätten möglich ist und dass dieses Konzept dem späteren „Supported Employment“ ähnelte. Eine wissenschaftliche Publikation darüber wurde von der Direktion untersagt. Dr. Saameli betont die Wichtigkeit des Einbezugs des familiären und beruflichen Umfeldes für das Verständnis und die Behandlung psychischen Krankseins. Er sprach sich für die Dezentralisierung ambulanter und Übergangseinrichtungen aus, anstatt in einen zentralen Neubau für stationäre Behandlungen zu investieren. Die damalige Kantonsärztin glaubte jedoch, dass das Pavillonsystem der Klinik bereits ausreichend dezentralisiert sei, und der Regierungsrat argumentierte aus politischen Gründen für die Beibehaltung des Zentrums in Königsfelden.

Dr. Ursula Davatz kam 1980 aus Amerika und begann am 1. April im SPD zu arbeiten. Sie hatte in Amerika Familientherapie bei Murray Bowen gelernt. Die Systemtherapie war damals aktuell. Dr. Davatz führte eine einfache Kostenberechnung durch, die zeigte, dass ambulante Behandlung deutlich günstiger war als stationäre. Sie übernahm die Leitung des SPD, nachdem Dr. Saameli wegging. Damals waren im SPD hauptsächlich Psychiater und Psychiatriepfleger/Schwestern tätig. Dr. Davatz berichtete von ihren Bemühungen, den Bau eines großen Klinikneubaus zu verhindern, da sie eine rückläufige Entwicklung der stationären Patientenzahlen sah. Sie beschreibt die Unterschiede zwischen dem Klinikambulatorium (AMBI) und dem SPD, wobei das AMBI eher „vornehmere“ und leichter zu behandelnde Patienten hatte, während der SPD sich um Schizophrene, Langzeitpatienten und Drogensüchtige kümmerte und das einzige Methadonprogramm führte.

Dr. Roman Vogt und Dr. Frank Marohn reflektieren die Anfänge der Spezialisierung und Regionalisierung in der Psychiatrie. Dr. Vogt erinnert sich an die Schwierigkeiten als Hausarzt, Patienten dem SPD oder dem AMBI zuzuweisen. Auf die Frage nach der Entwicklung des Erwachsenenpsychiatrischen Dienstes (EPD) berichtet Dr. Vogt, dass Dr. Urs Fromm 1995 Chefarzt des EPD wurde. Es wurden Standorte in Baden (unter Leitung von Dr. Davatz), Aarau (unter Leitung von Dr. Sobhani), Wohlen (unter Manfred Ries) und im Fricktal (unter Dr. Vogt selbst) geschaffen. Die Teams bestanden aus Sekretärinnen, Assistenzärzten, Sozialarbeitern/Sozialpädagogen und Psychiatriepflegern. Die Zusammenarbeit in den Teams funktionierte gut, jedoch gab es Reibungen auf der Achse Baden, Aarau, Königsfelden. Dr. Vogt und Manfred Ries konnten im Fricktal und Freiamt relativ frei arbeiten.

Dr. Davatz betont abschließend, dass die Psychiatrie ihrer Ansicht nach zu stark im medizinischen Modell verankert ist und plädiert für einen systemischeren Ansatz unter Einbezug des Umfelds. Sie sieht die Anfänge der Psychiatrie bereits in der Schule und nicht erst in der Jugendpsychiatrie.

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Dezentralisierung Klinikstandorte

Die Dezentralisierung von Klinikstandorten war ein Thema, das die Entwicklung der psychiatrischen Versorgung in Königsfelden und im Kanton Aargau massgeblich prägte.

Dr. Saameli erwähnt, dass sich die Forderung nach einer Dezentralisierung von ambulanten Einrichtungen im Jahr 1981 noch schwierig gestaltete. Trotzdem bestand auch aus Sicht des SPD der Wunsch nach einer solchen Dezentralisierung. Die konziliarischen Dienstleistungen des SPD waren über den ganzen Kanton verteilt, von Murimoos bis Aarburg, was die Teilnahme an Angeboten wie der Tagesklinik Königsfelden für Patienten ausserhalb der näheren Umgebung, beispielsweise aus Zofingen, illusorisch machte.

Öffentliche Vorbehalte gegen die Dezentralisierung ambulanter psychiatrischer Institutionen kamen im Zusammenhang mit der Gründung des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes (KJPD) zum Ausdruck. Ein Kolumnist im Badener Tagblatt äusserte Bedenken hinsichtlich der Notwendigkeit eines kantonsweiten Netzes der Kinder- und Jugendpsychiatrie und dessen finanziellen Folgen. Es wurde sogar die Tendenz kritisiert, dass Psychiater eine immer grösser werdende Zahl von Kindern und Jugendlichen zu Menschen mit schwerwiegenden psychiatrischen Störungen stempeln könnten, und der Verdacht geäussert, dass der KJPD zum Selbstzweck existiere.

Dr. Saameli argumentierte, dass der Einbezug des familiären und beruflichen Umfeldes deutlich mache, dass es sinnvoll sei, die Behandlung psychisch Kranker möglichst nahe an ihrer Wohngemeinde durchzuführen, wo sie leben und arbeiten [13:08, 13:27]. Dies würde eine interprofessionelle Zusammenarbeit vor Ort ermöglichen und eine Hospitalisation in der zentralen Klinik verhindern oder zumindest verkürzen. Er sprach sich dafür aus, die institutionellen Dienstleistungen im Sinne von Ambulanz und Übergangseinrichtungen zu dezentralisieren, anstatt viel Geld in einen zentralen Neubau für stationäre Behandlungen zu investieren.

Die damalige Kantonsärztin hatte jedoch eine andere Auffassung und glaubte ernsthaft, dass die Klinik mit ihrem Pavillonsystem bereits genügend dezentralisiert sei. Der zuständige Regierungsrat vertrat aus politischen Überlegungen die Ansicht, dass der Kanton auf das historische Zentrum von Königsfelden angewiesen sei, um den Zusammenhalt zu gewährleisten, und dass den psychisch Kranken der lange Weg zur ambulanten Behandlung in Königsfelden als Beitrag zur Kohäsion des Kantons zuzumuten sei.

Trotz dieser anfänglichen Schwierigkeiten und Widerstände kam es später zu einer Regionalisierung des Erwachsenenpsychiatrischen Dienstes (EPD) unter der Leitung von Dr. Urs Fromm ab 1995. Es wurden Standorte in Baden, Aarau, Wohlen und im Fricktal geschaffen. Dr. Davatz übernahm die Leitung in Baden [30:44, 46:00]. Die Teams an diesen Aussenstandorten bestanden aus Sekretärinnen, Assistenzärzten, Sozialarbeitern/Sozialpädagogen und Psychiatriepflegern. Dr. Vogt berichtete, dass sie im Fricktal sehr warm willkommen geheissen wurden und dort relativ frei Aufbauarbeit leisten konnten. Die Kräfte schienen sich jedoch auch auf der Achse Baden, Aarau, Königsfelden abgerieben zu haben.

Die Entwicklung hin zu regionalen Standorten kann als eine späte Umsetzung der bereits in den 1980er-Jahren geäusserten Wünsche nach Dezentralisierung betrachtet werden, um die Zugänglichkeit der psychiatrischen Versorgung für die Bevölkerung im ganzen Kanton zu verbessern.

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Psychiatriereform der 1970er Jahre

Die Psychiatriereform der 1970er-Jahre, insbesondere im Kontext des Sozialpsychiatrischen Dienstes (SPD) Königsfelden, war massgeblich von der 68er-Bewegung und der demokratischen Psychiatriereform von Franco Basaglia in Italien beeinflusst. Diese Reformbewegung in Italien führte zur Aufhebung psychiatrischer Kliniken und thematisierte die Instrumentalisierung von Patienten, was die Psychiatrie insgesamt stark politisierte.

Der Begriff „sozial“ im Sozialpsychiatrischen Dienst wurde in dieser Zeit teilweise sogar im Sinne von „sozialistisch“ missverstanden.

Die geplante Gründung des SPD Königsfelden war bereits 1971 in der Spitalkonzeption für den Kanton Aargau enthalten. Der SPD wurde 1974 mit einem Wohnheim (später Nachtklinik genannt) und geschützten Werkstätten eröffnet. Das Hauptziel war es, die damals 800 Betten zählende Klinik Königsfelden von Langzeitpatienten mit chronischer Psychose zu entlassen.

Ein zentraler Aspekt der Reformbestrebungen war die Priorisierung ambulanter Behandlung vor stationärer [20:51]. Der SPD sollte durch konsequente ambulante Nachbetreuung, unter anderem mit DEPO-Neuroleptika, eine funktionierende Rückfallprophylaxe erreichen und eine Verantwortbare Entlassung ermöglichen. Er war als Schnittstelle zwischen stationärer und ambulanter Behandlung konzipiert und entwickelte sich zu einer Nahtstelle. Die netzwerkartige Unterstützung in nicht-psychiatrischen Institutionen trug zur Früherfassung und Verhinderung von vollstationären Hospitalisationen bei.

Die Arbeitsmethoden des SPD orientierten sich am milieu-therapeutischen, Modellwerk-therapeutischen Gemeinschaftsansatz von Professor Edgar Heim, dessen Gründer Maxwell Jones den SPD sogar zweimal besuchte. Ambulant wurde die systemisch orientierte Therapie eingeführt.

Die erfolgreiche Arbeit des SPD zeigte sich in einer katamnestischen Studie Ende der 70er-Jahre. Von 85 im Mittel 50 Jahre alten Patienten, die durchschnittlich 14 Jahre hospitalisiert gewesen waren, waren 72 zum Zeitpunkt der Nachuntersuchung ausserhalb der Klinik, mehrheitlich selbstständig wohnhaft und ambulant vom SPD betreut. Drei Fünftel dieser Langzeitpatienten benötigten seit ihrem Austritt nie mehr eine Rehospitalisation, und 50 gingen einer entschädigten Arbeit nach.

Der SPD führte bereits 1976 Substitutionsbehandlungen mit Methadon bei Heroinabhängigen durch, was damals noch kontrovers war. Es gab auch eine Zusammenarbeit mit Institutionen des Jugendstrafvollzugs. 1980 wurde die erste Tagesklinik an einer nichtuniversitären psychiatrischen Institution in der Schweiz in Königsfelden eröffnet.

Trotz des Erfolgs gab es auch Herausforderungen und Kritik. Dr. Saameli erwähnte selbstkritisch, dass im „Furor Rehabilitativus“ Entlassungen manchmal zu forsch forciert wurden. Die Dezentralisation von ambulanten Einrichtungen war 1981 noch schwierig. Die konziliarischen Dienstleistungen waren über den ganzen Kanton verstreut, was die Teilnahme an Programmen erschwerte.

Ein revolutionäres berufliches Integrationsprogramm bei der Firma Möbel Pfister wurde initiiert, das Langzeitpatienten in die freie Wirtschaft integrierte und dem späteren Konzept des „Supported Employment“ entsprach. Eine wissenschaftliche Publikation darüber wurde jedoch untersagt.

Anfang der 1980er-Jahre gab es divergierende Vorstellungen über die Zukunft der Psychiatrie im Aargau, insbesondere bezüglich der Priorisierung eines zentralen Neubaus für stationäre Behandlungen gegenüber der Dezentralisation ambulanter Dienste. Dr. Saameli befürwortete die Dezentralisierung. Die damalige Kantonsärztin sah jedoch im bestehenden Pavillonsystem bereits eine ausreichende Dezentralisierung. Politische Überlegungen zur Bedeutung des Zentrums von Königsfelden für den kantonalen Zusammenhalt spielten ebenfalls eine Rolle. Diese unterschiedlichen Ansichten führten zum Weggang von Dr. Saameli.

Dr. Davatz, die 1980 zum SPD kam, betonte die Kostenersparnis durch ambulante Behandlung. Sie kritisierte den geplanten Klinikneubau und setzte sich für die ambulante Versorgung ein. Sie beschrieb die Unterschiede zwischen dem Klinikambulatorium (AMBI), das die „vornehmeren“ Fälle behandelte, und dem SPD, der sich um schwierigere Fälle wie Schizophrene, Langzeitpatienten und Drogensüchtige kümmerte.

Die Spezialisierung, Regionalisierung und Professionalisierung in der Psychiatrie nahmen in dieser Zeit ihren Anfang, wobei der SPD eine wichtige Rolle spielte. Hausärzte hatten anfangs Schwierigkeiten, Patienten an den richtigen Dienst zu überweisen.

Später, unter der Leitung von Dr. Urs Fromm (ab 1995), wurde das Einzugsgebiet des EPD (Erwachsenenpsychiatrischer Dienst, der den SPD umfasste) regionalisiert, mit Standorten in Baden, Aarau, Wohlen und im Fricktal. Dr. Davatz übernahm die Leitung in Baden.

Abschliessend kritisierte Dr. Davatz, dass die Psychiatrie zu stark im medizinischen Modell verortet ist und plädierte für einen systemischeren Ansatz, der das Umfeld der Patienten einbezieht [27, 42, 27:59]. Sie betonte, dass die Psychiatrie ihrer Meinung nach bereits in der Schule beginnen sollte.

Zusammenfassend war die Psychiatriereform der 1970er-Jahre eine Zeit des Umbruchs, die im SPD Königsfelden konkretisiert wurde durch die Etablierung ambulanter Strukturen, die Deinstitutionalisierung von Langzeitpatienten und die Implementierung neuer therapeutischer Ansätze mit dem Ziel der Reintegration psychisch kranker Menschen in die Gemeinschaft. Es war eine Zeit der Dynamik und des Fortschritts, aber auch der Herausforderungen und kontroversen Debatten über die zukünftige Ausrichtung der psychiatrischen Versorgung.

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Ambulante Behandlung

Die ambulante Behandlung war ein zentrales Anliegen des Sozialpsychiatrischen Dienstes (SPD) Königsfelden von Beginn an. Das Hauptziel des SPD war es, Langzeitpatienten mit chronischer Psychose aus der Klinik Königsfelden zu entlassen und dies durch konsequente ambulante Nachbetreuung zu ermöglichen. Diese Nachbetreuung sollte unter anderem mit DEPO-Neuroleptika eine funktionierende Rückfallprophylaxe gewährleisten. Der SPD wurde als Schnittstelle zwischen stationärer und ambulanter Behandlung konzipiert und entwickelte sich zu einer Nahtstelle.

Dr. Saameli betont die Bedeutung der Dezentralisation von ambulanten Einrichtungen, was 1981 jedoch noch schwierig war. Die konziliarischen Dienstleistungen des SPD waren über den ganzen Kanton verstreut, was die Teilnahme an Programmen wie der Tagesklinik für Patienten ausserhalb der näheren Umgebung erschwerte.

Methoden der ambulanten Behandlung, die im SPD angewandt wurden:

  • Medikamentöse Behandlung mit Fokus auf Rückfallprophylaxe durch DEPO-Neuroleptika.
  • Systemisch orientierte Therapie, eingeführt in Verbindung mit dem Institut für Ehe und Familie in Zürich.
  • Berufliche Integration in der freien Wirtschaft, beispielsweise bei der Firma Möbel Pfister, was dem späteren Konzept des „Supported Employment“ entsprach.
  • Substitutionsbehandlungen mit Methadon für Heroinabhängige ab 1976.
  • Tagesklinik, die 1980 im alten Spital in Königsfelden eröffnet wurde und laut Dr. Saameli die erste an einer nichtuniversitären psychiatrischen Institution in der Schweiz war.

Dr. Davatz betont, dass der Slogan „ambulant vor stationär“ bereits in den 1980er Jahren aktuell war [20:51]. Sie führte eine einfache Kostenberechnung durch, die zeigte, dass die ambulante Behandlung deutlich kostengünstiger war als die stationäre (CHF 50’000 gegenüber CHF 200’000 für zehn Patienten).

Herausforderungen und Perspektiven der ambulanten Behandlung:

  • Anfangs gab es Vorbehalte gegenüber der Dezentralisierung ambulanter psychiatrischer Institutionen.
  • Es gab unterschiedliche Ansichten über die Priorisierung eines zentralen Klinikneubaus gegenüber der Dezentralisation ambulanter Dienste.
  • Hausärzte hatten anfangs Schwierigkeiten, Patienten an den richtigen Dienst (SPD oder AMBI) zu überweisen.
  • Dr. Davatz kritisiert, dass die Psychiatrie zu stark im medizinischen Modell verortet ist und plädiert für einen systemischeren Ansatz, der das Umfeld der Patienten einbezieht. Sie sieht den Beginn der Psychiatrie bereits in der Schule und fordert mehr Unterstützung für Lehrer.

Entwicklung der ambulanten Strukturen (EPD):

Später, unter der Leitung von Dr. Urs Fromm (ab 1995), wurde das Einzugsgebiet des EPD (Erwachsenenpsychiatrischer Dienst, der den SPD umfasste) regionalisiert, mit Standorten in Baden, Aarau, Wohlen und im Fricktal. Die Teams in diesen Aussenstandorten bestanden aus Sekretärinnen, Assistenzärzten, Sozialarbeitern/Sozialpädagogen und Psychiatriepflegern. Dr. Davatz übernahm die Leitung in Baden. Diese Regionalisierung sollte die Zugänglichkeit ambulanter Angebote verbessern.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die ambulante Behandlung ein Kernstück der sozialpsychiatrischen Reformbestrebungen war und der SPD Königsfelden eine Pionierrolle in der Entwicklung und Umsetzung ambulanter Versorgungsstrukturen im Kanton Aargau spielte. Trotz anfänglicher Widerstände und Herausforderungen wurde die ambulante Versorgung kontinuierlich ausgebaut und weiterentwickelt, hin zu einer regionalisierten und spezialisierten Struktur.

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Sozialpsychiatrischer Dienst Königsfelden

Der Sozialpsychiatrische Dienst (SPD) in Königsfelden war eine wichtige Übergangseinrichtung, die im Nachgang der 68er-Bewegung und der demokratischen Psychiatriereform von Franco Basaglia entstand. Seine geplante Gründung war bereits 1971 in der Spitalkonzeption für den Kanton Aargau enthalten, die der freisinnige Gesundheitsdirektor Bruno Hunziker verantwortete. 1974 wurde der SPD zuerst mit einem Wohnheim (später Nachtklinik genannt) und geschützten Werkstätten eröffnet.

Das Hauptziel des SPD war es, die damals 800 Betten zählende Klinik Königsfelden von Langzeitpatienten mit chronischer Psychose zu entlassen. Es ging darum, eine verantwortbare Entlassung zu ermöglichen und dank konsequenter ambulanter Nachbetreuung, unter anderem mit DEPO-Neuroleptika, eine funktionierende Rückfallprophylaxe zu erreichen. Der SPD sollte eine Schnittstelle zwischen stationärer und ambulanter Behandlung bilden und entwickelte sich zu einer Nahtstelle.

Als Dr. med. Werner Saameli am 1. Juni 1976 die Leitung des SPD übernahm, bestand der Dienst aus einer Pflegefachfrau und einem Pflegefachmann Psychiatrie, drei Werkstattleitern, einer Sekretärin, einer Sozialarbeiterin und zwei Assistenzen der ärztlichen Leitung mit Stellvertretung. Später kam eine Drogenberatungsstelle „Kontakt“ in Brugg und eine Tagesklinik hinzu. Der SPD hatte explizit auch die Aufgabe, ein Suchtambulatorium zu führen.

Bereits 1976 führte der SPD in Zusammenarbeit mit dem Kantonshaus und in Anlehnung an Prof. Dr. Dr. Ambros Uchtenhagen vom SPD Zürich Substitutionsbehandlungen mit Methadon bei Heroinabhängigen durch, was damals unter Basler Suchtfachleuten verpönt und in Bern noch nicht etabliert war. Es gab auch eine Zusammenarbeit mit Institutionen des Jugendstrafvollzugs wie Aaburg und Birr sowie der Arbeitskolonie Murimoos.

Der SPD wirkte auch in der Klinik Barmerwaid mit einer halbtägigen kaderärztlichen Präsenz in der psychosomatischen Abteilung. Besonders erwähnenswert ist die 1980 eröffnete Tagesklinik im alten Spital in Königsfelden, die laut Dr. Saameli die erste an einer nichtuniversitären psychiatrischen Institution in der Schweiz war.

Die Arbeitsmethoden in den Übergangseinrichtungen orientierten sich am milieu-therapeutischen, Modellwerk-therapeutischen Gemeinschaftsansatz von Professor Edgar Heim. Maxwell Jones, der Gründer dieses Ansatzes, besuchte den SPD sogar zweimal. Ambulant wurde die systemisch orientierte Therapie unter Verbindung mit dem Institut für Ehe und Familie in Zürich eingeführt.

Die erfolgreiche Arbeit des SPD führte zu Missgunst in anderen Abteilungen der Klinik aufgrund der grossen Gestaltungsfreiheit. Eine katamnestische Studie von Dr. Saamelis damaligem Oberarzt Alfred Ruhoff Ende der 70er Jahre zeigte, dass von 85 im Mittel 50 Jahre alten Patienten, die durchschnittlich 14 Jahre in der Klinik hospitalisiert gewesen waren, 72 zum Zeitpunkt der Nachuntersuchung ausserhalb der Klinik, mehrheitlich selbstständig wohnhaft und ambulant vom SPD betreut wurden. Drei Fünftel dieser Langzeitpatienten benötigten seit ihrem Austritt aus der Nachtklinik nie mehr eine Rehospitalisation, und 50 gingen einer entschädigten Arbeit nach.

Dr. Saameli erwähnte selbstkritisch, dass im „Furor Rehabilitativus“ manchmal zu forsch vorgegangen wurde und die Entlassung auch für Menschen forciert wurde, die in Königsfelden ihr Zuhause gefunden hatten. Er betonte die Wichtigkeit der Dezentralisation von ambulanten Einrichtungen, was 1981 noch schwierig war. Die konziliarischen Dienstleistungen des SPD waren über den ganzen Kanton verstreut, was die Teilnahme an Programmen wie der Tagesklinik für Patienten ausserhalb der näheren Umgebung erschwerte.

Dank der Initiative von Herrn Siemers konnte der SPD ein revolutionäres berufliches Integrationsprogramm in der freien Wirtschaft bei der Firma Möbel Pfister lancieren, das Langzeitpatienten in Nischenarbeitsplätze eingliederte. Dieses Konzept entsprach dem, was später als „Supported Employment“ bekannt wurde.

Es gab divergierende Vorstellungen über die Zukunft der Psychiatrie im Aargau, insbesondere hinsichtlich der Priorisierung eines zentralen Neubaus für stationäre Behandlungen gegenüber der Dezentralisation ambulanter Dienste. Dr. Saameli kritisierte, dass die Leitung des SPD nicht in das neue Führungsgremium der Klinik aufgenommen wurde. Die damalige Kantonsärztin glaubte, dass die Klinik mit ihrem Pavillonsystem bereits ausreichend dezentralisiert sei. Politische Überlegungen des Regierungsrates, der die Bedeutung des historischen Zentrums von Königsfelden für den Zusammenhalt des Kantons betonte, spielten ebenfalls eine Rolle. Diese unterschiedlichen Ansichten führten schliesslich dazu, dass Dr. Saameli eine Chefarztstelle in Aarau annahm.

Dr. med. Ursula Davatz begann 1980 im SPD zu arbeiten. Sie hatte in Amerika Familientherapie bei Murray Bowen gelernt und konnte diese Expertise im SPD mit den vielen Schizophreniepatienten und ihren Familien einsetzen. Sie betonte die Kostenersparnis durch ambulante Behandlung im Vergleich zur stationären. Nach dem Weggang von Dr. Saameli übernahm Dr. Davatz die Leitung des SPD.

Zu dieser Zeit waren im SPD hauptsächlich Psychiater und Psychiatriepfleger tätig. Dr. Davatz trieb die Sozialpsychiatrie voran und hielt mit ihren Oberärzten Vorträge zum Thema „Psychiatrie im Alltag“, um für die ambulante Psychiatrie zu werben.

Dr. Davatz kritisierte die geplante Klinikneubau für 80 Millionen Franken und setzte sich für die ambulante Versorgung ein. Sie beschrieb die Unterschiede zwischen dem Klinikambulatorium (AMBI) und dem SPD humorvoll: AMBI für „die Guten ins Töpfchen“ und SPD als „Aschenputtel“, das „die Schlechten ins Kröpfchen getan hat“, da der SPD die schwierigeren Fälle wie Schizophrene, Langzeitpatienten und Drogensüchtige betreute.

Die Spezialisierung, Regionalisierung und Professionalisierung in der Psychiatrie nahmen in dieser Zeit ihren Anfang, wobei der SPD eine wichtige Rolle spielte. Hausärzte wie Dr. Roman Vogt hatten anfangs Schwierigkeiten, Patienten an den richtigen Dienst (SPD oder AMBI) zu überweisen.

Später, unter der Leitung von Dr. Urs Fromm (ab 1995), wurde das Einzugsgebiet des EPD (Erwachsenenpsychiatrischer Dienst, der den SPD umfasste) regionalisiert, mit Standorten in Baden, Aarau, Wohlen und im Fricktal. Dr. Davatz übernahm die Leitung in Baden. Die Teams in den Aussenstandorten bestanden aus Sekretärinnen, Assistenzärzten, Sozialarbeitern/Sozialpädagogen und Psychiatriepflegern.

Dr. Davatz betonte abschliessend, dass die Psychiatrie aus ihrer Sicht zu stark im medizinischen Modell verortet ist und plädierte für einen systemischeren Ansatz, der das Umfeld der Patienten einbezieht. Sie sah den Beginn der Psychiatrie bereits in der Schule und forderte mehr Unterstützung für Lehrer.

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30-jähriges Jubiläum des Zentrums für Psychiatrie und Psychotherapie ambulant (ZPPA)

Transkription

Transkript

Dr.med. Ursula Davatz, Dr.med. Werner Saameli

11.4.2025
30-jähriges Jubiläum des Zentrums für Psychiatrie und
Psychotherapie ambulant (ZPPA)
Audio

[00:00:00.420] – Dr.med. Werner Saameli
Meine herzliche Gratulation zum Erreichten und Glückwünsche für die Zukunft, die sie
ins Auge fassen.

[00:00:14.130] – Dr.med. Werner Saameli
Aarau und Thun kämpfen um den Ausstieg, da mische ich mich nicht ein.

[00:00:14.410] – Dr.med. Werner Saameli
Ich bin der Überzeugung, dass es keine Zukunft ohne Herkunft gibt.

[00:00:27.190] – Dr.med. Werner Saameli
Ich bedanke ich mich ausdrücklich für die Gelegenheit, diesen Beitrag leisten zu dürfen,
der durchaus persönlich gefärbt ist.

[00:00:37.030] – Dr.med. Werner Saameli
Als mich Prof. Dr. med. F. Gnirss, der damalige Chefarzt der Klinik Königsfelden, der
damals selbstverständlich auch Direktor der ganzen Institution war, 1975, während
meiner Oberarztzeit an der Psychiatrische Universitätsklinik Zürich zur Übernahme des
Sozialpsychiatrischen Dienstes SPD berief, war der geplante Aufbau desselben bereits
1971 in der Spitalkonzeption für den Kanton Aargau enthalten, die der freisinnige
Gesundheitsdirektor Bruno Hunziker verantwortete.

[00:01:12.340] – Dr.med. Werner Saameli
Dass ich den politischen Standort erwähne, hat damit zu tun, dass die Psychiatrie im
Nachgang der 68er-Bewegung und der demokratischen Psychiatriereform von Franco

Basaglia mit der Aufhebung der psychiatrischen Kliniken in Italien und der
Instrumentalisierung der Patienten insgesamt echt, richtig, politisiert war.

[00:01:38.460] – Dr.med. Werner Saameli
Deshalb wurde der Begriff „sozial" auch im Sinne von "sozialistisch" missverstanden.

[00:01:46.660] – Dr.med. Werner Saameli
Nach der ebenfalls neuen Ambulanz-KF, 1973, war der SPD 74 zuerst mit einem
Wohnheim, später Nachtklinik genannt und geschützten Werkstätten mit dem Ziel
eröffnet worden, die damals 800 Betten zählende Klinik von Langzeitpatienten mit
chronischer Psychose zu entlassen.

[00:02:12.360] – Dr.med. Werner Saameli
Es ging darum, in dieser Übergangsinstitution eine verantwortbare Entlassung und dank
konsequenter ambulanter Nachbetreuung, unter anderem mit DEPO-Neuroleptika, eine
funktionierende Rückfallprofilaxe zu erreichen.

[00:02:30.780] – Dr.med. Werner Saameli
Als ich am 1. Juni 1976 die Stelle antrat, bestand der Dienst aus je einer Pflegefachfrau
und einem Pflegefachmann Psychiatrie, drei Werkstattleitern, einer Sekretärin, einer
Sozialarbeiterin, zwei Assistenzen der ärztlichen Leitung und deren Stellvertretung.

[00:02:50.760] – Dr.med. Werner Saameli
Was bis zur Eröffnung einer Drogenberatungsstelle "Kontakt" in Brugg und einer
Tagesklinik auch so blieb.

[00:03:01.310] – Dr.med. Werner Saameli
Nicht von ungefähr war ich damals von Zürich aus mit der Drogenwelle, die Limmat
abwärts in den Aargau, geschwemmt worden.

[00:03:14.040] – Dr.med. Werner Saameli
Das war die hohe Zeit der Drogenproblematik.

[00:03:16.570] – Dr.med. Werner Saameli
Der SPD hatte nämlich auch explizit die Aufgabe, ein Suchtambulatorium zu führen.

[00:03:23.830] – Dr.med. Werner Saameli
In diesem hatten wir bereits 1976 den Mut, in Zusammenarbeit mit dem Kantonshaus
und in Anlehnung an Prof. Dr. Dr. Ambros Uchtenhagen vom SPD Zürich bei
Heroinabhängigen, die bereits mehrere gescheiterte Entziehungskuren hinter sich
hatten, Substitutionsbehandlungen mit Methadon durchzuführen.

[00:03:46.460] – Dr.med. Werner Saameli
Diese waren damals bei Basler Suchtfachleuten, die sehr berühmt waren, absolut noch
verpönt und in Bern noch gar nicht etabliert.

[00:03:57.850] – Dr.med. Werner Saameli
Die Zusammenarbeit mit Institutionen des Jugendstrafvorzuges, wie Aaburg und Birr,
sowie der Arbeitskolonie Murimoos, wurden von diesen als sehr hilfreich erlebt, da man
das Motto „Arbeit kann krank machen, keine aber noch Kränker gut ankommen ist."

[00:04:21.870] – Dr.med. Werner Saameli
Mit einer anspruchsvollen halbtägigen kaderärztlichen Präsenz in der
psychosomatischen Abteilung, wirkten wir auch in der Klinik Barmerwaid.

[00:04:33.780] – Dr.med. Werner Saameli
Besonders erwähnenswert ist die 1980 eröffnete Tagesklinik im alten Spital in
Königsfelden, die meines Wissens damals in der Schweiz die erste an einer
nichtuniversitären psychiatrischen Institution war.

[00:04:51.960] – Dr.med. Werner Saameli
Unsere Arbeitsmethoden in den Übergangseinrichtungen orientierten sich am durch
Professor Edgar Heim der Klinik Schlössli in Zürcher-Oberland erfolgreich angewandten

milieu-therapeutischen, Modellwerk-therapeutischen Gemeinschaft, deren Gründer,
Maxwell Jones, beheerte uns sogar zweimal mit seiner Präsenz und Live-Supervision.

[00:05:16.570] – Dr.med. Werner Saameli
Ambulant führten wir mit dem Schweizer Pionier Professor Kaufmann aus Lausanne
unter Verbindung mit dem Institut für Ehe und Familie in Zürich die systemisch
orientierte Therapie ein.

[00:05:30.310] – Dr.med. Werner Saameli
Wenn ich das so aufzähle, wird mir selber beinahe schwindlig vor so viel Dynamik.

[00:05:37.910] – Dr.med. Werner Saameli
Kein Wunder, dass in den anderen Departementen der Klinik Missgunst vor so viel
Gestaltungsfreiheit aufkam.

[00:05:46.590] – Dr.med. Werner Saameli
Im Wesentlichen war der SPD jedoch eine Übergangseinrichtung.

[00:05:53.340] – Dr.med. Werner Saameli
Aus der Schnittstelle stationär / ambulant wurde eine Nahtstelle.

[00:05:59.740] – Dr.med. Werner Saameli
Die netzwerkartige Unterstützung von professionellen Helfern in primär nicht-
psychiatrischen Institutionen, trug zur Früherfassung von psychopathologischen
Entwicklungen und zur Verhinderung von vollstationären psychiatrischen
Hospitalisationen bei.

[00:06:19.990] – Dr.med. Werner Saameli
Eine katamnestische Studie meines damaligen Oberarztes Alfred Ruhoff, wies Ende der
70er Jahre folgenden Effekt der damals insgesamt sechs Jahre bestehende Nachtklinik,
nach, der im Jahresbericht 1979 publiziert wurde.

[00:06:37.900] – Dr.med. Werner Saameli
Ich zitiere: die in dieser Periode ausgetretenen 85 im Mittel 50 Jahre alten Patienten,
waren im Durchschnitt vor ihrem Austritt 14 Jahre, 14 Jahre in der Klinik hospitalisiert
gewesen.

[00:06:56.800] – Dr.med. Werner Saameli
Von diesen waren zum Zeitpunkt der Nachuntersorgung, 72 außerhalb der Klinik,
mehrheitlich selbstständig wohnhaft und in der Mehrzahl ambulant vom SPD im Sinne
einer Rückfallprophylaxe betreut.

[00:07:14.030] – Dr.med. Werner Saameli
Drei Fünftel dieser früher sogenannt unveränderbaren Langzeitpatienten bedurften seit
ihrem Austritt aus der Nachtklinik bis zum Zeitpunkt der katamnestischen Untersuchung
nie mehr einer Rehospitalisation.

[00:07:33.090] – Dr.med. Werner Saameli
Fünfzig gingen einer entschädigten Arbeit nach, 46 empfanden die Lebensqualität
außerhalb der Klinik besser und nur fünf als schlechter.

[00:07:47.660] – Dr.med. Werner Saameli
Es war damals nicht selbstverständlich, dass der Austritt seitens der Klinik gewünscht
war.

[00:07:54.230] – Dr.med. Werner Saameli
So erinnere ich mich an einen stabilisierten Mann im besten Alter, den man von der
Klinik aus nicht in die Übergangseinrichtung gehen ließ, weil er in der Klinikwäscherei
weit und breit der beste Hemdenbügler war.

[00:08:12.910] – Dr.med. Werner Saameli
Selbstkritisch gehört in diesem Zusammenhang aber doch die Frage, ob wir im Furor-
Rehabilitativus nicht manchmal zu forsch vorgegangen sind.

[00:08:26.450] – Dr.med. Werner Saameli
Wenn wir die Entlassung aus dem stationären Bereich auch Menschen forcierten, die in
Königsfeldern ihre neue Heimat und ihr zu Hause gefunden hatten.

[00:08:38.680] – Dr.med. Werner Saameli
Gerade in solchen Fällen wäre es aber wichtig gewesen, dass sie wenigstens in ihre
frühere Herkunftswohngegend hätten austreten und dort noch betreut werden können
und nicht nur im Umfeld Windisch/Brugg.

[00:08:55.210] – Dr.med. Werner Saameli
Dies führt zum Thema Dezentralisation von ambulanten Einrichtungen.

[00:09:01.120] – Dr.med. Werner Saameli
Mit dieser Forderung tat man sich 1981 noch schwer, ob schon damals die Kinder-und
Jugendpsychiatrische Dienst, KJPD, schon von Aarau aus wirkt.

[00:09:12.900] – Dr.med. Werner Saameli
Im Badener Tagblatt vom 25. Juli 1981 wird durch den Kolumnisten Rübliländer, die als
erschreckend bezeichnete Ankündigung erwähnt, dass vom 1. August 1981 an, der
KJPD mit einem Ambulatorium in Wohlen auch bei Freiämterkindern schwerwiegende
psychopathologische Störung, feststellen und zu Behandeln versuchen wolle, ob denn
ein Kantons umfassendes Kinder-und Jugendpsychiatrie-Netz mit deren finanziellen
Folgen überhaupt Sinn mache oder sein müsse?

[00:10:04.960] – Dr.med. Werner Saameli
Ich zitiere: hier sei jedoch mit – das schreibt der Ruebliländer – aller Deutlichkeit gegen
die Tendenz protestiert, dass Psychiater, die vor lauter Bäumen den Wald nicht sehen,
eine immer größer werdende Schar von Kindern und Jugendlichen zu Menschen mit
schwerwiegenden psychiatrischen Störungen stempeln. Es kann nicht Aufgabe eines
psychiatrischen Dienstes sein, aus Mücken Elefanten zu machen. Auch wenn es die
Psychiater nicht gerne hören. Unsere Kinder sind weit normaler, als dies Psychiater
haben wollen. Der Verdacht, dass der KJPD zum Selbstzweck besteht, hat sich seit
dem siebenjährigen Bestehen bestätigt.

[00:11:04.370] – Dr.med. Werner Saameli
Trotz diesem öffentlich bekundeten Vorbehalten gegen die Dezentralisierung von
ambulanten psychiatrischen Institutionen, lag der Wunsch nach einer solchen auch aus
der Sicht des SPD auf der Hand.

[00:11:19.110] – Dr.med. Werner Saameli
Die von uns erbrachten konziliarischen Dienstleistungen waren von Murimoos bis
Aarburg über den ganzen Kanton verstreut. Eine Teilnahme am Tagesklinik Programm
KF für eine Patientin, zum Beispiel aus Zofingen, war illusorisch.

[00:11:37.380] – Dr.med. Werner Saameli
Dank der Initiative von Herrn Siemers, eines Sozialarbeiters der Gemeinde Suhr, der
früher am Aufbau des SPD in Zürich beteiligt gewesen war, konnten wir mit
Unterstützung der Sozialarbeiterinnen des Ambulatoriums KF in einem Unternehmen
des ersten Arbeitsmarktes, nämlich der Firma Möbel Pfister, ein damals revolutionäres
berufliches Integrationsprogramm in der freien Wirtschaft lancieren.

[00:12:09.790] – Dr.med. Werner Saameli
Wir konnten nämlich Langzeitpatienten aus KF in damals beschützend genannte
Nischenarbeitsplätze der freien Wirtschaft eingliedern.

[00:12:21.070] – Dr.med. Werner Saameli
Die gute Beziehung zur Unternehmensführung belegte, dass berufliche Rehabilitation
nicht nur in von KF betriebenen Werkstätten erfolgen kann.

[00:12:32.940] – Dr.med. Werner Saameli
Was Jahrzehnte später von der angelsächsischen Welt her in der Schweiz unter dem
Namen Supported Employment als Neuigkeit und von der IV gelobt, Mode wurde,
bestand also im Kanton Aargau schon zu Beginn der 1980er-Jahren.

[00:12:52.270] – Dr.med. Werner Saameli

Eine wissenschaftliche Publikation darüber wäre mir aber von der Direktion untersagt
worden, da man die biologisch orientierte Schlafforschungsabteilung von KF nicht
konkurrenzieren dürfen.

[00:13:08.110] – Dr.med. Werner Saameli
Bei aller persönlichen Wertschätzung mir als Person gegenüber hatte der
Forschungsleiter keinen Zugang zum Einbezug des Umfeldes für das Verständnis und
die Behandlung psychischen Krankseins, wie man die Sozialpsychiatrie auf einen
Nenner bringen kann.

[00:13:27.980] – Dr.med. Werner Saameli
Der Einbezug des familiären und beruflichen Umfeldes macht deutlich, dass es sinnvoll
ist, die Behandlung psychisch Kranker möglichst nahe zu ihrer Gemeinde
durchzuführen, wo sie wohnen und arbeiten, insbesondere wenn interprofessionell
Zusammenarbeit im therapeutischen System von Pflege, Sozialarbeit, Psychologie und
Medizin ambulant oder halbstationär vor Ort wirken und eine Hospitalisation in der
zentralen Klinik verhindern oder zumindest verkürzen soll.

[00:14:01.140] – Dr.med. Werner Saameli
Anfangs der 1980er-Jahre war, und das ist jetzt spannend, eine Aufnahme …

[00:14:08.060] – Dr.med. Frank Marohn
Die Hüte der Zeit, das ist sehr spannend.

[00:14:16.310] – Dr.med. Werner Saameli
Ja, ich habe meinen Text vorausgeschickt und ich halte durch!

[00:14:20.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Rede weiter.

[00:14:21.980] – Dr.med. Roman Vogt
Wir sind jetzt in der zweiten Verlängerung.

[00:14:30.300] – Dr.med. Werner Saameli
Ja, es gibt noch Wiederholungen.

[00:14:35.170] – Dr.med. Werner Saameli
Ja, es war nämlich eine Aufnahmeklinik für rund 70 Millionen Franken geplant in den
80er Jahren auf dem Areal von Königsfelden, ob schon doch die Bettenzahl und
Aufnahmedauer rückläufig waren und die Zahl der stationären Patienten mit knapp über
2000 pro Jahr nicht höher lag als die Zahl der ambulanten Patienten.

[00:15:06.110] – Dr.med. Werner Saameli
In diesem Zusammenhang war für den Sprechenden nicht nachvollziehbar, dass in
einem neuen Organisationsdekret für die Klinikleitung neben dem Verwaltungs- und
Pflegeleiter, wohl der Ärztliche Direktor als Vorsitzender und sein stationär orientierter
Stellvertreter der Gesamtleitung angehörten, aber weder der Leiter der Ambulanz noch
des SPD in das neue Führungsprämium aufgenommen wurden.

[00:15:36.270] – Dr.med. Werner Saameli
Aus meiner Sicht als Leiter des SPD lag es näher, die institutionellen Dienstleistungen
im Sinne von Ambulanz und Übergangseinrichtungen zu dezentralisieren, anstatt viel
Geld zu Gunsten, eines zentralen Neubaus für stationäre Behandlungen auszugeben.

[00:15:55.490] – Dr.med. Werner Saameli
Die Thematik wurde auch in den Medien offen als Politikum diskutiert.

[00:16:01.890] – Dr.med. Werner Saameli
Die damalige Kantonsärztin wusste nicht, wovon wir sprachen, da sie allen Ernstes
glaubte, dass doch die Klinik mit dem Pavillon System schon genügend dezentralisiert
sei.

[00:16:14.860] – Dr.med. Werner Saameli

Der damalige Regierungsrat, der für das Gesundheitswesen zuständig war, vertrat aus
politischen Überlegungen, dass der mit seinen vier Regionen auseinanderdriftende
Kanton unbedingt auf das allerseits anerkannte historische Zentrum von Königsfelden
mit Klosterkirche und Vindonissa angewiesen sei.

[00:16:43.460] – Dr.med. Werner Saameli
https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6nigsfelden

[00:16:44.180] – Dr.med. Werner Saameli
Der Ort, wo traditionell schon immer Kranke gepflegt worden seien, halte den Kanton
zusammen.

[00:16:52.400] – Dr.med. Werner Saameli
Der lange Weg zur ambulanten Behandlung in Königsfelden sei den psychisch Kranken
als ihren Beitrag zur Kohäsion des Kantons zuzumuten.

[00:17:07.190] – Dr.med. Werner Saameli
Nota bene, bei damals nur fünf praktizierenden Psychiatern im ganzen Kanton.

[00:17:15.760] – Dr.med. Werner Saameli
Ich komme langsam zum Schluss.

[00:17:17.470] – Dr.med. Werner Saameli
Die divergierenden Vorstellungen über die Zukunft der Psychiatrie im Aargau führten
dazu, dass ich aareaufwärts eine Chefarztstelle annahm, mit deren Perspektiven ich
mich identifiziere identifizieren konnte.

[00:17:32.830] – Dr.med. Werner Saameli
Lassen sie mich zum Abschluss an mein häufig zitiertes Diktum erinnern, dass mir der
damalige Assistenzarzt und spätere Direktor der Klinik und Chef des internen
Psychiatrischen Dienstes, IPD, dem Mario Etzensberger, zum Abschied auf ein Torso
mit den Unterschriften aller Teammitglieder geschenkt hat.

[00:18:05.640] – Dr.med. Werner Saameli
Bei allem reden, handeln und planen, führen über psychisch Kranke, das geht nicht auf
den Buckel des Patienten.

[00:18:19.640] – Dr.med. Frank Marohn
Das war jetzt ein sehr schöner Einblick Blick und Überblick in eine definitiv andere Zeit,
die aber dann doch den Boden geboten hat und bestellt hat für das, was danach kam.

[00:18:40.670] – Prof. Dr.med. Marc Walter
Auffallend, finde ich, und spannend, dass von Psychologen noch gar nicht die Rede war
und auch spannend, dass gewisse Märkte wahrscheinlich erst erschlossen werden
mussten und dass die Politik natürlich eine ganz wichtige Rolle spielt für das, was sie
ermöglicht oder auch nicht.

[00:18:56.210] – Dr.med. Frank Marohn
Vielleicht noch eine Bemerkung: sie haben jetzt gesagt, Klinikneubau 70 Millionen.

[00:19:01.130] – Dr.med. Frank Marohn
Ich glaube, als er dann einige Jahrzehnte später kam, wurde er ein bisschen teurer.

[00:19:07.680] – Dr.med. Frank Marohn
Jetzt vielleicht doch gerne. Wir sind gespannt, wie es weitergeht in der lebendigen
Geschichte der Entwicklung der letzten Jahre, gebe ich weiter an Dr.med. Ursula
Davatz.

[00:19:16.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus Sympathie für Werner Saameli, rede ich auch Hochdeutsch.

[00:19:22.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kam 1980 aus Amerika.

[00:19:27.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Am 1. April habe ich begonnen in Königsfelden im SPD zu arbeiten.

[00:19:34.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte die Stelle mir schon zwei Jahre vorher reserviert, aber ich habe noch eine
Ausbildung in Familientherapie gemacht und Werner Saameli hat den alten Oberarzt Dr.
Ruhoff, dann immer noch behalten, bis ich reinkommen konnte.

[00:19:51.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe immer gesagt, ich bin ein April-Scherz.

[00:19:54.600] – Dr.med. Ursula Davatz
In Amerika habe ich Familientherapie gelernt, Systemtherapie Therapie bei einem der
berühmten Begründer der Therapie, Murray Bowen, und er war Schizophreniespezialist.

[00:20:07.820] – Dr.med. Ursula Davatz
In Amerika habe ich nur vier Familien gehabt mit Schizophrenie.

[00:20:13.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Als ich dann nach Königsfelgen kam, in den SPD, hatte ich viele
Schizophreniepatienten und Familien.

[00:20:20.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich konnte also weiter meine Kunst üben.

[00:20:24.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Systemtherapie war damals en vogue.

[00:20:28.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Professor Willy in Zürich war ein Exponent davon.

[00:20:33.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Und ich glaube, Werner Saameli hat auch noch eine Ausbildung damals gemacht.

[00:20:38.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, leider ist sie jetzt nicht mehr en vogue.

[00:20:43.260] – Dr.med. Ursula Davatz
In Deutschland ist die Psychiatrie-Enquête hochgelaufen.

[00:20:48.550] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Psychiatrie-Enqu%C3%AAte

[00:20:49.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Die war mehr politisch orientiert.

[00:20:51.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Slogan war, und das wurde schon mehrmals heute gesagt: ambulant vor stationär.

[00:20:57.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben dann eine ganz einfache die Kostenberechnung gemacht.

[00:21:01.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe nur zehn Patienten genommen.

[00:21:05.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie ambulant waren, kosteten sie CHF 50'000, stationär CHF 200'000.

[00:21:10.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wurde immer gesagt, es ist gar nicht so sicher, dass die ambulante Psychiatrie
billiger ist als die stationäre, denn man muss dann nach Hause gehen und viel Aufwand
und so weiter.

[00:21:30.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gleiche wurde gesagt von den Familientherapien.

[00:21:35.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Familientherapie ist zwar interessant, aber sie ist zu aufwendig.

[00:21:41.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage: nein, es ist genau das Umgekehrte. Ich bin natürlich passionierte
Familientherapeutin.

[00:21:48.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe eine Oberarztstelle bekommen und als Werner Saameli wegging, war die
SPD-leitende Arztstelle ein Jahr vakant, verwaist und dann habe ich die Stelle
bekommen als leitende Ärztin.

[00:22:08.320] – Dr.med. Frank Marohn
Welche Berufsgruppen waren denn damals dort involviert?

[00:22:10.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir waren nur Psychiater und Psychiatriepfleger und Schwestern.

[00:22:13.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Psychiater sind eine aussterbende Spezies in der Schweiz.

[00:22:25.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben Mühe, Psychiater zu finden.

[00:22:28.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich freue mich darüber, dass Psychologinnen und Psychologen nachkommen und viel
von der Arbeit übernehmen.

[00:22:39.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Damals wollten die ein grosses Gebäude bauen.

[00:22:45.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe den Architekten sogar gekannt oder kennengelernt, der das Projekt gemacht
hat für 80 Millionen oder so was.

[00:22:56.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe dort – das darf ich jetzt sagen – so politisch intrigiert.

[00:23:02.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mit dem damaligen Juristenfreund vom Gesundheitshaltsdirektor des Kantons,
geredet und wir haben gesagt, das ist rückläufig, es braucht keine Klinik für 800
Menschen, ein Männertrakt und ein Frauentrakt.

[00:23:27.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe dieses Projekt hintertrieben, kann ich jetzt sagen.

[00:23:31.060] – Dr.med. Frank Marohn
Wenn ich mich richtig erinnere, war ja zu ihrer Zeit auf der einen Seite das
Klinikambulatorium, auf der anderen Seite der Sozialpsychiatrische Dienst.

[00:23:38.510] – Dr.med. Frank Marohn
Was waren denn die Unterschiede? Beziehungsweise, können Sie was dazu sagen?

[00:23:42.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Kann ich gerne sagen.

[00:23:44.210] – Dr.med. Ursula Davatz

Wir haben schon 20 Jahre Jubiläum gefeiert und da haben wir das AMBI dargestellt als:
die Guten ins Töpfchen und die Schlechten ins Kröpfchen.

[00:23:59.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich war das Aschenputtel, das die Schlechten ins Kröpfchen getan hat.

[00:24:03.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Das AMBI hatte die vornehmeren Patienten, die leichter zu behandeln waren.

[00:24:12.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir hatten die Schizophrenen, die Langzeitpatienten, die Drogensüchtigen. Das einzige
Methadon-Programm war bei Franz Blum. Er ist auch hier. Wir mussten Methadon
abgeben. Das einzige Methadon-Programm.

[00:24:29.900] – Dr.med. Frank Marohn
Es wird dann klar, wie weit eigentlich die Spezialisierung, die Regionalisierung und die
Professionalisierung fortgeschritten sind und wo das eigentlich so die Anfänge, wie sie
das jetzt schildern, wo alles noch viel mehr vermischt und näher zusammen war.
Mittlerweile hat das ja eine immense Differenzierung gegeben. Was man ja sagen
muss, eine Strukturqualität, die eindürklich ist.

[00:24:53.050] – Dr.med. Frank Marohn
Es wurde vorhin geredet von den ambulanten, also den umherreisenden Psychopathen.
Roman, du weißt noch einer meiner Sprüche ganz am Anfang war.

[00:25:01.410] – Dr.med. Roman Vogt
Ja, bringst du ihn. Du bringst den Spruch. Ja, bitte.

[00:25:06.700] – Dr.med. Frank Marohn
Fahren sie mich irgendwo hin, wir werden überall gebraucht.

[00:25:10.040] – Dr.med. Frank Marohn

Ich denke, das ist so der Teil, wo wir uns, wo wir ausgeschwärmt sind und wirklich uns
angefangen haben zu vernetzen, zu öffnen und auch für unser Fachgebiet Reklame zu
machen.

[00:25:22.220] – Dr.med. Roman Vogt
Ursula, ich war zu dieser Zeit, als du leitende Ärztin des SPD warst und Dr.med.
Schamsi H. Sobhani, Chef des Ambulatoriums, war ich als Hausarzt drei Kilometer von
euch entfernt und ich wusste nicht, wen ich wohin schicken soll, ob zum SPD oder zum
AMBI.

[00:25:44.270] – Dr.med. Roman Vogt
Ich wusste es nicht.

[00:25:46.350] – Dr.med. Roman Vogt
Ich bekam erst Einblick, als ich dann selbst auf dem Areal Königsfelden tätig war.

[00:25:52.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe noch einen Brief von dir bekommen auf, wie Recyclingpapier.

[00:26:02.450] – Dr.med. Roman Vogt
Natürlich! Schön grau.

[00:26:10.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber farbig war die Zukunft.

[00:26:14.590] – Bemerkung 1
Frau Dr.med. Ursula Davatz, können sie noch ein bisschen etwas sagen über die
Entwicklung vom EPD, wie dann die verschiedenen Standorte gekommen sind und wie
sich das so ein bisschen zusammengebaut hat?

[00:26:26.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe dann seine Stelle übernommen, ein Jahr später. Ich musste mich reindrängen.

[00:26:36.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Regierungsrat wollte zuerst jemand anderes nehmen, aber der hat dann abgesagt
und als Ersatz für den wurde ich dann gewählt.

[00:26:46.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Da haben wir natürlich die Sozialpsychiatrie vorangetrieben.

[00:26:49.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte zwei Oberärzte, Dr. Sacks und Dr. Kurt Bachmann.

[00:26:55.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit denen haben wir zusammen Vorträge gehalten im ganzen in Kanton.

[00:27:01.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Thema war: Psychiatrie im Alltag.

[00:27:05.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Etwas ganz Banales.

[00:27:07.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben alle möglichen Vereine angefragt, ob wir unseren Vortrag halten dürfen.

[00:27:11.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben es gratis gemacht.

[00:27:13.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben Reklame gemacht für die ambulante Psychiatrie.

[00:27:20.230] – Dr.med. Ursula Davatz

Dann wurde der SPD abgetrennt von der Klinik, aber als ich dann wegging, wurde er
wieder zusammengeschlossen.

[00:27:33.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Es hat immer so Bewegungen gegeben.

[00:27:36.350] – Dr.med. Frank Marohn
Das war ja genau der Mann, der heute nicht dabei ist, der Urs Fromm, zu dessen Zeiten
wir dann begonnen haben, Roman Vogt und ich.

[00:27:50.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Darf ich noch schnell meinen Abschluss machen?

[00:27:52.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heißt ja, Blick in die Zukunft.

[00:27:56.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt kommt etwas Kritisches.

[00:27:59.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Psychiatrie ist aus meiner Sicht zu sehr verortet im medizinischen Modell.

[00:28:07.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich war am Dingleton Hospital in Schottland, das von Maxwell Jones gegründet wurde.

[00:28:12.717] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.nhsborders.scot.nhs.uk/patients-and-visitors/latest-news/2022/july/27/celebration-to-mark-150-years-of-dingleton-hospital/

[00:28:12.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe ihn auch zweimal organisiert, dass er zu uns zu Besuch kam.

[00:28:17.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, wir sollten viel systemischer werden und das System mit einbeziehen, also
das Umfeld.

[00:28:30.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich war damals in den 1980er Jahren in der Lehrplanrevision Kanton vom Aargau,
Abteilung Gesundheitserziehung.

[00:28:42.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Da haben wir lang diskutiert: was sagen wir da? Schlussendlich kamen wir auf den
Spruch: Leben und leben lassen.

[00:28:52.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage jetzt nicht nur: Leben und leben lassen..

[00:28:56.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Leben und leben lassen und Leben unterstützen.

[00:29:00.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich jetzt in die Zukunft schaue, ich habe viele Kinder, die aus der Schule
kommen, das Schulsystem ist aus meiner Sicht im Argen.

[00:29:09.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Lehrer sind nicht genügend unterstützt.

[00:29:11.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich in die Zukunft schauen will, dann denke ich, die Psychiatrie beginnt in der
Schule und nicht erst in der Jugendpsychiatrie.

[00:29:18.120] – Dr.med. Frank Marohn

Indem man Bedingungen vielleicht hilft, mit zu gestalten und bessere Entwickungen zu
ermöglichen.

[00:29:22.740] – Dr.med. Frank Marohn
Ich denke, die Psychiatrie ist immerhin Teil der Medizin und vielleicht zwischen
zwischen der Psychologie und der Medizin angezeigt.

[00:29:32.720] – Dr.med. Frank Marohn
Ich denke, der systemische Zugang ist wichtig und ist natürlich einer, aber der
tiefenpsychologische oder die integrierte Versorgung, so wie wir das heute machen, hat
das eigentlich ein bisschen abgelöst oder ergänzt.

[00:29:56.440] – Dr. med. Katrin Hanno
Wie haben sich die Standorte entwickelt? Die Standorte sind doch sehr wichtig.

[00:30:10.580] – Dr.med. Roman Vogt
1995 bis 2005.

[00:30:10.970] – Dr.med. Roman Vogt
1995 war Dr.med. Urs Fromm aus Thun Chefarzt vom EPD.

[00:30:44.140] – Dr.med. Roman Vogt
Dr.med. Schamsi H. Sobhani hat Aarau übernommen, du Baden.

[00:30:46.720] – Dr.med. Roman Vogt
Zuerst ist man nach Aarau auspilgert in das Haus, das dann später Tagesklinik war.

[00:30:52.890] – Dr.med. Roman Vogt
Patrick Jeger hallo.

[00:30:53.770] – Dr.med. Roman Vogt

Du bist nach Baden an die Hasselstraße 1996 im Frühling.

[00:31:03.690] – Dr.med. Roman Vogt
Dr.med. Urs Fromm hatte sein Büro in Königsfelden.

[00:31:12.850] – Dr.med. Roman Vogt
Auf der Achse Baden, Aarau, Königsfelden hat sich fast alles abgespielt.

[00:31:14.190] – Dr.med. Roman Vogt
Manfred Ries in Wohlen ab 1. April 1996 und ich neu im EPD im Frick ab 1. April 1996.

[00:31:23.910] – Dr.med. Roman Vogt
Wir haben es relativ frei und gut gehabt.

[00:31:27.060] – Dr.med. Roman Vogt
Wir konnten dort Aufbauarbeit leisten.

[00:31:30.220] – Dr.med. Roman Vogt
Unsere Teams haben bestanden aus einer Sekretärin, zwei Frauen mit einem Job
Sharing, eine Assistenzärztin, ein Sozialarbeiter/Sozialpädagoge und ein
Psychiatriepfleger.

[00:31:46.570] – Dr.med. Roman Vogt
Wenn wir die Fälle verteilt haben, hat es nie Streit gegeben. Es war immer klar, was zu
wem kommt.

[00:31:46.790] – Dr.med. Roman Vogt
Wenn so ein Team gut läuft, läuft es super.

[00:31:50.180] – Dr.med. Roman Vogt

Die Kräfte haben sich auf der Achse Baden, Aarau, Königsfelden ein bisschen
abgerieben.

[00:32:06.050] – Dr.med. Roman Vogt
Manfred und ich konnten relativ frei im Friktal und im Freiamt arbeiten.

[00:32:12.660] – Dr.med. Roman Vogt
Dr.med. Schamsi H. Sobhani hat sich als erstes zurückgezogen. Du hast dich nachher
zurückgezogen.

[00:32:18.240] – Dr.med. Roman Vogt
Dann bin ich Stellvertreter geworden vom Urs Fromm und habe Baden geleitet. Das
ging so bis 2004. Dann kommt die nächste Periode.

[00:32:32.180] – Dr.med. Frank Marohn
Wichtig vielleicht auch, wir sehen ja nicht alle Fäden, die zusammenlaufen.

[00:32:38.640] – Dr.med. Frank Marohn
Ich denke, wir haben noch angefangen, den Konziliadienst zu machen, was dann erst
viel später an den anderen Bereich übergeben wurde.

[00:32:51.070] – Dr.med. Frank Marohn
Zu dem Zeitpunkt waren kaum noch Psychologen im Dienst.

[00:32:55.790] – Dr.med. Roman Vogt
Wir sind im Friktal wirklich warm begrüßt worden, willkommen geheißen worden.

Warum ist frühzeitige Unterstützung sinnvoll?

Frühzeitige Unterstützung ist aus verschiedenen Gründen sinnvoll, wie aus den Quellen hervorgeht.

Erstens kann frühzeitige Unterstützung verhindern, dass sich Probleme verschlimmern. Gemäss Dr.med. Ursula Davatz entstehen 50% der psychiatrischen Krankheiten in der Pubertät und 75% bis zum 25. Lebensjahr, was unterstreicht, dass Probleme oft früh beginnen. Wenn man frühzeitig interveniert, kann man möglicherweise schwerwiegendere Folgen verhindern.

Zweitens spielt die Pubertät eine entscheidende Rolle in der Gehirnentwicklung und -vernetzung. In dieser Zeit ist die Interaktion mit dem Umfeld enorm wichtig. Frühzeitige Unterstützung ermöglicht eine positive Beeinflussung dieser Entwicklung und kann helfen, gesunde funktionale Netzwerke im Gehirn zu fördern.

Drittens kann frühzeitige Intervention helfen, die Ursachen von Problemen zu erkennen und anzugehen, anstatt nur Symptome zu behandeln. Dr.med. Ursula Davatz betont, dass hinter aggressivem Verhalten oft eine Verletzung steckt. Frühzeitige Unterstützung kann helfen, diese Verletzungen zu erkennen und zu bearbeiten, bevor sie zu grösseren Schwierigkeiten führen.

Viertens können Kinder und Jugendliche durch frühzeitige Unterstützung bessere Bewältigungsstrategien erlernen. Dies ist besonders wichtig für Kinder mit ADHS/ADS, die lernen müssen, mit ihren Emotionen umzugehen. Frühzeitig erlernte Techniken zur Selbstberuhigung und Konfliktlösung können im späteren Leben von grossem Nutzen sein.

Fünftens kann frühzeitige Intervention das Risiko von Suchtverhalten verringern. Dr.med. Ursula Davatz erklärt, dass Kinder und Jugendliche, die zu Hause keine gesunde Auseinandersetzung lernen, eher zu Suchtmitteln greifen. Eine frühe Förderung der Auseinandersetzung und des Umgangs mit Emotionen kann hier präventiv wirken.

Sechstens kann eine frühzeitige Begleitung von Kindern mit beispielsweise ADHS/ADS helfen, Folgekrankheiten (Komorbiditäten) zu verhindern. Dr.med. Ursula Davatz sieht zusätzliche psychiatrische Diagnosen bei ADHS/ADSlern oft als Folgekrankheiten, die durch frühzeitige und gute Behandlung vermieden werden könnten.

Siebtens ist frühzeitige Unterstützung ökonomisch sinnvoller. Die Kosten für späte Interventionen in der Psychiatrie, Medizin oder im juristischen System sind oft um ein Vielfaches höher als die Investition in frühzeitige systemische Beratung und Unterstützung von Eltern und Kindern.

Achtens ermöglicht frühzeitige Intervention die Unterstützung des gesamten Systems, einschliesslich Familie und Schule. Dr.med. Ursula Davatz betont die Wichtigkeit des systemischen Ansatzes und dass man nicht nur auf das einzelne Kind schauen sollte, sondern auch das Umfeld unterstützen muss.

Neuntens kann frühzeitige Förderung der Sozialkompetenz Mobbing und andere soziale Probleme verhindern. Kinder müssen früh lernen, wie man mit Unterschieden umgeht und ein gutes Sozialverhalten vorlebt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass frühzeitige Unterstützung in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen essenziell ist, um psychische Probleme zu vermeiden oder zu mildern, gesunde Entwicklungsprozesse zu fördern, bessere Bewältigungsstrategien zu erlernen, das Risiko von Suchtverhalten und Folgekrankheiten zu reduzieren und letztendlich Kosten für die Gesellschaft zu sparen. Dr.med. Ursula Davatz plädiert stark dafür, frühzeitig fachkompetente Hilfe zu holen, sei es im Kindergarten oder in der Schule, und den systemischen Ansatz zu verfolgen, um das Kind in seinem gesamten Kontext zu unterstützen.

https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/04/immer-mehr-Psychiatrie-29.3.2025.m4a.pdf

Weshalb ist Heterogenität in Gemeinschaften wichtig?

Frau Dr. med. Ursula Davatz betont mehrfach im Gespräch die Wichtigkeit von Heterogenität in Gemeinschaften aus verschiedenen Gründen.

Sie erklärt, dass wir in einer multikulturellen Gesellschaft leben mit unterschiedlichen Wertesystemen. Es ist wichtig zu lernen, wie man mit Andersdenkenden kollektiv umgeht und wie man sich einander nähert, indem man versucht zu dezentrieren und zu verstehen, wie der andere etwas sieht.

Frau Dr. Davatz sagt, dass Kinder nicht moralisch erzogen werden sollten, sondern nach ihren eigenen, individuellen Wertvorstellungen, die nie gleich sind. Sie betont: „Wir dürfen unterschiedlich sein“. Je mehr man sich mit Unterschieden auseinandersetzt, umso mehr lernt man voneinander.

Ganz klar sagt Frau Dr. Davatz: „Heterogene Gemeinschaften überleben besser als homogene“. Homogen bedeute, alle hätten die gleichen Gene, und wenn ein Virus komme, könnten alle aussterben. Im Gegensatz dazu sei Heterogenität, mit einer grossen Diversität, fürs Überleben besser, weil jeder Platz habe.

Zusätzlich erwähnt sie, dass neurodiverse Kinder zwar als Störfaktoren gesehen werden könnten, aber auch wie ein Ferment oder ein Katalysator wirken könnten. Jedes störende Kind sei eine Chance für die Entwicklung des ganzen Kollektivs. Man müsse flexibel genug sein, um aus der Störung etwas zu machen.

Zusammenfassend ist Heterogenität in Gemeinschaften wichtig, weil:

  • Sie das Überleben der Gemeinschaft sichert, indem sie die Resistenz gegenüber Ereignissen wie Krankheiten erhöht.
  • Sie das Lernen und die Weiterentwicklung fördert, indem man sich mit verschiedenen Perspektiven und Wertvorstellungen auseinandersetzt.
  • Sie Platz für Individualität und Unterschiedlichkeit bietet, was wichtig ist, weil nicht alle gleich sind.
  • Sogar Störungen, die von heterogenen Elementen ausgehen können, Chancen für Entwicklung und kreative Lösungen bieten.

https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/04/immer-mehr-Psychiatrie-29.3.2025.m4a.pdf

Wie verändern sich Wertvorstellungen in der Erziehung?

Dr. med. Ursula Davatz spricht in einem Workshop über die Veränderung von Wertvorstellungen in der Erziehung an verschiedenen Stellen im Gespräch an.

Sie erklärt, dass die Erziehung in der Familie dazu dient, die Tradition der Familie aufrechtzuerhalten. Die Wertvorstellungen und wie man diese weitergibt, sind vielfältig. Das kann durch Belohnung, Bestrafung oder durch das Vorbild geschehen, wobei das Vorbild etwas sehr Wichtiges ist. Früher sei der Lehrer die Person gewesen, die alles gewusst habe, aber heute könne man sich das gesamte Wissen im Internet holen. Dies deutet darauf hin, dass sich der Wert von reinem Wissen, das von Autoritätspersonen vermittelt wird, verändert hat. Wissen ist heute nicht mehr so wichtig, da man ja alles googeln kann.

Frau Dr. Davatz betont, dass wir in einer multikulturellen Gesellschaft leben mit 30% Ausländern in der Schweiz und vielen multikulturellen Heiraten. Das führt dazu, dass verschiedene Erziehungsmodi zusammenkommen, die sich gegenseitig bekämpfen oder ergänzen können. Verschiedene Kulturen bringen auch verschiedene Wertesysteme mit sich. Die Schweiz ist stark geprägt von der christlichen Kultur, aber mit dem Aufeinandertreffen anderer Kulturen könne es schnell zu Streit kommen. Es ist wichtig zu lernen, wie man mit Andersdenkenden kollektiv umgeht und wie man sich einander nähern kann, indem man versucht zu dezentrieren und zu verstehen, wie der andere etwas sieht.

Frau Dr. Davatz sagt, man solle das Kind nicht moralisch erziehen, sondern nach seinen eigenen Wertvorstellungen, die individuell sind und nie gleich. Wir dürfen unterschiedlich sein. Je mehr man sich mit Unterschieden auseinandersetzt, umso mehr lernt man voneinander. Heterogene Gemeinschaften überleben besser als homogene.

Sie kritisiert die Tendenz, Kinder und Jugendliche sich selbst zu überlassen, indem man ihnen Lernpläne gibt und erwartet, dass sie alles selbstständig erarbeiten, oft über Internetportale. Dadurch geht der persönliche Kontakt verloren, was zu Hilflosigkeit bei jungen Menschen führen kann. Es wird nur auf den IQ geschaut, während der EQ (emotionale Intelligenz) vernachlässigt wird. Das emotionale Lernen wird grob vernachlässigt.

Zusammenfassend verändern sich die Wertvorstellungen in der Erziehung unter dem Einfluss von multikulturellen Gesellschaften, dem Wandel des Wissens, das heute leichter zugänglich ist, und einem größeren Fokus auf Individualität und die Akzeptanz von Unterschieden. Gleichzeitig wird aber auch kritisiert, dass emotionale und soziale Werte im Vergleich zu reiner Wissensvermittlung und individueller Leistung eher vernachlässigt werden. Frau Dr. Davatz plädiert für eine Rückbesinnung auf gutes Sozialverhalten und die Pflege von Beziehungen als zentrale Werte in der Erziehung. Es ist wichtig, Regeln im Schulalltag mit Herz zu vertreten und den Fokus auf Austausch und Lösungen statt auf Täter und Opfer zu legen.

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Wie können Schulen das soziale Lernen besser fördern?

Dr. med. Ursula Davatz spricht im vorliegenden Workshop einige Aspekte an, die Schulen berücksichtigen könnten, um das soziale Lernen von Kindern und Jugendlichen besser zu fördern.

  • Es ist wichtig, Sozialkompetenzen bereits im Kindergarten und in der Schule zu vermitteln. Dazu gehören Fähigkeiten wie Kooperation, Anpassungsfähigkeit und die Integration in die Gesellschaft.
  • Das Konzept der „Friedensbrücke„, das bereits im Kindergarten gelehrt wird, ist ein Beispiel für frühes soziales Lernen im Umgang mit Konflikten. Es ist entscheidend, Konflikte sorgfältiger zu betrachten und auf bilateraler Ebene zu bearbeiten, anstatt sie mit einer einfachen Entschuldigung abzutun.
  • Schulen könnten das System des „Peacemaker“ einführen, bei dem Kinder lernen, Konflikte untereinander zu schlichten und so Erfahrungen sammeln können. Dieses System und die „Friedensbrücke“ werden in einigen Schulen bereits ab dem Kindergarten angewendet.
  • Dr. Davatz betont, dass Kinder lernen müssen, zusammenzuarbeiten. Im Gegensatz zu individuellem Leistungsdruck und Wettbewerb sollte die Kooperation innerhalb des gesamten Kollektivs gefördert werden.
  • Mobbing sollte als Gruppenprozess betrachtet werden, der alle Gruppenmitglieder betrifft, nicht nur Täter und Opfer. Das soziale Lernen ist entscheidend, um Ungleichheiten zu bearbeiten, die zu Mobbing führen.
  • Lehrpersonen benötigen mehr Unterstützung und Begleitung in ihrer anspruchsvollen Arbeit. Es wäre hilfreich, wenn sie sich mit Kollegen oder Fachpersonen austauschen und frühzeitig Hilfe holen könnten. Das „Vier-Augen-Prinzip“ kann dabei unterstützen.
  • Anstatt sich nur auf das einzelne Kind zu konzentrieren, sollte das Umfeld unterstützt werden.
  • Neben dem IQ (intellektuelle Fähigkeit) sollte auch der EQ (emotionale Intelligenz) beachtet und gefördert werden.
  • Dr. Davatz erwähnt, dass beim Spielen mehr gelernt wird.
  • Es ist wichtig, eine angenehme Lernatmosphäre zu schaffen, in der sich alle wohlfühlen und die Gruppendynamik so gesteuert wird, dass alle ihren Platz finden. Wenn sich ein Kind in der Gruppe nicht wohlfühlt, kann es sich nicht entfalten.
  • Lehrpersonen sollten sich nicht scheuen, frühzeitig fachkompetente Hilfe zu suchen, bereits im Kindergarten.

Indem Schulen diesen Aspekten vermehrt Aufmerksamkeit schenken und entsprechende Programme und Interventionen implementieren, können sie das soziale Lernen von Kindern und Jugendlichen maßgeblich verbessern. Es ist wichtig, dass Regeln im Schulalltag mit Herz vertreten werden und der Fokus auf Austausch und Lösungen statt auf Täter und Opfer gelegt wird.

https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/04/immer-mehr-Psychiatrie-29.3.2025.m4a.pdf